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      <title>Die Gr&uuml;ndung des Deutschen Zollvereins</title>
      <author><name reg="Treitschke, Heinrich von">Heinrich von Treitschke</name></author>
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        Edition 01
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      <date value="2007-10-20">October, 20 2007</date>
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        <p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and
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        away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg
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                <p>(Project Gutenberg doesn't like to be specific
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      and The Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net.
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<pb n="001"/><anchor id="Pg001"/>
      <p rend="font-size: xx-large; text-align: center">Die Gr&uuml;ndung des<lb />Deutschen Zollvereins</p>
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      <p rend="text-align: center;">Dargestellt von</p>
      <p rend="font-size: x-large; text-align: center">Heinrich v. Treitschke</p>
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      <head>Inhalt</head>
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<head>Die Gründung des Deutschen Zollvereins.</head>

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<head>
Vorwort
</head>

<p>
Ein Quellenbuch mit Urkunden, Briefen und sonstigen
Aktenstücken zur Geschichte des Deutschen Zollvereins dürfte
auf allgemeines Interesse kaum rechnen und müßte bei der
Länge der Zeit, über die sich die Verhandlungen hinschleppten,
nur ein kümmerlicher Torso sein, der niemand gefiele. Dagegen
darf die klassische Darstellung, die Heinrich v. Treitschke
in seiner Deutschen Geschichte im 19.&nbsp;Jahrhundert dieser
größten Schöpfung der Friedensregierung Friedrich Wilhelms&nbsp;III.
gewidmet hat, selbst den Wert einer Quelle beanspruchen,
da sie auf einem umfassenden Studium aller in
Betracht kommenden Akten und Briefwechsel beruht, von
denen die wenigsten der wissenschaftlichen Forschung bisher
durch den Druck zugänglich gemacht sind.
</p>

<p>
Im folgenden sind die in Betracht kommenden Kapitel
der Deutschen Geschichte mit geringen Auslassungen, die vom
Leser wohl nirgends als Lücken empfunden werden dürften,
mit freundlich gewährter Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung
zu einer Einheit zusammengefaßt und wirken in dieser Form
fast wuchtiger als in der Verstreuung über drei dicke Bände,
wie sie der chronologische Aufbau des alle Seiten des deutschen
Lebens umspannenden Werkes mit sich bringt. Sie reden
eine so eindringliche Sprache von einer jammervollen Vergangenheit
deutschen Kleinlebens, daß man nur wünschen
kann, daß die Stimme des tapferen Rufers im Streit für
nationale Einigung auch weiterhin gehört werde, nachdem
ihn selbst schon seit Jahren der kühle Rasen deckt.
</p>

<p>
<hi rend="gesperrt">Leipzig,</hi> 19. Mai 1913.
</p>

<p><hi rend='bold'>Horst Kohl.</hi></p>
</div>

<pb n="004"/><anchor id="Pg004"/>

<!--<p>
Inhalt.
</p>

<p>
<l>Vorwort      3</l>
</p>

<p>
<l>1. Maaßen und das neue preußische Zollgesetz      5</l>
</p>

<p>
<l>2. Der Kampf gegen das preußische Zollgesetz und der erste preußische</l>
<l>Zollvertrag      18</l>
</p>

<p>
<l>3. Der Kampf um das preußische Zollgesetz auf den Wiener</l>
<l>Konferenzen      45</l>
</p>

<p>
<l>4. Die Darmstädter Zollkonferenzen      68</l>
</p>

<p>
<l>5. Motz' deutsche Handelspolitik      77</l>
</p>

<p>
<l>6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine      98</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>a) Die Stuttgarter Zollkonferenzen      98-172</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>b) Der preußisch-hessische und der bayrisch-württembergische</l>
<l rend='indent(2)'>Zollverein      105</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>c) Der Mitteldeutsche Handelsverein      130</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>d) Preußens Sieg. &mdash; Preußisch-bayrischer Handelsvertrag     146</l>
</p>

<p>
<l>7. Der Deutsche Zollverein      172-206</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>a) Kurhessens Beitritt      172</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>b) Beitritt des süddeutschen Zollvereins      185</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>c) Anschluß von Sachsen und Thüringen. &mdash; Die Neujahrsnacht</l>
<l rend='indent(2)'>1834      194</l>
</p>

<p>
<l rend='indent(2)'>d) Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins      204</l>
</p>

<p>
<l>Register      207</l>
</p>
-->


<div rend="page-break-before: always" id="Kap01">
<pb n="005"/><anchor id="Pg005"/>
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<head>1. Maaßen und das neue Preußische Zollgesetz.</head>

<p>
In dem Sturm und Drang der großen Reformperiode war
für die Umgestaltung des alten preußischen Akzisewesens
wenig geschehen; man hatte sich begnügt, dem flachen Lande
mehrere städtische Steuern aufzulegen und in Altpreußen
die Einfuhr fremder Fabrikwaren gegen eine Akzise von
8&nbsp;1&#x2044;3 Prozent des Wertes zu gestatten. Daneben bestanden
in den alten Provinzen noch 67 verschiedene Tarife, nahezu
3000 Warenklassen umfassend; außerdem die kursächsische
Generalakzise im Herzogtum Sachsen, das schwedische Zollwesen
in Neuvorpommern, in den Rheinlanden endlich seit
Aufhebung der napoleonischen Douanen ein schlechterdings
anarchischer Zustand. Und diese unerträgliche Belästigung
des Verkehrs gewährte doch, da eine geordnete Grenzbewachung
noch fehlte, keinen Schutz gegen das Ausland. Auch in dem
chaotischen Geldwesen zeigte sich die Abhängigkeit des verarmten
Staates von den Fremden: in Posen und Pommern
mußten 48, in den Provinzen links von der Elbe 71 fremde Geldsorten
amtlich anerkannt und tarifiert werden. Schon längst
bemerkte der König mit Besorgnis, wie schwer der gesetzliche
Sinn des Volkes durch die Fortdauer des überlebten Prohibitivsystems
geschädigt wurde. Seit die bürgerlichen Gewerbe
auf dem platten Lande sich ansiedelten, nahm der
Schmuggel einen ungeheuren Aufschwung. Im Jahre 1815
versteuerte jeder Materialwarenladen der alten Provinzen
täglich nur zwei Pfund Kaffee.
</p>

<p>
Auch die unhaltbaren Verhältnisse an der Ostgrenze
mahnten zu rascher Tat. Sobald Preußen, Polen und Rußland
<pb n="006"/><anchor id="Pg006"/>
im März 1816 zu Warschau wegen der Ausführung
des Wiener Vertrages vom 3.&nbsp;Mai 1815 zu verhandeln begannen,
stellte sich bald heraus, daß Hardenberg in Wien
von dem Fürsten Czartoryski überlistet worden war. Die
scheinbar so harmlosen Bestimmungen des Vertrags über
die freie Durchfuhr und den freien Verkehr mit den Landeserzeugnissen
aller vormals polnischen Landschaften legten
dem preußischen Staate fast nur Pflichten auf, da sein Gebiet
das Durchfuhrland bildete. Um der Abrede buchstäblich zu
genügen, hätte Preußen seine polnischen Provinzen von dem
übrigen Staatsgebiete durch eine Zollinie trennen müssen,
während Rußland, dem Vertrage zuwider, seine alte Zollgrenze,
die das polnische Litauen von Warschau abschied,
unverändert ließ und auch Österreich sich keineswegs geneigt
zeigte, seinen polnischen Kronlanden handelspolitische Selbständigkeit
zuzugestehen. Die polnischen Unterhändler sahen
in dem Vertrage ein willkommenes Mittel, um durch die
Ansiedlung von Handelsagenten und Kommissionären ihre
nationale Propaganda in Preußens polnische Gebiete hineinzutragen.
Sie erdreisteten sich, der Krone Preußen geradezu
die unbeschränkte Souveränität über Danzig zu bestreiten,
und stellten so übermütige Forderungen, daß der König mit
einer entschiedenen Ablehnung antwortete, als Zar Alexander
nach seiner Gewohnheit versuchte, die Ansprüche der Polen
durch einen zärtlichen Freundesbrief zu unterstützen. Der
unerquickliche Verlauf dieser Verhandlungen zwang zu dem
Entschlusse, die polnischen Landschaften den übrigen Provinzen
des Ostens völlig gleichzustellen. Auf der anderen
Seite lehrten die Frankfurter Erfahrungen, daß ein Bundeszollgesetz
ganz unmöglich war und Preußen mithin zunächst
im eigenen Hause Ordnung schaffen mußte.
</p>

<p>
Im Jahre 1816 erfolgten die ersten vorbereitenden
Schritte. Das Verbot der Geldausfuhr ward aufgehoben,
das Salzregal in allen Provinzen gleichmäßig eingeführt;
dann sprach die Verordnung vom 11.&nbsp;Juni die Aufhebung
der Wasser-, Binnen- und Provinzialzölle als Grundsatz aus
und verhieß die Einführung eines allgemeinen und einfachen
Grenzzollsystems. Zu Anfang des folgenden Jahres war der
Entwurf für das neue Zollgesetz beendigt. Sobald aber von
den reformatorischen Absichten des Entwurfs Einiges ruchbar
<pb n="007"/><anchor id="Pg007"/>
ward, erscholl der Notschrei der geängstigten Produzenten
weithin durch das Land. Leidenschaftliche Eingaben der Baumwoll-
und Kattunfabrikanten aus Schlesien und Berlin, die
doch allesamt unter der bestehenden Unordnung schwer
litten, bestätigten die alte Wahrheit, daß die Selbstsucht der
Menschen der schlimmste Feind ihres eigenen Interesses ist.
Der Lärm ward so bedrohlich, daß der König für nötig hielt,
zunächst eine Spezialkommission mit der Prüfung dieser Vorstellungen
zu beauftragen. Hier errang die alte friderizianische
Schule noch einmal die Oberhand. Der Vorsitzende,
Oberpräsident v. Heydebreck, betrachtete als höchste Aufgabe
der Handelspolitik »das Numeraire dem Lande zu konservieren«;
die Mehrheit beschloß, der Krone die Wiederherstellung
des Verbotsystems, wie es bis zum Jahre 1806 bestanden,
anzuraten. Aber zugleich mit diesem Bericht
ging auch ein geharnischtes Minderheitsgutachten ein, verfaßt
von Staatsrat Kunth, dem Erzieher der Gebrüder
Humboldt, einem selbstbewußten Vertreter des altpreußischen
Beamtenstolzes, der das gute Recht der Bureaukratie oftmals
gegen die aristokratische Geringschätzung seines Freundes
Stein verteidigte. Mit den Zuständen des Fabrikwesens
aus eigener Anschauung gründlich vertraut, lebte und webte
er in den Gedanken der neuen Volkswirtschaftslehre. »Eigentum
und Freiheit, darin liegt alles; es gibt nichts anderes« &mdash; so
lautete sein Kernspruch. Als das ärgste Gebrechen
der preußischen Industrie erschien ihm die erstaunlich mangelhafte
Bildung der meisten Fabrikanten, eine schlimme Frucht
des Übergewichts der gelehrten Klassen, welche nur durch
den Einfluß des auswärtigen Wettbewerbs allmählich beseitigt
werden konnte; waren doch selbst unter den ersten
Fabrikherren Berlins viele, die kaum notdürftig ihren Namen
zu schreiben vermochten.
</p>

<p>
Kunths Gutachten fand im Staatsrate fast ungeteilte
Zustimmung; es ließ sich nicht mehr verkennen, daß die Aufhebung
der Handelsverbote nur die notwendige Ergänzung
der Reformen von 1808 bildete. Als das Plenum des Staatsrats
am 3.&nbsp;Juli über das Zollgesetz beriet, sprachen die politischen
Gegner Gneisenau und Schuckmann einmütig für die
Befreiung des Verkehrs. Oberpräsident Merckel und Geh.&nbsp;Rat
Ferber, ein aus dem sächsischen Dienste herübergekommener
<pb n="008"/><anchor id="Pg008"/>
trefflicher Nationalökonom, führten aus, daß dem Notstande
des Gewerbefleißes in Schlesien und Sachsen nur durch
die Freiheit zu begegnen sei; und zuletzt stimmten von 56 Anwesenden
nur drei gegen das Gesetz: Heydebreck, Ladenberg
und Geh&nbsp;Rat Beguelin. Am 1.&nbsp;August genehmigte der König
von Karlsbad aus »das Prinzip der freien Einfuhr für alle
Zukunft«. Nun folgten neue peinliche Verhandlungen, da
es anfangs unmöglich schien, die neue Ordnung gleichzeitig
in den beiden Hälften des Staatsgebiets einzuführen. Endlich,
am 26.&nbsp;Mai 1818, kam das Zollgesetz für die gesamte
Monarchie zustande.
</p>

<p>
Sein Verfasser war der Generaldirektor Karl Georg
<hi rend="gesperrt">Maaßen</hi><note place="end">Geb. 23. August 1769, gest.
2. November 1834.</note>, ein Beamter von umfassenden Kenntnissen, mit
Leib und Seele in den Geschäften lebend, ein Mann, der
hinter kindlich anspruchslosen Umgangsformen den kühnen
Mut des Reformers, eine tiefe und freie Auffassung des
sozialen Lebens verbarg. Aus Cleve gebürtig, hatte er zuerst
als preußischer Beamter in seiner Heimat, dann eine Zeitlang
im bergischen Staatsdienste die Großindustrie des Niederrheins,
nachher bei der Potsdamer Regierung die Volkswirtschaft
des Nordostens kennen und also die Theorien
Adam Smiths<note place="end">Adam Smith, geb. 1723, gest. 1790, ist als der Begründer der
neueren Nationalökonomie zu betrachten; er vertrat die Lehre, daß
es in wirtschaftlichen Dingen Aufgabe des Staates sei, das freie Spiel
der wirtschaftlichen Kräfte durch Beseitigung entgegenstehender
Hemmnisse zu fördern.</note>, denen er von frühauf huldigte, durch vielseitige
praktische Erfahrung zu ergänzen gelernt. So ging
er auch beim Entwerfen des Zollgesetzes nicht von einer
fertigen Doktrin aus, sondern von drei Gesichtspunkten der
praktischen Staatskunst. Die Aufgabe war: zunächst in der
gesamten Monarchie durch Befreiung des inneren Verkehrs
eine lebendige Gemeinschaft der Interessen zu begründen,
sodann dem Staate neue Einnahmequellen zu eröffnen,
endlich dem heimischen Gewerbefleiß einen mächtigen Schutz
gegen die englische Übermacht zu gewähren und ihm doch
den heilsamen Stachel des ausländischen Wettbewerbs nicht
gänzlich zu nehmen. Wo die Wünsche der Industrie den Ansprüchen
der Staatskassen widersprachen, da mußte das Interesse
<pb n="009"/><anchor id="Pg009"/>
der Finanzen vorgehen; dies gebot die Bedrängnis des
Staatshaushalts.
</p>

<p>
Die beiden ersten Paragraphen des Gesetzes verkündigten
die Freiheit der Ein-, Aus- und Durchfuhr für den
ganzen Umfang des Staates. Damit wurde die volle Hälfte
des nichtösterreichischen Deutschlands zu einem freien Marktgebiete
vereinigt, zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft,
welche, wenn sie die Probe bestand, sich auch über die andere
Hälfte der Nation erweitern konnte. Denn die schroffsten
Gegensätze unseres vielgestaltigen sozialen Lebens lagen
innerhalb der preußischen Grenzen. War es möglich, Posen
und das Rheinland ohne Schädigung ihrer wirtschaftlichen Eigenart
derselben wirtschaftlichen Gesetzgebung zu unterwerfen, so
war schon erwiesen, daß diese Gesetze mit einigen Änderungen
auch für Baden und Hannover genügen mußten. Preußen hatte
sich &mdash; so sagte Maaßen oftmals &mdash; genau die nämlichen Fragen
vorzulegen wie alle die anderen deutschen Staaten, welche
ernstlich nach Zolleinheit verlangten, und konnte, wegen der
Mannigfaltigkeit seiner wirtschaftlichen Interessen, leichter
als jene die richtige Antwort finden. Aber die Ausführung
des Gedankens, die Verlegung der Zölle an die Grenzen des
Staates war in Preußen schwieriger als in irgendeinem
anderen Reiche; sie erschien zuerst vielen ganz unausführbar.
Man sollte eine Zollinie von 1073 Meilen bewachen,
je eine Grenzmeile auf kaum fünf Geviertmeilen des Staatsgebiets,
und zwar unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen,
da die kleinen deutschen Staaten, die mit dem preußischen
Gebiete im Gemenge lagen, zumeist noch kein geordnetes
Zollwesen besaßen, ja sogar den Schmuggel grundsätzlich begünstigten.
Solche Bedrängnis veranlaßte die preußischen
Finanzmänner zur Aufstellung eines einfachen übersichtlichen
Tarifs, der die Waren in wenige große Klassen einordnete.
Eine umfängliche, verwickelte Zollrolle, wie sie in
England oder Frankreich bestand, erforderte ein zahlreiches
Beamtenpersonal, das in Preußen den Ertrag der Zölle verschlungen
hätte. Durch denselben Grund wurde Maaßen
bewogen, die Erhebung der Zölle nach dem Gewichte der
Waren vorzuschlagen, während in allen anderen Staaten
das von der herrschenden Theorie allein gebilligte System
der Wertzölle galt. Die Abstufung der Zölle nach dem Werte
<pb n="010"/><anchor id="Pg010"/>
würde die Kosten der Zollverwaltung unverhältnismäßig
erhöht haben; zudem lag in der hohen Besteuerung kostbarer
Waren eine starke Versuchung zum Schmuggelhandel,
welche ein Staat von so schwer zu bewachenden Grenzen
nicht ertragen konnte.
</p>

<p>
Auch in der großen Prinzipienfrage der Handelspolitik
gab die Rücksicht auf die Finanzen den Ausschlag. Der Staat
hatte die Wahl zwischen zwei Wegen. Man konnte entweder
nach Englands und Frankreichs Beispiel Prohibitivzölle einführen,
um diese sodann als Unterhandlungsmittel gegen die
Westmächte zu benutzen und also Zug um Zug durch Differentialzölle
zur Erleichterung des Verkehrs zu gelangen;
oder man wagte sogleich in Preußen ein System mäßiger
Zölle zu gründen, in der Hoffnung, daß die Natur der Dinge
die großen Nachbarreiche dereinst in dieselbe Bahn drängen
werde. Maaßen fand den Mut, den letzteren Weg zu wählen,
vornehmlich, weil der zweifelhafte Ertrag aus hohen Schutzzöllen
dem Bedürfnis der Staatskassen nicht genügen konnte.
Verboten wurde allein die Einfuhr von Salz und Spielkarten;
die Rohstoffe blieben in der Regel abgabenfrei oder einem
ganz niedrigen Zolle unterworfen. Von den Manufakturwaren
sollte ein mäßiger Schutzzoll erhoben werden, nicht
über 10 Prozent, ungefähr der üblichen Schmuggelprämie
entsprechend. Die Kolonialwaren dagegen unterlagen
einem ergiebigen Finanzzolle, bis zu 20 Prozent, da Preußen
an seiner leicht zu bewachenden Seegrenze die Mittel besaß,
diese Produkte wirksam zu besteuern.
</p>

<p>
Dies freieste und reifste staatswirtschaftliche Gesetz des
Zeitraums wich von den herrschenden Vorurteilen so weit
ab, daß man im Auslande anfangs über die gutmütige Schwäche
der preußischen Doktrinäre spottete. Den Staatsmännern
der absoluten Monarchie fällt ein undankbares entsagungsvolles
Los. Wie laut preist England heute seinen William
Huskisson<note place="end">Geb. 11. März 1770, gest. am 15. September 1830 an den
schweren Verletzungen, die er sich bei Eröffnung der zwischen Liverpool
und Manchester erbauten Eisenbahn dadurch zuzog, daß er beim
Einsteigen unter die Räder fiel. Im Ministerium Canning war er
Staatssekretär für die Kolonien.</note>, <hi rend="antiqua">one of the world's great spirits</hi>; alle gesitteten
Völker bewundern die Freihandelsreden des großen Britten.
<pb n="011"/><anchor id="Pg011"/>
Der Name Maaßens aber ist bis zur Stunde in seinem
eigenen Vaterlande nur einem engen Gelehrtenkreise vertraut.
<hi rend="gesperrt">Und doch hat die große Freihandelsbewegung
unseres Jahrhunderts nicht in England,
sondern in Preußen ihren ersten bahnbrechenden
Erfolg errungen.</hi> Das wiederhergestellte
französische Königtum hielt in dem Tarife von 1816 die
strengen napoleonischen Prohibitivzölle gegen fremde
Fabrikwaren hartnäckig fest. Die Selbstsucht der Emigranten
fügte noch schwere Zölle auf die Erzeugnisse des Landbaues,
namentlich auf Schlachtvieh und Wolle, hinzu. Auch in England
war nur ein Teil des Handelsstandes für die Lehren
der Verkehrsfreiheit gewonnen. Noch stand der Grundherr
treu zu den hohen Kornzöllen, der Reeder zu Cromwells
Navigationsakte<note place="end">Die Navigationsakte vom 9. Oktober 1651 gestattete die
Einfuhr von Waren aus Afrika, Asien und Amerika nur unter englischer
Flagge, die Einfuhr von europäischen Waren nur durch englische
Schiffe oder Schiffe des erzeugenden Landes. Damit wurde der
holländische Zwischenhandel ausgeschaltet. Erst 1849 wurde die Akte
aufgehoben.</note>, der Fabrikant zu dem harten Prohibitivsysteme;
noch urteilte die Mehrzahl der Gebildeten wie einst
Burke<note place="end">Edmund Burke, geb. 1729, gest. 9. Juli 1797, hervorragender
englischer Politiker und Staatsmann.</note> über Adam Smith: solche abstrakte Theorien sind gut
genug für das stille Katheder von Glasgow<note place="end">Adam Smith war von 1751 ab eine Reihe von Jahren als
Professor der Logik und der Moral an der Universität zu Glasgow tätig.</note>. Erst das kühne
Vorgehen der Berliner <corr sic="Staatsmäner">Staatsmänner</corr> ermutigte die englischen
Freihändler, mit ihrer Meinung herauszurücken.
Auf das »glänzende Beispiel, welches Preußen der Welt
gegeben«, berief sich die freihändlerische Petition der Londoner
City, welche Baring im Mai 1820 dem Parlamente
übergab. An Preußen dachte Huskisson, als er seinen berühmten
Satz aufstellte: »Der Handel ist nicht Zweck, er ist das
Mittel, Wohlstand und Behagen unter den Völkern zu verbreiten«
und seinem Volke zurief: »Dies Land kann nicht
still stehen, während andere Länder vorschreiten in Bildung
und Gewerbefleiß«.
</p>

<p>
Den freihändlerischen Ansichten der preußischen Staatsmänner
genügte das neue Gesetz nicht völlig. Man ahnte
<pb n="012"/><anchor id="Pg012"/>
im Finanzministerium wohl, daß der weitaus größte Teil des
Zollertrags allein von den gangbarsten Kolonialwaren aufgebracht
werden und die Staatskasse von anderen Zöllen nur geringen
Vorteil ziehen würde. Aber man sah auch, daß jedem
Steuersystem durch die Gesinnung der Steuerpflichtigen feste
Schranken gezogen sind; die öffentliche Meinung jener Tage
würde der Regierung nie verziehen haben, wenn sie den Kaffee
besteuert, den Tee frei gelassen hätte. Maaßen verwarf
jede einseitige Begünstigung eines Zweiges der Produktion,
er rechnete auf das Ineinandergreifen von Ackerbau, Gewerbe
und Handel und betrachtete die Schutzzölle nur als
einen Notbehelf, um die deutsche Industrie allmählich zu
Kräften kommen zu lassen. Schon bei der ersten Revision
des Tarifs im Jahre 1821 tat man einen Schritt weiter im
Sinne des Freihandels, vereinfachte den Tarif und setzte
mehrere Zölle herab. Während das Gesetz von 1818 für die
westlichen Provinzen einen eigenen Tarif mit etwas niedrigeren
Sätzen aufgestellt hatte, fiel jetzt der Unterschied zwischen
den Provinzen hinweg; die Zollrolle von 1812 bildete in
Form und Einrichtung die Grundlage für alle späteren Tarife
des Zollvereins.
</p>

<p>
Derweil der Staatsrat diese Reform zum Abschluß
brachte, erging sich die unreife nationalökonomische Bildung
der Zeit in widersprechenden Klagen. Die Massen meinten
die Verteuerung des Lebensunterhalts nicht ertragen zu
können, die Fabrikanten sahen »dem englischen Handelsdespotismus«
Tür und Tor geöffnet und bestürmten den Thron
abermals mit so verzweifelten Bittschriften, daß der König,
obwohl selbst mit Maaßens Plänen ganz einverstanden,
doch eine nochmalige Prüfung des schon unterschriebenen
Gesetzes befahl. Erst am 1.&nbsp;September 1818 wurde das Zollgesetz
veröffentlicht, erst zu Neujahr 1819 traten die neuen
Grenzzollämter in Tätigkeit. Am 8.&nbsp;Februar 1819 erschien
das ergänzende Gesetz über die Besteuerung des Konsums
inländischer Erzeugnisse, wonach nur Wein, Bier, Branntwein
und Tabaksblätter einer Steuer unterlagen, die ohne
unmittelbare Belästigung der Verzehrer von den Produzenten
zu erheben war.
</p>

<p>
Die neue Gesetzgebung hielt im ganzen sehr glücklich
die Mitte zwischen Handelsfreiheit und Zollschutz. Nur nach
<pb n="013"/><anchor id="Pg013"/>
einer Richtung hin wich sie auffällig ab von den Grundsätzen
des gemäßigten Freihandels: sie belastete den Durchfuhrhandel
unverhältnismäßig schwer. Der Zentner Transitgut
zahlte im Durchschnitt einen halben Taler Zoll, auf
einzelnen wichtigen Handelsstraßen noch weit mehr &mdash;
sicherlich eine sehr drückende Last für ordinäre Güter, zumal
wenn sie das preußische Gebiet mehrmals berührten. Die
nächste Veranlassung zu dieser Härte lag in dem Bedürfnis
der Finanzen. Preußen beherrschte einige der wichtigsten
Handelsstraßen Mitteleuropas: die Verbindung Hollands
mit dem Oberlande, die alten Absatzwege des polnischen
Getreides, den Verkehr Leipzigs mit der See, mit Polen,
mit Frankfurt. Man berechnete, daß die volle Hälfte der in
Preußen eingehenden Waren dem Durchfuhrhandel angehörte.
Die erschöpfte Staatskasse war nicht in der Lage, diesen einzigen
Vorteil, den ihr die unglückliche langgestreckte Gestalt
des Gebiets gewährte, aus der Hand zu geben. Überdies
stimmten alle Kenner des Mautwesens überein in der für
jene Zeit wohlbegründeten Meinung, daß nur durch Besteuerung
der Durchfuhr der finanzielle Ertrag des Grenzzollsystems
gesichert werden könne. Gab man den Transit
völlig frei, so wurde dem Unterschleif Tür und Tor geöffnet,
ein ungeheurer Schmuggelhandel von Hamburg, Frankfurt,
Leipzig her geradezu herausgefordert, das ganze Gelingen
der Reform in Frage gestellt. Die unbillige Höhe der Durchfuhrzölle
aber und das zähe Festhalten der Regierung an
diesen für die deutschen Nachbarlande unleidlichen Sätzen
erklärt sich nur aus politischen Gründen. Der Transitzoll
diente dem Berliner Kabinett als ein wirksames Unterhandlungsmittel,
um die deutschen Kleinstaaten zum Anschluß
an die preußische Handelspolitik zu bewegen.
</p>

<p>
Von jenem Traumbilde einer gesamtdeutschen Handelspolitik,
das während des Wiener Kongresses den preußischen
Bevollmächtigten vorgeschwebt hatte, war man in Berlin
längst zurückgekommen. Die Unmöglichkeit solcher Pläne
ergab sich nicht bloß aus der Nichtigkeit der Bundesverfassung,
sondern auch aus den inneren Verhältnissen der Bundesstaaten.
Hardenberg<note place="end">Karl August, Fürst von Hardenberg, geb. 31. Mai 1750, gest.
26. Nov. 1822, seit Juni 1810 bis an seinen Tod preußischer
Staatskanzler.</note> wußte, daß der Wiener Hof an seinem
<pb n="014"/><anchor id="Pg014"/>
altväterlichen Provinzialzollsystem nichts ändern wollte und
seine nichtdeutschen Kronländer einem Bundeszollwesen
schlechterdings nicht unterordnen konnte. Aber auch das
übrige Deutschland bewahrte noch viele Trümmer aus der
schmählichen kosmopolitischen Epoche unserer Vergangenheit.
Noch war Hannover von England, Schleswig-Holstein
von Dänemark abhängig, noch stand Luxemburg in unmittelbarer
geographischer Verbindung mit dem niederländischen
Gesamtstaate. Wie war ein gesamtdeutsches Zollwesen
denkbar, so lange diese Fremdherrschaft währte? Auch die
Verfassung mehrerer Bundesstaaten bot unübersteigliche
Hindernisse. Die preußische Zollreform ruhte auf dem Gedanken
des gemeinen Rechts. Wer durfte erwarten, daß der
mecklenburgische Adel auf seine Zollfreiheit, der sächsische auf
die mit den ständischen Privilegien fest verkettete Generalakzise
verzichten würde, so lange die ständische Oligarchie
in diesen Landen ungestört herrschte? Wie war es möglich,
die preußischen Zölle, welche die Einheit des Staatshaushalts
voraussetzten, in Hannover einzuführen, wo noch die Königliche
Domänenkasse und die ständische Steuerkasse selbständig
nebeneinander standen? Das Zollwesen hing überdies eng
zusammen mit der Besteuerung des inländischen Konsums;
nur wenn die Kleinstaaten sich entschlossen, das System ihrer
indirekten Steuern auf preußischen Fuß zu setzen oder doch
dem preußischen Muster anzunähern, war eine ehrliche
Gegenseitigkeit, eine dauernde Zollgemeinschaft zwischen ihnen
möglich. Und ließ sich solche Opferwilligkeit erwarten in
jenem Augenblick, da der Rheinbund und das Ränkespiel
des Wiener Kongresses den selbstsüchtigen Dünkel der Dynastien
krankhaft aufgeregt und jeder Scham entwöhnt
hatten? Selbst jene Staaten, denen redlicher Wille nicht
fehlte, konnten gar nicht sofort auf die harten Zumutungen
eingehen, welche Preußen ihnen stellen mußte, um sich den
Ertrag seiner Zölle zu sichern. Man mußte, so gestand Eichhorn<note place="end">
Joh. Albrecht Friedrich Eichhorn, geb. 2. März 1779, gest.
16. Januar 1856, war als Direktor der zweiten Abteilung des Ministeriums
des Äußeren besonders für die Entwicklung des Zollvereins
tätig. Von 1840&ndash;48 kämpfte er als Kultusminister für die Erhaltung
der kirchlichen Rechtgläubigkeit gegen die freiheitlichen Bestrebungen
der Lichtfreunde.</note>
späterhin, sich erst orientieren in der veränderten Lage,
<pb n="015"/><anchor id="Pg015"/>
die nationalökonomischen Bedürfnisse des eigenen Landes und
die zur Deckung der Staatsausgaben notwendigen Opfer
überschlagen; bevor man hierüber ins Klare gekommen,
konnte man sich von einer gemeinsamen Beratung keinen Erfolg
versprechen, am wenigsten von einer Beratung für ganz
Deutschland am Bundestag.
</p>

<p>
Wie die Dinge lagen, mußte Preußen selbständig vorgehen,
ohne jede schonende Rücksicht für die deutschen Nachbarn.
Unter den gemütlichen Leuten herrschte die Ansicht
vor, Preußen solle die Binnengrenzen gegen Deutschland
offen halten und allein an den Grenzen gegen das Ausland
Zölle erheben. Der kindische Vorschlag hätte, ausgeführt,
jede Grenzbewachung unmöglich gemacht, die finanziellen
wie die volkswirtschaftlichen Zwecke der Zollreform völlig
vereitelt. Selbst eine mildere Besteuerung deutscher Produkte
war unausführbar. Gerade die deutschen Kleinstaaten mit
ihren verzwickten, mangelhaft oder gar nicht bewachten
Grenzen mußten der preußischen Staatskasse als die gefährlichsten
Gegner erscheinen. Ursprungszeugnisse, von solchen
Behörden ausgestellt, boten den genauen Rechnern der
Berliner Bureaus keine genügende Sicherheit. Jede Erleichterung,
die an diesen Grenzen eintrat, ermutigte den Unterschleif,
so lange nicht eine geordnete Zollverwaltung in den
kleinen Nachbarstaaten bestand. Noch mehr: gewährte Preußen
den deutschen Staaten Begünstigungen, so griff das Ausland
unfehlbar zu Retorsionen<note place="end">Zwangsmaßregeln.</note>,
und der Staat wurde allmählich
in ein Differentialzollsystem hineingetrieben, das den Absichten
seiner Staatsmänner schnurstracks zuwiderlief. Differentialzölle
erschienen dem Finanzministerium noch weit bedenklicher
als Schutzzölle, da diese den Verkehr belasteten zugunsten
der einheimischen, jene zum Vorteil der ausländischen
Produzenten.
</p>

<p>
Es war nicht anders: sollte das neue Zollsystem überhaupt
ins Leben treten, so mußten alle nichtpreußischen Waren
zuvörderst auf gleichem Fuß behandelt werden. Allerdings
wurden dadurch die deutschen Nachbarn sehr hart getroffen.
Sie waren gewohnt, einen schwunghaften Schmuggelhandel
nach Preußen hinüber zu führen; jetzt trat die strenge Grenzbewachung
<pb n="016"/><anchor id="Pg016"/>
dazwischen. Die Zollinien an den Grenzen der
neuen Provinzen störten vielfach altgewohnten Verkehr.
Das Königreich Sachsen litt schwer, als die preußischen Zollschranken
dicht vor den Toren Leipzigs aufgerichtet wurden.
Die kleinen rheinischen Lande sahen nahe vor Augen das beginnende
Erstarken der preußischen Volkswirtschaft; was
drüben ein Segen, ward hüben zur Last. Begreiflich genug,
daß gerade in der unmittelbaren Nachbarschaft Preußens
die Mißstimmung überhand nahm. Auch die Einrichtung der
Gewichtszölle war für die deutschen Nachbarstaaten unverhältnismäßig
lästig, da das Ausland zumeist feinere, Deutschland
gröbere Waren in Preußen einzuführen pflegte.
</p>

<p>
Indes, wenn es nicht anging, den Kleinstaaten sofort
Begünstigungen zu gewähren, so war doch die Zollreform
von Haus aus darauf berechnet, die deutschen Nachbarn
nach und nach in den preußischen Zollverband hineinzuziehen.
»Die Unmöglichkeit einer Vereinigung für den ganzen
Bund erkennend, suchte Preußen durch Separatverträge sich
diesem Ziele zu nähern« &mdash; mit diesen kurzen und erschöpfenden
Worten hat Eichhorn zehn Jahre später den Grundgedanken
der preußischen Handelspolitik bezeichnet. Die
Zerstückelung seines Gebietes zwang den Staat, deutsche
Politik zu treiben, machte ihm auf die Dauer unmöglich, sich
selbst genügsam abzuschließen, seine Verwaltung zu ordnen
ohne Verständigung mit den deutschen Nachbarlanden. Ein
großer Teil der thüringischen Besitzungen Preußens, 41 Geviertmeilen,
mußte vorderhand aus der Zollinie ausgeschlossen
bleiben. Es war eine unabweisbare Notwendigkeit, die Zollschranken
mindestens so weit hinauszuschieben, daß das gesamte
Staatsgebiet gleichmäßig besteuert werden konnte.
In dem Zollgesetz selber (§ 5) war die Absicht erklärt, durch
Handelsverträge den wechselseitigen Verkehr zu befördern.
Die harte Besteuerung der Durchfuhr gab diesem Winke
fühlbaren Nachdruck. Noch bestimmter sprach sich Hardenberg
über die Absicht des Gesetzes aus, schon ehe es in Kraft
trat. Als die Fabrikanten von Rheidt und anderen rheinischen
Plätzen den Staatskanzler um Beseitigung der deutschen
Binnenzölle baten, gab er die Antwort (3.&nbsp;Juni 1818): die
Vorteile, welche aus der Vereinigung mehrerer deutscher
Staaten zu einem gemeinschaftlichen Fabrik- und Handelssystem
<pb n="017"/><anchor id="Pg017"/>
hervorgehen können, seien der Regierung nicht unbekannt;
mit steter Rücksicht hierauf sei der Plan des Königs
zur Reife gediehen. »Es liegt ganz im Geiste dieses Planes,
ebensowohl auswärtige Beschränkungen des Handels zu erwidern,
als Willfährigkeit zu vergelten und nachbarliches
Anschließen an ein gemeinsames Interesse zu befördern«.
Ebenso erklärte er den Elberfeldern: die preußischen Zollinien
sollten dazu dienen, »eine allgemeine Ausdehnung
oder sonstige Vereinigung vorzubereiten«.
</p>

<p>
Damit wurde deutlich angekündigt, daß der Staat, der
seit langem das Schwert des alten Kaisertums führte, jetzt
auch die handelspolitischen Reformgedanken der Reichspolitik
des sechzehnten Jahrhunderts wieder aufnahm und
bereit war, der Nation nach und nach die Einheit des wirtschaftlichen
Lebens zu schaffen, welche ihr im ganzen Verlaufe
ihrer Geschichte immer gefehlt hatte. Er dachte dies
Ziel, das sich nicht mit einem Sprunge erjagen ließ, schrittweis,
in bedachtsamer Annäherung, durch Verträge von
Staat zu Staat zu erreichen. Mars und Merkur sind die Gestirne,
welche in diesem Jahrhundert der Arbeit das Geschick
der Staaten vornehmlich bestimmen. <hi rend="gesperrt">Das Heerwesen und
die Handelspolitik der Hohenzollern bildeten
fortan die beiden Rechtstitel, auf denen Preußens
Führerstellung in Deutschland ruhte.</hi> Und
diese Handelspolitik war ausschließlich das Werk der Krone
und ihres Beamtentums. Sie begegnete, auch als ihre letzten
Ziele sich späterhin völlig enthüllten, regelmäßig dem verblendeten
Widerstande der Nation. Im Zeitalter der Reformation
war die wirtschaftliche Einigung unseres Vaterlandes an
dem Widerstande der Reichsstädte gescheitert; im 19.&nbsp;Jahrhundert
ward sie recht eigentlich gegen den Willen der
Mehrzahl der Deutschen von neuem begonnen und vollendet.
</p>

<p>
Im Kampfe gegen das preußische Zollgesetz hielten alle
deutschen Parteien zusammen, Kotzebues Wochenblatt so gut
wie Ludens Nemesis. Vergeblich widerlegte J.&nbsp;G. Hoffmann<note place="end">
Joh. Gottfr. Hoffmann, geb. 19. Juli 1765, gest. 12. November
1847, hervorragender Nationalökonom und Begründer der
wissenschaftlichen Statistik.</note>
in der Preußischen Staatszeitung mit überlegener Sachkenntnis
<pb n="018"/><anchor id="Pg018"/>
das fast durchweg wertlose nationalökonomische
Gerede der Presse. Dieselben Schutzzöllner, die um Hilfe
riefen für die deutsche Industrie, schalten zugleich über die
unerschwinglichen Sätze des preußischen Tarifs, der doch jenen
Schutz gewährte. Dieselben Liberalen, die den Bundestag
als einen völlig unbrauchbaren Körper verspotteten, forderten
von dieser Behörde eine schöpferische handelspolitische
Tat. Wenn Hoffmann nachwies, daß das neue Gesetz eine
Wohltat für Deutschland sei, so erwiderten Pölitz, Krug und
andere sächsische Publizisten, kein Staat habe das Recht,
seinen Nachbarn Wohltaten aufzudrängen. Alberne Jagdgeschichten
wurden mit der höchsten Bestimmtheit wiederholt
und von der Unwissenheit der Leser begierig geglaubt. Da
hatte ein armer Höker aus dem Reußischen, als er seinen
Schubkarren voll Gemüse zum Leipziger Wochenmarkt fuhr,
einen Taler Durchfuhrzoll an die preußische Maut zahlen
müssen &mdash; nur schade, daß Preußen von solchen Waren gar
keinen Zoll erhob. Auch die Sentimentalität ward gegen
Preußen ins Feld geführt; sie findet sich ja bei den Deutschen
immer ein, wenn ihnen die Gedanken ausgehen. Da
war gleich am ersten Tage, als das unselige Gesetz in Kraft
trat, ein Zollbeamter zu Langensalza von einem gothaischen
Patrioten im Rausche heiligen Zornes erstochen worden;
der Mann hatte sich aber selbst entleibt. Da hieß es wehmütig,
König Friedrich Wilhelm hege wohl menschenfreundliche Absichten,
aber »finanzielle Rücksichten vergiften die besten Maßregeln«;
für die harte Notwendigkeit dieser finanziellen Rücksichten
hatte man kein Auge. Die ersehnte Einheit des deutschen
Marktes &mdash; darüber bestand unter den liberalen Patrioten
kein Streit &mdash; konnte nur gelingen, wenn die bereits vollzogene
Einigung der Hälfte Deutschlands wieder zerstört wurde.
</p>
<p>Quelle: 
H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert.
II, 211 ff. &mdash; Die Anmerkungen sind vom Herausgeber
beigefügt.</p>
<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
</div>

<divGen type="endnotes" target="Kap01" />

<div rend="page-break-before: always" id="Kap02">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>2. Der Kampf gegen das preußische Zollgesetz
und der erste preußische Zollvertrag.</head>

<p>
Alles historische Werden entspringt der beständigen Wechselwirkung
zwischen dem bewußten Menschenwillen und
den gegebenen Zuständen. Wie die Vernunft, die in den Dingen
<pb n="019"/><anchor id="Pg019"/>
liegt, nur durch die Willenskraft eines großen, die Zeichen
der Zeit verstehenden Mannes verwirklicht werden kann,
so finden auch die Sünden und Irrtümer der Politiker ihre
Schranke an dem Charakter der Staaten, an der Macht der
Ideen, die sich im Verlauf der Geschichte angesammelt haben.
Schwer hatte die Krone Preußen gefehlt, als sie in Karlsbad<note place="end">
Aug./Sept. 1819 tagte zu Karlsbad unter Metternichs
Vorsitz ein Kongreß der deutschen Minister zur Beratung gemeinsamer
Maßregeln gegen die demagogischen Umtriebe. Das Ergebnis
waren die Karlsbader Beschlüsse, die der Bundestag am 20. September
einstimmig genehmigte.</note>
sich den lebendigen Kräften des jungen Jahrhunderts entgegenstemmte;
und doch war dieser Staat modern von Grund
aus, er konnte sich der neuen Zeit nicht gänzlich entfremden
und begann eben jetzt eine Reform seines Haushalts, welche
ihn befähigte, in seiner wirtschaftlichen Entwicklung alle
anderen deutschen Staaten zu überflügeln. Nachgiebig bis
zur Selbstvergessenheit war Hardenberg in Teplitz<note place="end">Am
29. Juli 1819 hatte der österreichische Staatskanzler
Metternich in Teplitz mit Friedrich Wilhelm&nbsp;III. eine geheime Unterredung,
in welcher er den König von Preußen bestimmte, auf die
Einführung einer Volksvertretung in modernem Sinne zu verzichten.
Am 1. August unterzeichneten Hardenberg und Metternich
eine Publikation über die »Grundsätze, nach welchen die Höfe von
Österreich und Preußen in den innern Angelegenheiten des Deutschen
Bundes zu verfahren entschlossen sind«.</note> allen
Wünschen Österreichs entgegengekommen, der Glaube an
die unbedingte Interessengemeinschaft der beiden Großmächte
beherrschte ihn ganz und gar; und doch war der Gegensatz
der beiden Mächte in einer alten Geschichte begründet und,
so lange die Machtfrage der deutschen Zukunft ungelöst blieb,
durch menschlichen Willen nicht mehr beizulegen. Fast in
dem nämlichen Augenblicke, da der Berliner Hof sich gänzlich
der Führung Österreichs zu überlassen schien, tat er wieder
einen Schritt vorwärts auf den Bahnen der friderizianischen
Politik und begann die deutschen Nachbarlande in seine Zollgemeinschaft
aufzunehmen. Es war ein winziger, nach dem
Maße der Gegenwart fast lächerlicher Erfolg, aber der unscheinbare
Beginn einer Staatskunst, welche die deutschen Staaten
durch das Band wirtschaftlicher Interessen unlösbar an
Preußen ketten und die Befreiung von Österreich vorbereiten
sollte.
</p>

<pb n="020"/><anchor id="Pg020"/>

<p>
Seit das preußische Zollgesetz in Kraft gesetzt und den
kleinen Nachbarn zunächst nur durch seine Härten fühlbar
wurde, erhob sich überall mit erneuter Stärke der Ruf nach
Aufhebung aller Binnenmauten, und es begann eine leidenschaftliche
Agitation für die deutsche Handelseinheit, der Vorläufer
und das Vorbild der späteren Kämpfe um die politische
Einheit. Die ganze Nation schien einig in einem großen Gedanken;
gleichwohl gingen die Ansichten über die Mittel
und Wege nach allen Richtungen auseinander, und das
einzige, was retten konnte, der Anschluß an die schon vorhandene
Einheit des preußischen Marktgebietes, ward in unseliger
Verblendung so lange verschmäht, bis schließlich nur
die bittere Not das Unvermeidliche erzwang.
</p>

<p>
Gleich nach dem Frieden begann eine regelmäßige Einwanderung
in das verarmte Preußen einzuströmen, etwa
halb so stark als der Überschuß der Geburten; sie bestand
überwiegend aus jungen Leuten der deutschen Nachbarschaft,
die in dem Lande der sozialen Freiheit ihr Glück suchten.
Als nunmehr die Binnenzölle in der Monarchie hinwegfielen,
da ließen sich die Vorteile, welche der preußische Geschäftsmann
aus seinem ausgedehnten freien Markt zog, zumal an
den Grenzplätzen bald mit Händen greifen: so siedelte ein
Teil der Bingener Weinhändler auf das preußische Ufer der
Nahe über, da die Preise in Preußen oft dreimal höher standen
als auf dem überfüllten hessischen Markte. Das Beamtentum
der kleinen Höfe war noch gewöhnt an das Zunftwesen,
an die Erschwerung der Niederlassung und der Heiraten,
an die tausend Quälereien einer kleinlichen sozialen Gesetzgebung;
von der Überlegenheit der preußischen Handelspolitik
ahnte man hier noch gar nichts. Manchem wohlmeinenden
Beamten in Sachsen und Thüringen erschienen
die preußischen Steuergesetze als eine überflüssige fiskalische
Härte, weil sein eigener Staat für das Heerwesen nur Geringes
leistete, also mit bescheidenen Einnahmen auskommen konnte.
So entstand unter dem Schutze der kleinen Höfe an den preußischen
Binnengrenzen ein Krieg aller gegen alle, ein heilloser
Zustand, von dem wir heute kaum noch eine Vorstellung
haben. Das Volk verwilderte durch das schlechte Handwerk
des Schwärzens. In die zollfreien Packhöfe, welche überall
dem preußischen Gebiete nahe lagen, traten alltäglich handfeste
<pb n="021"/><anchor id="Pg021"/>
braune Gesellen, die Jacken auf Rücken und Schultern
ganz glatt gescheuert, manch einem schaute das Messer aus
dem Gürtel; dann packten sie die schweren Warenballen auf,
ein landesfürstlicher Mautwächter gab ihnen das Geleite bis
zur Grenze und ein Helf Gott mit auf den bösen Weg. Der
kleine Mann hörte sich nicht satt an den wilden Abenteuern
verwegener Schmuggler, die das heutige Geschlecht nur noch
aus altmodischen Romanen und Jugendschriften kennt. Also
gewöhnte sich unser treues Volk die Gesetze zu mißachten.
Jener wüste Radikalismus, der allmählich in den Kleinstaaten
überhand nahm, ward von den kleinen Höfen selber gepflegt:
durch die Sünden der Demagogenjagd wie durch die Frivolität
dieser Handelspolitik.
</p>

<p>
Als die Urheber solchen Unheils galten allgemein nicht
die Kleinstaaten, die den Schmuggel begünstigten, sondern
Preußen, das ihn ernsthaft verfolgte; nicht jene Höfe, die an
ihren unsauberen fiskalischen Kniffen, ihren veralteten unbrauchbaren
Zollordnungen träge festhielten, sondern Preußen,
das sein Steuersystem neu gestaltet und gemildert hatte.
Unfähig, die Lebensbedingungen eines großen Staates zu
verstehen, stellten die kleinen Höfe alles Ernstes die Forderung,
Preußen müsse jene reiflich erwogene, in alle Zweige des
Gemeinwesens tief einschneidende Reform sofort wieder
rückgängig machen, noch bevor sie die Probe der Erfahrung
bestanden hatte &mdash; und halb Deutschland stimmte dem törichten
Ansinnen zu.
</p>

<p>
Außerhalb der preußischen Beamtenkreise wagten in
diesen ersten Jahren nur zwei namhafte Schriftsteller das
Werk Maaßens unbedingt zu verteidigen. Der unermüdliche
Benzenberg<note place="end">Joh. Friedrich Benzenberg, geb. 5. Mai 1777, gest. 8. Juni
1846; 1805 zum Professor der Physik am Lyceum zu Düsseldorf ernannt,
ging er 1810 nach der Schweiz, kehrte aber nach Napoleons
Sturz nach Deutschland zurück und widmete sich schriftstellerischer
Tätigkeit.</note> bewährte in seinem Buche »über Preußens
Geldhaushalt und neues Steuersystem« wieder einmal seinen
praktischen Takt. Im Verkehr mit Hardenberg hatte er gelernt,
den Staatshaushalt von oben, vom Standpunkt der
Regierenden zu betrachten. Er wußte, daß jede ernsthafte
Kritik eines Steuersystems beginnen muß mit der Frage:
<pb n="022"/><anchor id="Pg022"/>
welche Ausgaben dem Staate unerläßlich seien? &mdash; einer
Frage, die von den meisten Publizisten jener Zeit gar nicht
berührt wurde. So gelingt ihm nachzuweisen, daß Preußen
seiner Zolleinkünfte nicht entbehren könne. Er scheut sich
nicht, das Wehrgesetz und die neuen Steuergesetze als die
größten Wohltaten der jüngsten Epoche Friedrich Wilhelms&nbsp;III.
zu loben; er verlangt, daß man sie gegen jeden Widerstand
aufrecht halte, fordert die Nachbarstaaten auf, der Einladung
des Königs zu folgen und mit Preußen wegen gegenseitiger
Aufhebung der Zölle zu verhandeln. Dem Traumgebilde
der Bundeszölle geht er hart zu Leibe. Er richtet an F. List<note place="end">
Friedrich List, geb. 6. August 1789, gest. durch Selbstmord
30. November 1846, Nationalökonom, der in seinen Schriften den
Gedanken vertrat, daß eine jede Nation vor allem ihre eigenen Hilfsquellen
zum höchsten Grade der Selbständigkeit und harmonischen
Entwicklung bringen, die eingeborene Industrie durch Schutz nötigenfalls
unterstützen und den nationalen Zweck einer dauernden Entwicklung
produktiver Kräfte überall dem pekuniären Vorteil einzelner
vorziehen müsse.</note>
(August 1819) einen offenen Brief und fragt, wie denn der
Bundestag, »der keine Art von Legislation hat«, eine solche
Reform schaffen oder gar die Zollverwaltung leiten solle?
und sei denn die Aufhebung der Binnenmauten möglich
ohne gleichmäßige Besteuerung des inneren Konsums? Die
Stimme des nüchternen Mannes verhallte in dem allgemeinen
Toben; war er doch längst schon den Liberalen verdächtig,
weil er ein offenes Auge für die Eigenart des preußischen
Staates besaß.
</p>

<p>
Auch einer der tüchtigsten Kaufleute Deutschlands, E.&nbsp;W.
Arnoldi in Gotha<note place="end">
Ernst Wilh. Arnoldi, geb. 21. Mai 1778. gest. 27. Mai 1841.</note>,
begrüßte das preußische Zollgesetz schon
im Januar 1819 als den ersten Keim eines Vereins aller
deutschen Staaten. Nur herzhaft eingeschlagen in die dargebotene
Hand: &mdash; so sprach er sich im Allgemeinen Anzeiger
aus &mdash; Preußen stellt ja den Grundsatz der Gegenseitigkeit
an die Spitze seines Gesetzes und erklärt sich bereit zu Verträgen
mit den Nachbarn. Der treffliche Mann hatte einst
in Hamburg noch zu den Füßen des alten Büsch<note place="end">
Joh. Georg Büsch, geb. 3. Januar 1728, gest. 5. Aug. 1800,
gründete 1767 in Hamburg eine Handelsakademie.</note> gesessen und
sich dort eine freie Ansicht vom Welthandel gebildet, welche
<pb n="023"/><anchor id="Pg023"/>
der binnenländischen Kleinlebigkeit der Mehrzahl seiner
Standesgenossen noch ganz fremd war. Ihn wurmte die
kindliche Unmündigkeit dieser Geschäftswelt, die so gar nichts
tat, um sich das Joch einer widersinnigen Handelsgesetzgebung
vom Nacken zu schütteln. Schon seit Jahren trug er
sich mit dem Gedanken eines Bundes der deutschen Fabrikanten
zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Dann
stiftete er in seiner Vaterstadt unter dem Namen Innungshalle
eine Handelskammer und eine rasch aufblühende Handelsschule.
Endlich fand er ein weites Gebiet fruchtbarer
Tätigkeit in dem Versicherungswesen, das noch ganz in der
Botmäßigkeit des Auslandes stand. Fast an allen größeren
deutschen Plätzen unterhielt der mächtige Londoner Phönix
seine Agenturen und beutete die Deutschen durch unbillige
Prämien aus, da die kleinen heimischen Versicherungsgesellschaften,
die in einzelnen Städten des Nordens bestanden,
ihre Wirksamkeit auf die Vaterstadt beschränkten. Da wendete
sich Arnoldi (1819) an die Nation mit der Frage, wie lange
sie noch ihr Geld in die englische Sparbüchse legen wolle,
und entwarf den Plan für eine deutsche, das gesamte Vaterland
umfassende, auf Gegenseitigkeit beruhende Feuerversicherungsbank.
Zwei Jahre darauf trat diese Anstalt zu Gotha
ins Leben, der erste Anfang der großartigen Entwicklung
unseres nationalen Versicherungswesens. Der allgemeine
Haß gegen Englands Handelsherrschaft kam dem kühnen
Unternehmer zustatten. Überall im Binnenlande schalt man
auf England und die Hansestädte, die den Süddeutschen
nur als englische Kontore galten; der wieder erwachende
Napoleonskultus und die französischen Sympathien der Liberalen
des Südens wurden durch solche erregte Stimmungen
gefördert. Über die Waffen freilich, welche den deutschen
Gewerbefleiß vor einer erdrückenden ausländischen Mitwerbung
sichern konnten, hatten die wenigsten auch nur
nachgedacht. Nur soviel schien allen unzweifelhaft, daß
sämtliche neu eingeführte Zölle sofort wieder aufgehoben
und die im Artikel 19 der Bundesakte verheißene Verkehrsfreiheit
durch den Bundestag angeordnet werden müsse.
</p>

<p>
Selbst jener hochherzige, geistvolle Agitator, der mit
dem ganzen Ungestüm seiner Tatkraft gegen die Binnenmauten
auftrat, auch Friedrich List, teilte den allgemeinen
<pb n="024"/><anchor id="Pg024"/>
Irrtum. Wie Görres<note place="end">
Joseph v. Görres, geb. 25. Januar 1776, gest. 29. Januar
1848, ein Publizist, der anfangs für die Revolution, nachmals für
das »Deutschtum« begeistert, schließlich im Ultramontanismus einen
Halt suchte und mit Fanatismus gegen den Protestantismus kämpfte.</note>
einst im Rheinischen Merkur die Idee
der politischen Macht und Einheit des Vaterlandes vertrat,
so verfocht List die Idee der handelspolitischen Einheit &mdash;
eine verwandte Natur, feurig, hochbegeistert, ein Meister der
bewegten Rede, voll tiefer und echter Leidenschaft, leicht hingerissen
zu phantastischen Verirrungen. Ein echter Reichsstädter,
war er im freiheitsstolzen Reutlingen aufgewachsen,
unter ewigen Händeln mit den württembergischen Schreibern;
er zählte zu jenen geborenen Kämpfern, denen das Schicksal
immer neuen Hader sendet, auch wenn sie den Streit nicht
suchen. Seine Mutter, seinen einzigen Bruder sah er plötzlich
sterben infolge der Roheit brutaler Beamten; und als er
dann selber einige Jahre in der geisttötenden Scheintätigkeit
der württembergischen Schreibstuben verbracht hatte, da
ward sein Haß gegen die Herrschaft des rheinbündischen
Beamtentums grenzenlos, und er setzte sich zum Ziele seines
Lebens, den Bürger und Bauersmann zur Selbsttätigkeit zu
erwecken, ihn aufzuklären über seine nächsten Interessen,
die Volkswirtschaftslehre von den Formeln des Katheders
zu befreien und sie die Sprache des Volkes reden zu lassen.
Schon durch die Geburt ein Deutscher schlechtweg, gleich dem
Reichsritter Stein, ging er mit seinen kühnen Entwürfen
sogleich über die Grenzen der schwäbischen Heimat hinaus,
so daß er den verschwiegerten und verschwägerten Württembergern
bald als ein wildfremder Störenfried verdächtig
wurde: eine neue Zeit handelspolitischer Größe, dauerhafter
als einst die Herrlichkeit der Hansa, sollte dem deutschen Vaterlande
tagen. Eine seltene Kunst, die Massen zu befeuern
und zu erregen, stand ihm zu Gebote, ein agitatorisches
Talent, dessengleichen unsere an großen Demagogen so arme
Geschichte seither nur noch zweimal, in Robert Blum<note place="end">
Robert Blum, geb. 10. November 1807, erschossen am
9. November 1848 in Wien, wohin er sich im Vertrauen auf seine
Unverletzlichkeit als Mitglied des Frankfurter Parlaments begeben
hatte, um den aufständischen Wienern eine Beifallsadresse der Frankfurter
Parteigenossen zu überbringen. Als Führer einer Elitekompagnie
am Kampfe beteiligt, wurde er verhaftet und durch ein
Kriegsgericht zum Tode verurteilt.</note> und
<pb n="025"/><anchor id="Pg025"/>
Lassalle<note place="end">Ferd. Lassalle, geb. 11. April 1825, gest. 31. August 1864,
sozialistischer Agitator, Gründer des Allg. Deutschen Arbeitervereins.</note>
gesehen hat. Im April 1819 stiftete List mit mehreren
Industriellen der Kleinstaaten, Miller aus Immenstadt,
Schnell aus Nürnberg, E. Weber aus Gera den Verein deutscher
Kaufleute und Fabrikanten, dem sich bald die Mehrzahl
der großen Firmen in Süd- und Mitteldeutschland anschloß,
und legte rasch entschlossen seine Tübinger Professur nieder,
da die württembergische Regierung das Amt eines Konsulenten
des Handelsvereins als unverträglich mit der Beamtenwürde
betrachtete.
</p>

<p>
Der neue Handelsverein richtete sogleich an den Bundestag
eine Bittschrift um Ausführung des Artikels 19, Beseitigung
aller Binnenmauten und Erlaß eines deutschen Zollgesetzes,
das den Zöllen des Auslandes mit strengen Retorsionen begegnen
sollte, bis sich ganz Europa über allgemeine Handelsfreiheit
verständigt hätte &mdash; denn noch bekannte sich List,
gleich den meisten Süddeutschen jener Zeit, im Grundsatz
zu den Lehren des Freihandels. In Frankfurt abgewiesen,
bestürmte List sodann die Höfe, die Geschäftsmänner und wen
nicht sonst mit seinen Gesuchen, geißelte in seiner Zeitschrift
dem »Organ des deutschen Handels- und Gewerbestandes«,
unermüdlich und unerbittlich die Gebrechen deutscher Handelspolitik.
Also hat er in rastloser Arbeit mehr als irgendeiner
der Zeitgenossen dazu beigetragen, daß die Überzeugung
von der Unhaltbarkeit des Bestehenden tief in die Nation
drang. Große verwegene Träume, die erst das lebende Geschlecht
in Erfüllung gehen sieht, regten sich in seinem stürmischen
Kopfe: er dachte an eine gemeinsame Gewerbegesetzgebung,
an ein deutsches Postwesen, an nationale Industrieausstellungen,
er hoffte die romantischen Kaiserträume des
jungen Geschlechts durch die Arbeit der praktischen nationalen
Politik zu verdrängen und sah die Zeit voraus, da eine freie
Verfassung, ein deutsches Parlament aus der Handelseinheit
hervorgehen würde. Als der Schöpfer des Zollvereins,
wie er selber im Übermaß seines Selbstgefühls sich genannt
hat, kann List gleichwohl keinem Unbefangenen gelten.
</p>

<p>
Ein klares Programm, einen bestimmten, durchgebildeten
politischen Gedanken aufzustellen und festzuhalten, lag überhaupt
<pb n="026"/><anchor id="Pg026"/>
nicht in der Weise der Patrioten jener Zeit. Nur im
Innern der süddeutschen Mittelstaaten begann die konstitutionelle
Bewegung bereits feste, deutlich ausgesprochene
Parteimeinungen hervorzurufen. Wer über den deutschen
Gesamtstaat schrieb, begnügte sich noch immer, der elenden
Gegenwart ein leuchtendes Idealbild gegenüberzuhalten und
dann im raschen Wechsel Einfälle und Winke für den praktischen
Staatsmann hinzuwerfen. Wie Görres im Rheinischen
Merkur ein ganzes Geschwader deutscher Verfassungspläne
harmlos veröffentlichte, so eilte auch List in jähen Sprüngen
von einem Plane zum andern über. Bald will er die deutschen
Bundesmauten an eine Aktiengesellschaft verpachten; bald
soll Deutschland sich anschließen an das österreichische Prohibitivsystem;
dann überfällt ihn wieder die Ahnung, ob
nicht Preußen den Weg zur Einheit zeigen werde. In seiner
Eingabe an den Bundestag gestand er: »Man wird unwillkürlich
auf den Gedanken geleitet, die liberale preußische Regierung,
die der Lage ihrer Länder nach vollkommene Handelsfreiheit
vor allen andern wünschen muß, hege die große
Absicht, durch dieses Zollsystem die übrigen Staaten Deutschlands
zu veranlassen, endlich wegen einer völligen Handelsfreiheit
sich zu vergleichen. Diese Vermutung wird fast zur
Gewißheit, wenn man die Erklärung der preußischen Regierung
berücksichtigt, daß sie sich geneigt finden lasse, mit Nachbarstaaten
besondere Handelsverträge zu schließen«. Leider
vermochte der Leidenschaftliche nicht an dieser einfach richtigen
Erkenntnis festzuhalten. Er war ein Gegner der preußischen
Handelspolitik, soweit aus seinem unsteten Treiben
überhaupt eine vorherrschende Ansicht erkennbar wird; denn
nach allen Abschweifungen lenkte er immer wieder auf jenen
Weg zurück, welchen Preußen längst als unmöglich erkannt
hatte, auf die Idee der Bundeszölle. Von den preußischen
Zuständen besaß List nur sehr mangelhafte Kenntnis; sein
Verein ward durch die Hoffnung auf baldige Wiederaufhebung
des preußischen Zollgesetzes zusammengehalten und
besaß Korrespondenten in allen größeren deutschen Staaten,
aber, bezeichnend genug, keinen in Preußen.
</p>

<p>
Nur der Zauber, der an dem Namen Deutschland haftete,
erklärt das Rätsel, daß so viele wackere und einsichtige Männer
noch immer auf eine Handelspolitik des Deutschen Bundes
<pb n="027"/><anchor id="Pg027"/>
hoffen konnten. Seinerseits hatte der Bundestag alles getan,
um die Schwärmer zu enttäuschen. Die Berichterstattung
über Lists Bittschrift wurde dem Hannoveraner Martens<note place="end">
Georg Friedrich v. Martens, geb. 22. Februar 1756, gest.
21. Februar 1821, seit 1816 hannöv. Bundestagsgesandter.</note>
übertragen, der gleich den meisten dieser »deutschen Großbritannier«
die englische Handelsherrschaft auf deutschem
Boden hocherfreulich fand. Mit dem ganzen Feuereifer
polizeilicher Seelenangst fragte er zunächst, woher dieser
Verein das Recht nehme, sich zum Vertreter des deutschen
Handelsstandes aufzuwerfen, und überließ es den hohen
Regierungen, auf ihre beteiligten Untertanen ein wachsames
Auge zu richten. Zur Sache selbst brachte er nicht viel mehr
vor als eine drastische Schilderung der ungeheueren Schwierigkeiten,
welche sich, seit die deutschen Staaten souverän geworden,
der Handelseinheit entgegenstellten (24.&nbsp;Mai).
Einige Bundesgesandte wünschten mindestens die Einsetzung
einer Kommission; aber dann hätten ja die Bittsteller wähnen
können, dieser Schritt sei auf ihre Veranlassung geschehen!
Um einer so frevelhaften Mißdeutung vorzubeugen, beschloß
die Bundesversammlung nur, daß man sich späterhin
einmal mit dem Artikel 19 beschäftigen wolle. Einige Wochen
nachher (22.&nbsp;Juli) erinnerten die Ernestinischen Höfe den
Bundestag nochmals an den unglücklichen Artikel; Lists Freund,
E. Weber, und die Fabrikanten des Thüringer Waldes ließen
ihnen keine Ruhe. Diesmal ergingen sich Baden, Württemberg,
beide Hessen und die Ernestiner in wohlgemeinten,
aber auch sehr wohlfeilen Reden zum Preise der deutschen
Verkehrsfreiheit und begeisterten die Versammlung dermaßen,
daß sie nunmehr wirklich beschloß, nach den Ferien,
also 1820, solle eine Kommission eingesetzt werden. Das
war die Hilfe, welche Deutschlands Handel in Frankfurt zu
erwarten hatte. Der preußische Gesandte<note place="end">Graf Aug. Fried.
Ferd. v. d. Goltz, geb. 20. Juli 1765, gest.
17. Januar 1832, von 1816&ndash;1824 preußischer Bundestagsgesandter,
nachher Oberhofmarschall.</note> aber fand es mit
Recht unbegreiflich, daß diese Versammlung sichs zutraue,
so schwierige Arbeiten auch nur in die Hand zu nehmen.
</p>

<p>
Trotz solcher Erfahrungen sollten noch viele Jahre vergehen,
bis die Unausführbarkeit der leeren Versprechungen
<pb n="028"/><anchor id="Pg028"/>
des Artikels 19 allgemein erkannt wurde. Mit großer Hartnäckigkeit
hielt namentlich die badische Regierung an dem
Traumbilde des Bundeszollwesens fest; ihr langgestrecktes,
auf die Durchfuhr angewiesenes Land litt unter dem Jammer
der Binnenmauten besonders schwer, und nicht ohne Besorgnis
betrachtete Minister Berstett<note place="end">Wilh. Ludw. Leop. Reinhard
Freiherr v. Berstett, geb.
1769, gest. 6. Februar 1837, 1816 badischer Bundestagsgesandter,
von 1817 bis 1831 badischer Minister des Auswärtigen.</note>
die wachsende Erbitterung
im Volke. Der beschränkte Mann hoffte durch wirtschaftliches
Gedeihen die Nation mit ihrer schimpflichen Zersplitterung
zu versöhnen, ihr »einen materiellen Ersatz für den Verlust
mancher chimärischen, aber liebgewordenen Ideen« zu geben.
Darum empfahl er auf den Karlsbader Konferenzen in einer
langen Denkschrift (15. August) die Einführung eines Bundes-
Douanensystems, das für 30 Millionen Menschen freien
Verkehr schaffen müsse; über die große Frage, wie es möglich
sein sollte, Hannover, Holstein, Luxemburg, Deutsch-
Österreich einem nationalen Zollwesen einzufügen, ging das
überaus unklare, widerspruchsvolle Schriftstück schweigend
hinweg. Metternich<note place="end">
Klemens Fürst v. Metternich, geb. 15. Mai 1773, gest.
11. Juni 1859, österreichischer Minister seit 1809, seit Mai 1821 bis
13. März 1848 Staatkanzler, Hauptträger der Reaktion in Österreich
und Deutschland.</note> wurde durch diesen Antrag, welchem
Österreich sich schlechterdings nicht fügen konnte, unangenehm
überrascht und versuchte sogar, die Kompetenz des Bundes
in Zweifel zu ziehen. »Der Handel &mdash; so behauptete er &mdash;,
seine Ausdehnung wie seine Beschränkung gehört zu den
ersten Befugnissen der Souveränität«. Zur Mißhandlung
der Universitäten, von denen die Bundesakte kein Wort
sagte, war der Bund nach der k.&nbsp;k. Doktrin unzweifelhaft
befugt; aber die Verkehrsfreiheit, welche der Bundesvertrag
ausdrücklich in Aussicht stellte, verstieß gegen die Souveränität
der Bundesstaaten. Drastischer konnte das Verhältnis
der Hofburg zu den Lebensfragen der deutschen Nation
unmöglich bezeichnet werden. Auf das wiederholte Andrängen
Badens und Württembergs erklärte sich der österreichische
Staatsmann zuletzt doch bereit, die Zollfrage auf die Tagesordnung
der bevorstehenden Wiener Konferenzen zu setzen.
Er wußte wohl, was von solchen Beratungen zu erwarten sei.
</p>

<pb n="029"/><anchor id="Pg029"/>

<p>
Unterdessen hatte auch der beste Kopf unter den badischen
Finanzmännern, Nebenius<note place="end">Karl Friedrich Nebenius,
geb. 29. September 1785, gest.
8. Juni 1857, Verfasser der badischen Verfassungsurkunde vom
22. August 1818 und zweimal Minister des Innern.</note>,
seine Gedanken über die Bedingungen
der deutschen Verkehrsfreiheit in einer geistvollen
Denkschrift niedergelegt, einer Privatarbeit, welche zwar
niemals, auch nicht mittelbar, auf die Entwicklung des Zollvereins
irgendeinen Einfluß ausgeübt hat, aber durch Klarheit
und Bestimmtheit alles übertraf, was damals von Privatleuten
über deutsche Handelspolitik geschrieben wurde. Der
gelehrte Verfasser der badischen Konstitution errang sich schon
in jenen Jahren durch seine Schrift über die englische Staatswirtschaft
ein wissenschaftliches Ansehen, das späterhin, seit
dem Erscheinen seines Werkes »der öffentliche Kredit« noch
höher stieg; dies klassische Buch kann niemals ganz veralten,
es wird, wie Ricardos<note place="end">David Ricardo,
geb. 19. April 1778, gest. 11. September 1823,
engl. Nationalökonom, der als Schüler von Adam Smith die Lehre
vom Freihandel publizistisch vertrat. Seine Gedanken über das Verhältnis
zwischen Erzeugungskosten der Waren und Verkaufspreis
und über das Verhältnis zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn
sind von Marx und Lassalle weiter entwickelt worden.</note>
Werke, dem angehenden Nationalökonomen
immer unschätzbar bleiben als eine Schule strengen
methodischen Denkens. Auch seine um Neujahr 1819 verfaßte
handelspolitische Denkschrift verrät überall den sicheren Blick
des gewiegten Kenners. Sie wurde im April 1819 vertraulich
den badischen Landtagsmitgliedern mitgeteilt und dann im
Winter den Wiener Konferenzen durch Berstett als ein
beachtenswertes Privatgutachten überreicht. Maaßen freilich,
Klewiz<note place="end">Wilh. Anton v. Klewiz, geb. 1. August 1760, gest. 26. Juli
1838, von 1817&ndash;1824 preußischer Finanzminister, von 1824&ndash;1837
Oberpräsident der Provinz Sachsen.</note>
und die anderen Urheber des preußischen Zollgesetzes
konnten aus den Ratschlägen des badischen Staatsmannes
nichts lernen. Für sie war das Richtige in seiner
Denkschrift nicht neu, das Neue nicht richtig.
</p>

<p>
Die Denkschrift tritt, in den behutsam schonenden Formen,
welche Nebenius liebte, entschieden gegen das preußische
Zollgesetz auf. Sie hebt die Übelstände dieses Systems scharf
heraus, ohne die Lichtseiten zu erwähnen. Sie stellt den Satz
<pb n="030"/><anchor id="Pg030"/>
hin: »kein deutscher Staat, Österreich ausgenommen, vermag
sein Gebiet gegen überwiegende fremde Konkurrenz wirksam
zu schützen« &mdash; eine Behauptung, welche Preußens Staatsmänner
soeben durch die Tat zu widerlegen begannen. Die
Urheber des Gesetzes vom 26.&nbsp;Mai gingen aus von den Bedürfnissen
des preußischen Staatshaushalts, Nebenius hebt
an mit der Betrachtung der Leiden des deutschen Verkehrs.
Darum steht jenen die finanzielle, diesem der staatswirtschaftliche
Gesichtspunkt obenan. Darum wollen jene die
allmähliche Erweiterung des preußischen Zollwesens unter
den Bedingungen, welche das Interesse der preußischen
Finanzen vorschreibt. Nebenius hingegen fordert, ganz im
Sinne der Durchschnittsmeinung der Zeit, ein System deutscher
Bundeszölle, eine vom Bundestage abhängige Zollverwaltung.
Er will mithin genau das Gegenteil der Politik,
welche den wirklichen Zollverein geschaffen hat; der erste
Schritt auf dem von Nebenius vorgeschlagenen Wege mußte
offenbar zur Aufhebung des preußischen Zollgesetzes führen,
also gerade die Grundlage des späteren Zollvereins vernichten.
Der handelspolitische Kampf jener Jahre bewegte sich um
die eine Frage: soll das preußische Zollgesetz aufrecht bleiben
oder nicht? Und in diesem Streite stand Nebenius auf der
Seite der Irrenden. Will man eine Denkschrift, welche also
den leitenden politischen Gedanken der preußischen Handelspolitik
bekämpft, als den bahnbrechenden Vorläufer des
Zollvereins preisen, so muß man, kraft derselben Logik, auch
Großdeutsche und Kleindeutsche für Gesinnungsgenossen erklären.
Beide Parteien erstrebten bekanntlich die deutsche
Einheit, nur leider auf entgegengesetzten Wegen.
</p>

<p>
Der staatsmännische Sinn des geistvollen Badeners steht
keineswegs auf gleicher Höhe mit seiner volkswirtschaftlichen
Einsicht. Er hegt wohl Zweifel, ob Österreich dem Zollverein
beitreten könne, zu einem sicheren Schluß gelangt er
dennoch nicht. Noch im Jahre 1835 hat er den Eintritt Österreichs
für möglich gehalten; dann werde der Zollverein »den
schönsten aller Märkte bilden«. Die schwerwiegenden politischen
Gründe, welche einen solchen Gedanken für Preußen
unannehmbar machten, sind ihm niemals klar geworden.
Ebenso wenig will er begreifen, warum Preußen als eine
europäische Macht die Selbständigkeit seiner Zollverwaltung
<pb n="031"/><anchor id="Pg031"/>
unbedingt aufrecht halten mußte; er verlangte eine in der
Hand des Bundes zentralisierte Zollverwaltung, die Mautbeamten
sollen allein dem Bunde vereidigt werden. Auch bei
der Erörterung von Nebenfragen vermag er nicht immer
hinauszublicken über den engen Gesichtskreis seines heimischen
Kleinstaates. So will er, mit wenigen Ausnahmen, die gesamte
Zollerhebung allein an den Grenzen stattfinden lassen,
weil, nach der Ansicht des badischen Beamtentums, diese
Einrichtung dem Grenzlande Baden besonderen Vorteil
bringen sollte. Maaßen dagegen ließ in allen größeren
preußischen Plätzen Packhöfe und Zollstellen errichten, da
ohne solche Erleichterung ein schwunghafter Speditionshandel
offenbar nicht gedeihen konnte.
</p>

