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                <title>Aus meinem Leben</title>
                <author><name reg="Hindenburg, Paul von">Paul von Hindenburg</name></author>
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                <publisher>Project Gutenberg TEI Edition 1</publisher>
                <date value="2009-12-17">December 17, 2009</date>
                <idno type="etext-no">30695</idno>
                <availability>
                    <p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
                        restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
                        the terms of the Project Gutenberg License online at
                        www.gutenberg.org/license</p>
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                <bibl> Generalfeldmarschall von Hindenburg: Aus meinem Leben. Leipzig: Hirzel, 1920.</bibl>
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            <p>Siehe „Bemerkungen zur Textgestalt“ im Anhang.</p>
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                    <resp>Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading
                        Team at &lt;http://www.pgdp.net/&gt;.</resp>
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                <docAuthor><hi rend="font-size: large">Generalfeldmarschall</hi><lb/>
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                <docDate rend="font-size: large">1920</docDate>
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                <docImprint rend="font-size: large">Verlag von S. Hirzel in Leipzig</docImprint>
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                <p rend="text-align: center"> <hi rend="font-size: small">Copyright by S. Hirzel in Leipzig 1920 </hi></p>
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                <lb/>
                <p> <hi rend="font-size: small">Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige Übersetzungsrecht
                    für folgende Sprachen: Dänisch-norwegisch, Englisch (für England mit Kolonien
                    und Amerika), Finnisch, Französisch, Holländisch, Japanisch, Italienisch,
                    Schwedisch und Spanisch</hi> </p>
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                <index index="pdf" level1="Zur Einfuehrung"/>
                <head>Zur Einführung</head>
                <p> Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung zum
                    Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von außen an mich
                    herantraten. </p>
                <p> Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindrücke wiedergeben,
                    unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar legen, nach denen
                    ich glaubte, denken und handeln zu müssen. Fern lag es mir, eine
                    Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten aber war mir der
                    Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich gedacht, gehandelt und
                    geirrt. Maßgebend in meinem Leben und Tun war für mich nicht der Beifall der
                    Welt sondern die eigene Überzeugung, die Pflicht und das Gewissen. </p>
                <p> Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben, entstanden
                    die folgenden Erinnerungsblätter doch nicht unter dem bitteren Drucke der
                    Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschütterlich vorwärts und
                    aufwärts gerichtet. </p>
                <p> Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der Heimat
                    für des Reiches Größe und Dasein kämpften. </p>
                <dateline rend="text-align: left; margin-top: 1">Im September 1919. </dateline>
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                <head>Inhaltsverzeichnis</head>
                
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  Zur Einführung                                                         V

  Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914                3-67
    Meine Jugend                                                      3-15
        Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und früheste Jugend
        6-8. Im Kadettenkorps 9-15.
    Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe                      16-47
        Im 3. Garderegiment zu Fuß 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei
        Soor 19. Königgrätz 20-25. Nach Königgrätz 26. In die
        Heimat zurück 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins
        Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St.
        Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor
        Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die
        Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47.
    Friedensarbeit                                                   48-63
        Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando
        und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Großen
        Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im
        Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef
        59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General
        61-62. Abschied 63.
    Übergang in den Ruhestand                                        64-67
        Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67.

  Zweiter Teil. Kriegführung im Osten                               69-144
    Der Kampf um Ostpreußen                                          71-99
      Kriegsausbruch und Berufung                                    71-74
        Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74.
      Zur Front                                                      75-79
        Armeeführer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76.
        Verhältnis zu General Ludendorff 77-79.
      Tannenberg                                                     79-91
        Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80.
        Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite
        Rennenkampfs 82. Stärkeverhältnisse 83. Die Marienburg 84.
        Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87.
        Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91.
      Die Schlacht an den masurischen Seen                           91-99
        Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95.
        Verlauf der Schlacht 96-99.
    Der Feldzug in Polen                                           100-116
      Abschied von der 8. Armee                                    100-104
        Zusammenwirken mit der österreichisch-ungarischen
        Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104.
      Der Vormarsch                                                104-108
        Operative Lage 104-105. Polnische Zustände 106. Kämpfe
        bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische
        Gegenoperation 108.
      Der Rückzug                                                  109-112
        Neue Pläne 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rückzug
        an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im
        Osten 112.
      Unser Gegenangriff                                           112-116
        Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kämpfe in
        Polen 116.
    1915                                                           117-134
      Frage der Kriegsentscheidung                                 117-122
      Kämpfe und Operationen im Osten                              122-130
        Ansichten der österreichisch-ungarischen Heeresleitung
        123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische
        Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten.
        Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Pläne.
        Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130.
      Lötzen                                                       130-133
      Kowno                                                        133-134
    Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August                          135-144
      Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront                135-140
        Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140.
      Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische
      Ostfront                                                     140-144
        Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina
        142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144.

  Dritter Teil. Von der Übertragung der Obersten Heeresleitung
  bis zur Zertrümmerung Rußlands                                   145-294
    Berufung zur Obersten Heeresleitung                            147-167
      Chef des Generalstabes des Feldheeres                        147-148
      Kriegslage Ende August 1916                                  148-150
      Politische Lage                                              150-154
      Die deutsche Oberste Kriegsleitung                           154-161
        Die österreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das
        bulgarische und türkische Heer 158-159. Unsere Leistungen
        im Kriege 160-161.
      Pleß                                                         161-167
        König Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph
        163. Generaloberst Conrad von Hötzendorf 163-164. Enver
        Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha
        166-167. Radoslawow 167.
    Leben im Großen Hauptquartier                                  168-175
        Regelmäßiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175.
    Kriegsereignisse bis Ende 1916                                 176-198
      Der rumänische Feldzug                                       176-187
        Unsere politische und militärische Lage zu Rumänien
        176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178.
        Rumänische Kriegserklärung 179. Bisheriger Feldzugsplan
        179-181. Niederwerfung Rumäniens 182-187.
      Kämpfe an der mazedonischen Front                            187-189
      Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen                       189-192
      Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916          192-198
        Unterstützung Rumäniens durch Rußland 192-194. Fortdauer
        der Kämpfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der
        Westfront 196-198.
    Meine Stellung zu politischen Fragen                           199-218
      Äußere Politik                                               199-210
        Politik und Kriegführung 200-201. Polnische Frage
        201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige
        Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische
        Erregung in Bulgarien 206-207. Türkische Politik 207-210.
      Die Friedensfrage                                            210-215
      Innere Politik                                               215-218
        „Hindenburg-Programm“ 216. Vaterländischer Hilfsdienst
        216-218.
    Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr                   219-237
      Unsere Aufgaben                                              219-227
        Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene
        Verteidigung 219-222. „Siegfriedstellung“ 223. Ablehnung
        von Angriffsplänen in Italien und Mazedonien 224-227.
        Aufgabe der Türkei für 1917 227.
      Der Unterseebootkrieg                                        228-234
        Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische
        Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem
        Unterseebootkrieg 230-232. Erwägungen und Entscheidung
        232-233. Der höchste Einsatz 234.
      Kreuznach                                                    235-237
    Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917                 238-251
      Im Westen                                                    238-244
        Vorbereitung für die Abwehrschlachten 238-240.
        Frühjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht
        Aisne-Champagne 242-244.
      Im nahen und fernen Orient                                   244-246
      An der Ostfront                                              246-251
        Russische Revolution 246-247. Eigene Zurückhaltung
        247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes
        248-249. Letzte russische Anstürme 250-251.
    Unser Gegenstoß im Osten                                       252-258
        Das Wagnis des Gegenstoßes 252-254. Tarnopol 254-255.
        Riga und Ösel 256-258.
    Angriff auf Italien                                            259-263
    Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917  264-293
      Im Westen                                                    264-268
        Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai
        265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268.
      Auf dem Balkan                                                   268
      In Asien                                                     269-276
        Englische Operationen in Asien 269-272. Pläne zur
        Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhältnisse im
        türkischen Heere 274. Unsere Unterstützungen 275-276.
      Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern
      Ende 1917                                                    277-293
        Der türkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283.
        Österreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288.
        Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291.
        Vereinigte Staaten von Nordamerika 291.
        Kriegsverlängerung 291-293.

  Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen                       295-354
    Die Frage der Westoffensive                                    297-314
      Absichten und Aussichten für 1918                            297-312
        Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301.
        Lage und Entschluß 301-303. Truppenschulung 304.
        Vereinigung der Kräfte im Westen 305. Schwierigkeiten im
        Osten 306-307. Finnische Expedition 308.
        Österreichisch-ungarische Unterstützung 308-309. Truppen
        aus Bulgarien und der Türkei 310. Defensive 1918? 311-312.
      Spa und Avesnes                                              312-314
    Unsere drei Angriffsschlachten                                 315-338
      Die „Große Schlacht“ in Frankreich                           315-321
      Die Schlacht an der Lys                                      321-326
      Die Schlacht bei Soissons und Reims                          327-333
        Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem
        Schlachtfelde 332-333.
      Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918                        333-338
    Im Angriff gescheitert                                         339-354
      Der Plan zur Schlacht bei Reims                              339-343
      Die Schlacht bei Reims                                       343-354
        Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes
        Gegenstoß 348-351. Entschluß zur Räumung des Marnebogens
        351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des
        Schlachtausgangs 353-354.

  Fünfter Teil. Über unsere Kraft                                  355-402
    In die Verteidigung geworfen                                   357-366
      Der 8. August                                                357-361
      Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe
      im Westen bis Ende September                                 362-366
    Der Kampf unserer Bundesgenossen                               367-389
      Bulgariens Zusammenbruch                                     367-377
      Der Sturz der türkischen Macht in Asien                      377-383
      Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn          383-389
        Unterstützung unserer Westfront 384. Kämpfe in Albanien
        385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388.
        Graf Burian 388. Letzte österreichische Friedensversuche
        389.
    Dem Ende entgegen                                              390-402
      Vom 29. September zum 26. Oktober                            390-397
        Verhältnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster
        Entschluß 392-393. Unser Waffenstillstands- und
        Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der
        Heimat 396-397.
      Vom 26. Oktober zum 9. November                              397-402
        Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399.
        Die höchste Spannung und das Zerreißen 400-402.
    Mein Abschied                                                  403-406

  Personenverzeichnis                                              407-409
</p>
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                    <else>
                        <pgIf output="pdf">
                            <then>
                                <table cols="2" rend="latexcolumns: 'p{7.5cm} r'">
                    <row>
                        <cell>Zur Einführung</cell>
                        <cell rend="text-align: right">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target="pV">V</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        <cell>Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p003">3</ref>–<ref target="p067">67</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Meine Jugend</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p003">3</ref>–<ref target="p015">15</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell>
                            <hi rend="klein">Hindenburg-Beneckendorff <ref target="p003">3</ref>–<ref target="p005">5</ref>. Eltern und
                                früheste Jugend
                            <ref target="p006">6</ref>–<ref target="p008">8</ref>. Im Kadettenkorps <ref target="p009">9</ref>–<ref target="p015">15</ref>.</hi>
                        </cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p016">16</ref>–<ref target="p047">47</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell>
                            <hi rend="klein">Im 3. Garderegiment zu Fuß <ref target="p016">16</ref>–<ref target="p017">17</ref>. 1866. Ins
                                Feld <ref target="p018">18</ref>.
                            Bei Soor <ref target="p019">19</ref>. Königgrätz <ref target="p020">20</ref>–<ref target="p025">25</ref>. Nach Königgrätz
                                <ref target="p026">26</ref>. In
                            die Heimat zurück <ref target="p026">26</ref>–<ref target="p027">27</ref>. In Hannover
                                <ref target="p028">28</ref>–<ref target="p029">29</ref>. 1870. Wieder
                            ins Feld <ref target="p030">30</ref>. Bei St. Privat <ref target="p031">31</ref>–<ref target="p035">35</ref>. Nach der
                                Schlacht bei
                            St. Privat <ref target="p036">36</ref>. In die Schlacht bei Sedan
                                <ref target="p037">37</ref>–<ref target="p038">38</ref>. Sedan <ref target="p039">39</ref>.
                            Vor Paris <ref target="p040">40</ref>–<ref target="p041">41</ref>. Kaiserproklamation
                                <ref target="p041">41</ref>–<ref target="p042">42</ref>. In Paris
                            <ref target="p042">42</ref>–<ref target="p044">44</ref>. Die Kommune <ref target="p045">45</ref>–<ref target="p046">46</ref>. Der zweite
                                Einzug in Berlin <ref target="p047">47</ref>.</hi>
                        </cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Friedensarbeit</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p048">48</ref>–<ref target="p063">63</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell>
                            <hi rend="klein">Kriegsakademie <ref target="p048">48</ref>. Generalstab <ref target="p049">49</ref>–<ref target="p050">50</ref>. Bei
                                Generalkommando
                            und Division <ref target="p050">50</ref>–<ref target="p052">52</ref>. Kompagniechef <ref target="p052">52</ref>–<ref target="p053">53</ref>.
                                Im
                            Großen Generalstab <ref target="p053">53</ref>–<ref target="p056">56</ref>. Lehrer an der
                                Kriegsakademie <ref target="p057">57</ref>.
                            Im Kriegsministerium <ref target="p058">58</ref>. Regimentskommandeur
                                <ref target="p058">58</ref>–<ref target="p059">59</ref>.
                            Korpschef <ref target="p059">59</ref>–<ref target="p060">60</ref>. Divisionskommandeur <ref target="p060">60</ref>.
                                Kommandierender
                            General <ref target="p061">61</ref>–<ref target="p062">62</ref>. Abschied <ref target="p063">63</ref>.</hi>
                        </cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Übergang in den Ruhestand</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p064">64</ref>–<ref target="p067">67</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Deutsches Heer und Volk <ref target="p064">64</ref>–<ref target="p066">66</ref>. Ausblick <ref target="p066">66</ref>–<ref target="p067">67</ref></hi>.</cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                    <cell>Zweiter Teil. Kriegführung im Osten</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p069">69</ref>–<ref target="p144">144</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Der Kampf um Ostpreußen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p071">71</ref>–<ref target="p099">99</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Kriegsausbruch und Berufung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p071">71</ref>–<ref target="p074">74</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Deutsche Politik und Dreibund <ref target="p071">71</ref>–<ref target="p073">73</ref>. Mobilmachung <ref target="p074">74</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                   <pb n="VIII"/>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Zur Front</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p075">75</ref>–<ref target="p079">79</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Armeeführer. General Ludendorff <ref target="p075">75</ref>. Lage im Osten <ref target="p076">76</ref>.
                            Verhältnis zu General Ludendorff <ref target="p077">77</ref>–<ref target="p079">79</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Tannenberg</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p079">79</ref>–<ref target="p091">91</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Im Armee-Hauptquartier <ref target="p079">79</ref>. Russische Absichten <ref target="p080">80</ref>.
                            Entwickelung des Schlachtenplans <ref target="p081">81</ref>. Gefahr von Seite
                            Rennenkampfs <ref target="p082">82</ref>. Stärkeverhältnisse <ref target="p083">83</ref>. Die Marienburg <ref target="p084">84</ref>.
                            Tannenberg <ref target="p085">85</ref>. Entwickelung der Schlacht <ref target="p086">86</ref>–<ref target="p087">87</ref>.
                            Entscheidungskampf <ref target="p088">88</ref>–<ref target="p089">89</ref>. Ergebnis <ref target="p090">90</ref>–<ref target="p091">91</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell><hi rend="klein">Die Schlacht an den masurischen Seen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p091">91</ref>–<ref target="p099">99</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Neue Aufgaben <ref target="p091">91</ref>–<ref target="p093">93</ref>. Rennenkampf <ref target="p093">93</ref>–<ref target="p094">94</ref>. Zum Angriff
                            vor <ref target="p095">95</ref>. Verlauf der Schlacht <ref target="p096">96</ref>–<ref target="p099">99</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Der Feldzug in Polen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p100">100</ref>–<ref target="p116">116</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Abschied von der 8. Armee</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p100">100</ref>–<ref target="p104">104</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Zusammenwirken mit der österreichisch-ungarischen
                            Heeresleitung <ref target="p100">100</ref>–<ref target="p102">102</ref>. Nach Schlesien <ref target="p102">102</ref>–<ref target="p104">104</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Vormarsch</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p104">104</ref>–<ref target="p108">108</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Operative Lage <ref target="p104">104</ref>–<ref target="p105">105</ref>. Polnische Zustände <ref target="p106">106</ref>. Kämpfe
                            bei Iwangorod und Warschau <ref target="p106">106</ref>–<ref target="p107">107</ref>. Russische Gegenoperation
                            <ref target="p108">108</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Rückzug</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p109">109</ref>–<ref target="p112">112</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Neue Pläne <ref target="p109">109</ref>. Weiterer Widerstand in Polen <ref target="p110">110</ref>. Rückzug
                            an die schlesische Grenze <ref target="p111">111</ref>–<ref target="p112">112</ref>. Oberbefehlshaber im
                            Osten <ref target="p112">112</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Unser Gegenangriff</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p112">112</ref>–<ref target="p116">116</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Wechselspiel der Operationen <ref target="p112">112</ref>–<ref target="p115">115</ref>. Ende der Kämpfe
                            in Polen <ref target="p116">116</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">1915</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p117">117</ref>–<ref target="p134">134</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Frage der Kriegsentscheidung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p117">117</ref>–<ref target="p122">122</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Kämpfe und Operationen im Osten</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p122">122</ref>–<ref target="p130">130</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Ansichten der österreichisch-ungarischen Heeresleitung
                            <ref target="p123">123</ref>. Winterschlacht in Masuren <ref target="p124">124</ref>–<ref target="p125">125</ref>. Russische
                            Gegenangriffe <ref target="p125">125</ref>. Unsere allgemeine Offensive im Osten.
                            Rolle des Oberkommandos Ost <ref target="p126">126</ref>–<ref target="p127">127</ref>. Eigene Pläne.
                            Nowo Georgiewsk. Wilna <ref target="p128">128</ref>–<ref target="p130">130</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Lötzen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p130">130</ref>–<ref target="p133">133</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Kowno</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p133">133</ref>–<ref target="p134">134</ref></cell>
                    </row>
                    <pb n="IX"/>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p135">135</ref>–<ref target="p144">144</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p135">135</ref>–<ref target="p139">139</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Winter 1915/16 <ref target="p135">135</ref>–<ref target="p136">136</ref>. Schlacht am Naroczsee
                            <ref target="p137">137</ref>–<ref target="p139">139</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische
                            Ostfront</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p140">140</ref>–<ref target="p144">144</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Verdun und Italien <ref target="p140">140</ref>–<ref target="p141">141</ref>. Wolhynien und Bukowina
                            <ref target="p142">142</ref>–<ref target="p143">143</ref>. Erweiterung des Befehlsbereichs <ref target="p143">143</ref>–<ref target="p144">144</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                    <cell>Dritter Teil. Von der Übertragung der Obersten Heeresleitung
                        bis zur Zertrümmerung Rußlands </cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p145">145</ref>–<ref target="p294">294</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Berufung zur Obersten Heeresleitung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p147">147</ref>–<ref target="p167">167</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein">Chef des Generalstabes des Feldheeres</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p147">147</ref>–<ref target="p148">148</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Kriegslage Ende August 1916</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p148">148</ref>–<ref target="p150">150</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Politische Lage</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p150">150</ref>–<ref target="p154">154</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die deutsche Oberste Kriegsleitung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p154">154</ref>–<ref target="p161">161</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die österreichisch-ungarische Wehrmacht <ref target="p156">156</ref>–<ref target="p158">158</ref>. Das
                            bulgarische und türkische Heer <ref target="p158">158</ref>–<ref target="p159">159</ref>. Unsere Leistungen
                            im Kriege <ref target="p160">160</ref>–<ref target="p161">161</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Pleß</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p161">161</ref>–<ref target="p167">167</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">König Ferdinand von Bulgarien <ref target="p162">162</ref>. Kaiser Franz Joseph <ref target="p163">163</ref>.
                            Generaloberst Conrad von Hötzendorf <ref target="p163">163</ref>–<ref target="p164">164</ref>. Enver Pascha
                            <ref target="p164">164</ref>–<ref target="p165">165</ref>. General Jekoff <ref target="p165">165</ref>. Talaat Pascha <ref target="p166">166</ref>–<ref target="p167">167</ref>.
                            Radoslawow <ref target="p167">167</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Leben im Großen Hauptquartier</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p168">168</ref>–<ref target="p175">175</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Regelmäßiger Tagesverlauf <ref target="p168">168</ref>–<ref target="p172">172</ref>. Besucher <ref target="p173">173</ref>–<ref target="p175">175</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Kriegsereignisse bis Ende 1916</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p176">176</ref>–<ref target="p198">198</ref></cell>
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                    <row>
                        <cell><hi rend="klein">Der rumänische Feldzug</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p176">176</ref>–<ref target="p187">187</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Unsere politische und militärische Lage zu Rumänien <ref target="p176">176</ref>–<ref target="p177">177</ref>.
                            Bulgarischer Angriff in Mazedonien <ref target="p178">178</ref>. Rumänische
                            Kriegserklärung <ref target="p179">179</ref>. Bisheriger Feldzugsplan <ref target="p179">179</ref>–<ref target="p181">181</ref>.
                            Niederwerfung Rumäniens <ref target="p182">182</ref>–<ref target="p187">187</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Kämpfe an der mazedonischen Front</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p187">187</ref>–<ref target="p189">189</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p189">189</ref>–<ref target="p192">192</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p192">192</ref>–<ref target="p198">198</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Unterstützung Rumäniens durch Rußland <ref target="p192">192</ref>–<ref target="p194">194</ref>. Fortdauer
                            der Kämpfe vor Verdun <ref target="p194">194</ref>–<ref target="p195">195</ref>. Zum erstenmal an der
                            Westfront <ref target="p196">196</ref>–<ref target="p198">198</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <pb n="X"/>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Meine Stellung zu politischen Fragen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p199">199</ref>–<ref target="p218">218</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Äußere Politik</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p199">199</ref>–<ref target="p210">210</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Politik und Kriegführung <ref target="p200">200</ref>–<ref target="p201">201</ref>. Polnische Frage <ref target="p201">201</ref>–<ref target="p203">203</ref>.
                            Polnische Freiwilligentruppen <ref target="p203">203</ref>–<ref target="p204">204</ref>. Irrige Hoffnungen
                            <ref target="p204">204</ref>. Dobrudscha-Frage <ref target="p205">205</ref>–<ref target="p206">206</ref>. Politische Erregung in
                            Bulgarien <ref target="p206">206</ref>–<ref target="p207">207</ref>. Türkische Politik <ref target="p207">207</ref>–<ref target="p210">210</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell><hi rend="klein">Die Friedensfrage</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p210">210</ref>–<ref target="p215">215</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Innere Politik</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p215">215</ref>–<ref target="p218">218</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">„Hindenburg-Programm“ <ref target="p216">216</ref>. Vaterländischer Hilfsdienst 
                            <ref target="p216">216</ref>–<ref target="p218">218</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p219">219</ref>–<ref target="p237">237</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Unsere Aufgaben</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p219">219</ref>–<ref target="p227">227</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Allgemeine Lage Winter 1916–17. Aufgezwungene Verteidigung
                            <ref target="p219">219</ref>–<ref target="p222">222</ref>. „Siegfriedstellung“ <ref target="p223">223</ref>. Ablehnung von
                            Angriffsplänen in Italien und Mazedonien <ref target="p224">224</ref>–<ref target="p227">227</ref>. Aufgabe
                            der Türkei für 1917 <ref target="p227">227</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Unterseebootkrieg</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p228">228</ref>–<ref target="p234">234</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Blockade und Menschlichkeit <ref target="p228">228</ref>–<ref target="p229">229</ref>. Amerikanische Munition
                            <ref target="p229">229</ref>. Hoffnungen verbunden mit dem Unterseebootkrieg
                            <ref target="p230">230</ref>–<ref target="p232">232</ref>. Erwägungen und Entscheidung <ref target="p232">232</ref>–<ref target="p233">233</ref>. Der
                            höchste Einsatz <ref target="p234">234</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Kreuznach</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p235">235</ref>–<ref target="p237">237</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p238">238</ref>–<ref target="p251">251</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Im Westen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p238">238</ref>–<ref target="p244">244</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Vorbereitung für die Abwehrschlachten <ref target="p238">238</ref>–<ref target="p240">240</ref>.
                            Frühjahrsschlacht bei Arras <ref target="p240">240</ref>–<ref target="p242">242</ref>. Doppelschlacht
                            Aisne-Champagne <ref target="p242">242</ref>–<ref target="p244">244</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Im nahen und fernen Orient</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p244">244</ref>–<ref target="p246">246</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">An der Ostfront</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p246">246</ref>–<ref target="p251">251</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Russische Revolution <ref target="p246">246</ref>–<ref target="p247">247</ref>. Eigene Zurückhaltung <ref target="p247">247</ref>–<ref target="p248">248</ref>.
                            Weiterentwickelung des russischen Umsturzes <ref target="p248">248</ref>–<ref target="p249">249</ref>. Letzte
                            russische Anstürme <ref target="p250">250</ref>–<ref target="p251">251</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Unser Gegenstoß im Osten</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p252">252</ref>–<ref target="p258">258</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Das Wagnis des Gegenstoßes <ref target="p252">252</ref>–<ref target="p254">254</ref>. Tarnopol <ref target="p254">254</ref>–<ref target="p255">255</ref>.
                            Riga und Ösel <ref target="p256">256</ref>–<ref target="p258">258</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Angriff auf Italien</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p259">259</ref>–<ref target="p263">263</ref></cell>
                    </row>
                    <pb n="XI"/>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr
                            1917</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p264">264</ref>–<ref target="p293">293</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Im Westen </hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p264">264</ref>–<ref target="p268">268</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Ausgang der flandrischen Schlacht <ref target="p264">264</ref>–<ref target="p265">265</ref>. Cambrai <ref target="p265">265</ref>–<ref target="p267">267</ref>.
                            Erfahrungen <ref target="p267">267</ref>–<ref target="p268">268</ref>. Angriffe der Franzosen <ref target="p268">268</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Auf dem Balkan</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p268">268</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">In Asien</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p269">269</ref>–<ref target="p276">276</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Englische Operationen in Asien <ref target="p269">269</ref>–<ref target="p272">272</ref>. Pläne zur
                            Wiedereroberung Bagdads <ref target="p272">272</ref>–<ref target="p273">273</ref>. Verhältnisse im türkischen
                            Heere <ref target="p274">274</ref>. Unsere Unterstützungen <ref target="p275">275</ref>–<ref target="p276">276</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern
                            Ende 1917</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p277">277</ref>–<ref target="p293">293</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der türkische Staat <ref target="p277">277</ref>–<ref target="p279">279</ref>. Bulgarien <ref target="p280">280</ref>–<ref target="p283">283</ref>.