<p>
Neben diesen Irrtümern der Denkschrift steht freilich
eine lange Reihe tief durchdachter, praktisch brauchbarer
Vorschläge, doch ist kein einziger darunter, welchen das
preußische Kabinett nicht schon damals gekannt und angewendet
hätte. Mit großer Klarheit entwickelt Nebenius den
Satz, daß ohne Zollgemeinschaft die Freiheit des Verkehrs
nicht möglich sei. Dieser Gedanke, der uns heute trivial
und selbstverständlich erscheint, war der Diplomatie der Kleinstaaten
jener Zeit völlig neu. Den Berliner Staatsmännern
war er wohlbekannt; denn nur jenen Staaten, die sich dem
preußischen Zollsystem einfügen wollten, hatte Preußen
freien Verkehr angeboten. Ebenso tief durchdacht waren die
Grundzüge des Zolltarifs, welche Nebenius entwarf. Er
will mäßige Finanzzölle namentlich auf die Gegenstände allgemeinen
Gebrauchs, auf die Kolonialwaren legen; die dem
heimischen Gewerbefleiß notwendigen Rohstoffe gibt er frei,
die Fabrikwaren schützt er durch Zölle, die ungefähr der
üblichen Schmuggelprämie entsprechen; feindselige Schritte
des Auslandes sollen mit Repressalien erwidert werden.
Treffliche Gedanken, ohne Frage; aber als Nebenius schrieb,
war bereits der preußische Tarif veröffentlicht, der durchaus
auf denselben Grundsätzen beruhte. Selbständiges Nachdenken
hatte den Süddeutschen genau auf dieselben staatswirtschaftlichen
Ideen geführt, welche Eichhorn oftmals als den Eckstein
des preußischen Systems bezeichnete: »Freiheit, Reziprozität,
Ausschließung der Prohibition.«  War es nicht ein seltsames
Zeichen der allgemeinen Unklarheit jener Tage, daß ein so
<pb n="032"/><anchor id="Pg032"/>
ungewöhnlicher Geist so dicht heranstreifte an die Ideen des
preußischen Zollsystems und doch nicht einmal die Frage aufwarf,
ob nicht der Bau der deutschen Handelseinheit auf dem
festen Grunde dieses Systems aufgerichtet werden sollte? &mdash;
Nebenius stellt ferner den Grundsatz auf, daß die Verteilung
der Zolleinnahmen nach der Kopfzahl der Bevölkerung erfolgen
solle. Aber als seine Denkschrift in Berlin bekannt
wurde, da hatte Preußen denselben folgenschweren Gedanken
schon in einem Staatsvertrage praktisch durchgesetzt. Er erörtert
sodann, die Zollgemeinschaft sei unmöglich, wenn nicht
auch der innere Konsum nach gleichen Grundsätzen besteuert
werde; bis dies Ziel erreicht sei, müsse man sich mit Übergangsabgaben
behelfen. Auch diese Einsicht bestand in Berlin schon
längst; eben weil Eichhorn und Maaßen die weit abweichenden
Steuersysteme der Nachbarstaaten kannten, wollten sie nicht
zu einer vorschnellen Einigung die Hand bieten. Sie wußten
desgleichen so gut wie Nebenius, daß es genüge, einen Zollvertrag
für einige Jahre abzuschließen; gleich ihm hofften sie
zuversichtlich, der unermeßliche Segen der Verkehrsfreiheit
werde die Wiederaufhebung eines einmal geschlossenen
Zollvereins verhindern &hellip;
</p>

<p>
Nebenius galt in der Diplomatie allgemein als ein bedeutender
Kopf und als ein höchst unbequemer Unterhändler.
Er zählte zu jenen stillen Gelehrtennaturen, die unter schmuckloser
Hülle ein sehr reizbares Selbstgefühl hegen, den Widerspruch
ungern, noch schwerer die Widerlegung ertragen.
Weit entfernt von der lauten Prahlsucht Friedrich Lists, war
er doch mitnichten gesonnen, sein Licht hinter den Scheffel
zu stellen. Er gab wohl zu, kein einzelner Mann könne als
Urheber des Zollvereins gelten. Doch er rühmte sich, seine
Denkschrift habe den Gedanken eines allgemeinen Zollverbandes
zum ersten Male entwickelt, sie habe, bis auf einen
einzigen Irrtum, die Verfassung des späteren Zollvereins
im voraus richtig gezeichnet. Er übersah, daß dieser einzige
Irrtum gerade die Lebensfrage der deutschen Handelspolitik
betraf; er übersah nicht minder, daß der beste Teil seiner
Denkschrift lediglich als Wunsch aussprach, was Preußen
durch die Tat schon vollzogen hatte. Ihm gebührt nur das
große Verdienst, daß er, gleichzeitig mit den preußischen
Staatsmännern und unabhängig von ihnen, für einige wichtige
<pb n="033"/><anchor id="Pg033"/>
Fragen deutscher Handelspolitik die rechte Lösung erdachte;
jedoch die entscheidende Frage: »Bundeszölle oder
Anschluß an das preußische System?« wurde in Berlin richtig,
von Nebenius falsch beantwortet &hellip;
</p>

<p>
Eine klare Vorstellung von dem Handelsbunde, der
anderthalb Jahrzehnte später ins Leben trat, hegte im
Jahre 1819 noch niemand. »Die Idee hatte sich noch gar
nicht entwickelt«, pflegte Eichhorn späterhin zu sagen. Der
Aufzug des großen Gewebes war bereits ausgespannt. Es
bestand das preußische Zollsystem, es bestand der ausgesprochene
Wille Preußens, dies System zu erweitern und den
deutschen Nachbarn ohne Kleinsinn reichlichen Anteil an den
gemeinsamen Zolleinkünften zu gewähren. Noch fehlte der
Einschlag. Es fehlte der gute Wille der Nachbarstaaten;
es fehlte hüben wie drüben ein deutlicher Begriff von den
losen und lockeren bündischen Formen, welche allein einen
dauernden Handelsbund zwischen eifersüchtigen souveränen
Staaten &mdash; dies noch niemals gewagte Unternehmen &mdash; ermöglichen
konnten. Jenen guten Willen hat nachher die Not
gezeitigt. Diese Verfassungsformen des Zollvereins sind nicht
von Nebenius, noch von irgendeinem Denker im voraus ersonnen
worden, da die Theorie solche Aufgaben niemals
lösen kann; sie sind gefunden worden auf den Wegen praktischer
Politik, durch Verhandlungen und gegenseitige Zugeständnisse
zwischen den deutschen Staaten. Der badische
Denker schrieb als ein unverantwortlicher Privatmann, er
durfte kühn sofort die Einheit des ganzen Vaterlandes ins
Auge fassen. Er hat an diesem Ideale unverbrüchlich festgehalten,
und weil er so hohen Flug nahm, verfiel er auf den
unmöglichen Plan der Bundeszölle. Preußens Staatsmänner
hatten ein köstliches Gut zu hüten: die schwer errungene
und noch immer hart bedrohte handelspolitische Einheit ihres
Staates. Sie mußten sich von den Schwärmern bald des
zaghaften Kleinsinns, bald des selbstzufriedenen Dünkels
zeihen lassen, und indem sie bedachtsam auf dem Bestehenden
fortbauten, erreichten sie das hohe Ziel. &mdash;
</p>

<p>
Zur rechten Stunde fanden die Urheber des preußischen
Zollgesetzes einen mächtigen diplomatischen Bundesgenossen
an dem neuen Referenten für die deutschen Angelegenheiten,
J.&nbsp;A.&nbsp;F. Eichhorn, den sein Chef Graf Bernstorff auf dem
<pb n="034"/><anchor id="Pg034"/>
Gebiete der Handelspolitik völlig frei schalten ließ. Unter
den Helden der Arbeit, welche in müden Tagen die großen
Überlieferungen Preußens mutig aufrecht hielten, in friedlichem
Schaffen den Grund legten für seine neue Größe,
steht Eichhorn in vorderster Reihe. Sein ganzer Lebensgang
hatte ihn vorbereitet auf die Rolle des friedlichen Bändigers
der Kleinstaaterei. Im Löwensteinischen Wertheim war er
aufgewachsen, an der lieblichen Ecke des Maintales und des
Taubergrundes, so recht im Herzen der verkommenen Staatenwelt
des alten Reichs, und sein tagelang blieb es ihm unvergeßlich,
wie er dort noch den Boten des Reichskammergerichts
in seiner altfränkischen Tracht die Befehle von Kaiser und Reich
hatte vollstrecken sehen. Begeistert von den Taten Friedrichs,
war er dann gen Norden gegangen, um dem Staate seiner
Wahl zu dienen, und auch an ihm bewährte sich, daß Preußen
die wärmste Liebe bei jenen Deutschen findet, die sich dies
Gefühl erst erarbeitet haben. Er mußte in Cleve den Zusammenbruch
der preußischen Herrschaft, dann in Hannover 1806
die fiskalischen Künste einer kleinlichen Annexionspolitik mit
ansehen und ward trotz alledem nicht irr an seinem Staate.
Dann nahm er teil an Schills abenteuerlichem Zuge und trat
zu Berlin mit Stein und Gneisenau, mit (W.&nbsp;v.) Humboldt, Altenstein<note place="end">
Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, geb. 7. Oktober 1770,
gest. 14. Mai 1840, seit 1817 Minister für geistlichen Unterricht und
Medizinalangelegenheiten, Reorganisator des preußischen Volks- und
höheren Schulwesens.</note>,
Kircheisen<note place="end">Friedrich Leopold v. Kircheisen, geb. 24. Juni 1746, gest.
18. März 1825, von 1810 ab preußischer Justizminister.</note>
in vertrauten Verkehr; sie alle ließen den
unbekannten jungen Fremdling sofort als einen Ebenbürtigen
gelten. Ein Schüler Spittlers<note place="end">Ludwig Freiherr v. Spittler,
geb. 10. November 1752,
gest. 14. März 1810, wurde 1779 als Professor der Philosophie nach
Göttingen berufen, 1806 zum Minister in Württemberg ernannt
und zum Kurator der Universität Tübingen.</note>,
gründlich und vielseitig gebildet,
ward er als erster Syndikus der Berliner Universität
auch persönlich mit der gelehrten Welt näher bekannt; mit
Schleiermacher<note place="end">Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, geb. 21. November 1768,
gest. 12. Februar 1834, Prediger an der Berliner Dreifaltigkeitskirche
und Professor an der Universität.</note>
verband den tief religiösen Mann eine treue
Freundschaft, der großen Theologenfamilie der Sack gehörte
<pb n="035"/><anchor id="Pg035"/>
er durch seine Heirat an. Die Zeiten des Befreiungskrieges
verlebte er gehobenen Herzens erst als Offizier in Blüchers
Stabe, dann als Mitglied von Steins Zentralverwaltung;
hier fand er reiche Gelegenheit, den kleinen deutschen Regierungen
bis in das Innerste der Seele zu blicken. Unerschüttert
trug er die Begeisterung jener großen Jahre hinüber
in die stille Zeit des Friedens.
</p>

<p>
Als er in seinem vierzigsten Jahre die wichtige Stellung
im Auswärtigen Amte erhielt, da beseelte ihn die Hoffnung,
eine solche Verbindung, wie sie einst unter der Zentralverwaltung
nur zeitweilig, unfertig, unbeliebt bestanden hatte,
auf die Dauer zu begründen, die deutschen Staaten durch die
Bande des Rechts, des Vertrauens, des Interesses für immer
an die Krone Preußen anzuschließen. Dies galt ihm als die
Vollendung, als die Läuterung der Träume von 1813. Er
erkannte in dem Artikel 19 der Bundesakte »die gutgemeinte
Absicht der deutschen Fürsten, daß, unbeschadet ihrer Souveränität,
den deutschen Untertanen die Wohltat eines gemeinsamen
Vaterlandes gewährt werden müsse«, und er traute
seinem Preußen die Kraft zu, die dem Bunde fehlte, diese
Wohltat eines Vaterlandes den Deutschen zu spenden. Neben
der schneidigen Kühnheit, die man oft an den großen Epochen
unserer Geschichte bewundert hat, übersieht man leicht jene
kalte, zähe, ausdauernde Geduld, welche der preußischen
Staatskunst in den endlos langweiligen Händeln deutscher
Kleinstaaterei zur anderen Natur geworden war. Wohl
keiner unserer Staatsmänner hat diese altpreußische Tugend
mit solcher Meisterschaft geübt wie Eichhorn. Da watet der
geistvolle Mann jahraus jahrein durch den zähen Schlamm
armseliger Verhandlungen, die schon beim Durchlesen körperlichen
Ekel erregen. Nichts schwächt ihm die Frische des Geistes;
immer bleibt ihm der Gedanke gegenwärtig, welch großes
Ziel hinter den kleinen Händeln winkt; immer wieder rafft
sich sein gebrechlicher Körper nach schweren Krankheitsanfällen
zu rastloser Tätigkeit auf. Überall hat er seine Augen;
wie der Arzt am Krankenbette überwacht er die Stimmung
der kleinen Höfe, ihre Bosheit, ihre Selbstsucht, ihre ratlose
Torheit. Zuweilen hilft er sich mit einem scharfen Witz über
die Langeweile hinaus. »Was wohl die herzoglich sächsischen
Häuser beabsichtigen? &mdash; schreibt er einmal &mdash; Ja, wenn sie
<pb n="036"/><anchor id="Pg036"/>
es nur selber wüßten!« Und nach allem Jammer, den ihm
die Kleinfürsten zu kosten geben, bewahrt er ihnen doch Achtung
und Wohlwollen, kommt bereitwillig, mit bundesfreundlicher
Gesinnung, jedem billigen Wunsche entgegen.
Oftmals schlugen die schmutzigen Wellen der Demagogenverfolgung
gegen seinen ehrlichen Namen an; er blieb sich
selber treu, trat tapfer ein für seine verfolgten Freunde und
behauptete sich doch im Vertrauen des Königs. Dann hat
Fürst Metternich viele Jahre hindurch alle seine schlechten
Künste spielen lassen gegen den verhaßten Patrioten, der
in Wien als der böse Dämon Preußens galt. Zugleich schmähte
die liberale Presse auf den Servilen. Er aber trug gelassen
Stein auf Stein zu dem unscheinbaren Bau deutscher Handelseinheit
und duldete schweigend die Unbilden der öffentlichen
Meinung, denn jeder Versuch einer lauten Rechtfertigung
wäre sein sicherer Sturz gewesen. Nachher kam doch eine
Zeit, da mindestens die Höfe sein Verdienst erkannten; sämtliche
Orden des Deutschen Bundes, nur kein österreichischer,
wurden dem anspruchslosen Geheimen Rate verliehen, und
die Staatsschriften der dankbaren Zollverbündeten priesen
ihn als »die Seele des preußischen Ministeriums«. Die Nation
aber erfuhr niemals ganz, was sie ihm schuldete.
</p>

<p>
Seine Hoffnung war, das preußische Zollsystem durch
Verträge mit den deutschen Nachbarstaaten allmählich zu erweitern.
Für die Formen und Grenzen dieser Erweiterung
hat er nicht im Voraus einen festen Plan entworfen; er stellte
sie, da er die Schwierigkeit des Unternehmens richtig würdigte,
dem unberechenbaren Gange der Ereignisse anheim.
Die Frage, ob Preußens Zollschranken dereinst am Main
oder am Bodensee stehen würden, war im Jahre 1819 noch
nicht praktisch; sie konnte den Leiter der preußisch-deutschen
Politik vielleicht in seinen Träumen, sie durfte ihn nicht bei
seiner Arbeit beschäftigen. Nur das eine war ihm sicher,
daß das neue Zollsystem aufrecht bleiben, den festen Kern
bilden müsse für die Neugestaltung des deutschen Verkehrs.
Er verlangte freie Hand für Preußens Handelspolitik, wies
von diesem Gebiete die Einmischung Österreichs entschieden
zurück. Aber jede Feindseligkeit gegen die Hofburg lag ihm
fern; der Gedanke, den Deutschen Bund von Österreich abzutrennen,
blieb ihm, dem Konservativen, der in den Ideen
<pb n="037"/><anchor id="Pg037"/>
von 1813 lebte, völlig fremd. Noch als Greis hat er Radowitzs
Unionspläne als unausführbare Träume bekämpft. &mdash;
</p>

<p>
Einen widerwärtigen Übelstand, der sofort beseitigt
werden mußte, bot die Lage der zahlreichen Enklaven. Die
Zollinien wurden alsbald soweit vorgeschoben, daß sie die
anhaltischen Herzogtümer fast ganz und auch einen Teil der
kleinen thüringischen Gebiete, die mit Preußen im Gemenge
lagen, umfaßten. Alle nach diesen Ländern eingeführten
Waren unterlagen ohne weiteres den preußischen Einfuhrzöllen.
Erst nachdem die neue Grenzbewachung in Kraft
getreten, ließ Eichhorn zu Anfang 1819 diesen Staaten die
Einladung zugehen, mit dem Berliner Kabinett wegen des
Zollwesens zu verhandeln. Der König sei bereit, nach billiger
Übereinkunft den Landesherren der eingeschlossenen Gebiete
das Einkommen zu überweisen, das seinen Staatskassen aus
den Enklaven zufließe. Dies kurz angebundene Verfahren,
das in den Papieren des Finanzministeriums als »unser
Enklavensystem« bezeichnet ward, mußte allerdings die
kleinen Höfe befremden; doch die Notwendigkeit gebot,
diesen Nachbarn zu zeigen, daß sie in ihrer Handelspolitik
von Preußen abhängig seien. Nur gutmütige Schwäche
konnte das Gelingen der großen Zollreform abhängen lassen
von der vorausgehenden Zustimmung eines Dutzends kleiner
Herren, die nach deutscher Fürstenweise allein für die Beredsamkeit
vollendeter Tatsachen empfänglich waren. Lediglich
die Eitelkeit der Nachbarfürsten ward gekränkt; den
wirtschaftlichen Interessen der Enklaven gereichte Preußens
Vorgehen offenbar zum Segen. Eine selbständige Handelspolitik
blieb in diesen armseligen Gebietstrümmern ja doch
undenkbar. Das Gedeihen ihrer Volkswirtschaft wurde
sofort vernichtet, wenn Preußen sie von seinem Zollsystem
ausschloß und sie mit seinen Schlagbäumen rings umstellte;
auch der Handel innerhalb der Provinz Sachsen erlitt ärgerliche
Störung, wenn alle durch das Anhaltische oder das
Schwarzburgische gehenden Waren verbleit und der Kontrolle
der Zollämter unterworfen werden mußten. Ebenso
wenig durfte Preußen den Verkehr der Enklaven völlig unbeaufsichtigt
lassen. Was diese Ländchen selbst an Zolleinkünften
aufbrachten, bildete freilich nur den achtzigsten
Teil der preußischen Zolleinnahmen; doch durch den Schmuggel
<pb n="038"/><anchor id="Pg038"/>
konnten sie den Finanzen Preußens hochgefährlich
werden.
</p>

<p>
Durch die heilsame Rücksichtslosigkeit der Berliner Finanzmänner
erhielten die Enklaven freien Verkehr auf dem preußischen
Markte, ihre Staatskassen die Zusage eines gesicherten
reichlichen Einkommens, das sie aus eigener Kraft niemals
erwerben konnten. Die preußische Regierung handelte in
gutem Glauben; sie war bereit, ihr eigenes Enklavensystem
auch gegen preußisches Gebiet anwenden zu lassen; mehrmals
erklärte sie, wenn ein süddeutscher Zollverein zustande
komme, so müsse der enklavierte Kreis Wetzlar sich diesem
Zollsystem unterwerfen. Ganz unhaltbar war vollends die
von den gekränkten Kleinfürsten oft wiederholte Anklage,
Preußens Enklavensystem verletze das Völkerrecht. Alle
nach den Enklaven bestimmten Waren unterlagen von Rechts
wegen den preußischen Durchfuhrzöllen; und wenn der
Berliner Hof für gut fand, die Transitabgaben auf gewissen
Straßen bis zur Höhe der Einfuhrzölle hinaufzuschrauben,
so ließ sich rechtlich dawider nichts einwenden.
</p>

<p>
Indem Eichhorn die Kleinstaaten einlud zu freundnachbarlichen
Verträgen über die Behandlung der Enklaven,
erklärte er zugleich die Bereitwilligkeit des Königs, auch
über den Anschluß nichtenklavierter Gebiete zu verhandeln.
Er betonte den nationalen Charakter des Zollgesetzes, er
hob hervor, dies Gesetz sei im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte
gedacht, sei bestimmt, zunächst in einem Teile von Deutschland
die Binnenmauten aufzuheben, sodann auch anderen
Bundesstaaten den Anschluß zu erleichtern; der König verdiene
den Dank der Bundesgenossen, da er begonnen habe,
den deutschen Markt von der Herrschaft des Auslandes zu
befreien. An dieser nationalen Richtung hat Preußens
Handelspolitik seitdem unerschütterlich festgehalten; die in
späteren Jahren oft auftauchenden Vorschläge, etwa Belgien
oder die Schweiz in den Zollverein aufzunehmen, wurden
in Berlin stets kurzerhand zurückgewiesen. <hi rend="gesperrt">Nicht kosmopolitische
Verkehrsfreiheit war Preußens Ziel,
sondern die Handelseinheit des Vaterlandes.</hi> Der
König, sagt eine von Bernstorff unterzeichnete Note an das
Kollegium der Geheimen Räte zu Gotha (vom 13.&nbsp;Juni
1819), beabsichtige durch das Gesetz vom 26.&nbsp;Mai »hauptsächlich
<pb n="039"/><anchor id="Pg039"/>
den Handel mit außerdeutschen Landeserzeugnissen
zu besteuern und die Mitbewerbung außerdeutscher Fabriken
von Ihren Staaten und von denjenigen Ländern abzuwehren,
welche sich hierin an Ihre Maßregeln anschließen wollen.«
Er hege »den lebhaften Wunsch, die nur zur Besteuerung
außerdeutscher Verbrauchsartikel und zum Schutze der preußischen
Landesindustrie gegen die außerdeutschen Fabriken
ergriffenen Maßregeln bundesverwandten deutschen Staaten,
soweit es ihre Lage irgend gestattet, nicht zum Nachteil gereichen
zu lassen.« Hierauf rät die Note, einen thüringischen
Handelsverein zu bilden, der alsdann mit Preußen in Zollverbindung
treten solle; sie zeichnet also genau den Weg
vor, welcher 14 Jahre später zu der handelspolitischen Vereinigung
Preußens und Thüringens geführt hat.
</p>

<p>
Im selben Sinne versicherte die Staatszeitung amtlich,
»daß Preußen schon seiner Lage wegen, mehr aber noch,
weil die Vereinigung des Einzelinteresses der deutschen
Bundesstaaten zu einem Gesamtinteresse für Preußen vorzüglich
wünschenswert sei, zu dem Plane einer völligen
Handelsfreiheit zwischen den Bundesstaaten die Hand zu
bieten am ehesten geneigt sei, und daß es am liebsten die
Schwierigkeiten gehoben sehen werde, die sich der Ausführung
entgegenzustellen schienen.« Und als gegen Weihnachten
1819 Abgeordnete des Listschen Vereins nach Berlin
kamen, um die Regierung für einen deutschen Mautverband
zu gewinnen, da erhielten sie von Hardenberg und drei
Ministern die Versicherung: »daß die preußische Regierung,
weit entfernt, durch einseitige Maßregeln den Wohlstand der
deutschen Nachbarstaaten untergraben zu wollen, sich freuen
würde, wenn alle Regierungen Deutschlands über die Grundsätze
eines gemeinschaftlichen, die Wohlfahrt aller Teile
fördernden Handelssystems sich vereinigen könnten, wozu die
preußische Regierung sehr gern die Hände bieten werde, um
ihrerseits mitzuwirken, daß dem ganzen Deutschland die
Wohltat eines freien, auf Gerechtigkeit gegründeten Handels
zuteil werde. Es ist ihnen aber auch nicht verhehlt worden,
daß der Zustand und die Verfassung der einzelnen deutschen
Staaten noch keineswegs zu gemeinsamen Anordnungen vorbereitet
erscheine; wozu auch besonders gehöre, daß die gemeinsamen
Anordnungen in einem gemeinsamen Sinne
<pb n="040"/><anchor id="Pg040"/>
von allen gehalten würden. Die Sache scheine daher jetzt
nur darauf zu führen, daß einzelne Staaten, welche sich durch
den jetzigen Zustand beschwert glaubten, mit denjenigen Bundesmitgliedern,
von denen nach ihrer Meinung die Beschwerden
veranlaßt werden, sich zu vereinigen suchten und daß auf
diesem Wege übereinstimmende Anordnungen von Grenze zu
Grenze weitergeleitet würden, welche den Zweck hätten, die
inneren Scheidewände mehr und mehr wegfallen zu lassen.«
</p>

<p>
Damit war rund und nett der Grundgedanke einer nationalen
Handelspolitik ausgesprochen, welche bei der Nichtigkeit
des Bundestages die einzig mögliche war. Deutlicher
als Preußen sprach, konnte eine Regierung über noch unfertige
Entwürfe schlechterdings nicht reden. Aber in der epidemischen
Verblendung, die nunmehr über die öffentliche
Meinung hereinbrach, in dem donnernden Lärm der Anklagen,
die auf das absolutistische Preußen herniederprasselten,
wurden die offenkundigen Worte und Taten des Berliner
Kabinetts völlig vergessen. Man redete sich hinein in den
Wahn, daß Preußen sich selbstgefällig von dem großen Vaterlande
absondere. Alles schalt auf den Berliner Hochmut
und Partikularismus, am lautesten jene kleinen Höfe, welche
das Enklavensystem ertragen mußten. Selbst Karl August
von Weimar betrachtete es als eine höchst anmaßende Zumutung,
daß er seine rings von Preußen umschlossenen
Ämter Allstedt und Oldisleben dem preußischen Zollsystem
einfügen sollte, und ließ dem Berliner Hofe schreiben: »Eine
strenge Durchführung des Gesetzes vom 26.&nbsp;Mai scheint mit
dem Geiste und den Grundsätzen der Bundesakte so wenig
in Einklang zu stehen, daß nicht zu bezweifeln steht, es werde
diese Angelegenheit Gegenstand der nächsten Verhandlungen
des Bundestages werden und S.&nbsp;K. Majestät von Preußen
als Bundesfürst selbst geruhen, konziliatorische Anträge deshalb
an den Bund gelangen zu lassen.«
</p>

<p>
Auf so naive Vorschläge konnte Eichhorn sich nicht einlassen.
Er durfte das Zollwesen der Provinz Sachsen nicht
dem Belieben Österreichs und der Bundestagsmehrheit
preisgeben, sondern gab sich der Hoffnung hin, die Erkenntnis
des eigenen Vorteils würde die kleinen thüringischen Dynasten
bestimmen, auf das Anerbieten Preußens einzugehen
und ihre enklavierten Gebietsteile durch Verträge dem preußischen
<pb n="041"/><anchor id="Pg041"/>
Zollsystem anzuschließen. In der Tat wendeten sich
die kleinen Nachbarn allesamt sogleich an den Berliner Hof,
aber nur, um zu fordern, daß Preußen sein Enklavensystem
alsbald wieder aufhebe; wie dies möglich sein sollte, wußten
sie freilich nicht anzugeben. Besonders hart fühlte sich der
wohlmeinende Fürst Anton Günther von Schwarzburg-Sondershausen
getroffen. Die Hauptmasse seines Reiches, die
Unterherrschaft mit der Hauptstadt, ein Land von fast 30000
Einwohnern, war von preußischem Gebiet umschlossen und
dem preußischen Zollwesen einverleibt; da die Krone Preußen
als Rechtsnachfolgerin von Kursachsen hier überdies das Postregal
und einige andere Hoheitsrechte ausübte, so blieb dem
Fürsten von seiner teueren Souveränität allerdings wenig
übrig. Mit dringenden Bitten mußten also erst der vielgeplagte
gemeinsame thüringische Gesandte General Lestocq,
dann das Sondershausener Geheime Konsilium selbst den
preußischen Hof bestürmen um »Zurücknahme einer Anordnung,
in welche man schwarzburg-sonderhausenscherseits
sich nie zu fügen entschlossen ist.«
</p>

<p>
Minister Klewiz erwiderte verbindlich, durch einen Vertrag
könne die Angelegenheit ohne Schwierigkeit geordnet
werden; er gewährte auch dem Fürsten freundnachbarlich
Freipässe für die Verzehrung seines Hofhalts, aber eine Abänderung
des Gesetzes schlug er rundweg ab, da die Gefahr
des Schmuggels aus den kleinen Nachbarlanden gar zu groß
sei. In Sondershausen wollte man den Wink nicht verstehen.
Mehrere Monate hindurch wurde die preußische Regierung
immer von neuem mit der Anfrage belästigt, ob sie nun endlich
bereit sei, eine Verfügung aufzuheben, welche so gröblich
in die Rechte der Sondershausener Souveränität eingreife.
Der Fürst selber richtete an den König die »devoteste Bitte«,
ihn »durch einen neuen Beweis Allerhöchstdero allgemein
verehrter und gepriesener Liberalität und Großmut zum
unbegrenztesten und devotesten Danke zu verpflichten.« Alles
war vergeblich; die untertänige Form konnte über den anmaßenden
Inhalt der Bittschriften nicht täuschen. Dann kam
der Kanzler v. Weise selbst nach Berlin, ein wackerer alter
Herr, der im Verein mit seinem Sohne, dem Geheimen Rat,
das Sondershausener Ländchen patriarchalisch regierte. Auch
er richtete nichts aus.
</p>


<pb n="042"/><anchor id="Pg042"/>

<p>
Mittlerweile hatte sich Vizepräsident v. Motz<note place="end">
Fried. Christ. Adolf v. Motz, geb. 18. November 1775, gest.
30. Juni 1830, ursprünglich im Dienste des Königs von Westfalen
tätig, trat nach Napoleons Sturz in preußische Dienste über. 1817 zum
Präsidenten der Erfurter Regierung ernannt, ward er 1821 provisorisch,
1824 definitiv Oberpräsident von Sachsen, 1825 Geh. Staats- und
Finanzminister.</note> in Erfurt
des Streites angenommen. Er kannte alle Herzensgeheimnisse
der Kleinstaaterei, da sein Regierungsbezirk mit fast einem
Dutzend kleiner Landesherrschaften im Gemenge lag; er war
mit den beiden Weise als guter Nachbar vertraut geworden
und erwarb sich jetzt um Deutschlands werdende Handelseinheit,
die ihm bald noch Größeres verdanken sollte, sein
erstes Verdienst, indem er den Freunden vorstellte, wie kindisch
es sei, an einer Zollhoheit festzuhalten, die doch niemals
in Wirksamkeit treten konnte. Der kunstsinnige Fürst wünschte
längst, im freundlichen Tale der Wipper ein Sondershausener
Nationaltheater zu gründen, aber die Mittel fehlten; schloß
er sich dem preußischen Zollwesen an, so war ihm aus der
Not geholfen. Diese Erwägung wirkte.
</p>

<p>
Gegen Ende September erschien der alte Weise wieder
in Berlin, und da er diesmal ernstlich verhandeln wollte,
so ward er mit großer Freundlichkeit aufgenommen. Maaßen
und Hoffmann führten die Unterhandlung, unter beständiger
Rücksprache mit Eichhorn. Noch unbekannt mit der
Nebeniusschen Denkschrift, stellte Hoffmann zuerst den Gedanken
auf: das einfachste sei doch, die gemeinsamen Zolleinnahmen
ohne fiskalische Kleinlichkeit nach der Volkszahl
zu verteilen. Damit war jener Bevölkerungsmaßstab gefunden,
der allen späteren Zollverträgen Preußens zur Grundlage
gedient hat. Weise ging sofort auf das günstige Anerbieten
ein, und am 25.&nbsp;Oktober 1819 wurde der <hi rend="gesperrt">erste Zollanschlußvertrag</hi>
unterzeichnet, kraft dessen der Fürst von
Sondershausen »unbeschadet seiner landesherrlichen Hoheitsrechte«
seine Unterherrschaft dem preußischen Zollgesetz
unterwarf und dafür nach dem Maßstabe der Bevölkerung
seinen Anteil an den Zolleinnahmen &mdash; vorläufig eine Bauschsumme
von 15000 Talern &mdash; erhielt. Eine Mitwirkung bei
der Zollgesetzgebung wurde dem kleinen Verbündeten nicht
zugestanden; er mußte die Handelsverträge Preußens und
<pb n="043"/><anchor id="Pg043"/>
alle anderen Änderungen, welche das Finanzministerium
beschloß, einfach annehmen. Im übrigen waren seine Hoheitsrechte
sorgsam, fast ängstlich gewahrt; selbst die Steuervisitationen
auf schwarzburgischem Gebiet sollten nur durch die
fürstlichen Beamten vollzogen werden.
</p>

<p>
Im Wippertale herrschte laute Freude. Der Fürst dankte
tief gerührt für dies neue Zeichen königlicher Hochherzigkeit;
nun konnte er endlich sein berühmtes Rauchtheater eröffnen,
wo er mit den Bürgern seiner Residenz um die Wette den
Musen des Dramas und der Rauchkunst huldigte. Finanziell
betrachtet, war das Abkommen unzweifelhaft ein Löwenvertrag
zugunsten Sondershausens; Preußen brachte um
des politischen Zweckes willen ein Geldopfer, denn das wenig
bemittelte Thüringer Bergländchen verzehrte von den einträglichsten
Zollartikeln, den Kolonialwaren, weit weniger
als der Durchschnitt der östlichen Provinzen.
</p>

<p>
Um so berechtigter schien die Erwartung, daß die übrigen
Kleinen dem Beispiel Sondershausens folgen würden. Im
Eingange des Vertrags hatte der König nochmals erklären
lassen, daß er bereit sei, ähnliche Abkommen mit anderen
Bundesfürsten zu schließen. Rudolstadt begann schon zu verhandeln.
Auch mit Braunschweig, Weimar, Gotha dachte
Hoffmann binnen kurzem ins Reine zu kommen, und bereits
ging er mit seinen Entwürfen über die Grundsätze des Enklavensystems
hinaus. Die unglückliche zerrissene Gestalt seines
Gebietes zwang den preußischen Staat, auch wenn er auf
alle Eroberungspläne verzichtete, mindestens zum handelspolitischen
Ehrgeiz; er konnte sein Steuersystem kaum durchführen,
wenn er nicht außer den Enklaven auch noch einige
nur halb umschlossene Nachbarlandschaften seinem Zollgesetze
unterwarf. Da lag Anhalt-Bernburg, das auf eine
kleine Strecke Weges nicht an Preußen grenzte und also
gewissenhaft als Ausland behandelt wurde. Was war der
Dank? Ein ungeheuerer Schmuggel, der von Monat zu Monat
anwuchs und die Zolleinnahme der Provinz Sachsen zu verschlingen
drohte. Schon im Oktober wurden 4023 Zentner
zumeist Kolonialwaren, in die anhaltischen Harzstädtchen bei
Ballenstedt eingeführt, um alsbald spurlos zu verschwinden.
Mindestens dies Vorland, meinte Hoffmann, müsse sogleich
in die Zollinie eintreten; werde der Vertrag mit Sondershausen
<pb n="044"/><anchor id="Pg044"/>
nur erst bekannt, dann könnten sich die kleinen Nachbarn
nicht länger mehr wider ihren eigenen Vorteil sträuben.
</p>

<p>
Die Hoffnung trog. Jener Zollvertrag, der uns heute so
selbstverständlich erscheint, sollte während mehrerer Jahre
der einzige bleiben. Kaum ward er ruchbar, so erscholl an
allen Höfen ein Schrei des Zornes. Fürst Anton Günther
mußte von seinen durchlauchtigen Genossen ernste Vorwürfe
hören, weil er das Kleinod der Souveränität so würdelos
preisgegeben; die anderen kleinen Nachbarn, die seinem
Vorgange bereits folgen wollten, traten, eingeschüchtert
durch die allgemeine Entrüstung, von den Verhandlungen
zurück. An die Spitze der Gegner Preußens stellte sich der
Herzog von Cöthen. Der erklärte im Namen der kleinen
Fürsten: »freiwillig können und werden sie sich nicht unterwerfen,
wenn sie nicht die heiligsten Pflichten gegen ihre
Untertanen, gegen ihre Häuser und gegen ihre eigene Ehre
verletzen wollen«; dann forderte er getrost, Preußen solle
ihm einen fünf Stunden breiten Streifen zollfreien Gebiets
bis zur sächsischen Grenze zur Verfügung stellen, damit das
Haus Anhalt freien Zugang zum Welthandel erlange. Gemütlich
lauernd und im Stillen schürend, stand hinter den
erbitterten Kleinen der treue Bundesgenosse Preußens,
Österreich. Die Höfe beschlossen insgeheim, auf den Wiener
Konferenzen mit vereinter Kraft die Aufhebung des preußischen
Zollgesetzes durchzusetzen; nur wenn der vorhandene
Anfang deutscher Zolleinheit vom Erdboden verschwand,
konnte der Bundestag die nationale Handelspolitik begründen!
Und an dieser Raserei partikularistischer Leidenschaft nahm die
gesamte Nation außerhalb Preußens teil. Alle die Lieder
und Reden zum Preise der deutschen Einheit waren vergessen,
sobald Preußen sich anschickte, den Deutschen »die Wohltat
eines gemeinsamen Vaterlandes zu gewähren«.
</p>

<p>
Preußens Staatsmänner hatten gehofft, schon in dem
ersten Jahre, da das neue Gesetz bestand, einige der deutschen
Nachbarn für die Politik der praktischen deutschen Einheit
zu gewinnen. Jetzt sahen sie sich in die Verteidigung zurückgeworfen.
Der siegreiche Kampf um die Behauptung, dann
um die Erweiterung des Zollgebiets blieb auf Jahre hinaus
die wichtigste Aufgabe der preußischen Staatskunst. Durch die
friedlichen Eroberungen dieses Kampfes hat König Friedrich
<pb n="045"/><anchor id="Pg045"/>
Wilhelm gesühnt, was in Karlsbad gefehlt war, und die
Marksteine gesetzt für das neue Deutschland. Er war der rechte
Mann für dies unscheinbare und doch so folgenschwere Werk
deutscher Geduld. Gleichmütig und immer bei der Sache,
treu und beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes
Mißtrauen entwaffnete, stets bereit, dem bekehrten Gegner
mit aufrichtigem Wohlwollen entgegenzukommen &mdash; so hat
er nach und nach die Trümmer Deutschlands befreit aus
den Banden eigener Torheit und ausländischer Ränke, den
Weg bereitend für größere Zeiten. Die Gegenwart aber soll
nicht undankbarer sein, als Friedrich der Große war, der von
dem glanzlosen Arbeitsleben seines Vaters sagte: »Der Kraft
der Eichel danken wir den Schatten des Eichbaums, der uns
deckt.«
</p>
<p>Quelle:
H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. II, 607ff.
</p>
<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
</div>

<divGen type="endnotes" target="Kap02" />

<div rend="page-break-before: always" id="Kap03">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>3. Der Kampf um das preußische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen.</head>

<p>
Als Hardenberg seine Weisungen (für die nach Wien
berufene Ministerkonferenz) an Bernstorff<note place="end">
Christian Günther Graf v. Bernstorff, geb. 3. April 1769,
gest. 28. März 1835, trat 1818 aus schwedischen Diensten in die
preußischen über und wurde Minister des Auswärtigen. 1832 trat
er von seinem Amte zurück.</note> erteilte,
schärfte er ihm noch einmal ein, daß ein Bundeszollwesen bei
dem gegenwärtigen Zustande der deutschen Staaten unmöglich
sei. Sodann wiederholte er ihm wörtlich, was er gleichzeitig
den Abgesandten des Listschen Handelsvereins antwortete
und durch die Staatszeitung veröffentlichen ließ:
»Man kann daher die Sache nur darauf zurückführen, daß
einzelne Staaten, welche durch den jetzigen Zustand sich beschwert
glauben, mit denjenigen Bundesgliedern, woher
nach ihrer Meinung die Beschwerde kommt, sich zu vereinigen
suchen, und daß so übereinstimmende Anordnungen von
Grenze zu Grenze weiter geleitet werden, welche den Zweck
haben, die inneren Scheidewände mehr und mehr fallen zu
lassen.« So war das handelspolitische Programm der preußißschen
<pb n="046"/><anchor id="Pg046"/>
Regierung nochmals klar und unzweideutig ausgesprochen.
Indem sie an ihrem Zollgesetze festhielt, erklärte
sie sich bereit, anderen Bundesstaaten durch freie Verträge
den Zollanschluß oder Handelserleichterungen zu gewähren;
aber sie sah auch ein &mdash; und hierin lag ihre Überlegenheit
&mdash; daß alle Klagen wider die Binnenmauten müßige Reden
blieben, solange die deutschen Staaten sich über ein gemeinsames
Zollgesetz nicht einigen konnten.
</p>

<p>
Auf lebhaften Widerspruch war Bernstorff von vornherein
gefaßt; er wußte wohl, wie unfaßbar diese nüchternen
handelspolitischen Gedanken, die heute jedem geläufig sind,
der großen Mehrzahl der deutschen Höfe noch erschienen.
Der leidenschaftliche Ausbruch »gehässiger Vorurteile«, den
er in Wien erleben mußte, übertraf doch seine schlimmsten
Erwartungen. Die naive volkswirtschaftliche Unwissenheit
der Epoche feierte auf den Konferenzen ihre Saturnalien;
fast die gesamte deutsche Diplomatie lief Sturm wider das
preußische Zollgesetz. Sobald auf die Fragen des Handels
die Rede kam, verschob sich die Stellung der Parteien vollständig.
Der preußische Bevollmächtigte, der fast in allen
andern Fragen die Mehrheit der Versammlung nach sich zog,
stand in den handelspolitischen Beratungen ebenso vereinsamt
wie in den militärischen, er erschien wie der Störenfried
der deutschen Einigkeit. Dieselben Höfe, die überall sonst
den Wirkungskreis des Bundes ängstlich zu beschränken
suchten, hofften durch einen rechtswidrigen Bundesbeschluß
jene segensreiche Reform, welche dem preußischen Deutschland
den freien Verkehr geschenkt hatte, wieder umzustoßen.
Von Mund zu Mund ging die sophistische Behauptung, das
preußische Gesetz verstoße wider den Artikel 19 der Bundesakte,
der nichts weiter enthielt als die Zusage, daß der Bundestag
wegen des Handels und Verkehrs »in Beratung treten«
solle.
</p>

<p>
Preußens böser Genius, so ließen sich selbst Wohlmeinende
vernehmen, hat dies unglückliche Gesetz geschaffen, das ihm
überall Zutrauen und Zuneigung verscherzt; Preußen wird
es dereinst noch bereuen! Und seltsam, die Angriffe der
entrüsteten Vorkämpfer deutscher Handelsfreiheit richteten
sich ausschließlich gegen Preußen, obgleich auch andere Bundesstaaten
des gleichen Frevels schuldig waren. Bayern hatte
<pb n="047"/><anchor id="Pg047"/>
soeben (22.&nbsp;Juli 1819), wie Preußen, ein neues Zollgesetz
verkündigt, aber niemand eiferte dawider. Vollends das
österreichische Prohibitivsystem belastete nicht nur alle Waren
ungleich härter als das preußische Gesetz, es verbot sogar
einzelne deutsche Erzeugnisse gänzlich, namentlich die Franken-
und Rheinweine. Keiner unter den deutschen Ministern
nahm daran Anstoß. Metternich sagte kurzweg zu Berstett:
»Ich betrachte Österreich als gar nicht in der Handelsfrage
befangen«, und der badische Staatsmann nahm diese Erklärung
ohne Widerspruch als selbstverständlich hin. Also
ward gerade durch den leidenschaftlichen Eifer der Kleinen
bewiesen, wie fest ihre Interessen mit Preußen verkettet
waren, wie lose mit Österreich. Einige der kleinen Minister
vertraten den Gedanken der Bundeszölle: so Fritsch<note place="end">
Karl Wilhelm Freiherr v. Fritsch, geb. 16. Juni 1769, gest.
16. Oktober 1851, war von 1815&ndash;1843 Großh. Sächs. Minister.</note>, dem
sein Großherzog befohlen hatte, die Verlegung aller Zollinien
an die Bundesgrenze zu fordern, so Berstett, der
noch immer der Meinung blieb, durch die Verkündigung
allgemeiner Verkehrsfreiheit werde der Bund am sichersten
die Unzufriedenheit der Nation beschwichtigen. Andere
wollten nur den Verkehr mit deutschen Produkten frei lassen,
und diese so wenig wie jene wußten die Mittel zur Ausführung
ihres Planes anzugeben: gegen das Ausland, meinte Berstett
gemütlich, möge jeder Bundesstaat seine Zölle nach Belieben
anordnen, genug, wenn im Innern Deutschlands die Mauten
hinwegfielen. Zu diesen ehrlichen Enthusiasten gesellten sich
einige Bundesgenossen, die ihre unlauteren Hintergedanken
kaum verbargen. Der Herzog von Coburg<note place="end">
Ernst&nbsp;III. seit 12. November 1826, Ernst&nbsp;I. von Sachsen-Coburg-Gotha
(gest. 29. Januar 1844).</note> erschien selbst
in Wien, um durch sein Veto den Abschluß der Bundeskriegsverfassung
zu vereiteln, falls ihm nicht unbeschränkte Verkehrsfreiheit
gewährt würde; doch da die Konferenz das
Bundesmilitärgesetz nicht ins reine brachte, so ward der feine
Plan zu Schanden. Noch dreister trat Marschall<note place="end">
Vertreter Nassaus am Bundestag.</note> auf. Der
witterte mit dem Instinkt des Hasses, daß die neue Zollgesetzgebung,
das Werk der »demagogischen Subalternen« in den
Berliner Bureaus, dem preußischen Staate vielleicht dereinst
<pb n="048"/><anchor id="Pg048"/>
die Hegemonie im Norden verschaffen könne; durch ihre
Vernichtung dachte er zugleich diesen Staat des Unheils zu
demütigen und der Schlange der Revolution das Haupt zu
zertreten.
</p>

<p>
Ähnliche Gesinnungen hegte der Kasseler Hof, der bereits,
ohne eine Verständigung mit dem Nachbarstaate auch
nur zu versuchen, den Zollkrieg gegen Preußen eröffnet
hatte. Durch ein Gesetz vom 17.&nbsp;September 1819 wurde die
Ein- und Durchfuhr vieler preußischer Waren verboten oder
mit schweren Zöllen belegt. Der Mehrbetrag der erhöhten
Abgaben sollte verwendet werden zum Besten der hessischen
Gewerbetreibenden, welche das preußische Zollgesetz an den
Bettelstab gebracht habe &mdash; ein Versprechen, das der geizige
Kurfürst<note place="end">Wilhelm&nbsp;I., gest.&nbsp;27.&nbsp;Februar 1821.</note>
selbstverständlich niemals einlöste. In Berlin dachte
man anfangs an Retorsionen. Der König aber hielt sich
streng an die Zusage, daß die preußischen Zölle vornehmlich
die außerdeutschen Waren treffen sollten, und wollte feindselige
Schritte gegen deutsche Staaten, wenn irgend möglich,
vermeiden. Auch ein Gutachten des Finanzministeriums
gelangte zu dem Schlusse, die hessischen Retorsionen seien für
Hessen überaus schädlich, für Preußen ungefährlich, also
»nur der Form wegen zu bekämpfen«. Der Gesandte in Kassel
sprach sich in diesem Sinne vertraulich gegen den Kurfürsten
aus. Unterdessen ließ Preußen die Köln-Berliner Kunststraße
über Höxter und Paderborn, mit Umgehung des hessischen
Gebiets, ausbauen. Der Verkehr des Nordostens mit
dem Süden zog sich von Hanau hinweg nach Würzburg,
die hessischen Straßen begannen zu veröden. Der Kurfürst
mußte seine Kampfzölle wieder herabsetzen und harrte nun
um so ungeduldiger auf einen Bundesbeschluß, der die Zollinien
des unangreifbaren Nachbarn zerstören sollte.
</p>

<p>
Unter den Widersachern Preußens verstand doch keiner
eine so urwüchsig grobe Sprache zu führen wie der Herzog
Ferdinand von Köthen, ein eitler, nichtiger Mensch, der im
Jahre 1806 wegen erwiesener Unfähigkeit den preußischen
Kriegsdienst hatte verlassen müssen und jetzt persönlich an die
Donau eilte, um »die Mediatisierung des uralten Hauses
Anhalt« abzuwenden. Die wirkliche Herrin seines Ländchens
<pb n="049"/><anchor id="Pg049"/>
war seine Gemahlin Julia, eine geborene Gräfin Brandenburg,
Halbschwester des Königs von Preußen, eine Dame
von Geist und Bildung, unermeßlich stolz auf ihre fürstliche
Würde, den katholisierenden Lehren der romantischen Schule
eifrig zugetan. Da Metternich den Wert einer solchen Bundesgenossin
wohl zu würdigen wußte, so hatte er Adam Müller<note place="end">
Adam Müller, geb.&nbsp;30.&nbsp;Juni 1779, gest.&nbsp;17.&nbsp;Januar 1829,
damals österreichischer Generalkonsul für Sachsen in Leipzig.</note>
beauftragt, neben dem Leipziger Konsulate auch das Amt
des österreichischen Geschäftsträgers an den anhaltischen
Höfen zu bekleiden, und der gefeierte Publizist der ultramontanen
Partei wurde der romantischen Herzogin bald
ein unentbehrlicher Ratgeber. Müller haßte seine preußische
Heimat mit dem ganzen Ingrimm des Konvertiten. Seinem
erfinderischen Kopfe entsprang der Plan zu einem großen
Gaunerstücke kleinfürstlicher Staatskunst, das die preußische
Zollgesetzgebung von innen heraus durchlöchern und mindestens
für die Provinz Sachsen unmöglich machen sollte.
Das Köthensche Land wurde einige Stunden weit von der
Elbe durchflossen, und die Elbe zählte zu den konventionellen
Flüssen, denen der Wiener Kongreß die »vollkommene
Freiheit der Schiffahrt« zugesagt hatte. Welch eine glänzende
Aussicht eröffnete sich also für die Machtstellung Köthens,
wenn die Konferenz sich bewegen ließ, die Freiheit der Elbe
sofort und unbedingt von Bundes wegen einzuführen!
Dann konnte der Herzog, obgleich sein Land von preußischem
Gebiete umschlossen war, eine selbständige europäische Handelspolitik
beginnen, er konnte die Freiheit der Elbschiffahrt
mißbrauchen, um im Herzen des preußischen Staates dem
Schleichhandel eine große Freistätte zu eröffnen, den gehaßten
Nachbarstaat mit geschmuggelten Waren zu überschwemmen
und ihn vielleicht zur Änderung seines Zollsystems zu zwingen.
Begierig ging der kleine Herr auf diese freundnachbarlichen Gedanken
ein; Gewissensbedenken berührten ihn nicht, und den
Unterschied von Macht und Ohnmacht vermochte er nicht zu
begreifen. Die wiederholten wohlwollenden Einladungen
zum freiwilligen Anschluß an das preußische Zollsystem
hatte er sämtlich schroff abgefertigt, in jenem pöbelhaft
schreienden Tone, der allen Schriftstücken dieses Hofes gemein
<pb n="050"/><anchor id="Pg050"/>
war. »Anhalt &mdash; so erklärte er stolz &mdash; kann seine Rettung nur
suchen in dem allgemeinen europäischen völkerrechtlichen
Staatenverein und in den Hilfsmitteln, welche ihm seine
geographische Lage an großen Strömen darbietet.«
</p>

<p>
Mehr oder minder eifrig klagten auch die meisten übrigen
Bevollmächtigten wider die Selbstsucht des Staates, der allein
dem Ideale der deutschen Handelseinheit im Wege stehe.
Nur die Hansestädte, befriedigt mit ihrer kosmopolitischen
Handelsstellung, wiesen jeden Versuch gemeinsamer deutscher
Handelspolitik kühl zurück. Auch Zentner<note place="end">
Georg Friedrich Freiherr v.&nbsp;Zentner, geb.&nbsp;27.&nbsp;August 1752,
gest.&nbsp;20.&nbsp;Oktober 1835, bayrischer Staats- und Justizminister.</note>
zeichnete sich wieder
durch kluge Besonnenheit aus; dem gestaltlosen Traumbilde
einer allgemeinen Verkehrsfreiheit, deren Bedingungen
noch niemand kannte, wollte er das neue bayrische Zollgesetz
nicht opfern. Metternich aber ließ mit schlecht verhehlter
Schadenfreude die Kleinen wider Preußen lärmen. Meisterhaft
verstand der Wiener Hof, die Angst vor dem preußischen
Ehrgeiz, die allen Kleinstaaten in den Gliedern lag, je nach
Umständen für seine Zwecke auszubeuten. Im Oktober hatte
Graf Bombelles<note place="end">Ludw. Phil. Graf v. Bombelles,
geb. 1. Juli 1780, gest.
7. Juli 1843, österr. Diplomat, damals Gesandter in Dresden, nachmals
an anderen Höfen.</note> auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers Franz
dem Großherzog von Weimar<note place="end">
Karl August, geb. 3. September 1757, gest. 14. Juni 1828.</note>
gedroht: wenn man die Karlsbader
Beschlüsse nicht überall streng ausführe, dann müßten
die beiden Großmächte aus dem Bunde ausscheiden, und dann
würde der Kaiser sich genötigt sehen, seinem preußischen
Alliierten »in Deutschland eine erweiterte Stellung zu verschaffen«.
Ebenso unbedenklich benutzte Metternich jetzt
die Eifersucht der Kleinen, um Preußens Handelspolitik
zu bekämpfen. Freilich durfte er nicht wagen, die Gegner
seines unentbehrlichen Bundesgenossen offen zu unterstützen,
zumal da er selber an dem österreichischen Zollwesen nicht
das Mindeste ändern wollte. Unter der Hand jedoch ermutigte
er die Ergrimmten und flüsterte ihnen zu, das preußische
Zollgesetz sei das Werk einer Partei, deren Zwecke mit »treuem
Bundessinn« nichts gemein hätten. Als handelspolitischen
Ratgeber hatte er sich den Urheber der anhaltischen Schleichhandelspläne,
Adam Müller, nach Wien kommen lassen.
</p>

<pb n="051"/><anchor id="Pg051"/>

<p>
Die Nation war über das Problem der Zolleinheit
noch ebenso wenig ins Klare gekommen wie ihre Staatsmänner.
Von dem politischen Ergebnis der Konferenzen
erwartete sie, nach den Karlsbader Erfahrungen, nichts Erfreuliches;
nur die Aufhebung der Binnenmauten und namentlich
der preußischen Zollinien erschien allen Parteien als ein
bescheidener Wunsch, der bei einigem guten Willen der Regierungen
leicht erfüllt werden konnte. Eine Flugschrift
»Freimütige Worte eines Deutschen aus Anhalt« sprach mit
drastischen Worten aus, was nahezu alle Nichtpreußen über
die Berliner Handelspolitik dachten. Der offenbar wohlmeinende
Verfasser fand es ehrenrührig, daß man die von preußischem
Gebiete umschlossenen Staaten als Enklaven bezeichne, und
schlechthin rechtswidrig, daß Preußen von »Fremden« Steuern
erhebe; das Strafurteil der öffentlichen Meinung müsse der
Sache »der Wahrheit und des Rechts« unfehlbar zum Siege
verhelfen.
</p>

<p>
Als Wortführer der Kaufleute und Gewerbtreibenden
fand sich F.&nbsp;List mit seinen Getreuen J.&nbsp;J.&nbsp;Schnell und E.&nbsp;Weber
auf den Konferenzen ein und legte eine Denkschrift
vor, deren hochgemutes patriotisches Pathos inmitten der
engherzigen partikularistischen Interessenpolitik der Wiener
Versammlung wildfremd erschien. Mit der Einheit der Nation
&mdash; so führte er in beredten Worten aus &mdash; sei die vollkommene
Unabhängigkeit der Einzelstaaten nicht vereinbar; der Bund
müsse den 30 Millionen Deutschen den Segen des freien
Verkehrs schaffen und also in Wahrheit ein Bund der Deutschen
werden. Und was war der praktische Vorschlag, der
diesen begeisterten Worten folgte? List verlangte, daß die
deutschen Staaten ihre Zölle an eine Aktiengesellschaft verpachten
sollten, und machte sich anheischig, die Aktien unterzubringen;
diese Gesellschaft würde das deutsche Bundeszollwesen
begründen und den Regierungen alle Sorge um lästige
Einzelheiten abnehmen! Seltsam doch, in welche holden
Selbsttäuschungen der feurige Patriot sich einwiegte. Er
behauptete, Preußen sei geneigt, sein Zollgesetz aufzugeben,
obgleich man ihm soeben von Berlin aus amtlich das Gegenteil
versichert hatte. Er sah sich von der Wiener Polizei argwöhnisch
beobachtet und schrieb in die Heimat: »wir sind
von allen Seiten mit Spionen umgeben, bei einem Spion
<pb n="052"/><anchor id="Pg052"/>
einquartiert, von einem Spion bedient«; er wußte, daß
Metternich in der Konferenz erklärt hatte, mit den Individuen,
welche sich für die Vertreter des deutschen Handelsstandes
ausgäben, könne man sich auf keine Verhandlungen
einlassen, da der Bundestag bereits den Deutschen Handelsverein
als ein gesetzwidriges und unzulässiges Unternehmen
verurteilt habe. Das alles beirrte ihn nicht in seiner rührenden
Zuversicht. Als nun gar Adam Müller eine Denkschrift Lists
über deutsche Industrieausstellungen wohlwollend begutachtete
und Kaiser Franz in einer Audienz dem unverwüstlichen
Agitator versicherte, seine Regierung werde gern das
Wohl des deutschen Vaterlandes fördern, da wähnte er sich
schon fast am Ziele: »Aller Augen sind nunmehr auf die
Kaiserlich österreichische Regierung gerichtet. Wie würde
sich nicht Österreichs edelmütiger menschenfreundlicher Kaiser
die Völker deutscher Zunge aufs neue verbinden, wenn ihnen
so große Wohltat von seinen Händen käme!« Als auch diese
Täuschung schwand, warf er seine Hoffnungen auf die süddeutschen
Höfe und meinte, seine Sache habe durch die Verzögerung
nur gewonnen. So klammerte sich der edle Patriot
an jeden Strohhalm; nur das preußische Zollgesetz, das
dereinst der Eckstein unserer wirtschaftlichen Einheit werden
sollte, erschien ihm, wie der gesamten Nation, als der Quell
des Verderbens.
</p>

<p>
In der Konferenz eröffnete Marschall den Kampf durch
eine Denkschrift vom 8.&nbsp;Januar, welche den preußischen
Staat mit so grobem Unglimpf überhäufte, daß Bernstorff
sie dem Verfasser zurückgab. Durch die neuen Zolleinrichtungen,
hieß es da, würden die Eigentumsrechte von Hunderttausenden
angegriffen, das Eigentum und der Besitz vermindert.
Dann forderte der Nassauer getrost: Aufhebung aller
seit dem Jahre 1814 neu eingeführten Mauten und sofortige
Vollziehung der Beschlüsse des Wiener Kongresses über die
Flußschiffahrt; im übrigen volle Freiheit für jeden deutschen
Staat, die Zölle gegen das Ausland willkürlich festzusetzen,
wenn er nur keine Binnenmauten errichte. Daß der letztere
Vorschlag einen plumpen Widerspruch enthielt, daß kein Einzelstaat
sich gegen das Ausland schützen konnte, wenn seine
deutschen Binnengrenzen unbewacht blieben &mdash; diese handgreifliche
Wahrheit war dem nassauischen Staatsmanne ganz
<pb n="053"/><anchor id="Pg053"/>
entgangen; er sprach wie der Blinde von den Farben, da sein
Ländchen gar keine Grenzzölle besaß.
</p>

<p>
Dann wiederholte Berstett seine alten Klagen gegen die
Binnenmauten und verteilte unter den Genossen jene gedankenreiche
Denkschrift von Nebenius über die Bundeszölle;
bei ruhiger Prüfung mußten jedoch alle die Unmöglichkeit
einer Bundeszollverwaltung zugestehen, und der badische
Minister selbst ließ den Plan seines geistvollen Untergebenen
fallen. Darauf neue wütende Ausfälle Marschalls, so grob
und ungeschlacht, daß Bernstorff beim Schluß der Konferenzen
dem Bundesgesandten schrieb: »es würde unter der
Würde unseres höchsten Hofes sein, diesem in keiner Hinsicht
achtungswerten Manne irgendeine gegen seine Person gerichtete
Empfindlichkeit zu äußern«, Goltz möge sich also
dem nassauischen Kollegen gleichgültig fern halten. Nunmehr
protestierte auch Fritsch im Namen der Thüringer
wider Preußens Enklavensystem und verlangte, jedem Produzenten
müsse gestattet werden, seine Erzeugnisse überall
in Deutschland frei abzusetzen, jedem Konsumenten, seinen
Bedarf auf dem nächsten Wege zu beziehen. Dazwischen
hinein fuhr der Köthener Herzog, dessen anmaßendes Benehmen
Bernstorff nicht grell genug schildern konnte, mit
wiederholten geharnischten Verwahrungen. Er klagte, man
lasse ihn alle Lasten des preußischen Zollwesens tragen, nicht
die Vorteile, während es doch lediglich an ihm lag, auf Preußens
Anerbietungen einzugehen und auch der Vorteile teilhaftig
zu werden. Er drohte die auswärtigen Garanten der
Bundesakte anzurufen zum Schutze der »über allem Angriff
erhabenen Sache« des uralten Hauses Anhalt. Schließlich
verweigerte er geradezu der Schlußakte seine Unterschrift,
wenn ihm der Bund nicht die »freie Kommunikation mit
Europa« sicherstellte: »so lange die Herzöge von Anhalt sich
in einer drückenden unfreiwilligen Zinsbarkeit gegen einen
mächtigen Nachbarstaat befinden, kann für dieses alte Fürstenhaus
keine Bundesakte und also auch keine Schlußakte existieren.«
</p>

<p>
Inmitten dieses Gezänks bewahrte Graf Bernstorff vornehme
Ruhe und aufrichtigen Freimut. Er beklagte laut,
daß die Bundesakte durch ihre allgemeinen Versprechungen
unerfüllbare Erwartungen geweckt habe. Fest und stolz wies
<pb n="054"/><anchor id="Pg054"/>
der preußische Minister jede ehrenrührige Zumutung zurück:
von der Aufhebung des neuen Gesetzes könne gar nicht die
Rede sein. Zugleich wiederholte er unermüdlich in immer
neuen Umschreibungen die in der Staatszeitung veröffentlichten
Gedanken. Es sei »unmöglich, eine solche Einigung
anders als durch allmähliche Vorbereitung und die mühsamste
Ausgleichung streitender Interessen bewirkt zu sehen«. Nur
Verträge zwischen den Einzelstaaten könnten dem wirtschaftlichen
Elend steuern. »Geschieht dieses im Süden wie im
Norden von Deutschland, und werden diese Versuche unter
der Mitwirkung und Pflege des Bundes gemacht, so läßt es
sich wohl denken, daß man auf diesem freilich langsamen,
aber vielleicht einzig möglichen Wege dahin gelangen werde,
die jetzt bestehenden Scheidewände aus dem Wege zu räumen
und in Beziehung auf Handel und Verkehr diejenige Einheit
der Gesetzgebung und Verwaltung hervorzubringen, welche
ein Verein nebeneinander bestehender freier und besonderer
Staaten, wie ihn der Deutsche Bund bildet, irgend zulassen
kann.« Auf die Schmähungen des Kötheners bemerkte er
trocken, daß in Dresden bereits seit mehreren Monaten eine
Konferenz der Elbuferstaaten tage; dort allein sei der Ort,
die Frage der freien Elbschiffahrt zum Austrage zu bringen.
</p>

<p>
Wahrlich, ein historischer Augenblick! Der große Kampf
zweier Jahrhunderte, der alte unversöhnliche Gegensatz
österreichischer und preußisch-deutscher Politik erneuerte sich
in diesen unscheinbaren Händeln, noch ohne daß die Kämpfer
den tiefen Sinn des Streites begriffen &hellip; Die ganze Zukunft
deutscher Politik hing daran, daß Preußens verständige Redlichkeit
triumphierte über dies Bündnis der Unklarheit und
der Lüge. Und Preußen siegte.
</p>

<p>
Da die Gegner nur in ihrem Hasse, nicht in irgendeinem
positiven Gedanken übereinstimmten, so errang Bernstorff
bereits am 10.&nbsp;Februar einen durchschlagenden Erfolg in dem
handelspolitischen Ausschusse der Konferenz; er bewog den
Ausschuß, seine Anträge auf einige »mehr vorbereitende als
entscheidende, keinen künftigen bundesförderlichen Beschlüssen
vorgreifende Bestimmungen zu beschränken«. Der Ausschuß
beantragte demnach lediglich, daß der Bundestag,
dem Artikel 19 gemäß, die Beförderung des Handels als einen
der Hauptgegenstände seiner Tätigkeit ansehen solle. Nur
<pb n="055"/><anchor id="Pg055"/>
über die Freiheit des Getreidehandels, welche Preußen
schon vor drei Jahren in Frankfurt befürwortet hatte, schienen
jetzt alle Teile endlich einig, und der Ausschuß schlug vor,
die Frage durch schleunige Vereinbarung zu erledigen. Als
diese Anträge am 4.&nbsp;März in der Konferenz zur Verlesung
kamen, da brach, sobald der Name des Bundestags erklang,
einer der Anwesenden in lautes Lachen aus, und die ganze
Versammlung stimmte fröhlich ein. Und diese Staatsmänner,
die ihr Urteil über die Leistungsfähigkeit des Bundestages
so unzweideutig bekundeten, hatten sich soeben noch vermessen,
das preußische Zollgesetz durch einen Bundesbeschluß aufzuheben!
Die Anträge des Ausschusses wurden angenommen,
und um auch den widerspenstigen Köthener zu gewinnen,
fügte man noch ein Separatprotokoll hinzu, kraft dessen
die beteiligten Staaten sich verpflichteten, die Beschlüsse des
Wiener Kongresses über die Flußschiffahrt unverbrüchlich
zu halten, die Verhandlungen deshalb tätig zu betreiben.
</p>

<p>
Über die Freiheit des Getreidehandels setzte man ebenfalls
ein besonderes Protokoll auf, aber Metternich vereitelte
schließlich auch diesen einzigen heilsamen Plan, in dem sich
alle Parteien zusammenfanden. Er schob die Entscheidung
immer wieder hinaus, und als die Konferenz endlich zum
Beschlusse schreiten wollte, da war Kaiser Franz, zum lebhaften
Bedauern seines Ministers, bereits nach Prag abgereist.
Arglos meldete Bernstorff einige Tage später, die Erwiderung
Sr.&nbsp;Majestät sei noch immer nicht eingetroffen. Die Konferenz
mußte auseinandergehen, ohne das Protokoll abzuschließen.
Erst gegen Mitte Juni lief die österreichische Antwort
beim Bundestage ein. Der gute Kaiser, der sich gegen
F.&nbsp;List so väterlich über das Wohl des deutschen Vaterlandes
geäußert hatte, meinte jetzt trocken: das Wiener Protokoll
»sei eigentlich nur bestimmt, die Veranlassung zur weiteren
Entwickelung der darin ausgesprochenen Grundsätze zu
geben«; man brauche also nicht förmlich darüber abzustimmen,
sondern solle nur sogleich die vorbehaltene Beratung am Bundestage
beginnen. Dies geschah denn auch. In einem salbungsvollen
Präsidialvortrage feierte Buol<note place="end">
Joh. Rudolf Freiherr v.&nbsp;Buol-Schauenstein, geb.&nbsp;21.&nbsp;November
1763, gest.&nbsp;12.&nbsp;Februar 1834, von 1816&ndash;1823
Bundespräsidialgesandter, nachher Staatminister und Präsident der Hofkommission.</note> die Reize des freien
<pb n="056"/><anchor id="Pg056"/>
Getreidehandels; seine Worte waren aber so allgemein gehalten,
daß selbst der harmlose Goltz sofort bemerkte, Österreich
hege Hintergedanken. Darauf beriet der Bundestag
mit gewohnter Emsigkeit weiter, und nach einem Vierteljahr
(5.&nbsp;Oktober) beschloß er, zunächst Nachrichten über den
Stand der Gesetzgebung in den Einzelstaaten einzuholen.
Der freie Getreidehandel verschwand in jenem geheimnisvollen
Schlunde, in dessen Tiefen die ewig unvollendeten
Bundesbeschlüsse gebettet lagen. Das waren Österreichs
Liebesdienste zum Besten der deutschen Verkehrsfreiheit. &mdash;
</p>

<p>
Der Verlauf der Konferenzen selbst bestätigte durchweg,
was Bernstorff vorhergesagt: daß ein Bund ohne politische
Einheit keine gemeinsame Handelspolitik treiben könne. Angesichts
dieser Erfahrungen begannen einige der süddeutschen
Staatsmänner sich doch endlich mit den Ratschlägen Bernstorffs
zu befreunden. Eingepreßt zwischen den Mautlinien
Frankreichs, Österreichs, Preußens, vermochte die Volkswirtschaft
des Oberlandes kaum mehr zu atmen, zumal da noch
keiner der süddeutschen Staaten, außer Bayern, ein geordnetes
Zollwesen besaß. Die Frage ließ sich nicht mehr abweisen,
ob man nicht zunächst versuchen solle, diese zerstückelten Gebiete
in einem handelspolitischen Sonderbunde zu vereinigen,
also genau dasselbe zu tun, was man soeben dem preußischen
Staate als Bundesfriedensbruch vorgeworfen hatte. Den
ersten Anstoß zu solchen Plänen gab der wackere du Thil;
noch späterhin pflegte der Darmstädter Hof sich dieses Verdienstes
gern zu rühmen. Aber erst durch Berstetts rührige
Tätigkeit gewann der Gedanke Leben. Der Badener hegte,
wie du Thil, die ehrliche Hoffnung, daß aus diesem Sonderbunde
»nach und nach ein Ganzes« hervorgehen werde;
indes dachte er auch an Retorsionen gegen die preußischen
Zölle und gab eine kurz abweisende Antwort, als Bernstorff
ihm versicherte, mit einem süddeutschen Zollverein werde
Preußen gern Handelsverträge abschließen. Auch Marschall
ließ sich auf den Plan nur ein, weil er erwartete, daß Süddeutschland
nunmehr mit vereinter Kraft den Zollkrieg
gegen Preußen eröffnen werde. Württemberg endlich
spielte mit Triasplänen und hoffte, den politischen Bund des
<pb n="057"/><anchor id="Pg057"/>
konstitutionellen »reinen Deutschlands« aus dem Handelsverein
hervorgehen zu sehen &mdash; ein Gedanke, der weder in
München noch in Darmstadt Anklang fand.
</p>

<p>
Bei solcher Verschiedenheit der politischen Absichten
konnte Berstett nach langwierigen vertraulichen Beratungen
nur einen bescheidenen Erfolg erreichen. Am 19.&nbsp;Mai verpflichteten
sich die beiden süddeutschen Königreiche, Baden,
Darmstadt, Nassau und die thüringischen Staaten, noch
im Laufe des Jahres Bevollmächtigte nach Darmstadt zu
senden, welche dort auf Grund einer unverbindlichen Punktation
über die Bildung eines süddeutschen Zollvereins verhandeln
sollten. Mehr wollte der vorsichtige Zentner, der sein
bayrisches Zollgesetz behüten mußte, schlechterdings nicht versprechen.
Immerhin war jetzt doch ein Weg betreten, der aus
dem Elend der Binnenmauten vielleicht hinausführen konnte.
Die liberale Presse begrüßte dankbar die patriotische Tat
ihrer Lieblinge. Der allzeit vertrauensvolle List sah das Ideal
der deutschen Zolleinheit bereits nahezu verwirklicht, und
als er bald darauf nach Frankfurt kam, fand er seinen Gönner
Wangenheim<note place="end">Karl August Freiherr v. Wangenheim, geb. 14. März 1773,
gest. 19. Juli 1850, von 1817&ndash;1823 württembergischer Gesandter
am Bundestage.</note> in einem Rausche des Entzückens: so trug
das reine Deutschland der gesamten Nation doch endlich die
Fackel voran! Minder hoffnungsvoll, aber durchaus wohlwollend
beurteilte Bernstorff den Entschluß der süddeutschen
Höfe. Er versicherte Berstett seiner Zustimmung; denn gelang
es den Mittelstaaten, ihr zerrüttetes Verkehrsleben
aus eigener Kraft zu ordnen, so blieb für die Zukunft eine
Verständigung mit Preußen möglich. Seinem König schrieb
er: trotz manchen feindseligen politischen und staatswirtschaftlichen
Hintergedanken bestehe für Preußen kein Grund, das
Unternehmen zu mißbilligen, zumal da das Gelingen noch
sehr fraglich scheine.
</p>

<p>
Der Versuch, das preußische Zollgesetz durch ein Machtgebot
des Bundes zu vernichten, war gescheitert. Doch
unterdessen führte der Köthener Herzog seinen Schmuggelkrieg
wider die preußischen Mauten wohlgemut weiter und
hemmte dadurch zugleich die Verhandlungen über die Elbschiffahrt.
Wie oft hatten einst die Fremden gespottet über
<pb n="058"/><anchor id="Pg058"/>
die <hi rend="antiqua">furiosa dementia</hi><note place="end">Den rasenden
Wahnsinn.</note> der Deutschen, die sich ihre herrlichen
Ströme durch ihre Zölle selber versperrten! Erst seit Frankreich
das linke Rheinufer an sich riß, ward dies sprichwörtliche
Leiden Deutschlands etwas gelindert. Im Jahre 1804 wurde
statt der alten drückenden Rheinzölle das Rheinoktroi eingeführt,
das im wesentlichen nur bestimmt war, die Kosten
der Strombauten und der Leinpfade<note place="end">Unter Leinpfaden
versteht man die an schiffbaren Wasserläufen
angelegten Wege, von denen aus Schiffe mittels einer am
Maste befestigten Leine stromaufwärtsgezogen oder »getreidelt«
werden (daher auch Treidelwege genannt).</note> zu decken, und diese
neue Ordnung bewährte sich so gut, daß der Wiener Kongreß
sie auch für die anderen konventionellen Ströme Deutschlands
als Regel vorschrieb. Seitdem war die Weserschiffahrt in der
Tat frei geworden: nach einem langen Streite mit Bremen ließ
sich Oldenburg durch die Vermittlung des Bundestages bewegen,
auf den widerrechtlichen Elsflether Zoll endlich zu
verzichten (August 1819). Schwieriger lagen die Verhältnisse
zwischen den zehn Uferstaaten der Elbe. Die von W.
Humboldt redigierten Artikel 108&ndash;116 der Wiener Kongreßakte
stellten den Grundsatz auf, daß die Schiffahrt auf den
konventionellen Strömen frei, das will sagen: niemandem
verwehrt sein sollte, und verpflichteten die Uferstaaten, binnen
sechs Monaten Verhandlungen einzuleiten, damit die Schiffahrtsabgaben
gleichmäßig und unabänderlich, ungefähr dem
Betrage des Rheinoktrois entsprechend, festgesetzt würden.
</p>

<p>
Offenbar vermochten diese wohltätigen Verheißungen
nur dann ins Leben zu treten, wenn die Erhebung der Schiffahrtsabgaben,
wie der Artikel 115 ausdrücklich vorschrieb,
von dem Zollwesen der Uferstaaten durchaus getrennt blieb
und alle Beteiligten durch eine strenge Uferpolizei verhinderten,
daß die freie Schiffahrt zum Schmuggel in die Nachbarlande
mißbraucht würde. Nur unter dieser Bedingung konnte
Preußen, das jene Artikel der Kongreßakte als sein eigenes
Werk betrachtete, seine Hand zu ihrer Ausführung bieten;
wie durfte man &mdash; so fragte späterhin eine preußische Staatsschrift
&mdash; einem mächtigen Staate zumuten, »in seinem Herzen
einen Wurm zu dulden, der seine innere Lebenswurzel
annagt?« Nur wenn Anhalt, das von der Provinz Sachsen
<pb n="059"/><anchor id="Pg059"/>
rings umschlossen war, dem preußischen Zollsysteme beitrat,
konnte die verheißene Freiheit der Elbschiffahrt und der rechtmäßige
Ertrag der preußischen Einfuhrzölle zugleich gesichert
werden. Seit der alte Dessauer einst die sämtlichen Landgüter
seiner Ritterschaft aufgekauft, hatten sich Landbau
und Forstwirtschaft in den anhaltischen Ländchen unter der
sorgsamen Pflege ihrer Fürsten glücklich entwickelt; alle seine
natürlichen Interessen verwiesen dies blühende Gartenland,
das der Industrie noch gänzlich entbehrte, auf den freien
Verkehr mit den benachbarten gewerbereichen Bezirken
Preußens. Was der Vereinbarung im Wege stand, war allein
der tolle Souveränitätsdünkel des Herzogs von Köthen und
die weiter blickende Feindseligkeit seines Ratgebers Adam
Müller. Die »Anschließungsinsinuationen« des Berliner Kabinetts
wies der Herzog empört zurück: ob man denn nicht
einsehe, so fragte er einmal, »wie schon die bloße Unnatur
eines solchen Verhältnisses, die Unterordnung eines souveränen
Fürsten unter die Zolladministration eines benachbarten
Staates, dem Bestande eines freundschaftlichen Verhältnisses
mit der Regierung desselben durchaus ungünstig sei!«
</p>

<p>
Da mit Vernunftgründen bei diesem Hofe nichts auszurichten
war, so begnügte sich Preußen vorläufig, sein
Enklavensystem gegen Anhalt aufrecht zu halten. Alle zu
Lande nach Anhalt eingehenden Waren wurden dem preußischen
Eingangszolle unterworfen. Nur den Elbschiffern
erlaubte man Sicherheit zu stellen für die Zahlung der preußischen
Abgaben und erstattete ihnen den Betrag zurück,
falls der Verbleib der eingeführten Waren in Anhalt nachgewiesen
wurde.
</p>

<p>
Schamloser Unterschleif war die Folge dieser Erleichterung.
Der anhaltische Schleichhandel wuchs von Monat
zu Monat, und mit Ungeduld erwarteten die preußischen
Finanzmänner die vertragsmäßige Regelung dieser leidigen
Zustände, als endlich im Juni 1819 &mdash; viertehalb Jahre nach
dem Zeitpunkt, welchen der Wiener Kongreß vorgeschrieben &mdash;
die Elbschiffahrtskonferenz in Dresden eröffnet wurde. Dort
sprachen Hamburg und Österreich eifrig für die Befreiung
des Flusses, die ihnen freilich nur Vorteil bringen konnte,
da die Hansestadt gar keine Schiffahrtsabgaben erhob und die
hohen böhmischen Elbzölle auf der wenig befahrenen obersten
<pb n="060"/><anchor id="Pg060"/>
Stromstrecke nur geringen Ertrag brachten. Dänemark hingegen,
Mecklenburg, Anhalt zeigten sich schwierig. Am hartnäckigsten
aber verteidigte Hannover seinen Besitzstand;
denn das welfische Königreich überließ die Sorge wie die
Kosten für das Fahrwasser der Niederelbe großmütig dem
Hamburger Senate und erhob dafür in Brunshausen, nahe
bei Stade, einige Meilen oberhalb der Mündung, seinerseits
einen hohen Zoll von allen eingehenden Seeschiffen. Sein
Bevollmächtigter verwahrte sich feierlich gegen jeden Versuch,
dies Kleinod der Welfenkrone anzutasten: das sei ein
Seezoll, der mit der Elbschiffahrt nichts zu schaffen habe, und
nimmermehr könne die Absicht der Wiener Verheißungen
dahin gehen, »die Basis alles volkstümlichen Glücks, den
Rechtszustand zu erschüttern«. Kein Zureden half; die Konferenz
mußte den Stader Zoll ganz aus dem Spiele lassen und
nur den Stromverkehr oberhalb Hamburgs zu erleichtern suchen.
Nach zweijährigen Verhandlungen, die den preußischen Bevollmächtigen
oft der Verzweiflung nahe brachten, kam endlich
am 23.&nbsp;Juli 1821 die Elbschiffahrtsakte zustande, ein
dürftiger Vergleich, der in Form und Inhalt die Spuren
mühseliger Kämpfe verriet; immerhin wurden die bestehenden
Schiffahrtsabgaben doch etwas herabgesetzt, und der
Verkehr auf dem Strome begann sich bald zu heben.
</p>

<p>
Die preußische Regierung behauptete während dieses
unleidlichen Gezänks durchweg eine versöhnliche Haltung.
Sie gab für den Elbverkehr ihre Durchfuhrzölle auf, die einen
so wesentlichen Bestandteil ihrer Handelspolitik bildeten,
und war bereit, die Schiffahrtsabgaben noch weiter herabzusetzen
als die kleinen Nachbarn zugestehen wollten; aber
sie erklärte auch von vornherein, daß sie eine Schmugglerherberge
im Innern ihres Staates nicht dulden werde und
darum die Elbschiffahrtsakte nur unterzeichnen könne, wenn
Anhalt sich ihrem Zollwesen anschließe. Ihr Bevollmächtigter
fügte warnend hinzu: das eigene Interesse der kleinen Regierungen
gebiete ihnen, das Zollsystem des großen Nachbarstaates
zu unterstützen, »weil dadurch die zu ihren Gunsten
bestehende Zerstückelung Deutschlands in ihren nachteiligen
Folgen gemildert werden würde«. Wie flammte der kleine
Köthener Herr auf, als er diese unerhörte Äußerung preußischen
Übermuts erfuhr und gleichzeitig Bernstorff in einem
<pb n="061"/><anchor id="Pg061"/>
neuen Mahnschreiben an die Köthener Regierung offen
aussprach: »die norddeutschen Staaten haben den Schutz
für ihre Existenz, ihre Wohlfahrt und Selbständigkeit und ihre
gemeinnützigen Anstalten von Preußen zu erwarten«. Der
Herzog, der gerade mit seinem königlichen Schwager zugleich
in Karlsbad verweilte, berichtete sofort alles an Marschall.
»Ich schmeichle mir, so schrieb er, daß alle Gutgesinnten auf
meiner Seite stehen und nicht zugeben, daß es Preußen erlaubt
wird, sich alles zu erlauben. Ob einem Kabinett, das
durch einen solchen Mann repräsentiert ist, zu trauen ist,
lasse ich dahingestellt.« Dann fuhr er höhnisch fort: »das
Spaßhafteste ist, daß der König mit uns ebenso freundlich
als sonst ist« &mdash; und bat den Nassauer, auch fernerhin auf
Wittgenstein<note place="end">
Wilh.&nbsp;Ludwig Georg Graf zu Sayn-Wittgenstein, geb.&nbsp;9.&nbsp;Oktober
1770, gest.&nbsp;11.&nbsp;April 1851, von 1814&ndash;1819 Polizeiminister,
seitdem Minister des Königlichen Hauses.</note>,
»der ganz im guten Geiste ist«, wirken zu lassen,
damit die Partei, welche das Zollgesetz halte, zu Falle komme.
Im gleichen Tone antwortete Marschall: »Man hat zwar
bisher ähnliche Phrasen in dem Munde deutscher Revolutionäre
gehört, nicht aber in dem eines Repräsentanten eines
deutschen Königs. Wenn Preußen das nördliche Deutschland
und ganz Deutschland schützt, so schützt umgekehrt das nördliche
Deutschland und ganz Deutschland Preußen. Rechte
und Verbindlichkeiten sind durchaus wechselseitig. Wer das
Gegenteil behauptet, verletzt die erste und Hauptgrundlage
des Bundes und bewegt sich außerhalb des Bundes. Namentlich
hat der mächtigste der deutschen Bundesstaaten, sowohl
im Bunde als in Europa, bei jeder Gelegenheit den entgegengesetzten
Grundsatz laut ausgesprochen und bei jeder
Veranlassung geltend gemacht.«
</p>

<p>
Dieser mächtigste der Bundesstaaten trieb unterdessen
sein doppeltes Spiel weiter. Metternich, der ebenfalls in
Karlsbad anwesend war, hielt zwar, auf Preußens Wunsch,
einige Unterredungen mit dem Herzog, angeblich, um den
Streit beizulegen. Aber zur nämlichen Zeit reichte die Köthener
Regierung eine Klage beim Bundestage ein und forderte die
Herausgabe eines dem Köthener Kaufmann Friedheim gehörigen
Elbschiffes, das beim preußischen Zollamte Mühlberg
an der Kette lag, weil der Schiffer für den Betrag der
<pb n="062"/><anchor id="Pg062"/>
preußischen Zölle keine Sicherheit stellen wollte. Nachher
ergab sich &mdash; der österreichische Bevollmächtigte Münch in
Dresden mußte es selber dem preußischen Gesandten [Jordan] eingestehen
&mdash; daß Adam Müller den Friedheim zu seiner Weigerung
aufgestiftet hatte, um den Streit vor den Bundestag
zu bringen.
</p>

<p>
Da Preußen unerschütterlich blieb, so bequemten sich
die drei anhaltischen Herzöge schließlich doch zu einem Zugeständnis
und versprachen auf der Dresdener Konferenz
feierlich »zu einem Vereine mit Preußen wegen Sicherstellung
seiner Landesabgaben auf möglichst ausführbare Weise die
Hand zu bieten«. Auf dies Fürstenwort vertrauend, hielt
König Friedrich Wilhelm den Hader nunmehr für abgetan;
er ratifizierte die Akte, ließ jenes unglückliche Köthener Schiff
freigeben, also daß die Klage am Bundestage ihren Gegenstand
verlor, und Bernstorff lud die anhaltischen Höfe nochmals
ein, in Berlin wegen der Bedingungen des Zollanschlusses
zu verhandeln. Aber Monate vergingen, und kein anhaltischer
Bevollmächtigter erschien. Dem unaufhaltsamen Köthener
war es gelungen, seine wohlmeinenden Vettern von Dessau
und Bernburg<note place="end">
Anhalt zerfiel damals in die 3 Teile Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen,
Anhalt-Bernburg. Herzog von A.-Dessau war damals
Leopold&nbsp;IV. Friedrich (1817&ndash;1871), von A.-Köthen Ferdinand
(1818&ndash;1830), von A.-Bernburg Alexius Friedr.&nbsp;Christian (1796 bis
1834). Seit 1863 war das ganze anhaltische Gebiet in die Hände
Leopolds&nbsp;IV. vereinigt.</note>,
die ihr Wort halten wollten, wieder umzustimmen;
sie hatten ihm versprechen müssen, nicht ohne ihn
dem preußischen Zollsystem beizutreten, und er war inzwischen
mit seinem Adam Müller über einen neuen Betrug einig
geworden.
</p>

<p>
Da die Elbschiffahrtsakte im März 1822 in Kraft treten
sollte, so entschloß sich Minister Klewiz im Januar, das Enklavensystem
gegen Anhalt vorläufig aufzuheben, was die
Finanzpartei in Berlin schon längst gefordert, Eichhorn aber,
aus Wohlwollen gegen das Nachbarland, bisher verhindert
hatte. Man umringte demnach die drei Herzogtümer mit
preußischen Zollstellen; der Elbverkehr dagegen ward, gemäß
der Akte, freigegeben und Preußen begnügte sich, die nach
Anhalt bestimmten Schiffe einer Durchsuchung zu unterwerfen.
<pb n="063"/><anchor id="Pg063"/>
Eben auf diese Vertragstreue Preußens hatte Adam Müller
seinen sauberen Plan berechnet. Die Durchsuchung der Elbschiffe
wurde natürlich zu leerem Scheine, sobald man anhaltischerseits
unredlich verfuhr. Nun taten sich sofort mehrere
große englische Exportfirmen mit Köthener Kaufleuten zusammen,
um den Schleichhandel unter dem Schutze des
Herzogs in großem Stile zu pflegen. Das gesamte Ländchen
ward ein Schwärzerwirtshaus, ein Stelldichein für die Gauner
und Spitzbuben des deutschen Nordens. Die große Mehrzahl
der treuen Köthener segnete dankbar den Landesherrn,
der ihnen billige Waren und reichlichen Verdienst beim schmutzigen
Handel verschaffte. Wunderbar, wie sich die Verzehrungskraft
dieses glücklichen Völkchens mit einem Male hob, als
wäre ein Goldregen über das Land gekommen. Nicht lange,
und der anhaltische Konsum von ausländischen Waren verhielt
sich zu dem preußischen wie 64&nbsp;:&nbsp;1000, der von baumwollenen
Waren, die in Preußen hoch verzollt wurden, wie
165&nbsp;:&nbsp;1000, die Bevölkerung der beiden Lande stand wie
9&nbsp;:&nbsp;1000. Für die Drogen dagegen, welche das preußische
Gesetz mit einem niedrigen Zoll belegte, zeigten die Anhalter
geringere Neigung; hier stellte sich das Verhältnis nur wie
13&nbsp;:&nbsp;1000. Und bei dieser übernatürlichen Konsumtion
gingen die herzoglichen Zollbeamten dem Volke mit gutem
Beispiel voran: der Zollinspektor Klickermann in Dessau
bezog, wie Preußen aus den Listen seiner Elbzollämter
nachwies, in dem einen Jahre 1825 für seinen Hausbedarf
zollfrei auf dem Strome: 53&nbsp;Oxhoft Wein, 4&nbsp;Oxhoft Rum,
98&nbsp;Säcke und 1&nbsp;Faß Kaffee, 13&nbsp;Säcke Pigment und Pfeffer,
insgesamt an 1000&nbsp;Zentner. Mehr denn eine halbe Million
Taler im Jahre wurden durch den anhaltischen Schleichhandel
den preußischen Kassen vorenthalten; der Zollertrag in den
Provinzen Brandenburg und Sachsen stieg nachher, als Anhalt
endlich sich dem preußischen System unterworfen hatte,
bald von 3,135 auf 4,128&nbsp;Millionen.
</p>

<p>
Der Besitz einer souveränen Krone ohne Macht entsittlicht
auf die Dauer ihren Träger. Wie gründlich mußte
das Rechtsgefühl der kleinen Höfe, seit sie keinen Richter mehr
über sich anerkannten, verwüstet sein, wenn dies rechtschaffene
askanische Haus, das von jeher einer wohlverdienten allgemeinen
Achtung genoß und so viele seiner tapferen Söhne
<pb n="064"/><anchor id="Pg064"/>
in die Reihen des preußischen Heeres gesendet hatte, sich
jetzt unbedenklich erdreistete, die Gesetzgebung seines alten
treuen Beschützers durch groben Unfug zu untergraben!
Ein Unglück, daß der ehrwürdige Senior des anhaltischen
Gesamthauses, der seinem Ländchen unvergeßliche Leopold
Friedrich Franz von Dessau vor kurzem<note place="end">9.&nbsp;August 1817.</note> gestorben war; er
würde den zweifachen Vertragsbruch schwerlich geduldet
haben, denn Anhalt hatte sich auf dem Wiener Kongresse
zur Unterdrückung des Schleichhandels verpflichtet und nachher
in Dresden feierlich eine Verständigung mit Preußen
versprochen.
</p>

<p>
Um dieser letzteren Verpflichtung scheinbar zu genügen,
sendete Herzog Ferdinand endlich im Januar 1822 seinen
Hofmarschall Sternegg nach Berlin, befahl ihm, allein mit
Hardenberg zu verhandeln; mit Bernstorff zu sprechen, sei
unter der Würde des Kötheners. Der Staatskanzler aber
zwang den Abgesandten kurzweg, sich an das Auswärtige
Amt zu wenden, und dort stellte sich heraus, daß Sternegg
durchaus keine Anerbietungen wegen des Zollanschlusses zu
bringen, sondern lediglich eine Entschädigungsforderung zu
überreichen hatte. Der Schaden Köthens betrug, nach dem
billigen Maßstabe der Kopfzahl angeschlagen, etwa 40 000
Taler für drei Jahre. Der Herzog berechnete das Zehnfache
und zeigte sich hoch erstaunt, da Preußen den Köthener
Schmuggel in Gegenrechnung stellte. Nach langen, gereizten
Erörterungen rückten die Herzöge schließlich mit dem Vorschlage
heraus: Preußen möge dem enklavierten Anhalt
durch einen Gebietsaustausch auf ewige Zeiten freien Verkehr
mit Sachsen verschaffen, dann seien die drei Höfe bereit,
sich versuchsweise auf einige Jahre dem preußischen Zollsystem
anzuschließen. Sofort wies Bernstorff die »unangemessene«
Zumutung scharf zurück, der Unterhändler mußte
abziehen, und Anhalt blieb mit preußischen Zollinien umgeben.
Aber der Schleichhandel blühte fröhlich fort, die
Grenzwache Preußens war machtlos gegen den bösen Willen
der herzoglichen Behörden. Obwohl der Berliner Hof
über Adam Müllers Ränke genau unterrichtet war, so wollte
er doch schlechterdings nicht glauben, daß Fürst Metternich
<pb n="065"/><anchor id="Pg065"/>
das Treiben seines Generalkonsuls billige. Jahrelang ertrug
der preußische Adler langmütig die Bisse der anhaltischen
Maus, immer in der Hoffnung, daß die drei Herzöge endlich
noch ihr Wort einlösen würden.
</p>

<p>
Und in diesem Streite, der alle Selbstsucht, allen Dünkel,
alle Torheit der Kleinstaaterei an den Tag brachte, stand die
deutsche Presse wie ein Mann zu den anhaltischen Schmugglern.
Der Schmerzensschrei des freien Kötheners war das Wiegenlied
der deutschen Handelseinheit, die erst nach zwei Menschenaltern
auf demselben Elbstrome unter den Weherufen des
freien Hamburgers ihr letztes Ziel erreichen sollte. Mit einer
Verblendung ohnegleichen täuschte sich die Bevölkerung der
kleinen Staaten, bei jeder Wendung dieses wirrenreichen
Kampfes, regelmäßig über ihr eigenes und des Vaterlandes
Wohl, um jedesmal, sobald der gefürchtete Anschluß an Preußen
endlich vollzogen war, die Notwendigkeit der Änderung
nachträglich dankbar anzuerkennen. Ebenso regelmäßig
verdeckte der Partikularismus seine Selbstsucht hinter dem
schönen Worte der Freiheit; bald nahm er die Freiheit des
Handels, bald das freie Selbstbestimmungsrecht der deutschen
Ströme, bald auch beides zugleich zum Vorwand, und jedesmal
ließ sich die vom Liberalismus beherrschte öffentliche
Meinung durch solche hohle Kraftworte verführen.
</p>

<p>
Die unausrottbaren Vorurteile wider das preußische
Zollgesetz wirkten zusammen mit jener gedankenlosen Gemütlichkeit,
die es unbesehen für unedel hält, bei einem Kampfe
zwischen Macht und Ohnmacht die Partei des Stärkeren zu
ergreifen. Und dazu der juristische Formalismus unserer
politischen Bildung, der gar nicht ahnte, daß im Staatenverkehre
das formelle Recht nichtig ist, wenn es nicht durch die
lebendige Macht getragen wird. War denn Köthen nicht
ebenso souverän wie Preußen? Wie durfte man dieser souveränen
Macht einen Zollanschluß zumuten, der ihr freilich
nur Segen bringen konnte und sich aus ihrer geographischen
Lage mit unabwendbarer Notwendigkeit ergab, aber ihrem
freien Selbstbestimmungsrechte widersprach? Und wenn es
ihr beliebte, die Freiheit der Elbe zur boshaften Schädigung
des Nachbarlandes zu gebrauchen &mdash; in welchem Artikel der
Bundesakte war dies denn verboten? Daß Anhalt sich durch
die Wiener Verträge zur Beseitigung des Schleichhandels
<pb n="066"/><anchor id="Pg066"/>
verbunden hatte, überging man mit Stillschweigen. Bignon<note place="end">
Louis Pierre Baron Bignon, geb.&nbsp;1771, gest.&nbsp;5.&nbsp;Januar 1841,
franz.&nbsp;Diplomat und Publizist, zeitweilig als französischer Geschäftsträger
bzw.&nbsp;bevollmächtigter Minister an deutschen Höfen tätig,
nach Belle-Alliance Minister der auswärtigen Angelegenheiten.</note>,
der alte Anwalt der deutschen Kleinstaaten, trat ebenfalls
auf den Kampfplatz mit einem offenen Briefe über den
preußisch-anhaltischen Streit. Er beklagte schmerzlich, daß
Frankreich nicht mehr wie sonst vom Niederrhein her des
Richteramtes über Deutschland warten könne; aber »Frankreich
ist von der Natur bestimmt, immer zu herrschen, und
wenn es das Szepter der Macht verloren hat, so hat es doch
das Szepter der öffentlichen Meinung bewahrt«. Vor dem
Szepterträger der öffentlichen Meinung fand Preußen, wie
billig, keine Gnade. Auf diesem Wege der Usurpationen,
rief Bignon, ist das Haus der Capetinger einst schrittweis
dahin gelangt, die großen Vasallen Frankreichs zu vernichten.
Treuherzig sprach der deutsche Liberale die Warnung des
Bonapartisten nach.
</p>

<p>
Auch die Mehrheit am Bundestage kam der Klage des
Köthener Hofes, die selbst nach der Freigebung jenes Elbschiffes
nicht zurückgezogen wurde, bereitwillig entgegen.
Umsonst verwahrte sich König Friedrich Wilhelm, als er im
Sommer 1821 durch Frankfurt kam, mit scharfen Worten
wider den Vorwurf, daß er Anhalt mediatisieren wolle.
Die kleinen Höfe ließen sichs nicht ausreden: Preußen wünsche,
wie Berstett sich ausdrückte, »seine geographische Dünnleibigkeit
auf Kosten einiger Kleineren zu arrondieren«. Der
neu ernannte badische Bundesgesandte Blittersdorff<note place="end">
Friedrich Landolin Karl Freiherr v.&nbsp;Blittersdorf, geb.&nbsp;10.&nbsp;Februar
1792, gest.&nbsp;16.&nbsp;April 1861, war von 1821&ndash;1835 badischer
Bundestagsgesandter, danach bis 1843 Minister der auswärtigen
Angelegenheiten, von 1843&ndash;1848 wieder Bundestagsgesandter.</note> und die
Klügeren seiner Genossen wußten wohl, wie wenig »bei dem
bekannten Charakter des Herzogs oder vielmehr der Frau
Herzogin« auf ein verständiges Abkommen zu rechnen sei;
doch sie meinten, »dies sei die Gelegenheit für den Bundestag,
seine Dauer und Lebenskraft zu erproben«. Es galt,
Preußen zu demütigen vor einem ohnmächtigen Nachbarn;
es galt, der norddeutschen Großmacht zu beweisen, daß sie,
nach Marschalls Worten, ebenso sehr durch Köthen geschützt
<pb n="067"/><anchor id="Pg067"/>
werde, wie Köthen durch Preußen. Von den größeren Bundesstaaten
zeigte allein Bayern ein Verständnis für die Machtverhältnisse;
nachdem die Münchener Regierung soeben
selber die Schwierigkeiten der Einführung eines neuen Zollsystems
kennen gelernt hatte, meinte sie doch, daß ein kleiner
Unterschied bestehe zwischen einem Reiche und einer Enklave.
Die anderen beurteilten die Frage nach den Gesichtspunkten
des Zivilprozesses, und da die Rechtsfrage allerdings zweifelhaft
lag, so entspann sich am Bundestage eine grimmige Fehde,
die durch viele Jahre hingeschleppt, den liberalen Zeitungen
immer wieder den willkommenen Anlaß bot, Preußen als
den Friedensbrecher Deutschlands zu brandmarken.
</p>

<p>
Das also war für Preußen das Ergebnis der handelspolitischen
Verhandlungen in Wien und Dresden. Das neue
Zollgesetz war gegen den Widerstand fast aller Bundesstaaten
unverändert aufrecht geblieben, auch die Freiheit der Elbe
war notdürftig sicher gestellt, und die alte Ansicht der preußischen
Regierung, daß der Bund für den deutschen Verkehr
schlechterdings nichts zu leisten vermöge, hatte sich abermals
bestätigt. Aber ebenso fest stand auch die Erkenntnis, daß Verhandlungen
mit den einzelnen Staaten, bei ihrer gegenwärtigen
Stimmung, vorläufig ganz aussichtslos waren. Welche
unbelehrbare Gehässigkeit war dem Grafen Bernstorff entgegengetreten,
welche anmaßende Sprache hatte er anhören
müssen, erst in Wien, dann in Dresden! Nach so niederschlagenden
Erfahrungen faßte man in Berlin den verständigen
Entschluß, fortan keine Einladungen mehr ergehen zu
lassen, sondern gelassen zu warten, bis die Not den kleinen
Nachbarn die Augen öffne. In diesem Sinne erging an sämtliche
Gesandten in Deutschland die gemessene Weisung, sich
streng zurückzuhalten und auf alle handelspolitischen Anfragen
lediglich zu antworten: der König habe schon im Jahre 1818
sich zu Verhandlungen bereit erklärt, er hege noch immer
den Wunsch, andere deutsche Staaten mit seinem Zollsysteme
zu verbinden, jetzt sei es an den Nachbarn, dem guten Willen
entgegenzukommen. Eichhorn begründete diesen Entschluß
mit der Erwägung, daß die Eifersucht der Dynastien durch
Einladungen erfahrungsgemäß nur gereizt würde: »Solche
Anträge konnten zugleich als Aufforderungen zur Änderung
ihrer inneren Staatsgesetzgebung und als ihre Selbständigkeit
<pb n="068"/><anchor id="Pg068"/>
gefährdende Anmutungen mißdeutet werden.« Gegen das tiefeingewurzelte
Mißtrauen der kleinen Höfe wirkte nur eine
Waffe: ruhiger Gleichmut, der die Natur der Dinge für sich
wirken ließ. Was verschlug es auch, wenn die Presse unablässig
über Preußens selbstsüchtige Sonderstellung Wehe rief?
Von der öffentlichen Meinung, die sich noch weit verblendeter
zeigte als die Höfe, hatte die Handelseinheit des Vaterlandes
nichts zu erwarten; Preußens bester Bundesgenosse war die
wachsende Finanznot der kleinen Staaten.
</p>
<p>Quelle:
H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 29ff.
</p>
<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
</div>

<divGen type="endnotes" target="Kap03" />

<div rend="page-break-before: always" id="Kap04">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>4. Die Darmstädter Zollkonferenzen.</head>

<p>
Sehr wichtig wurde die große Handelskonferenz der süddeutschen
und einiger mitteldeutschen Kleinstaaten, welche,
den Wiener Verabredungen gemäß, am 13.&nbsp;September 1820
in Darmstadt zusammentrat. Auch hier war Wangenheim
die Unruhe in der Uhr. Unermüdlich kam er von Frankfurt
herübergeritten, immer zur Vermittlung bereit, gleich befreundet
mit dem Schutzzöllner List und dem Freihändler
Nebenius; denn aus diesem Handelstage mußte unfehlbar der
politische Bund des reinen Deutschlands hervorgehen. In der
Tat blieben die Darmstädter Verhandlungen nicht ganz unfruchtbar,
obgleich sich Pläne und Gegenpläne noch rastlos
wie die Blasen im brodelnden Wasserkessel übereinander
drängten. Sie dienten als ein Läuterungsprozeß, der die
unbrauchbaren, traumhaften Gedanken aus der deutschen
Handelspolitik ausschied. Sie boten den Teilnehmern wie
dem aufmerksam zuschauenden Berliner Hofe die Gelegenheit,
die wirtschaftlichen Interessen der Bundesstaaten kennen zu
lernen, die Bedingungen eines Handelsvereins ernstlich zu
erwägen. Aber sie lehrten auch durch ihr wiederholtes
Scheitern, daß ein Zollverein ohne Preußen unmöglich war.
Von einem binnenländischen Wirtschaftsgebiete, dem die
Küste fehlte, konnte niemals eine lebensfähige nationale
Handelspolitik ausgehen.
</p>

<p>
Kein Wunder freilich, daß die mißhandelte Nation den
ersten Versuch zur Beseitigung der Binnenmauten mit Jubel
<pb n="069"/><anchor id="Pg069"/>
aufnahm. Zahlreiche Dankadressen belohnten den hochherzigen
Entschluß der Höfe. Badische Landwirte bezeugten schon im
Voraus dem Minister Berstett: durch die Darmstädter Konferenzen
sei »der Grund gelegt zu einem glorreichen, einem
wahrhaften Nationalinstitute«. Sogar jener kluge E.&nbsp;W. Arnoldi
in Gotha, der zuerst unter den deutschen Geschäftsmännern
die nationale Bedeutung des preußischen Zollgesetzes
erkannt hatte, ließ sich jetzt durch die Zeitströmung fortreißen
und bat seinen Herzog um Anschließung an die süddeutschen
Staaten, weil Gotha den Wettbewerb der überlegenen
preußischen Fabriken nicht ertragen könne. Die
Wünsche und Erwartungen des Publikums gingen freilich
hergebrachtermaßen nach allen Himmelsrichtungen auseinander.
Der badische Handelsstand verlangte den unbedingten Freihandel:
mehr als 15 Kreuzer Zoll könne der Zentner Kolonialwaren
schlechterdings nicht ertragen. Andere ergingen sich
in den üblichen Ausfällen gegen »jene stolzen Ausländer«.
In der bayrischen Kammer beantragte der Abgeordnete
Köster eine deutsche Nationaltracht aus deutschen Stoffen;
schon in der Volksschule müsse den Kindern der patriotische
Abscheu vor ausländischen Waren eingeflößt werden. Die
Mannheimer Kaufleute dagegen hofften vornehmlich auf
harte Zölle wider den Frankfurter Handel: der Verein solle
anderen Plätzen die Vorteile gewähren, welche die stolze
Mainstadt ihren ungebührlich großen Kapitalien verdanke;
den Rheinpreußen müsse er jede Erleichterung versagen,
so lange nicht der preußische Staat dem Vereine beitrete und
der Mehrheit sich unterwerfe.
</p>

<p>
Leider wurde die allgemeine Unklarheit nur vermehrt
durch die Schriften Lists und seiner Genossen, die sich allmählich
ganz in die Irrtümer des starren Prohibitivsystems
verloren. Miller von Immenstadt forderte in einer für die
Darmstädter Konferenzen bestimmten Druckschrift (Juli 1821):
Verbot aller auswärtigen Waren, die wir selbst erzeugen oder
durch Surrogate ersetzen können; mit der Schweiz und Piemont,
mit Holland, Hannover, den Hansestädten und Holstein müsse
man sich zu verbinden suchen; der König von Dänemark
werde als treuer deutscher Bundesfürst sicherlich geneigt sein,
die Schiffe des Vereins mit seinem Danebrog zu decken. Das
alles im Namen deutscher Ehre und mit dem unvermeidlichen
<pb n="070"/><anchor id="Pg070"/>
patriotischen Pathos! Den Regierungen wurden die zudringlichen
Mahnungen des Listschen Vereins, der sich auch in
Darmstadt wieder durch Sendboten vertreten ließ, bald sehr
unbequem. Der badische Bevollmächtigte Nebenius verbot
seinem Sekretär, mit List zu verkehren, sagte dem Agitator
ins Gesicht, seine Anwesenheit sei überflüssig, errege schlimme
Gerüchte. List blieb ohne jeden Einfluß auf den Verlauf der
Beratungen, und Berstett hielt für nötig, seinem Gönner
Metternich von vornherein zu beteuern: nur das Gebot der
Selbsterhaltung, »nicht die einseitigen, trügerischen, von einer
kleinen Schar eigensüchtiger Fabrikanten ausgegangenen
Deklamationen« hätten das Darmstädter Unternehmen hervorgerufen.
</p>

<p>
Die Kabinette selbst waren mit nichten einiger als die
öffentliche Meinung, denn die verbündeten Staaten bildeten
nur scheinbar eine geographische Einheit. Sobald man den
Geschäften ernsthaft ins Auge sah, zeigte sich, daß eine natürliche
Gemeinschaft süddeutscher Volkswirtschaft, dem Norden
gegenüber, nicht bestand. Vielmehr trat wieder einmal jene
eigentümliche Stellung des Rheinlandes hervor, das so oft
schon in unserer Geschichte die heilsame Rolle des Vermittlers
gespielt hat zwischen Nord und Süd. Die kleinen oberrheinischen
Staaten waren dem rheinischen Tieflande durch
stärkere Interessen verbunden als den bayrisch-schwäbischen
Landen. Nun gar Kurhessen und Thüringen wurden nur
durch eine politische Schrulle, durch den Haß gegen Preußen,
in diese süddeutsche Genossenschaft getrieben. Darum verhielt
sich der Kasseler Hof von vornherein unlustig und ablehnend.
Die thüringischen Staaten begannen schon 1822 Sonderberatungen
in Arnstadt, doch nahmen sie gleichzeitig an den
Darmstädter Konferenzen teil und belästigten das Berliner
Kabinett mit nichtssagenden allgemeinen Anfragen &mdash; die
bare Ratlosigkeit des Nichtwollens und Nichtkönnens.
</p>

<p>
Und welch ein Gegensatz der staatswirtschaftlichen Gesetze
und Ansichten! In Baden verboten sich hohe Zölle von selbst,
weil das gesamte Land nur aus Grenzbezirken bestand und
die benachbarte Schweiz noch kein geordnetes Mautwesen
besaß. Die Regierung verstand die günstige Handelslage des
Staates geschickt auszubeuten, sie begnügte sich mit sehr
niedrigen Finanzzöllen, welche einen schwunghaften Durchfuhrhandel
<pb n="071"/><anchor id="Pg071"/>
nach Baden lockten und den Staatskassen reichen
Ertrag brachten. Die Großindustrie konnte unter diesem
Systeme freilich nicht Fuß fassen; sie galt im Finanzministerium
für überflüssig. Auch das Volk vermißte sie nicht,
da der Freihandel wohlfeile Fabrikwaren vom Auslande brachte.
Alle deutschen Nachbarn aber klagten laut; denn ein großartiger
Schmuggelhandel trieb von Baden her, namentlich auf
dem Schwarzwalde, sein Unwesen, fand bei der Regierung
unziemliche Nachsicht; manche häßliche Skandalfälle, so der
ungeheure Defraudationsprozeß der Firma Renner, erinnerten
an Köthensche Zustände. In Darmstadt herrschte
noch ein veraltetes physiokratisches System, das keine Grenzzölle
kannte und fast den gesamten Staatsaufwand aus direkten
Steuern und dem Ertrage der Domänen bestritt; der Mainzer
Handelsstand, der die Douanen Napoleons noch nicht vergessen
konnte, beschwor die Regierung, sich vor dieser Pest
zu hüten. In Nassau ging das herzogliche Domanium mit
seinen herrlichen Rebgärten und Mineralwassern jedem anderen
wirtschaftlichen Interesse vor. Daher hielt Marschall die Fabriken
für staatsgefährlich, Grenzzölle zum mindesten für bedenklich
und führte ein Akzisesystem ein, das er den Nachbarn
oft als ein finanzpolitisches Meisterwerk empfahl. Der
mächtige Beamtenstand befand sich wohl bei der unnatürlichen
Wohlfeilheit des Konsums auf dem engen Markte; nach den
Produzenten fragte niemand. Bayern dagegen besaß bereits
in Franken und Schwaben die ersten Anfänge einer aufstrebenden
Großindustrie; die bayerischen Zölle standen im
Durchschnitt etwas niedriger als die preußischen, brachten
aber geringen Ertrag wegen der unverhältnismäßigen Kosten
der Grenzbewachung. Der württembergische Gewerbefleiß
blieb hinter dem bayerischen noch etwas zurück; die Stuttgarter
Handelspolitik stand daher in der Mitte zwischen
dem Freihandel der Rheinuferstaaten und den schutzzöllnerischen
Wünschen der bayrischen Fabrikanten.
</p>

<p>
So abweichende Richtungen zu versöhnen war unmöglich
auf dem engen Raume eines süddeutschen Verbandes. Allein
ein großes freies Marktgebiet konnte die Staaten genugsam
entschädigen für die unvermeidlichen Opfer und Belästigungen,
welche jeder Zollverein anfangs den Genossen auferlegt;
und diesen einzig ausreichenden Ersatz gewann man
<pb n="072"/><anchor id="Pg072"/>
nur durch den Anschluß an Preußen, der von sämtlichen Teilnehmern
grundsätzlich verworfen wurde. »Wir alle &mdash; so
gestand du Thil späterhin selber &mdash; strebten ja einzig darnach
Front gegen Preußen zu machen.« Selbst die politische Eintracht
der Verbündeten stand auf schwachen Füßen, wie laut
auch die Liberalen den natürlichen Bund der konstitutionellen
Staaten priesen. &hellip; Es war ein Unglück für die Konferenz,
daß ihr mehrere Bundesgesandte als Bevollmächtigte angehörten
und also auch noch die Ränke und Klatschereien der
Eschenheimer Gasse in das wüste Durcheinander der Beratungen
hineinspielten. Du Thil hingegen betrieb die Verhandlungen,
wie sein greiser Großherzog, mit nüchternem
Geschäftsverstande und wollte von politischen Hintergedanken
nichts hören. Marschall und nach einigem Schwanken auch
Berstett blieben in dem politischen Fahrwasser der Hofburg.
Das Münchener Kabinett endlich zeigte keine feste Haltung.
Während Aretin<note place="end">
Adam Freiherr v. Aretin, geb. 24. August 1769, gest. 16. August
1822, war seit 1817 bayrischer Bundesgesandter.</note>,
der erste Bevollmächtigte, in Darmstadt
wie in Frankfurt vorsichtig den Spuren Wangenheims folgte
und Lerchenfeld<note place="end">Maximilian v. Lerchenfeld, geb. 16. November 1778, gest.
14. Oktober 1843, war von 1817&ndash;1825 bayrischer Finanzminister.</note>
&hellip; den süddeutschen Handelsverein ehrlich
wünschte, betrachtete Graf Rechberg<note place="end">
Aloys Graf v. Rechberg und Rothenlöwen, geb. 18. September
1766, gest. 10. März 1849, war bayrischer Minister des
Auswärtigen.</note> die Darmstädter Konferenz
mit Mißtrauen, und der zweite Bevollmächtigte Jörres,
der ganz von Rechberg abhing, tat unter der Hand das
Seinige, um die Verhandlungen zu erschweren. Mit zähem
Eigensinn hielt jeder Hof seine Forderungen fest, obschon im
Grunde noch keiner eine durchgebildete handelspolitische
Überzeugung besaß; jede Nachgiebigkeit erschien wie ein
Verrat an der eigenen Souveränität. So fehlten alle Vorbedingungen
einer Verständigung.
</p>

<p>
Ein prunkendes Aushängeschild für den Verein war rasch
gefunden. Die Handelspolitik der Verbündeten sollte auf dem
»staatswirtschaftlich-finanziellen Prinzipe« ruhen &mdash; ein schönes
Wort, dem leider jedes Kabinett einen anderen Sinn unterlegte.
Der tüchtigste Staatswirt der Versammlung, Nebenius,
<pb n="073"/><anchor id="Pg073"/>
ward auf du Thils Vorschlag beauftragt, einen Entwurf für
die Beratungen auszuarbeiten. Voll Zuversicht ging er ans
Werk; er teilte die allgemeine Ansicht der süddeutschen Bureaukratie,
daß die Beseitigung der Binnenmauten den Partikularismus
kräftigen müsse, und schrieb seinem Hofe hoffnungsvoll:
durch unseren Verein »wird den Einheitspredigern das
wichtigste und schlagendste Argument siegreich entrissen.«
Jedoch der Plan, den er am 27.&nbsp;November vorlegte, entsprach
allein dem badischen Interesse, war für alle anderen Staaten
unannehmbar. Er schlug ein System sehr niedriger Finanzzölle
vor, für den Zentner Kolonialwaren 30&nbsp;Kreuzer bis
2&nbsp;fl., für Fabrikwaren 5 bis 15&nbsp;fl. &mdash; Sätze, welche Aretin viel
zu gering fand. Der Streit blieb unlösbar, da beide Teile sich auf
unwiderlegliche Gründe stützten. Ein kleines Zollgebiet bedarf
des Freihandels, weil es die Kosten scharfer Grenzbewachung
nicht tragen kann; doch ebenso gewiß genügten die badischen
Zölle nicht, um die werdende bayrische Industrie zu schützen.
</p>

<p>
Nebenius wollte ferner alle Zölle an den Grenzen erheben,
keine Packhöfe dulden, nur die Rheinhäfen außerhalb
der Mautlinie liegen lassen. Dahinter verbarg sich die Hoffnung
der Karlsruher Bureaukratie, Kehl und Mannheim
zu Hauptstapelplätzen des Vereins zu erheben. Mit Recht
erhob Bayern lebhaften Widerspruch: nur bei ganz niedrigen
Zöllen seien Lagerhäuser entbehrlich; auch solle man die
Hoffnung auf Frankfurts Beitritt festhalten und nicht den
natürlichen Mittelpunkt des oberrheinischen Speditionshandels
zugunsten kleinerer Plätze benachteiligen. In demselben Geiste
badischer Engherzigkeit war der weitere Antrag, daß den
Grenzstaaten gestattet werde, von allen Waren, welche der
Verein zollfrei einlasse, Zölle für ihre eigne Rechnung zu
erheben. Sofort widersprachen alle rückwärts liegenden
Staaten. Auch bei der Verteilung der allgemeinen Zolleinnahmen
vergaß Nebenius den Vorteil Badens nicht, das
allerdings unter den Bundesgenossen die reichsten Zolleinkünfte
besaß. Er verlangte als Maßstab: die Kopfzahl und
die Länge der Grenzen, welche jeder Staat zu bewachen habe.
Ebenso dreist bestand Bayern auf seinem Interesse: man
müsse einen Durchschnitt suchen aus der Kopfzahl und dem
Umfange des Gebiets &mdash; weil Bayern dünner bevölkert war
als die Nachbarlande.
</p>


<pb n="074"/><anchor id="Pg074"/>

<p>
Die gesetzgebende Gewalt wollte Nebenius einer Konferenz
von Bevollmächtigten anvertrauen, die alljährlich zusammenzutreten
und mit einfacher Mehrheit zu beschließen
hätte. Der Münchener Hof aber war nicht geneigt, sich den
kleinen Mitverbündeten also zu unterwerfen; Aretin trug
das Selbstgefühl der Macht rücksichtslos zur Schau und forderte
für jede halbe Million eine Stimme &mdash; das wollte sagen: die
Stimmenmehrheit für Bayern allein &mdash; was wieder von du
Thil und den anderen Kleinen als »ein allzu naiver Versuch«
zurückgewiesen wurde. Die Zollverwaltung endlich sollte von
einem gemeinsamen Beamtentum geführt, durch eine permanente
Kommission beaufsichtigt werden. Seltsamerweise
erregte diese Zentralverwaltung zunächst geringen Anstoß.
Die schwäbische Bureaukratie sprach sogar lebhaft dafür. Dem
allmächtigen Stande der württembergischen Schreiber blieb
der Verein unheimlich, der so viele Schreiberstellen aufzuheben
drohte. Indes wenn sich das Unheil nicht abwenden
ließ, so erschien die Zentralverwaltung als das geringere
Übel; sie mußte doch aus jedem Staate eine zahlreiche Beamtenschar
anstellen. Behielten dagegen die Staaten ihre
selbständige Zollverwaltung, so hatte Württemberg nur zwei
Grenzmeilen am Bodensee zu überwachen, und die ganze
Herrlichkeit der königlichen Mautverwaltung brach zusammen!
</p>

<p>
Die Verhandlung über jene Streitfragen ward bald gereizt
und gehässig. Nebenius sprach in seinen Berichten mit sehr
ungerechter Bitterkeit über die Gegner, die doch vielfach wohlbegründeten
Einspruch erhoben. Zudem vertrat noch jeder
Staat seine eigentümlichen Wünsche. Reuß und Weimar
wollten das Geleitsgeld für ihre imaginären Harnischreiter
nicht ohne Entschädigung aufgeben. Der Kurfürst von Hessen
weigerte sich, seine Transitzölle dem Vereine zu überlassen,
forderte zum mindesten ein Präzipuum<note place="end">Eine besondere Vergütung.</note> für den starken Konsum
französischer Weine, worauf man mit der kecken Lüge
antwortete, im Oberland werde davon mehr getrunken als
in Kurhessen. Baden wollte nicht beitreten, wenn nicht
sogleich ein Handelsvertrag mit der Schweiz abgeschlossen
würde. Derweil also die Meinungen ziellos durcheinander
wogten, hofften mehrere der Kabinette, einmal selbst der
<pb n="075"/><anchor id="Pg075"/>
bayrische Hof, auf Preußens Zutritt! Wiederholt besprach man
in Darmstadt die Aufnahme der preußischen Rheinlande; dem
kreisenden Berge dieses Sonderbunds zu Lieb sollte Preußen
die schwer erkämpfte handelspolitische Einheit seines Gebiets
wieder zerreißen! &hellip;
</p>

<p>
Nachdem man sechs Monate auf die bayrischen Instruktionen
gewartet, erklärte endlich (Juli 1821) der bayrische
Bevollmächtigte, sein Hof verlange, daß das bestehende bayrische
Zollgesetz dem Vereine zur Grundlage diene. So begann
der trostlose Streit von neuem. Darauf, nach anderthalb
Jahren, bot sich eine Gelegenheit, die Lebenskraft des Vereines
zu erproben. Frankreich erließ am 23.&ndash;April 1822 ein neues
Douanengesetz, das die Interessen der oberdeutschen Staaten
offenbar feindlich verletzte, die wichtigsten Gegenstände der
Einfuhr aus Süddeutschland, Schlachtvieh und Wolle mit unerschwinglichen
Zöllen belegte. Der Schlag traf fast alle
süddeutschen Lande gleichmäßig; sollte nicht mindestens gegen
diesen Angriff gemeinsame Abwehr möglich sein? Man verhandelte
und verhandelte. Baden verbot (17.&ndash;Mai) die Weineinfuhr
auf seiner Westgrenze; Württemberg schloß sich
diesen Retorsionen an; mit Bayern war keine Verständigung
zu erzielen. In seiner Not wendete sich Berstett an Metternich,
bat die Hofburg um ihre guten Dienste in den Tuilerien.
Nach fast zwei Monaten (12.&ndash;August) erwiderte der Österreicher:
»es ist kaum zu erwähnen nötig, wie sehr bereit wir sind«,
den deutschen Bundesstaaten jede Gefälligkeit zu erweisen;
aber das französische Gesetz ist das Ergebnis der nationalen
Meinung und eines »national-ökonomischen Systems, das
faktisch das Lieblingssystem unserer Zeit geworden ist.« Das
war die Hilfe, welche Deutschlands Volkswirtschaft von
Österreich zu erwarten hatte! Zuletzt riefen die unsicheren,
vereinzelten Retorsionen der süddeutschen Höfe nur einen
neuen gehässigen Zank zwischen Bayern und Baden hervor;
denn da die bayrische Pfalz keine Mauten besaß, so mußte
Baden, um die französischen Weine wirksam zu treffen, auch
die Weineinfuhr vom bayrischen Überrhein verbieten, was
wieder bayrische Klagen veranlaßte &mdash; und so weiter ins Unendliche.
</p>

<p>
Gegen den Herbst 1822 schienen die Verhandlungen
wieder vorwärts zu rücken. Bayern, ermutigt durch einen
<pb n="076"/><anchor id="Pg076"/>
drängenden Beschluß seines Landtags, legte sich kräftig ins
Zeug; der rastlose Wangenheim brachte einen Vermittlungsantrag
ein, zugunsten der bayrischen Vorschläge. Aber noch
immer ward man nicht Handels einig, man zerrte herüber
und hinüber. Da verlor die darmstädtische Regierung die
Geduld; sie hatte ihrem Landtage baldige Regelung des Zollwesens
versprochen und erklärte jetzt (Februar 1823): wenn
man nicht endlich sich vergleiche, so werde Darmstadt für sein
eignes Haus sorgen.
</p>

<p>
Die preußische Regierung sah diesen wohlgemeinten aber
aussichtslosen Verhandlungen gelassen zu, da sie sich mit
jedem Jahre mehr von der Lebenskraft ihres eigenen Zollgesetzes
überzeugte, und ließ sich in ihrer kühlen Geringschätzung
nicht stören, als die landesüblichen Kraftreden wider
Preußens Zollsystem auch auf der Darmstädter Konferenz
erklangen. Eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes bemerkte
darüber späterhin trocken: »Man wählte in Darmstadt Preußen
zum Stichblatt, weil man dadurch die öffentliche Meinung
gewann und seine eigenen Pläne leichter durchsetzen konnte.«
Metternich hingegen, der den Darmstädter Plänen keinen
fruchtbaren Gedanken entgegenzustellen wußte, ward der Sorgen
nicht ledig. Schon vor Eröffnung der Konferenzen
ermahnte er Berstett, mindestens den Einfluß der Subalternen
und der Landstände fern zu halten. Zugleich mußte Marschall
gegen den Karlsruher Hof den Verdacht äußern, ob vielleicht
Nebenius selber zu den verkappten Demagogen gehöre. Der
badische Minister versuchte seinen Gönner zu beschwichtigen
und gab an Nebenius gemessene Weisung, sich vor allen politischen
Nebengedanken zu hüten: »Auch aus dem Einfachsten
wird Gift gesogen. Rücksichten, die mehr gefühlt als bezeichnet
werden können, verbieten, den Landtagen irgendwelche
Einwirkung zu gestatten.« Gleichwohl blieb Metternich
argwöhnisch, und sein Marschall gestand ihm wehmütig: da
der Kaufmann mit seinem beweglichen Kapitale leider nicht
einem, sondern allen deutschen Staaten angehöre, so könne
die Handelssache von den Revolutionären allerdings leicht
für ihre Einheitsträume ausgebeutet werden. Selbst der
unverkennbare Mißerfolg der Konferenzen beruhigte die
Leiter der deutschen hohen Polizei nicht: dieser Verschwörer
Wangenheim war überall, selbst das badische Land sollte er
<pb n="077"/><anchor id="Pg077"/>
zu Pferde durchstreift haben, um sich mit den liberalen Abgeordneten
zu besprechen. &hellip;
</p>

<p>
Am 3. Juli 1823 erklärte schließlich du Thil den Austritt
seines Großherzogs aus der Darmstädter Konferenz, weil
Hessen außerstande sei, die Ordnung seines Zollwesens noch
länger zu verschieben. Nassau folgte dem Beispiele. Darauf
weigerte sich Bayern, ohne Darmstadt weiter zu verhandeln;
unter lebhaften gegenseitigen Anklagen ging der Kongreß
auseinander, nach drei Jahren unerquicklichen Streites. Er
scheiterte an der Unmöglichkeit, abweichende Interessen in
engem Rahmen zusammenzuhalten.
</p>
<p>Quelle:
H.&nbsp;v.&nbsp;Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 302 ff.
</p>
<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
</div>

<divGen type="endnotes" target="Kap04" />

<div rend="page-break-before: always" id="Kap05">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>5. Motzs deutsche Handelspolitik.</head>

<p>
In das achte Jahr hinein hatte Minister Klewiz sein schweres
Amt ertragen, mit unwandelbarer Geduld die große
Steuerreform aufrecht gehalten wider zahllose Angriffe von
innen und von außen. Aber das Defizit vermochte er nicht zu
beseitigen, trotz allen neu angeordneten Ersparnissen; denn
er begnügte sich mit einer bescheidenen Stellung, die es ihm
unmöglich machte, den Staatshaushalt vollständig zu übersehen.
Er trug vor der Welt die Verantwortung für das gesamte
Finanzwesen; und gleichwohl verfügte Ladenberg<note place="end">
Philipp v. Ladenberg, geb. 15. August 1769, gest. 11. Februar
1847, seit 1817 Direktor der Generalkontrolle der Staatsausgaben,
seit 1823 Chefpräsident der Oberrechnungskammer.</note> mit
seiner Generalkontrolle selbständig über alle Ausgaben und einen
Teil der Einnahmen des Staates. Und dazu noch die unabhängige
Staatsschuldenverwaltung, bei deren Einsetzung
Klewiz nicht einmal befragt wurde. Da der Streit der Departements
einen vollständigen Etat gar nicht mehr zustande
kommen ließ, so mußte der Minister schon 1824 die für jedes
dritte Jahr versprochene Bekanntmachung des Budgets unterlassen.
Müde der ewigen Reibungen und doch zu schüchtern,
um für sich selber die gebührende Macht zu fordern, erklärte
er im Dezember 1824 dem Könige, unter den bestehenden
Ressortverhältnissen vermöge er das Gleichgewicht der Finanzen
<pb n="078"/><anchor id="Pg078"/>
nicht herzustellen, und erbat sich nachher die Oberpräsidentenstelle
in seiner sächsischen Heimat.
</p>

<p>
Der König ließ darauf (12. Dezember) den vier Präsidenten
Schön, Vincke, Motz und Schönberg den Entwurf des
neuen Etats zusenden mit der Anfrage: welche Bedenken
sie dawider hätten und welche besonderen Befugnisse sie
für den künftigen Finanzminister noch verlangten, damit
er das Gleichgewicht wieder herstellen könne. Jeder der vier
sollte antworten, als ob er selber zur Übernahme des Finanzministeriums
bestimmt sei; keiner durfte von der Befragung
der anderen etwas erfahren &hellip; Nur Motz traf in seiner Antwort
mit sicherer Hand den eigentlichen Sitz des Übels, den
Dualismus der Finanzverwaltung. Er forderte für den
Minister kurz und gut Sitz und Stimme in der Generalkontrolle,
so daß auch die Ausgabeetats nicht ohne seine Genehmigung
zustande kommen könnten; sodann ganz freie Hand
bei der Auswahl seiner Räte, endlich Zentralisation des
Kassenwesens. In zwei weiteren Denkschriften &hellip; verlangte
er ferner die Aufstellung völlig zuverlässiger Etats und erklärte
sich entschieden gegen die Wiedereinführung der Provinzialministerien.
Denn neben solchen Unterministern sei
ein mächtiger Finanzminister unmöglich; dieser müsse unmittelbar
an der Verwaltung teilnehmen, um »unverbesserliche
Mißgriffe, Einseitigkeit und Indolenz« zu verhüten: »er kann
nicht darauf beschränkt bleiben, durch Etats und Verwaltungsnormen
nur die Zukunft nach seinen Ansichten zu regeln;
auch kann es ihm nicht helfen, die Vergangenheit nach toten
Zahlen zu meistern«. &mdash;
</p>

<p>
Die Entscheidung konnte nicht zweifelhaft sein &hellip; Der
König entschied sich für Motz. Er ahnte in jenem Augenblicke
selber nicht, wie segensreich dieser Entschluß auf den Gang
der deutschen Geschichte einwirken sollte.
</p>

<p>
Motz stand in seinem 50. Jahre, als er am 1. Juli 1825
sein Amt übernahm, der einzige Staatsmann in einem Kabinett
von Geschäftsmännern<note place="end">S.&nbsp;o.&nbsp;S. 42 Anm. 1.</note>.
Auch dieser Kurhesse war
einst, wie Eichhorn, durch den Glanz der friderizianischen
Zeiten aus seiner kleinstaatlichen Heimat in den preußischen
Staatsdienst hinübergeführt worden. Eine ungleich glänzendere
<pb n="079"/><anchor id="Pg079"/>
und doch nicht minder gediegene Natur als der stille
gelehrte Maaßen, tatkräftig, wagelustig, voll kecken Selbstvertrauens,
das sich oft in beißenden Sarkasmen äußerte,
hatte der rüstige Naturalist in einer wechselreichen praktischen
Laufbahn alle Bücherweisheit verachten gelernt und doch
verstanden, die lebendigen Ideen der Zeit sich anzueignen &hellip;
Das waren seine frohesten Tage gewesen, da er als junger
Landrat auf dem Eichsfelde bald zu Pferd bald mit der
Jagdflinte auf der Schulter seinen Kreis durchstreifte und die
Bauern auf ihren Höfen besuchte, selten mit Befehlen eingreifend,
immer bereit, dem geringen Manne zu zeigen,
wie man sich selber helfen könne, denn »Selbsttätigkeit entspricht
dem energischen Charakter des preußischen Volkes.«
Dort gewöhnte er sich den Bauernstand als den Kern der
Nation zu schätzen: »lieber die drückendsten Luxusauflagen,
lieber wie Pitt alle Elemente besteuern, als den Schweiß des
Landmanns belasten.« Der Friede von Tilsit zwang ihn,
in die Dienste des verhaßten Königreichs Westfalen zu treten;
er leitete das Steuerwesen im Harzdepartement, erschien
zweimal als Deputierter bei dem Gaukelspiele des Kasseler
Landtages und beobachtete voll froher Ahnungen, wie unterdessen
der preußische Staat die Gedanken echter deutscher
Freiheit in sich aufnahm. Kaum kam die Kunde von der
Leipziger Schlacht, so rief er seine Eichsfelder wieder unter
die alten Fahnen und war sodann in Halle und Fulda bei
der Organisation der wiedereroberten Provinzen tätig.
</p>

<p>
Als Präsident in Erfurt half er nachher, jenen Zollvertrag
mit Sondershausen abschließen, der so vielen anderen zum
Vorbilde dienen sollte. Hier in Thüringen trat ihm die ganze
Hilflosigkeit der deutschen Kleinstaaterei vor Augen. Grenzenlos
war seine Verachtung gegen die kleinen Höfe. Er kannte
ihre Gesinnung genugsam aus den Schicksalen seiner eigenen
Familie, die unter dem Geize des hessischen Kurfürsten
schwer zu leiden hatte, und lernte sie noch richtiger schätzen,
als der König ihn einmal nach Kassel sendete, um die ehelichen
Zwistigkeiten im hessischen Hause &mdash; natürlich ohne Erfolg &mdash; zu
beschwichtigen. Ein stolzer Preuße von Grund aus,
freimütig, selbständig in allem, wollte er das Lob Österreichs,
das in den Beamtenkreisen gesungen wurde, niemals gelten
lassen: pfui über diese faule, unwissende, unredliche k.&nbsp;k.
<pb n="080"/><anchor id="Pg080"/>
Verwaltung. Außer Canning<note place="end">George Canning, geb. 11. April 1770,
gest. 8. August 1827,
britischer Staatsmann, Vorkämpfer für liberale Handelspolitik und
Gegner der von der heiligen Allianz vertretenen
Legitimitätsanschauungen.</note> war Motz der einzige Staatsmann
dieser Epoche, der die Hohlheit Metternichs völlig durchschaute.
Während fast alle anderen preußischen Staatsmänner
ein stilles Zagen nicht überwinden konnten, blieb
diesem frischen Geiste die frohe Zuversicht des Jahres 1813
ungeschwächt. »Ein guter Krieg wird uns wohl tun, sagte
er oft. Aber es muß ein Volkskrieg sein, und dann werden
wir Kräfte entwickeln, über die man staunen wird.«
</p>

<p>
Motz wollte die Stein-Hardenbergischen Reformen bis
in die letzten Konsequenzen vollendet sehen: eine neue Landgemeindeordnung
sollte ergänzend neben die Städteordnung
treten, die Ablösung der Grundlasten vollständig ausgeführt,
auch die Ausgleichung der Grundsteuer vollzogen werden
&mdash; um der Gerechtigkeit willen, selbst wenn der Staat dabei
Verluste erlitte &hellip;
</p>

<p>
Während seiner angestrengten Verwaltungstätigkeit in
Erfurt und nachher als Oberpräsident in Magdeburg entstanden
die Denkschriften über die Abrundung des preußischen
Staatsgebietes, über den Anschluß der kleinen Kontingente
an das preußische Heer, über die Reform der Verwaltung.
Diese rasch hingeworfenen Arbeiten zeigen schon
sein ganzes Wesen: weiten, scharfen Blick, vorurteilsfreien,
hochherzigen Patriotismus, aber auch einen Zug von genialem
Leichtsinn, der notwendig zu seinem Bilde gehört. Ohne solche
Lust am kecken Wagen und Pläneschmieden hätte er schwerlich
die Kraft gefunden, in einer Epoche der Ermattung und
Entsagung den Neubau des deutschen Staates vorzubereiten.
Die ihm näher standen, empfingen den Eindruck, daß hier
eine groß angelegte Natur, ein gedankenreicher, unruhiger,
überaus produktiver Kopf in allzu engem Wirkungskreise
sich aufzureiben drohte. Der Mann bedurfte einer großen
Tätigkeit, wenn die Ideen, die in seinem Geiste gärten,
sich abklären, wenn sein starker Ehrgeiz und seine frohe Willenskraft
sich frei entfalten sollten.
</p>

<p>
Um das Defizit zu beseitigen, hatte der König den neuen
Minister berufen. Die glückliche Lösung dieser nächsten Aufgabe
<pb n="081"/><anchor id="Pg081"/>
bildete zugleich die Vorbedingung für das Gelingen
der handelspolitischen Pläne, welche Motz seit jenem Sondershausener
Vertrage nicht mehr aus den Augen verloren hatte;
nur wenn das Gleichgewicht des Staatshaushalts gesichert
war, konnte die Krone Zollverträge von zweifelhaftem
finanziellem Erfolge wagen. In den Kreisen des hohen Beamtentums
wurde die Lage der Finanzen allgemein sehr
ungünstig beurteilt. Hatte man vor sechs Jahren schlechterdings
nicht glauben wollen, daß in Preußen ein Defizit bestehen
könne, so hielt man jetzt den Zustand für ganz verzweifelt,
weil man die Ergiebigkeit der neuen Steuern nicht
genau kannte. Motz teilte diese düstere Ansicht nicht. Er
war überzeugt, das vielbeklagte Defizit sei längst nicht mehr
vorhanden, wenn nur erst Einheit, Übersicht, Ordnung in
das Finanzwesen komme; »aber, sagte er später zu seiner
Tochter, ich hütete mich wohl, Überschüsse zu versprechen,
man hätte mich für wahnsinnig gehalten.« &mdash;
</p>

<p>
Einen minder mutigen Mann hätte die Lage des Marktes
wohl erschrecken können. Zur selben Zeit, da Motz ins Amt
trat, brach über England eine furchtbare Handelskrisis herein,
eine der schwersten Erschütterungen, welche die Handelsgeschichte
kennt. Die Eröffnung des südamerikanischen Marktes
hatte eine fieberische Spekulation erweckt, welcher nun der
natürliche Rückschlag folgte: in fünf Vierteljahren stürzten
mehr als 70 Banken und an 3600 Geschäftshäuser zusammen.
Auch Deutschland blieb von dem Unheil nicht verschont, wie
bescheiden auch sein Anteil am Weltverkehr noch war: die
große Firma Reichenbach in Leipzig und einige der ersten
Häuser Berlins gingen zugrunde. Doch was bedeutete diese
Bedrängnis des Geldmarkts neben der namenlosen Not
des deutschen Landbaues, die wie alle landwirtschaftlichen
Krisen ungleich langsamer überwunden wurde? Die Hungerjahre
waren kaum überstanden, da fielen die Preise aller landwirtschaftlichen
Erzeugnisse schnell und anhaltend. Die Zollgesetze
des Auslandes und der elende Zustand der Straßen
hemmten die Abfuhr der überreichen Ernten; selbst die
technischen Fortschritte, welche die deutsche Landwirtschaft
ihren Lehrern Thaer und Schwerz verdankte, wirkten für
jetzt nachteilig, da die Konsumtion dem gesteigerten Angebot
so rasch nicht zu folgen vermochte. Der Wert der Grundstücke
<pb n="082"/><anchor id="Pg082"/>
sank in manchen Landesteilen tiefer als einst zur Zeit
des Krieges. Nur die Schäfereien behaupteten sich noch;
Deutschland allein führte nach England über zweimal soviel
Wolle aus als alle übrigen Länder zusammen. Aber auch
dieser Vorteil drohte zu schwinden, seit die Fremden von uns
zu lernen begannen, deutsche Hirten und Schafe in Rußland,
Schweden, Frankreich, Australien verwendet wurden. Am
härtesten litt das unglückliche Altpreußen; während der
Kriegsjahre war mehr als die Hälfte seines Viehstandes
draufgegangen, jetzt stand in einzelnen Gegenden der Tagelohn
auf 3&nbsp;bis 4 Sgr., in anderen wurde der Scheffel Roggen
für 5&nbsp;Sgr. ausgeboten. Schöns Schwager, Oberst Brünneck,
suchte den Nachbarn zu helfen durch die Einführung der
Schafzucht und anderer technischer Verbesserungen; doch nur
wenige waren imstande, sich auf neue Unternehmungen einzulassen.
Auf die flehentliche Bitte der Stände gewährte der
König »dieser alten Kernprovinz« abermals außerordentliche
Unterstützungen: Chausseen wurden gebaut, große Getreideankäufe
für die Armee angeordnet, auch Magazine
angelegt, welche den Preis des Scheffels Roggen auf der Höhe
von 1&nbsp;Taler halten sollten.
</p>

<p>
Dann erlangte Schön<note place="end">Heinrich Theodor v. Schön, geb. 20. Januar 1773, gest.
23. Juli 1856, seit 1816 Oberpräsident von Westpreußen, von 1824
bis 1842 Oberpräsident der gesamten Provinz Preußen, seit 1840
gleichzeitig Staatsminister.</note> noch eine neue Bewilligung von
3 Millionen Taler zur Rettung verschuldeter Grundbesitzer.
Als guter Patriot wollte er vornehmlich die alten, mit der
Geschichte des Landes verwachsenen Geschlechter im Besitze
ihrer Stammgüter erhalten. Dieselbe Meinung vertrat
sein Freund Stägemann<note place="end">Friedr. Aug. v. Stägemann,
geb. 7. November 1763, gest.
17. Dezember 1840, im Ministerium Stein bis Dezember 1806 vortragender
Rat, seit 1809 Geh. Staatsrat im Finanzministerium und
Mitarbeiter Hardenbergs, 1817 in den Staatsrat berufen.</note>
im königlichen Kabinett; der war,
obwohl ein Anhänger der neuen Volkswirtschaftslehre, doch
von jeher der Ansicht gewesen, daß durch den Untergang der
alten Grundbesitzer der Staat selber zugrunde gehe: »es
scheint mir ganz simpel, weil ein anderer Staat daraus wird«.
Aber die bewilligte Summe reichte nicht von fern aus, obwohl
sie fast den sechszehnten Teil der gesamten Staatseinnahmen
<pb n="083"/><anchor id="Pg083"/>
ausmachte; zudem mußte die große Kreditanstalt der Provinz,
die »Landschaft«, der die bedrängten Grundherren
allesamt verschuldet waren, um jeden Preis vor dem Bankrott
bewahrt werden, wenn man nicht das ganze Land dem Verderben
preisgeben wollte. Daher befahl der König auf
Schöns Vorschlag (1824), die Unterstützungsgelder zwar
zunächst zur Rettung der alten Grundherrengeschlechter zu
verwenden; wenn es aber ganz unmöglich sei, eine Familie
im Besitze zu erhalten, dann solle sie mit einer notdürftigen
Pension abgefunden und ihr Stammgut durch die Landschaft
unter den Hammer gebracht werden.
</p>

<p>
Mit dieser fast unbeschränkten Vollmacht schritt Schön
ans Werk. Das Schicksal des altpreußischen Adels lag in seiner
Hand. Abermals, und noch stürmischer, als vor Jahren
bei der Verteilung der ersten Kriegsentschädigungsgelder,
drängte sich alles um die Gunst des Beherrschers der Provinz.
Er tat sein Bestes, viele wackere Männer vom Landadel
verdankten allein seiner Fürsorge die Erhaltung ihres Besitzes;
wo er aber die Lage für hoffnungslos hielt, da ließ er
die Landschaft unerbittlich zur Subhastation schreiten. So
geschah es, daß unter der Mitwirkung dieser wohlwollenden
Regierung die Grafen Schlieben, die Grafen Goltz und viele
andere angesehene Adelsgeschlechter von Haus und Hof verjagt
wurden &mdash; die meisten schuldlos, denn der letzte Grund
ihrer Not lag doch in den patriotischen Opfern der Kriegszeit.
Hunderte von Landgütern wurden versteigert, einmal ihrer
218 fast zu gleicher Zeit; das unmäßige Angebot drückte die
Preise so tief herab, daß die Landschaft selber nur durch Zuschüsse
des Staates sich behaupten konnte. In manchen
Teilen der Provinz wechselte die volle Hälfte der großen Güter
ihren Besitzer &hellip;
</p>

<p>
Mit diesen traurigen Wirren hatte der Finanzminister
unmittelbar nichts zu schaffen, aber an dem Ertrage der
Abgaben lernte er die Not der Landwirtschaft nur zu gründlich
kennen, obwohl der König bei allen seinen Unterstützungen
streng den Grundsatz einhielt, daß auch dem Bedürftigsten
niemals ein Nachlaß an den Staatssteuern bewilligt werden
dürfe. Um die Schwierigkeiten zu bemeistern, wollte Motz
zunächst die Lage des Staatshaushalts genau übersehen und
erneuerte daher seine alte Forderung, daß der Finanzminister
<pb n="084"/><anchor id="Pg084"/>
in der Generalkontrolle Sitz und Stimme haben müsse. Der
König suchte nach seiner Gewohnheit zu vermitteln, weil er
den verdienten alten Ladenberg nicht kränken mochte, und
ordnete an, der Finanzminister solle im Falle der Meinungsverschiedenheit
durch einen seiner Räte mündlich mit dem
Präsidenten der Generalkontrolle unterhandeln. Mit einer
solchen Halbheit konnte sich Motz nicht zufrieden geben; denn
zwischen den beiden koordinierten Behörden hatte sich längst
ein tragikomischer Wettstreit des Amtseifers entsponnen, wie
er nur in der preußischen Bureaukratie möglich ist. Die Generalkontrolle
suchte ihre Lebenskraft zu erweisen, indem sie
den Etats zahllose lächerliche Monita zusetzte, zum Domänenetat
allein 91, zum Forstetat 146, und die Kalkulatoren des
Finanzministeriums erwiderten natürlich mit gleicher Münze.
Das Gezänk war so unerträglich, daß Motz sich entschloß,
den König um seine Entlassung zu bitten, wenn ihm seine
berechtigte Forderung nicht gewährt würde. »Ich kann mich
nicht dazu verstehen &mdash; schrieb er an Lottum &mdash; die Rolle zu
übernehmen, welche Herr v.&nbsp;Klewiz viele Jahre zum Nachteil
der Finanzen des Staates ertragen hat.« Ein solches Abschiedsgesuch
galt nach den Grundsätzen des alten Absolutismus
als strafbarer Trotz, und Motz selber hielt für nötig, die Versicherung
hinzuzufügen: »ich würde der Gnade des Königs
mich selbst unwürdig erkennen, wenn ich, in Eitelkeit und
Torheit befangen, mich auf anderem Wege in meiner Dienststelle
zu konservieren bemüht sein wollte.«
</p>

<p>
Seit Stein im Frühjahr 1807 aus ähnlichem Anlaß ungnädig
entlassen worden, hatte kein Minister mehr gewagt,
in diesem Tone zu reden; selbst Hardenberg hatte nur einmal,
als er auf die Zustimmung des Königs sicher rechnen konnte,
leise mit einem Abgang gedroht. Friedrich Wilhelm brauchte
auch volle vier Monate, bis er dem neuen Minister sein
selbstbewußtes Auftreten ganz verzieh. Dann aber hatte er
sich durch Lottums Vorträge von der Unhaltbarkeit des bestehenden
Dualismus gründlich überzeugt, und da er seine
bureaukratischen Hartköpfe kannte, so ging er nunmehr sogleich
weit über die Vorschläge des Finanzministers selber
hinaus. Am 8.&nbsp;April 1826 überraschte er diesen durch die
willkommene Mitteilung: er denke die Generalkontrolle ganz
aufzuheben, ihre Geschäfte dem Finanzministerium zu übertragen.
<pb n="085"/><anchor id="Pg085"/>
Am 29.&nbsp;Mai wurde dieser Befehl vollzogen, und Ladenberg
mußte sich wehmütig mit dem Präsidium der Oberrechnungskammer
begnügen. Motz aber war jetzt endlich
Herr der Lage, und die anderen Minister empfanden bald,
daß er sich berechtigt hielt, alle Gebiete der Verwaltung
scharf zu überwachen. Der langsame Altenstein mochte
wohl Grund haben, sich über die Anmaßung des Finanzministers
zu beschweren, denn umständliche Bedachtsamkeit
reizte den stürmischen Mann leicht; doch über seine Kargheit
konnte niemand klagen. Den Anforderungen der Kunst
und Wissenschaft entsprach er, nach dem Maße der vorhandenen
Mittel, sehr freigebig; als Kamptz<note place="end">Karl Friedr.&nbsp;Heinrich
v.&nbsp;Kamptz, geb.&nbsp;16.&nbsp;September 1769,
gest.&nbsp;3.&nbsp;November 1849, seit 1824 Direktor im Justizministerium,
von 1832&ndash;1838 Justizminister, berüchtigt und verhaßt wegen seines
Eifers bei Aufspürung demagogischer Umtriebe.</note> ihn wegen der hohen
Kosten der Revision des Landrechts befragte, erwiderte er
nachdrücklich: für ein solches Werk muß in Preußen immer
Rat geschafft werden.
</p>

<p>
In jedem Zweige des Finanzwesens spürte man die
rüstigen Hände des neuen Leiters. Durch eine gründliche
Reform der Kassenverwaltung verschaffte er sich einen genauen
Überblick über alle Bestände. Das Steuerwesen ließ
er in den Händen Maaßens, des Urhebers der neuen Zollgesetzgebung.
Die beiden galten in der Beamtenwelt als
Nebenbuhler, aber sie wurden Freunde. Maaßen fügte sich
gern der raschen Entschlossenheit des jüngeren Vorgesetzten,
und dieser wußte wohl, was er der Umsicht und Sachkenntnis
des Generalsteuerdirektors verdankte. »Alles mit Maaßen«,
sagte er lächelnd, wenn ihn der besonnene Freund von einem
übereilten Wagnis zurückgehalten hatte. Unter Maaßen
arbeitete der geistreiche Ludwig Kühne<note place="end">Ludwig Samuel Kühne,
geb.&nbsp;15.&nbsp;Februar 1786, gest.&nbsp;3.&nbsp;April
1864, seit 1819 Hilfsarbeiter im Finanzministerium, seit 1820 Geh.&nbsp;Finanz-,
bzw. Oberfinanzrat. Die Übernahme des Finanzministeriums
lehnte Kühne wiederholt ab.</note>, Motzs alter Freund
von Erfurt her, der Schrecken aller Trägen und Mittelmäßigen;
wie wußte er seine Leute in Atem zu halten, wenn
er ihnen zurief: »Dummheit ist eine Gottesgabe, aber sie zu
mißbrauchen ist schändlich!«
</p>