                            Österreich-Ungarn <ref target="p283">283</ref>–<ref target="p284">284</ref>. Die deutsche Heimat <ref target="p284">284</ref>–<ref target="p288">288</ref>.
                            Frankreich <ref target="p288">288</ref>–<ref target="p289">289</ref>. England <ref target="p290">290</ref>. Italien <ref target="p290">290</ref>–<ref target="p291">291</ref>. Vereinigte
                            Staaten von Nordamerika <ref target="p291">291</ref>. Kriegsverlängerung <ref target="p291">291</ref>–<ref target="p293">293</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                    <cell>Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p295">295</ref>–<ref target="p354">354</ref></cell>
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                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Die Frage der Westoffensive</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p297">297</ref>–<ref target="p314">314</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Absichten und Aussichten für 1918</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p297">297</ref>–<ref target="p312">312</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Aussichten und Vertrauen <ref target="p297">297</ref>–<ref target="p301">301</ref>. Angriffsabsichten <ref target="p301">301</ref>.
                            Lage und Entschluß <ref target="p301">301</ref>–<ref target="p303">303</ref>. Truppenschulung <ref target="p304">304</ref>. Vereinigung
                            der Kräfte im Westen <ref target="p305">305</ref>. Schwierigkeiten im Osten
                            <ref target="p306">306</ref>–<ref target="p307">307</ref>. Finnische Expedition <ref target="p308">308</ref>. Österreichisch-ungarische
                            Unterstützung <ref target="p308">308</ref>–<ref target="p309">309</ref>. Truppen aus Bulgarien und der
                            Türkei <ref target="p310">310</ref>. Defensive 1918? <ref target="p311">311</ref>–<ref target="p312">312</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Spa und Avesnes</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p312">312</ref>–<ref target="p314">314</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Unsere drei Angriffsschlachten</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p315">315</ref>–<ref target="p338">338</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die „Große Schlacht“ in Frankreich</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p315">315</ref>–<ref target="p321">321</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die Schlacht an der Lys</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p321">321</ref>–<ref target="p326">326</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die Schlacht bei Soissons und Reims</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p327">327</ref>–<ref target="p333">333</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Die Schlacht <ref target="p328">328</ref>–<ref target="p331">331</ref>. Die Menschlichkeit auf dem
                            Schlachtfelde <ref target="p332">332</ref>–<ref target="p333">333</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p333">333</ref>–<ref target="p338">338</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Im Angriff gescheitert</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p339">339</ref>–<ref target="p354">354</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Plan zur Schlacht bei Reims</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p339">339</ref>–<ref target="p343">343</ref></cell>
                    </row>
                    <pb n="XII"/>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die Schlacht bei Reims</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p343">343</ref>–<ref target="p354">354</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Unser Angriff <ref target="p343">343</ref>–<ref target="p346">346</ref>. Ergebnis <ref target="p347">347</ref>. Des Feindes Gegenstoß
                            <ref target="p348">348</ref>–<ref target="p351">351</ref>. Entschluß zur Räumung des Marnebogens <ref target="p351">351</ref>.
                            Haltung unserer Truppen <ref target="p352">352</ref>. Bedeutung des Schlachtausgangs
                            <ref target="p353">353</ref>–<ref target="p354">354</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                    <cell>Fünfter Teil. Über unsere Kraft</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p355">355</ref>–<ref target="p402">402</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">In die Verteidigung geworfen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p357">357</ref>–<ref target="p366">366</ref></cell>
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                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der 8. August</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p357">357</ref>–<ref target="p361">361</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe
                            im Westen bis Ende September</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p362">362</ref>–<ref target="p366">366</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Der Kampf unserer Bundesgenossen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p367">367</ref>–<ref target="p389">389</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Bulgariens Zusammenbruch</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p367">367</ref>–<ref target="p377">377</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Der Sturz der türkischen Macht in Asien</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p377">377</ref>–<ref target="p383">383</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p383">383</ref>–<ref target="p389">389</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        <cell><hi rend="klein">Unterstützung unserer Westfront <ref target="p384">384</ref>. Kämpfe in Albanien <ref target="p385">385</ref>.
                            Erstreben des Kriegsendes <ref target="p386">386</ref>. Graf Czernin <ref target="p386">386</ref>–<ref target="p388">388</ref>. Graf
                            Burian <ref target="p388">388</ref>. Letzte österreichische Friedensversuche <ref target="p389">389</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Dem Ende entgegen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p390">390</ref>–<ref target="p402">402</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Vom 29. September zum 26. Oktober</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p390">390</ref>–<ref target="p397">397</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Verhältnisse an der Kampffront <ref target="p390">390</ref>–<ref target="p391">391</ref>. Unser schwerster
                            Entschluß <ref target="p392">392</ref>–<ref target="p393">393</ref>. Unser Waffenstillstands- und
                            Friedensangebot <ref target="p394">394</ref>–<ref target="p395">395</ref>. Fortschreitender Zerfall der
                            Heimat <ref target="p396">396</ref>–<ref target="p397">397</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        
                        <cell><hi rend="klein">Vom 26. Oktober zum 9. November</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p397">397</ref>–<ref target="p402">402</ref></cell>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein">Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen <ref target="p398">398</ref>–<ref target="p399">399</ref>.
                            Die höchste Spannung und das Zerreißen <ref target="p400">400</ref>–<ref target="p402">402</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>

                        <cell><hi rend="klein; gesperrt">Mein Abschied</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p403">403</ref>–<ref target="p406">406</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                    <cell>Personenverzeichnis</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p407">407</ref>–<ref target="p409">409</ref></cell>
                    </row>
                </table>
                            </then>
                            <else>
                               <table cols="5" rend="latexcolumns: '|p{2em}|p{1em}|p{1em}|p{20em}|p{10em}|'">
                    <row>
                        <cell cols="4">Zur Einführung</cell>
                        <cell rend="text-align: right">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<ref target="pV">V</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        <cell cols="4">Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p003">3</ref>–<ref target="p067">67</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        <cell>&nbsp;&nbsp;</cell>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Meine Jugend</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p003">3</ref>–<ref target="p015">15</ref></cell>
                    </row>
                    <row>
                        <cell/>
                        <cell>&nbsp;</cell>
                        <cell>&nbsp;</cell>
                        <cell>
                            <hi rend="klein">Hindenburg-Beneckendorff <ref target="p003">3</ref>–<ref target="p005">5</ref>. Eltern und
                                früheste Jugend
                            <ref target="p006">6</ref>–<ref target="p008">8</ref>. Im Kadettenkorps <ref target="p009">9</ref>–<ref target="p015">15</ref>.</hi>
                        </cell>
                        <cell/>
                    </row>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p016">16</ref>–<ref target="p047">47</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell>
                            <hi rend="klein">Im 3. Garderegiment zu Fuß <ref target="p016">16</ref>–<ref target="p017">17</ref>. 1866. Ins
                                Feld <ref target="p018">18</ref>.
                            Bei Soor <ref target="p019">19</ref>. Königgrätz <ref target="p020">20</ref>–<ref target="p025">25</ref>. Nach Königgrätz
                                <ref target="p026">26</ref>. In
                            die Heimat zurück <ref target="p026">26</ref>–<ref target="p027">27</ref>. In Hannover
                                <ref target="p028">28</ref>–<ref target="p029">29</ref>. 1870. Wieder
                            ins Feld <ref target="p030">30</ref>. Bei St. Privat <ref target="p031">31</ref>–<ref target="p035">35</ref>. Nach der
                                Schlacht bei
                            St. Privat <ref target="p036">36</ref>. In die Schlacht bei Sedan
                                <ref target="p037">37</ref>–<ref target="p038">38</ref>. Sedan <ref target="p039">39</ref>.
                            Vor Paris <ref target="p040">40</ref>–<ref target="p041">41</ref>. Kaiserproklamation
                                <ref target="p041">41</ref>–<ref target="p042">42</ref>. In Paris
                            <ref target="p042">42</ref>–<ref target="p044">44</ref>. Die Kommune <ref target="p045">45</ref>–<ref target="p046">46</ref>. Der zweite
                                Einzug in Berlin <ref target="p047">47</ref>.</hi>
                        </cell>
                        <cell/>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Friedensarbeit</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p048">48</ref>–<ref target="p063">63</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell>
                            <hi rend="klein">Kriegsakademie <ref target="p048">48</ref>. Generalstab <ref target="p049">49</ref>–<ref target="p050">50</ref>. Bei
                                Generalkommando
                            und Division <ref target="p050">50</ref>–<ref target="p052">52</ref>. Kompagniechef <ref target="p052">52</ref>–<ref target="p053">53</ref>.
                                Im
                            Großen Generalstab <ref target="p053">53</ref>–<ref target="p056">56</ref>. Lehrer an der
                                Kriegsakademie <ref target="p057">57</ref>.
                            Im Kriegsministerium <ref target="p058">58</ref>. Regimentskommandeur
                                <ref target="p058">58</ref>–<ref target="p059">59</ref>.
                            Korpschef <ref target="p059">59</ref>–<ref target="p060">60</ref>. Divisionskommandeur <ref target="p060">60</ref>.
                                Kommandierender
                            General <ref target="p061">61</ref>–<ref target="p062">62</ref>. Abschied <ref target="p063">63</ref>.</hi>
                        </cell>
                        <cell/>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Übergang in den Ruhestand</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p064">64</ref>–<ref target="p067">67</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Deutsches Heer und Volk <ref target="p064">64</ref>–<ref target="p066">66</ref>. Ausblick <ref target="p066">66</ref>–<ref target="p067">67</ref></hi>.</cell>
                        <cell/>
                    </row>
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                    <cell cols="4">Zweiter Teil. Kriegführung im Osten</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p069">69</ref>–<ref target="p144">144</ref></cell>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Der Kampf um Ostpreußen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p071">71</ref>–<ref target="p099">99</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Kriegsausbruch und Berufung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p071">71</ref>–<ref target="p074">74</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Deutsche Politik und Dreibund <ref target="p071">71</ref>–<ref target="p073">73</ref>. Mobilmachung <ref target="p074">74</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                   <pb n="VIII"/><anchor id="pVIII"/>
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                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Zur Front</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p075">75</ref>–<ref target="p079">79</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Armeeführer. General Ludendorff <ref target="p075">75</ref>. Lage im Osten <ref target="p076">76</ref>.
                            Verhältnis zu General Ludendorff <ref target="p077">77</ref>–<ref target="p079">79</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Tannenberg</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p079">79</ref>–<ref target="p091">91</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Im Armee-Hauptquartier <ref target="p079">79</ref>. Russische Absichten <ref target="p080">80</ref>.
                            Entwickelung des Schlachtenplans <ref target="p081">81</ref>. Gefahr von Seite
                            Rennenkampfs <ref target="p082">82</ref>. Stärkeverhältnisse <ref target="p083">83</ref>. Die Marienburg <ref target="p084">84</ref>.
                            Tannenberg <ref target="p085">85</ref>. Entwickelung der Schlacht <ref target="p086">86</ref>–<ref target="p087">87</ref>.
                            Entscheidungskampf <ref target="p088">88</ref>–<ref target="p089">89</ref>. Ergebnis <ref target="p090">90</ref>–<ref target="p091">91</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
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                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die Schlacht an den masurischen Seen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p091">91</ref>–<ref target="p099">99</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Neue Aufgaben <ref target="p091">91</ref>–<ref target="p093">93</ref>. Rennenkampf <ref target="p093">93</ref>–<ref target="p094">94</ref>. Zum Angriff
                            vor <ref target="p095">95</ref>. Verlauf der Schlacht <ref target="p096">96</ref>–<ref target="p099">99</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Der Feldzug in Polen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p100">100</ref>–<ref target="p116">116</ref></cell>
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                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Abschied von der 8. Armee</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p100">100</ref>–<ref target="p104">104</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Zusammenwirken mit der österreichisch-ungarischen
                            Heeresleitung <ref target="p100">100</ref>–<ref target="p102">102</ref>. Nach Schlesien <ref target="p102">102</ref>–<ref target="p104">104</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der Vormarsch</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p104">104</ref>–<ref target="p108">108</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Operative Lage <ref target="p104">104</ref>–<ref target="p105">105</ref>. Polnische Zustände <ref target="p106">106</ref>. Kämpfe
                            bei Iwangorod und Warschau <ref target="p106">106</ref>–<ref target="p107">107</ref>. Russische Gegenoperation
                            <ref target="p108">108</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
                    <row>
                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der Rückzug</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p109">109</ref>–<ref target="p112">112</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Neue Pläne <ref target="p109">109</ref>. Weiterer Widerstand in Polen <ref target="p110">110</ref>. Rückzug
                            an die schlesische Grenze <ref target="p111">111</ref>–<ref target="p112">112</ref>. Oberbefehlshaber im
                            Osten <ref target="p112">112</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Unser Gegenangriff</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p112">112</ref>–<ref target="p116">116</ref></cell>
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                    <row>
                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Wechselspiel der Operationen <ref target="p112">112</ref>–<ref target="p115">115</ref>. Ende der Kämpfe
                            in Polen <ref target="p116">116</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">1915</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p117">117</ref>–<ref target="p134">134</ref></cell>
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                    <row>
                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Frage der Kriegsentscheidung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p117">117</ref>–<ref target="p122">122</ref></cell>
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                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Kämpfe und Operationen im Osten</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p122">122</ref>–<ref target="p130">130</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Ansichten der österreichisch-ungarischen Heeresleitung
                            <ref target="p123">123</ref>. Winterschlacht in Masuren <ref target="p124">124</ref>–<ref target="p125">125</ref>. Russische
                            Gegenangriffe <ref target="p125">125</ref>. Unsere allgemeine Offensive im Osten.
                            Rolle des Oberkommandos Ost <ref target="p126">126</ref>–<ref target="p127">127</ref>. Eigene Pläne.
                            Nowo Georgiewsk. Wilna <ref target="p128">128</ref>–<ref target="p130">130</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"/>
                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Lötzen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p130">130</ref>–<ref target="p133">133</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Kowno</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p133">133</ref>–<ref target="p134">134</ref></cell>
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                    <pb n="IX"/><anchor id="pIX"/>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p135">135</ref>–<ref target="p144">144</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><anchor id="corrIXa"/><corr sic="135-139"><ref target="p135">135</ref>–<ref target="p140">140</ref></corr></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Der Winter 1915/16 <ref target="p135">135</ref>–<ref target="p136">136</ref>. Schlacht am Naroczsee
                            <corr sic="137-139"><ref target="p137">137</ref>–<ref target="p140">140</ref></corr>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische
                            Ostfront</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p140">140</ref>–<ref target="p144">144</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Verdun und Italien <ref target="p140">140</ref>–<ref target="p141">141</ref>. Wolhynien und Bukowina
                            <ref target="p142">142</ref>–<ref target="p143">143</ref>. Erweiterung des <anchor id="corrIXb"/><corr sic="Befehlbereichs">Befehlsbereichs</corr> <ref target="p143">143</ref>–<ref target="p144">144</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <row>
                    <cell cols="4">Dritter Teil. Von der Übertragung der Obersten Heeresleitung
                        bis zur Zertrümmerung Rußlands </cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p145">145</ref>–<ref target="p294">294</ref></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Berufung zur Obersten Heeresleitung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p147">147</ref>–<ref target="p167">167</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Chef des Generalstabes des Feldheeres</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p147">147</ref>–<ref target="p148">148</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Kriegslage Ende August 1916</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p148">148</ref>–<ref target="p150">150</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Politische Lage</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p150">150</ref>–<ref target="p154">154</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die deutsche Oberste Kriegsleitung</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p154">154</ref>–<ref target="p161">161</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Die österreichisch-ungarische Wehrmacht <ref target="p156">156</ref>–<ref target="p158">158</ref>. Das
                            bulgarische und türkische Heer <ref target="p158">158</ref>–<ref target="p159">159</ref>. Unsere Leistungen
                            im Kriege <ref target="p160">160</ref>–<ref target="p161">161</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Pleß</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p161">161</ref>–<ref target="p167">167</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">König Ferdinand von Bulgarien <ref target="p162">162</ref>. Kaiser Franz Joseph <ref target="p163">163</ref>.
                            Generaloberst Conrad von Hötzendorf <ref target="p163">163</ref>–<ref target="p164">164</ref>. Enver Pascha
                            <ref target="p164">164</ref>–<ref target="p165">165</ref>. General Jekoff <ref target="p165">165</ref>. Talaat Pascha <ref target="p166">166</ref>–<ref target="p167">167</ref>.
                            Radoslawow <ref target="p167">167</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Leben im Großen Hauptquartier</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p168">168</ref>–<ref target="p175">175</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Regelmäßiger Tagesverlauf <ref target="p168">168</ref>–<ref target="p172">172</ref>. Besucher <ref target="p173">173</ref>–<ref target="p175">175</ref>.</hi></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Kriegsereignisse bis Ende 1916</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p176">176</ref>–<ref target="p198">198</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der rumänische Feldzug</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p176">176</ref>–<ref target="p187">187</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Unsere politische und militärische Lage zu Rumänien <ref target="p176">176</ref>–<ref target="p177">177</ref>.
                            Bulgarischer Angriff in Mazedonien <ref target="p178">178</ref>. Rumänische
                            Kriegserklärung <ref target="p179">179</ref>. Bisheriger Feldzugsplan <ref target="p179">179</ref>–<ref target="p181">181</ref>.
                            Niederwerfung Rumäniens <ref target="p182">182</ref>–<ref target="p187">187</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Kämpfe an der mazedonischen Front</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p187">187</ref>–<ref target="p189">189</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p189">189</ref>–<ref target="p192">192</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p192">192</ref>–<ref target="p198">198</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Unterstützung Rumäniens durch Rußland <ref target="p192">192</ref>–<ref target="p194">194</ref>. Fortdauer
                            der Kämpfe vor Verdun <ref target="p194">194</ref>–<ref target="p195">195</ref>. Zum erstenmal an der
                            Westfront <ref target="p196">196</ref>–<ref target="p198">198</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Meine Stellung zu politischen Fragen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p199">199</ref>–<ref target="p218">218</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Äußere Politik</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p199">199</ref>–<ref target="p210">210</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Politik und Kriegführung <ref target="p200">200</ref>–<ref target="p201">201</ref>. Polnische Frage <ref target="p201">201</ref>–<ref target="p203">203</ref>.
                            Polnische Freiwilligentruppen <ref target="p203">203</ref>–<ref target="p204">204</ref>. Irrige Hoffnungen
                            <ref target="p204">204</ref>. Dobrudscha-Frage <ref target="p205">205</ref>–<ref target="p206">206</ref>. Politische Erregung in
                            Bulgarien <ref target="p206">206</ref>–<ref target="p207">207</ref>. Türkische Politik <ref target="p207">207</ref>–<ref target="p210">210</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die Friedensfrage</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p210">210</ref>–<ref target="p215">215</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Innere Politik</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p215">215</ref>–<ref target="p218">218</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">„Hindenburg-Programm“ <ref target="p216">216</ref>. Vaterländischer Hilfsdienst 
                            <ref target="p216">216</ref>–<ref target="p218">218</ref>.</hi></cell>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p219">219</ref>–<ref target="p237">237</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Unsere Aufgaben</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p219">219</ref>–<ref target="p227">227</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Allgemeine Lage Winter 1916–17. Aufgezwungene Verteidigung
                            <ref target="p219">219</ref>–<ref target="p222">222</ref>. „Siegfriedstellung“ <ref target="p223">223</ref>. Ablehnung von
                            Angriffsplänen in Italien und Mazedonien <ref target="p224">224</ref>–<ref target="p227">227</ref>. Aufgabe
                            der Türkei für 1917 <ref target="p227">227</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der Unterseebootkrieg</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p228">228</ref>–<ref target="p234">234</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Blockade und Menschlichkeit <ref target="p228">228</ref>–<ref target="p229">229</ref>. Amerikanische Munition
                            <ref target="p229">229</ref>. Hoffnungen verbunden mit dem Unterseebootkrieg
                            <ref target="p230">230</ref>–<ref target="p232">232</ref>. Erwägungen und Entscheidung <ref target="p232">232</ref>–<ref target="p233">233</ref>. Der
                            höchste Einsatz <ref target="p234">234</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Kreuznach</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p235">235</ref>–<ref target="p237">237</ref></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p238">238</ref>–<ref target="p251">251</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Im Westen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p238">238</ref>–<ref target="p244">244</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Vorbereitung für die Abwehrschlachten <ref target="p238">238</ref>–<ref target="p240">240</ref>.
                            Frühjahrsschlacht bei Arras <ref target="p240">240</ref>–<ref target="p242">242</ref>. Doppelschlacht
                            Aisne-Champagne <ref target="p242">242</ref>–<ref target="p244">244</ref>.</hi></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Im nahen und fernen Orient</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p244">244</ref>–<ref target="p246">246</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">An der Ostfront</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p246">246</ref>–<ref target="p251">251</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Russische Revolution <ref target="p246">246</ref>–<ref target="p247">247</ref>. Eigene Zurückhaltung <ref target="p247">247</ref>–<ref target="p248">248</ref>.
                            Weiterentwickelung des russischen Umsturzes <ref target="p248">248</ref>–<ref target="p249">249</ref>. Letzte
                            russische Anstürme <ref target="p250">250</ref>–<ref target="p251">251</ref>.</hi></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Unser Gegenstoß im Osten</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p252">252</ref>–<ref target="p258">258</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Das Wagnis des Gegenstoßes <ref target="p252">252</ref>–<ref target="p254">254</ref>. Tarnopol <ref target="p254">254</ref>–<ref target="p255">255</ref>.
                            Riga und Ösel <ref target="p256">256</ref>–<ref target="p258">258</ref>.</hi></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Angriff auf Italien</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p259">259</ref>–<ref target="p263">263</ref></cell>
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                    <pb n="XI"/><anchor id="pXI"/>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr
                            1917</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p264">264</ref>–<ref target="p293">293</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Im Westen </hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p264">264</ref>–<ref target="p268">268</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Ausgang der flandrischen Schlacht <ref target="p264">264</ref>–<ref target="p265">265</ref>. Cambrai <ref target="p265">265</ref>–<ref target="p267">267</ref>.
                            Erfahrungen <ref target="p267">267</ref>–<ref target="p268">268</ref>. Angriffe der Franzosen <ref target="p268">268</ref>.</hi></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Auf dem Balkan</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p268">268</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">In Asien</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p269">269</ref>–<ref target="p276">276</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Englische Operationen in Asien <ref target="p269">269</ref>–<ref target="p272">272</ref>. Pläne zur
                            Wiedereroberung Bagdads <ref target="p272">272</ref>–<ref target="p273">273</ref>. Verhältnisse im türkischen
                            Heere <ref target="p274">274</ref>. Unsere Unterstützungen <ref target="p275">275</ref>–<ref target="p276">276</ref>.</hi></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern
                            Ende 1917</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p277">277</ref>–<ref target="p293">293</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Der türkische Staat <ref target="p277">277</ref>–<ref target="p279">279</ref>. Bulgarien <ref target="p280">280</ref>–<ref target="p283">283</ref>.
                            Österreich-Ungarn <ref target="p283">283</ref>–<ref target="p284">284</ref>. Die deutsche Heimat <ref target="p284">284</ref>–<ref target="p288">288</ref>.
                            Frankreich <ref target="p288">288</ref>–<ref target="p289">289</ref>. England <ref target="p290">290</ref>. Italien <ref target="p290">290</ref>–<ref target="p291">291</ref>. Vereinigte
                            Staaten von Nordamerika <ref target="p291">291</ref>. Kriegsverlängerung <ref target="p291">291</ref>–<ref target="p293">293</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <cell cols="4">Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p295">295</ref>–<ref target="p354">354</ref></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Die Frage der Westoffensive</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p297">297</ref>–<ref target="p314">314</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Absichten und Aussichten für 1918</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p297">297</ref>–<ref target="p312">312</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Aussichten und Vertrauen <ref target="p297">297</ref>–<ref target="p301">301</ref>. Angriffsabsichten <ref target="p301">301</ref>.
                            Lage und Entschluß <ref target="p301">301</ref>–<ref target="p303">303</ref>. Truppenschulung <ref target="p304">304</ref>. Vereinigung
                            der Kräfte im Westen <ref target="p305">305</ref>. Schwierigkeiten im Osten
                            <ref target="p306">306</ref>–<ref target="p307">307</ref>. Finnische Expedition <ref target="p308">308</ref>. Österreichisch-ungarische
                            Unterstützung <ref target="p308">308</ref>–<ref target="p309">309</ref>. Truppen aus Bulgarien und der
                            Türkei <ref target="p310">310</ref>. Defensive 1918? <ref target="p311">311</ref>–<ref target="p312">312</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Spa und Avesnes</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p312">312</ref>–<ref target="p314">314</ref></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Unsere drei Angriffsschlachten</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p315">315</ref>–<ref target="p338">338</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die „Große Schlacht“ in Frankreich</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p315">315</ref>–<ref target="p321">321</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die Schlacht an der Lys</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p321">321</ref>–<ref target="p326">326</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die Schlacht bei Soissons und Reims</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p327">327</ref>–<ref target="p333">333</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Die Schlacht <ref target="p328">328</ref>–<ref target="p331">331</ref>. Die Menschlichkeit auf dem
                            Schlachtfelde <ref target="p332">332</ref>–<ref target="p333">333</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p333">333</ref>–<ref target="p338">338</ref></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Im Angriff gescheitert</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p339">339</ref>–<ref target="p354">354</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der Plan zur Schlacht bei Reims</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p339">339</ref>–<ref target="p343">343</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die Schlacht bei Reims</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p343">343</ref>–<ref target="p354">354</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Unser Angriff <ref target="p343">343</ref>–<ref target="p346">346</ref>. Ergebnis <ref target="p347">347</ref>. Des Feindes Gegenstoß
                            <ref target="p348">348</ref>–<ref target="p351">351</ref>. Entschluß zur Räumung des Marnebogens <ref target="p351">351</ref>.
                            Haltung unserer Truppen <ref target="p352">352</ref>. Bedeutung des Schlachtausgangs
                            <ref target="p353">353</ref>–<ref target="p354">354</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                    <cell cols="4">Fünfter Teil. Über unsere Kraft</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p355">355</ref>–<ref target="p402">402</ref></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">In die Verteidigung geworfen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p357">357</ref>–<ref target="p366">366</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der 8. August</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p357">357</ref>–<ref target="p361">361</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe
                            im Westen bis Ende September</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p362">362</ref>–<ref target="p366">366</ref></cell>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Der Kampf unserer Bundesgenossen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p367">367</ref>–<ref target="p389">389</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Bulgariens Zusammenbruch</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p367">367</ref>–<ref target="p377">377</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Der Sturz der türkischen Macht in Asien</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p377">377</ref>–<ref target="p383">383</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p383">383</ref>–<ref target="p389">389</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Unterstützung unserer Westfront <ref target="p384">384</ref>. Kämpfe in Albanien <ref target="p385">385</ref>.
                            Erstreben des Kriegsendes <ref target="p386">386</ref>. Graf Czernin <ref target="p386">386</ref>–<ref target="p388">388</ref>. Graf
                            Burian <ref target="p388">388</ref>. Letzte österreichische Friedensversuche <ref target="p389">389</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Dem Ende entgegen</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p390">390</ref>–<ref target="p402">402</ref></cell>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Vom 29. September zum 26. Oktober</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p390">390</ref>–<ref target="p397">397</ref></cell>
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                        <cell><hi rend="klein">Verhältnisse an der Kampffront <ref target="p390">390</ref>–<ref target="p391">391</ref>. Unser schwerster
                            Entschluß <ref target="p392">392</ref>–<ref target="p393">393</ref>. Unser Waffenstillstands- und
                            Friedensangebot <ref target="p394">394</ref>–<ref target="p395">395</ref>. Fortschreitender Zerfall der
                            Heimat <ref target="p396">396</ref>–<ref target="p397">397</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
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                        <cell cols="2"><hi rend="klein">Vom 26. Oktober zum 9. November</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p397">397</ref>–<ref target="p402">402</ref></cell>
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                        <cell cols="3"/>
                        <cell><hi rend="klein">Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen <ref target="p398">398</ref>–<ref target="p399">399</ref>.
                            Die höchste Spannung und das Zerreißen <ref target="p400">400</ref>–<ref target="p402">402</ref>.</hi></cell>
                        <cell/>
                    </row>
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                        <cell/>
                        <cell cols="3"><hi rend="klein; gesperrt">Mein Abschied</hi></cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p403">403</ref>–<ref target="p406">406</ref></cell>
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                    <cell cols="4">Personenverzeichnis</cell>
                        <cell rend="text-align: right"><ref target="p407">407</ref>–<ref target="p409">409</ref></cell>
                    </row>
                </table> 
                            </else>
                        </pgIf> 
                    </else>
                </pgIf>            
            </div>
        </front>
        <body>
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                <pb n="1"/><anchor id="p001"/>
                <index index="pdf" level1="Erster Teil: Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914"/>
                <head>Erster Teil</head>
                <head>Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914 </head>
                <pb n="2"/><anchor id="p002"/>
                <p/>
                <div rend="page-break-before:right">
                    <pb n="3"/><anchor id="p003"/>
                    <index index="pdf"/>
                <head>Meine Jugend</head>
                    <p> An einem Frühlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jähriger Knabe am
                        Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater
                        Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern
                        gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefühl heraus
                        stahlen sich Tränen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen „Waffenrock“
                        fallen. „In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen“ fuhr es mir
                        durch den Kopf; ich riß mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und mischte
                        mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden. </p>
                    <p> Soldat zu werden war für mich kein Entschluß, es war eine
                        Selbstverständlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken
                        einen Beruf wählte, war es stets der militärische gewesen. Der Waffendienst
                        für König und Vaterland war in unserer Familie eine alte Überlieferung. </p>
                    <p> Unser Geschlecht, die „Beneckendorffs“, entstammt der Altmark, wo es
                        urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem Zuge
                        der Zeit folgend, über die Neumark seinen Weg nach Preußen herauf. Dort
                        waren schon manche Träger meines Namens in den Reihen der Deutschritter als
                        Ordensbrüder oder „Kriegsgäste“ gegen die Heiden und Polen zu Felde gezogen.
                        Später gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem Osten durch Gewinn <pb n="4"/><anchor id="p004"/>von Grundbesitz noch inniger, während
                        diejenigen mit der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten
                        Jahrhunderts ganz aufhörten. </p>
                    <p> Der Name „Hindenburg“ trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem
                        Geschlecht in der neumärkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung getreten.
                        Auch die Großmutter meines im Regiment „von Tettenborn“ dienenden und in
                        Ostpreußen bei Heiligenbeil ansässigen Urgroßvaters war eine Hindenburg.
                        Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst unter Friedrich dem
                        Großen gekämpft hatte, vermachte seine beiden, in dem schon mit der
                        ostpreußischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, später aber Westpreußen
                        zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Güter Neudeck und Limbsee seinem
                        Großneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider Namen. Diese wurde von
                        König Friedrich Wilhelm&nbsp;II. genehmigt, und seitdem wird bei Abkürzung des
                        Doppelnamens die Benennung „Hindenburg“ angewendet. </p>
                    <p> Die Güter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch
                        Limbsee mußte, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veräußert
                        werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehört der
                        Witwe meines nächstältesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr jünger als ich
                        war, so daß unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander herliefen.
                        Auch er wurde Kadett und durfte seinem Könige lange Jahre als Offizier in
                        Krieg und Frieden dienen. </p>
                    <p> In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Großeltern. Jetzt ruhen sie,
                        wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen
                        Friedhof. Fast alljährlich kehrten wir bei den Großeltern, anfänglich noch
                        unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck
                        machte es mir dann, wenn mein Großvater, der bis 1801 im Regiment „von
                        Langenn“ gedient hatte, davon erzählte, wie er im Winter 1806/7 bei
                        Napoleon&nbsp;I. im nahen Schloß Finckenstein als Landschaftsrat um Erlaß von
                        Kontributionen bitten <pb n="5"/><anchor id="p005"/>mußte, dabei aber
                        kalt abgewiesen wurde. Auch von Durchmärschen und Einquartierung der
                        Franzosen in Neudeck hörte ich. Und mein Onkel von der Groeben, der an der
                        Passarge ansässig war, wußte von den Kämpfen an diesem Abschnitt im Jahre
                        1807 zu berichten. Die Russen drangen damals über die Brücke, wurden aber
                        wieder zurückgeworfen. Ein französischer Offizier, der mit seinen
                        Mannschaften das Gutshaus verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das
                        Fenster erschossen. Es fehlte nicht viel, dann hätten die Russen 1914 wieder
                        diese Brücke betreten. </p>
                    <p> Nach dem Tode meiner Großeltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir
                        fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Räumen, das Elternhaus.
                        Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe ich mich später
                        oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht. </p>
                    <p> So ist denn Neudeck für mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner
                        engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehört. Wohin mich auch
                        innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf führte, ich fühlte mich stets
                        als Altpreuße. </p>
                    <p> Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der Zeit
                        Leutnant im 18.&nbsp;Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des damals
                        auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart. </p>
                    <p> Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preußischen Landedelmannes
                        oder Offiziers in bescheidenen Verhältnissen, das in der Arbeit und
                        Pflichterfüllung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab naturgemäß unserm
                        ganzen Geschlecht sein Gepräge. Auch mein Vater ging daher völlig in seinem
                        Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit, sich Hand in Hand mit
                        meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder – ich hatte noch zwei jüngere
                        Brüder und eine Schwester – zu widmen. Das sittlich tief angelegte, aber
                        auch auf das praktische Leben gerichtete Wesen meiner teuren Eltern zeigte
                        auch nach außen hin eine vollendete Harmonie. In gegenseitiger <pb n="6"/><anchor id="p006"/>Ergänzung der Charaktere stand neben der ernsten,
                        vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die ruhigere
                        Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer Liebe zu uns,
                        und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller Übereinstimmung auf die
                        geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder ein. Es ist daher schwer zu
                        sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe, welche Richtung mehr vom Vater und
                        welche mehr von der Mutter gefördert wurde. Beide Eltern bestrebten sich,
                        uns einen gesunden Körper und einen kräftigen Willen zur Tat für die
                        Erfüllung der Pflichten auf den Lebensweg mitzugeben. Sie bemühten sich aber
                        auch, uns durch Anregung und Entwickelung der zarteren Seiten des
                        menschlichen Empfindens das Beste zu bieten, was Eltern geben können: den
                        vertrauensvollen Glauben an Gott den Herrn und eine grenzenlose Liebe zum
                        Vaterlande und zu dem, was sie als die stärkste Stütze dieses Vaterlandes
                        anerkannten, nämlich zu unserm preußischen Königstum. Der Vater führte uns
                        zugleich von früher Jugend an in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er
                        weckte in uns im Garten und auf Spaziergängen die Liebe zur Natur, zeigte
                        uns das Land und lehrte uns die Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit
                        erkennen und schätzen. Unter „uns“ verstehe ich hierbei außer mir meinen
                        nächstältesten Bruder. Die Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester
                        lag selbstredend mehr in Händen der Mutter, und mein jüngster Bruder trat
                        erst ins Leben, kurz bevor ich Kadett wurde. </p>
                    <p> Das Los des Soldaten, zu wandern, führte meine Eltern von Posen nach Köln,
                        Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein
                        Vater den Abschied und zog nach Neudeck. </p>
                    <p> Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Großvater
                        mütterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der
                        Schlacht bei Kulm als Militärarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande
                        erworben, weil er ein führerlos und <pb n="7"/><anchor id="p007"/>wankend
                        gewordenes Landwehrbataillon wieder geordnet und vorgeführt hatte. Meine
                        Großmutter mußte uns in späteren Jahren noch viel von der „Franzosenzeit“,
                        die sie in Posen als junges Mädchen durchlebt hatte, erzählen. Genau
                        entsinne ich mich eines hochbetagten Gärtners meiner Großeltern, der noch
                        14&nbsp;Tage unter Friedrich dem Großen gedient hatte. So fiel gewissermaßen auf
                        mich als Kind noch ein letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer
                        Vergangenheit. </p>
                    <p> Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen
                        übergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekämpfung dieser
                        Bewegung ausgerückt. Die Polen bemächtigten sich nun vorübergehend der
                        Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Führers Miroslawski
                        sollten alle Häuser illuminiert werden. Meine Mutter war außerstande, sich
                        diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurück und
                        tröstete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, daß gerade auf
                        diesen Tag, den 22.&nbsp;März, der Geburtstag des „Prinzen von Preußen“ fiel, so
                        daß die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem
                        galten. 23&nbsp;Jahre später war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu
                        Versailles Zeuge der Kaisererklärung Wilhelms&nbsp;I., des einstigen Prinzen von
                        Preußen. </p>
                    <p> Unser Aufenthalt in Köln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der
                        Kölner Zeit schwebt mir das Bild des mächtigen, jedoch noch unvollendeten
                        Domes vor. </p>
                    <p> In Pinne führte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als
                        überzähliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht sehr
                        beansprucht, so daß er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein
                        jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte. Er
                        unterrichtete mich bald in Geographie und Französisch, während mir der
                        Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre,
                        Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine <pb n="8"/><anchor id="p008"/>Vorliebe für Geographie, welche mein Vater
                        durch sehr anschauliche und anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten
                        Religionsunterricht erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter. </p>
                    <p> Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der
                        Erziehung ein Verhältnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden
                        unbedingter Autorität gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern
                        weit mehr das Gefühl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung unter
                        eine zu strenge Herrschaft wachrief. </p>
                    <p> Pinne ist ein kleines Städtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres
                        gehörte einer Frau von Rappard, in <anchor id="corr008"/><corr sic="derem">deren</corr> Hause wir viel verkehrten. Sie war
                        kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Nähe saß ihr Bruder, Herr von
                        Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen großer Kinderschar fand
                        ich mehrere liebe Spielgefährten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir
                        stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spätherbst 1914 den Ort von Posen
                        aus und betrat mit Rührung das kleine bescheidene Häuschen im Dorfteile, in
                        welchem wir einst ein so glückliches Familienleben geführt hatten. Der
                        jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen
                        Spielgefährten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen. </p>
                    <p> In die Glogauer Zeit fällt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte
                        dort vorher je zwei Jahre die Bürgerschule und das evangelische Gymnasium
                        besucht. Wie ich höre, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches
                        Andenken bewahrt, daß eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel an
                        meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner Freude
                        wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war. </p>
                    <p> Rückblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, daß meine
                        erste Erziehung auf die gesündeste Grundlage gestellt war. Ich fühlte daher
                        beim Abschied aus dem Elternhause, daß ich unendlich viel zurückließ, aber
                        ich empfand doch auch, daß mir unendlich viel auf den weiteren Lebensweg
                        mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben hindurch geblieben. Lange
                        durfte ich mich <pb n="9"/><anchor id="p009"/>der sorglichen, nimmermüden
                        Elternliebe, die sich später auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen.
                        Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater
                        ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen wurde. </p>
                    <p> Das Leben in dem preußischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl sagen,
                        bewußt und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung auf eine
                        gesunde Entwicklung des Körpers und des Willens gestellt. Tatkraft und
                        Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als Wissen. In dieser
                        Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine gewisse Stärke. Die
                        einzelne Persönlichkeit sollte und konnte sich auch in ihren gesunden
                        Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem Yorkschen Geiste in
                        jener Erziehung, ein Geist, der so oft von oberflächlichen Beurteilern
                        falsch aufgefaßt worden ist. Gewiß war York gegen sich wie gegen andere ein
                        harter Soldat und Erzieher, aber er war es auch, der für jeden seiner
                        Untergebenen das Recht und die Pflicht des freien selbständigen Handelns
                        forderte, wie er selbst diese Selbständigkeit gegen jedermann zum Ausdruck
                        brachte. Der Yorksche Geist ist daher nicht nur in seiner militärischen
                        Straffheit sondern auch in seiner Freiheit einer der kostbarsten Züge
                        unseres Heeres gewesen. </p>
                    <p> Für die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich vorherrschend
                        mit den alten Sprachen beschäftigt, habe ich nur wenig Verständnis. Der
                        praktische Nutzen für das Leben bleibt mir unklar. Als Mittel zum Zweck
                        betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen im Lehrplan viel
                        zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium gehören sie in
                        spätere Lebensjahre. Ich wünschte, auf die Gefahr hin, für einen Böotier
                        gehalten zu werden, daß in solchen Schulen auf Kosten von Latein und
                        Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch, Geographie und
                        Turnen mehr in den Vordergrund gestellt würden. Muß denn das, was im dunklen
                        Mittelalter das einzige war, an welches sich die Bildung anklammern <pb n="10"/><anchor id="p010"/>konnte, wirklich auch noch in heutigen
                        Tagen in erster Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kämpfen
                        und schwerer Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst
                        geschaffen? Bedürfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig
                        einnehmen zu können, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen? </p>
                    <p> Aus dem eben Gesagten soll keine Mißachtung des Altertums an sich
                        herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von früher Jugend an auf
                        mich eine große Anziehungskraft ausgeübt. Vornehmlich war es die der Römer,
                        welche mich fesselte. Sie hatte für mich etwas Gewaltiges, fast Dämonisches,
                        ein Eindruck, der mir in spätern Lebensjahren bei dem Besuche Roms besonders
                        lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin äußerte, daß mich dort
                        die Denkmäler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die Schöpfungen
                        italienischer Renaissance. </p>
                    <p> Roms kluges Erkennen der Vorzüge und Mängel völkischer Eigentümlichkeiten,
                        seine rücksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel
                        Freund und Feind gegenüber verschmähte, seine geschickt aufgemachte
                        tugendhafte Entrüstung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten, sein
                        Ausspielen aller Leidenschaften und Schwächen innerhalb der feindlichen
                        Völker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den germanischen Stämmen
                        gegenüber angewendet wurde und hier mehr nutzte als Waffengebrauch, fand
                        nach meinen späteren Erfahrungen sein Spiegelbild und seine Vervollkommnung
                        in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all diese Seiten
                        diplomatischer Kunst bis zur höchsten Verfeinerung und Welttäuschung
                        auszubauen. </p>
                    <p> Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter
                        meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine Auffassung
                        dahin aus, daß wir nicht so einseitig und undankbar sein dürfen, über der
                        Bewunderung für einen Alcibiades oder Themistokles, für die verschiedenen
                        Katos oder Fabier so manche derjenigen Männer ganz zu übersehen, die in der
                        Geschichte <pb n="11"/><anchor id="p011"/>unseres eigenen Vaterlandes eine
                        mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst für
                        Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung
                        leider wiederholt im Gespräch mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann bei
                        aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam. </p>
                    <p> Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und
                        Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebührt
                        vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich nach
                        Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm sich
                        meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren dem
                        Kadettenkorps entwachsen, fühlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern an
                        unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte überall
                        erfrischend und anregend und besaß obenein ein hervorragendes Lehrtalent. Er
                        hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre später in Berlin in
                        Selekta im Geländeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach weitern Jahren
                        die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den Generalstabsmajor
                        von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschäftigte sich schon als Leutnant mit
                        Kriegsgeschichte und gab uns manchmal während der sonntäglichen Spaziergänge
                        durch Anlage kleiner Übungen in geeignetem Gelände anschauliche Bilder über
                        den Gang der Schlachten, welche damals, 1859, in Oberitalien geschlagen
                        wurden, wie z.&nbsp;B. Magenta und Solferino. Später, in Berlin, regte er mich,
                        den Kadetten, auch bereits zum Studium der Kriegsgeschichte an und lenkte
                        dadurch mein jugendliches Interesse in Bahnen, die für meinen weiteren
                        Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch die Kriegsgeschichte der beste
                        Lehrmeister für die höhere Truppenführung. Als ich später in den Generalstab
                        versetzt wurde, gehörte ihm Oberstleutnant von Wittich auch noch an
                        bedeutsamer Stelle an, und schließlich sind wir beide sogar noch
                        gleichzeitig Kommandierende Generale, also Befehlshaber über Armeekorps,
                        gewesen. Das hatte der kleine Sextaner in Wahlstatt <pb n="12"/><anchor id="p012"/>nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in der
                        Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal versetzte,
                        weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte. </p>
                    <p> Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht
                        gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, daß sich das frische jugendliche Toben,
                        dem natürlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen Übermut
                        nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr geltend
                        machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern meist
                        verständnisvolle, milde Richter. </p>
                    <p> Ich selbst war zunächst keineswegs das, was man im gewöhnlichen Leben einen
                        Musterschüler nennt. Anfangs hatte ich eine aus früheren Krankheiten
                        zurückgebliebene körperliche Schwächlichkeit zu überwinden. Als ich dann
                        dank der gesunden Erziehungsart allmählich erstarkte, hatte ich anfänglich
                        wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst
                        langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren
                        bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schließlich unverdientermaßen
                        den Ruf eines besonders begabten Schülers einbrachte. </p>
                    <p> Bei allem Stolz, mit welchem ich mich „Königlicher Kadett“ nannte, begrüßte
                        ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit unendlichem Jubel.
                        Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders während des Winters,
                        freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel wechselten langsame
                        Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern Postfahrten ab. Aber
                        alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund bei der Aussicht, die
                        Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der Sehnsucht des Sohnes
                        schlug das Herz der Mutter am wärmsten entgegen. So entsinne ich mich noch
                        meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich war mit anderen Kameraden
                        die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der Post gefahren. Noch im Dunkeln
                        trafen wir, durch Schneefall verspätet, in Glogau ein. Da saß die liebe
                        Mutter in der schwach erleuchteten, kaum erwärmten sogenannten
                        Passagierstube an wollenen <pb n="13"/><anchor id="p013"/>Strümpfen
                        strickend, als wolle sie durch das Nachgeben gegenüber der Sehnsucht zu
                        einem ihrer Kinder die Vorsorge für das Wohl der anderen nicht versäumen. </p>
                    <p> In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen
                        Prinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich, und seiner
                        Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum ersten
                        Male Mitglieder unseres Königshauses. Noch nie hatten wir beim Parademarsch
                        unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran anschließenden
                        Vorturnen so halsbrecherische Übungen gemacht als an diesem Tage. Und von
                        der Güte und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir noch lange Zeit. </p>
                    <p> Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag König
                        Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem
                        schwergeprüften Herrscher habe ich also die preußische Uniform angelegt, die
                        bis an mein Lebensende mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der
                        verwitweten Gemahlin des Königs, der Königin Elisabeth, im Jahre 1865 als
                        Leibpage zugeteilt zu werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestät mir damals
                        schenkte, hat mich in drei Kriegen treulich begleitet. </p>
                    <p> Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das
                        dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstraße unweit des
                        Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preußens Hauptstadt kennen
                        und durfte jetzt endlich bei den Frühjahrsparaden mit Aufstellung Unter den
                        Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den Herbstparaden auf
                        dem Tempelhofer Felde meinen Allergnädigsten Herrn, König Wilhelm I., sehen. </p>
                    <p> Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der
                        Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Dänemark brach aus, und ein Teil
                        unserer Kameraden schied im Frühjahr von uns, um in die Reihen der
                        kämpfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das
                        jugendliche Alter daran, zu der <pb n="14"/><anchor id="p014"/>Zahl dieser
                        Vielbeneideten zu gehören. Mit welch heißen Wünschen die ausziehenden
                        Kameraden von uns begleitet wurden, bedarf keiner Schilderung. </p>
                    <p> Über die politischen Gründe, die zu dem Kriege führten, zerbrachen wir uns
                        den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, daß in
                        das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein
                        erfrischender Wind gefahren war, und daß die Tat wieder mehr gelten sollte
                        als das Wort und die Aktenbündel. Im übrigen verfolgten wir mit glühendem
                        Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens
                        der Einbringung der eroberten Geschütze und dem Siegeseinzug der Truppen als
                        Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefühl berechtigt zu sein, einen Teil
                        jenes Geistes in uns zu haben, der auf den dänischen Kampffeldern unsere
                        Truppen zum Erfolge führte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem kaum den
                        Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee führen
                        sollte? </p>
                    <p> Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glück zuteil, unserm
                        König persönlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das
                        Schloß geführt und hatten dort Seiner Majestät Namen und Stand des Vaters zu
                        nennen. Kein Wunder, daß da mancher in der Aufregung erst kein Wort
                        hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch
                        nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenüber gestanden, ihm noch nie so
                        scharf in das gütige Auge geblickt und seine Stimme gehört. Ernste Worte
                        sprach der König zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere
                        Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat
                        umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt. </p>
                    <p> Im Frühjahr 1866 verließ ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem
                        dieser militärischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persönlichen
                        Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute
                        mich immer der hoffnungsvollen jungen Kame<pb n="15"/><anchor id="p015"/>raden in des Königs Rock. Auch während des Weltkrieges nahm ich gern
                        Gelegenheit, Söhne meiner Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener
                        Kameraden bei mir als Gäste zu sehen. Ein günstiger Umstand gab mir sogar
                        Veranlassung, die Feier meines in den Krieg fallenden 70jährigen
                        Geburtstages damit zu beginnen, daß ich drei kleine Kadetten in Kreuznach
                        von der Straße weg an meinen mit eßbaren Geschenken reich besetzten
                        Frühstückstisch rufen lassen konnte. Sie traten vor mich hin, so wie ich die
                        Jugend liebe, frisch und unbefangen, leibhaftige Bilder längst vergangener
                        Zeiten, Erinnerungen an selbsterlebte Tage. </p>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="16"/><anchor id="p016"/>
                    <index index="pdf" level1="Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse"/>
                    <head>Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe</head>
                    <p> Am 7. April 1866 trat ich als „Sekondlieutenant“ in das 3.&nbsp;Garderegiment zu
                        Fuß ein. Das Regiment gehörte zu denjenigen Truppenteilen, die gelegentlich
                        der großen Vermehrung aktiver Verbände 1859/60 neu errichtet worden waren.
                        Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat, bereits im
                        Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines Truppenteiles
                        schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehörigen und liefert einen
                        Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewährt. Hierin liegt ein
                        unzerstörbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn, wie im letzten großen
                        Kriege, Regimenter wiederholt einen förmlichen Neuaufbau durchmachen mußten.
                        Übriggebliebene Reste des alten Geistes durchströmten die neuen Teile in
                        kurzer Zeit. </p>
                    <p> Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1.&nbsp;Garde-Regiment zu Fuß
                        hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den
                        besten Überlieferungen des damaligen preußischen Heeres entsprach. Das
                        preußische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Glücksgütern gesegnet,
                        und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Bedürfnislosigkeit. Das
                        Bewußtsein eines besonderen persönlichen Verhältnisses zu seinem König –
                        der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrückt – durchdrang
                        das Leben der Offiziere und entschädigte sie für manche materielle
                        Entbehrung. Diese ideale Auffassung war für die Armee von unschätzbarem
                        Vorteil. Das Wort „ich dien'“ hatte dadurch einen ganz besonderen Klang. </p>
                    <pb n="17"/><anchor id="p017"/>
                    <p> Vielfach wurde behauptet, daß eine solche Auffassung eine Absonderung der
                        Offiziere den anderen Berufsklassen gegenüber veranlaßt hätte. Ich habe
                        diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in höherem Maße gefunden wie
                        in jedem anderen Beruf, der auf sich hält und sich daher unter
                        Seinesgleichen am wohlsten fühlt. Ein in den Grundzügen wohl zutreffendes
                        Bild des damaligen Geistes innerhalb des preußischen Offizierskorps findet
                        sich in einer Abhandlung über den Kriegsminister von Roon. Dort wird das
                        Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest
                        und kräftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknöchert oder dem
                        allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung liberaler
                        Elemente, fachmännisch nüchtern aber auch fachmännisch reich. Gegen das alte
                        Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue der strammen
                        Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in den Söhnen der
                        alten monarchisch-konservativen Schichten Preußens gefunden. Es sei getragen
                        gewesen von einem starken Gefühl der staatlichen Macht, von einem
                        friderizianischen Zuge, der Preußen in seinem Heere neue Betätigung in der
                        Welt ersehnte. </p>
                    <p> Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen
                        die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten voraus.
                        Zwar war die Mobilmachung gegen Österreich noch nicht ausgesprochen, aber
                        der Befehl zur Erhöhung des Mannschaftsstandes war ergangen und in voller
                        Ausführung begriffen. </p>
                    <p> Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preußen und
                        Österreich bewegten sich unsere politischen und militärischen Gedankengänge
                        völlig in den Bahnen Friedrichs des Großen. Dementsprechend führten wir auch
                        in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten Mobilmachung verlegt
                        worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses unvergeßlichen Herrschers.