<p>
In den Provinzen war das Steuerwesen bisher von den
<pb n="086"/><anchor id="Pg086"/>
Regierungen verwaltet worden; der König hatte indes bald
eingesehen, wie wenig das langsame Kollegialsystem sich
für diesen Zweig der Verwaltung eignet, und daher (1822)
zunächst in den beiden westlichen Provinzen das gesamte
Steuerwesen einem Provinzialsteuerdirektor unterstellt. Diese
Einrichtung bewährte sich vollständig und wurde durch Motz
auch in den übrigen Provinzen eingeführt. Die neuen Behörden
mußten nach Landesbrauch anfangs oft mit der Eifersucht
der Regierungen kämpfen, auch das Volk empfing sie
mit Argwohn, denn der Name der Zöllner hatte einen bösen
Klang, in den alten Provinzen dachte man noch mit Schrecken
an die Regiedirektoren des großen Königs. Doch bald lernte
man die Pünktlichkeit und schlagfertige Raschheit der Steuerbehörden
schätzen; am Rhein wurde der Steuerdirektor
v. Schütz sogar ein volksbeliebter Mann. Jede tiefgreifende
Steuerreform bedarf der Zeit, um ihren Wert zu erproben.
Jetzt hatte die Geschäftswelt sich nach und nach an die neuen
Abgaben gewöhnt, die Beamten Übung und Sicherheit erlangt
in den ungewohnten Formen. Auch der Schmuggel
begann nachzulassen. Etwa um das Jahr l827 konnte die
Reform als abgeschlossen und in den Volksgewohnheiten festgewurzelt
gelten.
</p>

<p>
Zu ihrer Ergänzung unternahm Motz die Neugestaltung
der Domänenverwaltung, die unter dem Drucke der großen
landwirtschaftlichen Krisis ganz in Verwirrung geraten war.
Der Minister selbst und der neue Direktor des Domänenwesens,
Keßler, bereisten persönlich sämtliche Domänen und Forsten
der Monarchie, überall jubelnd empfangen von der Jägerei
und den Pächtern, die es kaum fassen konnten, daß die Herren
in Berlin sich endlich einmal ihrer Not annahmen. Dann
überwies Motz, um mit dem alten Jammer aufzuräumen,
alle Rückstände einer besonderen Verwaltung und schloß für
das gesamte Domanium neue, billigere Pachtverträge, welche
streng eingehalten wurden, aber hunderte von Pächtern vor
dem Untergange bewahrten. Mit der Veräußerung der
Domänen verfuhr er sehr vorsichtig; nur in Westpreußen
und Posen ließ er zahlreiche Vorwerke an deutsche Kolonisten
veräußern, »um einen selbständigen und der Regierung anhänglichen
Bauernstand zu bilden«.
</p>

<p>
Das Beste blieb doch, daß man nun endlich wußte, woran
<pb n="087"/><anchor id="Pg087"/>
man war. Nach kaum drei Jahren, am 30.&nbsp;Mai 1828, konnte
Motz dem Monarchen berichten, daß statt des gefürchteten
Defizits ein reiner Überschuß von 4,4&nbsp;Millionen erzielt worden
sei, der sich nach Eingang der Rückstände auf 7,8&nbsp;Millionen
steigern müsse; 3,245&nbsp;Millionen waren bereits bar an den
Staatsschatz abgeführt, 1,172&nbsp;Millionen zu außerordentlichen
Ausgaben verwendet. Dankbar gestand er zu, ohne die
großen unter seinem Vorgänger vollzogenen Reformen würde
er nicht imstande sein, dem König so erfreuliche Ergebnisse
vorzulegen; aber er durfte sich sagen, nur er habe vermocht,
die Ernte dieser Saaten einzuheimsen, und er fühlte sich
bereits so sicher, daß er eine mäßige Verminderung der
Klassensteuer vorzuschlagen wagte: die Steuerpflichtigkeit
sollte fortan zwei Jahre später als bisher, erst mit dem sechzehnten
Lebensjahre beginnen. Auch fernerhin, so schloß
der von L. Kühne entworfene Bericht, werden die Grundsätze
der Finanzverwaltung bleiben: »Sparsamkeit und Ordnung
in den gewöhnlichen Ausgaben; Bereithaltung der
Kräfte, welche der Friede gewährt hat, für die Zeit des ersten
Krieges; Aufrechterhaltung des Kredits durch Pünktlichkeit;
Verwendung eines Teiles der Überschüsse als werbendes
Kapital für die Zukunft für den Gewerbefleiß.«
</p>

<p>
Seitdem war Motz der Achtung des Königs sicher. Bei
Hofe betrachtete man ihn als einen Emporkömmling, da sein
altes hessisches Adelsgeschlecht im preußischen Dienste neu war.
Die Partei Wittgensteins [des Polizeiministers] witterte bald den Liberalismus des
Ministers heraus; Lottum aber und die anderen Anhänger
der unbedingten Sparsamkeit tadelten seinen Leichtsinn,
weil er mit den steigenden Einnahmen auch das knappe
Ausgabenbudget allmählich um etwa 900000&nbsp;Taler erhöhte.
Wagten sich solche Vorwürfe aus dem Dunkel heraus, dann
rechtfertigte er sich stets freimütig vor dem Könige selbst,
denn ohne das Vertrauen des Monarchen könne der Finanzminister
als Aufseher der gesamten inneren Verwaltung
nicht bestehen &hellip;
</p>

<p>
In den letzten Jahren hatte Preußens Handelspolitik
auch den kleinen Nachbarn gegenüber nur wenig Erfolge
errungen. Die von preußischem Gebiete umschlossenen Kleinstaaten
<pb n="088"/><anchor id="Pg088"/>
waren durch das wüste Geschrei, das sich an den Höfen
und in der Presse wider das Zollgesetz erhob, gründlich eingeschüchtert.
Der Fürst von Rudolstadt getraute sich erst nach
drei Jahren (1822) dem verständigen Beispiele seines Sondershausener
Vetters zu folgen und mit seiner Unterherrschaft
dem preußischen Zollsystem beizutreten. Im nächsten Jahre
wurden auch zwei weimarische Ämter sowie das obere Herzogtum
Bernburg in die Zollgemeinschaft aufgenommen,
und alle Beteiligten befanden sich wohl bei dem freien Verkehr.
Aber auf den so oft verheißenen Beitritt der gesamten
anhaltischen Lande wartete man in Berlin noch immer vergeblich.
Der Köthener Herzog führte den Schmuggelkrieg
gegen seinen königlichen Schwager wohlgemut fort, ermutigt
durch die Einflüsterungen seines Adam Müller und durch
das endlose Gezänk am Bundestage. Als Müller es gar zu
frech trieb, mußte sich Hatzfeldt<note place="end">Franz Ludwig Graf
v. Hatzfeldt, geb. 23. November 1756,
gest. 3. Februar 1827, war seit 1822 preußischer Gesandter in Wien.</note>
in Wien beschweren. Metternich
gab dem Geschäftsträger sofort einen scharfen Verweis
wegen eines Benehmens, das »den bekanntlich zwischen
Österreich und Preußen bestehenden so innigen und freundschaftlichen
Verhältnissen« durchaus widerspreche, und teilte
dies Schreiben dem preußischen Hofe verbindlich mit. Müllers
geheime Weisungen lauteten aber wahrscheinlich anders; er
ließ sich in seinem Treiben keineswegs stören und fand in
der jesuitischen Umgebung der Herzogin treue Bundesgenossen.
Die Wortbrüchigkeit des kleinen Nachbarn mußte den Berliner
Hof um so tiefer verstimmen, da mittlerweile (1824)
die hohenzollernschen Fürstentümer mit Württemberg einen
Zollvertrag schlossen, genau nach dem Vorbilde der preußischen
Enklavenverträge. So schlugen die Kleinstaaten sich
selber ins Angesicht. Dieselben verständigen handelspolitischen
Grundsätze, welche Wangenheim in Frankfurt der preußischen
Regierung als eine Verletzung des Völkerrechts vorgeworfen
hatte, wurden nun in Schwaben eingeführt, und dieselbe
liberale Presse, die das preußische Enklavensystem mit
Schmähungen überhäufte, fand die Anwendung dieses Systems
in Württemberg hocherfreulich.
</p>

<p>
Sobald Motz sich in seinem neuen Amte zurecht gefunden
hatte, erklärte er dem auswärtigen Amte: Preußens Langmut
<pb n="089"/><anchor id="Pg089"/>
gegen den unredlichen kleinen Nachbarhof werde zur
Schwäche, man müsse endlich die ganze Strenge des Zollgesetzes
wider ihn anwenden (Januar 1826). Gleich nachher
baten Dessau und Bernburg um die Aufnahme einiger Ämter
in die Zollgemeinschaft und empfingen, auf Motzs Betrieb,
die Antwort: mit solchem Stückwerk sei nichts getan; wollten
die Herzöge mit ihren gesamten Gebieten beitreten, so würde
man sie willkommen heißen. Nach einiger Zögerung erschienen
nunmehr zwei anhaltische Unterhändler in Berlin,
und mit dem bernburgischen, v.&nbsp;Salmuth, einem geistreichen,
witzigen Manne, der das mönchische Unwesen des Köthener
Hofes gründlich verachtete, wurde Motz bald handelseins.
Noch im Laufe des Sommers erklärte der Herzog von Bernburg
die Unterwerfung seines gesamten Landes unter das
preußische Zollgesetz. Acht volle Jahre hatte es also gewährt
seit der Verkündigung dieses Gesetzes, bis zum erstenmal ein
ganzer deutscher Kleinstaat beitrat. Der dessauische Bevollmächtigte
aber brach die Verhandlungen ab; denn unterdessen
war Adam Müller von Köthen nach Dessau hinübergekommen,
angeblich, um in der Mulde zu baden, in Wahrheit, um den
Anschluß an Preußen zu hintertreiben.
</p>

<p>
In einem herzbrechenden Klageschreiben sprach Herzog
Leopold von Dessau, der mit einer Nichte des Königs verheiratet
war, dem Oheim sein Bedauern aus: schon vor
Jahren habe er dem Köthener Vetter versprochen, nicht ohne
ihn beizutreten. Das preußische Ministerium verlange, »daß
die enklavierten Staaten fremde Gesetze und Verwaltungsformen
unweigerlich annehmen müssen. Dies aber, Allergnädigster
König, ich wage es vertrauensvoll auszusprechen, wollen
Allerhöchstdieselben nicht. Preußens mächtiger und gerechter
Monarch, der im zweiten Artikel der Bundesakte Souveränität
und Unabhängigkeit garantierte, wird nie gestatten, daß die
Minister durch strenges Festhalten am Buchstaben des Bundesvertrages
den Geist, der sichtbar in demselben waltet, ertöten,
daß aus dem ersteren ein Rechtstitel für faktischen Zwang
entlehnt werde. Wenn ich so das kleine, auf mich gekommene
Erbe meiner Ahnen, das, erhört Gott meine und meiner
vielgeliebten Gemahlin Gebete, der Urenkel eines Königs
aus meiner Hand erhalten wird, vor E.&nbsp;K. Maj. Herzen und
Allerhöchstihren mir und meiner Gemahlin bewiesenen väterlichen
<pb n="090"/><anchor id="Pg090"/>
Gesinnungen zu verteidigen wage, so fehlt es mir
dazu nicht an einem näheren Anlaß« &mdash; worauf denn eine
lange Klage über die dem anhaltischen Lande angedrohte
»Polizeilinie« folgte. Der König aber zeigte sich sehr aufgebracht
über die Zweizüngigkeit seines Neffen. Er erinnerte
ihn daran, daß Preußen die Dresdener Elbschiffahrtsakte
erst unterzeichnet habe, nachdem die Askanier ihren Beitritt
zum preußischen Zollsystem förmlich versprochen hätten; er
forderte ihn auf, dem Beispiel Bernburgs zu folgen, und
schloß: »Auch kann ich nicht glauben, daß das in Dresden
von sämtlichen Herzögen von Anhalt gegebene Versprechen
einer Einigung durch irgendeine von ihnen späterhin gegebene
Zusage an Verbindlichkeit zu verlieren vermöchte.« Ein zweites
Schreiben des Dessauers, das sich abermals auf die hartnäckige
Weigerung des Köthener Vetters berief, blieb unbeantwortet.
</p>

<p>
Der König befahl nunmehr, dem Froschmäusekrieg ein
Ende zu machen und das anhaltische Land mit der gefürchteten
»Polizeilinie« zu umgeben, aber zugleich die beiden
Herzöge nochmals zu Unterhandlungen einzuladen. Im
März 1827 wurde die Elbe oberhalb und unterhalb Anhalts
gesperrt, von den eingehenden Schiffen die vorläufige Zahlung
der preußischen Zölle gefordert unter Vorbehalt der
Rückvergütung, falls die Waren wirklich in Anhalt verblieben.
Sofort sendete der Köthener Herzog einen Leutnant
mit einem Ultimatum nach Berlin; sei es, daß er einen
höheren militärischen Würdenträger nicht in seinem Vermögen
hatte, oder daß er Preußen verhöhnen wollte. Der
tapfere Leutnant forderte drohend die Zurücknahme der
Maßregeln binnen acht Tagen, sonst werde Köthen zu ernsteren
Mitteln greifen. Natürlich erhielt er keine Antwort;
Eichhorn und Heinrich v.&nbsp;Bülow<note place="end">Heinrich Freiherr
v. Bülow, geb. 16. September 1792, gest.
6. Februar 1846, war bis 1827 im Ministerium des Auswärtigen
hauptsächlich in den Handelssachen tätig, 1827 wurde er preußischer
Gesandter in London, 1842 Minister der auswärtigen Angelegenheiten.</note>,
Humboldts geistreicher
Schwiegersohn, der in diesen lächerlichen Händeln sein diplomatisches
Talent zuerst bewährte, setzten nur einige scharfe
Bemerkungen an den Rand des Köthener Ultimatums. Nun
brachte Köthen <hi rend="antiqua">cette affaire ennuyante</hi>, wie Bernstorff zu
<pb n="091"/><anchor id="Pg091"/>
seufzen pflegte, nochmals an den Bundestag. Wieder verteidigte
die gesamte Presse den unschuldigen Kleinstaat, den
hochherzigen Beschützer der Schwärzer und der Schwarzen;
wieder trat in der Eschenheimer Gasse<note place="end">
In der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt a. M. befand sich
das Taxissche Palais, in dem die Bundesversammlung tagte.</note>
ein Ausschuß zusammen
unter dem Vorsitz des k.&nbsp;k. Gesandten. Wieder ward ein Bericht
zugunsten Köthens erstattet, und wieder mußte der
preußische Gesandte<note place="end">Karl Ferd. Friedrich v. Nagler,
geb. 1770, gest. 13. Juni 1846,
der schöpferische Organisator des preußischen Postwesens, war von
1824&ndash;1835 preußischer Gesandter am Bundestag.</note>
eine scharfe Erwiderung verlesen. Nagler
sagte geradezu, seine Regierung sei durch den Kommissionsbericht
in der Überzeugung von ihrem Rechte unerschütterlich
befestigt worden. Bernstorff aber erklärte: »Dazu haben
sich große Staaten mit den kleinen nicht in einen Verein zusammengetan,
damit diese nur ihre, bei vernünftigem Gebrauch
unantastbare Souveränität nach Willkür und jeder
überspannten Einbildung ausüben dürfen.« Österreich zeigte
bei alledem eine sehr zweideutige Haltung. Adam Müller
wurde zwar auf längere Zeit beurlaubt, doch im übrigen
tat die Hofburg gar nichts zur Unterstützung Preußens; ihr
Gesandter Graf Trauttmansdorff beschwerte sich sogar über
die angeordneten Zwangsmaßregeln.
</p>

<p>
Die kleinen Höfe ergriff ein jäher Schrecken, da sie so
unsanft an die natürlichen Schranken ihrer Souveränität erinnert
wurden. In einem verzweifelten Briefe fragte Großherzog
Georg von Strelitz seinen königlichen Schwager, ob
er denn wirklich den Bestand des Deutschen Bundes gefährden
wolle. Friedrich Wilhelm aber ließ sich nicht beirren. Er
sendete dem Schwager (Juli 1827) eine Denkschrift, welche
nochmals die ganze Nichtswürdigkeit der anhaltischen Schleichhandelspolitik
darstellte, und sagte: daraus möge er lernen,
»daß das Interesse meiner Untertanen die getroffenen Maßregeln
gebieterisch erheischte, daß ich dazu vollkommen berechtigt
war, und daher weder die Aussprüche der Bundesversammlung
noch das Urteil des Publikums in und außer
Deutschland, sondern nur die Nachgiebigkeit der anhaltischen
Fürsten eine Änderung hervorbringen können.« Dann hob
er mit seinem geraden Verstande noch einmal den Kern des
<pb n="092"/><anchor id="Pg092"/>
Streites heraus: »E.&nbsp;K. Hoheit wird außerdem einleuchten,
daß, wenn sich die Interessen eines Staates von 30 bis 40&nbsp;000
Einwohnern mit denen von 12 Millionen in Konflikt befinden,
es in der Natur der Verhältnisse liegt, daß der erstere nachgebe,
sobald ihm eine vollständige Entschädigung geboten wird.
Sollte der Bund die aus einer übel verstandenen Souveränität
hergeleiteten Anmaßungen kleiner Staaten gegen mächtigere
nicht in die gehörigen Schranken zurückweisen, so
würde für diese das Bundesverhältnis bald unerträglich
werden und der Bund, wie E.&nbsp;K.&nbsp;H. bemerken, allerdings
in Gefahr schweben.«
</p>

<p>
Mittlerweile begannen die beiden bedrängten Kleinfürsten
doch zu merken, daß sie den ungleichen Kampf nicht
durchführen konnten. Sie beschlossen, ihr verpfändetes Wort
endlich einzulösen, und erklärten sich zu Unterhandlungen
bereit. Am 17.&nbsp;Juli 1828, nach neunjährigen Schmuggelfreuden,
<hi rend="gesperrt">traten Dessau und Köthen dem preußischen
Zollsystem bei</hi>. Beide Landesherren bedauerten in gefühlvollen
Manifesten, ihre geliebten Untertanen so schwer belasten
zu müssen; der Köthener berief sich auf »unabwendbare
Umstände«, der aufrichtigere Dessauer &mdash; mit jener zynischen
Gemütlichkeit, die dem deutschen Kleinfürsten nicht verargt
wird &mdash; auf »die Interessen seines Kammerhaushalts«.
Alle diese Enklavenverträge gewährten den kleinen Höfen
einen nach der Volkszahl abgemessenen Anteil am Ertrage
der preußischen Ein- und Ausfuhrzölle, außerdem noch
allerhand Ehrenrechte &mdash; das Landeswappen neben dem
preußischen für die Zollämter und was der Eitelkeiten mehr
war &mdash; aber durchaus keinen Anteil an der Zollgesetzgebung.
Nur Dessau und Köthen behielten sich das Recht des Widerspruchs
vor, falls die Grundsätze und Grundlagen des Zollgesetzes
verändert würden &mdash; ein Satz, der glücklicherweise
gar nichts bedeutete. Ebenso harmlos war die Klausel, wonach
Dessau und Bernburg nur für sechs Jahre beitreten
sollten. Motz und Eichhorn wußten wohl, wie wenig an einen
Wiederaustritt zu denken sei; so gönnte man den Kleinen
das erhebende Bewußtsein, daß sie sich nicht für ewige Zeiten
unterworfen hätten. In der Tat begann in den anhaltischen
Ländern der ehrliche Erwerb wieder zu gedeihen, und bald fühlte
jedermann, die natürliche Ordnung der Dinge sei hergestellt.
</p>


<pb n="093"/><anchor id="Pg093"/>

<p>
Noch während diese anhaltischen Händel schwebten, eröffnete
sich für Preußen plötzlich die Aussicht, auch größere
deutsche Staaten in seine Zollgemeinschaft aufzunehmen. Gewitzigt
durch die niederschlagenden Erfahrungen der Wiener
Konferenzen, hatte der Berliner Hof während der letzten Jahre
gelassen abgewartet, ob die Not der Finanzen einen der
Mittelstaaten bewegen würde, sich freiwillig dem preußischen
Zollsystem anzuschließen. Eine solche Politik gewährte zugleich
den Vorteil, daß Preußen verschont blieb vor den unzähligen
Zollvereinsplänen, welche gleich Nebelgestalten,
rasch gebildet und rasch zerfließend, an den kleinen Höfen
auftauchten und oftmals auch an die preußischen Gesandten
herantraten. Leichtfertiges Pläneschmieden war von jeher
das Vorrecht der Ohnmacht. Ein Staat, der eine große
nationale Idee vertrat, durfte auf die Mückenseigerei nassauischer
und meiningischer Staatsdilettanten sich nicht einlassen.
Ein einziger von Preußen übereilt abgeschlossener Zollvertrag,
der die Probe nicht bestand und sich wieder auflöste, hätte
die Höfe wie die Nation vollends abgeschreckt und die preußische
Handelspolitik auf Jahre hinaus gelähmt. Nur wenn
ein Mittelstaat, Dünkel und Mißtrauen überwindend, selber
in Berlin positive Anerbietungen stellte, dann allein ließ
sich glauben, daß er durch gewichtige Interessen bestimmt
werde und ein dauerhafter Bund möglich sei.
</p>

<p>
Aus dem Ränkespiel Adam Müllers erfuhr man überdies,
welche Kräfte an den kleinen Höfen ihr Wesen trieben
und beschloß daher, alle Verhandlungen über Zollsachen
nur in Berlin zu führen. Nur in Berlin fanden sich die kundigen
Fachmänner, deren, und das reiche statistische Material,
dessen man zur Lösung so vieler verwickelten Einzelfragen
bedurfte. Nur hier war man leidlich gesichert gegen die
Umtriebe der Hofburg, wie gegen die Vorurteile der kleinen
Dynastien. Der Aufenthalt in einem ernsten Gemeinwesen
übt immer einen wohltätig ernüchternden Einfluß,
und selbst in jener stillen Zeit bewährte Preußen diese
erziehende Kraft. In den Gesandtschaftsberichten läßt sich
deutlich verfolgen, wie die kleinen Diplomaten stets mit
mißtrauischem Zagen den verrufenen Berliner Boden betraten
und schon nach wenigen Monaten ein unbefangenes,
ja wohlwollendes Urteil über die preußischen Dinge sich
<pb n="094"/><anchor id="Pg094"/>
bildeten. Graf Bernstorff blieb mit den Gesandten der Mittelstaaten
immer auf gutem Fuße, selbst wenn das Verhältnis
zu den Kabinetten sich trübte.
</p>

<p>
Sodann lernte man aus dem unglücklichen Verlaufe der
Darmstädter Zollkonferenzen, daß Zollverhandlungen mit
mehreren Staaten zugleich, bei der großen Verschiedenheit
der Interessen, keinen Erfolg versprechen. Seitdem stand in
Berlin der Entschluß fest, immer nur mit einem einzelnen
Staate über Zollfragen zu verhandeln, mit mehreren nur
dann, wenn diese sich bereits zu einer handelspolitischen
Einheit verbunden hätten. Diese streng eingehaltene Regel
erlitt eine einzige Ausnahme. Die kleinen thüringischen
Lande konnten vereinzelt weder eine Zollgrenze bewachen,
noch als Träger eines handelspolitischen Interesses gelten.
Darum hatte das Berliner Kabinett schon im Jahre 1819
dem Gothaer Hofe die Bildung eines thüringischen Vereins
empfohlen &mdash; ein Vorschlag, dessen Berechtigung selbst auf
den Darmstädter Konferenzen von dem sachkundigen badischen
Bevollmächtigten anerkannt wurde. Allen anderen
Staaten gegenüber blieb der Grundsatz der Einzelverhandlungen
aufrecht.
</p>

<p>
Über die handelspolitischen Pläne der Mittelstaaten war
der Berliner Hof sehr genau unterrichtet; denn an mehreren
der kleinen Höfe bestand eine einflußreiche preußische Partei,
in München und Stuttgart mindestens ein tiefer Groll gegen
Österreich, der unseren Geschäftsmännern zustatten kam.
Dazu der landesübliche Nationalhaß des Nachbars gegen
den Nachbar; wie ließ sich ein Geheimnis bewahren, wenn
heute ein darmstädtischer, morgen ein badischer Minister
sich gedrungen fühlte, seine gerechte Entrüstung über Bayerns
oder Württembergs anmaßende Vorschläge in den schweigsamen
Busen des wohlwollenden preußischen Gesandten aus
zuschütten? Der Karlsruher Posten diente als die beste
Warte, um den Wandel der kleinen Gestirne zu beobachten.
Die Teilnahme Preußens an dem geplanten süddeutschen
Zollverein befürwortete in Berlin niemand, weil man ihn
für hoffnungslos hielt. Dagegen wurde wiederholt und ernstlich
die Frage erwogen: unter welchen Bedingungen Preußen
mit größeren Nachbarstaaten einen Zollbund abschließen
könne? Klewiz beantwortete sie in einem Gutachten vom
<pb n="095"/><anchor id="Pg095"/>
27.&nbsp;Juni 1822 dahin: Nur unter drei Bedingungen können wir
die Nachbarstaaten in unseren Verband aufnehmen. Wir
müssen fordern: »Annahme unserer Branntweinsteuer und
einer angemessenen Biersteuer«, nur dann wird der Verkehr
aller Schranken ledig. Ferner »ein sehr überwiegendes Vorrecht
für Preußen bei Bestimmung der Ein-, Aus- und Durchgangsabgaben«.
Endlich »die Douanenlinie in jenen Ländern
muß ganz von uns abhängen«, da die bisherige Zollverwaltung
der Nachbarstaaten keine Bürgschaft gibt für die gewissenhafte
Ausführung der Gesetze. Begreiflich genug, daß ein
preußischer Minister für seinen Staat eine solche handelspolitische
Hegemonie wünschte. Bald aber erkannte man in
Berlin, wie wenig die Mittelstaaten gesonnen waren, eine
»fremde« Verwaltung in ihren Ländern zu ertragen, und
stimmte daher seine Ansprüche herab.
</p>

<p>
Im Jahre 1824 verhandelten die drei Ministerien des
Auswärtigen, des Handels und der Finanzen nochmals über
die Frage, »wie sich Preußen bei den Zollvereinsunternehmungen
zu verhalten habe.« Geh&nbsp;Rat Sotzmann, der
Sohn des bekannten Geographen, eines der ersten Talente
der Finanzverwaltung, und H.&nbsp;v.&nbsp;Bülow faßten das Ergebnis
der Beratung in einer großen Denkschrift zusammen, welche
schon mehrere Hauptgrundsätze der späteren Zollvereinsverfassung
aufstellte. Sie erklärten: der Anschluß an Preußen
könne auf zwei Wegen erfolgen &mdash; entweder durch vollständige
Unterwerfung, wie sie in Bernburg geschehen sei,
oder durch eine freiere Verbindung. Einem größeren Staate
dürfe nur die letztere zugemutet werden; doch müsse er
jedenfalls seine Zölle und Konsumtionssteuern den preußischen
gleichstellen. Der Unterschied von »Zollanschluß« und »Zollverein«
war also schon damals den preußischen Staatsmännern
geläufig, wenngleich sie die modernen Schulausdrücke noch
nicht gebrauchen. Da der Beitritt etwa von Kurhessen »nur
soviel Zuwachs bringt als ein einziger unserer Regierungsbezirke
ausmacht«, so kann der Berliner Hof die Entwicklung
seines Zollwesens von der Zustimmung eines solchen Bundesgenossen
nicht unbedingt abhängig machen. Daher soll
Preußen sich nur auf eine Reihe von Jahren binden, um bei
Ablauf der Frist über Änderungen und Zusätze sich von neuem
zu vereinbaren. Man verzichtet mithin auf jedes Vorrecht,
<pb n="096"/><anchor id="Pg096"/>
erkennt die volle Gleichberechtigung des kleinen Bundesgenossen
an und behält sich nur das Recht der Kündigung
vor, als unentbehrliches Gegengewicht. Jeder der beiden
Staaten ernennt seine Zollbeamten selbst, doch werden sie
beiden Regierungen verpflichtet. Der Plan, die Grenzbewachung
allein in Preußens Hände zu legen, war mithin
aufgegeben. Nur noch ein kleiner Schritt weiter, und man
mußte erkennen, daß auch die doppelte Vereidigung der Zollbeamten
dem Dünkel der kleinen Höfe unerträglich sei, bloß
eine gegenseitige Kontrolle der Zollverwaltung sich erlangen
lasse. Preußen hatte sein letztes Wort noch nicht gesprochen;
die Denkschrift verhehlte nicht, daß der Berliner Hof gefaßt
sein müsse auf noch größere Zugeständnisse. »Wird nur
der Zweck erreicht &mdash; die wirkliche Einführung des preußischen
Zoll- und Konsumtionssteuersystems und die Verfolgung
der Kontraventionen &mdash;, so kann man über Formalitäten,
die durch öffentliche Unterordnung der jenseitigen
Souveränitätsrechte anstößig werden dürften, leichter hinweggehen.«
Zum Schluß wird ein wichtiger Gedanke entwickelt,
den das preußische Kabinett fortan getreulich festhielt
und weiter verfolgte: Sollte Kurhessen nur gegenseitige
Eingangsbegünstigungen wünschen, so wäre dies für Preußen,
wegen unserer höheren Zölle, nicht bloß kostspieliger, sondern
auch gefährlicher; die völlige Verschmelzung der beiden Zollsysteme
bleibt in jeder Hinsicht vorzuziehen. &mdash; In der Tat,
nicht die Höhe der Binnenzölle lähmte den deutschen Handel,
sondern das Dasein der Binnenmauten selber; jede Reform,
die nicht an diese Wurzel des Übels die Axt legte, blieb ein
Mißgriff.
</p>

<p>
Leider hatten diese verständigen Grundsätze für den Augenblick
gar keine Wirkung; denn die Verfasser der Denkschrift
hielten sich noch buchstäblich an das Programm von 18l9.
Sie wollten in gerader Linie »von Grenze zu Grenze« vorgehen,
von dem nächsten Nachbar zu dem entfernteren. Was
schien auch einfacher als der Plan, zunächst die angrenzenden
Staaten zu gewinnen, die im unmittelbaren Bereich
der preußischen Macht lagen, und dann erst zu versuchen,
ob das geeinte Norddeutschland vielleicht mit dem Süden
sich verständigen könne? Und doch war dieser gerade Weg
ganz ungangbar. Die Denkschrift selber gesteht, daß der
<pb n="097"/><anchor id="Pg097"/>
allen Neuerungen abgeneigte Dresdner Hof sich, schon wegen
der Leipziger Messen, dem preußischen Zollwesen fernhalten
werde. Hannover, als ein Brückenkopf Englands, wird gar
nicht erwähnt, ebensowenig das dänische Holstein. Thüringen
»ist auf Preußen angewiesen«, muß sich aber, wie in einem
besonderen Promemoria ausgeführt wird, zuvörderst zu einem
Verein zusammentun, der dem preußischen Zollsystem als
»Vorland und Deckwerk« dienen soll. Darmstadt »grenzt
nicht an uns«, selbst sein Oberhessen kann nur in Betracht
kommen, wenn Kurhessen gleichzeitig beitritt. &mdash; Nach alledem
blieb als nächstes erhebliches Ziel nur der Beitritt von
Kurhessen samt Waldeck, und sogar dies war unerreichbar,
denn der hessische Kurfürst zeigte, nachdem er es eine kurze
Zeit mit einem verständigen Zollsystem versucht hatte, dem
großen Nachbarstaate bald wieder die alte Gehässigkeit. Solange
in Berlin diese Ansichten vorherrschten, die offenbar
mit dem alten unseligen Gedanken der Mainlinie zusammenhingen,
ließ sich eine Erweiterung des Zollsystems über die
kleinen Enklaven hinaus nicht absehen.
</p>

<p>
Erst durch Motz wurde der Bannkreis dieser norddeutschen
Ideen durchbrochen. Hierin und in der Beseitigung des Defizits,
die eine Handelspolitik großen Stils erst ermöglichte,
liegt sein bleibendes Verdienst. Er zuerst unter den preußischen
Staatsmännern verfiel auf die Frage: ob nicht in dem wunderlichen
Durcheinander unserer Kleinstaaterei der Umweg vielleicht
rascher zum Ziele führe als die gerade Linie? ob man
nicht die Nachbarn, die nicht zu überzeugen waren, vielmehr
umgehen und umklammern müsse? Der kühne Spieler
kam mit seinen Bauern auf dem Brette nicht vorwärts und
ließ darum die Springer vorgehen. Er faßte sich das Herz,
sobald eine günstige Stunde kam, über Kurhessen und die
anderen unmittelbaren Nachbarn hinweg den süddeutschen
Staaten die Hand zu reichen. In einer Zeit, da die amtliche
deutsche Welt den ewigen Bund zwischen Österreich und
Preußen für ein unverbrüchliches Gesetz ansah, ging er geradeswegs
auf das Ziel los, das gesamte Deutschland mit Ausschluß
Österreichs durch das unzertrennliche Band wirtschaftlicher
Interessen unter der Führung Preußens für immer zu vereinigen
und also die Befreiung von der Herrschaft des Hauses
Lothringen vorzubereiten. Sobald dieser Entschluß feststand,
<pb n="098"/><anchor id="Pg098"/>
war das Eis gebrochen. Der steile Weg war betreten, der die
Handelspolitik Preußens rasch von Erfolg zu Erfolg führen
sollte.
</p>
<p>Quelle:
H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 453 ff., 477 ff.
</p>
<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />
</div>

<divGen type="endnotes" target="Kap05" />

<div rend="page-break-before: always" id="Kap06">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine.</head>

<div id="Kap06a">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>a) <hi rend="hgesperrt">Die Stuttgarter Zollkonferenzen.</hi></head>

<p>
Als die Darmstädter Konferenzen im Sterben lagen,
gaben die kleinen thüringischen Staaten die Erklärung ab:
wenn man in Darmstadt sich nicht vereinige, so sähen sie sich
genötigt, einen bereits verabredeten bedingten Vertrag auszuführen
und »einen in sich geschlossenen Handelsstaat« zu
bilden &mdash; »eine Selbsthilfe, welche das Bild der Zwietracht,
das Deutschlands Staaten darstellen, zur höchsten Vollendung
zu bringen gemacht wäre.« Und wahrlich, der Süden bot
einen jammervollen Anblick nach dem Abbruch der Darmstädter
Verhandlungen. Jedes Kabinett ging trotzig und verstimmt
seines eigenen Weges. Die darmstädtische Regierung
versuchte noch einmal (Februar 1824), die oberrheinischen
Höfe zur Annahme gleichförmiger Zollgesetze zu bewegen;
da dies mißlang, gab sie ihrem Lande eine selbständige Zollordnung,
welche, dem Volke verhaßt, kaum 80000 Gulden
jährlich einbrachte. Der kluge du Thil hatte diesen armseligen
Ertrag vorhergesehen, er wollte sich aber für künftige Zollverträge
ein Unterhandlungsmittel sichern. Auch Württemberg
führte im selben Jahre ein neues Zollgesetz ein, das dem
bayrischen nahe stand. Das Schmuggelgeschäft in Frankfurt
und in Baden blühte wie nie zuvor. Törichte Retorsionen
belästigten den Verkehr. Als Württemberg mit der
Schweiz über einen Handelsvertrag verhandelte, sendete
Baden sofort einen Bevollmächtigten nach Zürich, um den
Fortgang des Geschäftes argwöhnisch zu beobachten. In der
Schweiz herrschte dasselbe Elend germanischer Zersplitterung;
konkordierende und nicht konkordierende Kantone fanden
des Haders kein Ende, die Verhandlungen rückten kaum von
der Stelle.
</p>

<p>
Nur der Stuttgarter Hof gab in diesem Zeitraum allgemeiner
<pb n="099"/><anchor id="Pg099"/>
Zerfahrenheit die Triasträume und Zollvereinspläne
nicht auf. Der württembergische Gesandte in München,
Freiherr von Schmitz-Grollenburg, ein rühriger Liberaler,
gleich seinem Gönner Wangenheim begeistert für den Bund
der Mindermächtigen, ließ nicht ab, das bayrische Kabinett
um Wiederaufnahme der Verhandlungen zu bitten. Eine
geraume Zeit hindurch fand er keinen Anklang; sein Freund
Lerchenfeld konnte nicht aufkommen gegen Rechberg, der
rundweg aussprach, eine gemeinschaftliche Zollgrenze sei entwürdigend
für die rückwärtsliegenden Staaten. Auch bestand
im altbayrischen Volke wenig Neigung mehr für die Zollvereinspläne;
die öffentliche Meinung verlor das Vertrauen
zu den immerdar vergeblichen Unterhandlungen.
</p>

<p>
Immerhin hatten die Darmstädter Beratungen die Lage
etwas geklärt. Süddeutschland zerfiel in zwei Gruppen. Die
beiden Königreiche auf der einen, die Rheinuferstaaten auf
der anderen Seite, waren sich der Gemeinschaft ihrer Interessen
bewußt geworden. Eben diese Sonderung zweier Gruppen
führte dann zu neuen Einigungsversuchen. Baden
schloß mit Darmstadt (10. September 1824) einen Vertrag,
der den eigenen Produkten der beiden Staaten einige Erleichterung
gewährte, und sendete sodann seinen Nebenius
zu gleichem Zwecke nach Württemberg. Der badische Bevollmächtigte
ward in Stuttgart sehr unfreundlich aufgenommen
und wochenlang hingehalten, da der württembergische Unterhändler
stets zur unpassenden Stunde unwohl wurde. Gekränkt
und verstimmt dachte er schon heimzureisen; da erfuhr
er endlich, daß Württemberg inzwischen schon eine neue
geheime Verhandlung mit Bayern begonnen habe. Die Nachricht
von dem badisch-hessischen Vertrage hatte den Münchener
Hof mit schwerer Sorge erfüllt. Man fürchtete die Führerschaft
im Süden zu verlieren und geriet in Unruhe wegen
der Rheinpfalz; diese unzufriedene Provinz forderte dringend,
fast drohend eine Verständigung mit den Rheinuferstaaten,
die für ihr Handelsinteresse weit wichtiger seien als die
altbayrischen Lande. Überdies hatte Blittersdorff den unsterblichen
Artikel 19 und die Handelssache soeben am Bundestage
wieder zur Sprache gebracht; und obwohl dies nur ein
Zeichen der Ratlosigkeit war, so wollte doch Bayern jede Einmischung
des Bundes abschneiden. So geschah es, daß Schmitz-Grollenburgs
<pb n="100"/><anchor id="Pg100"/>
Anträge jetzt in München einer günstigeren
Stimmung begegneten. König Max Joseph<note place="end">Maximilian
I., Joseph, König von Bayern von 1805&ndash;1825,
geb. 27. Mai 1756.</note> gestattete, daß
der württembergische Geheimrat Herzog nach München kam.
Während man Nebenius in Stuttgart mit leeren Ausflüchten
vertröstete, ward an der Isar über einen süddeutschen Zollverein
verhandelt.
</p>

<p>
Schon am 4. Oktober 1824 kam dort ein vorläufiger Vertrag
zustande; im folgenden Monat traten die Bevollmächtigten
der beiden Königreiche in Stuttgart zusammen, um die
Vereinbarung endgültig festzustellen. Gewitzigt durch den
ziellosen Meinungswirrwar der Darmstädter Konferenzen,
zogen Bayern und Württemberg diesmal vor, zunächst unter
sich ins reine zu kommen, dann erst die kleinen Nachbarn
zum Beitritt aufzufordern. Ein richtiger Gedanke, sicherlich,
doch die Heimlichkeit des Verfahrens verletzte die oberrheinischen
Höfe. In Karlsruhe wie in Darmstadt prahlte man gern:
wir können Bayerns entbehren, Bayern nicht unser, da wir
seine Verbindung mit der Rheinpfalz beherrschen. Um so
bitterer empfand man das rasche Vorgehen des Münchener
Hofes. Um »den Prätensionen der königlichen Höfe« entgegenzutreten,
eilte Berstett nach Frankfurt, besprach sich dort mit
Marschall. Gleich darauf (19.&nbsp;November 1824) hielten
Berstett, Nebenius, du Thil und Hoffmann in Heidelberg
eine geheime Zusammenkunft, welche der badische Minister
selber in einem vertrauten Briefe »ein Gegengift« gegen die
bayrisch-württembergischen Umtriebe nannte.
</p>

<p>
Das hier vereinbarte Protokoll, dem nachher auch Marschall
beitrat, wurde bedeutungsvoll für die Geschichte der
deutschen Handelspolitik; denn hier spielte der Partikularismus
seinen höchsten Trumpf aus, er stellte seine letzte und
schwerste Bedingung auf. Die verbündeten Staaten verpflichteten
sich, in fester Gemeinschaft vorzugehen und vornehmlich
bei dem Verlangen zu beharren, daß jeder Staat
seine Zollverwaltung selbständig führe; nur unter dieser Bedingung
sei ein Zollverein möglich. Baden, das doch in Wien
und in Darmstadt selber eine Zentralverwaltung vorgeschlagen
hatte, hielt jetzt die entgegengesetzte Forderung am hartnäckigsten
<pb n="101"/><anchor id="Pg101"/>
fest. Die beiden Königreiche hatten ihr Mißtrauen gegen
die allzu nachsichtige badische Zollverwaltung oft und in verletzender
Form ausgesprochen. Der Karlsruher Hof fühlte
sich dadurch tief gekränkt und &mdash; er fürchtete die Anwesenheit
bayrischer Zollbeamten in seinem bedrohten pfälzischen Gebiete.
Wir wollen, schrieb Berstett an du Thil, schlechterdings
keinen <hi rend="antiqua">status in statu</hi><note place="end">Staat im Staate.</note>,
kein Funktionieren fremder Beamten
in unserem Gebiete; und jener antwortete: auch keine Verpflichtung
der Zollbehörden für die Gemeinschaft, denn sonst
könnte der Großherzogliche Zolldirektor dem Minister sich
widersetzen! Ebenso nachdrücklich erklärte Nebenius: »Die
Frage ist ganz einfach diese, ob die Untertanen der einzelnen
Staaten in einem unmittelbaren Verhältnis zu der Gemeinschaft
stehen sollen«; hege man kein Vertrauen zu der redlichen
Verwaltung der Bundesgenossen, dann sei ein Zollverein
überhaupt undenkbar. Es war einfach die Gesinnung des
eifersüchtigen Partikularismus, die hier nackt heraustrat.
Aber dieser Partikularismus blieb die Lebensluft des deutschen
Bundesrechts. Der badisch-darmstädtische Vorschlag ergab
sich folgerecht aus dem Wesen eines Staatenbundes. Eine
Zentralverwaltung für das Zollwesen ließ sich nur denken auf
dem Boden eines Bundesstaates, eines Reiches.
</p>

<p>
Indessen hatten die beiden Königreiche ihren Entwurf
festgestellt und die oberrheinischen Kabinette zu Verhandlungen
über das Beschlossene eingeladen. Im Februar 1825
begannen die Stuttgarter Konferenzen &mdash; eine kläglichere
Wiederholung der Darmstädter Verhandlungen, von Haus
aus verdorben durch Groll und Mißtrauen. Daß Nassau
keinen redlichen Willen mitbrachte, errieten die preußischen
Diplomaten sofort; was ließ sich auch von diesem Bevollmächtigten,
dem hartköpfigen Partikularisten Röntgen<note place="end">August v. Röntgen,
geb. 10. Juni 1781, gest. 5. August 1865,
damals nassauischer Gesandter in München.</note> erwarten?
Die Darmstädtische Regierung begann schon seit
langem zu bezweifeln, ob ein süddeutscher Verein ihrem Staate
nützlich sei. Wein und Getreide, für jetzt fast die einzigen
wichtigen Ausfuhrartikel des Ländchens, fanden ihren Absatz
im Norden; und auch wenn der Verein zustande kam, blieb
Darmstadt nach wie vor ein Grenzland, überall von Mauten
<pb n="102"/><anchor id="Pg102"/>
umstellt. Kurhessen hielt sich den Konferenzen fern. Auch
der badische Bevollmächtigte Nebenius kam aus unlustig
hoffnungsloser Stimmung nicht heraus, und erschwerte die
Verhandlungen durch seine Reizbarkeit. Der bayrisch-württembergische
Entwurf nahm das bayrische Zollgesetz zur Grundlage,
gewährte den beiden Königreichen eine überwiegende
Stimmenzahl und verteilte die Einnahmen nach der Kopfzahl
der Bevölkerung. Hier erhob sich ein Streit, der wieder
ein scharfes Licht warf auf die Gesinnung der kleinen Höfe.
Sollte die Bevölkerung berechnet werden nach einer neuen
Zählung oder auf Grund der provisorischen Bundesmatrikel?
Die Matrikel diente zum Maßstab für die militärischen Leistungen
der Bundesstaaten; als man sie zusammen stellte,
ergab sich in vielen Kleinstaaten eine betrübende Entvölkerung,
eine überraschend niedrige Kopfzahl. Jetzt, da die
Zolleinnahmen nach der Stärke der Bevölkerung verteilt
werden sollte, beteuerten die kleinen Gesandten wie aus
einem Munde: die Matrikel genüge längst nicht mehr, die Zahl
der Einwohner sei inzwischen zur Freude aller Wohlmeinenden
wunderbar schnell gewachsen!
</p>

<p>
Den wichtigsten Streitpunkt bildete doch die Frage nach
den Formen der Verwaltung. Die königlichen Höfe verlangten
durchaus eine gemeinschaftliche Zentralverwaltung; sie trauten
den Beamten der kleineren Staaten nicht. Dem württembergischen
Finanzminister schien die getrennte Verwaltung schon
darum unzulässig, weil dann nur sehr geringe Zolleinnahmen
unmittelbar in seine Kassen fließen würden; wer bürgte
dafür, daß die Bundesgenossen ihre Überschüsse pünktlich
herauszahlten? Gereizt durch solches Mißtrauen, hielten die
Minister der Rheinuferstaaten abermals eine Zusammenkunft
in Mainz (Ende März 1825) und beschlossen, fest auf
dem Heidelberger Protokoll zu bestehen. Triumphierend
erzählte Marschall an Berstett, wie überlegen sein Herzog<note place="end">
Wilhelm (gest. 20. August 1839).</note>
den Kronprinzen von Bayern<note place="end">Ludwig, seit 13. Oktober 1825
König Ludwig&nbsp;I.</note> bei einem Besuche in Bieberich
abgefertigt habe. »Niemals, hatte der stolze Nassauer in
heiligem Zorne gerufen, niemals werde ich mir von Euch
in meinem Lande Gesetze vorschreiben lassen. Meine 300000&nbsp;Untertanen
<pb n="103"/><anchor id="Pg103"/>
sind mir gerade so lieb, wie Euch Eure drei
Millionen. Ich brauche Euch nicht!« &mdash; worauf der Bayer
den Austausch freundnachbarlicher Gefühle abschloß mit der
Beteuerung: »Wir brauchen Euch auch nicht!« Zugleich setzte
der Karlsruher Hof seinen ergebenen Landtag in Bewegung;
der geistreiche allezeit partikularistische Staatsrechtslehrer Karl
Salomon Zachariä<note place="end">Karl Salomon Zachariä von Lingenthal, geb. 14. September
1769, gest. 27. März 1843, Professor der Rechte an der Universität
Heidelberg, 1825 Mitglied der zweiten badischen Kammer.</note>
kämpfte auf der Rednerbühne wider die
Anmaßung der königlichen Höfe: »wer ist wohl Herr in
seinem Hause, wenn er die Herrschaft mit anderen teilt?«
Da gaben Bayern und Württemberg endlich nach.
</p>

<p>
Doch alsbald erhob sich ein neuer Zwist: um den Tarif
&mdash; ein Streit, der bei dem grundtiefen Gegensatz der Meinungen
zum Bruche führen mußte. Baden gab als höchsten
Zoll für Kolonialwaren 1&frac12;&nbsp;Gulden zu und hielt dies für ein
großes Zugeständnis, während Bayern für Kaffee 15&nbsp;Gulden
forderte; Wollenwaren dachte Bayern mit 60&nbsp;Gulden zu belasten,
Baden bewilligte nur 8&nbsp;Gulden als höchsten Satz für
Fabrikate. Vergeblich beschwor Miller von Immenstadt den
Karlsruher Hof um Nachgiebigkeit; das Prohibitivsystem
herrsche in der weiten Welt, auch Huskisson könne mit seinen
freihändlerischen Träumen nicht durchdringen. Berstett
blieb fest: »Bayern, schrieb er an Marschall, verlangt, daß
wir ohne Ersatz alle Vorteile unserer geographischen Lage
mit ihm teilen. Der König von Württemberg stimmt den
bayrischen Ansprüchen zu, um sich die Gewogenheit einer
gewissen Partei zu erhalten«. Im August 1825 erklärte
Baden seinen Austritt und verkündigte zugleich ein neues
Zollgesetz, dessen niedrige Sätze allgemeine Freude im Lande
erregten. Nassau trat ebenfalls zurück.
</p>

<p>
Auch diesmal spielten politische Bedenken mit; eine Reise
des Königs von Württemberg nach Paris erweckte die Besorgnis,
ob der Bund der Mindermächtigen vielleicht mit
französischer Hilfe ins Leben treten solle. Nebenius versicherte
späterhin, ihm habe in Stuttgart immer der Gedanke an
Deutschlands künftige Handelseinheit vorgeschwebt; hohe
Schutzzölle im Süden hätten die spätere Vereinigung mit dem
Norden erschweren müssen. Und sicherlich, wenn unter dem
<pb n="104"/><anchor id="Pg104"/>
Schutze der bayrischen Zölle eine jugendliche Industrie in
Oberdeutschland emporwuchs, so blieb dem früher entwickelten
preußischen Gewerbefleiß wenig Hoffnung, den süddeutschen
Markt für sich zu erobern; der preußische Staat verlor mithin
den einzigen Vorteil, den ihm ein allgemeiner Zollverein,
zur Entschädigung für schwere finanzielle Opfer, versprach.
Gleichwohl ist unverkennbar, daß auch der geistreiche badische
Staatswirt sich nicht frei hielt von jener allgemeinen schwarzsichtigen
Verstimmung, welche die trübseligen Stuttgarter
Konferenzen beherrschte. Von hohen Schutzzöllen war ja
gar nicht die Rede. Die von Bayern vorgeschlagenen Zölle
für Fabrikate standen erheblich unter den Sätzen des preußischen
Tarifs; die Gefahr, welche Nebenius fürchtete, lag zum
mindesten noch in der Ferne. Im nächsten Winter hat Bayern
noch einmal versucht, den Verein ohne Baden und Nassau
in Gang zu bringen. Freiherr v.&nbsp;Zu Rhein verhandelte in
Stuttgart und Darmstadt. Aber die Darmstädter Regierung
erwiderte, sie könne ohne Kurhessen nicht beitreten. Da der
Kasseler Hof sich weigerte, so war auch dieser letzte Versuch
gescheitert.
</p>

<p>
So hoffnungslos war die Lage, als König Ludwig
den Thron bestieg. Groll und Erbitterung überall. Selbst
der bescheidene Handelsvertrag zwischen Baden und Darmstadt
war schon nach Jahresfrist wieder erloschen, weil die
Behörden mit den Ursprungszeugnissen freundnachbarlichen
Mißbrauch trieben. Nach dem bayrischen Thronwechsel
schöpfte König Wilhelm von Württemberg wieder frischen
Mut. Er richtete im Dezember 1826 einen Brief an seinen erlauchten
Nachbarn, schlug ihm vor, die abgebrochenen Verhandlungen
wieder aufzunehmen und zunächst einen bayrisch-württembergischen
Verein zu stiften. König Ludwig ging
darauf ein. Da die beiden Staaten schon in Darmstadt und
Stuttgart zusammengehalten hatten und ihre Zollgesetze
nur geringe Unterschiede aufwiesen, so nahmen die im folgenden
Monat zu München begonnenen Verhandlungen
günstigen, wenngleich sehr langsamen Fortgang. Am 12.&nbsp;April
1827 wurde ein Präliminarvertrag unterzeichnet. Man beschloß,
»die angrenzenden Staaten« zum Beitritt aufzufordern
und ihnen zugleich die politische Bedeutung dieses rein deutschen
Bundes ans Herz zu legen. Der werdende Verein war
<pb n="105"/><anchor id="Pg105"/>
nicht geradezu gegen Preußen gerichtet; er wurde in Berlin
mit gelassener Ruhe angesehen. Freilich ging aus dem Wortlaut
jener Verabredung wie aus dem ganzen Verhalten der
Bundesgenossen unzweifelhaft hervor, daß an Preußens
Beitritt nicht entfernt gedacht wurde. Man hoffte Macht
gegen Macht mit Preußen über Handelserleichterung zu verhandeln
und wollte im Notfall selbst Retorsionen gegen die
preußischen Zölle anwenden. Der Verein sollte den Kern des
»reinen Deutschlands« bilden, »ein immer engeres gegenseitiges
Anschließen in allen politischen Beziehungen zur unmittelbaren
heilsamen Folge haben«, wie das bayrische
Kabinett nach Stuttgart schrieb.
</p>

<p>
Indes die angrenzenden Staaten hatten längst verlernt,
auf einen süddeutschen Verein zu hoffen, und sie fürchteten
Bayerns Führung. Am 15.&nbsp;Mai 1827 besprachen sich Berstett
und du Thil nochmals in Heidelberg; gleich darauf sendeten
die drei oberrheinischen Höfe ablehnende Antworten nach
München. Berstett erwiderte schroff, Baden wolle nicht eine
künstliche Industrie durch Schutzzölle großziehen. Der Nassauer
Hof ließ in Stuttgart seine Verwunderung aussprechen, wie
nur Württemberg ein solches »Merkantilsystem« annehmen
und einem größeren Hofe sich unterwerfen könne. Hessen-Darmstadt
aber, außerstande, sein drückendes und doch unergiebiges
Mautwesen länger zu halten, verfeindet mit Kurhessen,
voll Mißtrauens gegen die süddeutschen Nachbarn,
richtete endlich bestimmte Anträge nach Berlin. Dergestalt
haben jene Münchener Verhandlungen die entscheidende
Wendung in der Geschichte deutscher Handelspolitik herbeigeführt
&mdash; einen heilsamen Umschwung, den weder König
Ludwig noch König Wilhelm beabsichtigte.
</p>
</div>

<div id="Kap06b">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>b) <hi rend="hgesperrt">Der preußisch-hessische und der bayrisch-württembergische Zollverein.</hi></head>

<p>
Minister du Thil, der jetzt die Finanzen und die auswärtigen
Angelegenheiten seines Großherzogtums zugleich leitete,
befand sich, wie er selbst erzählt, in verzweifelter Stimmung.
Die Finanznot stieg, das Volk murrte. Die armen Leineweber
auf dem Vogelsberge bei Alsfeld hatten durch die spanische
Revolution ihren Markt verloren, das Hinterland um Biedenkopf
fand, eingepreßt zwischen preußische Gebiete, keinen
<pb n="106"/><anchor id="Pg106"/>
Absatz mehr für seine Teppiche und Wollwaren, der Mainzer
Handelsstand konnte die Last der nahen preußischen Zollstellen
kaum mehr ertragen. Im Landtage verlangten einzelne
Stimmen, wie schon vor Jahren der Abgeordnete Perrot,
eine Verständigung mit Preußen, andere befürworteten den
süddeutschen Verein. Nur darin war man einig, daß der
Staat in seiner vereinsamten Stellung nicht bleiben könne;
die Kammer sprach die Erwartung aus, daß irgendein Zollverein
zustande komme, und gab der Regierung freie Hand.
Großen Eindruck machte auf den Minister eine von dem
Fabrikanten Bayer im Vogelsberge eingereichte, vom Pfarrer
Frank verfaßte gründliche Denkschrift, die überzeugend nachwies,
daß der Warenzug des Landes überwiegend durch Preußen
gehe. Darum lehnte du Thil die bayrische Einladung ab,
obgleich Lerchenfeld zweimal von Frankfurt herüberkam und
König Ludwig persönlich im Bade Brückenau den hessischen
Staatsrat Hofmann zu überreden suchte. Immer klarer
ward ihm die Erkenntnis, daß nur der Beitritt zum preußischen
Zollsystem noch retten könne. Es war ein kühner Entschluß
für den Minister eines Mittelstaates; denn im Grunde waren
doch alle bisherigen süddeutschen Zollverhandlungen zur Abwehr
gegen das preußische Zollwesen unternommen worden,
und seit dem Köthener Streite stand an sämtlichen Höfen die
Meinung fest, daß durch eine Verständigung mit Preußen
die souveräne Würde schimpflich preisgegeben werde. Indes
der mutige Minister war gewöhnt, die Stimmungen des
Tages gering zu schätzen, er pflegte in den Landtagsverhandlungen
seine selbständige Gesinnung oft sehr scharf und nicht
ohne verletzende Ironie auszusprechen.
</p>

<p>
Aber würde Preußen auf den unerwarteten Antrag eingehen?
Schon im Sommer 1825 hatte der Darmstädter Hof
einmal in Berlin angefragt, ob Preußen geneigt sei, einen
Zollverein mit beiden Hessen abzuschließen, und sofort eine
zustimmende Antwort erhalten. Nachher war Preußen aber
wieder zurückgetreten, weil Kurhessen sich dem Plane versagte,
und damals in Berlin noch die Meinung herrschte, die
Erweiterung des Zollsystems dürfe nur »von Grenze zu
Grenze«, von dem näheren Nachbarn zu dem entfernteren
vorschreiten. Aus dieser Meinung erklärte es sich auch, daß
ein halbes Jahr darauf eine zweite, sehr unbestimmt gehaltene
<pb n="107"/><anchor id="Pg107"/>
Anfrage aus Darmstadt dahin beantwortet wurde: Verhandlungen
mit Darmstadt allein versprächen keinen Erfolg,
weil das Großherzogtum nicht an Preußen angrenze.
</p>

<p>
Von den freieren und kühneren Ansichten, welche Motz
sich inzwischen gebildet hatte, ahnte du Thil nichts. Er fühlte
sich des Erfolges so wenig sicher, daß er nicht einmal seinen
greisen Großherzog<note place="end">Ludwig&nbsp;I., geb. 14.
Juni 1753, gest. 6. April 1830.</note> zu unterrichten wagte, sondern zunächst
bei Bernstorff, mit dem er von den Wiener Konferenzen
her befreundet war, vertraulich anfragte. Bernstorff aber
kannte die Pläne des Finanzministers ebensowenig wie der
Hesse, da er seit Jahren die Handelssachen an Eichhorn zu
überlassen pflegte, und gab eine zaghafte Antwort: finanziellen
Gewinn verspreche der Vertrag für Preußen nicht, und auf
eine unbedingte Unterwerfung des Großherzogtums werde
König Friedrich Wilhelm selbst nicht eingehen wollen. Erst
als du Thil erwiderte, an eine Mediatisierung seines Großherzogs
denke er auch keineswegs, sendete Bernstorff einen
zweiten, ermutigenden Brief.
</p>

<p>
Nunmehr weihte der hessische Minister seinen Großherzog
in das Geheimnis ein und stellte bei dem preußischen
Gesandten v.&nbsp;Maltzan, der trotz wiederholter Andeutungen
nicht aus seiner Zurückhaltung herausgegangen war, am
10.&nbsp;August 1827 die förmliche Anfrage, ob man in Berlin
geneigt sei, einen geheimen Bevollmächtigten seines Hofes
zu empfangen. Die Frage lautete noch immer unbestimmt
genug, du Thil sprach nur von gegenseitigen Handelserleichterungen.
Und selbst wenn der bedrängte Darmstädter Hof,
wie zu erwarten stand, weiter ging und zu einem wirklichen
Zollverein die Hand bot, welchen Vorteil gewährte ein solcher
Bund den Finanzen und der Volkswirtschaft Preußens? Der
kleine Staat besaß kein zusammenhängendes Gebiet, grenzte
nur auf drei Stellen, auf wenige Meilen, an preußisches
Land. Eben jetzt hoffte man in Berlin, die Verträge mit den
Enklaven endlich zum Abschluß zu bringen; gelang dies,
so war ein klarer Gewinn erreicht, die Länge der Zollgrenzen
verminderte sich von 1073 auf 992&nbsp;Meilen. Trat Darmstadt
hinzu, so waren wieder 1108&nbsp;Grenzmeilen zu bewachen, während
das freie Marktgebiet sich nur um 152&nbsp;Geviertmeilen
<pb n="108"/><anchor id="Pg108"/>
vergrößerte. Eine sehr beträchtliche Vermehrung des Absatzes
preußischer Fabrikware stand nicht in Aussicht, da Darmstadt
nicht zu den stark konsumierenden Ländern zählte. Nur
die bergisch-märkische Industrie durfte auf Erweiterung ihres
Verkehrs rechnen. Im Mosellande dagegen fürchtete man die
Konkurrenz der rheinhessischen Weine. Den Staatskassen
drohte geradezu Verlust, wenn die Zolleinkünfte nach der
Kopfzahl verteilt wurden. Das kleine Nachbarland verzehrte
weit weniger Kolonialwaren, hatte bisher eine zehnmal
niedrigere Zolleinnahme bezogen als Preußen: Darmstadt
kaum 2&frac12;&nbsp;Sgr., Preußen 24&nbsp;Sgr. auf den Kopf der Bevölkerung.
</p>

<p>
Motz war gerade auf einer Dienstreise abwesend, als die
Nachrichten aus Hessen einliefen. Maaßen aber, der ihn vertrat,
durfte als schlichter Amtsverweser nur wiederholen,
was schon zweimal vom Finanzministerium erklärt worden
war: er wies die Verhandlungen über Handelserleichterungen
nicht ab, hielt jedoch einen Zollverein für unmöglich, da Hessen
allzu sehr zerstückelt sei und ein so weit abweichendes Steuersystem
besitze. Im Auswärtigen Amte dachte man mutiger.
Eichhorn fand es hochbedenklich, einen deutschen Bundesgenossen
zurückzuweisen, der in ernster Verlegenheit sich an
Preußen wende; er riet aus politischen Gründen dringend,
auf du Thils Wünsche einzugehen; nur solle nicht bloß ein
Handelsvertrag, sondern eine dauernde Verbindung geschlossen
werden. Zugleich schrieb Otterstedt<note place="end">Preußischer Gesandter am badischen
Hofe.</note> aus Karlsruhe: daß
König Ludwig bei seinem Zollverein politische Nebenpläne
verfolge, sei offenkundig; jetzt gelte es, Preußens Ansehen zu
wahren. Er verbürgte sich für du Thils Ehrlichkeit, mahnte
aber, das strengste Geheimnis bei den Verhandlungen zu
bewahren, damit nicht Österreich und Bayern vereint in
Darmstadt entgegenarbeiteten. Unterdessen war Motz heimgekehrt,
und sofort trat er mit den Plänen heraus, die ihm
während der letzten Jahre aufgestiegen waren. Der kühne
Mann erklärte sich bereit, jetzt den unvorteilhaften Vertrag
mit Darmstadt zu schließen, weil er hoffte, daß dies Beispiel
die mitteldeutschen Nachbarn nachziehen werde; auf die niederdeutschen
Staaten war ja doch nicht zu rechnen. Es ist sehr
wichtig, schrieb er dem Minister des Auswärtigen, beide
<pb n="109"/><anchor id="Pg109"/>
Hessen und alle sächsischen Regierungen, auch das Königreich,
in unser Steuersystem aufzunehmen. »Ich bin auch nicht
besorgt, daß diese einen anderen Steuerverband wählen werden,
weil ihr Finanzinteresse nur in einer Verbindung mit
uns bedeutend gewinnen und sie drückender Finanzsorgen
entheben wird. Ich hoffe und wünsche, daß Hessen-Darmstadt,
dessen Finanzverlegenheit bekannt ist und welches
hier die richtige Medizin findet, damit den Anfang machen,
und die anderen genannten Regierungen dann bald nachfolgen
werden.«
</p>

<p>
Während also die Berliner Behörden unter sich berieten,
setzten Bayern und Württemberg alle Hebel ein, um
den Kurfürsten von Hessen für ihren werdenden Verein zu
gewinnen. Drangen sie durch, so schien die Verbindung
Darmstadts mit Preußen kaum rätlich. Daher sendete du Thil
den Prinzen August Wittgenstein nach Kassel, angeblich,
wie er Maltzan sagte, um den Kurfürsten zu warnen vielleicht
auch, um für alle Fälle gedeckt zu bleiben. Am Kasseler
Hofe überwog der Widerwille gegen den konstitutionellen
Süden und die Furcht vor jeder Schmälerung der Souveränität;
Bayerns Bemühungen scheiterten.
</p>

<p>
Nun erst war das Feld frei. Der König erlaubte den
Beginn der Verhandlungen und am 6.&nbsp;Januar 1828 erschien
Staatsrat Hofmann in Berlin, derselbe, der einst bei der Begründung
der hessischen Verfassung so wirksam mitgeholfen
hatte, ein sachkundiger Geschäftsmann, von starkem Ehrgeiz,
keineswegs unempfindlich für die Vorteile, welche beim Abschluß
wichtiger Verträge dem Unterhändler zuzufallen
pflegen. Der gewandte Mann hatte verstanden, zugleich
mit den Liberalen ein gutes Einvernehmen zu unterhalten
und sich im Vertrauen seines Fürsten zu behaupten; mit
Wangenheim in Freundschaft zu leben, ohne den Großmächten
verdächtig zu werden. Die handelspolitische Verständigung
mit Preußen war ihm seit Jahren ein geläufiger Gedanke.
In der diplomatischen Welt stritt man sich, ob Hofmann in
Privatangelegenheiten eines hessischen Prinzen reise, oder
den Verkauf der Kreuznacher Saline in Berlin vermitteln
solle. So durch die Hintertür, wie der Dieb in der Nacht,
ist diese folgenreiche Entscheidung in unsere Geschichte eingetreten.
Das Geheimnis war nur zu nötig. In Darmstadt
<pb n="110"/><anchor id="Pg110"/>
wünschten zwar Minister Grolman<note place="end">Karl Ludwig Wilhelm v. Grolman,
geb. 23. Juli 1775,
gest. 14. Februar 1829, Professor der Rechte in Gießen, seit 1819
Minister des Innern und der Justiz.</note> und Prinz Emil aufrichtig
die Verständigung mit Preußen; doch die österreichische
Partei arbeitete in der Stille, ein voreiliges Wort konnte
alles verderben.
</p>

<p>
Der hessische Bevollmächtigte beantragte nur die gegenseitige
Herabsetzung einer langen Reihe von Zöllen auf ein
Zehntel der bisherigen Sätze; als unerläßliche Bedingung
stellte er den Kernsatz jenes Heidelberger Protokolls auf:
selbständige Zollverwaltung für Darmstadt. Alsbald trat
ihm Motz entgegen mit dem Bedenken: Zollerleichterungen
seien unfruchtbar, weitläufig, gefährlich; Preußen müsse die
vollständige Annahme seines Zollgesetzes verlangen. Unter
solchen Umständen mußten die Verhandlungen entweder
scheitern oder zu einem Kompromisse führen: zur Bildung
eines Zollvereins auf Grund des preußischen Zollgesetzes,
aber mit selbständiger Zollverwaltung für beide Teile. Überraschend
schnell, in wenigen Tagen wurde die Lösung gefunden,
wonach die süddeutschen Kabinette in jahrelangen
Verhandlungen getrachtet hatten. Am 11.&nbsp;Januar 1828
fand die erste förmliche Konferenz im Finanzministerium
statt, und hier wurde bereits von allen Seiten anerkannt,
daß nur eine vollständige Vereinigung möglich sei: Darmstadt
trat in das preußische Zollsystem ein; Preußen, längst
bereit »über Formalitäten leicht hinwegzugehen«, gewährte
dem Verbündeten gleiches Stimmrecht bei Abänderungen der
Zollgesetze und eine selbständige Zollverwaltung, die aber
streng nach preußischem Muster eingerichtet werden sollte.
Mit diesem Entschlusse war alles Wesentliche entschieden.
Die nächste Konferenz vom 17.&nbsp;Januar behandelte nur noch
Detailfragen. Am 24.&nbsp;Januar berichtete Eichhorn dem Könige:
der Vertrag verspreche allein für Hessen finanzielle
und volkswirtschaftliche Vorteile, für Preußen dagegen einen
großen politischen Gewinn, da die kleinen Staaten auf diesem
Wege dauernd an uns gefesselt werden. Am 3.&nbsp;Februar
genehmigte der König den Abschluß der Verhandlungen;
in seiner streng rechtlichen Gesinnung fügte er ausdrücklich
die Bedingung hinzu: »die deutschen Nachbarstaaten, besonders
<pb n="111"/><anchor id="Pg111"/>
Baden, dürfen dadurch nicht in ihrem Interesse getränkt
werden.«
</p>

<p>
So kam denn am 14. Februar 1828 jener denkwürdige
Vertrag zustande, der in Wahrheit die Verfassung des deutschen
Zollvereins feststellte. Er verhält sich zu den späteren Zollvereinsverträgen
genau so, wie die Verfassung des Norddeutschen
Bundes zu der heutigen Reichsverfassung sich verhält.
Durch den Zutritt anderer, größerer Mittelstaaten
haben sich späterhin die zentrifugalen Kräfte des Zollvereins
erheblich verstärkt; einzelne Bestimmungen des Vertrags
wurden im föderalistischen Sinne abgeschwächt; doch die
Fundamente des preußisch-hessischen Vertrags blieben unerschüttert.
Darmstadt nahm die preußischen Zölle an und gab
überdies die vertrauliche Zusage, daß auch die wichtigsten
preußischen Konsumtionssteuern eingeführt werden sollten.
Der Kreis Wetzlar tritt unter die darmstädtischen, das hessische
Hinterland unter die westfälischen Zollbehörden. Preußen
ernennt einen Rat bei der Zolldirektion in Darmstadt, Hessen
desgleichen bei der Steuerdirektion zu Köln. Beide Staaten
beaufsichtigen wechselseitig ihre Hauptzollämter durch Kontrolleure;
eine Konferenz von Bevollmächtigten verteilt alljährlich
die gemeinschaftlichen Einnahmen nach Verhältnis
der Kopfzahl. Dergestalt war die Rechtsgleichheit der Verbündeten,
die souveräne Würde des darmstädtischen Reiches,
mit peinlicher Sorgfalt gewahrt. Die milde Kontrolle änderte
wenig an der Selbständigkeit der hessischen Zollverwaltung;
der Verein beruhte im Grunde nur auf gegenseitigem
Vertrauen. Nach den bisherigen Leistungen kleinstaatlicher
Zollverwaltung konnten die preußischen Geschäftsmänner
einen solchen Vertrag nicht ohne ernste Bedenken
unterschreiben. Die hessische Regierung aber hat das gute
Zutrauen gerechtfertigt, sie ließ das neue Zollwesen unter
der einsichtigen Leitung des Finanzrats Biersack fest und
redlich durchführen. Diese deutsche Treue, diese ehrenhafte
Erfüllung der eingegangenen Verbindlichkeiten bildet überhaupt
das beste Verdienst, das die Mittelstaaten um den Zollverein
sich erworben haben; der Abschluß der Verträge selbst
war nicht eine freie patriotische Tat der kleinen Höfe, sondern
ein Ergebnis der bitteren Not.
</p>

<p>
Ebenso streng wurde die Gleichberechtigung der Verbündeten
<pb n="112"/><anchor id="Pg112"/>
in Sachen der Zollgesetzgebung aufrecht erhalten.
Der Artikel&nbsp;4 lautete ursprünglich: Abänderungen der Zollgesetze
sollen nur in »gegenseitigem Einvernehmen« erfolgen,
»und es sollen alle diese Veränderungen im Großherzogtum
Hessen im Namen S.&nbsp;K.&nbsp;H. des Großherzogs verkündigt
werden.« Diese Fassung erregte in Darmstadt schmerzliches
Aufsehen. Prinz Emil selbst eilte zu Maltzan, stellte ihm vor:
»der Großherzog weiß, daß man in Berlin selbst nicht wünscht,
daß die großherzogliche Regierung in den Augen des übrigen
Deutschlands erniedrigt werde.« Eichhorn, der längst verlernt
hatte, sich über die Weltanschauung deutscher Kleinfürsten
zu verwundern, ging auf die Bitte ein; er strich jene
erniedrigenden Worte, ersetzte sie nachträglich durch die
Wendung: »und sollen von jeder der beiden Regierungen
ihrerseits verkündigt werden«. Damit war das europäische
Gleichgewicht zwischen Preußen und Darmstadt wieder hergestellt.
</p>

<p>
So bereitwillig die preußischen Staatsmänner in diesen
lächerlichen Formfragen nachgaben, ebenso schwer fiel ihnen
der Entschluß, den Inhalt des Artikels&nbsp;4 selbst anzunehmen.
Wann hatte denn jemals eine Großmacht ihre Zollgesetzgebung
dem guten Willen eines Staates vom dritten Range
unterworfen? Es war vorauszusehen, daß dieser darmstädtische
Vertrag allen späteren Zollvereinsverträgen ebenso
zum Vorbilde dienen würde, wie der Sondershausener Vertrag
das Muster gewesen war für alle nachfolgenden Enklavenverträge.
In jenem Augenblick freilich standen die kleinen
Kabinette den Ideen des Freihandels sogar noch näher als
Preußen. Doch konnte dem Scharfblick Motzs und Maaßens
nicht entgehen, daß diese Parteistellung in einer nahen Zukunft
sich gänzlich verschieben würde, sobald in Oberdeutschland
eine junge Großindustrie entstand. Der preußischen
Zollgesetzgebung drohte vielleicht Stillstand und Verkümmerung,
wenn die Mittelstaaten ein Veto erhielten.
</p>

<p>
Alle diese staatswirtschaftlichen Bedenken mußten verstummen
vor den glänzenden Aussichten, welche sich der
nationalen Politik Preußens eröffneten. Darmstadt &mdash; so
berichtete Eichhorn dem Könige &mdash; empfängt durch den
Vertrag erst die Möglichkeit eines haltbaren Zollsystems.
Preußen gewinnt die wichtige Position in Mainz, verhindert
<pb n="113"/><anchor id="Pg113"/>
den süddeutschen Sonderbund, in den Norden hinein vorzudringen,
und darf mit Sicherheit darauf rechnen, daß
Hessens Beispiel Nachfolge finden, eine große handelspolitische
Vereinigung entstehen wird. Nochmals wird sodann dem
König versichert, daß jede Feindseligkeit gegen deutsche
Staaten vermieden werden solle. »Die Vereinigung ist von
Ew. Maj. Behörden weder gesucht, noch weniger durch verführerische
Lockungen veranlaßt worden; man hat nur Anträge
und Vorschläge, welche von der großherzoglichen Regierung
ausgingen, entgegengenommen.«
</p>

<p>
Der neue Zollverein sollte bis zum 31. Dezember 1834
dauern und dann, sofern keine Kündigung erfolge, auf weitere
sechs Jahre verlängert werden. Das Recht der Kündigung
blieb &hellip; die einzige Waffe, um Preußen sicherzustellen gegen
den Mißbrauch des gleichen Stimmrechts. Handelsverträge
schloß Preußen allein &mdash; denn der Zusatz »unter Mitwirkung
und Zustimmung Darmstadts« war praktisch wertlos. In
allem übrigen bestand vollständige Gleichheit der Rechte.
</p>

<p>
Auch um diesen Vertrag hat sich ein zielloser Prioritätsstreit
erhoben. Der partikularistische Neid will die Tatsache
nicht zugeben, daß die Verfassung des Zollvereins in Berlin
ersonnen wurde. Man behauptet, der preußisch-hessische
Verein sei lediglich dem bayrisch-württembergischen Verein
nachgebildet worden, welcher einige Wochen vorher, am
18.&nbsp;Januar 1828, zustande kam und ebenfalls das gleiche
Stimmrecht, die selbständige Zollverwaltung der Bundesgenossen
anerkannte. Ein Blick auf die Tages- und Jahreszahlen
genügt, um dies Märchen zu widerlegen. Der Fundamentalsatz
der Zollvereinsverfassung, die Parität und Unabhängigkeit
der Bundesgenossen, wurde in der Konferenz
vom 11.&nbsp;Januar zwischen Preußen und Darmstadt vereinbart,
acht Tage bevor der bayrisch-württembergische Vertrag abgeschlossen
wurde &mdash; in einem Augenblick, da man zu Berlin
den Gang der Münchener Verhandlungen noch nicht näher
kannte. Die neueste aus München eingelaufene Nachricht
sagte nur: noch bleibe zweifelhaft, ob der süddeutsche Verein
gemeinsame oder getrennte Zollverwaltung haben solle, das
letztere sei allerdings wahrscheinlicher. Der Gedanke lag
eben in der Luft, er ergab sich mit Notwendigkeit aus den
fruchtlosen Zollverhandlungen der jüngsten Jahre, er wurde
<pb n="114"/><anchor id="Pg114"/>
von den norddeutschen und von den süddeutschen Zollverbündeten
gleichzeitig angenommen, ohne daß sie voneinander
wußten. Im Grunde ist der ganze Streit müßig. Der Entschluß,
von dem die Zukunft deutscher Handelspolitik abhing,
konnte nur in Berlin gefaßt werden. Ob Bayern und Württemberg
einander die Parität zugestanden, war gleichgültig.
Doch ob die norddeutsche Großmacht die unerhörte Selbstverleugnung
finden würde, mit einem Staate dritten Ranges
sich bescheiden auf eine Linie zu stellen &mdash; an dieser Frage
hing alles. Sobald Preußen diesen Entschluß faßte, war
dem Souveränitätsdünkel der kleinen Höfe der letzte Vorwand
genommen und die Bahn gebrochen für Deutschlands Handelseinheit.
Dem gewissenhaften Notizensammler soll unvergessen
bleiben, daß Bayern und Württemberg den »ersten«
Zollverein in Deutschland gründeten, ihre Verhandlungen
etwas früher beendigten als Preußen und Darmstadt. Für
den Historiker hat die Tatsache geringen Wert. Denn der
süddeutsche Verein erwies sich als ein verfehlter Versuch
und ging bald zugrunde; der preußisch-hessische Verein bewährte
sich und wuchs. Aus diesem, nicht aus jenem, ist der
große deutsche Zollverein hervorgegangen.
</p>

<p>
Eichhorn fühlte, daß die Dinge endlich in Fluß kamen.
Voll froher Zuversicht richtete er im März an die Gesandtschaften
in Deutschland eine eingehende Instruktion. Er
schildert darin den Gang der preußischen Handelspolitik,
das System des bewußten, berechneten Abwartens, das so
gute Früchte getragen habe. Er zeigte sodann, wie mit dem
Darmstädter Vertrage die entscheidende Wendung eingetreten
sei: diese Verhandlungen waren besonders darum
nützlich, weil sie »die Möglichkeit eines gemeinschaftlichen
Zollsystems für Staaten, die geographisch unabhängig sind,
erwiesen. An die Stelle eines dunklen Gefühls, welches
früherhin eine Vereinigung in einer unbestimmten Richtung
suchte, ist eine klare Erkenntnis getreten.« Man sieht heute
in der Aufnahme der staatswirtschaftlichen Grundsätze eines
anderen Staates nicht mehr eine Verleugnung der Souveranität.
Nichtsdestoweniger soll die Diplomatie nach wie
vor eine ruhig zuwartende Haltung behaupten. Ebenso
zuversichtlich schrieb Eichhorn an Motz: Unsere Handelspolitik
hat sich bewährt und wird noch größere Erfolge erringen,
<pb n="115"/><anchor id="Pg115"/>
wenn wir die Anfragen anderer Staaten geduldig abwarten.
Der bayrisch-württembergische Verein ist lose und wird noch
lockerer werden, wenn er wider Erwarten neue Bundesgenossen
finden sollte.
</p>

<p>
In der Tat erwies sich in Hessen wie einst in den Enklaven
sehr rasch der Segen der preußischen Gesetze. Im ersten
Augenblick war die Stimmung im Lande noch geteilt. Das
Starkenburger Land sah den gewohnten kleinen Verkehr mit
dem Frankfurter Markte mannigfach belästigt, und in der
Kammer klagten nach deutschem Brauche einzelne Patrioten
beweglich über den »Löwenvertrag«, welchen Preußens
Schlauheit der hessischen Unschuld auferlegte. Der Handelsstand
in Mainz und Offenbach dagegen sprach der Regierung
seinen Dank aus, und bald regte sich überall im Lande ein
neues Leben. Vor kurzem noch hatte man in Berlin geplant,
eine Messe in Köln zu errichten, die dem Mainzer und Frankfurter
Verkehr das Gegengewicht halten sollte: jetzt entstand
in Offenbach ein schwunghafter Meßverkehr, der namentlich
im Ledergeschäfte das reiche Frankfurt zu überflügeln
begann. Die beiden Verbündeten bauten eine große Straße
von Paderborn über Biedenkopf nach Gießen und weiter
südwärts, so daß ein fast zollfreier Straßenzug den Neckar
mit der Ostsee verband. Nach zwei Jahren war die handelspolitische
Opposition in den Kammern fast völlig verstummt.
Graf Lehrbach, der den Minister wegen Landesverrats verklagen
wollte, stand vereinsamt; der Abgeordnete Schenk
aber dankte der Regierung und schloß gemütlich: Das einzige
Mittel gegen den Wunsch nach politischer Einheit ist die Zolleinigung!
Mit Selbstgefühl verwies Hofmann auf die günstigen
Rechnungsabschlüsse und sagte »mit voller Zuversicht
dieser auf gegenseitige Vorteile gegründeten Verbündung
Bestand und Dauer voraus: so werden Sie hoffentlich bald
dasjenige verwirklicht sehen, was noch vor wenigen Jahren
zwar Gegenstand Ihrer angelegentlichsten Wünsche war,
aber nach so vielen vergeblichen Verhandlungen kaum in dem
Reiche der Möglichkeit zu liegen schien.« Auch in Preußen
hielten die Klagen der Geschäftswelt, die sich anfangs laut
genug erhoben, nicht lange vor. Unterdessen hatte der König
sein gesamtes thüringisches Gebiet in die Zollinie aufgenommen;
die Lage der ernestinischen Fürstentümer ward fast unerträglich.
<pb n="116"/><anchor id="Pg116"/>
Es schien undenkbar, daß Kurhessen und Thüringen,
also von allen Seiten umklammert, ihren törichten Widerstand
fortsetzen sollten.
</p>

<p>
Und doch sollte das Undenkbare geschehen. Auf das
erste Gerücht hin versuchten allerdings einige Kleinstaaten,
sich den Verbündeten zu nähern &mdash; lediglich in der Absicht,
den Inhalt des Vertrages, der noch streng geheim gehalten
wurde, zu erfahren. Präsident Krafft in Meiningen schrieb
an Hofmann, bat um Aufklärung, deutete gewichtig an, daß
Meiningen vielleicht dem hessischen Beispiel folgen werde,
wenn man nur die Machtstellung dieses Reiches nach Gebühr
würdige: »Die Lage des Landes Meiningen läßt seinen
Wert den geographischen Umfang desselben überschreiten,
indem mehrere der frequentesten Landstraßen die Handelsplätze
an den Küsten der Nordsee mit einem bedeutenden
Teile des südlichen Deutschlands, der Schweiz und Italiens
verbinden, und Preußen, Bayern und Kurhessen zu seinen
wichtigeren Grenznachbarn gehören.« Die Meininger Welthandelsstraßen
boten unleugbar auf der Landkarte einen sehr
stattlichen Anblick; gebaut waren sie freilich noch nicht, auch
besaß das Ländchen durchaus nicht die Mittel, sie jemals zu
bauen. Motz, dem die Naturgeschichte des deutschen Kleinstaats
einen unerschöpflichen Quell der Ergötzung bot, sendete
das Meininger Schreiben an Hofmann zurück und versicherte,
die geographische Bedeutung des Herzogtums sei
ihm ganz neu; dann schloß er wehmütig: »es ist betrübt,
wenn solche überspannte Diener dazu beitragen, daß dem
Souveränitätsdünkel ihrer Fürsten auch noch ein Straßendünkel
hinzugefügt wird.« Der Vorfall blieb dem klugen
Manne unvergessen; der Meininger Straßendünkel sollte zur
rechten Stunde noch eine Rolle spielen in der deutschen Geschichte.
Noch durchsichtiger war ein diplomatisches Kunststück
der freien Stadt Frankfurt. Der alte Rothschild erschien
bei Otterstedt, um verbindlich anzufragen, ob nicht auch Frankfurt
mit Preußen einen ähnlichen Vertrag schließen könne.
Nun wußte alle Welt, daß die Handelspolitik dieser Republik
lediglich in einer systematischen Pflege des Schmuggels bestand.
Der Fühler hatte also nur den Zweck, den Senat über
die Bedingungen des preußisch-hessischen Vertrages zu unterrichten,
damit die Frankfurter Schmuggler sich darauf einrichten
<pb n="117"/><anchor id="Pg117"/>
konnten. Selbstverständlich wurde der diplomatische
Börsenfürst mit einigen allgemeinen Redensarten heimgeschickt.
</p>

<p>
Unter den deutschen Höfen war nur einer, der den
preußisch-hessischen Verein mit Freude begrüßte: der badische
Hof. Allein durch Preußens Beistand konnte Großherzog
Ludwig hoffen, seine Pfalz gegen Bayern zu behaupten;
daher schrieb er an Blittersdorff: »ich freue mich, einen
Einfluß vermehrt zu sehen, dem ich, besonders im gegenwärtigen
Augenblick, soviel verdanke«. Zugleich hoffte man in
Karlsruhe die Absichten der badischen Handelspolitik nunmehr
in Süddeutschland durchzusetzen, denn seit Darmstadt
zu Preußen übergetreten, bildete Baden allein die für Bayern
unentbehrliche Verbindung zwischen Franken und der Pfalz.
</p>

<p>
Alle anderen Höfe vernahmen die erste unsichere Kunde
aus Berlin mit unbeschreiblichem Schrecken; die Nachricht fiel
wie eine Bombe in die diplomatische Welt. Selbst Blittersdorff,
der doch die entgegengesetzten Ansichten seines Souveräns
kannte, enthielt sich nicht zu jammern über »dies
Unglück, diesen neuen Beweis preußischer Selbstsucht«: es
sei ja klar, Preußen wolle nur den hessischen Markt für seine
Fabrikate ausbeuten, und glaube selber nicht an die Dauer
der Verbindung. Was der Heißsporn also herauspolterte,
war nur der Widerhall der erregten Reden der österreichischen
Partei am Bundestage. Münch<note place="end">Joachim Graf v. Münch-Bellinghausen,
geb. 29. September
1786, gest. 3. August 1866, von 1823&ndash;1848 österreichischer 
Bundestagsgesandter.</note> und Langenau<note place="end">Friedrich Karl
Gustav Freiherr v. Langenau, österreichischer
Feldmarschalleutnant, war von 1817&ndash;1827 österreichischer Bevollmächtiger
bei der Militärkommission der deutschen Bundesversammlung.</note> versicherten
entrüstet: jetzt endlich sei Preußens maßlose Herrschsucht
entlarvt. Vor kurzem noch hatten sie auf den preußischen
Hochmut gescholten, der jede Verständigung mit den Nachbarn
abweise. Am lautesten lärmte Marschall über diesen
»Unterwerfungsvertrag«, den er ebensowenig gelesen hatte
wie die anderen aus der österreichischen Sippe. Er traf sogleich
Anstalten zur Begünstigung des Schmuggels in Bieberich
und den anderen Rheinhäfen. Der Gedanke, daß Nassau
jetzt wie Anhalt zur preußischen Enklave werden solle, war
seinem Nationalstolze schrecklich. Dann ließ er durch die
<pb n="118"/><anchor id="Pg118"/>
getreue Oberpostamtszeitung die Lüge verbreiten, Preußen
habe auch Nassau zum Beitritt eingeladen, sei aber stolz zurückgewiesen
worden. Der untertänige Landtag stimmte der
Ansicht des Ministers zu, als dieser erklärte: eine Erhöhung
der Staatseinnahmen sei überflüssig; für Nassaus europäische
Politik wie für seine Volkswirtschaft könne der Anschluß an
Preußen nur gefährlich werden.
</p>

<p>
Daß Münch und Langenau nicht ohne geheime Weisungen
handelten, ließ sich leicht erraten. Zum Überfluß
sprach Fürst Metternich selbst seine Bestürzung in sauersüßen
Worten aus. Der preußische Gesandte teilte dem österreichischen
Staatskanzler eine Denkschrift mit, die sich ausführlich
über Preußens bisherige Handelspolitik verbreitete. Darauf
erwiderte der Fürst: »Der Darmstädter Vertrag hat großes
Aufsehen erregt, wie ja alles in Deutschland mißdeutet wird.
Doch ist uns lieb, daß Preußen sich so offen ausspricht; mit der
Denkschrift bin ich im wesentlichen einverstanden. Bayern
hat uns kürzlich aufgefordert, den preußisch-hessischen Vertrag
zu hintertreiben. Wir lehnten ab, da solche Verträge eine
Konsequenz der Souveränität sind. Ich kann aber nicht verhehlen,
daß, sobald dergleichen Verbindungen aufhören, bloß
aus dem administrativen Gesichtspunkt betrachtet zu werden
und ihnen eine politische Tendenz zugrunde gelegt wird,
die Grundgesetze des Bundes ihnen entgegenstehen.« Darauf
empfahl er dem preußischen Hofe abermals, wie einst auf
dem Aachener Kongreß, die Vorzüge der k.&nbsp;k. Provinzialmauten:
wenn man in Preußen Provinzialzölle einführte,
so würde man der lästigen Zollverträge nicht bedürfen! Mit
Entzücken vernahm Motz diese Orakelsprüche und schrieb an
Eichhorn: »Von den Finanzansichten des Fürsten v.&nbsp;Metternich
werden wir wohl keinen Gebrauch machen können.
Dagegen wollen wir nicht bestreiten, daß es in vieler Beziehung
für uns ohne Nachteil sein wird, wenn er für Österreich
bei seinen erleuchteten Ansichten beharrt.« Zudem wußte
Eichhorn, wie eifrig der k.&nbsp;k. Gesandte in Darmstadt der Ratifikation
des Vertrages entgegengewirkt hatte; noch im Februar
war Otterstedt von Karlsruhe hinübergeeilt, um dem
österreichischen Einfluß die Wage zu halten.
</p>

<p>
Auch jenes deutsche Kabinett, das damals dem Berliner
Hofe am nächsten stand, auch Hannover, überraschte durch
<pb n="119"/><anchor id="Pg119"/>
auffällige Ungezogenheit. Der König wollte nicht, daß das
befreundete Nachbarland aus dem neuen Verein Besorgnis
schöpfe. Er befahl daher eine Ausnahme zu machen von der
Regel, wonach Preußen sich aller handelspolitischen Anerbietungen
enthalten sollte, und ließ in Hannover einige neue
Straßenzüge und bedeutende Zollerleichterungen vorschlagen,
da nach den Grundsätzen der hannoverschen Politik ein wirklicher
Zollverein doch nicht zu erwarten stand. Aber diese
Eröffnungen blieben unerwidert. Das war mehr als Verstimmung;
das deutete auf feindselige Pläne, die im Dunkeln
sich vorbereiteten.
</p>

<p>
Die öffentliche Meinung zeigte sich, wie immer in der
Geschichte des Zollvereins, noch verblendeter als die Kabinette,
und die Hofburg verstand, trotz ihres Hasses gegen
den Liberalismus, den liberalen Unverstand vortrefflich auszubeuten.
In Frankfurt arbeitete unter Münchs Augen eine
k.&nbsp;k. Korrespondenzenfabrik: mit merkwürdiger Übereinstimmung
erzählten der Nürnbergische Korrespondent,
die Elberfelder Zeitung, das Frankfurter Journal von unseligen
Darmstädter Industriellen, die Haus und Hof verließen,
um den preußischen Zöllen zu entgehen. Die Augsburger
Allgemeine Zeitung ließ sich aus Darmstadt schreiben:
man muß heute einundzwanzigmal preußisch reden, ehe man
einmal hessisch reden darf; das unglückliche Land trägt zweifache
Lasten, die neuen Mauten und die alten, da ja für
Wein und Tabak Ausgleichungsabgaben erhoben werden.
Auch unabhängige Blätter, wie der Altonaer Merkur und
die Neue Mainzer Zeitung, erzählten die Fabel vom Fuchs,
der im Stalle zum Pferde sagte: tritt mich nicht, ich will dich
auch nicht treten!
</p>

<p>
Die preußische Regierung konnte sich in den Künsten
des literarischen Minenkriegs niemals mit Österreich messen;
sie begnügte sich, den österreichischen Tendenzlügen lehrhafte
Berichtigungen in der Staatszeitung entgegenzustellen;
das unglückliche Blatt krankte aber an der Erbsünde aller
offiziösen Blätter, der Trockenheit. Auf allgemeine Zustimmung
konnte in diesem Lande der Kritik kein Schritt der Regierung
rechnen. Nicht bloß unter den Industriellen zitterten
viele vor der drohenden Vermehrung der Konkurrenz. Auch
eine Schule innerhalb des Beamtentums, Schön mit seinen
<pb n="120"/><anchor id="Pg120"/>
ostpreußischen Freunden, schalt auf diese Bummler in Berlin,
die daheim nicht Ruhe fänden und auswärts unnütze Händel
anzettelten.
</p>

<p>
Am gefährlichsten unter allen Kräften des Widerstandes
erschien vorderhand die feindselige Haltung des Münchener
Hofes. Im Oktober 1827 waren in München die Verhandlungen
zwischen den beiden süddeutschen Königskronen wieder
aufgenommen worden. Schmitz-Grollenburg<note place="end">Philipp Moritz
Freiherr v. Schmitz-Grollenburg, geb. 22. Dezember
1765, gest. 27. November 1849, seit 1821 als württembergischer
Gesandter in München.</note> und Armansperg<note place="end">Joseph Ludwig
Graf v. Armansperg, geb. 28. Februar 1787,
gest. 3. April 1853, seit 1826 bayrischer Finanzminister.</note>
betrieben beide das Geschäft mit feurigem Eifer. So
kam am 18.&nbsp;Januar 1828 jener erste deutsche Zollverein zustande.
Es erfüllte sich, was in Berlin so oft vorausgesagt
worden: Tarif und Verwaltungsordnung des neuen Vereins
kamen den Grundsätzen der preußischen Zollgesetzgebung sehr
nahe, weil sich den süddeutschen Kronen dieselben Fragen
aufdrängten, welche Preußen schon durch das Gesetz von
1818 gelöst hatte. Die Zölle auf Fabrikwaren standen niedriger
als in Preußen, die auf Kolonialwaren etwas höher:
vom Kaffee erhob Preußen 6&nbsp;Tlr. 20&nbsp;Sgr. für den Zentner,
Bayern-Württemberg 15&nbsp;Gulden für den um etwa 9&nbsp;Prozent
schwereren bayrischen Zentner. Im übrigen fast dieselben
Regeln wie im preußisch-hessischen Verein: getrennte Zollverwaltung
unter gegenseitiger Kontrolle, Verteilung der
Einkünfte nach der Kopfzahl, Grenzzölle und Packhöfe.
</p>

<p>
Indes die verständige Verfassung konnte den Grundschaden
dieses Bundes nicht heilen: er war zu klein und darum,
wie Eichhorn voraussagte, nicht lebensfähig. Wohl stiegen
die Zolleinnahmen Württembergs im ersten Jahre um
220000 Gulden; der kleinere Bundesgenosse zog selbstverständlich
den größeren Vorteil aus der Erweiterung des Marktgebiets.
Doch betrugen die Zolleinnahmen nur 9&frac12;&nbsp;Sgr.
auf den Kopf der Bevölkerung, während Preußen das Zweiundeinhalbfache,
24&nbsp;Sgr., einnahm. Die Kosten der Zollverwaltung
verschlangen mindestens 44 Prozent der Einkünfte;
in Bayern war der Rohertrag für das Rechnungsjahr
1828&ndash;1829: 2,842&nbsp;Millionen Gulden, der Reinertrag nur
<pb n="121"/><anchor id="Pg121"/>
1,582 Millionen Gulden. Die geringen Zölle genügten
nicht, die heimische Industrie wirksam zu schützen, und doch
blieb jede Erhöhung unmöglich, wenn nicht der gesamte
Reingewinn den Staatskassen verloren gehen sollte. Am
kläglichsten befand sich die bayrische Pfalz. Die entlegene
Provinz sollte vor der Hand außerhalb der Mautlinien bleiben
und ihre eigenen Erzeugnisse zollfrei in das Vereinsland
einführen, was denn sofort französische, badische, rheinpreußische,
hessische Fabrikanten zu großartigem Schmuggel veranlaßte.
Gewichtige Stimmen in der Pfalz forderten laut
den Anschluß an Preußen; einer der ersten Industriellen der
Provinz, Geh&nbsp;Rat. Camuzzi, schrieb in diesem Sinne an die
Allgemeine Zeitung, ward aber von der Firma Cotta abgewiesen.
</p>

<p>
König Ludwig wollte die Gebrechen des Vereins lange
nicht bemerken. Wie war er stolz auf seiner Hände Werk,
den ersten deutschen Zollverein; wie schwelgte er in erhabenen
Träumen von historischer Unsterblichkeit. Er wollte fortleben
im Munde später Geschlechter als der Vollender der
<hi rend="antiqua">fossa Carolina</hi>, jenes Kanales zwischen der Nordsee und dem
Schwarzen Meer, den Karl der Große ersonnen, doch nicht
ausgeführt hatte, und beschäftigte sich auch mit großen Eisenbahnplänen,
seit Franz Baader<note place="end">So Treitschke.
Doch liegt hier eine Verwechslung mit Joseph
v. Baader vor, der, geb. 30. September 1763, gest. 20. November 1835,
Ingenieur war und um das Eisenbahnwesen in Bayern sich hoch
verdient gemacht hat. Sein Bruder Franz v. Baader war in erster
Linie Philosoph, beschäftigte sich aber auch mit technischen und naturwissenschaftlichen
Studien.</note> im Nymphenburger Park
einen Dampfwagen fahren ließ. »Jetzt sind die Zollsysteme
der beiden Großmächte nicht mehr furchtbar« &mdash; hieß es bei
Hofe. Schon war ein Unterhändler nach Zürich gesendet,
um die Schweiz zum Eintritt in den süddeutschen Verein
oder doch zu einem Handelsvertrage zu bewegen. Niemals
hatte Bayerns Gestirn glänzender geleuchtet als im Januar
1828; niemals zuvor hatte der König eine so stolze Sprache
gegen den Bundestag geführt. »Die antisozialen, antiföderalistischen
Tendenzen der bayrischen Politik« traten, wie
Blittersdorff klagte, dem Präsidialgesandten schroff entgegen.
Sofort nach der Unterzeichnung des süddeutschen Zollvertrages
<pb n="122"/><anchor id="Pg122"/>
ging Freiherr v.&nbsp;Zu Rhein nach Darmstadt, um das
Großherzogtum zum Beitritt einzuladen und ihm die Parität,
welche ihm die beiden Königreiche bisher verweigert hatten,
bedingungslos zuzugestehen. War Hessen gewonnen, so
mußte das widerhaarige Baden auf Gnade oder Ungnade
sich ergeben.
</p>

<p>
Mitten in diese holden Träume fiel niederschmetternd
die Kunde von dem preußisch-hessischen Vertrag. Durch
diesen Verein, das sprang in die Augen, verlor der süddeutsche
Verein sofort Sinn und Bedeutung. König Ludwig sah seine
teuersten Hoffnungen zerstört, blieb mehrere Wochen hindurch
völlig fassungslos. »Nunmehr hab' ich alle Schritte
getan, um meine armen Untertanen zu retten!« sagte er
verzweifelnd zu Schmitz-Grollenburg. In groben Schimpfworten
entlud sich sein Groll; er schalt laut auf den Verräter
Hofmann, erzählte an offener Tafel, Preußen habe den Prinzen
Emil von Hessen mit 400000 Gulden bestochen. In seinem
Zorne vergaß er auch wieder seinen »teutschen« Stolz. Solange
diese kleinen Höfe noch europäische Politik treiben durften,
waren auch patriotische Fürsten nicht vor argen Verirrungen
sicher. Wie Ludwig einst als Kronprinz, trotz seines Abscheus
gegen Napoleon, mehrmals untertänige Briefe an den Schöpfer
der bayrischen Königskrone gerichtet und sogar die Hoffnung
ausgesprochen hatte, sein Sohn Max werde dereinst
dem König von Rom<note place="end">Napoleons Sohn von Marie Louise, der den Titel eines
römischen Königs trug.</note> seine Anhänglichkeit widmen, so hatte
er neuerdings um Sponheims willen die Hilfe Rußlands angerufen
und wendete sich jetzt wieder an das gehaßte Frankreich.
Den Winter über hatte der Herzog von Dalberg<note place="end">Emmerich Joseph
Herzog v. Dalberg, geb. 30. Mai 1773,
gest. 27. April 1833, Pair von Frankreich und französischer Gesandter
am Turiner Hofe.</note> in
München sein Wesen getrieben; nun fanden seine Einflüsterungen
Gehör. König Ludwig warnte den französischen
Hof vor dem Ehrgeiz Preußens, das bereits in Süddeutschland
sich festzusetzen suche. Im selben Sinne bearbeitete
Lerchenfeld zu Frankfurt den alten Reinhard<note place="end">Karl Friedrich
Graf Reinhard, Pair von Frankreich, geb.
2. Oktober 1761, gest. 25. Dezember 1837, damals französischer Gesandter
am Bundestag.</note>. Alsbald befahl
<pb n="123"/><anchor id="Pg123"/>
Minister La Ferronays dem Geschäftsträger in München
rührige Wachsamkeit gegen die von Preußen her drohende
Gefahr; er stellte zugleich einige Handelserleichterungen in
Aussicht zugunsten der <hi rend="antiqua">troisième Allemagne</hi>.<note place="end">
Als »drittes Deutschland« bezeichnete man die Mittel- und
Kleinstaaten als Gegengewicht gegen Preußen und Österreich.</note>
</p>

<p>
Da König Ludwig schon nach wenigen Monaten von
seinen leidenschaftlichen Verirrungen zurückkam, so wurden
diese häßlichen Zettelungen mit dem Auslande nachher ganz
in Abrede gestellt. Der Hergang ist gleichwohl verbürgt durch
die übereinstimmenden Zeugnisse von Freund und Feind.
Nicht allein der preußische Gesandte Küster berichtete darüber
ausführlich seinem Hofe; der badische Gesandte Fahnenberg
meldete ganz dasselbe nach Karlsruhe. Der österreichische
Gesandte Graf Spiegel warf dem bayrischen Minister des
Auswärtigen die Anklage ins Gesicht, daß er Frankreich in
die deutsche Handelspolitik hineinzuziehen suche. Über Lerchenfelds
Verhalten berichtete Blittersdorff, der ja selber sehr
geneigt war, jedes Mittel zu gebrauchen zur Vernichtung
des preußisch-hessischen Vereins. Die Schwenkung der bayrischen
Politik nach Frankreich hinüber war bald eine der
gesamten diplomatischen Welt bekannte Tatsache.
</p>

<p>
König Ludwig überließ sich eine Zeitlang blindlings dem
stürmischen Unwillen der verletzten Eitelkeit. Sein Kabinettsrat
Grandauer übte schlechten Einfluß; auch Freiherr v.&nbsp;d.
Tann träumte bayrische Großmachtsträume. Nur der alte
welterfahrene Minister Zentner sah die Dinge ruhiger an.
Selbst König Wilhelm von Württemberg blieb nüchtern und
gleichmütig. Sein Geschäftsverstand war doch stärker als
sein Groll gegen Preußen; auch mochten ihm die bitteren
Erfahrungen der Tage von Verona noch unvergessen sein.
In einem Gespräche mit du Thil verbarg er zwar seine Enttäuschung
nicht, gestand aber zu: »früher oder später werden
wir noch gezwungen sein, Euerem Beispiele zu folgen«.
Im selben Sinne erklärte sein Minister Beroldingen dem
preußischen Gesandten, »daß Württemberg in die deutsch-patriotischen
Gesinnungen der preußischen Regierung niemals
auch nur den geringsten Zweifel gesetzt hat und die bestehenden
besonderen Vereine zugleich als Mittel betrachtet, zu dereinstiger
<pb n="124"/><anchor id="Pg124"/>
Erreichung des gemeinschaftlichen Zweckes in einer allgemeinen
Ausdehnung den Weg zu bahnen.«
</p>

<p>
Wie der preußische Staat alles, was er für die Macht und
Einheit unseres Vaterlandes tat, erkämpfen mußte gegen den
Widerstand des Auslandes, so ward auch der preußisch-hessische
Bund sofort von den Ränken der fremden Mächte umsponnen.
Im Verein mit Frankreich versuchte Holland Unfrieden zu
säen zwischen Süd und Nord. Der Minister Verstolck van
Soelen machte den württembergischen Geschäftsträger aufmerksam
auf die Gefahren, welche der deutschen Handelsfreiheit
und der Unabhängigkeit der Kleinstaaten drohten.
Der Württemberger, ein verständiger Mann, der seinem
preußischen Kollegen, dem Grafen Truchseß-Waldburg, alles
mitteilte, antwortete treffend: die Zölle der fremden Mächte,
und nicht zuletzt Hollands, zwingen uns Deutsche, uns zu
einigen und neue Handelswege zu suchen &mdash; worauf Verstolck
heilig versicherte: die Herabsetzung der niederländischen
Zölle stehe nahe bevor; für jetzt aber dürfe man nur an den
Widerstand gegen den gemeinsamen Feind, gegen Preußen
denken. Eichhorn, der die holländischen Kaufherren aus den
endlosen Rheinschiffahrtsverhandlungen genugsam kannte,
schrieb an den Rand der Depesche: Die Niederlande verfolgen
gar keinen positiven Zweck, sie wollen nur die weitere Einigung
Deutschlands in Zollsachen verhindern. In der Tat lud der
niederländische Geschäftsträger Mollerus den Münchener
Hof ein, für den süddeutschen Verein einen Handelsvertrag
mit Holland abzuschließen, und beteuerte zugleich die gute
Absicht seines Hofes, sich mit den oberländischen Staaten
über Preußen hinweg wegen der Rheinzölle zu verständigen.
Bestimmte, greifbare Vorschläge übergab er nicht; die Absicht
war lediglich, Bayern und Württemberg von Preußen
fernzuhalten. Auch England bezeigte seine Unzufriedenheit.
Der Präsident des Handelsamts, Charles Grant, beschwerte
sich bei dem preußischen Gesandten Bülow heftig über die
hohen Zölle des preußisch-hessischen Vereins und erhielt die
kühle Antwort: der Verein habe an den preußischen Zöllen
gar nichts geändert; doch wisse jedermann, daß Preußen
freieren handelspolitischen Grundsätzen huldige als England.
</p>

<p>
Mit diesen Ränken des Auslandes, die bald einen sehr
bedrohlichen Charakter annahmen, verkettete sich der unselige
<pb n="125"/><anchor id="Pg125"/>
Sponheimer Handel. König Ludwig war, da er sich allerdings
auf Österreichs unerfüllte Versprechungen berufen konnte,
von seinem Rechte auf den Heimfall der Pfalz tief überzeugt
und fühlte sich schwer beleidigt, als Preußen seinen Ansprüchen
entgegentrat. Der preußische Gesandte merkte dem König
bald an, daß er etwas auf dem Herzen habe. Da trafen sich die
beiden eines Tages auf der Straße. Der König trat auf den
Diplomaten zu, ging eine Strecke Weges mit ihm und schüttete
seinen Zorn aus: »Ich kann nicht genug sagen, wie tief es
mich geschmerzt, daß gerade Preußen in der badischen Sache
sich voran und mir gegenübergestellt hat. Anders kann ich
das Memoire nicht bezeichnen, womit Preußen, ohne mich
zu hören, die Initiative gegen mich bei den übrigen Höfen
ergriffen hat. Bernstorff denkt immer noch an das alte
Bayern; es ist aber heute ein neues Bayern, ein neuer König.
Preußen hat nie einen größeren Enthusiasten gehabt als mich.
Um so mehr hat mich's gekränkt, daß man sich aus meiner
Freundschaft gar nichts macht. Will man mich denn nur
zum Gegner haben?« Der König ereiferte sich, erhob die
Stimme, die Vorübergehenden blieben stehen und horchten
auf. Der Gesandte konnte sich dem schwerhörigen Fürsten
nicht verständlich machen, geriet in peinliche Verlegenheit,
gab seinem Hofe den Rat, man möge den Erzürnten beschwichtigen.
Augenblicklich ließ sich wenig tun, da König
Friedrich Wilhelm das gute Recht Badens schlechterdings
nicht preisgeben wollte. Für die Zukunft war noch nichts
verloren. Der heißblütige Wittelsbacher blieb auch als Gegner
offen und ehrlich; sobald sein Zorn verrauchte, konnte man
vielleicht wieder anknüpfen, da ihm Deutschlands Handelseinheit
wirklich am Herzen lag. Vorderhand freilich wirkte der
Münchener Hof dem preußisch-hessischen Verein offen entgegen;
er versuchte, durch unentgeltlichen Vorspann und
ähnliche kleine Mittel den Verkehr von Gießen und Vilbel
auf die Linie Hersfeld-Fulda hinüberzulocken, verlangte von
dem Hause Thurn und Taxis, daß die Frankfurt-Aschaffenburger
Post über Hanau, nicht mehr durch das darmstädtische
Gebiet geführt werde usw.
</p>

<p>
Der entscheidende Kampf entspann sich am Kasseler
Hofe; noch einmal wurde die kurhessische Handelspolitik
verhängnisvoll für das ganze Deutschland. Der Großherzog
<pb n="126"/><anchor id="Pg126"/>
von Hessen hatte die Berliner Verhandlungen nur gutgeheißen
in der bestimmten Erwartung, daß der Kasseler Vetter seinem
Beispiel folgen würde. Deshalb blieb der preußisch-hessische
Vertrag bis zum Mai geheim; denn niemals hätte der Stolz
des Kasseler Despoten sich entschlossen, einem bereits veröffentlichen
Vertrage nachträglich beizutreten und also vor
der Welt zuzugestehen, daß das minder mächtige Darmstadt
ihm vorangegangen sei. Hofmann ging noch im Februar,
auf der Rückreise von Berlin, nach Kassel und meinte die Lage
ziemlich günstig zu finden. Freiherr v.&nbsp;Meysenbug und andere
hohe Beamte, mit denen er vertraulich sprach, gaben ihm
bereitwillig zu, daß Kurhessen nach Darmstadts Beitritt
nicht mehr zögern dürfe: nur der Anschluß an Preußen
könne die zerrüttete Volkswirtschaft retten. Gleichwohl war
Hofmann im Irrtum; schon nach 24 Stunden mußte er unverrichteter
Sache abziehen. »An diesem Hofe, schrieb du
Thil, sind rationelle Berechnungen nicht statthaft.« Hinter
und über den Beamten trieb die Reichenbach [Die Geliebte des Kurfürsten.] ihr Wesen, die
noch immer auf eine österreichische Fürstenkrone hoffte.
</p>

<p>
Auf solchem Boden war den armseligen Künsten der
kleinen Höfe die Stätte bereitet. Ein Heerlager von amtlichen
und geheimen Unterhändlern strömte im Frühjahr 1828 zu
Kassel zusammen, um den Kurfürsten von Preußen fernzuhalten.
Aus Bayern erschienen die Geheimen Räte Oberkamp
und Siebein, der erstere wohlgeschult in dem Ränkespiel
der Eschenheimer Gasse; auch seinen Freund v.&nbsp;d. Tann
schickte König Ludwig hinüber. Für Württemberg arbeitete
der alte Agitator Miller von Immenstadt, jetzt württembergischer
Steuerrat. Aus Sachsen kam Freiherr v. Lützerode,
aus Hannover Kammerrat Lüder, auch Koburg und Meiningen
sendeten Unterhändler. Dann erschien »zum allgemeinen
Schrecken« Präsident v. Porbeck aus Arnsberg, um
dem Berliner Kabinett über das verworrene Treiben zu berichten.
Die Darmstädter Regierung erneuerte im März
ihren Versuch und sendete den Prinzen Wittgenstein, um
dem Kurfürsten mitzuteilen: Preußen habe eingewilligt, daß
der Zutritt Kurhessens zu dem Vertrage vorbehalten bleibe
und Darmstadt den Antrag stelle; der Großherzog erlaube
<pb n="127"/><anchor id="Pg127"/>
sich daher anzufragen, ob der Kurfürst die Absendung eines
Bevollmächtigten genehmige. Am 12.&nbsp;März sprach der Kurfürst
dem Prinzen seinen verbindlichen Dank aus. Doch
schon nach drei Tagen schlug der Wind um. Sei es, daß
Wittgenstein allzu zuversichtlich aufgetreten war, sei es, daß
Oberkamp und die Reichenbach dem Kurfürsten die Schmach
einer Unterwerfung unter Preußens Befehle geschildert
hatten &mdash; genug, am 15.&nbsp;März ließ der Finanzminister Schminke
ein Schreiben an du Thil abgehen, in jener Tonart, die nur
in Kassel oder Köthen möglich war: »S.&nbsp;K. Hoheit können
nicht ohne große Empfindlichkeit wahrnehmen, daß in einem
Allerhöchstdemselben und Allerhöchstdero Kurstaate durchaus
fremden Vertrage von seiten des großherzoglichen Hofes
Stipulationen in Beziehung auf das Kurfürstentum eingegangen
sind und eine Initiative ergriffen worden ist, welche
das Kurhaus in Ansehung des großherzoglichen Hauses sich
nicht einmal gestattet hat. Allerhöchstdieselben sind nicht
davon überzeugt, daß es dem Interesse des Kurstaats entsprechend
sei, einer solchen Übereinkunft das bisherige System
aufzuopfern.« Die gröbsten Wendungen hatte der Kurfürst
eigenhändig in das Schreiben hineingebracht. Bei einer
neuen Audienz donnerte er Wittgenstein an: »Ich bin Chef
des hessischen Hauses; Anmaßungen, wie der Großherzog sie
sich erlaubt hat, werde ich nicht dulden; ich kann die Bitte
des Großherzogs nicht gewähren.« Auch Wittgensteins Sendung
war gescheitert.
</p>

<p>
Eichhorn ahnte, daß die süddeutschen Kronen die Hände
im Spiele gehabt, empfahl dem Bundestagsgesandten Nagler
und allen Gesandten im Oberlande scharfe Aufmerksamkeit
auf die Handelspolitik der kleinen Höfe. Zwei Tendenzen,
schrieb er, wirken uns in Kassel entgegen. Der bayrisch-württembergische
Verein sucht Kurhessen für sich zu gewinnen;
er krankt an verkehrten politischen Nebengedanken und ruht
auf dem falschen Grundsatze, daß die Binnenstaaten von den
Küstenländern sich unabhängig machen sollen; »mit jeder
Ausdehnung verliert das System selbst an innerem Halt und
Zusammenhang«. Gefährlicher scheint der von einigen thüringischen
Staaten gehegte Plan, unter Kurhessens Führung
einen hessisch-thüringischen Zollverein zu bilden, der nach
Belieben mit Preußen oder mit dem Süden verhandeln
<pb n="128"/><anchor id="Pg128"/>
könnte &mdash; eine Träumerei, »so einladend für den Stolz des
Kurfürsten, daß er kaum widerstehen wird.«
</p>

<p>
Nach Wittgensteins Abreise meinten die bayrisch-württembergischen
Unterhändler ihr Spiel gewonnen. Bayern
versprach dem Kurfürsten, seine bisherigen Zolleinnahmen zu
verbürgen, wenn er dem süddeutschen Verein beitrete. Der
Kurfürst, als ein geriebener Handelsmann, holte sofort eine
alte Schuldforderung an das fürstliche Haus Oettingen hervor,
welche einst Napoleon für Bayern eingezogen hatte; auch
diese Sache zu bereinigen war Bayern erbötig. Schon bereiste
Oberkamp mit einem kurhessischen Finanzbeamten die
bayrischen Grenzen, um diesem die Einrichtung der Mauten
zu zeigen. Da griff eine gewandtere Hand ein und betrog
die süddeutschen Höfe um den Sieg.
</p>

<p>
Daß Österreich die Erweiterung des preußisch-hessischen
Vereins ungern sah, war allbekannt. Wenn der österreichische
Geschäftsträger in Kassel dem Prinzen Wittgenstein zuvorkommend
seine Instruktionen zeigte und dort zu lesen stand,
er solle seinen preußischen Kollegen überall getreulich unterstützen,
so wußte man in Berlin längst, was von solchen
k.&nbsp;k. Scherzen zu halten sei. Aber auch der Zollverein der
konstitutionellen Südstaaten erschien zu Wien hoch gefährlich.
Sobald das diplomatische Getriebe in Kassel begann, wurde
Freiherr v. Hruby, einer der eifrigsten und gefährlichsten
Feinde Preußens, so recht ein Vertreter des alten ferdinandeischen
Hochmuts, von Karlsruhe abberufen, in Hannover
und Kassel als Gesandter beglaubigt. Ihm gelang es, den
Kurfürsten zu überzeugen, daß auch der Anschluß an Bayern
die kurhessische Nationalehre gefährde; »die bayrischen Mautritter«,
wie der Kurfürst höhnte, empfingen im Mai abschlägige
Antwort. Und bald erfüllte sich, was ein feiner Kenner
der hessischen Dinge dem preußischen Gesandten Hänlein
vorausgesagt hatte: »Kurhessen wird seine ergiebigen Transitzölle
zu behalten suchen und am liebsten gar nichts an dem
Bestehenden ändern. Nur wenn keine Verständigung mit
der Kurfürstin zustande kommt, wird unser Staat, welcher
bekanntlich nur aus einer Person besteht, sich aus Ärger vielleicht
auf die Seite der Gegner Preußens schlagen.«
</p>

<p>
Dahin war es wirklich gekommen, daß die Zukunft der
deutschen Handelspolitik zunächst von dem ehelichen Frieden
<pb n="129"/><anchor id="Pg129"/>
des kurhessischen Hauses abhing. Um den Kurfürsten mit
seiner Gemahlin zu versöhnen und dann den besänftigten
Despoten für den Zollverein zu gewinnen, sendete König
Friedrich Wilhelm den General Natzmer<note place="end">Oldwig v. Natzmer,
geb. 18. April 1782, gest. 1. Nov. 1861.</note> nach Kassel. Motz
gab dem Unterhändler eine Weisung mit, deren friderizianischer
Ton von der matten Diplomatensprache jener Zeit
gar seltsam abstach. Es war, als hätte der tapfere Hesse
schon das Jahr 1866 vorausgesehen. Er bemerkt zunächst,
die Verbindung mit Preußen liege im eigenen Interesse
Kurhessens; mit 600000 Köpfen könne man kein eigenes
Zollsystem bilden. Der Anschluß an den finanziell unfruchtbaren
bayrisch-württembergischen Verein sei für Hessen unnatürlich.
Dagegen bringt der Anschluß an Preußen: eine
bedeutende Einnahme von 20&ndash;24 &nbsp;Sgr. auf den Kopf; sodann
einen großen Markt von 13&nbsp;Millionen Einwohnern
&mdash; denn nicht Verbote, sondern die Freiheit eines großen
inneren Marktes fördern die Industrie, wie Preußens Beispiel
zeigt &mdash; endlich den Besitz der großen Handelsstraßen.
Schließt Kurhessen sich nicht an, so muß Preußen eine Straße
durch Hannover suchen und den Bremer Verkehr nach Süddeutschland
von Minden aus zum Rhein leiten. Manche
Höfe, und namentlich Minister Marschall in Wiesbaden, behaupten
zwar, ein Zollverein sei eine Verletzung der Souveränität.
Aber der Großherzog von Hessen ist souverän
geblieben, der Vertrag gewährt beiden Teilen gleiche Rechte.
»In die neueren Ideen von Souveränität ist überhaupt viel
Schwindel gekommen. Ich frage besonders: ist Kurhessen
souveräner in einem auf gleiche Souveränität basierten Vertrage
mit seinem mächtigsten unmittelbaren Nachbarn, oder
ist es souveräner ohne solche Verbindung, in einer unfreundlichen
Stellung diesem mächtigsten unmittelbaren Nachbarn
gegenüber? Es gibt Verhältnisse, mögen sie auch noch in
der Zukunft liegen, in welchem Preußen ein feindlich gesinnter
Nachbar nützlicher sein kann als ein durch feste Verträge
verbundener.« Die furchtbare Offenheit dieser Sprache
war nicht geeignet, den Kurfürsten zu gewinnen. Natzmer
wurde mit ungeschliffener Grobheit heimgeschickt, und auch
Leopold Kühne, der zur Unterstützung des Generals nach
<pb n="130"/><anchor id="Pg130"/>
Kassel und nebenbei nach Braunschweig ging, richtete an
beiden Orten nichts aus. In solcher Laune, tobend gegen
seine Gemahlin wie gegen alles, was den preußischen Namen
trug, war der hessische Despot bereit, den Weisungen Österreichs
blindlings zu folgen.
</p>

<p>
Die Hofburg wollte nicht bloß die Erweiterung des preußischen
Zollsystems verhindern, sie dachte, das System selber
zu zerstören, den mühsam errungenen ersten Anfang deutscher
Handelseinheit zu vernichten; und gerade bei den norddeutschen
Höfen, welche durch alle ihre natürlichen Interessen
auf Preußen angewiesen waren, fand diese Absicht Anklang.
Der dynastische Haß des sächsischen Hofes, der Welfenstolz
Hannovers, der Grimm des Kurfürsten gegen seinen königlichen
Schwager, die Großmannssucht des Nassauer Herzogs,
die gedankenlose Ängstlichkeit der kleinsten Höfe &mdash; alle niederträchtigen
und alle schwächlichen Elemente des norddeutschen
Kleinfürstentums vereinigten sich in tiefster Stille zum Kampfe
gegen Preußen. Gestützt auf Österreich, begünstigt durch
den Handelsneid Englands, Frankreichs und Hollands, kam
der Mitteldeutsche Handelsverein zustande &mdash; eine der bösartigsten
und unnatürlichsten Verschwörungen gegen das
Vaterland &mdash; gleich dem Rheinbunde ein Zeugnis, wessen
das deutsche Kleinfürstentum fähig war.
</p>
</div>

<div id="Kap06c">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>c) <hi rend="hgesperrt">Der Mitteldeutsche Handelsverein.</hi></head>

<p>
Nirgends erweckte der preußisch-hessische Vertrag schwerere
Besorgnisse als am Dresdner Hofe. Wie hatte man sich dort so
behaglich eingelebt in den alten Privilegienwust, wie war es
so süß, am Bundestage über die deutsche Handelseinheit und
die Bundeszölle salbungsvoll zu reden &mdash; in der frohen Erwartung,
daß gar nichts zustande komme, daß man jedes
ernsten Entschlusses, jeder heilsamen Reform allezeit überhoben
bleibe! Jetzt erstanden plötzlich dicht an Sachsens Grenzen
zwei Zollverbände. Wie nun, wenn die augenblickliche
Verstimmung des Königs von Bayern verflog, wenn die
beiden Vereine, die in ihren handelspolitischen Grundsätzen
einander so nahe standen, sich zu einem verschmolzen: wenn
sie auch Thüringen gewannen, und also dem Leipziger Handel
der Weg zur See ringsum durch Zollstellen versperrt wurde?
Lauter und lauter erklangen die Klagen der Fabrikanten
<pb n="131"/><anchor id="Pg131"/>
des Erzgebirges; zweimal im Jahre 1828 liefen Petitionen
ein, die den König beschworen: der Anschluß an Preußen,
oder auch an den süddeutschen Verein, irgendein Entschluß,
der aus der vereinsamten Stellung hinausführe, sei unvermeidlich.
Der Minister Graf Einsiedel<note place="end">Graf Detlev v. Einsiedel,
geb. 12. Oktober 1773, gest. 20. März
1861, von 1813&ndash;1830 als Minister ein Gegner aller Reformen.</note>,
der als Eisenwerksbesitzer
der Großindustrie näher stand, begann irre zu werden
an dem alten System. Einer der tüchtigsten jüngeren Beamten,
Wietersheim<note place="end">Eduard von Wietersheim, geb. 10. September 1787, gest.
16. April 1865, damals Kreishauptmann in Plauen, von 1840&ndash;1848
sächsischer Kultusminister.</note>, schilderte in einer beredten Denkschrift den Notstand
der Industrie, die Unterlassungssünden der Regierung.
König Anton aber hielt, wie sein Minister Manteuffel<note place="end">
Georg August Ernst v. Manteuffel, geb. 26. Oktober 1765,
gest. 8. Januar 1842, Präsident des Geh. Finanzkollegiums, seit 1828
Konferenzminister, in Sachsen verhaßt wegen seines starren Widerstandes
gegen jede Reform.</note>, einen
Handelsbund mit Preußen für unmöglich. Eben in jenen
Jahren stand ein alter Lieblingsgedanke der albertinischen
Politik in voller Blüte. Vor kurzem erst, nach dem Aussterben
des Hauses Gotha, hatte der König von Sachsen den Schiedsrichter
und väterlichen Vermittler gespielt zwischen den
ernestinischen Vettern. Man hoffte in Dresden, eine dauernde
Hegemonie über die thüringischen Lande zu erlangen. Um
so schmerzlicher empfand man die Gefahr, daß Thüringen
dem preußischen oder dem süddeutschen Verein sich anschließen
könnte.
</p>

<p>
Aus solchen Berechnungen entsprang der Plan, einen
Gegenzollverein zu bilden, der, ohne selbst ein positives
handelspolitisches Ziel zu verfolgen, nur als ein Keil zwischen
die beiden Zollvereine hineindringen, ihre Verbindung hindern
sollte. Es galt, die ersten Anfänge der Handelseinheit zu
zerstören, den schmachvollen Zustand deutscher Zerrissenheit
zu verewigen. Die Träger dieser Politik waren zwei Gebrüder
Carlowitz, aus einem der ehrenwertesten Häuser des obersächsischen
Adels. Der Ältere<note place="end">Hans Georg v. Carlowitz, geb. 11. Dezember 1772, gest.
18. März 1841, von 1821&ndash;1827 Königl. sächsischer
Bundestagsgesandter.</note>, königlich sächsischer Minister,
war bis zum vorigen Jahre noch Bundestagsgesandter gewesen
<pb n="132"/><anchor id="Pg132"/>
und stand in der Eschenheimer Gasse in lebhaftem
Andenken als ein wohlmeinender Geschäftsmann der alten
Schule, ein pedantischer Vertreter der bekannten kursächsischen
Formelseligkeit. Der Jüngere<note place="end">Christoph Anton Ferdinand
v. Carlowitz, geb. 6. Juni 1785,
gest. 21. Januar 1840.</note>, jetzt Minister in Gotha, persönlich
ebenfalls sehr achtungswert, hatte alle die unausrottbaren
Vorurteile des kursächsischen Adels mit aus der
Heimat hinübergenommen. Vergeblich stellten ihm gothaische
Beamte vor, ihr Ländchen sei auf Preußen angewiesen;
der verständige Kammerrat Braun rief ihm zu: »Sie handeln
als königlich sächsischer, nicht als herzoglich sächsischer Staatsmann.«
Er blieb dabei, »ein neutraler Verein« sei notwendig,
»eine achtunggebietende Masse zwischen den beiden Zollvereinen
stark genug, um beiden Bedingungen zu diktieren«.
Der Herzog von Gotha ward für die Pläne seines sächsischen
Ratgebers leicht gewonnen. Er stand mit dem Berliner
Hofe auf schlechtem Fuße, weil er sein entlegenes Saarland
Lichtenberg gegen ein Stück des preußischen Thüringens
auszutauschen wünschte und König Friedrich Wilhelm diese
Zumutung noch immer beharrlich abwies. In ihren Mitteln
war die Koburgische Handelspolitik wenig wählerisch. Aller
drei Wochen ging von Koburg eine Sendung neu geprägter
unterwertiger Münzen nach Lichtenberg; von dort überfluteten
die unter dünner Silberhülle rötlich schimmernden
Koburger Sechser das benachbarte süddeutsche Guldenland,
und diese gewerbsmäßige Falschmünzerei währte jahrelang
fort trotz den Beschwerden der Nachbarn. Auch am Weimarischen
Hofe herrschte augenblicklich eine gegen Preußen
leidenschaftlich eingenommene Partei, an ihrer Spitze der
gescheite Minister Schweitzer<note place="end">Christian Wilhelm Schweitzer,
geb. 1. November 1781, gest.
26. Oktober 1856, anfangs Professor der Rechte an den Universitäten
Wittenberg und Jena, wurde 1818 ins Ministerium berufen als
Geheimer Staatsrat mit Sitz und Stimme im Ministerium, doch ohne
ein bestimmtes Departement.</note>.
</p>

<p>
So wurde denn ein hochgefährliches Unternehmen gegen
Deutschlands Handelseinheit in aller Stille eingefädelt, harmlos,
gemütlich wie eine Carlowitzsche Familienangelegenheit.
In den letzten Tagen des März 1828 trafen sich der Herzog
<pb n="133"/><anchor id="Pg133"/>
von Gotha, die beiden Carlowitze und Schweitzer auf dem
Carlowitzschen Familiengute Oberschöna &mdash; sie alle noch ohne
eine klare Vorstellung von den schweren Folgen ihres Beginnens.
Wir Deutschen sind Gott sei Dank durch unabweisbare
Interessen, durch alle Lebensgewohnheiten aufeinander
angewiesen; jeder Versuch offener Feindseligkeit von Deutschen
gegen Deutsche erscheint als eine Sünde wider die Natur
und bietet darum neben der Entrüstung auch der Lachlust
ein breites Ziel. In denselben Tagen, da in Oberschöna der
Zollkrieg gegen Preußen beschlossen wurde, verhandelte in
Berlin der Weimarische Bevollmächtigte Thon wegen freundnachbarlicher
Aufhebung der Geleitsgelder. Mochte man den
preußischen Staat bis in der Hölle tiefste Gründe verwünschen,
entbehren konnte man ihn nicht. Die in Oberschöna abgeschlossene
Punktation besagte: Es soll ein Handelsverein geschlossen
werden zwischen Sachsen, Kurhessen und Thüringen.
Die Teilnehmer »werden sich bemühen, den Beitritt der
übrigen zwischen der preußischen und bayrischen Zollinie gelegenen
Lande zu erlangen.« Sie verpflichten sich, »einseitig
keinem auswärtigen Zollsystem beizutreten, noch, ohne Zustimmung
des Vereins, mit einem Staate, in welchem ein
solches System besteht, einen Handels- oder Zollvertrag zu
schließen.« Sie wollen ihre gegenseitigen Untertanen auf
gleichem Fuß behandeln und (Artikel 7) die Transitabgaben
im Verkehr zwischen den Vereinsstaaten nicht über das Maß
der sächsischen Transitzölle erhöhen. Sechs Monate nach der
Konstituierung des Vereins soll über gemeinsame Handelsverträge
und Retorsionen beraten werden.
</p>

<p>
Es war ein <hi rend="antiqua">pactum de paciscendo</hi>, ein Vertrag ohne
positiven Inhalt, eine Verpflichtung, vorläufig nichts zu tun,
den bestehenden Zustand nur nach gemeinsamer Abrede zu
verändern. Von einer Zollgemeinschaft zwischen den Vereinsstaaten,
von irgendwelchen ernsten Reformen war gar
nicht die Rede. Gleichwohl konnte der »neutrale« Verein
dem preußischen Zollsystem verderblich werden; er suchte
der Handelspolitik Preußens ihre schärfste Angriffswaffe,
die Durchfuhrzölle, aus der Hand zu winden. Wenn es gelang,
alle zwischen den preußischen Provinzen eingeklammerten
Länder, insbesondere die Küstenstaaten, für den Verein
zu gewinnen, so nahm die gesamte Einfuhr von der See nach
<pb n="134"/><anchor id="Pg134"/>
dem innern Deutschland ihren Weg durch die Vereinslande,
da die sächsischen Transitzölle weit niedriger standen als die
preußischen. Schritt man darauf zu den verabredeten »Retorsionen«,
wurde die Durchfuhr von Bayern nach Preußen
und von einer preußischen Provinz zur anderen mit hohen
Zöllen belastet, dann war Preußen einer reichen Einnahmequelle
und seines wirksamsten Unterhandlungsmittels zugleich
beraubt; nicht bloß die Erweiterung des preußischen
Zollsystems wurde verhindert, der Bestand des Systems
selber ward in Frage gestellt. Unter der Maske der Neutralität
beschloß man den Zollkrieg. Um nur Preußen zu schädigen,
verpflichtete sich die sächsische Regierung, ihre eigenen
Fabriken in wehrlosem Zustande zu lassen, die Industrie des
Erzgebirges der englischen Konkurrenz völlig preiszugeben.
Wahrhaftig, nicht patriotische Gesinnung war es, was die
kleinen Staaten unseres Nordens endlich in den preußisch-
deutschen Zollverein führte; kein Mittel, auch das verwerflichste
nicht, blieb unversucht, das preußische Zollsystem zu
sprengen; erst nachdem alle Angriffe gescheitert waren, unterwarf
man sich notgedrungen der deutschen Handelseinheit.
</p>

<p>
Die Oberschönaer Punktation wurde dem sächsischen
Bundestagsgesandten Bernhard von Lindenau<note place="end">
Bernh. Aug. v. Lindenau, geb. 11. Juni 1779, gest. 12. Mai
1854, von 1827&ndash;29 sächs. Bundestagsgesandter, darauf Direktor
der Kommerziendeputation, 1830 Kabinettsminister, von 1831 bis
1843 Staatsminister. &mdash; Vor seinem Eintritt in den Königl. sächs.
Staatsdienst war er erst in Sachsen-Gotha-Altenburg tätig, dann nach
der Teilung als Landschaftsdirektor in S.-Altenburg. Literarisch ist
er durch Arbeiten auf dem Gebiete der Sternkunde
hervorgetreten.</note> zugesendet;
dort in der Eschenheimer Gasse sollten dem »sächsischen Antizollverein«,
wie man in Berlin sagte, neue Anhänger geworben
werden. Eine edle, hochsinnige Gelehrtennatur,
ehrlich liberal und begeistert für Deutschlands Größe, hatte
Lindenau bis vor kurzem im gothaischen Ministerium mit
Einsicht gewirkt. Er wünschte aufrichtig die deutsche Handelseinheit
und gestand seinem Darmstädter Amtsgenossen in
Frankfurt: wäre Kurhessen dem preußischen Verein beigetreten,
so hätte ich auch für den Beitritt Sachsens und Thüringens
gestimmt. Nun Kurhessen sich weigerte, hoffte er
sein Ziel auf anderem Wege zu erreichen: durch einen Bund
der norddeutschen Lande, welcher den preußischen Staat zur
<pb n="135"/><anchor id="Pg135"/>
Milderung seines Zollsystems zwingen sollte. Auch er krankte
an dem Erbfehler der kleinen Diplomatie, er überschätzte die
Macht seines Staates und sah nicht, daß die preußische Regierung
den Versuch, ihr Gesetze vorzuschreiben, als offene
Feindseligkeit betrachten und sich zur Wehre setzen mußte.
Also hat der treffliche Mann seinen lauteren Idealismus,
seine lebhafte ruhelose Tätigkeit eingesetzt für Pläne, die der
dynastischen Scheelsucht entsprangen, und zwei Jahre lang
an einem Verein gearbeitet, welchen Stein verächtlich als
einen Afterbund verdammte. Selbst die Sippschaft höchst
unzweideutiger politischer Charaktere, welche sich sofort des
Oberschönaer Planes bemächtigte, öffnete dem sächsischen
Staatsmanne nicht die Augen. Münch und Langenau, Marschall
und Rothschild, alle Stützen der österreichischen Partei
warben für den Handelsverein. Mehrmals in der Woche
kam der Herzog von Nassau zu Langenau hinüber, um neue
Bundesgenossen zu gewinnen.
</p>

<p>
Dergestalt war wieder einmal eines jener anmutigen
Ränkespiele eingeleitet, welche von Zeit zu Zeit die trostlose
Langeweile der Bundestagsgeschäfte wohltätig unterbrachen.
Daß Österreich alle Fäden der Verschwörung in seiner Hand
hielt, war bald am Bundestage offenkundig. Mit gewohnter
Treuherzigkeit stellte die Hofburg jede Parteinahme in Abrede.
Der k.&nbsp;k. Hofrat v. Kreß, der Leiter der österreichischen
Handelssachen, beteuerte dem preußischen Geschäftsträger
feierlich: mit keinem Worte habe Osterreich den Anschluß
Darmstadts zu verhindern gesucht; er selber habe die Korrespondenz
geführt und nach Darmstadt geschrieben, sein Hof
werde sich freuen, wenn Hessen bei dem preußischen Bündnis
seinen Vorteil finde. Nach den Enthüllungen, die man in
Berlin vom Darmstädter Hofe selbst erhalten, konnten solche
Beteuerungen nur Heiterkeit erregen. Wie Österreich zu dem
neuen Gegenzollverein stand, das erhellte, wenn anders die
Frankfurter Gesandtschaftsberichte noch einer Bestätigung bedurften,
aus einem Briefe Lindenaus, der in Berlin bekannt
wurde. »Ich verhandle mit Holstein und den Niederlanden,
schrieb der sächsische Diplomat an den Bundestagsgesandten
Leonhardi<note place="end">Großherz. hess. Geheimrat und Bundesgesandter für die
XVI.&nbsp;Kurie, gest. 6. April 1839.</note>,
sowie wir nicht minder der Unterstützung des
<pb n="136"/><anchor id="Pg136"/>
gemeinnützigen, vielversprechenden Unternehmens von seiten
der österreichischen Regierung, welche dessen Förderung
wünscht, versichert sein können.« Auch die anderen ausländischen
Feinde der preußischen Handelspolitik liehen dem
Verein ihren Beistand. Graf Reinhard versicherte die Vereinsmitglieder
der warmen Unterstützung des Pariser Kabinetts.
Um die Niederlande zu gewinnen, ging Lindenau im Herbst
selber nach Brüssel und stellte dort vor &mdash; er, der Vertreter
des Elbuferstaates Sachsen: &mdash; es sei notwendig, den Rhein
und Main wieder zu beleben, die durch den Elb- und Weserhandel
so schwere Einbuße erlitten hätten, und den rheinischen
Kolonialwarenhandel Hollands wieder zu der Höhe zu erheben,
die er im achtzehnten Jahrhundert behauptet. Selber
mit seiner deutschen Provinz beizutreten, lag freilich nicht
in Hollands Absicht; doch warben seine Diplomaten in Frankfurt
eifrig für den Verein.
</p>

<p>
Entscheidend wurde die Haltung von England-Hannover.
Noch war man in London gewohnt, mit dreister Sicherheit
auf Deutschlands Zwietracht zu rechnen; jede Regung selbständigen
Willens in der deutschen Handelspolitik galt den
Briten als ein Schlag ins eigene Angesicht. Welch' eine
köstliche Aussicht, wenn jetzt durch den Gegenzollverein nicht
nur die machtlose Anarchie des deutschen Zollwesens verewigt,
sondern auch den englischen Waren gegen mäßige
Transitzölle der Weg bis ins Herz von Deutschland eröffnet
wurde; von dort mochten sie dann durch die Schmuggler
nach Preußen und Bayern hinübergeschafft werden. Mit
Feuereifer ging der Gesandte am Bundestage, Addington,
auf Lindenaus Ideen ein. Umsonst warnte der nüchterne
Milbanke, Geschäftsträger bei der Stadt Frankfurt: der Verein
entbehre jedes positiven Zwecks, könne und werde nicht
dauern, der deutsche Handel bedürfe schlechterdings einer
Reform. Addingtons Meinung drang in London durch;
allzu verlockend war der Gedanke, den offenen hannoverschen
Markt, der bisher den englischen Fabriken so unschätzbar
gewesen, bis an den Main zu erweitern. Die englische Schaluppe
Hannover folgte wie immer ihrem Schiffe. Graf
Münster<note place="end">Ernst Friedr. Herbert Reichsgraf zu Münster-Ledenburg,
geb. 1. März 1766, gest. 20. Mai 1839, von 1805&ndash;1831 Minister für
die hannöverschen Angelegenheiten am Londoner Hofe.</note>
schalt hinterrücks den preußischen Zollverein »eine
<pb n="137"/><anchor id="Pg137"/>
preußische Reunionskammer«, mußte sich von dem preußischen
Gesandten Bülow »sein wenig gerades Benehmen«
vorwerfen lassen. Zugleich bat, wie Bülow von dem Minister
Fitzgerald selbst erfuhr, der sächsische Gesandte in London
um durchgreifende Maßregeln gegen das preußische Zollsystem,
das dem englischen Handel und der Unabhängigkeit
der deutschen Staaten gleich verderblich sei. So trat denn
Hannover dem Verein bei; das Industrieland Sachsen unterwarf
sich dem englischen Handelsinteresse. Freiherr v. Grote<note place="end">
Aug. Otto Graf Grote, geb. 19. November 1747, gest.
26. März 1830, hannov. Gesandter in Hamburg.</note>,
ein fähiger hannoverscher Beamter, Preußens geschworener
Feind, wurde neben Lindenau die Seele des Bundes.
</p>

<p>
Auch Bremen trat hinzu. Der treffliche Smidt<note place="end">Joh. Smidt,
geb. 5. November 1773, gest. 7. Mai 1857, anfangs
Professor der Geschichte am Bremer <hi rend="antiqua">Gymnasium
illustre</hi>, dann Syndikus und Ratsherr, war 1821&ndash;1849
u. 1852&ndash;1857 Bürgermeister.</note> hatte
sich allzu tief eingelebt in die Träume Wangenheims, der
auch jetzt wieder aus seinem Koburger Stilleben heraus gegen
Preußen arbeitete; er konnte ein krankhaftes Mißtrauen
gegen den norddeutschen Großstaat nicht überwinden, und
jetzt, da die reindeutschen Sonderbundspläne sogar von Österreich
insgeheim unterstützt wurden, gab er sich ihnen unvorsichtiger
hin als sonst seine Art war. Er wünschte, wie er am
Bundestage mehrmals aussprach, deutsche Konsulate und
eine deutsche Flagge. Doch solange Deutschland noch nicht
ein nationales Handelsgebiet bildete, war das lockere hannoversche
Zollwesen für den bremischen Freihandel bequemer
als das strenge preußische System. Die von dem »neutralen«
Verein versprochene Erleichterung des Transitverkehrs
konnte auf den ersten Blick einen hanseatischen Staatsmann
allerdings bestechen. Aber auch nur auf den ersten Blick.
Voreingenommen gegen Preußens Zollsystem, bemerkte
Smidt nicht, daß die Teilnahme an dem neuen Handelsbunde
der überlieferten hanseatischen Handelspolitik schnurstracks
widersprach; der Verein war in Wahrheit nicht neutral,
sondern durchaus parteiisch, antipreußisch. Smidt dachte
so hoch von dem Werte dieser totgeborenen Vereinigung,
daß er ihrem Urheber, dem Sachsen Carlowitz, das bremische
<pb n="138"/><anchor id="Pg138"/>
Ehrenbürgerrecht verschaffte &mdash; eine seltene Auszeichnung,
welche seit dem Freiherrn vom Stein kein deutscher Staatsmann
mehr erlangt hatte. Ruhiger urteilte der Hamburger
Senat; er lehnte jede Mitwirkung ab, weil Hamburgs Freihafen
den Interessen des gesamten deutschen Verkehrs zu
dienen habe. Die Frankfurter großen Firmen dagegen begrüßten
mit Jubel die in Aussicht gestellte Erleichterung des
Durchfuhrhandels, die den landesüblichen Schmuggel mächtig
fördern mußte; auch waren die Patrizier der stolzen Republik
längst gewöhnt, den untertänigen Schweif des k.&nbsp;k.
Bundesgesandten zu bilden. Bürgermeister Thomas und
Senator Guaita zusamt dem österreichischen Anhang setzten
den Beitritt durch, gegen den heftigen Widerspruch einer
preußischen Partei.
</p>

<p>
Territorialen Zusammenhang konnte der Verein nur
durch Kurhessen erlangen; daher wurden dort die stärksten
Hebel eingesetzt. Der jüngere Carlowitz selbst erschien im April
zu Kassel, bald darauf kam Lindenau. Beide, unterstützt
durch Hruby, stellten dem Kurfürsten vor, was er am liebsten
hörte: der neutrale Verein verlange gar keine Änderung in
den bestehenden Gesetzen Kurhessens; man betrachte dies
Land als den Kern des Bundes, könne der Sachkenntnis des
Kurfürsten nicht entbehren, darum sollten die Beratungen
über das Grundgesetz unter seinen Augen, in Kassel erfolgen.
Den Ausschlag gab jedoch die staatsmännische Absicht,
dem Schwager in Berlin einen derben Possen zu spielen.
Durch Kurhessens Beitritt wurde Badens Ablehnung mehr
als aufgewogen. Lindenau schrieb an Berstett: er hoffe auf
die Mitwirkung des Karlsruher Hofes um so sicherer, da durch
den Verein »weder die Selbständigkeit der eigenen Landesverwaltung,
noch auch deren finanzielle Verhältnisse die
mindeste Störung erleiden, sondern nur die unveränderte
Aufrechterhaltung des <hi rend="antiqua">status
quo</hi><note place="end">des bestehenden Zustandes.</note> versichert und bezweckt
wird.« Der Antrag ward abgelehnt. Mit Bayern verfeindet,
von süddeutschen und preußischen Vereinslanden rings umschlossen,
hatte Baden von dem neutralen Verein nichts zu
hoffen, von Preußens Zorn alles zu fürchten. Bei allen
anderen kleinen Höfen fanden Lindenaus Werbungen günstiges
<pb n="139"/><anchor id="Pg139"/>
Gehör. Einige ängstliche thüringische Kabinette wurden
gewonnen durch die vertrauliche Versicherung, Preußen sei
mit der Gründung des Vereins einverstanden, eine plumpe
Erfindung, die doch Eingang fand, weil die preußische Diplomatie
sich wie bisher ruhig zurückhielt. Selbst Herzog Karl
von Braunschweig ging diesmal Hand in Hand mit dem
gehaßten jüngeren Welfenhause; eine Weisung Metternichs
bewog ihn, beizutreten.
</p>

<p>
Also waren im Laufe des Sommers die sämtlichen
zwischen den beiden Hälften der preußischen Monarchie eingepreßten
Kleinstaaten angeworben für den Neutralitätsbund,
der sich den Namen »Mitteldeutscher Handelsverein«
beilegte. Nach jahrelangen vergeblichen Unterhandlungen
sah Deutschland plötzlich in einem Jahre drei handelspolitische
Vereine auftauchen. Nur Baden und die niederdeutschen
Kleinstaaten östlich der Elbe blieben noch isoliert. Triumphierend
verkündete ein Artikel der Frankfurter Oberpostamtszeitung,
der aus Lindenaus Feder stammte, am 25.&nbsp;Juni:
Sachsen, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind die
Schöpfer des neuen Vereins, der den Artikel 19 der Bundesakte
zur Wahrheit macht und, statt neue Zollinien zu schaffen,
vielmehr die Handelsfreiheit auf sein Banner schreibt. »Daß
Ware gegen Ware vertauscht, Freiheit mit Freiheit, Gleiches
mit Gleichem erwidert werde, das ist Forderung des natürlichen
Rechts, bei dessen Verkennung und Verweigerung
es dem Verein wohl nicht an Mitteln fehlen dürfte, das, was
recht und billig ist, mit feierlicher Kraft geltend zu machen,
da er helfen und hemmen, Vorteil und Nachteil zu gewähren
vermag.« Ein Gebiet von sechs Millionen Seelen gehört ihm,
die ganze weite Nordseeküste, die größten Stapel- und Handelsplätze
Deutschlands; die Elbe, den Rhein, den Main, die
Weser von allen Zöllen zu befreien, liegt allein in seiner
Hand!
</p>

<p>
Wohl mochte man prahlen! Eine so krankhaft unnatürliche
Mißbildung war dem Partikularismus noch nie zuvor
gelungen. In einem weiten Widerhaken reichte das Vereinsgebiet
von Bremen nach Fulda, dann westwärts zum Rhein,
gen Osten bis zur schlesischen Grenze, von dem englischen
Markt Hannover bis zu dem gewerbereichen Sachsen, über
einen bunten Länderhaufen, welchen, Preußen gegenüber,
<pb n="140"/><anchor id="Pg140"/>
nur ein gemeinsames Interesse zusammenhielt: Angst und
Neid. Eben jene norddeutschen Kleinstaaten, welche bisher
den handelspolitischen Anstrengungen Preußens und Bayern-Württembergs
einen trägen ablehnenden Widerstand entgegengestellt,
redeten plötzlich von deutscher Handelsfreiheit.
Indes sie den Artikel 19 der Bundesakte im Munde führten,
verschworen sie sich, die bestehende Zersplitterung aufrecht
zu halten und den preußischen Durchfuhrhandel zu vernichten.
Und hinter diesem Bunde standen schirmend Österreich,
England, Holland, Frankreich! Wenn man in Berlin noch
der Belehrung bedurft hätte über die feindselige Gesinnung
des Mitteldeutschen Vereins, so mußte die hinterhaltige
Sprache der verbündeten Kabinette jeden Zweifel zerstören.
In tiefster Stille, ohne die geringste Mitteilung an die preußische
Gesandtschaft, hatte der Dresdner Hof sein Werk begonnen.
Als am preußischen Hofe einiges ruchbar wurde,
schrieb Graf Einsiedel dem Gesandten v. Watzdorf in Berlin,
versicherte heilig, Baden sei nicht zum Beitritt aufgefordert
worden. Doch leider hatte der Karlsruher Hof jenes Einladungsschreiben
Lindenaus an Berstett dem Berliner Kabinett
sogleich mitgeteilt. Der Abteilungschef im Auswärtigen
Amte bemerkte an den Rand der sächsischen Depesche: »Das
Gegenteil steht in unseren Akten. Graf Bernstorff wird Herrn
v.&nbsp;Watzdorf eines Besseren belehren.« Nicht minder verdächtig
erschien, daß der hannoversche Gesandte in Dresden, v. Reden,
plötzlich ohne jede Veranlassung ein Schreiben an Bernstorff
richtete, um inbrünstig zu beteuern, Hannover hege durchaus
keine feindseligen Absichten gegen Preußen, mißbillige entschieden
jenes gehässige Programm der Oberpostamtszeitung.
Warum solche unerbetene Entschuldigung, wenn man sich
nicht schuldig fühlte? Späterhin, in einer Denkschrift vom
Jahre 1832, nannte Metternich selbst den Mitteldeutschen
Handelsverein »versuchsweise zum Schutze gegen das preußische
Zollsystem geschaffen«.
</p>