                        Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem Einmarsch in Böhmen <pb n="18"/><anchor id="p018"/>trug diesen Gedanken in seinem Schlußsatz mit den
                        Worten Rechnung: „Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, daß es gilt,
                        denselben Feind zu besiegen, den einst unser größter König mit einem kleinen
                        Heere schlug.“ </p>
                    <p> Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen
                        Österreich und uns, weil für beide Großmächte nebeneinander in dem damaligen
                        Bundesverhältnis keine freie Betätigungsmöglichkeit vorhanden war. Einer von
                        beiden mußte weichen, und da solches durch staatliche Verträge nicht zu
                        erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Über diese Auffassung hinaus
                        war von einer nationalen Feindschaft gegen Österreich bei uns keine Rede.
                        Das Gefühl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch ausschlaggebenden
                        deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark entwickelt, als daß sich
                        feindliche Empfindungen hätten durchsetzen können. Der Verlauf des Feldzuges
                        bewies dies auch mehrfach. Gefangene wurden von unserer Seite meist wie
                        Landsleute behandelt, mit denen man sich nach durchgefochtenem Streite gern
                        wieder verträgt. Die Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der
                        größte Teil der tschechischen Bevölkerung, zeigten uns meist ein derartiges
                        Entgegenkommen, daß sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie
                        in deutschen Manöverquartieren abspielte. </p>
                    <p> Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in
                        diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf viel
                        betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Böhmen ein. Und der
                        Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, führte uns am 28.
                        Juni in dem gleichen Gelände und in der nämlichen Richtung von Eipel auf
                        Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September 1747 während
                        der damaligen Schlacht bei Soor Preußens Garde inmitten der in den starren
                        Formen der Lineartaktik anrückenden Armee des großen Königs vorbewegt hatte. </p>
                    <pb n="19"/><anchor id="p019"/>
                    <p> Unser 2.&nbsp;Bataillon, bei dessen 5.&nbsp;Kompagnie ich den nach dem damaligen
                        Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schützenzug führte, hatte an
                        diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil wir den
                        taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor dem
                        Gefecht ausgesonderten Reserve gehörten. Immerhin hatten wir aber doch
                        wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehölz nordwestlich Burkersdorf mit
                        österreichischer Infanterie herumzuschießen und Gefangene zu machen, sowie
                        später ungefähr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde
                        ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre Fahrzeuge
                        abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die Regimentskasse,
                        welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere Grenadiere auf ihre
                        Bajonette gespießt in das Biwak bei Burkersdorf brachten, und das
                        Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des italienischen
                        Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12&nbsp;Jahren lernte ich
                        einen älteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in
                        österreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons
                        gestanden hatte. Er beichtete mir, daß er bei dieser Gelegenheit seine neue
                        Ulanka eingebüßt hätte, die für den Einzug in Berlin bestimmt gewesen war. </p>
                    <p> Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so mußte ich mich damit begnügen,
                        wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung
                        durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Berührung mit dem
                        Gegner ergreift. </p>
                    <p> Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am nächsten Tage sozusagen mit
                        der Rückseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit 60&nbsp;Grenadieren die
                        traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten abzusuchen und diese zu
                        beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch erschwert wurde, daß das Getreide
                        noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not erreichte ich, vielfach andere
                        Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben überholend, mit meinen Leuten am
                        Nachmittag mein Bataillon, das sich schon im Gros der Division <pb n="20"/><anchor id="p020"/>im Vormarsch nach Süden befand. Ich kam gerade
                        noch zur Zeit, um die Erstürmung des Elbüberganges von Königinhof durch
                        unsere Vorhut mit anzusehen. </p>
                    <p> Der 30.&nbsp;Juni versetzte mich in die nüchterne Wirklichkeit kriegerischen
                        Kleinkrams. Ich mußte mit schwacher Bedeckung etwa 30&nbsp;Wagen voll Gefangener
                        im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr leeren Fahrzeuge
                        Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach Königinhof
                        zurückkehren. Erst am 2.&nbsp;Juli früh konnte ich mich meiner Kompagnie wieder
                        anschließen. Es war hohe Zeit, denn schon der nächste Tag rief uns auf das
                        Schlachtfeld von Königgrätz. </p>
                    <p> Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der
                        Richtung auf die Festung Josephstadt ausgeführt hatte, standen wir am Morgen
                        des 3.&nbsp;Juli ziemlich ahnungslos im naßkalten Vorposten-Biwak am Südausgang
                        von Königinhof herum. Da ertönte das Alarmsignal, und bald darauf kam der
                        Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu sein. Aufmerksame
                        Lauscher konnten bald heftiges Geschützfeuer aus südwestlicher Richtung
                        vernehmen. Die Anschauungen über den Grund des Gefechtslärms waren geteilt.
                        Im allgemeinen überwog die Meinung, daß die von der Lausitz her in Böhmen
                        eingedrungene 1.&nbsp;Armee des Prinzen Friedrich Karl – wir gehörten zur 2. des
                        Kronprinzen – irgendwo auf ein vereinzeltes österreichisches Korps gestoßen
                        sei. </p>
                    <p> Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begrüßt. Sah doch der
                        Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glänzenden Erfolge, die das links
                        von uns vorgedrungene V.&nbsp;Armeekorps unter General von Steinmetz bisher
                        errungen hatte. Unter strömendem Regen, trotz kühler Witterung in Schweiß
                        gebadet, wateten wir mühsam in langgezogenen Kolonnen auf grundlosen Wegen
                        vorwärts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und steigerte sich bei
                        mir zu der Sorge, daß wir vielleicht zu spät kommen könnten. </p>
                    <pb n="21"/><anchor id="p021"/>
                    <p> Diese Besorgnis erwies sich bald als unnötig. Der Kanonendonner wurde,
                        nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hörbar.
                        Auch sahen wir gegen 11&nbsp;Uhr einen höheren Stab zu Pferde auf einer Anhöhe
                        neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Ferngläser nach Süden spähend.
                        Es war das Oberkommando der 2.&nbsp;Armee, an seiner Spitze unser Kronprinz, der
                        spätere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef, General von
                        Blumenthal, hat mir nach Jahren über diesen Augenblick folgendes erzählt: </p>
                    <p rend="zitat">„Gerade als die 1.&nbsp;Gardedivision auf unergründlichen Wegen an uns vorbeizog,
                        bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser mich daraufhin
                        fragend anblickte, fügte ich hinzu, daß ich ihm zur gewonnenen Schlacht
                        gratulieren wolle. Das österreichische Geschützfeuer schlüge überall nach
                        Westen, ein Beweis dafür, daß der Feind auf der ganzen Linie durch die
                        1.&nbsp;Armee gefesselt wäre, sodaß wir ihm jetzt in die Flanke und teilweise in
                        den Rücken kämen. Angesichts solcher Lage war nur noch anzuordnen, daß das
                        Gardekorps rechts, das VI.&nbsp;Korps links einer trotz des Nebels weithin
                        sichtbaren, von zwei mächtigen Lindenbäumen gekrönten, bei Horenowes
                        gelegenen Höhe weiter vorgehen sollten, während das I. und V.&nbsp;Korps, die
                        noch im Anmarsch auf das Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu
                        folgen hätten. Weiteres hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu
                        befehlen.“ </p>
                    <p> Unsere Bewegung wurde zunächst noch querfeldein fortgesetzt, dann
                        marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den Höhen
                        seitwärts Horenowes entgegengeschickt. Die österreichische Artillerie
                        bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten Geschosse verwundete
                        meinen Kompagnie-Führer, ein anderes tötete dicht hinter mir meinen
                        Flügelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate mitten in unsere
                        Kolonne ein und setzte 25&nbsp;Mann außer Gefecht. Als dann aber das Feuer
                        verstummte und die Höhen uns kampflos in die Hände fielen, weil es sich hier
                        nur <pb n="22"/><anchor id="p022"/>um eine aus der Überraschung heraus zum
                        Zwecke des Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes
                        gehandelt hatte, machte sich ein Gefühl der Enttäuschung geltend. Freilich
                        nicht für lange, denn bald öffnete sich uns der Einblick auf einen großen
                        Teil eines gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwärts von uns erhoben
                        sich in der trüben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer
                        1. und der gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschützfeuer
                        und die Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste
                        Färbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die
                        Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen.
                        Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun
                        bald aus südlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu können. Sie
                        sind später größtenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So
                        drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelände, der schwere, tiefe und
                        glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrüben gestatteten, vorwärts.
                        Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut
                        worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Züge begannen sich
                        ihre Gegner zu suchen; alles drängte nach vorwärts. Den Zusammenhang für
                        alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind! </p>
                    <p> Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon – eine damals sehr
                        beliebte Gefechtsformation – im Nebel und Getreide überraschend auf
                        feindliche, von Süden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das überlegene
                        Zündnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem Schützenzuge in
                        aufgelöster Ordnung folgend, stieß ich plötzlich auf eine österreichische
                        Batterie, die in rücksichtsloser Kühnheit herbeieilte, abprotzte und uns
                        eine Kartätschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel, die mir den Helm
                        durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich für kurze Zeit bewußtlos zusammen.
                        Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die Batterie ein. Fünf
                        Geschütze waren unser, die drei anderen entkamen. Das war ein <pb n="23"/><anchor id="p023"/>stolzes Gefühl, als ich hochaufatmend, aus
                        leichter Kopfwunde blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich
                        hatte nicht Zeit, auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jäger,
                        kenntlich an den Hahnenfedern auf ihren Hüten, tauchten im Weizen auf. Ich
                        wies sie ab und folgte ihnen bis zu einem Hohlwege. </p>
                    <p> Der Zufall wollte es, daß im Verlauf des letzten großen Krieges dieses mein
                        erstes Schlachterlebnis in Österreich bekannt wurde. Ein verabschiedeter
                        ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir infolgedessen aus
                        Reichenberg in Böhmen, daß er bei Königgrätz als Regimentskadett in der von
                        mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und belegte diese Tatsache durch
                        eine Skizze. Da er noch einige freundliche Worte hinzufügte, dankte ich ihm
                        herzlich, und so war zwischen den einstigen Gegnern ein recht
                        kameradschaftlicher Briefwechsel zustande gekommen. </p>
                    <p> Als ich den oben erwähnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die
                        feindlichen Jäger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Dörfer
                        – vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti – waren merkbar noch
                        in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekämpft. Ich selbst war mit
                        meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die
                        geschlossenen Abteilungen waren mir nicht südwärts gefolgt, sondern schienen
                        sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloß, meiner Einsamkeit auf dem
                        weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, daß ich mich in dem Hohlweg
                        nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel erreichte, brausten noch
                        mehrere österreichische Schwadronen, mich mit meiner Handvoll Leuten nicht
                        bemerkend, an mir vorüber. Sie überschritten vor mir den Hohlweg an einer
                        flachen Stelle und stießen kurze Zeit darauf, wie mir das lebhafte
                        Gewehrfeuer verriet, im Gelände nordöstlich Rosberitz auf mir unsichtbare
                        diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige Pferde zurück und
                        schließlich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich schickte noch einige
                        Kugeln <pb n="24"/><anchor id="p024"/>nach; die weißen Mäntel der Reiter
                        boten in der trüben Witterung gute Ziele. </p>
                    <p> Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestüm
                        vordrängende Züge und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division
                        waren daselbst auf sehr überlegene feindliche Kräfte geprallt. Hinter unsern
                        schwachen Abteilungen befanden sich zunächst keine Verstärkungen. Die Masse
                        der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen worden und
                        stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich mich am
                        Ostrande von Rosberitz glücklich wieder vereinigte, war daher die erste
                        Hilfe. </p>
                    <p> Wer mehr überrascht ist, die Österreicher oder wir, vermag ich nicht zu
                        beurteilen. Jedenfalls drängen die zusammengeballten feindlichen Massen von
                        drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So
                        fürchterlich unser Zündnadelgewehr auch wirkt, über die stürzenden ersten
                        Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen
                        zwischen den brennenden, strohbedeckten Häusern ein mörderisches
                        Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbänden ist keine Rede mehr. Jeder
                        sticht und schießt um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern
                        vom 1.&nbsp;Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Fähnrich von Woyrsch,
                        der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im <anchor id="corr024"/><corr sic="hin">hin-</corr> und herwogenden
                        Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir überbracht, damit diese
                        nicht etwa feindlichen Plünderern in die Hände fällt. Bald laufen wir
                        Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Rücken führenden
                        Seitengasse tönen österreichische Hornsignale, hört man die dumpfer als die
                        unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir müssen, auch in der Front
                        hart bedrängt, zurück. Ein brennendes Strohdach, das auf die Straße
                        herabstürzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt, rettet uns. Wir
                        entkommen unter diesem Schutz auf eine Höhe dicht nordöstlich des Dorfes. </p>
                    <pb n="25"/><anchor id="p025"/>
                    <p> Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurückgehen. Major Graf
                        Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuß, der 1870 vor Paris als Kommandeur
                        des Garde-Grenadierregiments Königin Augusta fiel, läßt als ältester
                        anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde
                        stecken; um diese geschart werden die Verbände wieder geordnet. Schon nahen
                        auch von rückwärts Verstärkungen. Und so geht es denn bald wieder mit
                        schlagenden Tambours vorwärts, dem Feinde entgegen, der sich mit der
                        Besitzergreifung des Dorfes begnügt hat. Auch dieses räumt er bald, um sich
                        der allgemeinen Rückzugsbewegung seines Heeres anzuschließen. </p>
                    <p> In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach
                        kurzer Zeit im Lazarett zu Königinhof seinen Wunden erlag. Seine treue
                        Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgeführt. Auch aus meinem Zuge
                        teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer
                        Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage später auf dem
                        Weitermarsch abends südwestlich der Festung Königgrätz Biwaks bezogen,
                        fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der Festung
                        hatte sie in der Richtung auf die preußischen Biwakfeuer hinausgeschickt, um
                        der Sorge ihrer Ernährung enthoben zu sein. Sie hatten das Glück, gerade
                        ihren eigenen Truppenteil vorzufinden. </p>
                    <p> Als Abschluß des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort,
                        bis wir das Schlachtfeld verließen. Der Arzt wollte mich wegen meiner
                        Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnügte mich aber in Erwartung
                        einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlägen und einem leichten
                        Verbande und durfte fortan auf den Märschen statt des Helmes die Mütze
                        tragen. </p>
                    <p> Eigenartige Gefühle waren es, welche mich am Abend des 3.&nbsp;Juli bewegten.
                        Nächst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze
                        Bewußtsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues Ruhmesblatt
                        in der Geschichte des preußischen Heeres und <pb n="26"/><anchor id="p026"/>des preußischen Vaterlandes geworden war. Übersahen wir auch noch nicht
                        die volle Tragweite unseres Sieges: daß es sich um mehr als in den
                        vorhergegangenen Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In
                        Treue gedachte ich der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte
                        die Hälfte seines Bestandes verloren, ein Beweis dafür, daß er seine
                        Schuldigkeit getan hatte. </p>
                    <p> Als wir am 6.&nbsp;Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbrücke
                        überschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns
                        seine Anerkennung über das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit
                        lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber
                        unserer Armee und Erben der Krone Preußens gespendete Lob, freudig bereit,
                        ihm zu neuen Kämpfen zu folgen. </p>
                    <p> Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Märsche und
                        somit keine erwähnenswerten Erlebnisse. Der am 22.&nbsp;Juli eintretende
                        Waffenstillstand traf uns in Niederösterreich, etwa 40&nbsp;km von Wien entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den
                        Rückmarsch in die Heimat antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die
                        Cholera. Erst allmählich verließ sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus
                        unseren Reihen gefordert zu haben. </p>
                    <p> An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Während dieser Zeit traf ich
                        mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem
                        Schlachtfelde von Königgrätz tätig war, in Prag. Wir ließen diese
                        Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres
                        großen Königs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom
                        preußischen Staat nach dem Befreiungskriege für den bei Prag gefallenen
                        Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden, das
                        bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph&nbsp;II., ein
                        Bewunderer Friedrichs des Großen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort
                        hatte setzen lassen. </p>
                    <p> Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf
                        des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt <pb n="27"/><anchor id="p027"/>doch ein Vergleich der Lage Preußens 1757 mit der
                        Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf Prag folgenden Kolin, so nötigte
                        nach der manchem Siege folgenden Marneschlacht das Scheitern unseres großen
                        Offensivgedankens das Vaterland zu einer verhängnisvollen Verlängerung des
                        Daseinskampfes. Aber während uns der Ausgang des siebenjährigen Ringens ein
                        mächtiges Preußen zeigt, erblicken wir am Ende des letzten vierjährigen
                        Verzweiflungskampfes ein gebrochenes Deutschland. Waren wir der Väter nicht
                        würdig gewesen? </p>
                    <p> Am 2.&nbsp;September überschritten wir in Fortsetzung des Rückmarsches die
                        böhmisch-sächsische Grenze, dann am 8.&nbsp;September auf der Chaussee
                        Großenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte begrüßte
                        uns. Durch sie kehrten wir unter den Klängen des „Heil Dir im Siegerkranz“
                        in die Heimat zurück. Mit welchen Gefühlen, bedarf keiner Erläuterung. </p>
                    <p> Am 20.&nbsp;September war der feierliche Einzug in Berlin. Die Paradeaufstellung
                        erfolgte auf dem jetzigen Königsplatz, damals einem sandigen Exerzierplatz.
                        Wo jetzt das Generalstabsgebäude steht, befand sich ein Holzhof, der mit der
                        Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg verbunden war. Krolls
                        „Etablissement“ gab es dagegen bereits. Vom Aufstellungsplatze weg rückte
                        die Einzugstruppe durch das Brandenburger Tor die Linden herauf zum
                        Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner Majestät dem König.
                        Blücher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren Postamenten zu. Sie
                        konnten mit uns zufrieden sein! </p>
                    <p> Zum Einrücken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am
                        Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden
                        4.&nbsp;Klasse mit Schwertern mit der Weisung überreicht, ihn sofort anzulegen,
                        weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich
                        mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine ältere
                        Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf meiner
                        Brust. So <pb n="28"/><anchor id="p028"/>oft ich in spätern Jahren, sei es
                        zu Fuß, sei es zu Pferde, über den Floraplatz kam, stets gedachte ich in
                        Dankbarkeit der freundlichen Berlinerin, die dem 18jährigen Leutnant dort
                        einst seinen ersten Orden angeheftet hat. </p>
                    <p> Nach dem Kriege wurde dem 3.&nbsp;Garderegiment Hannover als Friedensgarnison
                        zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine
                        Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12&nbsp;Jahren die
                        Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da war wohl
                        keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich selbst
                        hatte die schöne Stadt, die ich schon 1873 verlassen mußte, so lieb
                        gewonnen, daß ich mich später nach meiner Verabschiedung dorthin zurückzog. </p>
                    <p> Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknüpft. Manche
                        Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gründen gänzlich zurück.
                        Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie verurteilt, so
                        sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers in Preußen
                        durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten einzelner seinen
                        Schmerz nicht mit Würde trug, sondern sich in Ungezogenheiten, Beleidigungen
                        oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir in ihm einen Gegner. </p>
                    <p> Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in
                        glücklichster Weise die Vorteile einer Großstadt nicht mit den Nachteilen
                        einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche später,
                        nach dem französischen Kriege, dadurch ihren Höhepunkt erreichte, daß Ihre
                        Königlichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preußen und Gemahlin dort
                        jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzüglichen Hoftheaters ab,
                        der dem jungen Offizier für ein Billiges ermöglicht war. Herrliche
                        Parkanlagen und einer der schönsten deutschen Wälder, die Eilenriede,
                        umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuß
                        und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manövern <pb n="29"/><anchor id="p029"/>in der Provinz teil, anstatt zu den Herbstübungen des
                        Gardekorps nach Potsdam zu fahren, so lernten wir allmählich ganz
                        Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner anmutenden Eigenart kennen und
                        schätzen. Der kleine Dienst spielte sich auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe
                        ich drei Jahre hintereinander meine Rekruten ausgebildet und in einer der an
                        diesem Platz gelegenen Kasernen meine erste Dienstwohnung, Wohn- und
                        Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt versetze ich mich gern, wenn ich diesen
                        Stadtteil betrete, in Gedanken in die goldene Jugendzeit zurück. Fast alle
                        meine damaligen Kameraden sind schon bei der großen Armee versammelt. Meinen
                        mehrjährigen Kompagniechef, Major a.&nbsp;D. von Seel, durfte ich jedoch noch
                        kürzlich wiedersehen. Ich verdanke dem jetzt mehr als 80jährigen unendlich
                        viel; war er mir doch ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster
                        Dienstauffassung. </p>
                    <p> Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestät der König zum ersten Male Hannover.
                        Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im Georgspark
                        und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglückt, bei welcher
                        Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient hätte. In spätern Jahren,
                        nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz für 1870/71 erworben hatte, hat mein
                        Kaiser und König die gleiche Frage noch manchesmal bei Versetzungs- und
                        Beförderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets durchzuckte es mich dann mit
                        ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie damals. </p>
                    <p> Immer fester fügten sich die staatlichen, militärischen und sozialen
                        Verhältnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue Provinz
                        auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbürtiger Bestandteil Preußens bewähren! </p>
                    <p> Bei Ausbruch des Krieges 1870 rückte ich als Adjutant des 1.&nbsp;Bataillons ins
                        Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzüge von 1864 und
                        1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein kriegserprobter
                        altpreußischer Soldat <pb n="30"/><anchor id="p030"/>von rücksichtsloser
                        Energie und unermüdlicher Fürsorge für die Gruppe. Unsere gegenseitigen
                        Beziehungen waren gute. </p>
                    <p> Der Beginn des Feldzuges brachte für das Regiment, wie für das ganze
                        Gardekorps, insofern schmerzliche Enttäuschungen, als wir in wochenlangen
                        Märschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel
                        oberhalb Pont à Mousson überschritten und beinahe die Maas erreicht hatten,
                        riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17.&nbsp;August in die dortige Gegend.
                        Wir bogen nach Norden ab und trafen nach außerordentlich anstrengendem
                        Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von Vionville ein. Die
                        Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und
                            X.&nbsp;Armeekorps am vorhergehenden Tage traten
                        uns allenthalben vor die Augen. Über die Kriegslage erfuhren wir soviel wie
                        nichts. So marschierten wir auch am 18. August von unseren Biwakplätzen bei
                        Hannonville westlich Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage
                        hinein und erreichten gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhältnismäßig
                        kurze Marsch, ausgeführt in dichten Massenformationen unter unliebsamer
                        Kreuzung mit dem sächsischen (XII.)&nbsp;Korps, in
                        glühender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne die Möglichkeit genügender
                        Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage, war zu einer großen
                        Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch erst das Grab eines
                        bei den 2.&nbsp;Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem Friedhof von Mars la
                        Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, über das Angriffsfeld der
                        38.&nbsp;Infanteriebrigade und des 1.&nbsp;Garde-Dragoner-Regiments zu reiten.
                        Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preußen wie Franzosen,
                        in und nördlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein mörderischer Kampf hier
                        auf den allernächsten Entfernungen geführt worden war. </p>
                    <p> Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Gerüchte, daß Bazaine
                        nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich. Die
                        Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Plötzlich beginnt in
                        östlicher Richtung eine gewaltige <pb n="31"/><anchor id="p031"/>Kanonade.
                        Das IX.&nbsp;Korps ist auf den Feind gestoßen. Der
                        Gefechtslärm belebt auch bei uns alles. Die Nerven beginnen sich neu zu
                        spannen, das Herz wieder stärker und freudiger zu schlagen. Der Weitermarsch
                        in nordöstlicher Richtung wird angetreten. Der Eindruck, daß es sich heute
                        um eine gewaltige Schlacht handle, verstärkt sich von Minute zu Minute. Wir
                        marschieren auf und erhalten in der Nähe von Batilly den Befehl, die Fahnen
                        zu enthüllen. Es geschieht unter dreifachem Hurra; ein ergreifender
                        Augenblick! Fast gleichzeitig galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach
                        Osten vor, heran an die gegnerischen Stellungen. Immer mächtiger entwickelt
                        sich das Schlachtenbild. Über den Höhen von Amanweiler bis halbwegs gegen
                        St. Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren
                        Linien hinter- und zugleich übereinander steht dort oben feindliche
                        Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorläufig mit ganzer Wucht gegen
                        das IX.&nbsp;Armeekorps gerichtet. Dies wird
                        anscheinend auf seinem linken Flügel vom Gegner überragt. Einzelheiten sind
                        nicht zu erkennen. </p>
                    <p> Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden,
                        wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fünf Kilometer gleichlaufend
                        zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chênes. Das Dorf wird
                        von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf Auboué
                        marschierenden XII.&nbsp;Korps angegriffen und besetzt.
                        Nach Gewinnung von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht südlich des
                        Dorfes, mit der Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige
                        Ruhe. Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schützen
                        schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant
                        von Helldorff, vom 1.&nbsp;Garderegiment, wird in meiner Nähe erschossen; sein
                        Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Königgrätz in
                        Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet. </p>
                    <pb n="32"/><anchor id="p032"/>
                    <p> Ich betrachte mir die Lage. In östlicher Richtung, fast in der rechten
                        Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmählich ansteigenden Höhe
                        St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux Chênes
                        durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden. Das
                        Gelände nördlich dieser Straße ist durch die Baumreihen großenteils der
                        Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie das Feld
                        südlich der Chaussee. Auf den Höhen selbst herrscht eine fast unheimliche
                        Stille. Unwillkürlich strengt sich das Auge an, dort vermutete Geheimnisse
                        zu entdecken. Ihnen durch Aufklärung den Schleier zu nehmen, scheint man auf
                        unserer Seite nicht für nötig zu halten. So bleiben wir denn ruhig liegen. </p>
                    <p> Gegen 5½&nbsp;Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir
                        sollen hart östlich Ste. Marie vorbei in nördlicher Richtung antreten und
                        dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das
                        Bedenken, daß diese künstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten
                        Flanke gefaßt würde, drängt sich sofort auf. </p>
                    <p> Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelände um St.
                        Privat lebendig und hüllt sich in den Qualm feuernder französischer Linien.
                        Die nicht zu unserer Division gehörige 4.&nbsp;Gardebrigade geht nämlich bereits
                        südlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher vorläufig die ganze
                        Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe würde in kürzester Zeit zur
                        Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1.&nbsp;Gardebrigade, nicht baldmöglich
                        nördlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung schaffen würden.