<p>
Und abermals zeigte die öffentliche Meinung ihre alte
unbelehrbare Verblendung. In Arnstadt rottete sich das Volk
zusammen vor dem Hause des Erbprinzen; die Leute drohten
auszuwandern, wenn der Fürst nicht fest zu dem Mitteldeutschen
Verein stehe. Das sächsische Oppositionsblatt »die Biene«
verteidigte warm die hochherzige Absicht der sächsischen
<pb n="141"/><anchor id="Pg141"/>
Krone, die Unabhängigkeit »unseres Vaterlandes« zu retten;
das Erzgebirge müsse ja unfehlbar zugrunde gehen, wenn
die preußischen Zölle die Getreideeinfuhr aus Böhmen verhinderten
&mdash; diese preußischen Zölle, die den Getreideverkehr
fast gar nicht belasteten! Weithin erklang der Jubelruf der
Liberalen über die schmachvolle Niederlage des preußischen
Absolutismus: Preußens Herrschsucht ist gedemütigt, das
Gleichgewicht der Mächte in Deutschland wieder hergestellt!
Selbst in Bayern und Württemberg, deren eigenes Zollsystem
doch durch den Mitteldeutschen Verein bedroht wurde,
verteidigte die Presse den neuen Handelsbund. Der bayrische
Hesperus donnerte gegen Darmstadt, das einen industriellen
Selbstmord begangen, den Schwaben und Bayern »einen
Teil des Segens edler Fürsten« geraubt habe. Die Neckarzeitung
begrüßte den Verein als ein Zeugnis der Bundestreue,
als einen letzten Versuch, die Verheißungen der Bundesakte
ins Leben zu führen. Sogar innerhalb der bayrischen
Regierung fand sich eine Partei bereit, die sächsisch-englischen
Entwürfe zu unterstützen; Lerchenfeld und Oberkamp, die
gesamte Bundestagsgesandtschaft König Ludwigs, blieben mit
Lindenau in vertrautem Verkehr. Nur wenige verstanden
den festen patriotischen Stolz des Freiherrn vom Stein, der
voll Verachtung auf die Vasallen der englischen Handelspolitik
niederschaute und an Gagern schrieb: »es ist den erbärmlichen,
neidischen, antinationalen Absichten unserer kleinen
Kabinette angemessen, sich an das Ausland zu schließen,
sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen
Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides
aufzuopfern.«
</p>

<p>
Am 21. Mai 1828 hatten die Verbündeten zu Frankfurt
einen Präliminarvertrag geschlossen. Am 22.&nbsp;August, nachdem
unterdessen der Verein vollzählig geworden, versammelten
sich die Bevollmächtigten in Kassel, und schon am 24.&nbsp;September
kam der endgültige Vertrag zustande. Solche Schnelligkeit
der Beratung stach von den Gewohnheiten der Staatsmänner
des Bundestags auffällig ab; sie bewies deutlich,
daß man Gefahr im Verzuge glaubte und mehr einen diplomatischen
Schachzug als ein dauerhaftes Werk beabsichtige.
Der Vertrag, in Dresden entworfen, sprach die feindselige,
aggressive Richtung gegen Preußen noch weit offener aus
<pb n="142"/><anchor id="Pg142"/>
als die Oberschönaer Punktation. Der Verein ist bestimmt,
den freien Verkehr im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte
zu befördern und »die Vorteile, welche in dieser Hinsicht dem
einzelnen Staate durch seine geographische Lage und sonst
gewährt sind, auf das Ganze zu übertragen, auch daneben
sich jene Vorteile zu erhalten und sicher zu stellen.« Die Verbündeten
verpflichten sich, bis zum 31.&nbsp;Dezember 1834 &mdash;
d.&nbsp;h. bis zu dem Zeitpunkte, wo der preußisch-hessische Vertrag
ablief &mdash; keinem auswärtigen Zollverein einseitig beizutreten.
Die Straßen sollen in gutem Stande erhalten,
neue Straßenzüge verabredet werden. Die bestehenden
Durchfuhrzölle auf Waren, welche für einen Vereinsstaat
bestimmt sind, dürfen nicht erhöht werden; dagegen steht dem
Verein wie jedem Vereinsstaate frei, Waren, die aus dem
Auslande in das Ausland gehen, mit höheren Transitgebühren
zu belasten. England-Hannover war es, das diesen unzweideutigen
Artikel&nbsp;7 durchgesetzt hatte. Es lag darin die Drohung,
den Handel zwischen den beiden Hälften der preußischen
Monarchie zu zerstören, und zugleich eine systematische Begünstigung
der englischen Einfuhr. Denn da auf Hannovers
ausdrückliches Verlangen jedem Vereinsstaate die Befugnis
eingeräumt wurde, Handelsverträge mit dem Auslande zu
schließen, so eröffnete sich den englischen Waren über
Bremen und Hannover ein fast zollfreier Weg nach den
Binnenstaaten, welche, wie Sachsen, Thüringen, Nassau,
Frankfurt, noch kein geordnetes Grenzzollsystem besaßen.
Noch deutlicher sprach der neunte Artikel, der jedem Vereinsstaate
das Recht zu einseitigen Retorsionen vorbehielt; Kurhessen
hatte diese Bestimmung gefordert, und der Kurfürst
verstand unter Retorsionen jede gehässige Gewalttat wider
die Nachbarn. Die einzige wesentliche Wohltat, welche der
Verein dem Handel brachte, war die Erleichterung des Transits,
und sie ward erkauft durch schwere Schädigung der heimischen,
vornehmlich der erzgebirgischen Industrie. Im übrigen
dauerten alle bestehenden Akzisen und Zölle fort; nur
Warenverbote zwischen den Vereinsstaaten waren unstatthaft,
auch sollten die gewöhnlichen Erzeugnisse des Landbaues
nicht verzollt werden.
</p>

<p>
Der Kern des Vertrages blieb die Absicht, auf sechs Jahre
hinaus die Erweiterung des preußischen Zollsystems zu verhindern
<pb n="143"/><anchor id="Pg143"/>
und inzwischen vielleicht durch Ableitung des Durchfuhrhandels
dem Zollwesen Preußens die Wurzeln abzugraben.
Eine von Marschall und Röntgen verfaßte nassauische
Denkschrift über das Verhältnis des Vereins zu Preußen
und Bayern gibt über diese freundnachbarlichen Absichten
sicheren Aufschluß. Sie schildert beweglich, wie Darmstadt
sich »an ein nicht aus seiner Autonomie hervorgegangenes
System« angeschlossen habe. Allerdings wurden dabei »die
äußeren Formen der Selbständigkeit gewahrt«, aber das
Großherzogtum »hat sich während der Dauer des Vertrages
jeder materiellen Autonomie begeben, kann nur noch eine
großmütige Berücksichtigung seiner Wünsche in billigen Anspruch
nehmen und ist deshalb seiner endlichen Mediatisierung
um einen bedeutenden Schritt näher gerückt.« Solcher
Schwäche gegenüber sind die Verbündeten entschlossen, »keine
willenlose Hingebung zu zeigen, keine nicht aus dem eigenen
Bedürfnis hervorgegangene Handelsgesetzgebung« anzunehmen.
»Das Wesentliche des Kasseler Vertrages liegt in
der Vereinigung selbst, in dem für sechs Jahre begründeten
<hi rend="antiqua">non plus ultra</hi><note place="end">nicht darüber hinaus.</note>.
Das Wesentliche liegt ferner in dem durch
diese sechsjährige engere Verbindung begründeten Ablehnungsmotive
von Ansinnungen mancher Art, denen, wenn
sie von übermächtiger Seite ausgehen, der Einzelne und
Schwächere nicht viel mehr als die Bitte um Schonung entgegenzusetzen
hat.« Das Wesentliche liegt endlich in der
Aussicht, zu einer Verbindung mit anderen Staaten »mit
Ehren gelangen zu können«. Bayern und Preußen haben
dasselbe, ja ein größeres Bedürfnis nach einer Annäherung
an die Vereinsstaaten als diese selbst; daher muß der Verein
die Verbindungsstraßen zwischen Bayern und Preußen fest
in der Hand halten, ihre freie Benutzung nur kraft gemeinsamen
Beschlusses bewilligen. So wird er eine gesetzliche Ordnung
mit verhältnismäßig gleichen Rechten für ganz Deutschland
begründen.
</p>

<p>
Die Denkschrift schließt mit der pathetischen Frage: »Kann
man denn aus irgendeinem Grunde auch nur vermuten,
daß Preußen die fieberhaften Träume, in welchen eine übermütige
Partei das ganze nördliche Deutschland nur als eine
<pb n="144"/><anchor id="Pg144"/>
mit Unrecht noch länger vorenthaltene Beute des preußischen
Adlers erscheinen lassen möchte, irgend teilen oder begünstigen
werde?« Naiver ließ sich die Seelenangst der Kleinen
nicht aussprechen. Nicht irgendein positiver Gedanke, sondern
allein die Furcht vor Preußens und Bayerns Übermacht,
der ohnmächtige Wunsch, ein <hi rend="antiqua">tertium
aliquid</hi><note place="end">irgendein Drittes.</note> zu bilden,
wie der alte Gagern<note place="end">Hans Christoph Ernst Freiherr
v. Gagern, geb. 25. Januar
1766, gest. 22. Oktober 1852, politischer Schriftsteller und einige Jahre
als Gesandter für Luxemburg beim Deutschen Bunde tätig.</note>
sagte, hatte den Mitteldeutschen Verein
geschaffen. Aber je ratloser man sich fühlte, um so lauter ward
gelärmt; »es war ein Gegacker, schreibt du Thil, als sei ein
großes Werk vollendet worden«. Zahllose Orden belohnten
alle Teilnehmer der Kasseler Beratung, bis zum Kanzlisten
herab.
</p>

<p>
Selbst die einzige Waffe, die man gegen Preußen schwingen
konnte, erwies sich als unwirksam; den preußischen
Durchfuhrhandel zu lähmen war unmöglich, solange die Handelsstraßen,
welche das preußische Gebiet umgehen sollten,
noch nicht gebaut waren. Mannigfache Entwürfe wurden zu
Kassel besprochen; man träumte von neuen Handelswegen
dicht neben Darmstadts Grenzen, von einem langen Straßenzuge
aus Sachsen über Altenburg und Gotha nach Kurhessen,
der den Verkehr hinwegleiten sollte von der großen preußischen
Chaussee über Kösen und Eckartsberge. Aber wer
sollte die Straße bauen? Die verarmten kleinen ernestinischen
Staaten besaßen nicht die Mittel, die größeren Bundesgenossen
wollten kein Geld vorschießen. Zudem stieß man überall
auf preußisches Gebiet; wie sollte die Erfurter Gegend umgangen
werden, wo Preußen bereits eine gute Chaussee
gebaut hatte? Unablässig arbeitete die Diplomatie der
Bundesgenossen, um Bayern und Württemberg von Preußen
fernzuhalten; der hannoversche Gesandte Stralenheim in
Stuttgart ward nicht müde, den König Wilhelm vor Preußens
Fallstricken zu warnen. Beharrlich wiederholte der Dresdner
Hof, der die Führung des Vereins behielt, er sei bereit, Anträge
und Vorschläge zur Ausbildung des Bundes entgegenzunehmen.
Niemand wußte einen möglichen Vorschlag.
Schon vor der Kasseler Zusammenkunft gestand Lindenau
<pb n="145"/><anchor id="Pg145"/>
einem Frankfurter Amtsgenossen: »die Mehrzahl der Teilnehmer
betrachtet den Verein als ein Ruhekissen, sie ist froh,
daß alles beim alten bleibt.« Nun klagten die Thüringer über
Sachsens hegemonischen Ehrgeiz, Frankfurt über die erdrückenden
kurhessischen Mauten. Der Kurfürst, um seinen Holzmagazinen
höhere Preise zu schaffen, verbot den altgewohnten
Holzhandel, der aus den hannoverschen Waldgebirgen nach
Hessen hinübergeführt ward. Die Unmöglichkeit, mit einem
solchen Fürsten freundnachbarlich auszukommen, lag vor
Augen. Fast ein Jahr währten die Verhandlungen zwischen
den beiden hessischen Häusern wegen der Erleichterung
einiger Enklaven; da erklärte der Kurfürst: die gegenseitige
Verpflichtung, die Durchfuhrzölle auf gewissen Straßen nicht
zu erhöhen, solle allein für Darmstadt, nicht für Kurhessen
gelten! Seine Weisungen an die Unterhändler fand Maltzan
»ausgezeichnet durch naive Unwissenheit und despotischen
Ton, der Feder eines Rabener<note place="end">Des satirischen Dichters
Gottlieb Wilh. Rabener (geb. 1714, gest. 1771).</note> würdig«.
</p>

<p>
Immer schärfer trat der tiefe Gegensatz der handelspolitischen
Anschauungen innerhalb des Vereins hervor. Die
Kaufherren von Frankfurt und Bremen forderten unbeschränkten
Freihandel, Hannover die Begünstigung der englischen
Waren. Andere Staaten träumten von neuen Zolllinien;
wieder andere hofften, die Milderung des preußischen
Zollsystems und dann den Eintritt in dies System zu erzwingen.
Kein einziger Kopf an allen diesen kleinen Höfen, der einen
klaren Gedanken mit Ausdauer verfolgte; Karl August von
Weimar war im Juni 1828 gestorben. Bald sonderten sich
die Küstenlande und die Binnenstaaten in zwei Gruppen.
Thüringen und Sachsen schlossen einen Separatvertrag, desgleichen
Hannover und Oldenburg. Sie versprachen ihre
gegenseitigen Untertanen im Handelsverkehr auf gleichem
Fuße zu behandeln usw. &mdash; geringfügige Erleichterungen,
die in Preußen gar nicht nötig waren, da das freiere preußische
Zollgesetz zwischen In- und Ausländern nicht unterschied.
Die einfache in Berlin längst feststehende Erkenntnis,
daß nur die Beseitigung der Binnenmauten dem deutschen
Handel aufhelfen könne, war diesen Kabinetten noch nicht
<pb n="146"/><anchor id="Pg146"/>
aufgegangen. Die gedankenlose Trägheit der österreichischen
Staatsmänner fühlte sich befriedigt von dem Erfolge des
Augenblicks. Dem preußischen Zollsystem war ein Riegel vorgeschoben,
der einige Jahre halten mochte; eine positive
Ausbildung des Handelsvereins wünschte man in Wien nicht,
da jeder Bund im Bunde gefährlich schien. Selbstgefällig
sagte Münch-Bellinghausen zu Blittersdorff: »wie klug hat
Österreich gehandelt, die Kollisionen zu vermeiden, denen
Preußen nicht entgehen wird!« Der weiterblickende Badener
aber schrieb: Ich war erstaunt über solche Verblendung.
Als ob ein Stillstand im Völkerleben möglich sei! Als ob der
preußisch-hessische Verein sich jemals wieder auflösen würde!
Österreich allein hat all dies Unheil verschuldet, hat nichts
getan, um den Artikel&nbsp;19 der Bundesakte auszuführen und
uns also den Preußen in die Hände geliefert.
</p>
</div>

<div id="Kap06d">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>d) <hi rend="hgesperrt">Preußens Sieg. Preußisch-Bayrischer
Handelsvertrag.</hi></head>

<p>
Nunmehr nahm Preußen den Handschuh auf. Der Berliner
Hof hatte den ersten Verhandlungen der mitteldeutschen
Staaten mit der gewohnten ruhigen Zurückhaltung zugesehen.
Ein sächsisch-thüringischer Verein war unschädlich; erst durch
Hannovers Zutritt gewann der Verein eine gefährliche Ausdehnung.
Man wollte in Berlin nicht glauben, daß dies nahe
befreundete Kabinett, dem Preußen soeben jene neuen
Straßenzüge und Handelserleichterungen angeboten hatte,
einem gegen Preußen gerichteten Bunde sich anschließen
werde. Da trat Hannover zu den Verbündeten über, während
Bernstorff noch eine freundliche Antwort auf sein Anerbieten
erwartete. Sofort verschwand jeder Zweifel über den Charakter
des Vereins. Motz in seiner feurig kühnen Weise
forderte sogleich, daß man die Gegner als Gegner behandle,
und erklärte: »Sollte dieser Verein zustande kommen, so ist
Preußen in der Lage, sein Zollsystem für abgeschlossen zu
halten, und keineswegs in der Lage, diesen neutralen Verein
seiner Absicht gemäß unter imponierenden Bedingungen aufzunehmen.«
</p>

<p>
Obgleich bisher nur dürftige Nachrichten über die Pläne
des Vereins eingelaufen waren, so erriet der Finanzminister
doch auf den ersten Blick, daß die Zerstörung des preußischen
<pb n="147"/><anchor id="Pg147"/>
Durchfuhrhandels in der Absicht der Verbündeten liege.
Deshalb, fuhr er fort, muß der Transit fortan mehr als bisher
im Lande gehalten, der Straßenbau rüstig gefördert, namentlich
die Chaussierung der wichtigen Straße von Magdeburg
nach Zeitz rasch vollendet werden. Die nach Hannover gerichteten
Anerbietungen sind als nicht geschehen zu betrachten.
Noch entschiedener spricht er in einem Schreiben an Bernstorff:
»Es ist gewiß ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit,
daß in der Mitte und vorzugsweise im Norden Deutschlands,
im Schoße des Deutschen Bundes und dennoch unter der
Fahne Österreichs, für den ostensibeln Zweck einer angeblichen
Vervollkommnung der Verhältnisse dieses Bundes eine Koalition
sich bildet, welche Preußen von ihren Plänen und Beratungen
ausschließt und auf alle Weise zu erkennen gibt,
nicht nur, daß sie eine Ausführung und Erweiterung allgemeiner
Bundesmaximen auch ohne Preußens Teilnahme
für möglich hält, sondern auch, daß Preußen eben als störendes
Prinzip jener Ausführung und Erweiterung zu betrachten,
und deshalb die Aufstellung einer förmlichen Oppositionsmasse
gegen dasselbe anrätlich sei«. Darum dürfen wir den
Verein nicht ignorieren; wir müssen unser gerechtes Befremden
aussprechen und den Entschluß, »jeder uns auf irgendeine
Art kompromittierenden weiteren Entwicklung dieses
sonderbaren Systems auf angemessene Weise entgegenzutreten«.
</p>

<p>
Über Österreichs Absichten war der entschlossene Mann
längst im klaren. Er wußte, daß die k.&nbsp;k. Verpflegungsbeamten
in Mainz, um den Preußisch-Hessischen Verein zu schädigen,
die vertragsmäßige Steuerfreiheit der österreichischen Garnison
gröblich mißbrauchten, für Tabak, Zucker, Bier massenhaft
Steuerfreischeine ausgaben, mehr, als ganz Rheinhessen
verzehren konnte. Er forderte, der Gesandte in Wien solle
rund heraus erklären: wir lassen uns nicht täuschen durch das
Blendwerk, das mit dem Artikel 19 getrieben wird, <corr sic="wie">wir</corr> lassen
uns weder imponieren, noch uns mißbrauchen. Am 8.&nbsp;November
schrieb er dem Minister des Auswärtigen geradezu:
»Ob und inwieweit überhaupt auf wahre freundschaftliche
Verhältnisse von Österreich gegen uns zu rechnen sei, vermag
ich nicht zu beurteilen. Soviel scheint mir aber sicher zu sein,
daß Österreich dem übereilt organisierten Deutschen Bunde
<pb n="148"/><anchor id="Pg148"/>
den Charakter des ehemaligen deutschen Fürstenbundes beizulegen
und darin die Rolle Friedrichs des Großen zu übernehmen
denkt.« Österreichs Haltung gegen uns in dem
Köthener Zollstreit war entschieden feindselig, ohne Österreichs
Beistand wäre der Mitteldeutsche Verein nie zustande
gekommen.
</p>

<p>
Ein Blick auf diese Aktenstücke genügt, um das Rätsel
zu lösen, warum das Berliner Kabinett über die geheime
Geschichte seiner Handelspolitik beharrlich geschwiegen, auch
die windigsten Prahlereien der zahlreichen geistigen und leiblichen
Väter des Zollvereins gelassen ertragen hat. Das
Bündnis der Ostmächte war nach wie vor der leitende Gedanke
der auswärtigen Politik des Königs. Brach man mit
Österreich, so wurde der Deutsche Bund unhaltbar und auch
der werdende Zollverein selber in Frage gestellt. Für Preußens
Diplomatie ergab sich mithin die Aufgabe, durch ruhige
feste Haltung den Wiener Hof dahin zu bringen, daß er der
preußischen Handelspolitik nicht geradezu widerstrebte. Preußen
räumte der Hofburg die Führerstelle ein in dem Schattenspiele
des Bundestages und verlangte für sich die Leitung
der wirklichen Geschäfte deutscher Staatskunst. Dies blieb
der einzig mögliche Weg nationaler Politik, solange man
weder den Willen noch die Macht besaß, die kriegerische Aktion
der friderizianischen Tage zu erneuern. Den deutschen Dualismus
zu beseitigen, kam dem König nicht zu Sinn; die Absicht
war nur, dem preußischen Staate im Bereiche der deutschen
Politik ein Gebiet selbständigen, ungestörten Wirkens zu erobern.
Ein solches System setzte behutsame Vorsicht und unverbrüchliche
Verschwiegenheit voraus; es fiel dahin, sobald
die Welt erfuhr, wie planmäßig Preußens Handelspolitik
arbeitete und wie deutlich die besten Köpfe des Kabinetts
den Grundsatz der Interessen erkannten, der die beiden
großen Bundesmächte trennte.
</p>

<p>
Das Auswärtige Amt ging nicht sofort auf die kampflustige
Gesinnung des Finanzministers ein. Der König verlangte
ruhige, sorgfältige Prüfung, damit nicht durch vorschnelles
Urteil deutschen Bundesstaaten Unrecht geschehe.
Sobald nähere Nachrichten einliefen, stimmte Eichhorn der
Ansicht Motzs bei und erließ eine Instruktion an sämtliche Gesandten
in Deutschland, welche ausführlich darstellte, wie unberechtigt
<pb n="149"/><anchor id="Pg149"/>
und hoffnungslos das Unternehmen der Mitteldeutschen
sei: die Verbündeten mögen sich die Frage vorlegen,
was ein Verein von sechs Millionen Einwohnern, der fast
nur Binnenländer umfaßt, bei einem Konflikt mit uns gewinnen
dürfte, »ob der innere Verkehr nicht ertötet statt belebt
und der Handel mit dem Auslande nicht beschränkt statt
ausgebreitet werden würde«. Außerdem erhielt die Wiener
Gesandtschaft die Weisung, sich zu beschweren über die feindselige
Haltung der österreichischen Diplomaten und dem
Staatskanzler die auf Metternichs Demagogenfurcht berechnete
Frage ans Herz zu legen: »Sind es nicht hauptsächlich
die Absonderungen und Trennungen, welche im Handel und
Verkehr stattfinden, wodurch eine Stimmung des Mißbehagens,
der Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach einer Veränderung
unterhalten wird?« Der Gesandte in London ward befehligt,
entschieden auszusprechen, daß an Verhandlungen mit Hannover
vorerst nicht mehr zu denken sei: »wir müssen offen
gestehen, daß unser Vertrauen auf hannoverscher Seite schlecht
erwidert worden ist«. Jordan in Dresden sollte sein Befremden
über die mißtrauische Heimlichkeit der sächsischen Politik
kundgeben; Grote in Hamburg dem Senate »die Anerkennung
seines weisen und angemessenen Betragens aussprechen und
dabei erklären, man hoffe, daß er bei demselben auch verharren
werde«.
</p>

<p>
Zugleich erging an die Regierungen der Grenzbezirke
der Befehl, die handelspolitischen Maßregeln der Verbündeten,
die sich noch immer in rätselhaftes Dunkel hüllten,
scharf zu beobachten. Hier zeigte sich die ganze Unnatur des
Mitteldeutschen Vereins. Das Vereinsgebiet lag im Bereiche
der preußischen Macht, war überall von eingesprengten
preußischen Gebietsstücken unterbrochen, durch tausend Bande
des nachbarlichen Verkehrs an Preußen gekettet. Eine Schar
von preußischen Postbeamten, Floßinspektoren, Schiffahrtsaufsehern
lebte in Feindesland, gab sichere Nachricht über
alles, was auf den Flüssen und Straßen der Verbündeten
vorging. Die Staatszeitung und Buchholzs Neue Monatsschrift
begannen den Federkrieg gegen den Handelsverein
»Eine Souveränität, die sich durch bloße Opposition geltend
machen will &mdash; rief Buchholz warnend &mdash;, steht im Widerspruch
mit sich selbst und kann nur Niederlagen erfahren.«
<pb n="150"/><anchor id="Pg150"/>
Auch durch Retorsionen wollte Motz den Gegnern zu Leibe
gehen; er dachte den sächsischen Fabrikanten den Meßrabatt
zu entziehen und in Magdeburg eine Messe zu errichten.
Hier aber widersprach der König; er wollte sein Wort halten,
auch jetzt noch jede Feindseligkeit gegen deutsche Bundesstaaten
unterlassen, und ließ den kampflustigen Finanzminister
an die Rücksichten erinnern, die man dem Deutschen Bunde
schulde.
</p>

<p>
Die offene Sprache der preußischen Diplomatie erweckte
allerdings Angst und Reue an einigen der kleinsten Höfe.
Der Fürst von Sondershausen, dessen Unterherrschaft unter
dem Schutze des preußischen Zollsystems aufblühte, war
mit seiner Oberherrschaft dem Handelsverein beigetreten
und ließ durch sein Geheimes Konsilium das Berliner Kabinett
bitten, »diese abgedrungene Maßregel nicht übel zu
deuten«. Darauf erwiderte das Auswärtige Amt: man hoffe,
»daß ein pp. Konsilium keinen Augenblick darüber im Zweifel
sein werde, was in der Wahl zwischen der Festhaltung an dem bisher
bestehenden Verhältnis mit Preußen und zwischen
der Teilnahme an einer neuen Verbindung zu tun oder zu
lassen sei«. Nun bat der Fürst in einem eigenhändigen Briefe
den König um Verzeihung und flehte, ihn »mit allergnädigster
Nachsicht zu beurteilen und der unschätzbaren hohen Gnade
nicht für unwert zu halten«. Auch der Herzog von Gotha
schrieb an Wittgenstein (16.&nbsp;Dezember): er erfahre »zu seiner
größten Verwunderung«, daß Preußen mit dem Handelsvereine
nicht einverstanden sei; nimmermehr sei ihm in den
Sinn gekommen, den preußischen Hof, dessen Gunst so wertvoll,
zu verletzen.
</p>

<p>
Gegen die größeren Staaten des Vereins war mit so
sanften Mitteln nichts auszurichten. Motz behielt doch Recht,
da er an Bernstorff schrieb: »Ich bin der Meinung, daß andere
Rücksichten, welche nicht durch die bestehenden Verträge geboten
werden, gegen die betreffenden, uns in finanzieller
Hinsicht nur feindlich gegenüberstehenden Bundesstaaten
wohl aus den Augen gesetzt werden können, indem der preußische
Staat die Macht und die Kraft hat, seinen hohen und
höchsten Interessen die der Bundesstaaten unterzuordnen,
und nach den seit 13&nbsp;Jahren gemachten Erfahrungen die
Liebe für uns in den Bundesstaaten erst dann zu gewinnen
<pb n="151"/><anchor id="Pg151"/>
sein dürfte, wenn sie mit Furcht und Beachtung der bestehenden
Verhältnisse vereinigt bleibt.« Der feurige Mann war
entschlossen, den Handelsverein zu sprengen: gegen offenbare
Feindseligkeit reiche die Politik des Zuwartens nicht
mehr aus. »Wir werden es noch dahin bringen, rief er zuversichtlich,
daß einzelne Mitglieder des Mitteldeutschen Vereins
dringend um Aufnahme in den preußischen Verein bitten
werden!« Er hatte noch im Januar bezweifelt, ob eine Verbindung
mit dem soweit abgelegenen Bayrisch-Württembergischen
Verein rätlich sei; jetzt faßte er den glücklichen Gedanken,
über den Handelsverein hinweg den süddeutschen
Königskronen die Hand zu reichen und dergestalt durch einen
Bund des Nordens mit dem Süden den mitteldeutschen
Sonderbund zu zerstören.
</p>

<p>
Zum Heil für Deutschland erwachten um dieselbe Zeit
ähnliche Wünsche in München und Stuttgart. Wie laut auch
König Ludwig im ersten Zorne wider Preußens und Darmstadts
Verräterei gescholten hatte, auf die Dauer konnte er
sich doch nicht verbergen, daß seine eigenen kühnen Pläne
gescheitert waren. Nachdem Kurhessen zu den Mitteldeutschen
übergetreten, war an eine Vergrößerung des Süddeutschen
Vereins nicht mehr zu denken; der rein deutsche Bund unter
Wittelsbachs Fahnen blieb ein Traum. Ebensowenig konnte
der Verein in seiner vereinsamten Stellung verharren. Auch
trat, wie Metternich vorhergesehen, die alte Abneigung
zwischen den beiden Königen bald wieder hervor. Die Hoffnung
auf einen Handelsverein mit der Schweiz ward zunichte
an der Zwietracht der Eidgenossen. So blieb den oberdeutschen
Königen nur die Wahl, entweder mit Preußen oder mit dem
sächsisch-englischen Verein eine Verbindung zu suchen. Hinter
Sachsen und Hannover aber stand Österreich; dies allein
genügte, um den König von Württemberg gegen die mitteldeutschen
Verbündeten einzunehmen. Sein neuer Finanzminister,
Freiherr Karl Varnbüler<note place="end">Karl Freiherr v.&nbsp;Varnbüler,
geb. 12.&nbsp;August 1776, gest.
27. April 1832, württembergischer Finanzminister.</note>,
derselbe, der einst in den
Vorderreihen der Altrechtler gestanden, bewährte sich als
ausgezeichneter Geschäftsmann und riet dringend zur Verständigung
mit Preußen. Welchen nennenswerten handelspolitischen
<pb n="152"/><anchor id="Pg152"/>
Vorteil, außer der Herabsetzung der Durchfuhrzölle,
hatten die Mitteldeutschen zu bieten? Wie sollte der
patriotische König von Bayern sich einlassen in jene unsauberen
Zettelungen mit Frankreich, England, Holland,
welche der Mitteldeutsche Verein mit unbeschämter Stirn
betrieb? In der ersten Aufwallung des Zornes hatte König
Ludwig wohl einen Schritt nach Frankreich hinüber getan;
ein Bündnis mit dem Auslande einzugehen, den deutschen
Verkehr dem englischen Handelsinteresse zu unterwerfen, lag
dem bei all seiner Wunderlichkeit grunddeutschen Monarchen
ebenso fern wie seinem vertrauten Minister Armansperg.
</p>

<p>
Sobald man in München kaltblütig überlegte, erschien
doch selbst Preußens Verhalten in dem Sponheimer Handel
erklärlich. Die Berliner Regierung war ja durch europäische
Verträge verpflichtet, Badens Recht zu schützen; sie verfuhr,
wie König Ludwig selbst zugeben mußte, mit rückhaltloser
Offenheit; ihr Gesandter suchte durch versöhnliche Sprache
den erzürnten Fürsten zu beschwichtigen. Preußen schlug
jetzt vor, Bayern und Baden sollten beiderseits auf ihr Sponheimer
Erbrecht verzichten, damit der leidige Handel für immer
aus der Welt geschafft würde. König Ludwig sträubte sich
lange, doch fing er an zu begreifen, daß dies der einzige Weg
sei, um sich mit Anstand aus dem verlorenen Spiele zurückzuziehen.
Gegen den Spätsommer 1828 begannen der Minister
und sein königlicher Freund bereits die Frage zu erwägen,
ob nicht eine Annäherung an den Preußisch-Hessischen
Verein unvermeidlich sei. Daß die öffentliche Meinung in
Bayern dieser Annäherung entschieden widerstrebte, war
für die Freunde eher ein Stachel als ein Hemmnis. Voll
hochfliegender Begeisterung, empfänglich für alles Außerordentliche,
liebten beide die Welt durch unerwartete Entschlüsse
zu überraschen. Um so schwerer fiel ihnen, die Demütigung
ihres Ehrgeizes, den Schiffbruch ihrer reindeutschen
Pläne zu verwinden. Aber sie vermochten es über sich, das
Opfer zu bringen. Unabweisbar drängten diese trocknen
Geschäftsverhandlungen den näher Beteiligten die Einsicht
auf, daß die Deutschen doch zueinander gehörten, nur durch
Mißtrauen, durch Unkenntnis und durch die Selbstsucht, die
immer der schlimmste Feind des eigenen Vorteils ist, einander
verfeindet wurden.
</p>


<pb n="153"/><anchor id="Pg153"/>

<p>
Ganz unerwartet fand sich ein Helfer, der die beginnende
Umstimmung am Münchener Hofe zu fördern und für Deutschlands
große Sache zu verwerten verstand. Der Buchhändler
Freiherr v. Cotta<note place="end">Joh.&nbsp;Friedrich Cotta, Freiherr
v.&nbsp;Cottendorf, geb. 27.&nbsp;April
1764, seit 1787 Chef der Cottaschen Buchhandlung, vielfältig auch
in politischen Verhandlungen tätig, gest. 29.&nbsp;Dezember 1832.</note>
war als großer Geschäftsmann mit Personen
und Zuständen des deutschen Nordens näher vertraut
als das schwäbisch-bayrische Beamtentum, und blickte, wie er
schon in dem württembergischen Verfassungskampfe bewiesen
hatte, auch in der Handelssache über die landläufigen
süddeutschen Vorurteile weit hinaus. Unternehmend und
beweglich, befreundet mit Nebenius und anderen namhaften
Volkswirten in allen Teilen Deutschlands, erkannte er längst,
daß der süddeutsche Verkehr ohne Preußens freundnachbarlichen
Beistand niemals gesunden könne, und obgleich ihm
viel daran lag, die Gunst Metternichs für seine Allgemeine
Zeitung nicht zu verlieren, so faßte er doch den tapferen Entschluß,
als Vermittler aufzutreten. Er besprach sich insgeheim
mit Armansperg, reiste dann im September 1828
nach Berlin zu dem großen Naturforschertage, der also auch
für unsere Politik bedeutsam werden sollte. Cotta wurde
durch Humboldt bei Witzleben<note place="end">Job von Witzleben, geb.
20.&nbsp;Juli 1783, gest. 9.&nbsp;Juli 1837,
preuß. Generalleutnant und als Chef des Militärkabinetts vertrauter
Ratgeber des Königs.</note> und Motz eingeführt, sprach
dort den Gedanken aus, ob nicht eine Verständigung zwischen
Bayern und Preußen möglich sei, und fand den günstigsten
Empfang. Eine überraschende Verwandtschaft der Anschauungen
stellte sich heraus. Motz bekannte, daß er sich
längst mit ähnlichen Absichten getragen habe; im Grunde
seien es ja doch nur Mißverständnisse, welche bisher zwischen
den beiden Staaten gestanden. Cotta kehrte heim und schrieb
am 20.&nbsp;Oktober aus München: er habe des Ministers »gnädige
Eröffnungen« den Monarchen in München und Stuttgart
mitgeteilt; beide seien von der Notwendigkeit des Planes
überzeugt und hätten bereits die Einladung, dem Mitteldeutschen
Verein beizutreten, zurückgewiesen. Nunmehr zog
Motz das Auswärtige Amt in das Geheimnis und erklärte:
»Jetzt ist es wünschenswert, einen Handelsverein mit Bayern,
Württemberg und Baden zu bilden«: der Süden muß für
<pb n="154"/><anchor id="Pg154"/>
eigene Rechnung unsere Zollgrundsätze annehmen, namentlich
unsere höheren Tarifsätze auf ausländische Waren, also auch auf
die Waren des Mitteldeutschen Vereins. Solange dieser Verein
die vollständige Verschmelzung mit dem Süden hindert, müssen
Preußen-Hessen und Bayern-Württemberg mindestens ihre
eigenen Produkte und Fabrikate gegenseitig vom Zolle befreien.
</p>

<p>
Im November eilte der Unterhändler wieder nach Berlin,
diesmal mit einer förmlichen Beglaubigung versehen, und
wurde von dem Könige aufs freundlichste aufgenommen.
Die Berliner erzählten sich mit untertänigem Erstaunen, der
einfache Buchhändler sei zur Tafel gezogen worden. Motz
gab ihm nach längeren Verhandlungen die Punktation des
Vertrags mit auf den Weg. Triumphierend meldete Cotta
am 17.&nbsp;Dezember aus München: »Alles, was ich mitbrachte,
war hier höchst erfreulich und willkommen«, bei König Ludwig
wie bei dem Minister Armansperg. »Beide sind von den großartigen
Ideen ergriffen, die einer Verbindung Preußens mit
Bayern und Württemberg nach den von Hochdenselben entwickelten
Grundsätzen als Leitstern vorgehen und zur Richtschnur
dienen. Ich sehe schon im Geiste Ihre herrliche Idee
in kurzer Frist realisiert«. Und am 20.&nbsp;Dezember nochmals:
Wird auch Baden gewonnen, »so wäre der Grundstein im Süden
Deutschlands zu dem Gebäude gelegt, das Ihr verehrter König
und Sie zum Wohle und Gedeihen Deutschlands im Auge haben«.
</p>

<p>
Motz erwiderte: er hoffe »ein Werk zu begründen, an
welchem nicht nur wir und unsere Zeitgenossen, sondern
auch unsere Nachkommen Freude haben werden«. Der Mitteldeutsche
Verein müsse offen bekämpft werden, »denn was wir
gemeinschaftlich suchen, ein soviel möglich allgemeiner Markt
in Deutschland, wird für Bayern, Württemberg und Preußen
durch die Grundsätze dieses neutralen Vereins nicht nur befördert,
sondern viele diesem Verlangen entgegenstehende
Hindernisse nur noch mehr stabiliert«. Gleichzeitig schrieb er
an den Kronprinzen von Preußen, der sich gerade am Münchener
Hofe aufhielt, enthüllte ihm das Geheimnis der Mission
Cottas, bat dringend um Unterstützung: der Vertrag sei
politisch und volkswirtschaftlich hochwichtig, wenngleich die
Zolleinnahmen wohl zunächst einige Einbußen erleiden würden.
Der Prinz, der dem geistreichen Minister längst wohl
wollte, nahm sich denn auch der Verhandlungen eifrig an.
</p>


<pb n="155"/><anchor id="Pg155"/>

<p>
Am 9. Januar 1829 konnte Cotta aus Stuttgart berichten,
daß auch König Wilhelm die Hauptgrundsätze der preußischen
Punktation gebilligt habe, und gegen Ende des Monats erschien
der Unermüdliche zum drittenmal in Berlin. Der preußische
Minister verlor zuweilen fast die Geduld bei allen den
ängstlichen Vorbehalten, welche der süddeutsche Unterhändler
stellen mußte, und klagte bitterlich über diesen »Hökerkram«.
Gegen die vollständige Zollbefreiung der eigenen Produkte
erhob Bayern Bedenken; man fürchtete in München die überlegene
rheinische Industrie. Auch mit seinem Vorschlage,
daß die bayrische Pfalz sofort dem preußischen Zollverein
beitreten solle, drang Motz nicht durch; der Stolz der bayrischen
Krone widerstrebte, auch der Münchener Landtag hätte der
unerläßlichen Abänderung des pfälzischen Steuerwesens niemals
zugestimmt. Noch weniger war auf Badens Beitritt
zu hoffen. Der kleine Staat wollte die günstige Gelegenheit
benutzen, um seinen Länderbestand für alle Zukunft sicherzustellen;
er forderte, daß vor den Zollverhandlungen der
Sponheimer Streit beigelegt werde. Da König Ludwig
darauf nicht einging, so erkannte das Berliner Kabinett im
Laufe des Winters selbst, daß man nicht wohl tue, die Verhandlungen
noch mehr zu verwickeln, und ließ Baden vorläufig
aus dem Spiele.
</p>

<p>
Am 6.&nbsp;März 1829 begannen endlich die amtlichen Verhandlungen
in Berlin. Die süddeutschen Kronen waren durch
ihre Gesandten Luxburg und Blomberg vertreten, den Ausschlag
gab Cotta, der von beiden Königen Vollmacht hatte.
Für Preußen erschienen Eichhorn und Schönberg, dazu Motz,
Maaßen und Finanzrat Windhorn. Auch Hofmann kam aus
Darmstadt herüber. Die ersten Kräfte der Regierung waren
aufgeboten; es galt, die Brücke über den Main zu schlagen.
Am 27.&nbsp;Mai 1829 wurde der Vertrag unterzeichnet. Preußen-
Hessen und Bayern-Württemberg versprachen einander bis
zum Jahre 1841 Zollfreiheit für alle inländischen Erzeugnisse
der Natur, des Gewerbefleißes und der Kunst; nur für eine
Reihe wichtiger Fabrikwaren sollte, auf Bayerns Andringen,
zunächst bloß eine Zollerleichterung um 25&nbsp;Prozent eintreten,
bis allmählich die völlige Befreiung erfolgen könne.
Beide Teile verpflichteten sich, ihre Zollsysteme mehr und mehr
in Übereinstimmung zu bringen; alljährlich sollten Bevollmächtigte
<pb n="156"/><anchor id="Pg156"/>
zusammentreten »zur Befestigung und Erweiterung
dieses Vertrags«. Auch ein Zollkartell wurde für die Zukunft
verabredet. Der Vertrag trug in allem den Charakter eines
Provisoriums; er begründete die engste Form handelspolitischer
Vereinigung, die sich erreichen ließ, so lange die Länder der
Verbündeten nicht in festem geographischen Zusammenhange
standen. Alle Beteiligten fühlten, daß sie erst im Beginn einer
Zeit gemeinsamer handelspolitischer Aktion standen; sie verpflichteten
sich zu Protokoll, Handelsverträge mit solchen
Ländern, die an mehrere Vereinsstaaten zugleich angrenzten,
also vornehmlich mit Baden, nur im gemeinsamen Einverständnis
abzuschließen.
</p>

<p>
Unbeirrt durch die Peinlichkeit der Einzelverhandlungen
hielt Motz seinen Blick fest auf die großen Verhältnisse des
Vaterlandes gerichtet; er wußte, daß er seinem Staate die
Bahn zu einer stolzen Zukunft geöffnet hatte. Im Juni
sprach er sich gegen den König über die politische Bedeutung
der geschlossenen Verträge offen aus. Seine Denkschrift wirft
zuerst einen Rückblick auf die vollendete Unfähigkeit des
Bundestags, der niemals in förmliche Beratung über die
Handelseinheit getreten sei; selbst während der Not von 1817
habe man in Frankfurt nur genau soviel getan, »um den
föderativen Nachbar, im buchstäblichen Sinne des Wortes,
nicht verhungern zu lassen. Wie konnte dies auch anders
sein, da dem Deutschen Bunde ein großer Staat an der Spitze
steht, der das ihm eigentümliche, seit 50&nbsp;Jahren schon bestehende,
seinem privaten Interesse bis daher vermeintlich
zusagende, mit den Interessen der übrigen Staaten des Deutschen
Bundes aber nicht vereinbarliche Zoll- und Prohibitivsystem
aufzugeben nicht gewillt ist; da andere Bundesmitglieder
die Handelsinteressen ihrer Hauptstaaten denen ihrer
Bundeslande unterzuordnen nicht gemeint sind, vielmehr
letztere, natur- und sachgemäß, an die ersteren festgeknüpft
haben; und da wieder andere den Gegenstand mehr nur aus
fiskalischem wie aus staatswirtschaftlichem Gesichtspunkte
betrachtet wissen wollen? Der Deutsche Bund gab damit
ein Beispiel, wie die allgemeine Staatengeschichte bis dahin
noch keines aufzuweisen hat«; es entstand ein Handelskrieg
aller gegen alle, »der weit schlimmer war, als ein innerer
Krieg der Waffen nur je hätte sein können«. Dann erinnert
<pb n="157"/><anchor id="Pg157"/>
Motz an die patriotischen Bestrebungen des deutschen Handelsstandes,
an die persönlichen Bemühungen der Souveräne
von Bayern und Württemberg. Als gleichzeitig der Bayrisch-Württembergische
und der Preußisch-Hessische Verein sich
bildeten, lag die Möglichkeit zweier großen Zollvereine für
ganz Deutschland vor. Da erhob sich unter Österreichs Führung
der neutrale Verein, der den <hi rend="antiqua">status quo</hi>, d.&nbsp;h. das Unerträgliche
aufrecht erhalten will; er zwang uns, sogleich weiter
zu gehen und das große Handelssystem zu begründen.
</p>

<p>
Dies System, fährt die Denkschrift fort, bietet erstens
kommerzielle Vorteile. Die Verbindung umschließt schon jetzt
20 Millionen Einwohner, behauptet also den dritten Platz
unter den europäischen Staaten, da Österreich kein einiges
Machtgebiet bildet; sie wird auf 25 Millionen steigen, sobald
der Mitteldeutsche Verein wahrnimmt, »daß er ganz und gar
einen eitlen Zweck verfolgt«, und die süd- und mitteldeutschen
Staaten nebst Mecklenburg uns beitreten; sie wird auf 27 Millionen
steigen, wenn auch die anderen Staaten (soweit sie
nicht Nebenlande sind), also Hannover, Braunschweig, Oldenburg
und die Hansestädte eintreten. Der innere Verkehr
ist wichtiger als der auswärtige Handel, jener schlägt dreimal,
dieser einmal im Jahre das Kapital um. Manche deutsche
Staaten erhalten durch das Handelssystem einen zwanzig-
bis zweihundertmal größeren Markt für ihre Produkte. Dazu
kommen zweitens die finanziellen Vorteile. Der Satz: »je
billiger die Abgabe, desto größer der Ertrag«, wird sich auch
diesmal bewähren, wenngleich vielleicht die erste Übergangszeit
einige Ausfälle bringen mag. Wichtiger ist drittens
der politische Gewinn. »Wenn es staatswissenschaftliche
Wahrheit ist, daß Zölle nur die Folge politischer Trennung verschiedener
Staaten sind, so muß es auch Wahrheit sein, daß
Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und Handelsverbande
zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen
System mit sich führt.«
</p>

<p>
Nun wird in großen Zügen die friderizianische Politik
den Wittelsbachern gegenüber geschildert: wie Friedrich den
ersten Nichtösterreicher, Karl&nbsp;VII., auf den Kaiserthron erhoben,
dann durch den bayrischen Erbfolgekrieg und den
Fürstenbund Bayern dreimal vom Untergange gerettet habe.
Preußen hat bisher von alledem noch keine Frucht geerntet.
<pb n="158"/><anchor id="Pg158"/>
Bayerns feindselige Haltung zur Zeit des Rheinbundes und
der Ansbach-Baireuther Händel erklärt sich nur aus »der totalen
Verwirrung und Verirrung der Staatenpolitik« jener revolutionären
Tage. Heute aber kann Preußen kein Mißtrauen
mehr einflößen, sondern muß wünschen, »mit allen den
Staaten, die nur von wahrhaft deutschem Interesse geleitet
und Preußen mit offenem Vertrauen ergeben sind, nicht aber
etwa den Besitz deutscher Provinzen bloß als Vehikel für
Förderung der Interessen ihrer größeren auswärtigen,
Deutschlands Interessen fremden Staatenkörper zu benutzen
streben, in jeder Beziehung, politisch und kommerziell, sich
recht innig und recht enge zu verbinden«. Möglich bleibt doch
der für jetzt allerdings »nicht leicht gedenkbare« Fall, daß entweder
ein allgemeiner Krieg ausbräche, oder »daß der Deutsche
Bund in seiner jetzigen Gestalt sich einmal auflöste und mit
Ausschluß aller heterogenen Teile sich neu gestaltete«; dann
würde unser Handelssystem ungeheuer wichtig werden.
Viertens bringt uns das Handelssystem eine militärische Verstärkung
um 92000 Mann. Bayerns Zutritt entschied die
Kriege von 1805 und 1806 zu Napoleons Gunsten, desgleichen
der Rheinbund den Krieg von 1809. Gegen Frankreich
können wir unser Rheinland nur decken, wenn wir der bayrischen
Pfalz sicher sind; Österreich aber wird durch den
Handelsbund in einem weiten Bogen umfaßt, kann von
Schlesien und Altbayern her zugleich bedroht werden. Die
Denkschrift schließt: »In dieser, auf gleichem Interesse und
natürlicher Grundlage ruhenden und sich notwendig in der
Mitte von Deutschland erweiternden Verbindung wird erst
wieder ein in Wahrheit verbündetes, von innen und von
außen festes und freies Deutschland unter dem Schutz und
Schirm von Preußen bestehen. Möge nur das noch Fehlende
weiter ergänzt und das schon Erworbene mit umsichtiger
Sorgfalt noch weiter ausgebildet und festgehalten werden!«
</p>

<p>
So der preußische Finanzminister, ein Jahr vor der
Julirevolution, zwei Jahre bevor Paul Pfizer<note place="end">Paul Pfizer,
geb. 12. September 1801, gest. 30. Juli 1867,
forderte in dem »Briefwechsel zweier Deutschen« Trennung Österreichs
von Deutschland und eine Verzichtleistung der kleinen Fürsten auf die
Rechte der Souveränität zugunsten Preußens.</note> den Briefwechsel
zweier Deutschen erscheinen ließ! Unter allen Äußerungen
<pb n="159"/><anchor id="Pg159"/>
deutscher Staatsmänner aus jener Zeit ist keine,
die so entschieden mit der Politik des friedlichen Dualismus
bricht, die so rund heraussagt: los von Österreich! Und
welche Sicherheit des Blicks in allem und jedem! Der Mann
wußte schon 1829 bis auf einen geringfügigen Irrtum ganz
genau, in welcher Reihenfolge bis zum Jahre 1866 die deutschen
Staaten dem Zollverein beigetreten sind.
</p>

<p>
In einem Rundschreiben an ihre Gesandten sprach die
preußische Regierung offen aus: der Vertrag mit Bayern
stelle eine noch engere Vereinigung und die allmähliche Verwirklichung
der deutschen Handelseinheit in Aussicht. Noch
blieben am bayrischen Hofe tausend Bedenken zu überwinden.
König Ludwig, gewöhnt an unbedingte Selbstherrschaft,
zürnte heftig, weil seine Unterhändler in einigen Punkten
ihre Instruktionen überschritten hatten; er konnte das alte
süddeutsche Mißtrauen gegen die preußischen Kniffe nicht
überwinden, mäkelte an jedem Worte, fürchtete überall
doppelte Auslegung. Auch der berühmte Streit über das
<hi rend='bold'>Alternat</hi><note place="end">d.&nbsp;h. des Rechtes
jedes Teils, bei Abschluß von Verträgen
seinen Namen in der für ihn bestimmten Ausfertigung der Vertragsurkunde
an erster Stelle aufzuführen.</note>,
der in jenen Tagen die Mußestunden der Bundestagsgesandten
würdig ausfüllte, wirkte störend. Die
königlichen Höfe wollten den großherzoglichen wohl die
Gleichberechtigung beim Vortritt, doch nicht bei den Unterschriften
zugestehen; nach vielem Herzeleid behalf man sich
endlich, fertigte nur zwei Haupturkunden aus, die eine für
Preußen-Hessen, die andere für Bayern-Württemberg gemeinsam.
Dazu die begreifliche Furcht des Münchener
Hofes vor der Kleinmeisterei seines Landtags. Cotta bat inständig:
»nicht zu vergessen, daß wir selbst Vorurteilen fröhnen
müssen, um die höheren großen Zwecke zu erreichen, besonders
den Verein«. In gleichem Sinne schrieb Armansperg
an Motz: »das gewiß segensreiche Werk, welches durch den
Handelsvertrag nunmehr in das Leben treten wird, verdankt
Deutschland größtenteils der Großartigkeit Ihrer Ideen und
der tätigen Sorgfalt, womit Ew.&nbsp;Exzellenz die Unterhandlungen
leiteten und jede Einseitigkeit zu entfernen strebten.
Wenn dem Geiste Ew.&nbsp;Exzellenz manches, wonach unsere
Wünsche zielen, kleinlich erscheinen wird, so mögen Sie in
<pb n="160"/><anchor id="Pg160"/>
Erwägung ziehen, daß in den Hallen der Stände manch
Kleinliches hauset und nicht immer durch die Waffe der Vernunft
bekämpft und besiegt werden kann« &mdash; worauf dann
im Interesse der oberpfälzischen Hammerwerke gebeten ward,
die groben Eisenwaren unter die Ausnahmeartikel zu stellen.
Im Laufe des Sommers hat Cotta selbst in Brückenau und
Friedrichshafen die letzten Bedenken der beiden süddeutschen
Könige beschwichtigt; sie ratifizierten, überhäuften den gewandten
Unterhändler mit Gunst. König Wilhelm zeigte
sich ebenso unbefangen wie sein Minister Varnbüler; von den
alten cäsarischen Träumen war keine Rede mehr. Dann schickte
Preußen zwei seiner besten Finanzmänner, Sotzmann und
Pochhammer, nach München, um die neuen Zolleinrichtungen
einführen zu helfen. Die bayrischen Beamten erstaunten,
soviel Geduld und Schonung bei den verrufenen Preußen
zu finden; in gemeinsamer ernsthafter Arbeit trat man
einander näher.
</p>

<p>
Nun der schwere Entschluß gefaßt war, segelte König
Ludwig sogleich mit rastlosem Ungestüm in dem neuen Fahrwasser
dahin. Er pries in überschwenglichen Worten die Redlichkeit,
die Mäßigung, die Größe der Ansichten des Berliner
Kabinetts, versicherte dem Bildhauer Rauch, wie stolz er
sei, mit dem Staate Friedrichs Hand in Hand zu gehen, wie
rechtschaffen und weise König Friedrich Wilhelm sich gehalten
habe. Die öffentliche Meinung im Süden nahm den Vertrag
voll Mißtrauens auf; eine Deputation, die dem Könige den
Dank der guten Stadt Nördlingen aussprach, blieb eine vereinzelte
Erscheinung. In den höheren Kreisen des bayrischen
Beamtentums fühlte man doch, daß endlich nach langen Irrfahrten
fester Ankergrund gefunden sei. Der Bundestagsgesandte
Lerchenfeld erhielt strenge Weisung, sich der mitteldeutschen
Zettelungen zu enthalten, und wirkte fortan zu
Frankfurt und Kassel redlich mit seinen preußischen Genossen
zusammen. Die freieren Köpfe ahnten von vornherein,
daß dies gesunde naturgemäße Bündnis zwischen den beiden
größten deutschen Staaten weiter führen mußte. Schon bei
den Berliner Verhandlungen hatte Hofmann die Frage aufgeworfen,
ob nicht Preußens westliche Provinzen mit dem
Süden sogleich einen wirklichen Zollverein bilden sollten.
In dieser unreifen Form war der Gedanke für Preußen unannehmbar.
<pb n="161"/><anchor id="Pg161"/>
Sobald man den Vertrag ausführte, zeigte sich
jedoch rasch, daß man nicht auf halbem Wege stehen bleiben
konnte. Die bayrische Rheinpfalz erhielt bayrische Mauten,
da man sich in München nicht hatte entschließen können,
sie dem preußischen Zollsystem einzufügen. Das Ergebnis
war trostlos: die Provinz brachte im Jahre 1830 nur 165000
Gulden an Zöllen auf, während die Grenzbewachung 248000
Gulden verschlang. Der Landrat der Pfalz bat und klagte;
der Zustand konnte nicht dauern. Schon im Februar 1830
fragte der unermüdliche Cotta bei Hofmann vertraulich an,
wie man denn bei vollständiger Zollgemeinschaft mit den
preußischen Behörden auskomme. Hofmann antwortete
mit einem warmen Lobe für die preußischen Beamten, die
sich zwar anfangs sehr mißtrauisch zeigten, nachher aber,
sobald sie die Zuverlässigkeit der hessischen Verwaltung kennen
lernten, ganz umgänglich wurden.
</p>

<p>
Das Ausland und seine Gesellen, die Mitteldeutschen,
sahen mit wachsendem Schrecken, wie Preußens Handelspolitik
binnen Jahresfrist einen zweiten großen Erfolg errang.
Vergeblich hatte das sächsische Kabinett noch während der
Berliner Verhandlungen den Münchener Hof für den mitteldeutschen
Bund geworben; vergeblich war der Nassauer
Röntgen, jener alte vielgeschäftige Feind Preußens, nach
Stuttgart gereist, um dort vorzustellen: Motz, der ruchlos
ehrgeizige Kraftmensch, wolle Preußen durch die Entfesselung
der industriellen Kräfte zur leitenden deutschen Macht erheben.
In Berlin selbst arbeiteten einige Agenten des mitteldeutschen
Vereins, so der Frankfurter Senator Guaita. Österreich
sendete den Hofrat Eichhof nach München, um Bayern
durch das Angebot einiger geringfügigen Handelserleichterungen
von Preußen hinwegzulocken und zugleich den König
Ludwig zu erinnern, wie feindselig Preußen in der Sponheimer
Sache gehandelt habe. Münch in Frankfurt versuchte
wieder einmal, den Darmstädter Hof gegen Hofmann, »dies
Werkzeug Preußens«, einzunehmen. Die Diplomatie Englands,
Frankreichs, Hollands &mdash; voran Lord Erskine und Graf
Rumigny in München &mdash; ward nicht müde, vor Preußen zu
warnen. Von allen fremden Mächten zeigte sich wieder nur
Rußland als ein treuer Freund Preußens; Anstett in Frankfurt
sprach offen und nachdrücklich für die Berliner Handelspolitik.
</p>


<pb n="162"/><anchor id="Pg162"/>

<p>
Nach und nach begann doch die vollendete Tatsache
ihren Zauber zu üben. Wie lange sollte man noch die Klagen
der mißhandelten Nation ertragen? Wie lange noch sich abquälen
an allezeit vergeblichen Sonderbünden, während
Preußen jede handelspolitische Verhandlung regelmäßig
erfolgreich hinausführte? Selbst Blittersdorff, der rastlose
Parteigänger Österreichs, gab nunmehr die Sache Habsburgs
fast verloren. Wenn Preußen, so schrieb er, alle deutschen
Staaten unter seinem Handelssystem vereinigt, dann ist
Österreich faktisch aus dem Deutschen Bunde hinausgedrängt!
Der Verkehr wird dadurch nicht zentralisiert, sondern, bei der
großen Anzahl unserer kleinen Mittelpunkte, überall gleichmäßig
belebt werden. Die Gefahren für die Souveränität
sind geringer in einem großen Zollverein, als wenn man
versucht, der Zeit in den Weg zu treten. &mdash;
</p>

<p>
Die preußisch-bayrischen Verhandlungen blieben ein
Schlag ins Wasser, solange der Verkehr zwischen den beiden
Staaten den willkürlichen »Retorsionen« des mitteldeutschen
Vereins unterlag. Die neue Straße von Westfalen durch
das darmstädtische Gebiet verband nur die westlichen Provinzen
Preußens mit den Ländern der süddeutschen Bundesgenossen
und führte überdies in der Frankfurter Gegend einige
Stunden lang durch mitteldeutsches Vereinsland. Sollte der
preußisch-bayrische Bund Lebenskraft gewinnen, so war eine
zollfreie Straße zwischen den Hauptmassen der beiden verbündeten
Zollvereine unentbehrlich. Da erinnerte sich Motz
zur guten Stunde an den Straßendünkel des Meininger
Reiches und an jenen untertänigen Entschuldigungsbrief des
Gothaer Herzogs. Wie nun, wenn Preußen dem Meininger
Lande die Mittel bot, jene Welthandelsstraße zwischen Italien
und der Nordsee wirklich zu bauen? Der Wunsch, den Verkehr
im Lande zu halten, blieb ja der höchste Gedanke, dessen die
Handelspolitik der Kleinstaaten jener Tage fähig war. Wie
oft sind die Staatsmänner der Ernestiner nach München oder
Berlin geeilt, um durch dringende Bitten den Bau einer
Umgehungsstraße zu verhindern; wie jammerte Frankfurt,
da im Frühjahr 1829 ein Spediteur Waren aus der Schweiz
nach Leipzig über Nürnberg sendete und billigere Fracht berechnete
als seine Frankfurter Konkurrenten. Diese Straßenpolitik
war das beste Rüstzeug des Mitteldeutschen Vereins,
<pb n="163"/><anchor id="Pg163"/>
und Motz beschloß, die Verbündeten mit ihren eigenen Waffen
zu schlagen. Er eröffnete Verhandlungen mit Meiningen und
Gotha, noch bevor der bayrische Vertrag abgeschlossen war.
Der Herzog von Koburg kam selbst nach Berlin. Am 3.&nbsp;Juli
1829 wurde mit Meiningen, tags darauf mit Gotha ein Vertrag
geschlossen, »um die Hindernisse zu beseitigen, die vorzüglich
durch örtliche Verhältnisse dem Handel und gewerblichen
Verkehr entgegenstehen«. Die drei Staaten verpflichteten
sich gemeinsam, einen großen Straßenzug zu bauen von
Langensalza über Gotha nach Zelle, von da über Meiningen
nach Würzburg und über Suhl, Hildburghausen, Lichtenfels
nach Bamberg. Preußen schoß den kleinen Herren die Gelder
vor. Der Durchfuhrhandel auf den neuen Straßen wurde
völlig freigegeben. Dazu mehrfache Zollerleichterungen und
freier nachbarlicher Verkehr zwischen Meiningen, Gotha und
Preußens thüringischen Enklaven. Es war dieselbe Straße
quer über den Kamm des Thüringer Waldes, die nachher
in der Eisenbahnpolitik des Deutschen Reiches noch einmal
eine bedeutsame Rolle spielen sollte.
</p>

<p>
Diese beiden unscheinbaren Verträge haben in Wahrheit
den Mitteldeutschen Verein vernichtet. Denn jetzt erst erhielt
der preußisch-bayrische Vertrag praktischen Wert. Motz eilte
selbst nach Thüringen, um den raschen Ausbau der Straßen
zu fördern. Sobald dieser zollfreie Straßenzug vollendet war,
standen die beiden verbündeten Zollvereine in gesicherter
geographischer Verbindung, ihre völlige Verschmelzung blieb
nur noch eine Frage der Zeit. Zugleich hatte das Berliner
Kabinett mit Mecklenburg den Bau einer neuen Straße von
Hamburg nach Magdeburg verabredet. Der mächtige Warenzug
zwischen der Nordsee und der Schweiz ward von Hannover,
Kassel und Frankfurt hinweggelenkt auf die Straße Magdeburg-Nürnberg.
Der Mitteldeutsche Verein, der Bayern
und Preußen auseinander halten sollte, wurde durch einen
Meisterstreich der preußischen Diplomatie selber in der
Mitte zerspalten. Immer wieder drängt sich der Gedanke
auf, wieviel langsamer der Knoten sich hätte entwirren
lassen, wenn ein Reichstag die diplomatische Aktion des
Berliner Hofes lähmte. Wer diese unterirdische Arbeit auf
ihren verschlungenen Wegen verfolgt, der muß, wo nicht
billigen, so doch verstehen, daß ein freier Geist wie Trendelenburg<note place="end">
Adolf Trendelenburg, geb. 30.&nbsp;November 1802, gest. 24.&nbsp;Januar
1872, Professor der Philosophie an der Universität Berlin und
Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften.</note>,
<pb n="164"/><anchor id="Pg164"/>
damals den preußischen Absolutismus als einen
Segen für Deutschland pries.
</p>

<p>
Preußen vollzog mit jenen zwei Verträgen nur eine
Tat erlaubter Kriegslist wider erklärte Gegner, und doch
keinen feindseligen Schritt, keine gehässige Retorsion. Die
Niederlage des Mitteldeutschen Vereins war um so vollständiger,
da niemand das Recht hatte, sich über Preußen zu beklagen.
Während sonst die Handelspolitik den Feind durch
Handelserschwerungen zu schlagen sucht, entwaffneten Motz
und Eichhorn den Kasseler Sonderbund durch die Erleichterung
des deutschen Verkehrs; sie konnten sogar den Dank der Mitteldeutschen
beanspruchen für die Eröffnung einer zollfreien
Straße. Den beiden thüringischen Fürsten freilich gereichte
der Hergang nicht zur Ehre. Verlockt durch die Aussicht auf
den Besitz einer großen Handelsstraße, wurden die Herzöge
zu Verrätern an ihren mitteldeutschen Verbündeten. Sie
verletzten zwar nicht den Wortlaut, doch den Sinn des Kasseler
Vertrages, der den Bundesgenossen allerdings den Abschluß
von Handelsverträgen gestattete, aber unzweifelhaft den
Zweck verfolgte, die Erweiterung des preußischen Zollsystems
zu verhindern. Das böse Beispiel weckte bald Nachahmung.
Der Mitteldeutsche Verein, gegründet durch partikularistische
Selbstsucht, sollte ein würdiges Ende finden; er sollte nach
und nach zerbröckeln durch ein frivoles Spiel mit Treu und
Glauben.
</p>

<p>
Zugleich bereitete Motz in diesem tatenreichen Sommer
den Mitteldeutschen noch eine Überraschung, die ihrem Handel
Segen, ihrem Sonderbunde Verderben brachte. Er verständigte
sich mit den Niederlanden über die Rheinschiffahrt
und eröffnete also seinen süddeutschen Verbündeten die Aussicht
auf freien Verkehr mit der Nordsee. Sobald der britische
Kaufmann seine Waren zollfrei rheinaufwärts bis nach
Frankfurt und Mannheim senden konnte, mußte England
das Interesse an dem Mitteldeutschen Verein verlieren, und
dem Sonderbunde war eine mächtige Stütze entzogen. &mdash;
</p>

<p>
Nach so gründlichen Niederlagen hätten ernsthafte
Staatsmänner den Sonderbund als einen verunglückten Versuch
<pb n="165"/><anchor id="Pg165"/>
sofort aufgeben und eine Verständigung mit den überlegenen
Zollvereinen des Südens und des Nordens suchen
müssen. Doch die unverwüstliche Zanksucht dieser kleinen
Höfe wollte nicht Frieden halten, ihr Dünkel sträubte sich
gegen ein beschämendes Geständnis. Der sächsische Gesandte
in Wien, Graf Schulenburg, wußte Wunder zu berichten von
den Handelserleichterungen, die Metternich in allgemeinen
Andeutungen dem Verein versprach; ähnliche Zusagen,
ebenso unbestimmt gehalten, gab der französische Gesandte
Graf Fenelon dem Nassauer Hofe. In Hannover lebte ungebrochen
der alte Welfenstolz; Graf Münster bot alle kleinen
Künste auf, um den Meininger Herzog durch seine Schwester,
die Herzogin von Clarence, von Preußen abzuziehen. Im
Februar 1829 war Varnhagen von Ense<note place="end">Karl Aug. Varnhagen
v.&nbsp;Ense, geb. 21.&nbsp;Februar 1785, gest.
10.&nbsp;Oktober 1858; erst als Offizier in österreichischen, nachher in
russischen Diensten, wurde er 1814 in die preußische Diplomatie
berufen und nahm als Hardenbergs Begleiter am Wiener Kongreß
teil. Seit 1821 lebte er als Geh. Legationsrat in Berlin, meist literarisch
tätig, wurde aber auch gelegentlich zu politischen Sendungen
verwandt.</note> von der preußischen
Regierung nach Kassel und Bonn gesendet worden, um
nochmals eine Beilegung des ehelichen Zwistes im kurfürstlichen
Hause zu versuchen. Er hatte sich des undankbaren
Auftrags mit erstaunlichem Ungeschick entledigt, bei Hruby,
dem grimmigen Feinde Preußens, sich belehren lassen über
die Lage. Das Ende war, daß die beiden Gatten unversöhnlicher
denn je einander gegenüberstanden, und der Kurfürst
in schäumender Wut seinem königlichen Schwager Rache
schwur. So geschah es, daß das längst verlorene Spiel der
Mitteldeutschen noch durch einige Jahre fortgesetzt wurde,
bis Preußen den Gegnern auch den letzten Stein aus dem
Brette geschlagen hatte.
</p>

<p>
Seit dem Juni 1829 tagte in Kassel abermals der Kongreß
der Mitteldeutschen &mdash; ein Bild vollendeter Ratlosigkeit,
ohnmächtigen Grolles. Alles tobte wider die Verräter in
Meiningen und Gotha, die dem Verein »ein wichtiges Objekt«
geraubt hatten; man sendete Kommissäre hinüber, um die
beiden Herzöge zu verwarnen. Alles zitterte vor der freien
preußischen Handelsstraße Hamburg-Nürnberg. Selbst die
patriotische Hoffnung, daß Dänemark vielleicht den Bau
<pb n="166"/><anchor id="Pg166"/>
jener Straße hindern werde, bot keinen Trost; denn das kleine
Stück holsteinischen Gebiets zwischen Hamburg und der
mecklenburgischen Grenze konnte leider auf der Elbe umgangen
werden! Der nassauische Bevollmächtigte Röntgen
pflegte auch dem befreundeten badischen Hofe Bericht zu erstatten
über den Gang der Verhandlungen. Diese Berichte
wurden von Karlsruhe getreulich der preußischen Regierung
mitgeteilt; man kannte also in Berlin aus erster Quelle die
rettungslose Verwirrung des feindlichen Lagers. Schon in
einer der ersten Sitzungen warf ein Bevollmächtigter die
wohlberechtigte naive Frage auf: »worin denn eigentlich
das materielle Wesen des Vereins bestehe?« Man fühlte,
daß man »eine Gesamtautonomie gründen müsse, um die
eigene Autonomie zu bewahren«. Man verlangte nach
einem »Gemeingut«, das als Unterhandlungsmittel gegen
Preußen dienen solle. Die Lächerlichkeit eines Zollvereins
ohne gemeinsame Zölle begann zwar einzelnen einzuleuchten;
selbst Nassau meinte, die Vorteile des freien Binnenhandels
überwögen unendlich jede Erleichterung des ausländischen
Verkehrs. Aber, hieß es dawider, »würde der Verein ein wirklicher
Mautverband, so müßten wir schließlich doch preußische
Farbe annehmen!« Sechs Kommissionen wurden gebildet,
um im Stile des Bundestages über alle erdenklichen Fragen
der Verkehrspolitik hin und her zu reden. Absonderliche
patriotische Freude erregte der Vorschlag, den 21 Guldenfuß
anzunehmen und also »das preußische Geld zu verdrängen«.
</p>

<p>
Von neuem tauchte der Gedanke auf, mehrere Bünde
im Bunde zu bilden &mdash; zwei, drei oder vier, was verschlug
es? Diese politischen Mollusken ließen sich doch in jede beliebige
Form pressen. Hannover wünschte einen Sonderbund
der Küstenstaaten. In lehrhafter Denkschrift bewies Smidt
von Bremen, daß die Vereinsstaaten teils in horizontaler,
teils in vertikaler Richtung zu den großen deutschen Handelsstraßen
lägen; sie möchten also zwei oder drei Gruppen
bilden. Die freie Stadt Bremen, versteht sich, müsse unabhängig
bleiben, denn sie »qualifiziert sich von selbst als eine
Ausnahme von der Regel des Handelsvereins«. Indes begann
dem gewiegten Handelspolitiker doch unheimlich zu
werden; er riet dringend zu Verhandlungen mit den beiden
anderen Zollvereinen.
</p>

<pb n="167"/><anchor id="Pg167"/>

<p>
Unverhohlen sprach sich die ängstliche Unlust der thüringischen
Staaten aus. Reuß beantragte sofort Verhandlungen
mit Preußen zu eröffnen; Meiningen und Gotha drohten,
ihres eigenen Weges zu gehen, wenn der Verein nicht mit
Preußen sich verständige. Geschäftig trugen die Bevollmächtigten
der kleinen Thüringer dem preußischen Gesandten
Hänlein die Geheimnisse des Vereins zu. Doch die größeren
Staaten Hannover, Sachsen, Hessen, Weimar blieben hartnäckig.
Die rastlosen Treiber Carlowitz, Grote, Conta brachten
endlich am 11.&nbsp;Oktober 1829 einen neuen Bundesvertrag
zustande. Die Verpflichtung, einseitig keinem auswärtigen
Zollverein beizutreten, wurde verlängert bis zum Jahre
1841, weil der preußisch-bayrische Vertrag bis zu diesem
Jahre währte. Die Durchfuhrzölle auf den großen, das Ausland
mit dem Auslande verbindenden Straßen sollten nur
nach gemeinsamer Verabredung verändert werden. Es lag
auf der Hand, daß dieser Artikel allein bestimmt war, den
Verkehr zwischen Preußen und Bayern zu erschweren, die
Wiederholung der Gothaer und Meininger Vorgänge zu verhindern.
Preußen versuchte auch sofort den Beschluß zu
hintertreiben. Eichhorn schrieb an Bülow in London: »von
der kurhessischen Regierung ist man schon lange gewohnt,
daß sie das Verkehrte tut und keine Verhältnisse achtet«;
unbegreiflich aber sei Hannovers Verhalten; der Gesandte
solle daher in London nachdrückliche Beschwerden erheben.
Trotzdem ging der Beschluß durch, und nach dieser unzweideutigen
Feindseligkeit bestimmte man in Kassel noch, daß
Sachsen, Hannover und Kurhessen im Namen des Vereins
Verhandlungen mit Preußen eröffnen sollten &mdash; jenes Kurhessen,
das sich in den gröbsten Beleidigungen gegen den
Berliner Hof erging!
</p>

<p>
Im übrigen blieb auch dieser zweite Vertrag nahezu
inhaltlos; keine irgend erhebliche Verkehrserleichterung war
vereinbart. Daher erhob sich sofort nach dem Abschlusse des
Vertrages überall heftiger Widerstand. Die Ratifikation
konnte erst im April 1830 erfolgen. Meiningen und Gotha
versagten ihre Zustimmung. Die reußischen Länder folgten
am 9.&nbsp;Dezember 1829 dem Beispiel ihrer Nachbarn, sie vereinbarten
mit Preußen Handelserleichterungen und Straßenbauten
und versprachen, dem preußischen oder dem bayrischen
<pb n="168"/><anchor id="Pg168"/>
Verein beizutreten, sobald sie ihrer Pflichten gegen die Mitteldeutschen
ledig seien. Im Frankfurter gesetzgebenden Körper
fragte man murrend: warum verständige Kaufleute sich verpflichten
sollten, zwölf Jahre lang nichts zu tun? Einflußreiche
Firmen forderten den Anschluß an Preußen, selbstverständlich
nicht zu gleichem Rechte: das mächtige Frankfurt
sollte nur »einen Freihafen des preußischen Vereins«
bilden. Die Stadt litt schwer; Spedition und Fabriken begannen
nach Offenbach überzusiedeln. Dennoch behauptete
die österreichische Partei die Oberhand. Sachsen und Weimar,
erschreckt durch den schwunghaften bayrisch-preußischen Verkehr
dicht neben ihren Grenzen, knüpften ihre Ratifikation
an den Vorbehalt: vom Jahre 1835 müsse ihnen der Austritt
freistehen, falls bis dahin Preußen und Bayern zu einem
Zollverein sich verschmolzen hätten. Der rastlose Röntgen
reiste von einer preußischen Gesandtschaft zur anderen, versuchte
sich zu entschuldigen: wer hätte denn vor einem Jahre
ahnen können, daß Preußen in der orientalischen Frage
und in den Zollsachen eine so glückliche Rolle spielen würde?
Als Maltzan allen Anzapfungen nur ein diplomatisches
Schweigen entgegensetzte, fuhr der beleidigte Nassauer heraus:
»Es ist unrecht, auch den kleinsten Feind zu mißachten«
&mdash; worauf jener verbindlich erwiderte: »Also Ihr seid unsere
Feinde?« Endlich genehmigte Nassau den Vertrag nur mit
der Erklärung: als unbedingt verpflichtend könne er nicht
gelten. So drohten Abfall und Verrat von allen Seiten her.
</p>

<p>
Bei der verblendeten Selbstüberschätzung dieser Kabinette
läßt sichs nicht leicht entscheiden, ob die drei führenden
Mittelstaaten ernstlich hofften, Zugeständnisse von Preußen
zu erlangen, oder ob sie die Verhandlungen mit dem Berliner
Hofe lediglich begannen, um ihre unzufriedenen thüringischen
Bundesgenossen zu beschwichtigen. Genug, das
hannöversche Kabinettsministerium richtete schon am
l4.&nbsp;August an Bernstorff die Frage, ob Preußen mit den Verbündeten
unterhandeln wolle, und fügte in der üblichen
hochtrabenden Weise hinzu: »Der Verein sei wohl imstande,
solche Vorteile anzubieten, welche die Zugeständnisse aufwiegen
dürften«. In Berlin ergriff man die Gelegenheit,
den Mitteldeutschen unumwunden die Meinung zu sagen
und zugleich den nationalen Sinn der preußischen Handelspolitik
<pb n="169"/><anchor id="Pg169"/>
ausführlicher als je zuvor darzulegen. Ein Ministerialschreiben
vom 31.&nbsp;Oktober 1829 hielt der hannoverschen Regierung
ihr gehässiges unaufrichtiges Verfahren vor, schilderte
drastisch den Handelsverein, der »nichts Gemeinsames
habe als das Motiv, woraus er entsprang; im übrigen findet
man nur ein Aggregat besonderer Interessen«. Wesentliche
Vorteile hat der Verein uns nicht zu bieten, es müßte denn
sein, daß er den Verkehr zwischen unseren Provinzen erschweren
wollte. »Vor dergleichen feindseligen Maßregeln
hegt die preußische Regierung überhaupt keine Besorgnis.«
Mit Hannover allein sind wir bereit zu verhandeln, nicht mit
einer Mehrzahl grundverschiedener Staaten. Preußen hat
jetzt, nach den neuesten vorteilhaften Verträgen, noch weniger
als sonst ein unmittelbares Interesse an solchen Verhandlungen,
sondern nur das eine Interesse, »daß dadurch eine
engere Verbindung zwischen den deutschen Völkern begründet
und durch diese ein neuer Segen über Deutschland und dessen
einzelne Staaten verbreitet werde. Wird dabei der Grundsatz
befolgt, solche gemeinschaftliche Maßregeln zu verabreden,
wodurch nur in dem eigenen Gebiet bisher bestandene Hemmungen
im gegenseitigen Verhältnis zueinander aufgehoben
und keine neuen zur Störung des Verkehrs mit anderen Staaten
angeordnet werden, so kann sich niemand über eine Vereinigung,
welche auf einer solchen Grundlage errichtet wird, beschweren.
Jede solche Vereinigung bildet vielmehr den Übergang
zu einer neuen; und in einer solchen praktisch fortschreitenden
Entwicklung, welche keinem feindseligen Prinzip
Raum gibt, läßt sich hoffen, daß allmählich das Problem einer
gegenseitigen Freiheit des Verkehrs zwischen den deutschen
Staaten in dem größtmöglichen Umfange, welchen überhaupt
die Natur der Verhältnisse gestattet, gelöst werde.« Hannover
suchte noch einige unwahre Entschuldigungen vorzubringen,
doch allein mit dem Berliner Hofe zu verhandeln, war dem
Welfenstolze unmöglich.
</p>

<p>
Sachsen und Kurhessen unterließen nunmehr jede Anfrage;
indes konnte sich der Dresdener Hof eine Rechtfertigung
seiner Handelspolitik nicht versagen. Geh.&nbsp;Rat v.&nbsp;Könneritz<note place="end">
Julius Traugott v.&nbsp;Könneritz, geb. 1792, gest. 28.&nbsp;Oktober
1866, damals Hof- und Justizrat bei der Landesregierung, von
1821&ndash;1846 Justizminister.</note>
<pb n="170"/><anchor id="Pg170"/>
&mdash; in späteren Jahren als Minister eine Säule der hochkonservativen
Partei &mdash;, verfaßte eine Denkschrift im kursächsischen
Kurialstile und wiederholte darin die alten hundertmal
widerlegten Anklagen gegen das preußische Zollsystem.
Dann versicherte »Man annoch fordersamst«: der Mitteldeutsche
Verein sei »eine völkerrechtlich vollkommen statthafte
und in der Staatengeschichte gar nicht ungewöhnliche
Übereinkunft mehrerer souveräner Staaten, eine zur Rettung
der dem hiesigen Lande unentbehrlichen Nahrungszweige,
des Fabrikwesens und des Handels, notwendig bedungene
Maßregel« &mdash; und sprach sein Befremden aus, daß Preußen
dieser unschuldigen Verbindung entgegenarbeite. Motz, von
Eichhorn befragt, ob eine Verhandlung mit Sachsen rätlich
sei, erwiderte: »Sachsen gewinnt durch eine Zollvereinigung
mit Preußen in allen Beziehungen vorzugsweise, und Preußen
kann dieselbe mehr nur in politischer, weniger in finanzieller
Beziehung wünschen. Auch die politischen Vorteile sind mehr
in der hierdurch geförderten Einigung von Deutschland als
in dem besonderen Anschluß von Sachsen an Preußen zu
suchen. Sachsen kann freundlicher, rücksichtsvoller Verhandlungen
gewärtig sein, wenn es seine mitteldeutschen Verpflichtungen
aufgibt, deren Dauer den Anschluß an das preußische
Zollsystem geradezu verhindert. Herr v. Könneritz
gehört zu den beschränkten einseitigen Köpfen, deren Belehrung,
wenn man auch Zeit daran wenden wollte, ebenso
unfruchtbar bleiben würde als die ganze Idee des Mitteldeutschen
Vereins.« Darauf verwies das Auswärtige Amt
dem Gesandten in Dresden, daß er das anmaßende sächsische
Schriftstück angenommen habe, und begnügte sich, die Beschuldigungen
der Denkschrift kurz zu widerlegen.
</p>

<p>
Unterdessen arbeitete Hannover heimlich an einem Verein
der Küstenstaaten. Am 27.&nbsp;März 1830 kam zu allgemeiner
Überraschung der Eimbecker Vertrag zustande, ein Werk
Grotes, die Grundlage des späteren norddeutschen Steuervereins.
Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Kurhessen
verpflichteten sich, innerhalb des Mitteldeutschen Vereins
einen Zollverein mit gemeinschaftlichen niedrigen Zöllen zu bilden.
Vorderhand war alles freilich noch Entwurf. Daß die Küstenstaaten
sich zusammentaten, erschien nicht ganz unnatürlich;
Motz selbst urteilte mild über den Eimbecker Vertrag. Hannover
<pb n="171"/><anchor id="Pg171"/>
war nun einmal unfrei der englischen Handelspolitik gegenüber;
auch bestand damals weit verbreitet und festgewurzelt
die Meinung, daß die Volkswirtschaft der Nordseeküste von
den preußischen Zuständen sehr weit abweiche &mdash; ein Vorurteil,
das erst nach zwei Jahrzehnten überwunden wurde.
Um so mehr mußte die Teilnahme des Binnenlandes Kurhessen
befremden. Die Luft ward schwül in dem unglücklichen
Lande. Die Reichenbach befürchtete einen Aufstand;
irgend etwas, stellte sie dem Kurfürsten vor, müsse geschehen,
um das mißhandelte Volk zu beschwichtigen. Da nun der
Kurfürst nicht mit Preußen gehen wollte, so schloß er den
Eimbecker Vertrag, der mindestens an der hannoverschen
Grenze Erleichterungen versprach. &mdash;
</p>

<p>
Das war die Lage der deutschen Volkswirtschaft, als
die Julirevolution hereinbrach, das alte System in den Hauptstaaten
des Mitteldeutschen Handelsvereins über den Haufen
warf und also dem Verein den letzten Stoß gab.
</p>

<p>
Motz selber sollte den vollständigen Sieg seiner Ideen
nicht erleben; er starb, erst vierundfünfzigjährig, am 30.&nbsp;Juni
1830. Er nahm ins Grab die feste Zuversicht, daß Preußens
Handelspolitik die eingeschlagenen Bahnen nicht mehr verlassen
könne; »mein eigenes Departement macht mir am
wenigsten Sorge«, sagte er oft in seinen letzten Tagen. Wie
gänzlich hatte sich Preußens deutsche Machtstellung verändert
in den fünf Jahren, seit dieser Mann den Staatshaushalt
leitete! Die ausländische Presse selbst, die sonst so gleichgültig
an den deutschen Dingen vorüberging, fing schon an
aufzumerken. Wenn diese Staaten, schrieb der Constitutionnel,
schon die Einheit ihrer Handelsinteressen erkennen, so werden
sie auch bald entdecken, daß sie dieselben politischen Interessen
haben, und das wird ein Sieg sein über Österreich.
Die Edinburgh Review aber sagte mit jener englischen Bescheidenheit,
die sich auch im Lobe nie verleugnet: »Die preußische
Handelspolitik, die vielleicht der jedes anderen Staates
in der Welt überlegen ist, verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich
dem Selbstbereicherungstriebe eines absoluten Herrschers.«
Vor kurzem noch verhaßt und gemieden, war Preußen
jetzt mit den bekehrten Kernlanden des Rheinbundes zu einem
großen nationalen Zwecke verbündet. Das vor zehn Jahren
von ganz Deutschland bekämpfte preußische Zollgesetz begann
<pb n="172"/><anchor id="Pg172"/>
bereits siegreich vorzudringen, und schon ließ sich voraussehen,
daß es seine Herrschaft bis zum Bodensee erstrecken
würde. In Berlin, nicht mehr in Frankfurt und Wien, wurden
die großen Geschäfte der Nation erledigt.
</p>

<p>
Motz hatte in einem kurzen diplomatischen Kriege, der
mit seinen fest und sicher geleiteten weitverzweigten Verhandlungen
an die Entstehung des fridericizianischen Fürstenbundes
erinnert, nicht bloß den Gegenzollverein nahezu
gesprengt, sondern auch durch geistige Waffen die Gegner geschlagen,
den Unsinn des feindlichen Unternehmens dargetan
und vor aller Welt erwiesen, daß Österreich für die Nöte der
Nation nur leere Worte hatte, Preußen die heilende Tat.
Nicht eine zufällige Verkettung der Umstände führte den Süden
auf kurze Zeit mit dem Norden zusammen, wie einst die Genossen
des Fürstenbundes. Die Gemeinschaft, die jetzt sich
bildete, war unzerstörbar. Sie entsprang den Lebensbedürfnissen
eines arbeitenden Jahrhunderts, und über ihren unscheinbaren
ersten Anfängen waltete der freie Geist eines
Mannes, der fast allein in müder, verdrossener Zeit schon
hellen Auges die schlummernden Kräfte des germanischen
Riesen erkannte, die große Zukunft des »in Wahrheit verbündeten
Deutschlands« ahnte.
</p>
<p>Quelle:
H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 623ff.
</p>
<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />

<divGen type="endnotes" target="Kap06" />
</div>
</div>

<div rend="page-break-before: always" id="Kap07">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>7. Der Deutsche Zollverein.</head>

<div id="Kap07a">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>a) <hi rend="hgesperrt">Kurhessens Beitritt.</hi></head>

<p>
Nach dem Tode Motzs &hellip; erhielt sein Freund Maaßen, der Begründer
des Zollgesetzes, die Leitung des Finanzwesens.
Die Wahl des Königs konnte keinen würdigeren Mann
treffen. Maaßen überragte den Verstorbenen durch umfassende
Sachkenntnis; klug, gerecht, wohlwollend, verstand er bei
den Unterhandlungen, sich das Vertrauen der argwöhnischen
kleinen Kronen stets zu erhalten. Freilich fehlten ihm der
kühne Wagemut und der weite staatsmännische Blick des
Vorgängers; er ließ die Dinge gern an sich kommen und hegte
nicht wie jener den Ehrgeiz, auf die Leitung der gesamten
<pb n="173"/><anchor id="Pg173"/>
preußischen Politik einzuwirken, obgleich er als der bedeutendste
Kopf des Ministeriums klar erkannte, wie gemächlich die
Mittelmäßigkeit in den anderen Departements sich wieder
einzunisten begann &hellip; So erklärt es sich, daß die mühselige
Arbeit der handelspolitischen Einigung zwar stetig vorwärts
schritt, aber zunächst nicht so schnell gefördert wurde, wie man
wohl erwarten konnte, nachdem Motz Schlag auf Schlag die
letzten Enklaven aufgenommen, den Zollverein mit Darmstadt,
den Handelsvertrag mit Bayern-Württemberg abgeschlossen,
den feindlichen Handelsverein der Mitteldeutschen
nahezu zersprengt hatte.
</p>

<p>
Die Nachspiele der Julirevolution gereichten der preußischen
Handelspolitik zum Vorteil; sie räumten plötzlich alle
die Hemmnisse hinweg, welche das alte System in den norddeutschen
Mittelstaaten dem Zollverbande entgegenstellte.
Durch den Untergang der ständischen Anarchie in Sachsen,
der despotischen Willkür in Hessen war die Verwaltung
beider Länder den preußischen Institutionen angenähert
worden; früher oder später mußte die Verständigung erfolgen.
In Kurhessen zunächst wurde die Morschheit des alten Mautwesens
offenbar. Nicht zuletzt die wirtschaftliche Not hatte die
Volksbewegungen im Herbst&nbsp;1830 hervorgerufen. Das
Ländchen mit seinen 154&nbsp;Geviertmeilen besaß 154&nbsp;Meilen
Zollgrenze. Frecher als irgendwo auf deutschem Boden gedieh
hier der Schmuggel; in geschlossenen Scharen zogen die
Schwärzer aus, maßen sich mit den Zollwächtern in offenem
Gefechte. Während die Kosten der Zollverwaltung den Ertrag
der Eingangsabgaben fast verzehrten, begann jetzt auch der
ergiebige Durchfuhrzoll zu versiegen, da der Transit sich nach
der neuen Thüringer&nbsp;Straße hinüberzog. Als die Unruhen
ausbrachen, verließen alle Mautbeamten im Hanauischen und
Fuldischen ihre Amtshäuser; Massen fremder Waren strömten
unverzollt ins Land, und der Bundesgesandte Meyerfeld
erklärte dem Bundestage, die Regierung dürfe nicht wagen,
die Zollämter wieder herzustellen. Entsetzt schrieb Blittersdorff:
»Die Mauten können leicht für ganz Deutschland ein
Losungswort des Aufruhrs werden.«
</p>

<p>
Doch wie konnte Kurhessen aus dem unerträglichen Notstande
heraus? Die Regierung war zwiefach gebunden:
durch den Mitteldeutschen Handelsverein und durch den Eimbecker
<pb n="174"/><anchor id="Pg174"/>
Vertrag. Jener lag im Sterben, dieser war vorderhand
noch ein Entwurf, änderte nichts an den Leiden des Landes.
Man schwankte lange; noch im Herbst&nbsp;1830 widmete Geh.&nbsp;Rat&nbsp;Meisterlin,
einer der Urheber des Eimbecker&nbsp;Vertrags,
den Landständen eine Flugschrift, die den Eintritt in das preußische
Zollsystem verwarf, weil Hessens Gewerbefleiß die Mitwerbung
der überlegenen rheinischen Industrie nicht ertragen
könne. Die alte Abneigung des Kurfürsten gegen Preußen
war nicht verflogen, auch schien ihm doch bedenklich, eine
zweifache Verflichtung ohne weiteres zu brechen. Er wünschte
&mdash; und mit ihm wohl die Mehrzahl im Lande &mdash; einen Mautverband
des gesamten Deutschlands, der die Sonderbünde
von selbst aufgehoben hätte. In diesem Sinne mußte Meyerfeld
bei dem bayrischen Bundestagsgesandten Lerchenfeld
vertraulich anfragen. Das Münchener Kabinett aber kannte
jetzt die handelspolitischen Pläne wie die Verhandlungsweise
des Berliner Hofes; daher gab Graf Armansperg an Lerchenfeld
die verständige Weisung: diese Sache sei vorsichtig dahin
zu lenken, daß sie in Berlin unter Preußens Leitung erledigt
werde. Gleichwohl konnte der Kurfürst sich noch immer nicht
entschließen, mit dem verhaßten Preußen und dem so gröblich
beleidigten Darmstädter Vetter allein zu verhandeln. Noch
im folgenden Frühjahr erhielt Meyerfeld den Auftrag, die
Vereinigung sämtlicher deutscher Mautverbände beim Bundestage
zu beantragen; da warnte ihn Nagler: niemals werde
Preußen einer solchen Utopie zustimmen.
</p>

<p>
Unterdessen hatte Motz, ein Verwandter des preußischen
Ministers, das hessische Finanzministerium übernommen.
Die Anarchie im Zollwesen ward unhaltbar; die Kommissäre
des Eimbecker Vereins, die in Hannover tagten, konnten sich
nicht einigen. Motz und sein wackerer Amtsgenosse Schenk
zu Schweinsberg bewogen endlich den Kurfürsten, daß er
die Geheimräte Ries und Meisterlin im Juni nach Berlin
schickte, um mit Preußen-Darmstadt und Bayern-Württemberg
zugleich einen Zollverein zu schließen. Doch unerbittlich
hielt Eichhorn den beiden Bevollmächtigten den alten preußischen
Grundsatz entgegen: Verhandlungen mit mehreren
Staaten zugleich sind aussichtslos. Vergeblich sträubte sich
der Kurfürst; man mußte sich der Forderung des Berliner
Hofes fügen, mit Preußen-Darmstadt allein verhandeln. In
<pb n="175"/><anchor id="Pg175"/>
Maaßens Auftrag führte L. Kühne die Unterhandlung. Der
schlicht bürgerliche kleine Mann erwies sich jetzt schon, wie
späterhin in allen Geschäften des Zollvereins, als meisterhafter
Diplomat. Klar und bestimmt, mit überlegener Sachkenntnis
und ehrlichem Wollen, entwickelte er seine Vorschläge;
wenn ihm aber das törichte Mißtrauen der Kleinen
entgegentrat, dann funkelten seine kleinen scharfen Augen,
und er fertigte alle Winkelzüge mit schneidenden Sarkasmen
ab. Auf die Frage des Preußen, ob Kurhessen nicht noch durch
die mitteldeutschen Handelsverträge gebunden sei, verweigerten
die Hessen jede Antwort, weil ihnen das Gewissen schlug.
Man ging also über diesen wunden Punkt schweigend hinweg.
Die Kurhessen drängten zur Eile; denn sie befürchteten einen
neuen Umschwung an ihrem heimischen Hofe, wo Österreich
und England-Hannover alle Minen springen ließen, und sie
wollten, geängstigt durch die nahende Cholera, den unheimlichen
Boden Berlins schleunigst wieder verlassen. Schon
am 29.&nbsp;August 1831 war alles beendigt. Um dem zollvereinsfreundlichen
Könige von Bayern eine Ehre zu erweisen,
wurde der Vertrag auf den Ludwigstag (25.&nbsp;August) zurückdatiert.
Kurhessen trat dem preußischen Zollsystem bei, im
wesentlichen unter denselben Bedingungen wie einst Darmstadt.
Der alte Kurfürst ließ diese Demütigung noch über
sich ergehen, wenige Tage bevor er die Regierung seinem
Sohne abtrat. Vor sieben Jahren war man in Berlin bereit
gewesen, ein erhöhtes Einkommen an Kurhessen zu bewilligen;
jetzt hatte das Kurfürstentum seinen Durchfuhrhandel
verloren und durch gehäufte Sünden jeden Anspruch
auf Begünstigung verscherzt. Hessen mußte sich begnügen
mit dem Maßstabe der Kopfzahl.
</p>

<p>
Der Vertrag war für Kurhessen eine politische Notwendigkeit,
er rettete das Land aus namenlosem Elend.
Selbst der Kasseler Landtag wagte nicht zu widersprechen.
Die mitteldeutschen Verbündeten freilich drohten und lärmten.
Nicht ohne Grund: Kurhessen hatte in den rohesten Formen
seine Vertragspflicht gebrochen, ohne auch nur ernstlich eine
Verständigung mit den alten Bundesgenossen zu versuchen.
Für Preußen dagegen war ein klarer Gewinn errungen.
Wie die Gotha-Meininger Straße den Verkehr mit dem Süddeutschen
Verein gesichert hatte, so wurde jetzt die lang ersehnte
<pb n="176"/><anchor id="Pg176"/>
Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen
hergestellt, der Mitteldeutsche Verein noch an einer zweiten
Stelle durchbrochen. Während in Thüringen die Zollfreiheit
der preußischen Durchfuhrstraße den mitteldeutschen Verbündeten
gefährlich wurde, mußte Kurhessen die höheren
Transitzölle des preußischen Tarifs einführen. Auf Bayerns
dringende Vorstellungen setzte Preußen diese hessischen Zölle
bald auf die Hälfte herab. Eine noch weitergehende Verminderung
war vorderhand untunlich; die mitteldeutschen
Verbündeten, vornehmlich die Frankfurter Kaufleute, sollten
fühlen, daß sie von Preußen abhingen, und durch heilsamen
Druck bestärkt werden in ihrer beginnenden Bekehrung.
</p>

<p>
Durch den Abfall Kurhessens ward der Mitteldeutsche
Handelsverein vernichtet. Der Liberalismus freilich kam so
schnell nicht los von den liebgewonnenen Phrasen. In Bayern
deklamierte Siebenpfeiffer gegen die Maut: sie hätte zur Volkssache
werden sollen und ist zur Volksfeindin geworden! Stromeyer
in Baden schrieb in die gefürchtete Zeitschrift »Rheinbayern«
einen donnernden Artikel: Die preußische Aristokratenstirne
wagt es, sich an das Nationalgefühl zu wenden!
In Preußen herrscht, härter als irgendwo auf der Welt, die
eiserne Konsequenz des Merkantilsystems; der Mitteldeutsche
Verein vertritt die Freiheit. Darum soll Baden festhalten
an seinem trefflichen liberalen Zollwesen. Dann wird Württemberg,
das ohnedies durch seine hohe politische Bildung
dem konstitutionellen Musterstaate nahe steht, und bald auch
das konstitutionelle Bayern, Sachsen, Kurhessen dem badischen
System sich anschließen! &mdash; Auch einer der edelsten und gelehrtesten
Vertreter deutscher Wissenschaft brach eine Lanze
für den sterbenden Sonderbund. Johann Friedrich Böhmer<note place="end">
Joh. Friedr. Böhmer, geb. 22. April 1795, gest. 22. Oktober
1863, hervorragender Forscher, vornehmlich auf dem Gebiete der
Geschichte des deutschen Mittelalters.</note>
verfaßte das wunderliche Büchlein »das Zollwesen in Deutschland
geschichtlich beleuchtet«. Der Legitimist des heiligen
Reiches stellte den kühnen Satz auf, die Zollfreiheit der deutschen
Flüsse müsse von Recht wegen auch für die Landstraßen
gelten. Er pries den Mitteldeutschen Verein als »den letzten
Versuch, von dem, was einstens als gemeines deutsches Recht
und Freiheit gegolten, soviel wie möglich, wenigstens vertragsweise
<pb n="177"/><anchor id="Pg177"/>
zu sichern«. Er schalt Preußen den »Reichsfeind
und Landfriedensbrecher«, warnte die Kleinstaaten, »wie
leicht sich Einverleibungen der Nachbarländer an Zollangelegenheiten
knüpfen«, und getröstete sich des schönen Wortes,
das vor zwölf Jahren der k.&nbsp;k. Präsidialgesandte gesprochen:
daß »die hohe Bundesversammlung die Beförderung und Erfüllung
des deutschen Handels in die Hand nehmen werde!«
</p>

<p>
Die sächsischen Höfe waren längst nicht mehr in der Lage,
solchen Schrullen nachzuhängen. Die Not des Haushalts,
das laute Murren des Volkes zwang sie, demütig bittend in
Berlin anzuklopfen. Armselige Advokatenkünste mußten vorhalten,
um den Vertragsbruch zu beschönigen. Meiningen
behauptete, der Mitteldeutsche Verein sei durch den Eimbecker
Vertrag zerrissen worden, er bestehe nicht mehr zu
Recht. Der Verrat des einen diente dem anderen zum Vorwande;
sobald die kleinen Thüringer schwankten, berief sich
das Dresdner Kabinett auf den Artikel des Kasseler Vertrages,
wonach die gänzlich vom Auslande umschlossenen Gebietsteile
den Satzungen des Vereins nicht unterliegen sollten.
Das sei jetzt Sachsens Fall, wenn Thüringen sich mit Preußen
verständige &mdash; eine offenbare Sophisterei, da jene Klausel
sich nur auf entlegene Enklaven bezog. Wollte der sächsische
Hof ehrenhaft verfahren, so mußte er sofort einen neuen
Kongreß der mitteldeutschen Verbündeten berufen, dort
die Auflösung des unhaltbaren Vereins beantragen und
dann erst mit Preußen unterhandeln. Aber die alte Politik
der Winkelzüge, der Halbheit, des Mißtrauens gegen Preußen
wurde selbst unter dem neuen Ministerium Lindenau nicht
sogleich aufgegeben. Die sächsische Regierung glaubte, ihre
Wünsche in Berlin sicherer durchsetzen zu können, wenn sie
an dem Gespenste des Mitteldeutschen Vereins noch einen
Rückhalt hätte; sie begann mit Preußen zu verhandeln, noch
bevor sie ihrer älteren Verpflichtung entbunden war.
</p>

<p>
Nachdem das Dresdner Kabinett schon im August 1830
bei den süddeutschen Kronen leise angefragt, mußte sich der
alte König Anton endlich entschließen, an den König von
Preußen selber zu schreiben. Er beteuerte, daß er längst die
Absicht gehabt, mit Preußen in kommerzielle Verbindung
zu treten »und somit im Sinne des hochwichtigen und wohltätigen
Zwecks zu handeln, dessen Erreichung von Ew.&nbsp;Majestät
<pb n="178"/><anchor id="Pg178"/>
bereits seit längerer Zeit beabsichtigt wird. Daß diese
Verhandlung von Preußen begonnen und eingeleitet werde,
scheint die notwendige Bedingung des Erfolges zu sein.«
Lindenau, der im Januar 1831 dies Handschreiben nach Berlin
brachte, überreichte zugleich eine Denkschrift, worin Sachsen
den Entschluß aussprach, die Auflösung des Mitteldeutschen
Vereins durchzusetzen, »da Veranlassung, Zweck und Grund
des Vereins nicht mehr vorhanden sind. Das Bedürfnis einer
bewegten Zeit, die Zuversicht, durch den Antritt einer solchen
Verhandlung die aufgeregten Gemüter am sichersten zu beruhigen,
endlich die Hoffnung, daß ein solcher die Mehrzahl
der deutschen Bundesstaaten umfassender Verband auch auf
die größeren Weltereignisse einen friedlich besänftigenden
Einfluß äußern könne«, ermutigten den sächsischen Hof, die
Verhandlungen in Berlin zu beginnen.
</p>

<p>
Noch kläglicher war die Demütigung Weimars. Derselbe
Minister Schweitzer [S. Fußnote S. 132], der seit Jahren das preußische Zollsystem
als den Todfeind deutscher Handelsfreiheit bekämpft
hatte, versicherte im Juli 1830 dem Auswärtigen Amte:
»daß zur Förderung des von dem König von Preußen begonnenen,
in seinen Zwecken und seinen Gründen immer klarer
hervortretenden deutschen Werkes, also zur Förderung eines
freien Handels und Verkehrs im deutschen Vaterlande von
Preußen aus, der Großherzog von Weimar im Einverständnis
mit dem Königreich Sachsen mit Vergnügen die Hand bieten
wird.« Dann sang der weimarische Minister Fritsch [S. Fußnote S. 47] die
Totenklage des Sonderbundes: »Auf hinreichende Zeit zur
Ausbildung des Vereins ist nicht mehr zu rechnen, nachdem
die großen welthistorischen Ereignisse seit dem 25.&nbsp;Juli 1830
und deren Folgen auf deutschem Boden eine weit schleunigere
Hilfe notwendig gemacht, man kann sagen, die Übel, welche
als chronische behandelt werden sollten, in akute verwandelt
haben. Nur Schaden, nur Verderben könnte es bringen,
wenn man sich unter solchen Umständen noch gegenseitig beschränken,
sich zum Nichtstun verpflichtet halten wollte in
einer Zeit, welche in allen öffentlichen Dingen ganz andere
Forderungen stellt. Was uns die Jahre 1829 und 1830
<pb n="179"/><anchor id="Pg179"/>
genommen und gebracht haben, ließ sich im Jahre 1828 nicht
voraussehen, nicht vorausahnen. Der Kasseler Verein war
und bleibt ein bedeutendes Unternehmen, nicht ohne Folgen.
Es wird den Stiftern desselben ein gerechtes Urteil in der
Geschichte um so weniger entgehen, je bereitwilliger sie jetzt
das Geständnis ablegen und betätigen, daß eine ganz neue
Zeit uns gekommen ist.«
</p>

<p>
Friedrich Wilhelm antwortete dem König von Sachsen
sehr freundlich, er sei bereit, Sachsens Anträge zu erwägen,
und sprach sich zugleich offen aus über die nationalen Ziele
seiner Handelspolitik: »Wiewohl der Abschluß dieser Verträge
stets nur mit einzelnen Staaten erfolgte, so hatte man dennoch
dabei nicht ein ausschließliches Interesse der unmittelbar
Beteiligten im Auge, sondern man verfolgte zugleich den Gesichtspunkt,
daß die einzelnen Verträge als Mittel dienen
möchten, der Freiheit des Verkehrs in Deutschland überhaupt
eine größere Ausdehnung zu geben.« Dem weimarischen
Hofe drückte der Minister des Auswärtigen seine Freude aus,
daß unser Werk auch in den Augen Weimars »immer klarer
als ein deutsches Werk hervortritt«; dann wiederholte er in
schneidenden Ausdrücken die hundertmal von Preußen ausgesprochene
Ermahnung: die Thüringer sollten sich erst unter
sich verständigen, bevor Preußen mit ihnen verhandeln könne.
</p>

<p>
Nach solchen Erfolgen stand in Berlin fester denn je die
Überzeugung, daß der eingeschlagene Weg der Einzelverhandlungen
allein zum Ziele führe. Mit voller Sicherheit
schrieb Bernstorff dem König: »Die Schöpfung eines allgemeinen
deutschen Zoll- und Handelssystems oder irgendeiner
anderen bleibenden Institution ähnlicher Natur ist eine
Aufgabe, deren Lösung dem Bunde solange unmöglich
bleiben wird, als derselbe nicht eine andere, von der jetzigen
ganz verschiedene Organisation besitzt«. Seit dem Zerfall
des mitteldeutschen Sonderbundes schien die Bahn frei für
die vollständige Vereinigung der beiden befreundeten Zollvereine
des Südens und des Nordens. Was sollte jetzt noch
hindern, da beide Teile die Unhaltbarkeit des bestehenden
Zustandes lebhaft empfanden? da die zwischenliegenden
Staaten nicht mehr feindlich im Wege standen, sondern selbst
um ihre Aufnahme baten? da das Grundgesetz des preußisch-hessischen
Vereins sich von selber darbot als die Regel für den
<pb n="180"/><anchor id="Pg180"/>
großen Verein? Und dennoch mußte Preußen wieder und
wieder durch den Flugsand waten, der im Wüstenwinde der
deutschen Kleinstaaterei emporwirbelte. Fast drei Jahre lang,
von 1830 bis 1833, spielte in Berlin, vielfach unterbrochen,
eine dreifache Reihe mühseliger Verhandlungen: mit Bayern-
Württemberg, mit Sachsen, mit den thüringischen Staaten;
und das Geschäft wäre nie zum Abschluß gelangt, wenn man
nicht, dem alterprobten Grundsatz getreu, die Unterhandlungen
mit den einzelnen Gruppen scharf auseinandergehalten hätte.
Der Vergleich drängt sich unwillkürlich auf: der Deutsche
Zollverein ging aus dem Preußisch-Hessischen hervor unter
ähnlichen Kämpfen und Bedenken, wie späterhin das Deutsche
Reich aus dem Norddeutschen Bunde. Der Zollverein wie
der Norddeutsche Bund stieß auf die höchsten Schwierigkeiten
erst, als die größeren Mittelstaaten, mit ihrem festgewurzelten
und nicht ganz unberechtigten Partikularismus,
mit der Fülle ihrer scheinbar oder wirklich abweichenden
Interessen in die Verhandlungen eintraten. In Versailles,
wie 40&nbsp;Jahre zuvor in Berlin, gebärdeten sich die süddeutschen
Kronen anfangs, als stände man vor einem Neubau, als sei
noch gar kein Grundgesetz vorhanden; erst nach langem,
peinlichem Zögern erkannten sie die im Norden bestehende
Ordnung an, doch indem der Bau erweitert wurde, lockerte
man zugleich das feste Gefüge seiner Mauern.
</p>

<p>
Der Handelsvertrag zwischen Preußen-Hessen und Bayern-
Württemberg war von vornherein in der Absicht fortschreitender
Erweiterung abgeschlossen. In München aber begann
die ultramontane Partei, sofort an dem neuen Bunde zu
zerren und zu nagen. Ihre Führer, Schenk<note place="end">Eduard
v.&nbsp;Schenk, geb. 10.&nbsp;Oktober 1788, gest. 26.&nbsp;April 1841.
Als Protestant geboren, trat er 1817 zur katholischen Kirche über
und wurde 1828 Minister der geistl. Angelegenheiten.</note>,
Görres, Ringseis<note place="end">Joh. Nepomuk Ringseis, geb.&nbsp;16. Mai
1785, gest. 22.&nbsp;Mai 1880, Arzt von Beruf.</note>,
standen durch den k.&nbsp;k. Legationsrat Wolff mit der Hofburg
im Verkehr; der Gesandte in Wien, Graf Bray<note place="end">François Gabriel
Graf v.&nbsp;Bray, geb. 1765, gest. 1832.</note>, war für
Metternich gewonnen, desgleichen neuerdings auch der
alte Feldmarschall Wrede.<note place="end">Karl Philipp Fürst&nbsp;Wrede,
geb. 29.&nbsp;April 1767, gest. 12.&nbsp;Dezember
1838.</note> Angesichts dieser mächtigen Gegner
<pb n="181"/><anchor id="Pg181"/>
und der unberechenbaren Launen König Ludwigs hielt
Bernstorff für nötig, allen Begehren Bayerns soweit als
möglich entgegenzukommen. Der Münchener Hof wünschte
zunächst den Eintritt Badens in den bayrisch-württembergischen
Verein; denn das badische Gebiet ragte als ein trennender
Keil zwischen die bayrische Pfalz und die Hauptmasse
der Vereinslande hinein, und unter dem Schutze der
gerühmten Karlsruher Freihandelspolitik, die für die Grenzbewachung
wenig tat, blühte auf dem Schwarzwalde wie
am Rheinufer ein gefährlicher Schmuggelhandel. War der
kränkelnde Süddeutsche Zollverein durch Badens Zutritt neu
gekräftigt, dann erst sollte &mdash; so rechnete König Ludwig &mdash;
über die völlige Verschmelzung der beiden Vereine des Nordens
und des Südens verhandelt werden &hellip;
</p>

<p>
Eine handelspolitische Verständigung zwischen Bayern
und Baden blieb aber völlig aussichtslos, solange die beiden
Höfe einander noch als Feinde betrachteten und König Ludwig
seine traumhaften Ansprüche auf badisches Gebiet nicht
aufgab. Als Großherzog Ludwig starb und sein Nachfolger
sogleich von allen Mächten anerkannt wurde, da wagte man
in München gar nicht mehr wie früher zu behaupten, daß
mit der Thronbesteigung der Hochbergischen Linie das Haus
der Zähringer ausgestorben sei. Der Wittelsbacher trug seine
vorgeblichen Ansprüche auf den »Heimfall« der badischen
Pfalz stillschweigend zu Grabe. Um so mehr lag ihm daran,
mindestens durch eine kleine Gebietserweiterung der Welt zu
beweisen, daß Bayern doch nicht ganz im Unrecht gewesen sei.
</p>

<p>
Gegen Ende Mai 1830 erschien Armansperg in tiefem
Geheimnis zu Berlin und bat um Preußens gute Dienste.
König Friedrich Wilhelm übernahm die Vermittlung, im Verein
mit dem König von Württemberg, und ließ den badischen
Minister Boeckh nach Berlin einladen. Er hoffte nicht nur den
leidigen Gebietsstreit beizulegen, sondern auch Baden zum
Eintritt in den Bayrisch-Württembergischen Zollverein zu bewegen.
Am 10.&nbsp;Juli brachte Bernstorffs versöhnliches Zureden
endlich eine Übereinkunft zustande, kraft deren Baden
dem süddeutschen Verein beizutreten versprach; dafür wollten
beide Teile auf ihre Sponheimer Erbansprüche verzichten.
Um Bayern gänzlich zufrieden zu stellen, wurde noch ein
geringfügiger Gebietsaustausch irgendwo an der badischen
<pb n="182"/><anchor id="Pg182"/>
Ostgrenze vorbehalten. Damit schien der jämmerliche Handel
aus der Welt geschafft. Metternich sprach bereits allen
Teilnehmern seinen Glückwunsch aus, und König Ludwig
dankte dem preußischen Minister aufs wärmste &hellip;
</p>

<p>
Sobald man jedoch über die Ausführung der Übereinkunft
verhandelte, verlangte Bayern einen Zuwachs von
etwa 20000 Einwohnern und setzte erst nach langem Feilschen
seine Forderung ein wenig herab; das schöne Wertheim
vornehmlich, das Heidelberg der Mainlande, erschien dem
romantischen Wittelsbacher unwiderstehlich verlockend. Der
Karlsruher Hof wies jede größere Gebietsabtretung entschieden
zurück und verschanzte sich hinter der gesinnungstüchtigen
Entrüstung seines Volkes. Die Stadt Wertheim selbst hatte
freilich gegen die Abtretung wenig einzuwenden, weil die
Beamten den Main-Tauberkreis als das badische Sibirien
behandelten; auch der Fürst Georg von Löwenstein, der dort
Hof hielt, wollte sich als treuer deutscher Patriot den Herrschaftswechsel
wohl gefallen lassen, wenn dadurch nur endlich
das Elend der Binnenmauten aufgehoben würde. Anders
empfand die große Mehrzahl der Liberalen; sie dachte von
dem Musterlande der konstitutionellen Freiheit nicht eine
Geviertmeile aufzuopfern, und ihr Entschluß stand um so
fester, da sie auch den Zollvereinsplänen mißtraute. Der
Hauptverkehr des langgestreckten Landes ging von Norden
nach Süden und konnte durch den Anschluß an Bayern-Württemberg
wenig gewinnen. Man übersah oder wollte übersehen,
daß dieser Anschluß nur das Mittel bilden sollte zur
späteren Vereinigung mit Preußen; unleugbar war der
bayrische Plan zu fein, zu verwickelt, um sogleich vom Volke
verstanden zu werden.
</p>

<p>
Überall in Baden sprach man begeistert von einem
gesamtdeutschen Zollverbande; denn soviel Boden hatte die
Idee der deutschen Handelseinheit durch Preußens Siege doch
gewonnen, daß niemand mehr sie schlechthin zu verwerfen
wagte. Freilich benutzten viele badische Liberale das schöne
Wort vom allgemeinen deutschen Zollverein nur als ein Schurzfell,
um die Blöße ihrer partikularistischen Selbstsucht zu bedecken.
Wie behaglich lebte sichs doch unter der badischen
Handelsfreiheit &mdash; auf Kosten der lieben Nachbarn! Mit
Stolz sah der Badener &mdash; so sagte eine Flugschrift des Rastatter
<pb n="183"/><anchor id="Pg183"/>
Kaufmanns F. Meyer »über die Zollverhältnisse Badens«
&mdash; wie die Nachbarn aus dem Elsaß, aus Schwaben, aus der
Rheinpfalz in »das wohlfeile, gastfreie« Ländle kamen, um dann
ihre billigen Einkäufe über die heimatliche Grenze hinüberzuschmuggeln.
Nimmermehr sollte diese gemütliche Unordnung
durch eine gewissenhafte Grenzbewachung beseitigt
werden. Der Freiburger Handelsstand stellte dem Landtage
vor: ein Zollverein »wird rechtliche, sittlich gute Menschen
in eine Rotte von Zöllnern, Schmugglern, Spionen und
Gaunern verwandeln« &mdash; wobei nur verschwiegen ward,
daß die große Mehrzahl der badischen Geschäfte, zumal die
Kolonialwarenhandlungen, dem Schleichhandel längst als
Herbergen dienten. Noch kräftiger sprach das Straßburger
Konstitutionelle Deutschland: »Maut, Maut, preußische Maut
erhalten wir. Unglückliches Vaterland! Im Geheimen,
im Dunkel der Nacht wird sie dir gegeben! Wehe dir, Kammer
von 1831!« Als Großherzog Leopold sein Oberland bereiste,
wurde er überall dringend gewarnt, und Winter<note place="end">Georg
Ludwig Winter, geb. 18. Jan. 1778, gest. 17. März
1838, seit 1830 Leiter des Ministeriums des Innern in Baden.</note>, der in
Fragen der großen Politik immer ratlos war, wagte nicht,
einer scheinbar so starken Volksüberzeugung zu widersprechen.
</p>

<p>
So schleppte sich der Zank durch fast anderthalb Jahre
dahin. Die beiden vermittelnden Höfe boten alle ihre Beredsamkeit
auf. Der Berliner sprach sanft, der Stuttgarter
schroff: denn König Wilhelm sah sein Land unmittelbar
unter dem badischen Schmuggel leiden, er drohte dem Karlsruher
Hofe geradezu: Bayern und Württemberg würden
»dem bisherigen ganz feindseligen Betragen Badens gemeinschaftlich
ein jedes Mittel entgegensetzen, um nicht mitten
in unserem Verein das System einer Regierung zu sehen,
das mit Vorbedacht Unzufriedenheit und Unruhe in unserer
so bedenklichen Zeit stiftet«. Ebenso vergeblich schrieb König
Ludwig selbst in seinem wuchtigsten Partizipialstile an den
Großherzog: »durch meine letzten Vorschläge habe ich das
Äußerste getan, um die Sponheimer Angelegenheit zur Ausgleichung
zu bringen, von und großem Wert ist mir die von
Ew.&nbsp;K. Hoheit ausgedrückte Willfährigkeit, damit sie und
Beitritt zum Zollverein stattfinde, überzeugt, daß fester Wille
<pb n="184"/><anchor id="Pg184"/>
beides bei Ihren Ständen durchsetzen werde«. An diesem
festen Willen gebrach es dem badischen Hofe gänzlich. Die
Minister verteidigten den Zutritt zum Süddeutschen Zollverein
sehr lau; Welcker<note place="end">Karl Theodor Welcker, geb. 29. März 1790, gest. 10. März
1869, Professor der Rechte in Kiel, Heidelberg, Bonn, Freiburg i.&nbsp;Br.,
Mitglied der badischen Kammer und einer von den Führern des
süddeutschen Liberalismus.</note> tobte mit gewohnter Wortfülle gegen die
absolute preußische Krone, Rotteck<note place="end">
Karl v. Rotteck, geb. 18. Juli 1775, gest. 26. November 1840,
Professor der Geschichte und der Staatswissenschaften an der Universität
Freiburg i.&nbsp;Br., von 1831 an Mitglied der 2. badischen Kammer,
in der er als gewandter Redner die Gedanken des Liberalismus vertrat.</note> 
unterstützte ihn etwas
ruhiger. Die phrasenreichen Verhandlungen gereichten dem
Musterlandtage wenig zur Ehre; über die volkswirtschaftliche
Bedeutung der Frage wußten nur einzelne große Geschäftsmänner
ein treffendes Wort zu sagen, so der liberale
Fabrikant Buhl aus Ettlingen und der Tabakshändler v. Lotzbeck
aus Lahr. Selbst der liberale E.&nbsp;E. Hoffmann, der aus
Darmstadt herüberkam, um den badischen Parteifanatikern
Vernunft zu predigen, richtete nichts aus. Schließlich einigte
sich der Landtag über eines jener unwahren Kompromisse,
wie sie der Partikularismus liebt, wenn er nichts mehr zu
sagen weiß. Beide Kammern verwarfen einstimmig den Eintritt
in den Süddeutschen Verein und gaben der Regierung
Vollmacht, über einen gesamtdeutschen Zollverein zu verhandeln
(November 1831). Dabei konnte sich jeder das Seine
denken, denn an die Möglichkeit eines Zollvereins mit Österreich,
Hannover und Holstein glaubte eigentlich niemand
mehr. Auch die von Bayern geforderte Gebietsabtretung
wurde durch die zweite Kammer verworfen, einstimmig,
unter brausenden Hochrufen auf den Großherzog.
</p>

<p>
Dem gefeierten Fürsten ward bei dieser Begeisterung
seiner getreuen Opposition sehr schwül zu Mute. In einem
flehentlichen Briefe wendete er sich abermals hilfesuchend
an Bernstorff &hellip; , und wirklich unterzog sich der geduldige preußische
Minister noch einmal den undankbaren Mühen der
Vermittlung. König Ludwig aber empfand jenen Beschluß
des badischen Landtages als eine persönliche Beleidigung; er
hielt es für schmachvoll, eine Forderung, die schon soviel
Staub aufgewirbelt hatte, ohne jede Entschädigung fallen
<pb n="185"/><anchor id="Pg185"/>
zu lassen. An dem ergrimmten Wittelsbacher war jetzt jeder
Zuspruch verschwendet. Auch der König von Württemberg
ließ nach einiger Zeit in schnöden Worten erklären, daß er
mit dem unbelehrbaren badischen Hofe nichts mehr zu schaffen
haben wolle. In Berlin urteilte man milder, doch die erneuten
Verhandlungen blieben fruchtlos. Der königliche Dichter in
München hinterließ die imaginären Sponheimer Ansprüche
seinen Nachfolgern als ein heiliges Vermächtnis, untertänigen
Historikern als einen köstlichen Stoff für bajuvarische
Großsprechereien. Also ward Baden, früherhin immer ein
wackerer Vorkämpfer der deutschen Handelseinheit, teils durch
die Torheit seiner Kammern teils durch eine seltsame diplomatische
Verwicklung ganz in das Hintertreffen gedrängt und
von den entscheidenden Verhandlungen der Zollvereinspolitik
mehrere Jahre hindurch ausgeschlossen.
</p>
</div>

<div id="Kap07b">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>b) <hi rend="hgesperrt">Beitritt des Süddeutschen Zollvereins.</hi></head>

<p>
Nach alledem war eine Verständigung zwischen Bayern
und Baden vorläufig undenkbar. Der deutschen Handelseinheit
aber kam jener ablehnende Beschluß der badischen
Kammern seltsamerweise zu gute. Der künstliche Gedanke,
zunächst den süddeutschen Verein zu vergrößern und dann erst
die Vereinigung mit dem Norden zu suchen, war fortan beseitigt.
Die oberdeutschen Königshöfe, außerstande, ihren
unergiebigen Sonderbund aufrecht zu halten, sahen sich genötigt,
statt des Notbehelfs sogleich das durchschlagende Mittel
zu wählen; sie stellten jetzt bei dem preußischen Kabinett
den Antrag auf völlige Vereinigung. Im Dezember 1831
wurden die Verhandlungen in Berlin eröffnet. Doch sofort
ergab sich eine Fülle gewichtiger Bedenken. Preußen hatte
schon durch die Aufnahme der beiden Hessen ein fühlbares
finanzielles Opfer gebracht; der Ertrag seiner Zölle, der um
1829 gegen 25,3&nbsp;Sgr. für den Kopf der Bevölkerung abwarf,
begann bereits zu sinken. Durfte man auch die oberdeutschen
Lande, die von Kolonialwaren noch weit weniger verzehrten
als die beiden Hessen, zu den gleichen Bedingungen aufnehmen?
Die Finanzpartei in Berlin fürchtete schwere Verluste,
wie denn in der Tat Preußen im Durchschnitt der Jahre
1834&ndash;1839 nur 22&nbsp;Sgr. auf den Kopf erhalten hat. Sie
verlangte entschieden ein Präcipuum zugunsten Preußens;
<pb n="186"/><anchor id="Pg186"/>
ein Ausfall in den Einnahmen schien hochbedenklich in so
unruhiger Zeit. Die bayrisch-württembergischen Finanzmänner
dagegen lebten in dem wunderlichen Wahne, daß
die Konsumtion im Süden stärker sei als in Preußen; sie
meinten schon seltene Großmut zu zeigen, wenn sie auch nur
die Verteilung nach der Kopfzahl zugeständen.
</p>

<p>
Die Einführung der preußischen Konsumtionssteuern
war in Hessen ohne Schwierigkeit erfolgt; Bayern aber sah
sich außerstande, seine Malzsteuer abzuändern. Während
Preußen kaum 1,3&nbsp;Millionen Taler, 3 Sgr.&nbsp;auf den Kopf,
durch die Besteuerung des Bieres bezog, gewann Bayern
allein in seinem rechtsrheinischen Gebiete 5&nbsp;Millionen Gulden,
21&nbsp;Sgr. auf den Kopf, und aus diesem Ertrage mußte nach
der Verfassung die Staatsschuld verzinst werden. Unmöglich
konnte Preußen seine Biersteuer zu der gleichen Höhe hinaufschrauben.
Der angestammte Durst ließ sich ebenso wenig in
den Norden verpflanzen wie die Realgerechtigkeiten der
bayrischen Brauer, die jenen reichen Steuerertrag erst ermöglichten,
aber den Grundsätzen der preußischen Gewerbefreiheit
widersprachen. Da die gleichmäßige Besteuerung der inländischen
Konsumtion mithin unausführbar blieb, so bestand
die preußische Finanzpartei hartnäckig auf der Einführung
von Ausgleichungsabgaben. Die an sich richtige Meinung,
daß jede Zollgemeinschaft die annähernde Gleichheit der indirekten
Steuern voraussetze, war seit dem Jahre 1818 eine
der leitenden Ideen der preußischen Handelspolitik. Die
Berliner Finanzmänner hatten sich so tief in diesen Gedanken
eingelebt, daß sie ihn alsbald mit fiskalischer Härte auf die
Spitze trieben. Die Ausgleichungsabgaben sind lange, wesentlich
durch Preußens Schuld, ein wunder Fleck der Zollgesetze
geblieben; sie belästigten den Verkehr und brachten geringen
Ertrag, auch nachdem sie späterhin die rein fiskalische Gestalt
der »Übergangsabgaben« annahmen.
</p>

<p>
Irrte Preußen in dieser Frage, so erhoben auch die Südstaaten
höchst unbillige Ansprüche. Sie verlangten anfangs
eine völlige Umgestaltung des Tarifs und fanden namentlich
die preußischen Zölle auf Baumwollenwaren unerträglich
hoch, da sie selbst noch fast gar keine Baumwollspinnereien
besaßen. Und doch konnte Preußen nicht nachgeben. Sachsens
Eintritt stand bevor, die preußische Industrie klagte laut über
<pb n="187"/><anchor id="Pg187"/>
die drohende Mitwerbung des Erzgebirges; in solcher Stunde
die Zölle herabzusetzen, schien selbst dem Freihändler Maaßen
nicht ratsam. Auch die von Württemberg geforderte Herabsetzung
der Zuckerzölle ging nicht durch; die Interessen der
mächtig aufblühenden Magdeburgischen Rübenzuckerindustrie
durften nicht preisgegeben werden. Desgleichen die gefürchteten
preußischen Transitzölle blieben noch unentbehrlich als
ein sanfter Wink für die Nachbarn. Überhaupt war die Lage
des Augenblicks der Vereinfachung des Tarifs keineswegs
günstig; Preußens Staatsmänner ahnten, daß die süddeutschen
Höfe in einer nahen Zukunft die Farbe wechseln, mit schutzzöllnerischem
Eifer auf die Erhöhung der Zölle dringen
würden. Lebhafter noch als dieser staatswirtschaftliche
Kampf entbrannte der »staatsrechtliche Streit«, wie man in
München zu sagen pflegte. Die verständige Bestimmung der
preußisch-hessischen Verträge, wonach Preußen in der Regel
allein die Handelsverträge für den Zollverein schließen sollte,
galt dem bayrischen und dem württembergischen Hofe als
eine schimpfliche Unterwerfung; sie forderten unbedingte
Gleichheit in allem und jedem.
</p>

<p>
So mannigfache sachliche Bedenken ins Gleiche zu bringen,
konnte nur erprobter staatsmännischer Kraft gelingen. Die
oberdeutschen Höfe aber hatten, töricht genug, zwei junge
Subalternbeamte für diese schwierige Mission bevollmächtigt,
vermutlich nur aus Sparsamkeit. Die Ersparnis sollte ihnen
teuer zu stehen kommen. Eichhorn hatte an den Unterhändlern
der Kleinstaaten schon des Wundersamen viel beobachtet;
eine Persönlichkeit wie dieser württembergische Bevollmächtigte,
der Assessor Moritz Mohl<note place="end">Moritz Mohl, geb. 1802, gest.
18. Februar 1888, damals als
Assessor bei der Finanzkammer in Reutlingen, seit 1841 Obersteuerrat,
1848 Mitglied des Parlaments sowie der Nationalversammlung,
seitdem Führer der großdeutschen Partei in der württembergischen
Kammer.</note>, war ihm noch nicht vorgekommen.
Die Diplomatie in Berlin konnte nicht genug ihre
Verwunderung aussprechen über den ungestümen Mann mit
der roten Perrücke und den vollgepfropften Aktenmappen:
welch eine weitschweifige Kleinlichkeit, welche Lust an unfruchtbarem
theoretischem Streite, welche Fülle unverdauter Gelehrsamkeit,
welch ein hartnäckiges Mißtrauen gegen Preußen!
<pb n="188"/><anchor id="Pg188"/>
Der frühreife schwäbische Staatsweise entfaltete bereits alle
jene Talente, die noch 40&nbsp;Jahre später den deutschen Reichstag
bezaubern sollten; L. Kühne nannte ihn »einen eingebildeten
Narren, der den Bären des Nordlands seine kindische
konstitutionelle Weisheit zu predigen dachte«. Als Mohl
dem einzigen Küstenstaate des Zollvereins die Abschließung
von Schiffahrtsverträgen verbieten wollte, da erwiderte der
Preuße: »dann werden wir also einen unserer Ostseehäfen
an Württemberg abtreten müssen, um die Gleichheit zwischen
den Zollgenossen herzustellen!« Mit einem solchen Kollegen
behaftet, konnte auch der bayrische Assessor Bever nichts fördern.
Die hochstehenden preußischen Staatsmänner fanden
es bald unerträglich, mit Subalternen zu verhandeln, die bei
jeder Kleinigkeit daheim anfragten; und zu allem Unheil
begann auch wieder der alte Streit der Berliner Departements:
Kühne und Eichhorn, die doch beide das nämliche wollten,
betrachteten einander mit gegenseitiger Eifersucht. Also gestalteten
sich die Verhandlungen mit dem befreundeten
Süden wider Erwarten zu einem unerquicklichen Zwist. Im
Mai 1832 brach man sie ab.
</p>

<p>
Moritz Mohl schrieb nun eine ungeheure Denkschrift
und bewies, daß der Zollverein mit Preußen den sicheren
Untergang Württembergs herbeiführen müsse. Ein Menschenalter
darauf hat Freiherr v.&nbsp;Varnbüler dies klassische Aktenstück
der Vergessenheit entrissen, um der Welt den Weitblick
des Volksmannes zu zeigen. König Wilhelm wünschte
nach wie vor den Abschluß, selbst Wangenheim hatte einiges
gelernt, mahnte aus der Ferne zur Verständigung. Doch die
große Mehrheit im Lande widerstrebte. Die Fabrikanten, die
bisher aus der Beherrschung des bayrischen Marktes großen
Gewinn gezogen, fürchteten die Industrie des Niederrheins,
die Bequemlichkeit des mächtigen Schreiberstandes zitterte
vor der strengen preußischen Kontrolle, der gesinnungstüchtige
Liberale schlug ein Kreuz vor dem Schreckbilde des
norddeutschen Absolutismus. Mehr als ein halbes Jahr
brauchten die süddeutschen Höfe, um sich einen neuen Entschluß
zu bilden. Unterdessen trieb die Diplomatie Österreichs
und der auswärtigen Mächte ihr verdecktes Spiel an
den Höfen der Mittelstaaten. Eine Zeitlang stand die große
Sache fast hoffnungslos. Baden tut wohl, alle Zollvereinsgedanken
<pb n="189"/><anchor id="Pg189"/>
vorläufig aufzugeben &mdash; sagte der bayrische Minister
Gise zu dem badischen Gesandten Fahnenberg &mdash;,
Preußen stellt unerhörte Forderungen, verlangt von uns
materielle Opfer und die Beschränkung der Souveränität,
Kurhessen bereut schon den übereilten Anschluß! Zudem bestand
wenig Freundschaft zwischen den Beamten der beiden
Königreiche; ein Glück nur, daß Schmitz-Grollenburg, der
württembergische Gesandte in München, das Vertrauen König
Ludwigs besaß und die Fäden nicht gänzlich abreißen ließ.
</p>

<p>
So verging das Jahr in leidiger Verstimmung. Da raffte
sich endlich König Ludwig auf und ließ am Silvesterabend
eine derbe Note an Schmitz-Grollenburg schreiben: Der Süddeutsche
Verein sei tatsächlich aufgelöst, die Wiederaufnahme
der preußischen Verhandlungen schlechthin unvermeidlich.
Zugleich kam vom Berliner Hofe eine ernste Mahnung:
wolle man zu Ende gelangen, so müsse statt unbrauchbarer
Subalternen ein fähiger hochgestellter Staatsmann die Unterhandlungen
in Berlin führen. Der Rat wirkte. Zu Ende
Januars l833 wurde der bayrische Finanzminister v.&nbsp;Mieg
als gemeinsamer Bevollmächtigter der beiden Kronen nach
Berlin gesendet: ein Jugendfreund König Ludwigs &hellip;, ein
trefflicher Beamter von großer Sachkenntnis und seltener
Arbeitskraft, die der König nach seiner Weise bis auf den
letzten Tropfen auspreßte &mdash; in der Handelspolitik sehr frei
gesinnt, dabei gütig und liebenswürdig, hochgebildet, von
feinen gewinnenden Formen. Er vermied über Stuttgart
zu reisen, weil er der pedantischen Schwerfälligkeit der württembergischen
Schreiber mißtraute, sprach aber unterwegs
in Dresden ein, verständigte sich mit den sächsischen Finanzmännern
und erschien am 6.&nbsp;Februar in der preußischen
Hauptstadt. Eichhorn und Maaßen kamen ihm herzlich entgegen;
es bewährte sich wieder &hellip; »Preußens seltenes Talent,
fremde Staatsmänner in Berlin zu gewinnen«. Noch boten
sich der Bedenken viele; allein da Preußen auf seinen erprobten
Tarif, seine festbegründete Zollverwaltung verweisen konnte,
so blieb nur übrig, die im Norden bestehende Ordnung mit
einigen Änderungen anzunehmen. Preußen verzichtete auf
jedes Präcipuum &hellip; Die Einnahmen wurden nach der Kopfzahl
verteilt; nur für die Schiffahrtsabgaben auf der Oder
und Weichsel, die ja gar nicht zur Zollgemeinschaft gehörten,
<pb n="190"/><anchor id="Pg190"/>
bezog Preußen eine Bauschsumme. Auch der teuerste Herzenswunsch
des bayrischen Großmachtsbewußtseins fand Erfüllung:
jeder Staat erhielt das Recht, Handelsverträge zu
schließen, lediglich die Verträge mit dem russischen Polen
blieben dem preußischen Staate vorbehalten. Zum Entgelt
für so große Zugeständnisse wagte Mieg, in einem Punkte
seine Instruktionen zu überschreiten: er bewilligte, daß die
preußische Zollverwaltung des rascheren Übergangs halber
sofort im Süden provisorisch eingeführt würde, noch bevor die
Zollgemeinschaft in Kraft trat.
</p>

<p>
Am 4. März wurden die hessischen Bevollmächtigten zur
ersten Plenarversammlung gerufen, am 22.&nbsp;kam der Vertrag
zustande: die verbündeten Staaten, »in fortgesetzter Fürsorge
für die Beförderung der Freiheit des Handels zwischen ihren
Staaten und hierdurch zugleich in Deutschland überhaupt«,
bilden einen »Gesamtverein«, der am 1.&nbsp;Januar 1834 für
acht Jahre ins Leben tritt. Das Grundgesetz entsprach im
wesentlichen den hessischen Verträgen, nur daß die Selbständigkeit
der Bundesgenossen erheblich verstärkt wurde. Für jede
Änderung der Zollgesetze wurde Einstimmigkeit der Verbündeten
gefordert. Das schlimmste Gebrechen des Vereins lag
weniger in seinen Satzungen als in der Verschiebung der
Machtverhältnisse. Durch den Zutritt mehrerer größerer
Staaten mit gleichem Stimmrecht wurde die freie Tätigkeit
der preußifchen Handelspolitik unvermeidlich erschwert. Die
neuen Rechte dagegen, die man den Zutretenden einräumte,
schienen bedenklicher als sie waren &hellip; Die Befugnis, Handelsverträge
zu schließen, dies von Bayern mit so leidenschaftlichem
Eifer erstrebte Kleinod, erwies sich als ein harmloses
Spielzeug &hellip; Preußen allein galt im Auslande als Haupt und
Vertreter des Zollvereins; daher sind alle irgend wichtigen
Handelsverträge durch Preußen im Namen des Vereins abgeschlossen
worden. Auch die Kontrolle ward ermäßigt, auf
Bayerns Andringen. Die Verbündeten sendeten bloß Vereinsbevollmächtigte
zu den Zolldirektionen, Kontrolleure zu den
Hauptzollämtern der Genossen; eine gegenseitige Visitation
des Grenzdienstes fand nicht mehr statt. Solche Formen verschlugen
wenig; denn im Grunde war der Verein auch bisher
nur durch wechselseitiges Vertrauen und die Macht der Interessen
zusammengehalten worden. Die Bundesgenossen gelobten
<pb n="191"/><anchor id="Pg191"/>
einander »unbeschränkte Offenheit« in der Zollverwaltung,
und sie haben ihr Wort redlich gehalten &hellip;
</p>

<p>
Da Bayern und Württemberg noch immer ihre törichte
Sorge vor finanziellen Verlusten nicht aufgaben, so wurde
in einem geheimen Artikel den Verbündeten das Recht vorbehalten,
den Verein vor der Zeit zu kündigen, falls ihre
Zolleinnahmen einen Ausfall von 10 Proz. des bisherigen
Rohertrags aufwiesen. Maaßen unterschrieb getrosten
Mutes; er wußte, daß der Vertrag ein Löwenvertrag war
zugunsten des Südens, und der Erfolg sollte seine Erwartungen
noch weit übertreffen. In den Jahren von 1834 bis
1845 hat der Norden an Bayern 22,29&nbsp;Millionen Taler,
an Württemberg 10,3&nbsp;Millionen herausgezahlt, in dem
Zeitraum von 1854&ndash;1865 empfing Bayern vom Norden
34&nbsp;Millionen. Während der zwei ersten Jahrzehnte des Zollvereins
haben bei der Abrechnung regelmäßig nur Preußen,
Sachsen, Frankfurt und Braunschweig herausgezahlt; alle
anderen Staaten gewannen. Allerdings geben jene großen
Zahlen kein ganz zutreffendes Bild, da ein Teil der für das
Binnenland bestimmten Einfuhr in den Häfen und Speditionsplätzen
des Nordens verzollt wurde. Deutlicher erhellt
der unverhältnismäßige Gewinn des Südens aus der Tatsache,
daß die Verwaltungskosten in Bayern schon während
des ersten Jahres von 44 auf&nbsp;16, später auf nahezu 10&nbsp;Proz.
sanken, Bayerns Anteil an dem Kaffeezoll sofort auf das
Dreifache, bis zum Jahre 1845 auf das Fünffache stieg.
</p>

<p>
Um auch den leisesten Anschein preußischer Hegemonie
zu vermeiden, wurde verabredet, daß die alljährlichen Konferenzen
der Zollvereinsbevollmächtigten nicht mehr, wie im
preußisch-hessischen Verein, regelmäßig zu Berlin sich versammeln
sollten; sie wanderten fortan, nach dem Belieben
der Verbündeten, von Ort zu Ort, der erste Zusammentritt
fand in München statt. Streitigkeiten wollte man der
Entscheidung eines Schiedsrichters unterwerfen, der durch
einstimmigen Beschluß für jeden einzelnen Fall zu ernennen
war. Doch ist ein solcher Schiedsspruch niemals angerufen
worden &mdash; nicht weil die Eintracht ungetrübt bestanden hätte,
sondern weil der Dünkel der Kleinstaaten den freiwilligen
Ausgleich der schimpflichen Unterwerfung unter eine fremde
Gewalt regelmäßig vorzog. Daß Bayern seine Biersteuer
<pb n="192"/><anchor id="Pg192"/>
behielt, war unvermeidlich. Man begnügte sich daher, ein
Maximum für die Konsumtionssteuern festzusetzen und die
allmähliche Annäherung der Steuersysteme in Aussicht zu
stellen. In einem so lockeren Bunde blieb das <hi rend="antiqua">liberum veto</hi> [Einspruchsrecht]
und das Kündigungsrecht für Preußen ebenso unentbehrlich
wie für die Kleinstaaten, als ein letztes verzweifeltes Mittel,
um dem schwerfälligen Körper einen Entschluß zu entreißen.
Nur die Hoffnung auf einen hohen politischen Gewinn konnte
den preußischen Hof zu so schweren Opfern, zu einer so weitgehenden
Nachsicht für die Grillen und Eitelkeiten der Mittelstaaten
bestimmen. Mit überlegener Geduld erwartete
Eichhorn, daß aus den fast lächerlichen Formen dieses lockeren
Vereins doch eine unlösbare Gemeinschaft der Interessen
emporwachsen müsse.
</p>

<p>
Mieg kehrte heim in der festen Erwartung, daß der so
überaus vorteilhafte Vertrag ihm die Verzeihung für sein
eigenmächtiges Vorgehen verbürge. Er täuschte sich schwer.
König Ludwig konnte selbständigen Willen nicht ertragen,
empfing den Freund mit bitteren Vorwürfen; daß die preußische
Zollordnung sofort provisorisch eingeführt werden
sollte, schien ihm eine Entwürdigung der bayrischen Krone.
Der Minister wollte, tief verletzt, sein gegebenes Wort nicht
zurücknehmen; er forderte und erhielt seine Entlassung &hellip;
Nunmehr nahm der König die Akten an sich, und lange blieb
das Schicksal des Vertrages zweifelhaft. Miegs Nachfolger,
Lerchenfeld, erkannte zwar, nachdem er die Papiere eingesehen,
die Notwendigkeit des Abschlusses, doch rückte er nicht
recht mit der Sprache heraus. Fürst Öttingen-Wallerstein<note place="end">
Ludwig Kraft Ernst Fürst zu Öttingen-Wallerstein, geb.
31. Januar 1791, gest. 22. Juni 1870, von 1831 bis 1838 bayrischer
Minister des Innern.</note>
vollends, der vielgewandte liberalisierende Minister, bewies
in ausführlicher Denkschrift: kein Zollverein ohne Österreich,
die preußische Hegemonie ist Bayerns Verderben. Der preußische
Gesandte hielt schon alles für verloren und schrieb verzweifelnd:
nur Eichhorn selber könne noch retten. Darauf
eilte Eichhorn sofort nach München (Juli 1833), gewährte
noch das letzte Zugeständnis, gab zu, daß kein Provisorium
stattfinden solle, seine gewinnende Freundlichkeit brachte in
<pb n="193"/><anchor id="Pg193"/>
wenigen Tagen alles ins reine. Jetzt brach des Königs gute
Natur wieder durch; er wünschte sich Glück zu der Wiederkehr
der friderizianischen Tage, ließ eine Denkmünze prägen auf
das Gelingen seines eigensten Werkes und sagte zu dem
Nassauer Röntgen: »Österreich ist ein abgeschlossener Staat,
mit dem wir wohl Handelsverträge, doch keinen Zollverein
schließen können; Preußen ist ein Blitz, der mitten durch
Deutschland hindurchfährt.«
</p>

<p>
Kaum war die Krone Bayern gewonnen, so begann der
Kampf mit dem württembergischen Landtage. Die schwäbischen
und badischen Liberalen hatten sich zu Anfang des Jahres
in Pforzheim versammelt und dort beschlossen, dem vordringenden
preußischen Absolutismus mannhaft zu widerstehen.
Die Schutzzöllner beweinten den nahen Untergang der schwäbischen
Industrie; die Partikularsten bewiesen, daß Württembergs
Absatzwege nach Frankfurt und der Schweiz, nicht nach
dem Norden führten; manche pessimistische Radikale gönnten
dem verhaßten Ministerium nicht ein Verdienst, das der
Regierung allein gebührte, sie wünschten noch weniger, daß
ein wichtiger Grund der allgemeinen Unzufriedenheit beseitigt
werde. Die gemütlichen Leute wollten die geforderten
Opfer nur einem gesamtdeutschen Verein bringen. Selbst
den gemäßigten Liberalen schien es hochbedenklich, einer
absoluten Krone mittelbare Einwirkung auf den württembergischen
Haushalt zu gestatten. Zudem wurden die Kammern
nur zu einer Erklärung über den Vertrag, nicht zu förmlicher
Genehmigung aufgefordert. Der Landtag empfand bitter
seine Ohnmacht. König Wilhelm setzte seinen Stolz darein,
das Werk hinauszuführen; kein Zweifel, er hätte auch ohne
die Zustimmung der getreuen Stände den Vertrag vollzogen
und also den leeren Schein der schwäbischen Verfassungsherrlichkeit
vor aller Welt erwiesen. Darum wollte selbst
Paul Pfizer, der Bewunderer Preußens, sich nicht zur Genehmigung
entschließen; wenn er zustimmte, so verlor er
jedes Ansehen unter den Parteigenossen, jede politische Wirksamkeit
in seiner Heimat. In solchen tragischen Widerspruch
war der süddeutsche Liberalismus geraten. Endlich, im November,
genehmigte der Landtag den Vertrag nach harten
Kämpfen. Nur einzelne waren überzeugt &hellip;, die Mehrzahl
gab ihr Ja nur aus gedankenlosem Gehorsam; alle Führer
<pb n="194"/><anchor id="Pg194"/>
der Liberalen, Pfizer, Uhland<note place="end">Der Dichter Ludwig Uhland,
geb. 26.&nbsp;April 1787, gest.
13.&nbsp;November 1862.</note>, Römer<note place="end">Friedrich v.&nbsp;Römer,
geb. 4.&nbsp;Juni 1794, gest. 11.&nbsp;März 1864,
Mitglied der liberalen Opposition in der württembergischen Kammer,
deren Präsident er in späteren Jahren war.</note>, stimmten dawider.
Es war ein vollständiger Triumph des geschäftskundigen
Beamtentums über den schwärmenden Liberalismus.
</p>

<p>
Neue unerquickliche Händel folgten, da nun das preußische
Zollwesen durch eine gemeinsame Vollziehungskommission
im Süden eingeführt wurde. Wie oft mußte der preußische
Kommissär L.&nbsp;Kühne von den gemütlichen bayrischen
Beamten bittere Klagen hören über diese verwünschte Berliner
Strammheit; er bestand darauf, daß in den Grenzbezirken,
wo offenkundiger Schmuggel blühte, drei Monate
lang eine strenge Binnenkontrolle gründlich aufräumte. Die
unfreie soziale Gesetzgebung der Mittelstaaten fand so leicht
nicht den Übergang zur preußischen Freiheit &hellip; Doch der wesentliche
Inhalt des Vertrags wurde redlich ausgeführt. Seit in
München ein neuer Zolldirektor, der verdiente Knorr, ernannt
war, arbeitete die Zollverwaltung fest und pünktlich. Jeder
neue Tag der Erfahrung warb dem Zollverein neue Anhänger
im Süden; die besseren Köpfe des Liberalismus gestanden
beschämt ihren Irrtum &hellip;
</p>
</div>

<div id="Kap07c">
<index index="toc" />
<index index="pdf" />
<head>c) <hi rend="hgesperrt">Anschluß von Sachsen und Thüringen.</hi></head>

<head type="sub" rend="hgesperrt">
Die Neujahrsnacht 1834.
</head>

<p>
Gleichzeitig mit Bayern und Württemberg unterhandelte
Sachsen in Berlin. Es geschah, wie Motz vorhergesehen:
keine der Zollvereinsverhandlungen hat den preußischen
Staatsmännern schwerere Überwindung gekostet. Gewiß
trat mit Sachsens Beitritt nur die Natur der Dinge in ihr Recht.
Das Erzgebirge erhielt wieder ungehemmten Verkehr mit
seiner alten Kornkammer, den Muldenniederungen in der
Provinz Sachsen, Leipzig wieder freie Verfügung über seine
wichtigsten Handelsstraßen; Macht und Bedeutung des Zollvereins
stiegen erheblich, sobald eines der ersten Fabrikländer
und der größte Meßplatz Europas hinzutrat. Gleichwohl
war der unmittelbare Vorteil fast ausschließlich auf Sachsens
Seite; in Preußen erhoben sich ernste staatswirtschaftliche und
<pb n="195"/><anchor id="Pg195"/>
finanzielle Bedenken. Preußen gewann in Sachsen nur einen
kleinen Markt, der überdies durch seinen eigenen Gewerbefleiß
schon reichlich versorgt war. Da die Lebenshaltung und
demnach der Arbeitslohn im Erzgebirge niedriger stand als
in irgendeinem anderen Industriebezirke, so fürchteten die
preußischen Fabriken, vornehmlich die Webereien und Druckereien
in Schlesien und in der Provinz Sachsen, der sächsischen
Konkurrenz zu erliegen. Von allen Seiten her wurde das
Finanzministerium mit Warnungen bestürmt; am Niederrhein
rief die erste Nachricht von dem Beginn der preußisch-
sächsischen Verhandlungen weithin im Lande eine starke Aufregung
hervor. Die Frage, wie ein großer Meßplatz einem
Zollsystem sich einfügen lasse, galt noch allgemein als ein
fast unlösbares Problem; sie war bei den Verhandlungen
mit Bayern-Württemberg oft erörtert und endlich zur Seite
geschoben worden, da man an der Verständigung verzweifelte.
</p>