                        Freilich, dort hinüberzukommen, erscheint fast unmöglich. Mein Kommandeur
                        reitet mit mir vor, um das Gelände einzusehen und dem Bataillon im Rahmen
                        der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein ununterbrochener Feuerorkan
                        fegt jetzt auch gegen uns über das ganze Feld. Doch wir müssen versuchen,
                        die eingeleitete Bewegung durchzuführen. Es gelingt uns auch, die Straße zu
                            über<pb n="33"/><anchor id="p033"/>schreiten. Jenseits dieser nehmen
                        die sich dicht drängenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien
                        und stürzen, sich auseinanderziehend, vorwärts gegen St. Privat. Alles
                        strebt danach, so nahe als möglich an den Gegner heranzukommen, um die dem
                        Chassepot gegenüber minderwertigen Gewehre brauchen zu können. Der Vorgang
                        wirkt ebenso erschütternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein
                        Hagelwetter vorstürmenden Massen bedeckt sich das Gelände mit Toten und
                        Verwundeten, aber die brave Truppe drängt unaufhaltsam vorwärts. Immer und
                        immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald von
                        den tüchtigsten Grenadieren und Füsilieren ersetzt werden müssen, auf- und
                        vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General des
                        Gardekorps, Prinz August von Württemberg, zu Pferde am Ortsausgang von Ste.
                        Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen
                        Regimenter sich hineinstürzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm
                        gegenüber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat gestanden
                        haben. </p>
                    <p> Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordöstlich Ste. Marie
                        herauszubringen und ihm die für den Kampf notwendige Armfreiheit zu
                        schaffen, läßt mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St.
                        Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunächst in einer Falte des Geländes
                        die bisherige nördliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher
                        Deckung so weit seitlich heraus, daß wir nach dem Einschwenken den linken
                        Flügel der Brigade bilden. In diesem Verhältnis gelangen wir unter
                        zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt. </p>
                    <p> Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken
                        können, müssen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboué aus noch nicht
                        erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von
                        Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbrüchen östlich des
                        Dorfes französische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei
                        Kompagnien meines Bataillons <pb n="34"/><anchor id="p034"/>nach Roncourt
                        zu führen. Bald darauf unternimmt der Gegner einen Angriff aus den
                        Steinbrüchen, welcher abgewiesen wird. Nunmehr können sich die beiden andern
                        Kompagnien ohne Besorgnis für Flanke und Rücken gegen den Nordeingang von
                        St. Privat wenden, um dem schweren frontalen Kampf der übrigen Teile der
                        Brigade wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Später, nachdem
                        Roncourt von Teilen des XII.&nbsp;Korps besetzt worden
                        ist, ziehen sich auch unsere beiden dort verwendeten Kompagnien heran. </p>
                    <p> In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von
                        feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus
                        mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen Angriffsfeld
                        niederzudrücken versucht. Auf unserer Seite eine lückenreiche Linie loser
                        Truppentrümmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen, sondern wie in
                        krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu stürzen
                        versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen, aufs
                        äußerste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoß unsere Truppen wieder
                        zurückschleudern würde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen nicht über
                        das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie nördlich um St.
                        Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen. </p>
                    <p> Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschöpft und
                        liegen sich, nur wenig feuernd, gegenüber. Die Waffenruhe auf dem
                        Schlachtfelde ist so ausgesprochen, daß ich vom linken Flügel bis fast zur
                        Mitte der Brigade und zurück in der Feuerlinie entlang reite, ohne das
                        Gefühl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermürbungsarbeit
                        unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich außerdem die
                        frischen Kräfte der 2.&nbsp;Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten
                        begriffenen Reste der 4. und 1. ein, während von Nordwesten auch sächsische
                        Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie <pb n="35"/><anchor id="p035"/>lag, wird fühlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur
                        Tod und Verderben zu sein schien, rührt sich neues Kampfesleben, zeigt sich
                        neuer Kampfeswille, der schließlich im Sturm auf den Feind seinen
                        heldenhaften Abschluß findet. Es ist ein unbeschreiblich ergreifender
                        Augenblick, als sich bei sinkender Abendsonne unsere vordersten Kampflinien
                        zum letzten Vorbrechen erheben. Kein Befehl treibt sie an, das gleiche
                        seelische Empfinden, der eherne Entschluß zum Erfolg, ein heiliger
                        Kampfesgrimm drängt nach vorwärts. Dieser unwiderstehliche Zug reißt alle
                        mit sich fort. Das Bollwerk des Gegners stürzt bei Einbruch der Dunkelheit.
                        Ein ungeheuerer Jubel bemächtigt sich unser. </p>
                    <p> Als ich spät Abends die Reste unseres Bataillons zählte und dann am andern
                        Morgen die noch viel schwächern Trümmer der übrigen Teile meines Regimentes
                        wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere Seiten
                        menschlichen Gefühles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an das, was
                        im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg gekostet
                        hat. Das 3.&nbsp;Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von 36&nbsp;Offizieren,
                        1060&nbsp;Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon tot 17&nbsp;Offiziere
                        und 304&nbsp;Mann. Ähnliche Zahlen ergaben sich bei allen
                        Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten großen Krieges sind
                        Gefechtsverluste in der Höhe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten,
                        innerhalb unserer Infanterieregimenter häufig geworden. Ich konnte aus
                        meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das für die Truppe bedeutet.
                        Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kräfte sinken da ins Grab!
                        Welch ein herrlicher Geist muß aber andererseits in unserem Volke lebendig
                        gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee weiter
                        kampfkräftig zu erhalten! </p>
                    <p> Am 19.&nbsp;August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags marschierten
                        wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur, Generalleutnant von Pape,
                        sprach uns unterwegs seine Anerkennung für unsere Erfolge aus und betonte,
                        daß wir damit aber nur unsere <pb n="36"/><anchor id="p036"/>Pflicht und
                        Schuldigkeit getan hätten. Er schloß mit den Worten: „Im übrigen gilt für
                        uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur Rechten,
                        ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!“ Ein donnerndes Hurra auf
                        Seine Majestät den König war unsere Antwort. </p>
                    <p> Welche militärische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen mag,
                        er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Größe. Sie liegt in
                        dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis ertrug und
                        schließlich siegreich überwand. Dieses Gefühl war für uns in der Erinnerung
                        an den 18.&nbsp;August fortan ausschlaggebend. Die ernste Stimmung, die sich
                        durch die Schlacht unserer Mannschaften bemächtigt hatte, verflüchtigte sich
                        bald; dafür erhielt sich der Stolz auf die persönlichen Leistungen und die
                        Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen Tag. Noch im Jahre 1918 feierte
                        ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag von St. Privat mit dem
                        3.&nbsp;Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines Königs wieder angehörte.
                        Mehrere „alte Herren“, Mitkämpfer von 1870, darunter auch der früher
                        erwähnte Major a.&nbsp;D. von Seel, waren zu dem Gedenktag aus der Heimat an die
                        Front geeilt. Es war das letztemal, daß ich das stolze Regiment gesehen
                        habe! </p>
                    <p> Wie ich höre, sind die Denkmäler der preußischen Garde auf den Höhen von St.
                        Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies wirklich
                        wahr sein, so glaube ich nicht, daß solche Tat geeignet ist, deutsches
                        Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere und Soldaten
                        vor französischen Kriegsdenkmälern, auch wenn sie auf deutschem Boden
                        standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die Achtung vor
                        gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden. </p>
                    <p> Nach der Schlacht übernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige
                        unverwundete Stabsoffizier die Führung des Regiments. Ich blieb auch in der
                        neuen Stellung sein Adjutant. </p>
                    <pb n="37"/><anchor id="p037"/>
                    <p> Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwürdigen Abschluß
                        fand, brachte wenig Bemerkenswertes für mich. Das Vorspiel, die Schlacht bei
                        Beaumont, durchlebten wir am 30.&nbsp;August in der Reserve stehend nur als
                        Zuschauer. Auch am 1.&nbsp;September verfolgte ich den Gang der Schlacht
                        vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps bildete den
                        nordöstlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des Tages um die
                        Armee Mac Mahons schloß. Die 1.&nbsp;Gardebrigade stand im besondern von morgens
                        bis nachmittags hinter den östlich des Grundes von Givonne gelegenen Höhen
                        abwartend bereit. Ich benutzte diese Untätigkeit dazu, mich zu den am
                        Höhenrande in langer Linie aufgefahrenen Gardebatterien zu begeben, welche
                        ihre Geschosse über den Grund hinweg in die auf den jenseitigen, meist
                        bewaldeten Höhen stehenden Franzosen schleuderten. Von hier hatte man einen
                        beherrschenden Blick auf die ganze Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall
                        gegen die Maas. Im besondern lag das Höhengelände von Illy und die
                        französische Stellung westlich des Givonne-Baches einschließlich des Bois de
                        la Garenne zum Greifen nahe vor mir. Die Katastrophe der französischen Armee
                        entwickelte sich also geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie
                        der deutsche Feuerkreis sich allmählich um den unglücklichen Gegner schloß,
                        und wie die Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an völlig aussichtslose
                        Versuche machten, durch einzelne Vorstöße unsere Umklammerung zu
                        durchbrechen. Für mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am
                        Tage vor der Schlacht hatte ich nämlich beim Durchmarsch durch Carignan von
                        einem gesprächigen französischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten
                        eine Reitpeitsche kaufte, erfahren, daß der französische Kaiser bei seiner
                        Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am
                        Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen
                        Vernichtung die Äußerung tat: „In diesem Kessel befindet sich auch
                        Napoleon“, wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich später meine Ansicht
                        bestätigte, war groß. </p>
                    <pb n="38"/><anchor id="p038"/>
                    <p> Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer größeren Gefechtstätigkeit.
                        Wir folgten gegen 3&nbsp;Uhr nachmittags dem 1.&nbsp;Garderegiment über den
                        Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem französischen Widerstand
                        durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie schon die Waffe aus der
                        Hand geschlagen worden. Es handelte sich eigentlich nur noch darum, den
                        Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm die Aussichtslosigkeit weiteren
                        Widerstandes recht nachdrücklich vor die Augen zu führen. Die
                        Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an dem Nordostrand des Bois
                        de la Garenne sah, übertrafen alle Schrecken, die mir je auf Schlachtfeldern
                        entgegengetreten sind. </p>
                    <p> Schon zwischen 4 und 5&nbsp;Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die
                        Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuß fiel noch gegen Abend und eine
                        Kugel pfiff über uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang dort
                        ein Turko mit drohender Gebärde sein Gewehr und verschwand dann mit langen
                        Sätzen im Dunkel der Bäume. </p>
                    <p> Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit
                        dem Gefühle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Träumte
                        doch jeder, nachdem das „Nun danket alle Gott“ verklungen war, von einem
                        baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttäuscht. Der Krieg
                        ging weiter. Diese Fortsetzung des französischen Widerstandes nach der
                        Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnütze französische
                        Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht beipflichten
                        und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall nicht versagen
                        können. Zeigte sich doch darin, daß die französische Republik die Waffen da
                        aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen gezwungen war, meiner Ansicht
                        nach nicht nur ein vorbildlicher patriotischer Geist sondern auch ein weiter
                        staatsmännischer Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, daß Frankreich mit
                        einem Versagen seines Widerstandswillens in diesem <pb n="39"/><anchor id="p039"/>Augenblick den größten Teil seiner völkischen Würde und
                        damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft preisgegeben hätte. </p>
                    <p> Der 2.&nbsp;September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem wir
                        die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee
                        verdankten, und nachmittags den unseres Königs und Kriegsherrn. Von dem
                        beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich
                        kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und
                        Glied zu halten. Sie umringten ihren heißgeliebten Herrn und küßten ihm
                        Hände und Füße. Seine Majestät sah seine Garden zum ersten Male in diesem
                        Feldzuge; er dankte uns tränenden Auges für das, was wir bei St. Privat
                        geleistet hatten. Das war reicher Lohn für jene schweren Stunden! Im Gefolge
                        des Königs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe am Ende
                        der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra, das er
                        schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen. </p>
                    <p> Am 3.&nbsp;September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen
                        und alle noch außerhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese
                        hineinzudrängen. Hierdurch sollte verhindert werden, daß die sich zahlreich
                        im Vorgelände herumtreibenden Gegner verleitet würden, die massenhaft
                        umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch aussichtslosen
                        Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois de la Garenne
                        bis auf die Höhen dicht über der Stadt. Die die Landschaft belebenden
                        Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Mänteln und Decken, welche
                        sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen des Regiments
                        wurde daher unnötig; einige Patrouillen anderer Truppenteile, die in der
                        Nähe biwakierten, genügten. Als ich dem mir nachfolgenden Regiment mit
                        dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehölz auf der nach Norden führenden
                        Chaussee eine Staubwolke. Ein französischer Militärarzt, der vor der in ein
                        Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme stand und mich ein Stück Weges
                        begleitete, <pb n="40"/><anchor id="p040"/>sagte mir, daß sich in dieser
                        Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befände, um
                        nach Belgien zu fahren. Wäre ich nur zwei Minuten eher an die Straße
                        gekommen, dann hätte ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein können. </p>
                    <p> Am Abend dieses Tages verließen wir das Schlachtfeld und rückten in nahe
                        Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den Vormarsch
                        auf Paris an. Dieser führte uns zunächst über das Schlachtfeld von Beaumont
                        und später durch Gegenden, welche im letzten großen Kriege der Schauplatz
                        schwerer Kämpfe gewesen sind. Am 11. und 12.&nbsp;September lag das Regiment in
                        Craonne und Corbény, zwei freundlichen Städtchen am Fuße des Winterberges.
                        Und am 28.&nbsp;Mai 1918 stand ich während der Schlacht bei Soissons-Reims neben
                        meinem Allerhöchsten Kriegsherrn auf ebendemselben Winterberge. Ich machte
                        Seine Majestät darauf aufmerksam, daß ich vor 48&nbsp;Jahren dort unten im
                        Quartier gelegen hätte. Von den beiden Orten waren kaum noch Trümmer
                        übriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der Marktecke in Corbény gewohnt
                        hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr herauszufinden. Auch der
                        Winterberg, 1870 ein grüner, teilweise bewaldeter Rücken, zeigte nur kahle,
                        steile Kalkhänge, von denen Geschosse, Hacke und Spaten die letzte Erdkrume
                        entfernt hatten. Ein bei aller damaliger Siegesfreude trauriges Wiedersehen! </p>
                    <p> Am 19.&nbsp;September sahen wir von der Hochfläche bei Gonesse aus, 8&nbsp;km nordöstlich St. Denis, zum ersten Male die
                        französische Hauptstadt. Die vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und
                        anderer Kirchen funkelten im Morgensonnenstrahl. Ich glaube, daß die
                        Kreuzfahrer einst mit ähnlichen Gefühlen auf Jerusalem geblickt haben, wie
                        wir jetzt auf das zu unseren Füßen liegende Paris. Früh um 3&nbsp;Uhr waren wir
                        im Dunkeln aufgebrochen und lagen nun den ganzen schönen Herbsttag über auf
                        den Stoppelfeldern zum Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den
                        Nachbardivisionen das Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf
                            <pb n="41"/><anchor id="p041"/>Schwierigkeiten stoßen sollte. Erst am
                        späten Nachmittag durften wir in die Quartiere einrücken. Wir lagen in der
                        nächsten Zeit in Gonesse, welches übrigens dadurch historischen Wert erlangt
                        hat, daß dort 1815 Blücher und Wellington beim Eintreffen vor Paris
                        zusammengekommen waren, um über die Fortführung der Operationen zu beraten. </p>
                    <p> Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang
                        recht anstrengenden und undankbaren Einschließungsdienst auszuüben, der an
                        unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen wurde.
                        In die Eintönigkeit solcher Tätigkeit brachte erst die Weihnachtszeit mit
                        der Beschießung der Forts eine militärisch belebende Zugluft. </p>
                    <p> Die Mitte des Januar brachte dann für mich ein besonderes Erleben. Ich wurde
                        mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur Kaiserproklamation nach
                        Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich am 16.&nbsp;Januar abends. Noch
                        in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15&nbsp;km
                        entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee
                        für die Unterbringung aller aus östlichen Quartieren kommenden Abordnungen
                        gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. über St. Germain nach
                        Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40&nbsp;km weiten Weg nicht zurücklegen, weil ich Gepäck mit mir führen
                        mußte. Da setzte ich mich denn mit meinem Sergeanten und Burschen kurz
                        entschlossen auf den Packwagen der Leibkompagnie des 1.&nbsp;Garderegiments, die
                        mit mir im gleichen Ort lag und auch nach Versailles befohlen war. Im
                        Schritt ging es so bei starker Kälte durch nächtliche Finsternis nach
                        Margency, wo uns in einer Villa geheizte Kamine, gutes Strohlager und Tee
                        erwarteten. </p>
                    <p> Am 18. früh eröffnete mir der Führer der Leibkompagnie, daß er soeben
                        angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment
                        zurückzukehren. Glücklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer
                        Kamerad mit auf seinen zweiräderigen <pb n="42"/><anchor id="p042"/>Wagen,
                        und auch mein Sergeant fand irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir
                        denn an klarem Wintermorgen unserm nächsten Ziele, St. Germain, entgegen.
                        Aber mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser
                        vollgepackter Dogcart verlor plötzlich ein Rad, und wir lagen vollzählig auf
                        der Landstraße. Zum Glück fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede,
                        die den Schaden beseitigte, so daß wir uns in St. Germain bei einem
                        Frühstück in dem auf der Terrasse über der Seine herrlich gelegenen
                        „Pavillon d'Henri quatre“ den übrigen Mitreisenden wieder anschließen
                        konnten. Ein eigentümlicher Wagenzug war es, der dann im Strahl der
                        untergehenden Sonne seinen Einzug in Versailles hielt. Alle Arten von
                        Fahrzeugen waren vertreten, wie man sie in den Schlössern, Villen und
                        Bauernhöfen um Paris auftreiben konnte. Den meisten Eindruck machte ein
                        Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier des Tages rechts und links von
                        seinem Sitz eine große preußische Fahne – deutsche gab es ja noch nicht –
                        aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes Quartier bei einer freundlichen
                        alten Dame in der Avenue de Paris auf, und der Abend vereinigte uns zu einem
                        langentbehrten Souper im Hotel des Reservoirs. </p>
                    <p> Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war für mich reich an Eindrücken.
                        Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte selbstredend die Person
                        meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine ruhige, schlichte, alles
                        beherrschende Würde gab der Feier eine größere Weihe als aller äußere Glanz.
                        Die herzenswarme Begeisterung für den erhabenen Herrscher war aber auch bei
                        allen Teilnehmern, welchem deutschen Volksstamme sie auch angehörten, gleich
                        groß. Die Freude über das „Deutsche Reich“ brachten wohl unsere süddeutschen
                        Brüder am lebhafteren zum Ausdruck. Wir Preußen waren darin zurückhaltender,
                        aus historischen Gründen, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon
                        hatten erkennen lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff
                        war. Das sollte fortan anders werden! </p>
                    <pb n="43"/><anchor id="p043"/>
                    <p> Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei
                        Seiner Majestät dem Kaiser in der Präfektur befohlen. Wir übrigen waren
                        Gäste des Kaisers im Hotel „de France“. </p>
                    <p> Der 19.&nbsp;Januar begann mit einer Besichtigung des alten französischen
                        Königsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden
                        Gemäldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns
                        plötzlich Kanonendonner in die Stadt zurück. Die Besatzung von Versailles
                        war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den
                        großen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den
                        Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir
                        dann die Rückfahrt an, und spät in der Nacht erreichte ich wieder mein
                        Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8&nbsp;km
                        nördlich St. Denis, dankbar dafür, daß ich den großen geschichtlichen
                        Augenblick hatte miterleben und meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln dürfen. </p>
                    <p> Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte große Kraftäußerung
                        Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris und am 28. der
                        allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Übergabe der Forts wurde unsere
                        Brigade westwärts in die zwischen dem Mont Valerien und St. Denis gelegene
                        Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schön gelegene Quartiere hart am
                        Flußufer, Paris gegenüber in der Nähe des Pont de Neuilly. </p>
                    <p> Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflächlich
                        kennenzulernen. Am 2.&nbsp;März morgens ritt ich in Begleitung einer
                        Gardehusaren-Ordonnanz über die eben genannte Brücke nach dem Triumphbogen.
                        Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein Freund, der damalige
                        Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in Paris einrückte. Dann ritt
                        ich die Champs Elysées herunter über die Place de la Concorde und durch die
                        Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre, schließlich an der Seine entlang
                        und durch den Bois de Boulogne wieder nach Hause. Ich ließ auf <pb n="44"/><anchor id="p044"/>diesem Wege die geschichtlichen Denkmäler einer
                        reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner,
                        die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung. </p>
                    <p> So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit
                        entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Völkern gegenüber;
                        trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten
                        nicht. So hat das französische Volk zwar für mich ein zu lebhaftes und daher
                        zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem Elan,
                        der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig lebendig
                        werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schätze ich es, daß
                        kraftvolle Persönlichkeiten so hinreißend auf die Masse zu wirken und sie
                        derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermögen, daß die französische Nation
                        imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterländischen Ideal jegliche Art von
                        Sonderinteressen bis zur völligen Hinopferung zurückzustellen. In
                        eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten großen Kriege oft bis zum
                        Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament
                        entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene. </p>
                    <p> Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und
                        unendliche Freude, vor seinem Kaiser und König auf den Longchamps in Parade
                        zu stehen. In alter preußischer Strammheit defilierten die kampferprobten
                        Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie jederzeit bereit
                        waren, erneut ihr Leben für den Schutz und die Ehre des Vaterlandes
                        einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er vorher andern
                        Armeekorps beschieden gewesen war, kam es für uns nicht mehr, weil
                        inzwischen der Präliminarfriede abgeschlossen war und Deutschland den in
                        ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der Demütigung bis auf die
                        Neige leeren lassen wollte. </p>
                    <p> Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22.&nbsp;März den Geburtstag Seiner
                        Majestät. Es war ein herrlicher, warmer Früh<pb n="45"/><anchor id="p045"/>lingstag mit Feldgottesdienst im Freien, Salutschießen der Forts und
                        Festessen der Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu
                        erfüllter Pflicht nun bald in die Heimat zurückkehren zu können, ließ die
                        Stimmung doppelt gehoben sein. </p>
                    <p> Aber ganz so früh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht verlassen.
                        Wir mußten vielmehr zunächst noch an der Nordfront von Paris in und bei St.
                        Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der französischen
                        Regierung gegen die Kommune. </p>
                    <p> Die erste Entwickelung der neuen revolutionären Ereignisse hatten wir schon
                        während der Belagerung verfolgen können. Die Zuchtlosigkeit extremer
                        politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenüber war uns bekannt. Als
                        die Waffenruhe eintrat, begann die umstürzlerische Bewegung sich immer mehr
                        hervorzuwagen. Bismarck hatte den französischen Machthabern zugerufen: „Sie
                        sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue Revolution wird Sie
                        wieder wegfegen.“ Er schien recht behalten zu sollen. </p>
                    <p> Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstürzlerischen Vorgängen
                        anfänglich gering. Erst von Mitte März ab, als die Kommune die Herrschaft an
                        sich zu reißen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen Kampfe
                        zwischen Versailles und Paris drängte, erhöhte sich unsere Aufmerksamkeit.
                        Zeitungen und Flüchtlinge unterrichteten uns über die Vorgänge im Inneren
                        der Stadt. Während nunmehr deutsche Korps Frankreichs Hauptstadt im Norden
                        und Osten gewissermaßen als Verbündete der Regierungstruppen absperrten,
                        gingen letztere in langwierigen Kämpfen von Süden und Westen her zum Angriff
                        auf Paris über. Die Ereignisse außerhalb der Festungsumwallung konnte man am
                        besten von den Höhen bei Sannois, 6&nbsp;km
                        nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschäftsgewandte
                        Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen Soldaten
                        gegen <pb n="46"/><anchor id="p046"/>Entgelt für Beobachtung des Dramas
                        eines Bürgerkrieges zur Benutzung überließen. Ich selbst machte hiervon
                        keinen Gebrauch, sondern beschränkte mich darauf, gelegentlich des täglichen
                        Befehlsempfanges in St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des
                        dortigen Gasthofes „Cerf d'or“ oder durch Vorreiten auf der langgestreckten
                        Seineinsel bei St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Mächtige
                        Feuersbrünste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der
                        Stadt treiben würde. Ich erinnere mich, daß ich besonders am 23.&nbsp;Mai den
                        Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele.
                        Die Lage in der Stadt wurde von den herausströmenden Flüchtlingen in den
                        krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen
                        Erzählungen auch nicht zurückgeblieben zu sein. Brandstiftung, Plünderung,
                        Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen
                        Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskörpers
                        traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen
                        Führers: „Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschießen zu lassen, aber
                        ich werde den Mut haben, die Regierung zu füsilieren“ sollte anscheinend
                        verwirklicht werden. Wie völlig das sonst so starke und empfindliche
                        französische Nationalgefühl bei den Kommunisten ausgelöscht war, zeigt deren
                        Erklärung: „Wir rühmen uns angesichts des Gegners, unserer Regierung die
                        Bajonette in den Rücken zu stoßen.“ Man sieht, daß das bolschewistische
                        Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten Zeit auch bei uns
                        auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalität machen kann. </p>
                    <p> Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schließlich eines Tages
                        das Ende der Kommune mit an. Außerhalb des Hauptwalles von Paris vorgehende
                        Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und erstürmten bald
                        darauf über dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg die weit
                        beherrschende Höhe, das letzte Bollwerk des Aufstandes. </p>
                    <pb n="47"/><anchor id="p047"/>
                    <p> Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, daß die einzige
                        politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in
                        völliger Verkennung der wahren Vorgänge diese Bewegung verherrlichte, zur
                        Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schärfe gegen
                        kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafür, wohin
                        doktrinäre Einseitigkeiten führen, bis die praktische Erfahrung aufklärend
                        eingreift. </p>
                    <p> Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgänge im Herzen
                        kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Rücken und trafen
                        nach dreitägiger Eisenbahnfahrt in unserem glücklicheren, siegreichen
                        Vaterlande ein. </p>
                    <p> Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter
                        aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt.