<p>
An der sächsisch-böhmischen Grenze hatte sich ein ungeheurer
Schmuggel festgenistet; das Volk nahm den elenden
Zustand hin wie eine Notwendigkeit, ja wie einen Segen.
Selbst Lindenau wagte nach dem Abschluß des Zollvereins
im Gespräch mit Blittersdorff nur die schüchtern zweifelnde
Bemerkung: daß der Schmuggel im Erzgebirge jetzt aufhören
wird, »ist wohl schwerlich ein Unglück«. Die hochherzige Gesinnung
des neuen Mitregenten, des Prinzen Friedrich August,
wurde in Berlin ebenso bereitwillig anerkannt, wie die Einsicht
der trefflichen Männer, die er in sein Kabinett berufen.
Doch ein volles Jahr verfloß, bis die Ordnung in dem aufgeregten
Ländchen sich wieder befestigte; Maaßen fragte
besorgt, ob eine Regierung, die den schwächlichen Aufläufen
in Leipzig und Dresden so wenig nachhaltigen Widerstand
entgegengestellt, auch den festen Mut besitzen werde, die
Schmuggelnester im Gebirge auszuheben. Und lehrte denn
nicht der Gang der Verhandlungen, daß die neue Regierung
das alte kleinliche Mißtrauen gegen Preußen nicht gänzlich
über Bord geworfen hatte? Man kam in Berlin nicht los von
dem Argwohn, Sachsen würde einen Zollverein mit Österreich
vorziehen, wenn nur die Hofburg mehr böte als leere
Redensarten. Wenn König Friedrich Wilhelm keinen deutschen
Staat locken und einladen wollte, so doch am allerwenigsten
diesen sächsischen Hof, der als Stifter des Mitteldeutschen
<pb n="196"/><anchor id="Pg196"/>
Vereins eine so bösartige Gehässigkeit zur Schau getragen
hatte. Der preußische Konsul Baumgärtner empfing einen
herben Verweis, als er zu Anfang 1830 eine Flugschrift über
die Notwendigkeit eines sächsisch-preußischen Zollbundes
schrieb und in Sachsen verbreitete.
</p>

<p>
Bis zum Sturze des alten Systems erging sich die sächsische
Regierung in Umwegen und Künsteleien, nach der alten Gewohnheit
der Mittelstaaten. Sie fragte in Stuttgart und
München an, ob Sachsen nicht dem Süddeutschen Verein beitreten
könne. Ihr Berliner Geschäftsträger Könneritz richtete
an Ancillon die Bitte: Preußen möge sofort seinen Tarif
zu Sachsens Gunsten herabsetzen, da die Verhandlungen
über den unmittelbaren Anschluß vorderhand noch ausgesetzt
werden müßten. Maaßen aber antwortete (15.&nbsp;September
1830): »ohne vorhergegangene Vereinigung zu einem
gegenseitig erleichterten Handelsverkehr« können wir bei der
Ordnung unseres Tarifs auf dritte Staaten keine Rücksicht
nehmen.
</p>

<p>
Erst das Ministerium Lindenau fand den Mut einzugestehen,
was sich mit Händen greifen ließ: daß Sachsens
Gewerbefleiß ohne Preußens Freundschaft untergehen mußte;
nahm doch die gesamte überseeische Ausfuhr des Landes
ihren Weg durch Preußen, desgleichen fast die gesamte Einfuhr
der rohen Baumwolle. Leider war nur ein Teil der
Fabrikanten im Gebirge dem Anschluß günstig, das Landvolk
und vornehmlich Leipzig wehklagten über das hereinbrechende
Verderben. Also hat selbst der allzeit patriotische und einsichtige
Handelsstand der wackeren Pleißestadt, ganz wie
späterhin die Kaufmannschaft von Frankfurt, Bremen,
Hamburg, die unliebsame Wahrheit erhärtet, daß der Interessent
fast niemals sachverständig ist. Auch der große Kaufherr
wird zum Krämer, sein Gesichtskreis verengt sich, sobald
er seinen unmittelbaren Vorteil bedroht wähnt; stolz auf seine
persönliche Kraft und Freiheit, empfindet er es als eine Anmaßung,
eine Beleidigung, wenn die Männer des grünen
Tisches ihm zumuten, seine altgewohnten Geschäftsformen
zu ändern, und will nicht zugestehen, daß über große handelspolitische
Fragen nicht die privatwirtschaftliche Anschauung
des Kaufmanns, sondern das staatswirtschaftliche Urteil des
Staatsmannes zu entscheiden hat. Trotz alledem entschloß
<pb n="197"/><anchor id="Pg197"/>
sich die Regierung gegen Jahresschluß zu jener ersten Anfrage
in Berlin. Das Ministerium des Auswärtigen antwortete
(24.&nbsp;Januar 1831): Die Schwierigkeiten scheinen sehr
groß, die Interessen überaus verschieden; »dennoch ist die
Aufgabe so gemeinnützig und deutscher Regierungen, welche
neben der Sorge für ihre Untertanen zugleich die Beförderung
des Wohls von ganz Deutschland im Auge haben, so entschieden
würdig«, daß wir den Versuch wagen wollen. Die
oberdeutschen Könige, von allem unterrichtet, überließen die
Verhandlungen vertrauensvoll dem preußischen Hofe; die
Überlegenheit der sächsischen Industrie, meinte Armansperg
zuversichtlich, ist in einem großen Verein wenig zu fürchten,
auch die schwierige Grenzbewachung muß sich durchführen
lassen, so man ernstlich will.
</p>

<p>
Im März 1831 kam der sächsische Finanzminister v.&nbsp;Zeschau<note place="end">
Heinrich Anton v.&nbsp;Zeschau, geb. 4.&nbsp;Februar 1789, gest.
17.&nbsp;März 1870, seit 1822 in sächsischen Diensten, von 1831&ndash;1848
Finanzminister bzw. Minister des Auswärtigen, von 1851&ndash;1869
Minister des Königl. Hauses.</note>
nach Berlin &mdash; neben dem Bayern Mieg, dem Hessen
Hofmann und dem Badener Boeckh<note place="end">
Christian Friedrich v.&nbsp;Boeckh, geb. 13.&nbsp;August 1777, gest.
21.&nbsp;Dezember 1855, von 1828 bis 1844 badischer Finanzminister.</note>
sicherlich der fähigste unter
allen den Finanzmännern, mit denen Preußen zu verhandeln
hatte &mdash; tätig und kenntnisreich, ein ritterlicher Charakter,
schweigsam und bedächtig, noch von seiner preußischen Dienstzeit
her mit L.&nbsp;Kühne wohl bekannt. Die in Dresden gewünschte
Änderung des gesamten Tarifs gab er bald auf,
gleichwohl ward er mit Maaßen nicht handelseinig. Erschreckt
durch die Warnungen seiner Fabrikanten, wollte
Preußen provisorische Schutzzölle zugunsten einiger Fabrikwaren
einführen, damit die Industrie Zeit behielte, sich auf
die Konkurrenz des Erzgebirges zu rüsten. Zugleich verlangte
man Entschädigung für den drohenden starken Verlust an
Durchfuhrzöllen. Kühne selbst fand diese Forderungen zu
hart; aus dem Magdeburgischen gebürtig, betrachtete er die
Kursachsen halb als seine Landsleute und hielt dem Minister
vor: nach der Teilung Sachsens sei Preußen schon ehrenhalber
verpflichtet, dem Nachbarlande Wohlwollen zu zeigen.
Als Maaßen in diesen Fragen endlich nachgegeben hatte,
<pb n="198"/><anchor id="Pg198"/>
erhob sich sofort ein neues Hemmnis: die Meßfrage. Frankfurt
an der Oder hatte bisher für seine Messen einen Zollrabatt
genossen, der erst vor kurzem auf 20&nbsp;Proz. herabgesetzt
war; nun der Eintritt Leipzigs bevorstand, wollte Preußen
seinen schwer bedrohten kleinen Meßplatz nicht ungünstiger
stellen als bisher. Die Leipziger Kaufmannschaft dagegen
sagte den unfehlbaren Verfall ihrer Messen voraus, falls
Frankfurt irgendein Vorrecht behalte; und »keine Regierung,
am wenigsten eine konstitutionelle &mdash; schrieb der sächsische
Bevollmächtigte Wietersheim &mdash;, kann einer so ausdrücklichen
Erklärung der Repräsentanten des gefährdeten Nationalinteresses
entgegenhandeln«. Auch das Altenburgische
Geheime Ministerium sendete ein dringendes Mahnungsschreiben
nach Berlin &mdash; »ohne alle äußere Aufforderung«,
wie man unschuldig beteuerte &mdash;, und schilderte in herzbrechenden
Worten das furchtbare Schicksal, das dem unglücklichen
Leipzig drohe.
</p>

<p>
Da die Verhandlungen sich so ungünstig anließen, so
wünschte der sächsische Hof, geängstigt durch die fortdauernde
Gärung im Lande, mindestens einige Handelserleichterungen
sofort zu erlangen, falls die vollständige Vereinigung nicht
möglich sei. Der Prinz-Mitregent selber stellte diese Bitte
in einem Handschreiben an den König von Preußen (11.&nbsp;April
1831). Er gab zu bedenken, daß mit dem gänzlichen Mißlingen
dieser Verhandlungen »die Ausführung des großen
und für die Sicherheit und Ruhe Deutschlands begründeten,
von Ew.&nbsp;K.&nbsp;Majestät verfolgten Planes, die Interessen des
Handels und Verkehrs in verschiedenen deutschen Staaten zu
vereinigen und dadurch zugleich das politische Band zu befestigen,
gefährdet werden oder mindestens Aufschub erleiden
würde. Auch mag ich mir selbst nicht verschweigen, daß eine
erfolglose Verhandlung in der gegenwärtigen Zeit auch hier
nicht ohne einen sehr ungünstigen Eindruck bleiben würde«.
Ein solcher Mittelweg schien aber den besten Köpfen der
preußischen Regierung kleinlich und nutzlos. Eichhorn bewies
in einem ausführlichen Gutachten: sofortige Handelserleichterungen
würden, nach der Lage der Dinge, nur dem preußischen
Staate einseitige Opfer auferlegen; wolle Sachsen
dagegen zu Preußen in ein ähnliches Verhältnis treten,
wie bisher Bayern und Württemberg, so sei dazu eine vollständige
<pb n="199"/><anchor id="Pg199"/>
Neugestaltung seines Zollsystems erforderlich; warum
also nicht sogleich das höchste Ziel, den Zollverein, ins Auge
fassen? &hellip; Die letzten mündlichen Verhandlungen erfolgten
im Juli, bald nachher stockte auch der schriftliche Verkehr.
Die deutschen Kabinette begannen zu fürchten, daß Sachsen
den Plan aufgegeben habe; der Dresdner Hof sah sich um die
Wende des Jahres genötigt, in einer langen Denkschrift seine
Handelspolitik vor den oberdeutschen Königen zu verteidigen.
</p>

<p>
Erst als Bayern und Württemberg ihre Zollvereinsverhandlungen
in Berlin eröffneten, faßte man sich in Dresden
wieder ein Herz. Im März 1832 erschien Zeschau zum zweitenmal
in Berlin. Abermals kam man einen Schritt weit vorwärts;
Sachsen erklärte sich bereit, das preußische System der indirekten
Steuern anzunehmen. Doch über die Messen konnte
man sich wieder nicht verständigen. Nun wirkte auch die
Staatsweisheit Moritz Mohls lähmend auf Sachsen zurück;
ohne die süddeutschen Höfe, die jetzt ihre Verhandlungen abbrachen,
wollte das Dresdner Kabinett, wie begreiflich,
nicht beitreten. Im Mai wurde die letzte Beratung gehalten;
der Sommer verlief in peinlicher Verlegenheit &hellip;
</p>

<p>
Inzwischen beging der sächsische Hof einen schweren politischen
Fehler, der den schlimmsten Verdacht zu rechtfertigen
schien. Hannover hatte am Bundestage wieder einmal die
Ausführung des Artikels 19 beantragt &mdash; in der unverhohlenen
Absicht, den Gang der preußischen Handelspolitik zu stören.
Ohne jede Rücksprache mit Preußen, ohne auch nur den Bericht
der Bundestagskommission abzuwarten, stimmte Sachsen
als die erste deutsche Regierung dem törichten Antrage zu
und erklärte: Höchster Zweck des Bundes in Zollsachen ist,
dasjenige durch gemeinschaftliche Gesetze zu erreichen, was
durch Einzelverhandlungen nur schwer zu erreichen ist; sollen
in Deutschland überhaupt Durchfuhrzölle bestehen, so doch
jedenfalls ein anderes System als das preußische! &mdash;
Die Finanzpartei in Berlin klagte laut über die offenbare
Zweizüngigkeit. Geh.&nbsp;Rat Michaelis fragte in einer scharfen
Denkschrift: soll diese Sprache des sächsischen Bundestagsgesandten
etwa die öffentliche Meinung in Sachsen für den
preußischen Zollverein gewinnen? &mdash; Wen konnten auch die
nichtigen Entschuldigungen überzeugen, die der sächsische
Minister Minckwitz seinem Berliner Gesandten Watzdorf
<pb n="200"/><anchor id="Pg200"/>
schrieb (29.&nbsp;November 1832)? Der harmlose Mann beteuerte,
die Vorgänge in Frankfurt sollten den Berliner Verhandlungen
»keinen Eintrag tun«! Eichhorn aber, als ein gewiegter
Kenner des Charakters der kleinen Höfe, mahnte
seine erzürnten Amtsgenossen zur Geduld: gönnen wir doch
den Herren in der Eschenheimer Gasse ihre unschuldigen Stilübungen;
der Dresdner Hof meint es ehrlich, wenngleich er
zuweilen einem Anfall von Schwäche unterliegt; noch eine
kurze Frist, und er kommt wieder zu uns.
</p>

<p>
Und so geschah es. Im Januar 1833 besprach sich
Mieg in Dresden mit Zeschau, und als darauf die Berliner
Verhandlungen mit Bayern so glücklich vorangingen, kam
der sächsische Finanzminister (24.&nbsp;März) zum drittenmal in
die preußische Hauptstadt. Nach kaum acht Tagen (30.&nbsp;März
1833) schlossen Eichhorn, Maaßen, Zeschau und Watzdorf den
Zollvereinsvertrag, der wörtlich mit dem soeben beendigten
bayrischen übereinstimmte. Einige Separatartikel ordneten den
Zustand der Messen. Der Frankfurter Zollrabatt blieb etwas
ermäßigt bestehen, doch durfte Sachsen seinem Leipzig ähnliche
Vergünstigungen zuwenden. Der Meßhandel erhielt eine große
Erleichterung durch die Einrichtung der Meßkontierung; für
Leipziger Großhandlungen von gutem Rufe wurde sogar
ein über die Meßzeiten hinaus fortdauerndes Steuerkonto
zum Abschreiben eröffnet &mdash; eine wichtige Vergünstigung,
die noch manchen Mißbrauch veranlassen sollte. Auch die
Herabsetzung einiger Zollsätze, namentlich für Woll- und
Baumwollwaren, wurde vereinbart. Preußen verpflichtete sich,
die Ermäßigung der Elbschiffahrtsabgaben, welche Anhalt dem
preußischen Elbhandel zugestanden hatte, auch dem sächsischen
Verkehre zuzuwenden; der gute Vorsatz scheiterte freilich
an Anhalts Kleinsinn.
</p>

<p>
Nicht ohne Zagen unterschrieb Maaßen den Vertrag,
der den preußischen Markt den Fabriken des Erzgebirges eröffnete;
von allen seinen Räten stimmte ihm nur Kühne unbedingt zu.
»Das ist ein schwerer Vertrag &mdash; sagte er zu Kühne &hellip;
&mdash;, es hätte ihn nicht jeder unterzeichnet.« Die Besorgnis des
Staatswirts hatte zurücktreten müssen vor den Hoffnungen
der Politiker. Sachsen stand gerade in den Flitterwochen
seines konstitutionellen Lebens; der Eintritt dieses Staates
mußte die öffentliche Meinung günstig stimmen. Leider
<pb n="201"/><anchor id="Pg201"/>
verging wieder eine geraume Frist, bis die deutsche Welt
mit der vollendeten Tatsache sich versöhnte. Die preußischen
Fabrikanten lärmten, die gute Stadt Leipzig überließ sich
einer maßlosen Verzweiflung. Eine Petition, die der k.&nbsp;k.
Konsul Bercks geschäftig umhertrug, warnte die Regierung;
die Stadtverordneten richteten eine dringende Vorstellung
nach Dresden. An Zeschaus Wohnung fand sich eines Morgens
ein Anschlag: »Allhier wird von einem Parvenu, einem preußischen
Landrat, so sächsischer Finanzminister geworden ist,
das Land für Geld und Orden an Preußen verkauft.« Der
Taumel ergriff jeden Stand und jedes Alter. Die Leipziger
Schulbuben kauften sich englische Farbkästen auf Vorrat, weil
sie mit frühreifer handelspolitischer Vorsicht befürchteten,
das gewohnte Spielzeug werde nunmehr für bürgerliche Geldbeutel
unerschwinglich werden. Ein Jahr darauf schon begann
für die Pleißestadt eine neue Epoche glänzender Handelsblüte;
das kleine Frankfurt wurde durch den überlegenen
Nebenbuhler ganz zurückgedrängt, die mächtigen Leipziger
Firmen lernten bald, den Frankfurter Meßrabatt für sich
selber zu benutzen. Auch die Klagen der preußischen Fabrikanten
verstummten, und niemand wollte die warnenden
Petitionen unterschrieben haben. Zeschau selbst, der Wohltäter
Leipzigs, hat freilich von den stolzen Kaufherren der
Meßstadt niemals irgendeine Genugtuung für so viele Schmähungen
erhalten.
</p>

<p>
Während diese verwickelte zweifache Verhandlung in
wiederholten Ansätzen erledigt wurde, hatte Eichhorns unverwüstliche
Geduld zugleich ein drittes schwieriges Geschäft
zu führen: die Unterhandlungen mit den thüringischen
Staaten. In Thüringen wie in Sachsen und Kurhessen wurde
die beginnende Bekehrung gefördert durch den unruhigen
Sommer von 1830, durch die Angst vor den murrenden Massen.
Hier wie in Sachsen hoffte man anfangs, sogleich einseitige
Handelserleichterungen von Preußen zu erlangen. Der weimarische
Minister Gersdorff kam im Januar 1831 zugleich
mit Lindenau nach Berlin, überbrachte ein Handschreiben seines
Großherzogs, das um solche Vergünstigung bat: »dies würde
in einer Periode mannigfacher Aufregungen Übelgesinnten
einen Vorwand zu schlechten Einwirkungen entnehmen.«
Auf wiederholte ähnliche Anfragen kleiner thüringischer Höfe
<pb n="202"/><anchor id="Pg202"/>
antwortete das Berliner Kabinett (5.&nbsp;Juli 1831): man sei
bereit, über einen Zollverein zu verhandeln, doch nur mit allen
thüringischen Staaten gemeinsam, und nur wenn diese Höfe
sich nicht mehr gebunden glaubten an den mitteldeutschen
Verein. Erst als Kurhessen zu dem preußischen Vereine übergetreten
war, erklärten die ernestinischen Höfe: der Mitteldeutsche
Verein sei tatsächlich aufgelöst.
</p>

<p>
General Lestocq, der vielgeplagte Gesandte, den die thüringischen
und einige andere kleine Dynasten in Berlin auf
gemeinsame Kosten ernährten, überreichte am 15.&nbsp;Januar 1832
eine Verbalnote: Preußen möge die Initiative ergreifen,
ältere bindende Verpflichtungen beständen nicht mehr.
Weimar drängte am eifrigsten; das Großherzogtum besaß
an Gersdorff und O.&nbsp;Thon zwei treffliche Verwaltungsbeamte,
die wohl einsahen, wo der Grund der ewigen Finanznot lag.
Spröder verhielt sich Gotha, da hier der hergebrachte Schmuggel
allgemein als ein Nationalglück betrachtet wurde. Maaßen
und Eichhorn entwickelten nun ausführlicher den einfachen
Gedanken, den sie so oft schon ausgesprochen hatten: die verzettelten
thüringischen Gebiete sollen zunächst unter sich einen
Verein mit gemeinsamer Zollverwaltung bilden und dann erst
als eine geschlossene Einheit in den großen Zollverein treten;
Preußen will die Kreise Erfurt, Suhl und Ziegenrück diesem
thüringischen Vereine zuteilen, wird auch dafür sorgen, daß
Kurhessen sein Schmalkaldener Land hinzugefügt. Zu förmlichen
Verhandlungen kam es auch jetzt noch nicht; denn
Eichhorn hoffte, vorher mit Bayern und Württemberg abzuschließen.
Diese beiden Höfe fühlten sich schon beunruhigt
durch die Anfragen der Ernestiner; sie meinten: schließe
Thüringen früher ab, so sei der Süden auf Gnade und
Ungnade dem Belieben Preußens überliefert. Darum richteten
sie sogar eine Verwahrung an den Berliner Hof (15.&nbsp;November
1832): ohne die vorhergehende Zustimmung Bayerns
und Württembergs dürfe Preußen die Thüringer nicht aufnehmen.
Der Dresdener Hof, der sich noch immer als das
geborene Oberhaupt der Ernestiner fühlte, verlangte zu allen
Verhandlungen mit seinen Stammesvettern zugezogen zu
werden. Preußen erwiderte: wir werden Sachsens Interessen
sorgsam wahren, doch der Zutritt eines sächsischen Bevollmächtigten
kann die Verhandlungen nur erschweren. Immerhin
<pb n="203"/><anchor id="Pg203"/>
haben diese Bedenken der drei kleinen Königskronen den
Beginn der Unterhandlungen verzögert.
</p>

<p>
Erst im Dezember 1832 begannen die Konferenzen mit
den Thüringern. Die preußischen Staatsmänner schlugen vor,
eine Zentralbehörde für das thüringische Zollwesen zu bilden.
Große Bestürzung; keiner der Kleinen wollte eine solche Beschränkung
seiner Souveränität zugeben. Da meinten die
Preußen begütigend: es werde genügen, einen Generalinspektor
einzusetzen; der müsse freilich in Erfurt wohnen, als
dem Mittelpunkte des Landes, doch solle er nicht von Preußen,
sondern von der thüringischen Hauptmacht Weimar ernannt
werden. Hiermit schien jeder Widerspruch entwaffnet.
Wenn Preußen sein Zollwesen einem weimarischen Beamten
unterstellte, so durfte auch der Reußenstolz und der Gothaerdünkel
nicht klagen. Gleichwohl erhoben Altenburg und Meiningen
neue Bedenken; sie konnten sich nicht in den Gedanken
finden, daß ihre Verwaltung fremder Aufsicht unterliegen
solle. Schon war man nahe daran, ohne Meiningen abzuschließen.
Da drohte Kühne: wenn man die preußischen
Beamten als Spione betrachte, dann müsse Preußen sein gefürchtetes
Enklavensystem gegen die kleinen Nachbarn anwenden.
Das schlug durch. Am 10.&nbsp;Mai 1833 wurde der
»Zoll- und Handelsverein der thüringischen Staaten« gebildet,
am folgenden Tage erklärte der neue Verein, der das gesamte
System der preußischen indirekten Steuern annahm, seinen
Zutritt zu dem Deutschen Zollvereine. Ein weimarischer
Generalbevollmächtigter vertrat die Thüringer auf den Konferenzen
des Zollvereins, gab in Tarifsachen nur eine Gesamtstimme
ab; in einigen anderen Fällen sollte er die Meinung
jedes einzelnen thüringischen Staates gesondert vortragen.
Dieser Bund im Bunde, welchen Preußens Staatsmänner
seit dem Jahre 1819 erstrebt hatten, erwies sich als so einfach
und naturgemäß, daß niemals, auch nicht in den schwersten
Krisen des Zollvereins, an die Auflösung des thüringischen
Vereins gedacht worden ist. &mdash;
</p>

<p>
Also war des großen Werkes schwerster Teil gelungen.
Ein unerhörter Ordenssegen belohnte die treue Arbeit des
Beamtentums; die Jahrgänge der deutschen Gesetzsammlungen
schwollen zu unförmlichen Bänden an, von allen den neuen
Verträgen und Gesetzen. Dann kam jene folgenschwere
<pb n="204"/><anchor id="Pg204"/>
Neujahrsnacht des Jahres 1834, die auch den Massen das
Nahen einer besseren Zeit verkündete. Auf allen Landstraßen
Mitteldeutschlands harrten die Frachtwagen hochbeladen in
langen Zügen vor den Mauthäusern, umringt von fröhlich
lärmenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlage des
alten Jahres hoben sich die Schlagbäume; die Rosse zogen an,
unter Jubelruf und Peitschenknall ging es vorwärts durch
das befreite Land. Ein neues Glied, fest und unscheinbar,
war eingefügt in die lange Kette der Zeiten, die den Markgrafenstaat
der Hohenzollern hinaufgeführt hat zur kaiserlichen
Krone. Das Adlerauge des großen Königs blickte aus
den Wolken, und aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner
von Königgrätz. Glücklicher als sein leidenschaftlicher
Freund hat Maaßen die Stunde der Genugtuung noch genossen.
Er starb am 4.&nbsp;November 1834. Einen ebenbürtigen
Nachfolger fand er nicht; nur in Eichhorn und den Geheimen
Räten des Finanzministeriums lebten die Überlieferungen
von 1818 fort.
</p>

<p>
Der erweiterte Handelsbund nahm jetzt den Namen des
<hi rend="gesperrt">Deutschen Zollvereins</hi> an.<note place="end">
Von den noch außerhalb des Zollvereins stehenden Staaten
bildeten Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe
durch die Verträge vom 1.&nbsp;Mai 1834 und 7.&nbsp;Mai 1836 einen <hi rend="gesperrt">Steuerverein</hi>,
dem auch einige preußische und kurhessische Gebietsteile
angeschlossen wurden; Baden, Nassau und Hessen-Homburg traten
am 1.&nbsp;Januar 1836, Frankfurt a.&nbsp;M. am 2.&nbsp;Januar 1836 in den
Zollverein ein; am 1.&nbsp;Januar 1842 auch Braunschweig und Lippe,
am 1.&nbsp;April 1842 Luxemburg. Durch Vertrag vom 1.&nbsp;September 1851
kam auch mit dem Steuerverein eine Einigung zustande, die am
1.&nbsp;Januar 1854 den Eintritt desselben in den Zollverein zur
Folge hatte.</note> Aus dem dunstigen Nebel des
Deutschen Bundes traten schon erkennbar die Umrisse jenes
Kleindeutschlands hervor, das dereinst den Ruhm und die
Macht des Heiligen Römischen Reiches überbieten sollte.
</p>
</div>

<div id="Kap07d">
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<head>d) <hi rend="hgesperrt">Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins.</hi></head>

<p>
Die politischen Wirkungen des Zollvereins sind dank
der unvergleichlichen Schwerfälligkeit des deutschen Staatslebens
nicht so rasch und nicht so unmittelbar eingetreten,
als manche kühne Köpfe meinten. Schon zu Anfang der
dreißiger Jahre hoffte Hansemann<note place="end">David Hansemann,
geb. 12.&nbsp;Juli 1790, gest. 4.&nbsp;August 1864,
preußischer Staatsmann und publizistischer Schriftsteller, 1848 kurze
Zeit Finanzminister, nachher bis 1851 Chef der Preußischen Bank.</note>,
ein Parlament des
<pb n="205"/><anchor id="Pg205"/>
Zollvereins und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag
erstehen zu sehen, und wie viele andere wohlmeinende Patrioten
haben nicht ähnliche Erwartungen an den deutschen
»Zollstaat« geknüpft. Aber der Handelsbund war kein Staat,
er bot keinen Ersatz für die mangelnde politische Einheit
und konnte noch durch Jahrzehnte fortdauern, ohne die Lüge
der Bundesverfassung zu zerstören. Als Minister du Thil
im Jahre 1827 seinem Großherzog den Rat gab, jenen entscheidenden
Schritt in Berlin zu wagen, da sprach er offen
aus: Wir dürfen uns darüber nicht täuschen; indem wir den
Handelsbund schließen, verzichten wir auf die Selbständigkeit
unserer auswärtigen Politik; bricht ein Krieg aus zwischen
Österreich und Preußen, so ist Hessen an die preußischen
Fahnen gebunden. Desgleichen Dahlmann<note place="end">Friedrich Christoph
Dahlmann, geb. 13. Mai 1785, gest.
5. Dezember 1860, Geschichtsforscher und Politiker.</note>, der nach seiner
großen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige
deutsche Gelingen seit den Befreiungskriegen begrüßte, erklärte
zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns sicher vor der
Wiederkehr bürgerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen
sind nicht buchstäblich eingetroffen. Der Zollverein hat die
oberdeutschen Staaten nicht verhindert, die Waffen zu ergreifen
gegen Preußen. Und dennoch sollte gerade das
Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen
Bundes erproben. Der rasche Siegeszug der preußischen
Fahnen überhob Preußen der Mühe, seine wuchtigste Waffe
zu schwingen, durch die Aufhebung der Zollgemeinschaft die
oberdeutschen Höfe sofort zu bekehren.
</p>

<p>
Das Bewußtsein, daß man zueinander gehöre, daß man
sich nicht mehr trennen könne von dem großen Vaterlande,
war durch die kleinen Erfahrungen jedes Tages in alle Lebensgewohnheiten
der Nation eingedrungen, und in dieser mittelbaren
politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins
&hellip; es ging doch zu Ende mit dem Philistertum der
alten Zeit, das an die Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich
glaubte. Der Geschäftsmann folgte mit seinen Gedanken
den Warenballen, die er frei durch die deutschen Länder
sandte, er gewöhnte sich, wie schon längst der Gelehrte, über
<pb n="206"/><anchor id="Pg206"/>
die Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken;
sein Auge, vertraut mit großen Verhältnissen, sah mit ironischer
Gleichgültigkeit auf die Kleinheit des engeren Vaterlandes.
Der Gedanke selbst, daß die alten trennenden Schranken
jemals wiederkehren könnten, wurde dem Volke fremd;
wer einmal in dem Handelsbund stand, gehörte ihm für
immer. Eine unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder
Krisis die alten Grenzen des Zollvereins wieder her; kalte
politische Köpfe konnten mit mathematischer Sicherheit den
Verlauf des Streites im voraus berechnen &hellip; Der preußische
Staat erfüllte, indem er Deutschlands Handelspolitik leitete,
einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen,
wie er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen
des Vaterlands sicherte. So ist er durch redlichen Fleiß langsam
emporgewachsen zur führenden Macht des Vaterlandes,
und nur weil die europäische Welt es nicht der Mühe wert
hielt, das Heerwesen und die Handelspolitik Preußens ernstlich
kennen zu lernen, bemerkte sie nicht das stille Erstarken
der Mitte des Festlandes.
</p>
<p>Quelle:
H.&nbsp;v.&nbsp;Treitschke, Deutsche Geschichte usw.&nbsp;IV, 350ff.</p>
<milestone unit="tb" rend="rule: 25%" />

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</div>

<pb n="207"/><anchor id="Pg207"/>
<div rend="page-break-before: always" id="Kap08">
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<head>Register.</head>

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<l>Friedrich Wilhelm&nbsp;III.; <ref target="Pg005">5</ref>. <ref target="Pg006">6</ref>. <ref target="Pg007">7</ref>. <ref target="Pg008">8</ref>. <ref target="Pg012">12</ref>. <ref target="Pg017">17</ref>. <ref target="Pg018">18</ref>. <ref target="Pg019">19</ref>. <ref target="Pg020">20</ref>. <ref target="Pg036">36</ref>. <ref target="Pg037">37</ref>. <ref target="Pg038">38</ref>. <ref target="Pg040">40</ref>. <ref target="Pg041">41</ref>. <ref target="Pg043">43</ref>. <ref target="Pg044">44</ref>&nbsp;f. <ref target="Pg048">48</ref>. <ref target="Pg049">49</ref>. <ref target="Pg057">57</ref>. <ref target="Pg061">61</ref>. <ref target="Pg062">62</ref>. <ref target="Pg066">66</ref>. <ref target="Pg067">67</ref>. <ref target="Pg077">77</ref>. <ref target="Pg078">78</ref>. <ref target="Pg080">80</ref>. <ref target="Pg082">82</ref>. <ref target="Pg083">83</ref>. <ref target="Pg084">84</ref>. <ref target="Pg086">86</ref>. <ref target="Pg087">87</ref>. <ref target="Pg088">88</ref>. <ref target="Pg089">89</ref>. <ref target="Pg090">90</ref>. <ref target="Pg091">91</ref>. <ref target="Pg107">107</ref>. <ref target="Pg109">109</ref>. <ref target="Pg110">110</ref>. <ref target="Pg112">112</ref>. <ref target="Pg113">113</ref>. <ref target="Pg115">115</ref>. <ref target="Pg119">119</ref>. <ref target="Pg125">125</ref>. <ref target="Pg129">129</ref>. <ref target="Pg130">130</ref>. <ref target="Pg132">132</ref>. <ref target="Pg138">138</ref>. <ref target="Pg148">148</ref>. <ref target="Pg150">150</ref>. <ref target="Pg154">154</ref>. <ref target="Pg156">156</ref>. <ref target="Pg160">160</ref>. <ref target="Pg165">165</ref>. <ref target="Pg172">172</ref>. <ref target="Pg177">177</ref>. <ref target="Pg179">179</ref>. <ref target="Pg181">181</ref>. <ref target="Pg195">195</ref>. <ref target="Pg198">198</ref>.</l>
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<l>Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preußen; <ref target="Pg154">154</ref>.</l>
<l>Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Hessen; <ref target="Pg175">175</ref>.</l>
<l>Friedrich Günther, Fürst von Schwarzburg-Rudolfstadt; <ref target="Pg088">88</ref>.</l>
<l>Fritsch, Karl&nbsp;W., Freiherr v., Minister; <ref target="Pg047">47</ref>. <ref target="Pg053">53</ref>. <ref target="Pg178">178</ref>.</l>
<l>Gagern, Hans Christoph Ernst, Freiherr v.; <ref target="Pg141">141</ref>. <ref target="Pg144">144</ref>.</l>
<l>Geldausfuhr. Aufhebung des Verbots der G. in Preußen; <ref target="Pg006">6</ref>.</l>
<l>Generalkontrolle. Aufhebung der G. in Preußen; <ref target="Pg084">84</ref>&nbsp;f.</l>
<l>Georg, Großherzog von Strelitz; <ref target="Pg091">91</ref>.</l>
<l>Gersdorff, v., sächsisch- weimarischer Minister; <ref target="Pg201">201</ref>. <ref target="Pg202">202</ref>.</l>
<l>Gesetz vom 26. Mai 1818; <ref target="Pg008">8</ref>&nbsp;ff. <ref target="Pg030">30</ref>. <ref target="Pg038">38</ref>. <ref target="Pg040">40</ref>.</l>
<l>Gesetz vom 8.&nbsp;Februar 1819 über die Besteuerung des Konsums inländischer Erzeugnisse; <ref target="Pg012">12</ref>.</l>
<l>Gise, bayrischer Minister; <ref target="Pg189">189</ref>.</l>
<l>Goltz, Aug. Friedr. Ferd., Graf v.&nbsp;d.; <ref target="Pg027">27</ref>. <ref target="Pg053">53</ref>. <ref target="Pg056">56</ref>.</l>
<l>Goltz, Familie v.; <ref target="Pg083">83</ref>.</l>
<l>Gneisenau; <ref target="Pg007">7</ref>. <ref target="Pg034">34</ref>.</l>
<l>Görres, Joseph v.; <ref target="Pg024">24</ref>. <ref target="Pg026">26</ref>. <ref target="Pg180">180</ref>.</l>
<l>Gothaer Lebensversicherungsbank; <ref target="Pg023">23</ref>.</l>
<l>Grandauer, Kabinettsrat; <ref target="Pg123">123</ref>.</l>
<l>Grant, Charles; <ref target="Pg124">124</ref>.</l>
<l>Grolman, Karl Ludw. Wilhelm v.; <ref target="Pg010">10</ref>.</l>
<l>Grote, Aug. Otto, Graf; <ref target="Pg137">137</ref>. <ref target="Pg149">149</ref>. <ref target="Pg167">167</ref>. <ref target="Pg170">170</ref>.</l>
<l>Guaita, Senator; <ref target="Pg138">138</ref>. <ref target="Pg161">161</ref>.</l>
<l>Günther Friedrich Karl&nbsp;I., Fürst von Schwarzburg-Sondershausen; <ref target="Pg088">88</ref>.</l>
<l>Handelsverein, deutscher; <ref target="Pg025">25</ref>.</l>
<l>Hänlein, preußischer Gesandter am kurhessischen Hofe; <ref target="Pg128">128</ref>. <ref target="Pg167">167</ref>.</l>
<l>Hansemann, David; <ref target="Pg204">204</ref>.</l>
<l>Hardenberg, Fürst; <ref target="Pg006">6</ref>. <ref target="Pg013">13</ref>. <ref target="Pg014">14</ref>. <ref target="Pg019">19</ref>. <ref target="Pg021">21</ref>. <ref target="Pg039">39</ref>. <ref target="Pg045">45</ref>. <ref target="Pg064">64</ref>. <ref target="Pg084">84</ref>. <ref target="Pg165">165</ref> Anm.</l>
<l>Hatzfeldt, Franz Ludwig, Graf v.; <ref target="Pg088">88</ref>.</l>
<l>Heidelberger Protokoll; <ref target="Pg100">100</ref>. <ref target="Pg101">101</ref>. <ref target="Pg110">110</ref>.</l>
<l>Herzog, Geheimrat; <ref target="Pg100">100</ref>.</l>
<l>Hessen-Darmstadt, Zollvertrag mit Preußen; <ref target="Pg109">109</ref>&nbsp;ff.</l>
<l>Hessen-Kassel, Gesetz vom 17.&nbsp;September 1819; <ref target="Pg048">48</ref>.</l>
<l rend='indent'>&mdash; Beitritt Hessen-Kassels zum preußischen Zollsystem; <ref target="Pg175">175</ref>.</l>
<l>Heydebreck, v., Oberpräsident; <ref target="Pg007">7</ref>. <ref target="Pg008">8</ref>.</l>
<l>Hofmann, hessischer Staatsrat; <ref target="Pg106">106</ref>. <ref target="Pg109">109</ref>. <ref target="Pg110">110</ref>. <ref target="Pg115">115</ref>. <ref target="Pg116">116</ref>. <ref target="Pg122">122</ref>. <ref target="Pg126">126</ref>. <ref target="Pg155">155</ref>. <ref target="Pg160">160</ref>. <ref target="Pg161">161</ref>.</l>
<l>Hoffmann, E.&nbsp;E.; <ref target="Pg184">184</ref>.</l>
<l>Hoffmann, J.&nbsp;G.; <ref target="Pg017">17</ref>. <ref target="Pg018">18</ref>. <ref target="Pg042">42</ref>. <ref target="Pg043">43</ref>. <ref target="Pg100">100</ref>.</l>
<l>Hohenzollern-Württembergischer Zollverein; <ref target="Pg088">88</ref>.</l>
<l>Hruby, Freiherr v.; <ref target="Pg128">128</ref>. <ref target="Pg138">138</ref>. <ref target="Pg165">165</ref>.</l>
<l>Humboldt, A.&nbsp;u.&nbsp;W.; <ref target="Pg007">7</ref>.</l>
<l rend='indent'>&mdash; W.&nbsp;v.&nbsp;H.; <ref target="Pg034">34</ref>. <ref target="Pg058">58</ref>. <ref target="Pg090">90</ref>. <ref target="Pg153">153</ref>.</l>
<l>Huskisson, W.; <ref target="Pg010">10</ref>. <ref target="Pg011">11</ref>. <ref target="Pg103">103</ref>.</l>
<l>Jordan, v., preußischer Gesandter in Dresden; <ref target="Pg062">62</ref>. <ref target="Pg149">149</ref>. <ref target="Pg170">170</ref>.</l>
<l>Jörres; <ref target="Pg072">72</ref>.</l>
<l>Julia, Gräfin von Brandenburg, Gemahlin des Herzogs Ferdinand von Anhalt-Köthen; <ref target="Pg049">49</ref>. <ref target="Pg066">66</ref>. <ref target="Pg088">88</ref>.</l>
<l>Juli-Revolution (1830); <ref target="Pg171">171</ref>. <ref target="Pg173">173</ref>.</l>
<l>Kamptz, Karl Friedr. Heinr. v.; <ref target="Pg085">85</ref>.</l>
<l>Karl&nbsp;VII. (Albrecht), deutscher Kaiser; <ref target="Pg157">157</ref>.</l>
<l>Karl, Herzog von Braunschweig; <ref target="Pg139">139</ref>.</l>
<l>Karl August, Großherzog von Sachsen-Weimar; <ref target="Pg040">40</ref>. <ref target="Pg047">47</ref>. <ref target="Pg050">50</ref>. <ref target="Pg145">145</ref>.</l>
<l>Karl Friedrich, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach; <ref target="Pg178">178</ref>. <ref target="Pg201">201</ref>.</l>
<l>Karlsbader Beschlüsse (1819); <ref target="Pg019">19</ref>. <ref target="Pg050">50</ref>.</l>
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<l>Karlsbader Konferenzen (1819) <ref target="Pg019">19</ref>. <ref target="Pg028">28</ref>. <ref target="Pg045">45</ref>.</l>
<l rend='indent'>&mdash; (1821) <ref target="Pg061">61</ref>.</l>
<l>Kasseler Vertrag <ref target="Pg175">175</ref>. <ref target="Pg177">177</ref>.</l>
<l>Keßler, Direktor der Domänen <ref target="Pg086">86</ref>.</l>
<l>Kircheisen, Friedr. Leop. v. <ref target="Pg034">34</ref>.</l>
<l>Klewiz, Wilh. Anton v. <ref target="Pg029">29</ref>. <ref target="Pg041">41</ref>. <ref target="Pg062">62</ref>. <ref target="Pg077">77</ref>. <ref target="Pg084">84</ref>. <ref target="Pg094">94</ref>.</l>
<l>Klickermann, Zollinspektor <ref target="Pg063">63</ref>.</l>
<l>Knorr, Zolldirektor <ref target="Pg194">194</ref>.</l>
<l>Könneritz, Jul. Traugott v. <ref target="Pg169">169</ref>. <ref target="Pg170">170</ref>. <ref target="Pg196">196</ref>.</l>
<l>Kotzebue <ref target="Pg017">17</ref>.</l>
<l>Köster, Abgeordneter <ref target="Pg069">69</ref>.</l>
<l>Krafft, Präsident <ref target="Pg116">116</ref>.</l>
<l>Kreß, v., österreichischer Hofrat <ref target="Pg135">135</ref>.</l>
<l>Krug <ref target="Pg018">18</ref>.</l>
<l>Kühne, Leopold <ref target="Pg129">129</ref>.</l>
<l>Kühne, Ludw. Samuel <ref target="Pg085">85</ref>. <ref target="Pg087">87</ref>. <ref target="Pg175">175</ref>. <ref target="Pg188">188</ref>.</l>
<l>Kunth, Staatsrat <ref target="Pg007">7</ref>.</l>
<l>Küster, preußischer Gesandter in München <ref target="Pg123">123</ref>. <ref target="Pg125">125</ref>. <ref target="Pg152">152</ref>. <ref target="Pg192">192</ref>. <ref target="Pg194">194</ref>. <ref target="Pg197">197</ref>. <ref target="Pg200">200</ref>. <ref target="Pg203">203</ref>.</l>
<l>Ladenberg, Phil. v. <ref target="Pg008">8</ref>. <ref target="Pg077">77</ref>. <ref target="Pg084">84</ref>. <ref target="Pg085">85</ref>.</l>
<l>La Ferronays, französischer Minister <ref target="Pg123">123</ref>.</l>
<l>Landwirtschaftliche Krisis in Deutschland <ref target="Pg081">81</ref>.</l>
<l>Langenau. Fr. Karl Gustav, Freiherr v. <ref target="Pg117">117</ref>. <ref target="Pg118">118</ref>. <ref target="Pg135">135</ref>.</l>
<l>Lassalle, Ferd. <ref target="Pg025">25</ref>. <ref target="Pg029">29</ref> Anm.</l>
<l>Lehrbach, Graf <ref target="Pg115">115</ref>.</l>
<l>Leipzig, Schlacht bei L. <ref target="Pg079">79</ref>.</l>
<l>Leonhardi, großherzoglich hessischer Geheimrat <ref target="Pg135">135</ref>.</l>
<l>Leopold&nbsp;III., Friedrich Franz, Herzog von Anhalt-Dessau <ref target="Pg064">64</ref>.</l>
<l>Leopold&nbsp;IV., Friedrich, Herzog von Anhalt-Dessau <ref target="Pg062">62</ref>. <ref target="Pg089">89</ref>. <ref target="Pg090">90</ref>. <ref target="Pg092">92</ref>.</l>
<l>Leopold, Großherzog von Baden <ref target="Pg181">181</ref>. <ref target="Pg183">183</ref>. <ref target="Pg184">184</ref>.</l>
<l>Leopold von Dessau (der alte Dessauer) <ref target="Pg059">59</ref>.</l>
<l>Lerchenfeld, Maximilian v. <ref target="Pg072">72</ref>. <ref target="Pg099">99</ref>. <ref target="Pg106">106</ref>. <ref target="Pg123">123</ref>. <ref target="Pg141">141</ref>. <ref target="Pg160">160</ref>. <ref target="Pg174">174</ref>. <ref target="Pg192">192</ref>.</l>
<l>Lestocq, General <ref target="Pg041">41</ref>. <ref target="Pg202">202</ref>.</l>
<l>Lindenau, Bernh. v. <ref target="Pg134">134</ref>. <ref target="Pg135">135</ref>. <ref target="Pg136">136</ref>. <ref target="Pg137">137</ref>. <ref target="Pg138">138</ref>. <ref target="Pg139">139</ref>. <ref target="Pg140">140</ref>. <ref target="Pg141">141</ref>. <ref target="Pg144">144</ref>. <ref target="Pg177">177</ref>. <ref target="Pg178">178</ref>. <ref target="Pg195">195</ref>. <ref target="Pg196">196</ref>. <ref target="Pg201">201</ref>.</l>
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<l>Listscher Verein s. Verein deutscher Kaufleute.</l>
<l>Lottum, Graf <ref target="Pg084">84</ref>. <ref target="Pg087">87</ref>.</l>
<l>Lotzbeck, v. <ref target="Pg184">184</ref>.</l>
<l>Löwenstein, Fürst Georg v. <ref target="Pg182">182</ref>.</l>
<l>Luden <ref target="Pg017">17</ref>.</l>
<l>Lüder, Kammerrat <ref target="Pg126">126</ref>.</l>
<l>Ludwig, Großherzog von Baden <ref target="Pg117">117</ref>. <ref target="Pg181">181</ref>.</l>
<l>Ludwig&nbsp;I., König von Bayern <ref target="Pg102">102</ref>. <ref target="Pg104">104</ref>. <ref target="Pg105">105</ref>. <ref target="Pg106">106</ref>. <ref target="Pg108">108</ref>. <ref target="Pg121">121</ref>. <ref target="Pg122">122</ref>. <ref target="Pg123">123</ref>. <ref target="Pg125">125</ref>. <ref target="Pg126">126</ref>. <ref target="Pg130">130</ref>. <ref target="Pg141">141</ref>. <ref target="Pg151">151</ref>. <ref target="Pg152">152</ref>. <ref target="Pg153">153</ref>. <ref target="Pg154">154</ref>. <ref target="Pg155">155</ref>. <ref target="Pg159">159</ref>. <ref target="Pg160">160</ref>. <ref target="Pg161">161</ref>. <ref target="Pg175">175</ref>. <ref target="Pg181">181</ref>. <ref target="Pg182">182</ref>. <ref target="Pg183">183</ref>. <ref target="Pg184">184</ref>. <ref target="Pg185">185</ref>. <ref target="Pg189">189</ref>. <ref target="Pg192">192</ref>. <ref target="Pg193">193</ref>.</l>
<l>Ludwig&nbsp;I., Großherzog von Hessen <ref target="Pg072">72</ref>. <ref target="Pg107">107</ref>. <ref target="Pg112">112</ref>. <ref target="Pg125">125</ref>. <ref target="Pg126">126</ref>. <ref target="Pg129">129</ref>. <ref target="Pg205">205</ref>.</l>
<l>Lützerode, Freiherr v. <ref target="Pg126">126</ref>.</l>
<l>Luxburg, Graf <ref target="Pg155">155</ref>.</l>
<l>Maaßen, Generaldirektor <ref target="Pg008">8</ref>. <ref target="Pg009">9</ref>. <ref target="Pg010">10</ref>. <ref target="Pg011">11</ref>. <ref target="Pg012">12</ref>. <ref target="Pg021">21</ref>. <ref target="Pg029">29</ref>. <ref target="Pg031">31</ref>. <ref target="Pg032">32</ref>. <ref target="Pg042">42</ref>. <ref target="Pg079">79</ref>. <ref target="Pg085">85</ref>. <ref target="Pg108">108</ref>. <ref target="Pg112">112</ref>. <ref target="Pg155">155</ref>. <ref target="Pg172">172</ref>. <ref target="Pg175">175</ref>. <ref target="Pg187">187</ref>. <ref target="Pg189">189</ref>. <ref target="Pg191">191</ref>. <ref target="Pg195">195</ref>. <ref target="Pg196">196</ref>. <ref target="Pg197">197</ref>. <ref target="Pg202">202</ref>. <ref target="Pg204">204</ref>.</l>
<l>Mainzer Konferenzen <ref target="Pg102">102</ref>.</l>
<l>Maltzan, v. <ref target="Pg107">107</ref>. <ref target="Pg112">112</ref>. <ref target="Pg135">135</ref>. <ref target="Pg145">145</ref>. <ref target="Pg168">168</ref>.</l>
<l>Manteuffel, Georg Aug. Ernst v. <ref target="Pg131">131</ref>.</l>
<l>Marschall, Freiherr v., Vertreter Nassaus am Bundestag <ref target="Pg047">47</ref>. <ref target="Pg052">52</ref>. <ref target="Pg053">53</ref>. <ref target="Pg056">56</ref>. <ref target="Pg061">61</ref>. <ref target="Pg066">66</ref>. <ref target="Pg071">71</ref>. <ref target="Pg072">72</ref>. <ref target="Pg076">76</ref>. <ref target="Pg100">100</ref>. <ref target="Pg102">102</ref>. <ref target="Pg117">117</ref>. <ref target="Pg129">129</ref>. <ref target="Pg134">134</ref>. <ref target="Pg143">143</ref>.</l>
<l>Martens, Georg Friedr. v. <ref target="Pg027">27</ref>.</l>
<l>Marx <ref target="Pg029">29</ref> Anm.</l>
<l>Maximilian&nbsp;I. Joseph, König von Bayern <ref target="Pg100">100</ref>. <ref target="Pg122">122</ref>.</l>
<l>Meisterlin, Geheimer Rat <ref target="Pg174">174</ref>.</l>
<l>Merckel, Oberpräsident <ref target="Pg007">7</ref>.</l>
<l>Metternich, Fürst Klemens <ref target="Pg019">19</ref>. <ref target="Pg028">28</ref>. <ref target="Pg036">36</ref>. <ref target="Pg047">47</ref>. <ref target="Pg049">49</ref>. <ref target="Pg050">50</ref>. <ref target="Pg052">52</ref>. <ref target="Pg055">55</ref>. <ref target="Pg061">61</ref>. <ref target="Pg064">64</ref>. <ref target="Pg070">70</ref>. <ref target="Pg075">75</ref>. <ref target="Pg076">76</ref>. <ref target="Pg088">88</ref>. <ref target="Pg089">89</ref>. <ref target="Pg118">118</ref>. <ref target="Pg139">139</ref>. <ref target="Pg140">140</ref>. <ref target="Pg149">149</ref>. <ref target="Pg151">151</ref>. <ref target="Pg152">152</ref>. <ref target="Pg153">153</ref>. <ref target="Pg165">165</ref>. <ref target="Pg180">180</ref>. <ref target="Pg182">182</ref>.</l>
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<l>Meyer, S., Kaufmann <ref target="Pg183">183</ref>.</l>
<l>Meyerfeld, v., kurhessischer Bundestagsgesandter <ref target="Pg173">173</ref>. <ref target="Pg174">174</ref>.</l>
<l>Meysenbug, Freiherr v. <ref target="Pg126">126</ref>.</l>
<l>Mieg, v., bayrischer Finanzminister <ref target="Pg189">189</ref>. <ref target="Pg190">190</ref>. <ref target="Pg192">192</ref>. <ref target="Pg200">200</ref>.</l>
<l>Michaelis, Geheimrat <ref target="Pg199">199</ref>.</l>
<l>Milbanke, englischer Geschäftsträger bei der Stadt Frankfurt <ref target="Pg136">136</ref>.</l>
<l>Miller (Immenstadt) <ref target="Pg025">25</ref>. <ref target="Pg069">69</ref>. <ref target="Pg103">103</ref>. <ref target="Pg126">126</ref>.</l>
<l>Minkwitz, Freiherr v., sächsischer Minister <ref target="Pg199">199</ref>.</l>
<l>Mitteldeutscher Handelsverein <ref target="Pg130">130</ref> ff. <ref target="Pg139">139</ref> ff. <ref target="Pg148">148</ref>. <ref target="Pg149">149</ref>. <ref target="Pg151">151</ref>. <ref target="Pg153">153</ref> f. <ref target="Pg162">162</ref>. <ref target="Pg163">163</ref>. <ref target="Pg165">165</ref>. <ref target="Pg171">171</ref>. <ref target="Pg173">173</ref>. <ref target="Pg175">175</ref> f. <ref target="Pg178">178</ref>. <ref target="Pg195">195</ref>. <ref target="Pg202">202</ref>.</l>
<l>Mohl, Moritz <ref target="Pg187">187</ref>. <ref target="Pg188">188</ref>. <ref target="Pg199">199</ref>.</l>
<l>Mollerus, niederländischer Geschäftsträger in München <ref target="Pg124">124</ref>.</l>
<l>Motz, Friedr. Christ. Ad. v. <ref target="Pg042">42</ref>. <ref target="Pg077">77</ref>. <ref target="Pg078">78</ref> ff. <ref target="Pg081">81</ref>. <ref target="Pg083">83</ref>. <ref target="Pg084">84</ref>. <ref target="Pg085">85</ref>. <ref target="Pg086">86</ref>. <ref target="Pg087">87</ref>. <ref target="Pg088">88</ref>. <ref target="Pg092">92</ref>. <ref target="Pg097">97</ref>. <ref target="Pg107">107</ref>. <ref target="Pg108">108</ref>. <ref target="Pg110">110</ref>. <ref target="Pg112">112</ref>. <ref target="Pg114">114</ref>. <ref target="Pg116">116</ref>. <ref target="Pg118">118</ref>. <ref target="Pg129">129</ref>. <ref target="Pg146">146</ref>. <ref target="Pg147">147</ref>. <ref target="Pg148">148</ref>. <ref target="Pg150">150</ref>. <ref target="Pg151">151</ref>. <ref target="Pg153">153</ref>. <ref target="Pg154">154</ref>. <ref target="Pg155">155</ref>. <ref target="Pg156">156</ref>. <ref target="Pg157">157</ref>. <ref target="Pg159">159</ref>. <ref target="Pg161">161</ref>. <ref target="Pg162">162</ref>. <ref target="Pg163">163</ref>. <ref target="Pg164">164</ref>. <ref target="Pg170">170</ref>. <ref target="Pg171">171</ref>. <ref target="Pg172">172</ref>. <ref target="Pg173">173</ref>. <ref target="Pg194">194</ref>.</l>
<l>Motz, hessischer Finanzminister <ref target="Pg174">174</ref>.</l>
<l>Müller, Adam <ref target="Pg049">49</ref>. <ref target="Pg050">50</ref>. <ref target="Pg052">52</ref>. <ref target="Pg059">59</ref>. <ref target="Pg062">62</ref>. <ref target="Pg063">63</ref>. <ref target="Pg064">64</ref>. <ref target="Pg088">88</ref>. <ref target="Pg089">89</ref>. <ref target="Pg091">91</ref>. <ref target="Pg093">93</ref>.</l>
<l>Münch-Bellinghausen, Joachim, Graf v. <ref target="Pg062">62</ref>. <ref target="Pg117">117</ref>. <ref target="Pg118">118</ref>. <ref target="Pg119">119</ref>. <ref target="Pg135">135</ref>. <ref target="Pg146">146</ref>. <ref target="Pg161">161</ref>.</l>
<l>Münster-Ledenburg, Ernst Friedr. Herbert, Reichsgraf <ref target="Pg136">136</ref>. <ref target="Pg165">165</ref>.</l>
<l>Nagler, Karl Friedr. v. <ref target="Pg091">91</ref>. <ref target="Pg127">127</ref>. <ref target="Pg174">174</ref>.</l>
<l>Napoleon&nbsp;I. <ref target="Pg071">71</ref>. <ref target="Pg122">122</ref>. <ref target="Pg128">128</ref>. <ref target="Pg158">158</ref>.</l>
<l>Napoleon, römischer König <ref target="Pg122">122</ref>.</l>
<l>Navigationsakte <ref target="Pg011">11</ref>.</l>
<l>Natzmer, Oldwig v., preußischer General <ref target="Pg129">129</ref>.</l>
<l>Nebenius, Karl Friedr. <ref target="Pg029">29</ref>. <ref target="Pg030">30</ref>. <ref target="Pg031">31</ref>. <ref target="Pg032">32</ref>. <ref target="Pg033">33</ref>. <ref target="Pg042">42</ref>. <ref target="Pg053">53</ref>. <ref target="Pg068">68</ref>. <ref target="Pg070">70</ref>. <ref target="Pg072">72</ref>. <ref target="Pg073">73</ref>. <ref target="Pg074">74</ref>. <ref target="Pg076">76</ref>. <ref target="Pg099">99</ref>. <ref target="Pg100">100</ref>. <ref target="Pg101">101</ref>. <ref target="Pg102">102</ref>. <ref target="Pg103">103</ref>. <ref target="Pg104">104</ref>. <ref target="Pg153">153</ref>.</l>
<l>Neujahrsnacht <ref target="Pg183">183</ref>4 <ref target="Pg204">204</ref>.</l>
<l>Oberkamp, Geheimrat <ref target="Pg126">126</ref>. <ref target="Pg127">127</ref>. <ref target="Pg128">128</ref>. <ref target="Pg141">141</ref>.</l>
<l>Oberschönaer Punktation <ref target="Pg133">133</ref>. <ref target="Pg134">134</ref>. <ref target="Pg142">142</ref>.</l>
<l>Österreichische Tendenzlügen <ref target="Pg119">119</ref>.</l>
<l>Otterstedt, v., preußischer Gesandter am badischen Hofe <ref target="Pg108">108</ref>. <ref target="Pg116">116</ref>. <ref target="Pg118">118</ref>.</l>
<l>Öttingen-Wallerstein, Ludwig Kraft Ernst, Fürst zu <ref target="Pg192">192</ref>.</l>
<l>Perrot, Abgeordneter <ref target="Pg106">106</ref>.</l>
<l>Pfizer, Paul <ref target="Pg158">158</ref>. <ref target="Pg193">193</ref>. <ref target="Pg194">194</ref>.</l>
<l>Phönix, Versicherungsgesellschaft <ref target="Pg023">23</ref>.</l>
<l>Pitt, William <ref target="Pg079">79</ref>.</l>
<l>Pochhammer <ref target="Pg160">160</ref>.</l>
<l>Pölitz <ref target="Pg018">18</ref>.</l>
<l>Porbeck, v., Präsident <ref target="Pg126">126</ref>.</l>
<l>Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag <ref target="Pg145">145</ref> ff. <ref target="Pg155">155</ref> ff. <ref target="Pg180">180</ref> f.</l>
<l>Preußisch-Hessischer Zollverein <ref target="Pg109">109</ref> ff.</l>
<l>Prohibitivzölle, französische <ref target="Pg010">10</ref>. <ref target="Pg011">11</ref>.</l>
<l>Rabener, Gottlieb Wilh. <ref target="Pg145">145</ref>.</l>
<l>Radowitz, Freiherr v. <ref target="Pg037">37</ref>.</l>
<l>Rauch, Christian, Bildhauer <ref target="Pg160">160</ref>.</l>
<l>Rechberg, Aloys, Graf v. R. u. Rothenlöwen <ref target="Pg072">72</ref>. <ref target="Pg099">99</ref>.</l>
<l>Reden, v., hannoverscher Gesandter in Dresden <ref target="Pg140">140</ref>.</l>
<l>Reichenbach (Emilie Ortlöpp), Gräfin, Geliebte des Kurfürsten Ludwig II. von Hessen <ref target="Pg126">126</ref>. <ref target="Pg127">127</ref>. <ref target="Pg171">171</ref>.</l>
<l>Reichenbach, Zusammenbruch der Firma R. in Leipzig <ref target="Pg081">81</ref>.</l>
<l>Reinhard, Karl Friedrich, Graf <ref target="Pg122">122</ref>. <ref target="Pg136">136</ref>.</l>
<l>Renner, Defraudationsprozeß der Firma R. <ref target="Pg071">71</ref>.</l>
<l>Rheinischer Merkur <ref target="Pg024">24</ref>. <ref target="Pg026">26</ref>.</l>
<l>Rheinoktroi von 1814 <ref target="Pg058">58</ref>.</l>
<l>Ricardo, David <ref target="Pg029">29</ref>.</l>
<l>Ries, kurhessischer Geheimrat <ref target="Pg174">174</ref>.</l>
<l>Ringseis, Joh. Nepomuk <ref target="Pg180">180</ref>.</l>
<l>Römer, Friedr. v. <ref target="Pg194">194</ref>.</l>
<l>Röntgen, Aug. v. <ref target="Pg101">101</ref>. <ref target="Pg143">143</ref>. <ref target="Pg161">161</ref>. <ref target="Pg166">166</ref>. <ref target="Pg168">168</ref>. <ref target="Pg193">193</ref>.</l>
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<l>Rothschild, Anselm Meyer, Freiherr v. <ref target="Pg116">116</ref>. <ref target="Pg134">134</ref>.</l>
<l>Rotteck, Karl v. <ref target="Pg184">184</ref>.</l>
<l>Rumigny, Graf <ref target="Pg161">161</ref>.</l>
<l>Sachsen, Königreich, Beitritt Ss. zum Zollverein <ref target="Pg194">194</ref> ff. <ref target="Pg200">200</ref>.</l>
<l>Sachsen-Koburg-Gotha, Vertrag Preußens mit S.-K.-G. <ref target="Pg163">163</ref>.</l>
<l>Sachsen-Meiningen, Vertrag Preußens mit S.-M. <ref target="Pg163">163</ref>.</l>
<l>Sachsen-Weimar sucht um Aufnahme in das preußische Zollsystem nach <ref target="Pg178">178</ref>.</l>
<l>Sack <ref target="Pg034">34</ref>.</l>
<l>Salmuth, v. <ref target="Pg089">89</ref>.</l>
<l>Salzregal, Einführung des S.s in Preußen <ref target="Pg006">6</ref>.</l>
<l>Schenk, Abgeordneter <ref target="Pg115">115</ref>. <ref target="Pg180">180</ref>.</l>
<l>Schenk zu Schweinsberg <ref target="Pg174">174</ref>.</l>
<l>Schill <ref target="Pg034">34</ref>.</l>
<l>Schleiermacher, Friedr. Ernst Dan. <ref target="Pg034">34</ref>.</l>
<l>Schlieben, Familie der Grafen v. <ref target="Pg083">83</ref>.</l>
<l>Schlußakte <ref target="Pg053">53</ref>.</l>
<l>Schminke, Finanzminister <ref target="Pg127">127</ref>.</l>
<l>Schmitz-Groltenburg, Freiherr v., württembergischer Gesandter in München <ref target="Pg099">99</ref>. <ref target="Pg120">120</ref>. <ref target="Pg122">122</ref>. <ref target="Pg189">189</ref>.</l>
<l>Schmuggel (Schwärzen)</l>
<l rend='indent'>an den preußischen Grenzen <ref target="Pg020">20</ref> f. <ref target="Pg041">41</ref>. <ref target="Pg043">43</ref>. <ref target="Pg057">57</ref> ff. <ref target="Pg063">63</ref>. <ref target="Pg071">71</ref>. <ref target="Pg098">98</ref>. <ref target="Pg173">173</ref>. &mdash;</l>
<l rend='indent'>Auf dem Schwarzwald und am Rhein <ref target="Pg181">181</ref>. <ref target="Pg183">183</ref>. &mdash;</l>
<l rend='indent'>An der sächsisch-böhmischen Grenze <ref target="Pg195">195</ref>.</l>
<l>Schmuggelprämie <ref target="Pg031">31</ref>.</l>
<l>Schnell, J. J. (Nürnberg) <ref target="Pg025">25</ref>. <ref target="Pg051">51</ref>.</l>
<l>Schön, Präsident <ref target="Pg078">78</ref>. <ref target="Pg082">82</ref>. <ref target="Pg083">83</ref>.</l>
<l>Schönberg, Präsident <ref target="Pg078">78</ref>. <ref target="Pg155">155</ref>.</l>
<l>Schuckmann, Kasp. Friedr. Freih. v. <ref target="Pg007">7</ref>.</l>
<l>Schulenburg, Graf Friedr. Albr. v. d., sächsischer Gesandter in Wien <ref target="Pg165">165</ref>.</l>
<l>Schütz, v., Steuerdirektor <ref target="Pg086">86</ref>.</l>
<l>Schwarzburg-Rudolstadt <ref target="Pg043">43</ref>.</l>
<l>Schwarzburg-Sondershausen und Preußens Zollgesetz <ref target="Pg041">41</ref> ff.</l>
<l>Schwerer, Ehr. Wilh. <ref target="Pg132">132</ref>. <ref target="Pg133">133</ref>. <ref target="Pg178">178</ref>.</l>
<l>Schwerz <ref target="Pg081">81</ref>.</l>
<l>Siebein, Geheimrat <ref target="Pg126">126</ref>.</l>
<l>Siebenpfeiffer <ref target="Pg176">176</ref>.</l>
<l>Smidt, Joh., Bürgermeister von Bremen <ref target="Pg137">137</ref>. <ref target="Pg166">166</ref>.</l>
<l>Smith, Adam <ref target="Pg008">8</ref>. <ref target="Pg011">11</ref>. <ref target="Pg029">29</ref> Anm.</l>
<l>Sotzmann, Geheimrat <ref target="Pg095">95</ref>. <ref target="Pg160">160</ref>.</l>
<l>Spiegel, Graf, österreichischer Gesandter in München <ref target="Pg123">123</ref>.</l>
<l>Spittler, Ludw., Freiherr v. <ref target="Pg034">34</ref>.</l>
<l>Sponheimer Handel <ref target="Pg125">125</ref>. <ref target="Pg152">152</ref>. <ref target="Pg155">155</ref>. <ref target="Pg161">161</ref>. <ref target="Pg181">181</ref>. <ref target="Pg183">183</ref>. <ref target="Pg185">185</ref>.</l>
<l>Stader Zoll <ref target="Pg060">60</ref>.</l>
<l>Stägemann, Friedr. Aug. v. <ref target="Pg082">82</ref>.</l>
<l>Stem, Freiherr vom <ref target="Pg007">7</ref>. <ref target="Pg024">24</ref>. <ref target="Pg034">34</ref>. <ref target="Pg035">35</ref>. <ref target="Pg084">84</ref>. <ref target="Pg135">135</ref>. <ref target="Pg138">138</ref>. <ref target="Pg141">141</ref>.</l>
<l>Stein-Hardenbergsche Reformen <ref target="Pg080">80</ref>.</l>
<l>Sternegg, v., Hofmarschall <ref target="Pg064">64</ref>.</l>
<l>Steuerverein, Norddeutscher <ref target="Pg170">170</ref>.</l>
<l>Stralenheim, hannoverscher Gesandter in Stuttgart <ref target="Pg144">144</ref>.</l>
<l>Stromeyer <ref target="Pg176">176</ref>.</l>
<l>Stuttgarter Zollkonferenzen <ref target="Pg098">98</ref> ff. <ref target="Pg101">101</ref> ff.</l>
<l>Süddeutscher Zollverein <ref target="Pg056">56</ref>. <ref target="Pg057">57</ref>. <ref target="Pg072">72</ref> ff. <ref target="Pg181">181</ref>. <ref target="Pg184">184</ref>. <ref target="Pg185">185</ref>. <ref target="Pg189">189</ref>. &mdash;</l>
<l rend='indent'>Beitritt des S. Z.s zum Preußisch-Hessischen Zollverein <ref target="Pg190">190</ref>.</l>
<l>Tann, Freiherr v. d. <ref target="Pg123">123</ref>. <ref target="Pg126">126</ref>.</l>
<l>Teplitzer Besprechungen (1819) <ref target="Pg019">19</ref>.</l>
<l>Thaer <ref target="Pg081">81</ref>.</l>
<l>Thomas, Bürgermeister von Frankfurt a. M. <ref target="Pg138">138</ref>.</l>
<l>Thon, weimarischer Bevollmächtigter <ref target="Pg133">133</ref>. <ref target="Pg202">202</ref>.</l>
<l>Thüringen. Beitritt Th.s zum Zollverein <ref target="Pg194">194</ref> ff. <ref target="Pg202">202</ref> ff.</l>
<l>Thüringischer Handelsverein <ref target="Pg039">39</ref>. <ref target="Pg094">94</ref>.</l>
<l>Tilsiter Friede <ref target="Pg079">79</ref>.</l>
<l>Trauttmannsdorf, Graf v., österreichischer Gesandter <ref target="Pg091">91</ref>.</l>
<l>Trendelenburg, Adolf <ref target="Pg164">164</ref>.</l>
<l>Truchseß-Waldburg, Graf <ref target="Pg124">124</ref>.</l>
<l>Uhland, Ludwig <ref target="Pg194">194</ref>.</l>
<pb n="213"/><anchor id="Pg213"/>
<l>Varnbüler, Friedr. Gottlob Karl <ref target="Pg188">188</ref>.</l>
<l>Varnbüler, Karl Freiherr v. <ref target="Pg151">151</ref>. <ref target="Pg160">160</ref>.</l>
<l>Varnhagen v. Ense, Karl Aug. <ref target="Pg165">165</ref>.</l>
<l>Verein deutscher Kaufleute und Fabrikanten <ref target="Pg025">25</ref>. <ref target="Pg039">39</ref>. <ref target="Pg045">45</ref>. <ref target="Pg070">70</ref>.</l>
<l>Verstolck van Soelm, holländischer Minister <ref target="Pg124">124</ref>.</l>
<l>Vincke, Georg v., Präsident <ref target="Pg078">78</ref>.</l>
<l>Wangenheim, Karl Aug. Freiherr v. <ref target="Pg057">57</ref>. <ref target="Pg068">68</ref>. <ref target="Pg072">72</ref>. <ref target="Pg076">76</ref>. <ref target="Pg088">88</ref>. <ref target="Pg099">99</ref>. <ref target="Pg109">109</ref>. <ref target="Pg137">137</ref>. <ref target="Pg188">188</ref>.</l>
<l>Watzdorf, Graf v., sächsischer Gesandter in Berlin <ref target="Pg140">140</ref>. <ref target="Pg199">199</ref>. <ref target="Pg200">200</ref>.</l>
<l>Weber, E. (Gera) <ref target="Pg025">25</ref>. <ref target="Pg027">27</ref>. <ref target="Pg051">51</ref>.</l>
<l>Weise, v. (Vater), Kanzler <ref target="Pg041">41</ref>. <ref target="Pg042">42</ref>.</l>
<l>Weise, v. (Sohn), Geheimer Rat <ref target="Pg041">41</ref>. <ref target="Pg042">42</ref>.</l>
<l>Welcker, Karl Theodor <ref target="Pg184">184</ref>.</l>
<l>Wertheim, Verhandlungen wegen Abtretung W.s an Bayern <ref target="Pg182">182</ref>.</l>
<l>Wiener Vertrag vom <ref target="Pg003">3</ref>. Mai <ref target="Pg185">185</ref>6 <ref target="Pg006">6</ref>.</l>
<l>Wiener Konferenzen <ref target="Pg028">28</ref>. <ref target="Pg029">29</ref>. <ref target="Pg044">44</ref>. <ref target="Pg045">45</ref> ff. <ref target="Pg093">93</ref>. <ref target="Pg107">107</ref>.</l>
<l>Wiener Kongreß <ref target="Pg013">13</ref>. <ref target="Pg014">14</ref>. <ref target="Pg049">49</ref>. <ref target="Pg052">52</ref>. <ref target="Pg058">58</ref>. <ref target="Pg059">59</ref>. <ref target="Pg064">64</ref>.</l>
<l>Wiener Kongreßakte, Art. 108 bis 116 <ref target="Pg058">58</ref>.</l>
<l>Wietersheim, Eduard v. <ref target="Pg131">131</ref>. <ref target="Pg198">198</ref>.</l>
<l>Wilhelm&nbsp;I., Kurfürst von Hessen <ref target="Pg048">48</ref>.</l>
<l>Wilhelm&nbsp;II., Kurfürst von Hessen <ref target="Pg074">74</ref>. <ref target="Pg079">79</ref>. <ref target="Pg097">97</ref>. <ref target="Pg109">109</ref>. <ref target="Pg126">126</ref>. <ref target="Pg127">127</ref>. <ref target="Pg128">128</ref>. <ref target="Pg129">129</ref>. <ref target="Pg130">130</ref>. <ref target="Pg138">138</ref>. <ref target="Pg145">145</ref>. <ref target="Pg165">165</ref>. <ref target="Pg171">171</ref>. <ref target="Pg174">174</ref>.</l>
<l>Wilhelm, Herzog von Nassau <ref target="Pg102">102</ref>. <ref target="Pg130">130</ref>. <ref target="Pg135">135</ref>.</l>
<l>Wilhelm&nbsp;I., König von Württemberg <ref target="Pg103">103</ref>. <ref target="Pg104">104</ref>. <ref target="Pg105">105</ref>. <ref target="Pg123">123</ref>. <ref target="Pg144">144</ref>. <ref target="Pg151">151</ref>. <ref target="Pg153">153</ref>. <ref target="Pg155">155</ref>. <ref target="Pg160">160</ref>. <ref target="Pg181">181</ref>. <ref target="Pg183">183</ref>. <ref target="Pg185">185</ref>. <ref target="Pg188">188</ref>. <ref target="Pg193">193</ref>.</l>
<l>Windhorn, Finanzrat <ref target="Pg155">155</ref>.</l>
<l>Winter, Georg Ludwig, badischer Minister <ref target="Pg183">183</ref>.</l>
<l>Wittgenstein, Prinz <ref target="Pg126">126</ref>. <ref target="Pg127">127</ref>. <ref target="Pg128">128</ref>.</l>
<l>Wittgenstein, Wilh. Ludw. Georg, Graf zu Sayn-W. <ref target="Pg061">61</ref>. <ref target="Pg087">87</ref>. <ref target="Pg150">150</ref>.</l>
<l>Witzleben, Job. v., preußischer Generalleutnant <ref target="Pg153">153</ref>.</l>
<l>Wolfs, österreichischer Legationsrat <ref target="Pg180">180</ref>.</l>
<l>Wrede, Karl Philipp, Fürst <ref target="Pg180">180</ref>.</l>
<l>Zachariä v. Lingenthal, Karl Salomon <ref target="Pg103">103</ref>.</l>
<l>Zentner, Georg Friedr., Freiherr v. <ref target="Pg050">50</ref>. <ref target="Pg057">57</ref>. <ref target="Pg123">123</ref>.</l>
<l>Zeschau, Heinrich Anton v., sächsischer Finanzminister <ref target="Pg197">197</ref>. <ref target="Pg199">199</ref>. <ref target="Pg200">200</ref>. <ref target="Pg201">201</ref>.</l>
<l>Zollanschlußvertrag mit Schwarzburg-Sondershausen <ref target="Pg042">42</ref>.</l>
<l>Zollgesetz, Maaßens preußisches Z. <ref target="Pg006">6</ref>. <ref target="Pg008">8</ref> ff.</l>
<l>Zoll- und Handelsverein der thüringischen Staaten <ref target="Pg203">203</ref>.</l>
<l>Zu Rhein, Freiherr v. <ref target="Pg104">104</ref>. <ref target="Pg122">122</ref>.</l>
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