                        Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger
                        Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Königs und um
                        des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte, sollte
                        nicht in Erfüllung gehen! </p>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="48"/><anchor id="p048"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Friedensarbeit</head>
                    <p> Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom
                        französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland
                        war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die
                        staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten. Die
                        Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab ebenso
                        gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der Bewaffnung und
                        Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen Entwicklung, daß die
                        preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den weiteren Ausbau des Heeres
                        ausschlaggebend wurden. </p>
                    <p> Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die
                        nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu
                        einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie
                        vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese. </p>
                    <p> Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit
                        Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem Gebiet
                        der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter Kriegskunst
                        und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu mußten wir
                        zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns später als
                        Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die beiden
                        letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den Zwischenkursen
                            brach<pb n="49"/><anchor id="p049"/>ten dem vorwärtsstrebenden jungen
                        Offizier volle Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von
                        denen ich neben dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst
                        Keßler und den Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den
                        Geheimrat Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit
                        reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von
                        Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von
                        Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich. </p>
                    <p> Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei.
                        Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des
                        Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch nicht
                        nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft sowie des
                        Staats- und Hofdienstes in Berührung. </p>
                    <p> Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst für
                        ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im Frühjahr
                        1877 zum Großen Generalstab kommandiert. </p>
                    <p> Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter Beförderung
                        zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem Generalkommando des II.&nbsp;Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit
                        begann meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer
                        ich bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal
                        zurückkehrte. </p>
                    <p> Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des
                        Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen
                        Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe
                        geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des
                        Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der
                        Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein
                        einheitlicher Zug <pb n="50"/><anchor id="p050"/>alle Führerstellen
                        beherrschte, ein einigendes Fluidum alle Führergedanken durchsetzte. Die
                        Einwirkung des Generalstabes auf die Führung war nicht durch bindende
                        Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr in einer unendlichen
                        Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der militärischen und persönlichen
                        Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die erste Forderung an den
                        Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit und das individuelle
                        Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu lassen. Er mußte ungesehen
                        schaffen, also mehr sein als scheinen. </p>
                    <p> Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit verstanden
                        hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine Leistungen
                        waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer im einzelnen
                        vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn, als daß die
                        Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert haben. </p>
                    <p> Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet.
                        Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so
                        beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden
                        Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem
                        Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit
                        erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch
                        Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht
                        brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde. </p>
                    <p> Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten
                        Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit.
                        Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich
                        ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das Wohl
                        der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen konnte ich
                        mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen beschäftigen.
                            <pb n="51"/><anchor id="p051"/>Auch zu der ersten vom General Graf
                        Waldersee, Chef des Generalstabes des X.&nbsp;Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei Königsberg
                        wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war der General
                        der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in jungen Jahren
                        in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine Kavallerie-,
                        1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine Freude, den alten
                        Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der Uniform seiner
                        Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, erst Oberst von
                        Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich eine gründliche
                        Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst. </p>
                    <p> Im Jahre 1879 hatte das II.&nbsp;Korps Kaisermanöver
                        und erwarb sich die Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser
                        Gelegenheit den russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach
                        dem Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck
                        eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten
                        höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm. </p>
                    <p> Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe.
                        Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von Sperling,
                        welcher 1866 beim VI.&nbsp;Korps und 1870/71 bei der
                        1.&nbsp;Armee Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege
                        starb. Ich fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und
                        unermüdlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein
                        bester Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei
                        Töchter. Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine
                        Schuldigkeit getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im
                        letzten großen Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden. </p>
                    <p> 1881 wurde ich zur 1.&nbsp;Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung
                        machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich in
                        meine Heimatsprovinz. </p>
                    <pb n="52"/><anchor id="p052"/>
                    <p> Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben, daß
                        der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois zeitweise
                        mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, interessante
                        Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens in hohen
                        Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über
                        außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. Auch
                        hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des russischen
                        Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes 1863 einen
                        tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer Ostgrenze
                        gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer glänzenden
                        Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom militärischen sondern
                        auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade belehrend. General von Verdy
                        war außerdem auf dem Gebiete der angewandten Kriegslehre bahnbrechend. Ich
                        lernte daher unter seiner Anleitung und im gegenseitigen Meinungsaustausch
                        sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. So wirkte
                        der geistvolle Mann in verschiedenen Richtungen äußerst anregend auf mich
                        ein. Er war mir stets ein gütiger Vorgesetzter, der mir sein volles
                        Vertrauen schenkte. </p>
                    <p> Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer,
                        erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und Aufgaben
                        für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft angelegt, seine
                        Kritiken besonders lehrreich. </p>
                    <p> Vom Stabe der 1.&nbsp;Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in
                        das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich hatte
                        bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen, die
                        fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die der
                        Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der Erziehung
                        und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im Wege stehen,
                        lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich <pb n="53"/><anchor id="p053"/>selbst war der polnischen Sprache bis auf einige
                        Redensarten, die ich in meiner Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht
                        mächtig. Meine Einwirkung auf die Kompagnie war noch dadurch außerordentlich
                        erschwert, daß die Mannschaften in 33&nbsp;Bürgerquartieren, bis hinaus zu den
                        die Stadt umgebenden Windmühlen, verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber
                        meine Erfahrungen mit dem polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren
                        fleißig, willig und, was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn
                        man der Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden
                        hatten, Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte.
                        Damals glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von
                        Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit
                        vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere
                        es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt
                        zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die
                        Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den Landsleuten
                        meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut! </p>
                    <p> Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige
                        Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer
                        kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise auch
                        freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal in
                        unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf die
                        Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band zwischen
                        mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von meiner
                        Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die Rückkehr
                        in den Generalstab brachte. </p>
                    <p> Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab.
                        Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des damaligen
                        Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des
                        Generalstabes der Armee, wurde aber <pb n="54"/><anchor id="p054"/>außerdem noch der Abteilung des derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein,
                        des späteren Kommandierenden Generals des VIII.&nbsp;Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der Pioniere,
                        für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung der
                        Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten Vorschrift, zur
                        Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden bedeutendsten
                        Abteilungschefs jener Zeit in Berührung. </p>
                    <p> An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem Zweck
                        diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung praktisch zu
                        erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen
                        teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, meinem späteren
                        Kaiser, König und Herrn, Wilhelm&nbsp;II., zu begegnen.
                        Im darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des
                        Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische
                        Armee. </p>
                    <p> Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den
                        nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem
                        nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte
                        doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen
                        Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung genoß,
                        und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen konnte. </p>
                    <p> Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren
                        dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das Glück,
                        ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie für seine
                        Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer
                        Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein
                        Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit
                        dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in der
                        Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus <pb n="55"/><anchor id="p055"/>persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im
                        Augenblick der Begegnung dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank,
                        Fritz, daß du gekommen bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht
                        ergangen!“ Auf diese Erzählung Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher
                        sich gerade eine Zigarre aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und
                        sagte in scharf betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er
                        wußte doch, daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem
                        Schlachtfeld zu erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser
                        Bemerkung wandte sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu. </p>
                    <p> Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des
                        Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit
                        behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der
                        Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde.
                        Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen
                        Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der Kaiser
                        hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich genügten.
                        Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, aber der
                        Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf Moltke
                        sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe hoch!“ Das
                        sind elf Worte. </p>
                    <p> Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam,
                        sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für
                        Humor. </p>
                    <p> Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf
                        seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn
                        treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß die
                        wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein
                        Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu
                        vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe
                        entstanden, welch <pb n="56"/><anchor id="p056"/>hoher Idealismus hatte
                        hier seine Stätte gehabt, welch ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus
                        zum Wohle unseres Vaterlandes und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine
                        an Geist wie an Charakter gleich große Persönlichkeit hat nach meiner
                        Überzeugung seitdem unser Volk nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist
                        vielleicht in der Vereinigung dieser Eigenschaften eine einzig dastehende
                        Größe gewesen. </p>
                    <p> Schon 3&nbsp;Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen.
                        Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über Alles
                        geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst erweisen.
                        Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan nach
                        Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen Sonntag des
                        vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden Menge am
                        Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. Getragen von
                        der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen fünfjährigen Sohn in die
                        Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den Worten sehen: „Vergiß diesen
                        Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann wirst du auch immer recht
                        tun.“ Nun war seine große Herrscher- und Menschenseele hingegangen zu den
                        Kameraden, denen er wenige Jahre vorher durch den sterbenden
                        Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten hatte. </p>
                    <p> Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem
                        alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers gestanden
                        hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche Gefühle bei
                        Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach werden, das brauche
                        ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden. </p>
                    <p> Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war
                        keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte ihn
                        wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab befand
                        sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir wurden
                        daher in <pb n="57"/><anchor id="p057"/>Gumbinnen auf Seine Majestät den
                        Kaiser und König Wilhelm&nbsp;II. vereidigt. So legte
                        ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn das Treugelöbnis an einer Stelle ab,
                        an der ich es 26&nbsp;Jahre später in schwerer, aber großer Zeit durch die Tat
                        bekräftigen durfte. </p>
                    <p> Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des Generalstabes
                        eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während meiner Zuteilung
                        zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der Taktik an der
                        Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine hohe
                        Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die
                        Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig andern
                        Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als erster
                        Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III.&nbsp;Armeekorps. Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit
                        24&nbsp;Stunden oftmals zu kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit. </p>
                    <p> Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge Offiziere
                        lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen. Mancher Namen
                        gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur Lauenstein, Lüttwitz,
                        Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei türkische
                        Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von etwa zwei
                        Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat es später in
                        seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General gebracht. </p>
                    <p> Beim Generalkommando des III.&nbsp;Korps war der
                        jüngere General von Bronsart mein Kommandierender General, ein hochbegabter
                        Offizier, der 1866 und 1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später
                        gleich seinem älteren Bruder Kriegsminister wurde. </p>
                    <p> In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889
                        meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des
                        Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese
                        Veränderung auf den Umstand, <pb n="58"/><anchor id="p058"/>daß mein
                        einstiger Divisionskommandeur, General von Verdy, Kriegsminister geworden
                        war und mich bei einer Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major
                        wurde ich dadurch Abteilungschef. </p>
                    <p> So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen
                        entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den
                        Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann. Ich
                        hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche Umständlichkeit
                        des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit dem dadurch
                        bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung untergeordneterer
                        Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große Pflichttreue kennen zu
                        lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der Kräfte gearbeitet wurde. </p>
                    <p> Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer
                        Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren
                        Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt. </p>
                    <p> Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch ganz
                        besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine ruhige
                        und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in seiner
                        vollen Berechtigung zu bestätigen. </p>
                    <p> So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für
                        mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die
                        Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum
                        Kommandeur des Infanterieregiments&nbsp;91 in Oldenburg ernannt wurde. </p>
                    <p> Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der
                        Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen
                        Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern
                        auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der
                        Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps
                            ritter<pb n="59"/><anchor id="p059"/>lichen Sinn, in meinen Bataillonen
                        Kriegsmäßigkeit und straffe Disziplin, überall aber auch neben strenger
                        Dienstauffassung Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der
                        Umstand, daß in der Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt
                        waren, gab mir Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen. </p>
                    <p> Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir
                        gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand
                        auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen
                        Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger
                        Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine
                        Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner
                        großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen
                        Regiment durch <hi rend="kursiv">à la suite</hi>-Stellung in Verbindung.
                        So zähle ich mich denn auch heute noch zu den Oldenburgern. </p>
                    <p> Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII.&nbsp;Armeekorps in Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male
                        in nähere Berührung mit unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das
                        freundliche Entgegenkommen des Rheinländers berührten mich durchaus
                        angenehm: an das leichtere Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine
                        im Verhältnis zu dem Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich
                        mich dagegen offen gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen
                        Entwickelung und die Verschiedenheiten in den geographischen und
                        wirtschaftlichen Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im
                        Denken und Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der
                        Rheinlande von Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel
                        und schnöder Undank. </p>
                    <p> Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich
                        verlebte dort viele <anchor id="corr059"/><corr sic="frohen">frohe</corr> Stunden. </p>
                    <p> Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen
                        Generalstab her als Abteilungschef und auch vom <pb n="60"/><anchor id="p060"/>Kriegsministerium her als mein Departementsdirektor bekannt
                        General Vogel von Falckenstein. An seine Stelle trat aber bald Seine
                        Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden. </p>
                    <p> Diesem hohen Herrn durfte ich 3½&nbsp;Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese
                        Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich
                        Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche,
                        unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung
                        erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner
                        Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung. </p>
                    <p> Während meiner Chefzeit hatte das VIII.&nbsp;Korps 1897
                        Kaisermanöver. Seine Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in
                        Parade und Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte
                        auch die Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms&nbsp;I. am Deutschen Eck, jenem schöngelegenen Punkte, an welchem die
                        Mosel der Feste Ehrenbreitstein gegenüber in den Rhein mündet. </p>
                    <p> Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef eines
                        Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine Ernennung
                        zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. Ich wurde
                        daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der 28.&nbsp;Division in
                        Karlsruhe ernannt. </p>
                    <p> Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine
                        bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei
                        Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein unendlich
                        gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau übertrug und uns
                        hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all seinen
                        landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und Karlsruhe
                        mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit seiner alle
                        Berufskreise umfassenden Geselligkeit. </p>
                    <p> In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter einer
                        Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs <pb n="61"/><anchor id="p061"/>wird dadurch vielseitiger, erhebt sich über die kleineren
                        Dinge und fordert eine Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im
                        Kriege beschäftigt. </p>
                    <p> Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe, weil
                        mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des IV.&nbsp;Armeekorps berief. </p>
                    <p> Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der man
                        in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und in
                        der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern
                        Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen nach
                        meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. Die
                        Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine der
                        Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich wenigstens
                        in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit mein schönes
                        Amt niederlegte. </p>
                    <p> Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät im
                        Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach beginnend,
                        vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die ich dankbar
                        auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte. </p>
                    <p> In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der
                        Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in
                        ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was
                        die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war. </p>
                    <p> Das IV.&nbsp;Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur
                        Armee-Inspektion Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern.
                        Ich lernte in ihm einen hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten
                        kennen. Wir sollten uns später auf dem östlichen Kriegsschauplatz
                        wiederfinden. Der Prinz unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im
                        Interesse der großen Sache, obgleich er mir im <pb n="62"/><anchor id="p062"/>Dienstalter wesentlich überlegen war. Im Dezember 1908 nahm
                        ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein mit dem damaligen
                        General von Bülow, dessen Korps auch zur Armee-Inspektion des Prinzen
                        gehörte, in München an der Feier des 50jährigen Dienstjubiläums Seiner
                        Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus dieser Veranlassung die Ehre, von
                        Seiner Königlichen Hoheit dem hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll
                        empfangen zu werden. </p>
                    <p> Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen,
                        unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren
                        ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung
                        der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen
                        Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten Umgegend
                        Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch weitausgedehnte
                        Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und Wissenschaft ist durch
                        Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen gesorgt. Man sieht also,
                        daß man sich dort auch außerdienstlich wohl fühlen kann, besonders wenn man
                        so angenehme gesellige Verhältnisse vorfindet, wie es uns beschieden war. </p>
                    <p> Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von
                        Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. Sie
                        alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich
                        wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen väterlichen Freunde, dem General der
                        Kavallerie Graf Wartensleben auf Carow, muß ich doch in besonderer
                        Dankbarkeit gedenken. </p>
                    <p> Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten
                        großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in
                        Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im Altenburgischen
                        sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern dafür, daß man auch
                        auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß kam. </p>
                    <pb n="63"/><anchor id="p063"/>
                    <p> Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee
                        auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr
                        erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so
                        erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach vorwärts
                        freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich die falsche
                        Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt hat, so erkläre
                        ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher oder gar persönlicher
                        Art diesen Schritt veranlaßt haben. </p>
                    <p> Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders von
                        meinem IV.&nbsp;Korps, das mir fest ans Herz gewachsen
                        war, wurde mir nicht leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich
                        nach wenigen Jahren wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem
                        einstigen Armeekorps Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen
                        durfte. </p>
                    <p> Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen
                        Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch
                        einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum ein
                        anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für ein
                        reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland. </p>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="64"/><anchor id="p064"/>
                    <index index="pdf" level1="Uebergang in den Ruhestand"/>
                    <head>Übergang in den Ruhestand</head>
                    <p> Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den heißesten
                        Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft unseres
                        Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb doch im
                        Innern immer Soldat. </p>
                    <p> Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden auf
                        meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das
                        Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender
                        Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher
                        auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht
                        ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer
                        Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch, meine
                        letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines
                        veränderten Daseins nichts von seiner Stärke. </p>
                    <p> In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein
                        außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen
                        Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem
                        Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen Erfahrungen
                        der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen Bahnen, die
                        sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der Wertsteigerung
                        aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der sittlichen Bildung
                        des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die herzhafte Tat hatte
                        den Vorrang vor <pb n="65"/><anchor id="p065"/>den Künsteleien des
                        Verstandes auch jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und
                        Charakterfestigkeit blieben höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der
                        Gedankenschulung. Über der Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der
                        Krieg seine einfachen, ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er
                        vertrug keine Verbildung der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der
                        kriegerischen Erziehung. Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte,
                        das war die Bildung des Menschen zur willensstarken Persönlichkeit. </p>
                    <p> Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen zu
                        können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung von
                        materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die
                        Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht aus
                        Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von vornherein
                        verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille und Tat, ja
                        geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende von Menschen
                        haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich und seelisch zu
                        leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere
                        Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo
                        hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine
                        durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule
                        unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm wurde der Hang zum
                        schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft und Staat auflösenden
                        Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen zum Wohle für die
                        Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das Heer schulte und
                        verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den wir in unserem
                        Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des Staatslebens, wie auf
                        dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, in der Industrie wie in
                        den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Die Überzeugung
                        von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der Unterordnung des einzelnen unter
                        das Wohl des Ganzen war dem deutschen <pb n="66"/><anchor id="p066"/>Heere
                        und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein gekommen.
                        Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen möglich, mit denen
                        wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt Trotz bieten mußten und
                        konnten. </p>
                    <p> Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der deutsche
                        Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere Heereserziehung die
                        richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen die lange Dauer des
                        letzten Krieges auf einige Naturen einen entsittlichenden Einfluß ausübte,
                        oder unter den entnervenden Eindrücken seelischer und körperlicher
                        Überanspannung die moralischen Begriffe sich teilweise verwirrten, sowie
                        auch unter zahlreichen Versuchungen bislang tadelfreie Charaktere schwach
                        wurden, der innerste Kern des Heeres blieb trotz der unerhörtesten Belastung
                        sittlich gesund und seiner Aufgabe gewachsen. </p>
                    <p> Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien
                        Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern
                        des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe
                        hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung
                        ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge
                        beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann
                        befähigt war, nicht weil er sich sagte: „Ich muß“, sondern weil er sich
                        sagte: „Ich will.“ </p>
                    <p> Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten
                        Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich
                        verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten Grundsätze.
                        Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen, durch welche
                        Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen Leistungen wie
                        bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir übereinstimmen,
                        daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, daß wir diese
                        Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß <pb n="67"/><anchor id="p067"/>wir auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und
                        uns zum Amboß herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft
                        mehr finden, zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet. </p>
                    <p> Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern
                        auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, wie
                        wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem alten
                        Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so kann das
                        deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung seiner
                        schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz inmitten der
                        übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen eines unglücklichen
                        Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob die strenge Unterordnung
                        aller Volkskräfte unter einen beherrschenden Willen das Unglück des
                        Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist leider eine starke
                        Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung eingetreten. Die Empörung
                        gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene Unterwerfung durchbrach die
                        bisherigen Schranken und irrte planlos auf neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf
                        diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt haben wir jedenfalls unter den
                        Einflüssen der staatlichen Auflösung weit mehr seelische und ethische Werte
                        verloren, als unter den Wirkungen des eigentlichen Krieges. Schaffen wir
                        nicht bald wieder neue erzieherische Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf
                        dem geistigen und sittlichen Boden unseres Volkes in der bisherigen Weise
                        weiter, so werden wir die kostbarste Grundlage unseres Staatslebens
                        frühzeitig bis zur völligen Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen! </p>
                    <pb n="68"/><anchor id="p068"/>
                </div>
            </div>
            <div rend="page-break-before:right">
                <pb n="69"/><anchor id="p069"/>
                <index index="pdf" level1="Zweiter Teil: Kriegfuehrung im Osten"/>
                <head>Zweiter Teil</head>
                <head>Kriegführung im Osten </head>
                <pb n="70"/><anchor id="p070"/>
                <p/>
                <div rend="page-break-before:right">
                    <pb n="71"/><anchor id="p071"/>
                    <index index="pdf" level1="Der Kampf um Ostpreussen"/>
                    <head>Der Kampf um Ostpreußen</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Kriegsausbruch und Berufung</head>
                        <p> Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Möglichkeit, mich
                            den politischen Vorgängen in der Welt mit Muße zu widmen. Die
                            Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich
                            mit Befriedigung zu erfüllen. Ängstlichkeit lag mir ferne, und doch
                            konnte ich ein gewisses bedrückendes Gefühl nicht los werden. Die
                            Ansicht drängte sich mir auf, daß wir in den weiten Ozean der
                            Weltpolitik hinaustrieben, ohne daß wir in Europa selbst genügend fest
                            standen. Mochten die politischen Wetterwolken über Marokko stehen oder
                            sich über dem Balkan zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob
                            unter unserem deutschen Boden miniert würde, teilte ich mit der Mehrzahl
                            meiner Landsleute. Wir standen in den letzten Jahren zweifellos einer
                            der sich augenscheinlich regelmäßig wiederholenden
                            französisch-chauvinistischen Hochfluten gegenüber. Ihr Ursprung war
                            bekannt; ihre Stütze suchte und fand sie in Rußland wie in England, ganz
                            gleichgültig, wer und was dort die offenen oder geheimen, die bewußten
                            oder unbewußten Triebfedern bildete. </p>
                        <p> Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Führung der deutschen
                            Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen
                            Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus
                            unseren völkisch gemischten Randgebieten er<pb n="72"/><anchor id="p072"/>gaben, waren mit den Händen zu greifen. Eine gegnerische
                            Politik, der es gelang, die fremden Begehrlichkeiten gegen uns
                            zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht hierzu keiner großen
                            Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf diese Gefahr uns
                            einzustellen, versäumten wir. Unsere Bündnispolitik richtete sich mehr
                            nach einem Ehrenkodex als nach den Bedürfnissen unseres Volkes und
                            unserer Weltlage. </p>
                        <p> Wenn ein späterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren
                            mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbündeten Donaumonarchie als
                            mit etwas Selbstverständlichem rechnen zu müssen glaubte, so war es
                            unverständlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden
                            Folgerungen zog. </p>
                        <p> Den deutsch-österreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle
                            Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres
                            Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme.
                            Dieses unser Gefühl wurde aber nach meiner Auffassung von der
                            österreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt. </p>
                        <p> Das Wort von der Nibelungentreue war gewiß seinerzeit sehr
                            eindrucksvoll. Es konnte uns aber über die Tatsache nicht
                            hinwegtäuschen, daß Österreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf
                            die dieses Wort gemünzt war, ohne bundesbrüderliche Verständigung
                            überraschend hineingezerrt hatte und dann von uns verlangte, ihm den
                            Rücken zu decken. Daß wir den Verbündeten damals nicht verlassen
                            konnten, war klar. Das hätte geheißen, den russischen Koloß stärken, um
                            dann selbst um so sicherer und widerstandsloser von ihm erdrückt zu
                            werden. </p>
                        <p> Mir als Soldaten mußte besonders das Mißverhältnis zwischen den
                            politischen Ansprüchen Österreich-Ungarns und seinen innerpolitischen
                            sowie militärischen Kräften auffallen. Den ungeheuren Rüstungen des nach
                            dem ostasiatischen Kriege wieder gekräftigten Rußland gegenüber
                            verstärkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, <pb n="73"/><anchor id="p073"/>stellten aber nicht die gleichen Anforderungen an
                            unseren österreichisch-ungarischen Bundesgenossen. Für die Staatsmänner
                            der Donaumonarchie mochte es sehr einfach sein, sich gegenüber unseren
                            Anregungen auf Erhöhung der österreichisch-ungarischen Rüstungen hinter
                            Schwierigkeiten ihrer innerstaatlichen Verhältnisse zurückzuziehen.
                            Warum aber fanden wir keine Mittel, Österreich-Ungarn in dieser Frage
                            vor ein Entweder-Oder zu stellen? Wir kannten doch die gewaltige
                            zahlenmäßige Überlegenheit unserer voraussichtlichen Gegner. Durften wir
                            es denn dulden, daß der Verbündete einen großen Teil seiner Volkskräfte
                            für die gemeinsame Verteidigung brach liegen ließ? Was nützte es uns, in
                            Österreich-Ungarn ein nach Südosten vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen,
                            wenn dieses Bollwerk nach allen Seiten Risse aufwies und nicht genügend
                            Verteidiger besaß, um seine Wälle zu halten? </p>
                        <p> Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher
                            bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der
                            italienischen Staatsmänner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwächen
                            des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem
                            waren die dortigen Verhältnisse bei den schwer erschütterten Finanzen
                            des Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls
                            nicht. </p>
                        <p> In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und
                            Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter
                            kraftvoller politischer Führung vereint mit einfachen, klaren
                            kriegerischen Zielen. Ich fürchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht!
                            Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden
                            Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als daß ich ihn nicht hätte
                            denkbar lange vermieden wissen wollen. </p>
                        <milestone unit="tb"/>
                        <p> Und nun brach der Krieg über uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit
                            Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschäftsneid und
                            die Rivalitätsangst Englands bannen, die russische <pb n="74"/><anchor id="p074"/>Begehrlichkeit ohne unseren Bündnisbruch mit Österreich
                            befriedigen zu können, hatte in Deutschland seit langem eine
                            Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der Kriegsausbruch fast wie eine
                            Befreiung von einem beständigen, das ganze Leben beeinträchtigenden
                            Drucke empfunden wurde. </p>
                        <p> Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie
                            sie die Welt in dieser Tüchtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem
                            Anblick mußte der Herzschlag des ganzen Volkes kräftiger werden. Doch
                            nirgends Übermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten
                            doch weder Bismarck noch Moltke uns über die wuchtende Last eines
                            solchen Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei
                            uns sich die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militärisch und
                            moralisch imstande sein würden durchzuhalten. Doch größer als die Sorge
                            war zweifellos das Vertrauen. </p>
                        <p> In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom
                            Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles
                            beherrschenden Kraft wieder lebendig. Würde mein Kaiser und König meiner
                            bedürfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser
                            Art für mich vorübergegangen. Jüngere Kräfte schienen ausreichend
                            verfügbar. Ich fügte mich dem Schicksal und blieb doch in
                            sehnsuchtsvoller Erwartung. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Zur Front</head>
                        <p> Die Heimat lauschte in Spannung. </p>
                        <p> Die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen entsprachen unseren
                            Hoffnungen und Wünschen. Lüttich war gefallen, das Gefecht bei Mülhausen
                            siegreich geschlagen, unser rechter Heeresflügel und unsere Mitte im
                            Vorschreiten durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten über
                            die Lothringer Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang
                            es wie Siegesfanfaren. </p>
                        <pb n="75"/><anchor id="p075"/>
                        <p> Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen
                            ließen. </p>
                        <p> Am 22.&nbsp;August 3&nbsp;Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Großen
                            Hauptquartier Seiner Majestät des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen
                            Verwendung sei. </p>
                        <p> Meine Antwort lautete: „Bin bereit.“ </p>
                        <p> Noch bevor dieses Telegramm im Großen Hauptquartier eingetroffen sein
                            konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man
                            augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer
                            Feldstelle und teilte mir mit, daß General Ludendorff bei mir eintreffen
                            werde. Weitere Mitteilungen aus dem Großen Hauptquartier klärten dann
                            die Sachlage für mich dahin auf, daß ich als Armeeführer sogleich nach
                            dem Osten abzugehen hätte. </p>
                        <p> Gegen 3&nbsp;Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgerüstet, zum
                            Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der mäßig beleuchteten Halle.
                            Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so
                            plötzlich verlassen mußte, erst völlig los, als der kurze Sonderzug
                            einfuhr. Ihm entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei
                            mir als mein Chef des Generalstabs der 8.&nbsp;Armee meldend. </p>
                        <p> Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat
                            bei Lüttich mir noch unbekannt. Er klärte mich zunächst über die Lage an
                            unserer Ostfront auf, über die er am 22.&nbsp;August im Großen Hauptquartier
                            Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von
                            Moltke, persönlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die
                            Operationen der 8.&nbsp;Armee in Ostpreußen folgendermaßen entwickelt: Die
                            Armee hatte das XX.&nbsp;Armeekorps, verstärkt
                            durch Festungsbesatzungen und sonstige Landwehrformationen, bei Beginn
                            der Operationen zum Schutze der Südgrenze West- und Ostpreußens von der
                            Weichsel bis an das Lötzener Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse
                            der Armee (I.&nbsp;Armeekorps, XVII.&nbsp;Armeekorps, I.&nbsp;Reservekorps,
                            3.&nbsp;Reservedivision, Festungsbesatzung Königsberg und
                            1.&nbsp;Kavalleriedivision) <pb n="76"/><anchor id="p076"/>war an der
                            Ostgrenze Ostpreußens versammelt worden und hatte dort am 17.&nbsp;August bei
                            Stallupönen, am 19. und 20.&nbsp;August bei Gumbinnen im Angriff gegen die
                            unter General Rennenkampf von Osten her vordringende russische
                            Njemenarmee gefochten. Während der Kämpfe bei Gumbinnen war die Meldung
                            vom Vormarsch der russischen Narewarmee unter General Samsonoff von
                            Süden her gegen die deutsche Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen.
                            Die Führung unserer 8.&nbsp;Armee glaubte damit rechnen zu müssen, daß der
                            Russe diese Grenze schon am 21.&nbsp;August überschreiten würde. Angesichts
                            dieser Bedrohung der rückwärtigen Verbindungen aus südlicher Richtung
                            brach das Oberkommando die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der
                            Obersten Heeresleitung, daß es nicht imstande sein würde, das Land
                            östlich der Weichsel weiterhin zu behaupten. </p>
                        <p> Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschluß nicht gebilligt. Er
                            vertrat die Auffassung, daß man noch eine Operation zur Vernichtung der
                            Narewarmee versuchen müßte, bevor man daran denken dürfte, die
                            militärisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in
                            Ostpreußen aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der
                            Obersten Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in
                            den führenden Stellen der 8.&nbsp;Armee veranlaßt. </p>
                        <p> Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die
                            Loslösung vom Feinde war gelungen. Das I.&nbsp;Armeekorps und die 3.&nbsp;Reservedivision befanden sich in
                            Abbeförderung mit der Bahn nach Westen, während das I.&nbsp;Reservekorps und das XVII.&nbsp;Armeekorps der Weichsellinie im Fußmarsch zustrebten. Das
                                XX.&nbsp;Armeekorps stand noch auf seinem
                            Posten an der Grenze. </p>
                        <p> Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der
                            Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten
                            unaufschiebbaren Weisungen geben können, die dahin zielten, die
                            Fortführung der Operationen östlich der Weichsel sicherzu<pb n="77"/><anchor id="p077"/>stellen. Dazu gehörte in erster Linie, daß die
                            Transporte des I.&nbsp;Armeekorps nicht zu weit
                            nach Westen geführt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwärts hinter
                            den rechten Flügel des XX.&nbsp;Armeekorps,
                            herangeleitet wurden. </p>
                        <p> Alles weitere mußte und konnte erst bei unserem Eintreffen im
                            Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden. </p>
                        <p> Unser Gespräch hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch
                            genommen. Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfügbare Zeit nützte
                            ich gründlich aus. </p>
                        <p> So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes
                            der Lage voll bewußt, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem
                            Herrn, zu unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander.
                            Jahrelang sollte von nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat
                            uns vereinen. </p>
                        <p> Ich möchte mich hier gleich über das Verhältnis zwischen mir und meinem
                            damaligen Generalstabschef und späteren Ersten Generalquartiermeister
                            General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhältnis mit
                            dem Blüchers zu Gneisenau vergleichen zu können. Ich lasse dahingestellt
                            sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen
                            historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des
                            Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausführungen ja
                            bekannt ist, früher selbst jahrelang innegehabt. Die Tätigkeit eines
                            solchen gegenüber dem die Verantwortung tragenden Führer ist, wie ich
                            somit aus eigener Erfahrung wußte, innerhalb der deutschen Armee nicht
                            theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausmaß der
                            gegenseitigen Ergänzung hängen vielmehr von den Persönlichkeiten ab. Die
                            Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf
                            voneinander getrennt. Ist das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und
                            Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch
                            soldatischen und persönlichen Takt und die beiderseitigen
                            Charaktereigenschaften leicht ergeben. </p>
                        <pb n="78"/><anchor id="p078"/>
                        <p> Ich selbst habe mein Verhältnis zu General Ludendorff oft als das einer
                            glücklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Außenstehende das
                            Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft
                            sich im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur
                            der Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen. </p>
                        <p> Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des
                            Generals Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen
                            Gedankengängen, der nahezu übermenschlichen Arbeitskraft und dem nie
                            ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als möglich freie Bahn zu
                            lassen und sie ihm, wenn nötig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung,
                            in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der
                            Sieg unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der
                            Opfer, die unser Volk gebracht hatte. </p>
                        <p> Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten,
                            wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die
                            Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich,
                            seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persönlichkeit
                            waren dieser Treue wert. Mögen andere darüber urteilen wie sie wollen!
                            Auch für ihn wird wie für so viele unserer Großen und Größten erst
                            später die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd
                            zu ihm aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, daß unser Vaterland in
                            gleich schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden möge, einen
                            ganzen Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und
                            kantig, aber geschaffen für ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter
                            in der Geschichte. </p>
                        <p> Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen
                            Gegnern gehaßt! </p>
                        <p> Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen Überzeugungen
                            gründete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen <pb n="79"/><anchor id="p079"/>in dem Gebrauch unserer Streitmittel.
                            Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren natürlichen Ausgleich
                            und Abgleich, ohne daß das Gefühl gemachter Nachgiebigkeiten auf einer
                            oder der anderen Seite jemals störend dazwischen trat. Die gewaltige
                            Arbeit meines Generalstabschef setzte unsere Gedanken und Pläne auf das
                            Räderwerk unserer Armeeführung um und später auf das der gesamten
                            Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns anvertraut worden war. Sein
                            Einfluß belebte alle, niemand konnte sich ihm entziehen, es sei denn auf
                            die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn geschleudert zu werden. Wie
                            konnte auch anders die ungeheure Aufgabe erfüllt, die Triebkraft zur
                            vollen Wirkung gebracht werden? </p>
                        <p> In selbstverständlicher, soldatischer Pflichterfüllung, reich an Willen
                            und Gedanken, schloß sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter
                            an. Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken! </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Tannenberg</head>
                        <p> Am frühen Nachmittag des 23.&nbsp;August erreichten wir unser Hauptquartier
                            Marienburg. Wir betraten damit das Land östlich der Weichsel, das
                            demnächstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich
                            bis zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt: </p>
                        <p> Das XX.&nbsp;Armeekorps war von seinen
                            Grenzstellungen bei Neidenburg auf Gilgenburg und Gegend östlich
                            zurückgegangen. Nach Westen anschließend an dieses Korps standen die aus
                            den Festungen Thorn und Graudenz herausgezogenen Besatzungen bis gegen
                            die Weichsel hin längs der Grenze. Die 3.&nbsp;Reservedivision war als
                            Verstärkung für das XX.&nbsp;Armeekorps bei
                            Allenstein eingetroffen. Die Heranbeförderung des I.&nbsp;Armeekorps nach Deutsch-Eylau hatte mit Verzögerungen
                            begonnen. Das XVII.&nbsp;Armeekorps und I.&nbsp;Reservekorps waren im Fußmarsch in die
                            Gegend um Gerdauen gekommen. Die 1.&nbsp;Kavallerie<pb n="80"/><anchor id="p080"/>division stand südlich Insterburg der Armee Rennenkampf
                            gegenüber. Die Besatzung von Königsberg hatte Insterburg im Rückmarsch
                            nach Westen durchschritten. </p>
                        <p> Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten
                            Infanterieteilen noch nicht über die Angerapp vorgedrungen. Von den
                            beiden russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere
                            westlich Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit
                            einer Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch
                            sollte Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im übrigen schien die Masse
                            dieser Armee wohl noch an der Grenze im Aufschließen begriffen,
                            westlicher Flügel bei Mlawa. </p>
                        <p> In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein
                            Schriftstück gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen
                            Führung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die
                            masurischen Seen nördlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg
                            vorzurücken. Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen
                            Streitkräfte angreifen, während die Narewarmee über die Linie
                            Lötzen-Ortelsburg den Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte. </p>
                        <p> Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8.&nbsp;Armee,
                            für welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach
                            Westen ausholte, als ursprünglich beabsichtigt war. </p>
                        <p> Was sollen, ja was können wir gegen diesen gefährlichen feindlichen Plan
                            tun? Gefährlich weniger wegen der Kühnheit, mit der er erdacht, als
                            wegen der Stärke, mit der er ausgeführt werden soll, wenigstens mit der
                            Stärke an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Stärke an
                            Willen. Führte doch Rußland im Laufe der Monate August und September
                            nicht weniger als 800.000 Soldaten und
                            1700&nbsp;Geschütze gegen Ostpreußen heran, zu dessen Verteidigung nur
                            210.000 deutsche Soldaten mit 600&nbsp;Geschützen
                            verfügbar gemacht werden konnten. </p>
                        <pb n="81"/><anchor id="p081"/>
                        <p> Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch
                            wenn er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verständlich zu
                            machen. </p>
                        <p> Wir stellen zunächst der dichten Masse Samsonoffs eine dünne Mitte
                            gegenüber. Ich sage dünn, nicht schwach. Denn Männer sind es mit
                            stählernem Herzen und stählernem Willen. In ihrem Rücken die Heimat,
                            Weib und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX.&nbsp;Korps, brave West- und Ostpreußen. Mag
                            diese dünne Mitte unter dem Drucke der feindlichen Massen sich auch
                            biegen, wenn sie nur nicht bricht. Während diese Mitte kämpft, sollen
                            zwei wuchtige Gruppen an deren beide Flügel zum entscheidenden Angriff
                            heranrücken. </p>
                        <p> Die Truppen des I.&nbsp;Armeekorps, durch Landwehr
                            verstärkt, auch alles Kinder des bedrohten Landes, werden von rechts her
                            aus dem Nordwesten, die Truppen des XVII.&nbsp;Armeekorps und I.&nbsp;Reservekorps
                            zusammen mit einer Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden
                            und Nordosten zur Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII.&nbsp;Armeekorps und I.&nbsp;Reservekorps, ebenso wie die Männer der Landwehr und des
                            Landsturms haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Rücken. </p>
                        <p> Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung müssen wir Samsonoff
                            treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Hände gegen den zweiten
                            Feind, der zurzeit Ostpreußen plündert und versengt, gegen Rennenkampf.
                            Nur so können wir das alte Preußenland wirklich und völlig befreien, und
                            nur so gewinnen wir Freiheit für weitere Taten, die man noch von uns
                            erwartet, nämlich für das Eingreifen in den mächtig entbrennenden
                            Entscheidungskampf zwischen Rußland und unserem
                            österreichisch-ungarischen Verbündeten in Galizien und Polen. Wird unser
                            erster Schlag nicht durchgreifend, dann bleibt die Gefahr für unsere
                            Heimat wie eine schleichende Krankheit bestehen, ungerächt bleibt das
                            Brennen und Morden in Ostpreußen, und vergeblich wartet der
                            Bundesgenosse im Süden auf uns. </p>
                        <pb n="82"/><anchor id="p082"/>
                        <p> Also ganzes Handeln! Dazu muß alles heran, was im Bewegungskrieg
                            einigermaßen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die
                            Festungswälle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr
                            beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schützengräben, die
                            zwischen den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken,
                            rücken unsere Wehrmänner ab und übergeben die dortige Verteidigung einer
                            verschwindenden Minderzahl braver Landstürmer. Gewinnen wir die
                            Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht
                            mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig. </p>
                        <p> Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten
                            könnte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve
                            Königsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch können wir an
                            diesem Tage noch nicht überblicken, ob diese Kräfte auch wirklich
                            genügen. Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreißbaren
                            Schleier, vorausgesetzt, daß Rennenkampfs Massen marschieren, daß seine
                            übermächtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befürchten
                            müssen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genügt der Schleier zur
                            Deckung unserer Schwäche. Wir müssen es wagen in Flanke und Rücken, um
                            an der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns,
                            Rennenkampf zu täuschen; vielleicht täuscht er sich selbst. Der starke
                            Waffenplatz Königsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter können
                            sich ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Größen erweitern. </p>
                        <p> Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen
                            Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresführung
                            vorwärtstreiben in starken Märschen nach Südwesten und in unseren
                            Rücken? Muß ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs
                            Kampffeld setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher
                            Stimme vergeblich verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis
                            zu den russischen Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum
                            feindlichen Hauptquartier dringen? </p>
                        <pb n="83"/><anchor id="p083"/>
                        <p> Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also nötig, wir können ihr aber nicht
                            durch Zurücklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden
                            wir auf dem Schlachtfelde noch schwächer, als wir es ohnehin sind. </p>
                        <p> Berechnen wir die gegenseitigen Stärken, zählen wir zu der unserigen
                            auch die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein
                            her aus dem Küstenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur
                            Schlacht eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den
                            wahrscheinlichen russischen Kräften immer noch große Verschiedenheiten
                            zu unseren Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht
                            mitkämpfen will. Dazu kommt, daß in unseren vordersten Reihen viel
                            Landwehr und Landsturm fechten muß. Alte Jahrgänge gegen beste russische
                            Jugend. Ferner spricht gegen uns, daß die Mehrzahl unserer Truppen und,
                            wie es die Lage fügt, gerade alle, die voraussichtlich den
                            entscheidenden Stoß führen müssen, aus schweren und verlustreichen
                            Kämpfen herankommen. Hatten sie doch den Russen das Schlachtfeld von
                            Gumbinnen überlassen müssen. Die Truppen marschieren daher nicht mit dem
                            stolzen Gefühle der Sieger. Und doch rücken sie zur Schlacht frohen
                            Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist gut, so wird uns gemeldet,
                            also berechtigt er zu kräftigen Entschlüssen, und wo er etwa gedrückt
                            sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen Entschlüsse
                            emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders sein? Ich
                            hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit. </p>
                        <p> Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt,
                            rechnet falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf
                            diese baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir: </p>
                        <p> Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Berührung
                            mit deutscher Erde sein Herz höher schlagen lassen, sie macht ihn nicht
                            zum deutschen Soldaten, und die ihn führen, sind keine deutschen
                            Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische
                            Soldat mit dem größten Gehorsam ge<pb n="84"/><anchor id="p084"/>fochten, so fremd ihm auch die politischen Absichten seiner Regierung
                            am Stillen Ozean gewesen waren. Es schien nicht ausgeschlossen, daß bei
                            einem Kriege gegen die Mittelmächte die Begeisterung der russischen
                            Armee für die Kriegsziele des Zarentums größer sein würde. Trotzdem nahm
                            ich an, daß der russische Soldat und Offizier auch auf dem europäischen
                            Kriegsschauplatz im großen und ganzen keine höheren militärischen
                            Eigenschaften zeigen würde als auf dem ostasiatischen, und glaubte
                            daher, statt des Minus unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit ein Plus an
                            innerer Kraft in die Berechnung der Stärkeverhältnisse zu unseren
                            Gunsten aufnehmen zu können. </p>
                        <p> So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und für die
                            Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23.&nbsp;August in einer
                            kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des
                            Inhalts: </p>
                        <p rend="zitat">„Vereinigung der Armee am 26.&nbsp;August beim XX.&nbsp;Armeekorps für umfassenden Angriff geplant.“ </p>
                        <p> Am Abend des 23.&nbsp;August führte mich ein kurzer Erholungsgang auf das
                            westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen
                            Deutschordensschlosses, des größten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik,
                            im Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die
                            Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkürlich mit Fragen
                            an die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhöht durch
                            den Anblick vorüberziehender Flüchtlinge meiner Heimatprovinz. Eine
                            traurige Mahnung, daß der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft,
                            sondern daß er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur
                            tausendfachen Geißel der Menschheit wird. </p>
                        <p> Am 24.&nbsp;August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum
                            Generalkommando des XX.&nbsp;Armeekorps und kam
                            hierbei in den Ort, von dem die bald entbrennende Schlacht ihren Namen
                            erhalten sollte. </p>
                        <pb n="85"/><anchor id="p085"/>
                        <p> Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen für deutsche
                            Ordensmacht, ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedächtnisfrisch
                            geblieben in der Geschichte trotz mehr als 500jähriger Vergangenheit.
                            Ich hatte bis zu diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher östlicher
                            Kultureroberungen noch nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort
                            von Heldenringen und Heldentod. In der Nähe dieses Denkmals standen wir
                            an einigen der folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen
                            Armee Samsonoff zur vernichtenden Niederlage gestaltete. </p>
                        <p> Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die
                            Eindrücke vom Kriegselend, das über die unglücklichen Einwohner
                            hereingebrochen war. Massen von hilflos Flüchtenden drängten sich mit
                            ihrer Habe auf den Straßen und behinderten teilweise die Bewegungen
                            unserer an den Feind marschierenden Truppen. </p>
                        <p> Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den
                            Willen, die für das Gelingen unseres Planes unerläßlich waren. Auch die
                            Eindrücke über die Haltung der Truppe an dieser unserer zunächst
                            bedenklichsten Stelle waren günstig. </p>
                        <p> Der Tag brachte keine durchgreifende Klärung, weder hinsichtlich der
                            Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich
                            nur zu bestätigen, daß Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemäßigtes
                            war. Der Grund hierfür war nicht zu erklären. Von der Narewarmee
                            erkannten wir, daß sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX.&nbsp;Armeekorps vorschob. Unter ihrem Drucke
                            nahm das Korps seinen linken Flügel zurück. Diese Maßregel hatte nichts
                            Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdrängende Feind wird unserer
                            linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf Bischofsburg
                            erhält, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten. Auffallend und
                            nicht ohne Bedenken für uns waren dagegen feindliche Bewegungen, die
                            sich anscheinend gegen unseren Westflügel und gegen Lautenburg
                            aussprachen. Der Eindruck bestand, daß der Russe uns hier zu überflügeln
                            gedachte <pb n="86"/><anchor id="p086"/>und damit den beabsichtigten
                            Umgehungsangriff unserer rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen
                            würde. </p>
                        <p> Der 25.&nbsp;August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen
                            Rennenkampfs. Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen,
                            also auf Königsberg. War der ursprüngliche russische Operationsplan
                            aufgegeben? Oder war die russische Führung über unsere Bewegungen
                            getäuscht und vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der
                            Festung? Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen,
                            gegen Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu
                            lassen. Samsonoffs auffallend zögernde Operationen richteten sich auch
                            an diesem Tage mit der Hauptstärke weiter gegen unser XX.&nbsp;Armeekorps. Das rechte russische
                            Flügelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg, also
                            unserem XVII.&nbsp;Armeekorps und I.&nbsp;Reservekorps entgegen, die an diesem Tage
                            die Gegend nördlich dieses Städtchens erreichten. Bei Mlawa häuften sich
                            augenscheinlich weitere russische Massen. </p>
                        <p> Mit diesem Tage ist für uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung
                            vorüber. Wir führen unser I.&nbsp;Armeekorps an den
                            rechten Flügel des XX. heran. Der allgemeine
                            Angriff kann beginnen. </p>
                        <p> Der 26.&nbsp;August ist der erste Tag des mörderischen Ringens von Lautenburg
                            bis nördlich Bischofsburg. Nicht in lückenloser Schlachtfront sondern in
                            Gruppenkämpfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe
                            von Schlägen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Bühne sich auf
                            mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt. </p>
                        <p> Auf dem rechten Flügel führt General von François seine braven
                            Ostpreußen. Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am nächsten Tag den
                            Schlüsselpunkt dieses Teiles des südlichen Kampffeldes zu stürmen. Auch
                            General von Scholtz' prächtiges Korps befreit sich allmählich aus den
                            Fesseln der Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten.
                            Erbitterter ist der Kampf schon am heutigen <pb n="87"/><anchor id="p087"/>Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von
                            unserer Seite gründliche Kampfarbeit getan. In kräftigen Schlägen wird
                            das rechte Flügelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen
                                (XVII.&nbsp;Armeekorps und I.&nbsp;Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen und weicht
                            auf Ortelsburg. Die Größe des eigenen Erfolgs ist aber noch nicht zu
                            erkennen. Die Führer erwarten für den folgenden Tag erneuten starken
                            Widerstand südlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter
                            Zuversicht. </p>
                        <p> Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man
                            meldet eines seiner Korps im Vormarsch über Angerburg. Wird dieses nicht
                            den Weg in den Rücken unserer linken Stoßgruppe finden? Ferner kommen
                            beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Rücken unseres
                            westlichen Flügels. Dort bewegt sich im Süden starke russische
                            Kavallerie. Ob Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis
                            der Schlacht erreicht ihren Höhepunkt. Die Frage drängt sich uns auf:
                            wie wird die Lage werden, wenn sich bei solch gewaltigen Räumen und bei
                            dieser feindlichen Überlegenheit die Entscheidung noch tagelang
                            hinzieht? Ist es überraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz
                            erfüllen; wenn Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester
                            Wille war; wenn Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis
                            jetzt alles beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns
                            wieder verstärken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist
                            es nicht besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu
                            versuchen, um die eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir überwinden
                            die Krisis in uns, bleiben dem gefaßten Entschlusse treu und suchen
                            weiter die Lösung mit allen Kräften im Angriff. Demnach rechter Flügel
                            unentwegt weiter auf Neidenburg und linke Stoßgruppe „um 4&nbsp;Uhr morgens
                            antreten und mit größter Energie handeln“, so etwa lautete der Befehl. </p>
                        <p> Der 27.&nbsp;August zeigt, daß der Erfolg des I.&nbsp;Reservekorps und XVII.&nbsp;Armeekorps
                            bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein <pb n="88"/><anchor id="p088"/>durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur
                            gewichen, sondern flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren überblickt man,
                            daß Rennenkampf nur in der Phantasie eines Fliegers in unseren Rücken
                            marschiert. In Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf
                            Königsberg. Sieht er nicht oder will er nicht sehen, daß das Verderben
                            gegen die rechte Flanke Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und
                            daß es auch gegen dessen linken Flügel andauernd wächst? Denn an diesem
                            Tage erstürmen François und Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau
                            und nördlich und schlagen den südlichen Gegner. Mag nunmehr die
                            feindliche Mitte weiter nach Allenstein-Hohenstein vordringen, sie
                            findet dort nicht mehr den Sieg, sondern nur noch das Verderben. Die
                            Lage ist für uns klar; wir geben am Abend des Tages den Befehl zum
                            Einkreisen der Kernmasse des Gegners, nämlich seines XIII. und XV.&nbsp;Armeekorps. </p>
                        <p> Während des 28.&nbsp;August geht das blutige Ringen weiter. </p>
                        <p> Der 29. sieht einen großen Teil der russischen Hauptkräfte bei
                            Hohenstein der endgültigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von
                            Norden, Willenberg über Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um
                            Tausende und Abertausende von Russen beginnt sich zu schließen. Viel
                            russisches Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen
                            Lage noch weiter für den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht
                            mehr die Schlacht. </p>
                        <p> Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Königsberg. Samsonoff
                            ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer
                            kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon können wir Truppen aus
                            der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich
                            in dem großen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in
                            dem der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus
                            kommen größer und größer werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem
                            Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage.
                                <pb n="89"/><anchor id="p089"/>Ein eigenartiger Zufall wollte es,
                            daß ich in Osterode, einem unserer Unterkunftsorte während der Schlacht,
                            den einen der beiden gefangenen russischen Kommandierenden Generale in
                            dem gleichen Gasthofe empfing, in dem ich im Jahre 1881 auf einer
                            Generalstabsreise als junger Generalstabsoffizier einquartiert gewesen
                            war. Der andere meldete sich am folgenden Tage bei mir in einer von uns
                            zu Geschäftsräumen umgewandelten Schule. </p>
                        <p> Schon während der Kämpfe konnten wir das teilweise prächtige
                            Soldatenmaterial betrachten, über das der Zar verfügte. Nach meinen
                            Eindrücken befanden sich darunter zweifellos bildungsfähige Elemente.
                            Ich nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch
                            der deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in
                            seinem sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind
                            vergißt. Die Kampfeswut unserer Leute ebbt überraschend schnell zu
                            rücksichtsvollem Mitgefühl und menschlicher Güte ab. Nur gegen die
                            Kosaken erhob sich damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die
                            Ausführer all der vertierten Roheiten betrachtet, unter denen
                            Ostpreußens Volk und Land so grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug
                            anscheinend sein schlechtes Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er
                            immer konnte, bei drohender Gefangennahme die Abzeichen, die seine
                            Waffenzugehörigkeit kenntlich machten, nämlich die breiten Streifen an
                            den Hosen. </p>
                        <p> Am 30.&nbsp;August macht der Gegner im Osten und Süden den Versuch, mit
                            frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschließungsring von
                            außen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka,
                            führt er neue starke Kräfte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere
                            Truppen, die schon das russische Zentrum völlig einkreisen und daher dem
                            anrückenden Gegner den Rücken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr,
                            als von Mlawa anrückende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35&nbsp;km lang, also sehr stark sein sollen. Doch
                            halten wir fest an unserem großen Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs muß
                                um<pb n="90"/><anchor id="p090"/>klammert und vernichtet werden.
                            François und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch
                            schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch,
                            die Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Während Verzweiflung den
                            Umklammerten ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen
                            gelähmt, der die Befreiung hätte bringen können. Auch in dieser
                            Beziehung bestätigen die Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg
                            die alten menschlichen und soldatischen Erfahrungen. </p>
                        <p> Unser Feuerkreis um die dichtgedrängten, bald hierhin, bald dorthin
                            stürzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger. </p>
                        <p> Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie östlich Königsberg
                            zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen
                            nähern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von
                            Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch
                            ermüdete Kräfte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt. </p>
                        <p> Der 31.&nbsp;August ist für unsere noch kämpfenden Truppen der Tag der
                            Schlußernte, für unser Oberkommando der Tag des Überlegens über
                            Weiterführung der Operationen, für Rennenkampf der Tag der Rückkehr in
                            die Linie Deime-Allenburg-Angerburg. </p>
                        <p> Schon am 29.&nbsp;August hatte mir der Gang der Ereignisse ermöglicht, meinem
                            Allerhöchsten Kriegsherrn den völligen Zusammenbruch der russischen
                            Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem
                            Schlachtfelde der Dank Seiner Majestät, auch im Namen des Vaterlandes.
                            Ich übertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen
                            Generalstabschef und auf unsere herrlichen Truppen. </p>
                        <p> Am 31.&nbsp;August konnte ich meinem Kaiser und König folgendes berichten: </p>
                        <p rend="zitat">„Eurer Majestät melde ich alluntertänigst, daß sich am gestrigen Tage
                            der Ring um den größten Teil der russischen Armee geschlossen hat. XIII., XV. und XVIII.&nbsp;Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis
                                <pb n="91"/><anchor id="p091"/>jetzt über 60.000&nbsp;Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und XV.&nbsp;Armeekorps. Die Geschütze stecken noch in den Waldungen und
                            werden zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu
                            übersehen, ist außerordentlich groß. Außerhalb des Ringes stehende
                            Korps, das I. und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den
                            Rückzug fort über Mlawa und Myszyniec.“ </p>
                        <p> Die Truppen und ihre Führer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten
                            die Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen
                            schallte aus ihrer Mitte. </p>
                        <p> In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in
                            der Nähe des alten Ordensschlosses während des Gottesdienstes. Als der
                            Geistliche das Schlußgebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge
                            Soldaten und alte Landstürmer, unter dem gewaltigen Eindruck des
                            Erlebten auf die Knie. Ein würdiger Abschluß ihrer Heldentaten. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Die Schlacht an den masurischen Seen</head>
                        <p> Der Gefechtslärm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht
                            verstummt, als wir die Vorbereitungen für den Angriff auf die Armee
                            Rennenkampf begannen. Am 31.&nbsp;August abends traf folgende telegraphische
                            Weisung der Obersten Heeresleitung ein: </p>
                        <p rend="zitat">„XI.&nbsp;Armeekorps, Garde-Reserve-Korps,
                            8.&nbsp;Kavalleriedivision werden zur Verfügung gestellt. Transport hat
                            begonnen. Zunächst wird Aufgabe der 8.&nbsp;Armee sein, Ostgrenze von Armee
                            Rennenkampf zu säubern. </p>
                        <p rend="zitat"> Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in
                            Richtung Warschau ist mit Rücksicht auf die Bewegungen der Russen von
                            Warschau auf Schlesien erwünscht. </p>
                        <pb n="92"/><anchor id="p092"/>
                        <p rend="zitat"> Weitere Verwendung der 8.&nbsp;Armee, wenn es die Lage in Ostpreußen
                            gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen.“ </p>
                        <p> Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin
                            und überließ uns Mittel und Wege zur Ausführung. Wir glaubten annehmen
                            zu dürfen, daß die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Trümmern
                            bestand, die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht
                            hatten, oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu
                            rechnen. Es mußte jedoch darüber geraume Zeit vergehen. Für jetzt schien
                            es genügend, diese Reste durch schwache Truppen längs unseres südlichen
                            Grenzstreifens überwachen zu lassen. Alles übrige mußte zur neuen
                            Schlacht heran. Selbst das Eintreffen der Verstärkungen aus dem Westen
                            erlaubte uns nach unserer Anschauung nicht, jetzt schon Kräfte über die
                            Narewlinie hinüber gegen Süden einzusetzen. </p>
                        <p> Was das Wort „Warschau“ im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist
                            uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die
                            österreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem
                            Schwerpunkt gegen den östlichen Teil des russischen Polens in Richtung
                            Lublin angreifen, während deutsche Kräfte von Ostpreußen her dem
                            Verbündeten über den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein großer
                            und schöner Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche
                            Schwächen aufwies. Er rechnete nicht damit, daß Österreich-Ungarn eine
                            starke Armee an die serbische Grenze schickte, nicht damit, daß Rußland
                            schon ein paar Wochen nach Kriegsausbruch voll gerüstet an der Grenze
                            stehen konnte, nicht damit, daß 800.000 Moskowiter
                            gegen Ostpreußen eingesetzt werden, am allerwenigsten aber damit, daß er
                            in all seinen Einzelheiten an den russischen Generalstab schon im
                            Frieden verraten werden würde. </p>
                        <p> Jetzt ist das österreichisch-ungarische Heer nach überkühnem Ansturm
                            gegen die russische Übermacht in schwerste frontale Kämpfe verwickelt,
                            ohne daß wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen,
                            wenngleich wir starke feindliche Kräfte fesseln. Der <pb n="93"/><anchor id="p093"/>Verbündete muß auszuhalten versuchen, bis wir
                            auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind wir zur
                            Hilfeleistung befähigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten Stärke, so
                            doch mit ihrem größten Teile. </p>
                        <p> Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie
                            Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend südöstlich von den
                            masurischen Seen für gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht.
                            Das Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdächtig. Dort herrscht viel
                            Unruhe. Noch verdächtiger ist das Gebiet im Rücken der Njemenarmee. Da
                            ist ein ständiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung
                            nach Südwesten und Westen. Rennenkampf erhält zweifellos Verstärkungen.
                            Die russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit
                            geworden. Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps
                            verfügbar, deren die russische Oberste Heeresleitung gegen die
                            Österreicher in Polen nicht mehr zu bedürfen glaubt. Schickt man diese
                            Verbände zu Rennenkampf oder in seine Nähe, sei es zur unmittelbaren
                            Stütze, sei es zu einem Schlage gegen uns aus überraschender Richtung? </p>
                        <p> Rennenkampf verfügt, soweit wir es beurteilen können, über mehr als
                            20&nbsp;Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, während unsere
                            Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn
                            aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer größten Schwäche, die
                            Zeit der Ermüdung unserer Truppen, ihrer Massenanhäufung auf dem
                            Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum läßt er uns
                            Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz
                            heranzuziehen? Der russische Führer ist doch bekannt als vortrefflicher
                            Soldat und General. Als Rußland in Ostasien kämpfte, klang unter allen
                            russischen Führern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm
                            damals übertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen
                            Eigenschaften in der Zwischenzeit verloren? </p>
                        <p> Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen
                            überraschend schnell erschöpft. Wo in einem Jahre noch triebkräftiger
                                <pb n="94"/><anchor id="p094"/>Verstand, vorwärtsdrängender Wille
                            vorhanden war, da ist vielleicht im nächsten schon ein unfruchtbarer
                            Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen. Das war schon vielfach die
                            Tragik soldatischer Größe. </p>
                        <p> Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch über Tannenberg aufgeschlagen und
                            geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier
                            Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen. </p>
                        <p> Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, daß in
                            Königsberg doch nicht die Masse der deutschen 8.&nbsp;Armee stand, wie er
                            angenommen hatte. Starke Kräfte vermutet er aber jedenfalls immer noch
                            in diesem mächtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf
                            die siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu stürzen,
                            scheint also gewagt, zu gewagt. Es wäre mindestens ein unsicheres
                            Unternehmen. Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen
                            zwischen Kurischem Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese
                            Stellungen können die Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens
                            von Norden her überhaupt nicht, von Süden aus nur schwer durchführen.
                            Rennen sie gegen die Front an, so stürzt man sich mit zurückgehaltenen
                            gewaltigen Reserven auf ihre zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das
                            Unwahrscheinliche, und dringen sie durch die Engnisse des Seengebietes,
                            so fällt man von Norden auf die linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen,
                            während man eine neugebildete Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre
                            rechte Seite und in ihren Rücken wirft. Gelingt von alledem nichts, gut
                            – so geht man nach Rußland zurück. Rußland ist groß, die befestigte
                            Njemenlinie ist nahe. Keine operative Notwendigkeit kettet Rennenkampf
                            weiter an Ostpreußen. Der Operationsplan im Zusammenwirken mit Samsonoff
                            ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee in hoffnungsvollem
                            Vorwärtsstürmen zugrunde ging, so ist es jetzt das beste vorsichtig zu
                            sein. </p>
                        <p> So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er hätte
                            so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich <pb n="95"/><anchor id="p095"/>ein großer Entschluß. Sie bewegen sich in
                            wenig kühnen Bahnen. Und doch kann ihre Ausführung uns beträchtliche
                            unmittelbare Krisen schaffen und auf die allgemeine Lage im Osten
                            bedenkliche Wirkung ausüben. Die große zahlenmäßige Überlegenheit der
                            Njemenarmee hätte genügt, um auch unsere jetzt verstärkte 8.&nbsp;Armee zu
                            zertrümmern. Ein vorzeitiger Rückzug Rennenkampfs aber brächte uns um
                            die Früchte unserer neuen Operation und macht uns die Richtung auf
                            Warschau und damit die Unterstützung Österreichs auf absehbare Zeit
                            hinaus unmöglich. </p>
                        <p> Wir müssen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese
                            Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen
                            ihren eigentümlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis
                            gegen Königsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5.&nbsp;September
                            ist dies im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwärts. 4&nbsp;Korps (XX., XI., I.&nbsp;Reserve
                            und Garde-Reserve) und die Truppen aus Königsberg, also verhältnismäßig
                            starke Kräfte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime, d.&nbsp;h. gegen die
                            feindliche Front vor. 2&nbsp;Korps (I. und XVII.) sollen durch das Seengebiet dringen; die
                            3.&nbsp;Reservedivision hat, als rechte Staffel unseres umfassenden Flügels,
                            südlich der masurischen Seen herum zu folgen, während die 1. und
                            8.&nbsp;Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum Losreiten bereit halten,
                            sobald die Seenengen geöffnet sind. Das sind die Kräfte gegen
                            Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhältnisse wie bei den Bewegungen,
                            die zum Siege von Tannenberg führten. Die Sicherheit gegen Rennenkampfs
                            starke Reserven veranlaßt uns zu dieser Gruppierung der Kräfte. Auf
                            diese Weise breitet sich unser Angriff in der Stärke von
                            14&nbsp;Infanteriedivisionen trotzdem noch auf über 150&nbsp;km Front aus. Wird der Gegner sie zerreißen? </p>
                        <p> Wir nähern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und
                            beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und
                            Wehlau, vielleicht noch stärkere nördlich Nordenburg. <pb n="96"/><anchor id="p096"/>Sie bleiben zunächst unbeweglich und stören
                            unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht. </p>
                        <p> Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7.&nbsp;September die Seenkette
                            zu durchbrechen, die 3.&nbsp;Reservedivision schlägt bei Bialla in glänzendem
                            Gefecht die Hälfte des XXII. russischen Korps
                            in Trümmer. Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die
                            nächsten Tage müssen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum
                            Gegenangriff zu schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine
                            Mittel es sind. Zu seiner an sich schon bedeutenden bisherigen
                            Überlegenheit scheinen drei weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld
                            erreicht zu haben. Erwartet der russische Führer noch mehr? Rußland hat
                            mehr als 3&nbsp;Millionen Kampfsoldaten an seiner Westfront; die
                            österreichisch-ungarische Heeresmacht und wir zählen demgegenüber kaum
                            ein Dritteil. </p>
                        <p> Am 8.&nbsp;September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser
                            frontaler Angriff kommt nicht vorwärts, auf unserem rechten Flügel geht
                            es besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre
                            durchbrochen und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind
                            nunmehr die gegnerischen rückwärtigen Verbindungen. Unsere
                            Reitergeschwader scheinen freie Bahn dorthin zu haben. </p>
                        <p> Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum
                            Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit kühnem
                            Vorschreiten unsererseits östlich der Seen, wenngleich die beiden
                            Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewünschten
                            Schnelligkeit zu brechen vermögen. Die 3.&nbsp;Reservedivision schlägt einen
                            vielfach überlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgültig von
                            der Sorge im Süden. </p>
                        <p> Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere
                            Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu können und
                            ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch über Tilsit gesehen. Was
                            wird das Schicksal unserer dünngestreckten, <pb n="97"/><anchor id="p097"/>frontal kämpfenden Korps sein, wenn eine russische
                            Menschenlawine von gegen 100&nbsp;Bataillonen, geführt von festem,
                            einheitlichem Willen, sich auf sie stürzt? Ist es trotzdem verständlich,
                            wenn wir am Abend dieses 9.&nbsp;September wünschen und sprechen:
                            „Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner für uns unbezwinglichen Front,
                            pflücke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!“ Wir hatten jetzt volle
                            Zuversicht, daß wir solche Lorbeeren dem feindlichen Führer durch
                            kräftige Fortführung unseres Flügelangriffes wieder entreißen würden.
                            Leider erkennt der russische Führer diese unsere Gedanken; er findet
                            nicht den Entschluß, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen. </p>
                        <p> In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen
                            in die feindlichen Gräben und finden sie leer. „Der Gegner geht zurück.“
                            Die Meldung scheint uns unglaubwürdig. Das I.&nbsp;Reservekorps will sofort
                            von Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um
                            Mittag des 10. müssen wir das Unwahrscheinliche und Unerwünschte
                            glauben. Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rückzug begonnen,
                            wenn er auch da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns
                            starke Massen in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze
                            Front ist in vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten
                            Flügelkorps und Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet
                            heran an die feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu
                            bringen. </p>
                        <p> Wir treiben vorwärts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt
                            und hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint
                            ungeduldig zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige
                            bringt Verwirrung und Auflösung. </p>
                        <p> Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht
                            nebeneinander gedrängten Kolonnen Rußland zu. Die Bewegung vollzieht
                            sich langsam, sie muß durch Entgegenwerfen starker Kräfte gegen die
                            nachdrängenden Deutschen gedeckt werden. Daher <pb n="98"/><anchor id="p098"/>wird besonders der 11.&nbsp;September zum blutigen Kampftag
                            von Goldap bis hin zum Pregel. </p>
                        <p> Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, daß nur noch wenig Tage zur
                            Durchführung der Verfolgung zur Verfügung stehen. Die Entwickelung der
                            Gesamtlage auf dem östlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht
                            geltend. Wir ahnen mehr, als daß wir es aus bestimmt lautenden
                            Nachrichten ersehen können: die Operation unseres Verbündeten in Polen
                            und Galizien ist gescheitert! An unser Nachstoßen hinter Rennenkampf
                            über den Njemen hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere
                            Operation nicht noch im letzten Augenblick innerhalb des großen Rahmens
                            als gescheitert gelten, so darf die feindliche Armee den schützenden
                            Njemen-Abschnitt nur derartig geschwächt und erschüttert erreichen, daß
                            die Hauptmasse unserer Verbände zum dringend notwendig gewordenen
                            Zusammenwirken mit dem österreichisch-ungarischen Heere freigemacht
                            werden kann. </p>
                        <p> Am 12.&nbsp;September erreicht die 3.&nbsp;Reservedivision Suwalki, also
                            russischen Boden. Mit knapper Not entgeht der Südflügel Rennenkampfs der
                            Einkesselung durch unser I.&nbsp;Armeekorps südlich
                            Stallupönen. Glänzend sind die Leistungen einzelner unserer verfolgenden
                            Truppen. Sie marschieren und kämpfen, und marschieren wieder, bis die
                            Soldaten vor Müdigkeit niederstürzen. Andererseits ziehen wir heute
                            schon das Gardereservekorps aus der Kampffront, um es für weitere
                            Operationen bereitzustellen. </p>
                        <p> An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem
                            11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloß in Gedanken,
                            sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreußischen Landstraße,
                            vorbei an unseren siegreich ostwärts schreitenden Truppen und an
                            westwärts ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige
                            Hauptquartier Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Räumen
                            merkwürdige Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von
                            Parfüm, Juchten und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge
                            zu verdecken. </p>
                        <pb n="99"/><anchor id="p099"/>
                        <p> Genau ein Jahr später, an einem Sonntag, kam ich von einem eintägigen
                            Jagdausflug zurückkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde
                            mein Kraftwagen zurückgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur
                            Erinnerung an die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden
                            sollte. Ich mußte einen Umweg machen. <hi rend="kursiv">Sic transit
                                gloria mundi!</hi> Man hatte mich nicht erkannt. </p>
                        <p> Am 13.&nbsp;September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die
                            zurückflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse
                            sprengen die dichtgedrängten Haufen auseinander, der Herdentrieb führt
                            sie wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die
                            große Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiß, daß dies
                            für einen großen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung
                            bedeuten würde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen südlich der
                            Straße alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbänden noch zur Hand
                            hat. Nur noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem
                            werden sich die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelände
                            westlich der Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny geflüchtet haben. Dorthin
                            können wir ihnen nicht nachdrängen. </p>
                        <p> Am 15.&nbsp;September waren die Kämpfe beendet. Die Schlacht an den
                            masurischen Seen schloß auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von
                            über 100&nbsp;km, von uns zurückgelegt innerhalb
                            4&nbsp;Tagen. Die Masse unserer Verbände war beim Abschluß der Kämpfe zu
                            neuer Verwendung bereit. </p>
                        <p> Es ist mir nicht möglich, hier auch noch auf die glänzenden Leistungen
                            einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere
                            Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Überlegenheit
                            im südlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis
                            zur Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluß dieser Kämpfe
                            dauerte über meine Kommandoführung bei der 8.&nbsp;Armee hinaus an. Er fand
                            unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen.
                        </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="100"/><anchor id="p100"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Der Feldzug in Polen</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Abschied von der achten Armee</head>
                        <p> Anfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen
                            Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische
                            Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der
                            k.&nbsp;u.&nbsp;k. 1. und 4.&nbsp;Armee eingestellt sei. </p>
                        <p> Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und
                            hörten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse
                            erklären am besten nachstehende Telegramme: </p>
                        <p> Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10.&nbsp;September 1914: </p>
                        <p rend="zitat">„Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden
                            kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für
                            Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien
                            in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier
                            können zwei Armeekorps abgegeben werden.“ </p>
                        <p> Das war am 10.&nbsp;September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf
                            überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann. </p>
                        <p> Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13.&nbsp;September 1914: </p>
                        <p rend="zitat"> „Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport
                            nach Krakau!“&nbsp;... </p>
                        <pb n="101"/><anchor id="p101"/>
                        <p> Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr
                            darüber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste
                            Heeresleitung: </p>
                        <p rend="text-align:right">13.&nbsp;September 14.</p>
                        <p rend="zitat"> „Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig.
                                        Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa
                                        10&nbsp;Tagen möglich. Österreich erbittet aber wegen Rumäniens
                                        direkte Unterstützung durch Verlegung der Armee nach Krakau
                                        und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und eine
                                        Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa
                                        20&nbsp;Tage. Lange Märsche nach österreichischem linken Flügel.
                                        Hilfe kommt dort spät. Bitte um Entscheidung. Armee müßte
                                        dort jedenfalls Selbständigkeit behalten.“ </p>
                        <p> Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur
                            einigen Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch
                            erheblich angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden
                            begann. </p>
                        <p> Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14.&nbsp;September 1914: </p>
                        <p rend="zitat"> „Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher
                                        nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare
                                        Unterstützung der Österreicher ist politisch erforderlich. </p>
                                    <p rend="zitat"> Operationen aus Schlesien kommen in Frage&nbsp;... </p>
                                    <p rend="zitat"> Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer
                                        Operation mit den Österreichern bestehen.“ </p>
                        <p> Also doch! – – </p>
                        <p> Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein
                            Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf
                            ihn zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das
                            Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf
                            die Führung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen
                            Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen.
                            Mag ich 1914 in Gedanken und Worten <pb n="102"/><anchor id="p102"/>kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die
                            Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines
                            Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt
                            vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des Krieges
                            versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen
                            leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer
                            Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“
                            Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien
                            in diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem
                            soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn
                            die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in
                            dieser Beziehung glücklicher sein, als wir es waren! </p>
                        <p> Am 15.&nbsp;September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war
                            zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9.&nbsp;Armee ernannt worden.
                            Doch schon am 17.&nbsp;September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß
                            ich den Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber
                            auch die Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende,
                            nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX.&nbsp;Armeekorps sowie der 8.&nbsp;Kavalleriedivision an die
                            9.&nbsp;Armee geschwächte 8.&nbsp;Armee beibehielte. Die Trennung von meinem
                            bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel
                            gewesen. Ich erwähne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende
                            entstellend bemächtigt hat. </p>
                        <p> Am 18.&nbsp;September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier
                            der 8.&nbsp;Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über
                            Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging
                            zunächst über die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte
                            Erinnerungen an unsere Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene,
                            niedergebrannte Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte
                            Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen
                            Heimstätten zustrebend. Bewähr<pb n="103"/><anchor id="p103"/>tes
                            Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten
                            es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner Häuser, ein
                            Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der Tüchtigkeit
                            unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel
                            durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes
                            alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für dessen
                            Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die
                            schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit
                            und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes
                            Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier
                            nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die
                            Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle
                            deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer
                            Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen
                            angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren
                            Dienste geleistet hat. </p>
                        <p> Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und
                            haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens
                            nicht verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung
                            zusammenfassen: </p>
                        <p> Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen
                            Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen
                            Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur
                            ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und
                            allein leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt
                            mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie
                            bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die
                            Brandung ein Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum
                            Sturmbock der europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche
                            Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt! </p>
                        <pb n="104"/><anchor id="p104"/>
                        <p> Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl.
                            Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war
                            dies der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit. </p>
                        <p> Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in
                            dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem
                            wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn
                            in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße
                            beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer
                            Koalitionskriege. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Der Vormarsch</head>
                        <p> Wir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von
                            Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir
                            größere Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der
                            russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings
                            nicht festgelegt war, zu besitzen. – „Unmöglich!“ </p>
                        <p> Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel
                            über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“ </p>
                        <p> Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich
                            der oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“ </p>
                        <p> Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die
                            ganze Operation unmöglich sein oder werden. </p>
                        <p> Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX.,
                            Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35.&nbsp;Reservedivision,
                            Landwehrdivision Bredow und 8.&nbsp;Kavalleriedivision) im von der Obersten
                            Heeresleitung befohlenen engsten Anschluß an den linken
                            österreichisch-ungarischen Heeresflügel nördlich Krakau. Unser Haupt<pb n="105"/><anchor id="p105"/>quartier kommt vorübergehend nach
                            Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende
                            September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel
                            der Armee, in Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische
                            Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur
                            4&nbsp;Infanteriedivisionen und 1&nbsp;Kavalleriedivision nordwärts über die
                            Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können.
                            Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser
                            Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es
                            fragt sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer
                            trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine
                            Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er
                            das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine
                            Hauptkräfte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg
                            ermöglicht. </p>
                        <p> Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen
                            können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den
                            weichenden österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über
                            den San hinaus nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür
                            vorhanden, daß nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen
                            und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod
                            scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen
                            hierfür werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns
                            bei den früheren Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils
                            kommen neue Kräfte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor,
                            daß westlich Warschau an einer großen Stellung mit Front nach Westen
                            gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein
                            und müssen auf Überraschungen gefaßt sein. </p>
                        <p> Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen
                            kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm
                            miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als <pb n="106"/><anchor id="p106"/>besonderes Element der dortigen Kriegführung
                            bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form,
                            nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten
                            menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Überschreiten
                            unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich
                            unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem Boden
                            Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe
                            Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen?
                            In welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die
                            russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte
                            die Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische
                            Kräfte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen!
                            Die offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen
                            beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren
                            Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an
                            uns hätte steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken
                            fraglich. </p>
                        <p> Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert.
                            Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht
                            aus der Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps
                            in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich
                            Iwangorod frontal entgegen zu werfen. </p>
                        <p> Am 6.&nbsp;Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich
                            hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns
                            zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung
                            unseres Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen
                            Umständen ist vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher
                            Richtung über die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir
                            müssen zunächst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt
                            von dem Ausgange der dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein
                            eigenartiges strategisches <pb n="107"/><anchor id="p107"/>Bild
                            entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der
                            Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits
                            des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren
                            Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod
                            starke Kräfte über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf
                            ihre Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den
                            Gegner völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich
                            Warschau trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf
                            überlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa
                            einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff
                            ins Stocken. </p>
                        <p> Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück
                            ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in
                            die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung
                            bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das
                            sind etwa 60&nbsp;Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau
                            heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen
                            angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die
                            gegnerische Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere
                            Infanterie infolge der vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und
                            Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Märsche,
                            bis über 300&nbsp;km in 14&nbsp;Tagen und auf grundlosen
                            Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der
                            ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und diese
                            Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, vollzähligen
                            sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches! </p>
                        <p> Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während
                            ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben
                            entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten
                            Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich <pb n="108"/><anchor id="p108"/>von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch
                            sein größter blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben mußte. </p>
                        <p> War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem
                            Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das
                            sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem
                            russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male <hi rend="kursiv">in praxi</hi>
                            unmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend
                            als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht
                            nur für die 9.&nbsp;Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja
                            für die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so
                            schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die
                            drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter
                            Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch
                            freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit
                            diesem auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen,
                            ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können. </p>
                        <p> Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an
                            Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken.
                            Das k.&nbsp;und&nbsp;k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges
                            Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage
                            wenig entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt
                            sind, ist bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und
                            daher zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie
                            zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung
                            deutscher und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man
                            bringt die ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens.
                            Gegenvorstellungen unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir
                            uns denn den Wünschen unserer Verbündeten. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <pb n="109"/><anchor id="p109"/>
                        <index index="pdf" level1="Der Rueckzug"/>
                        <head>Der Rückzug</head>
                        <p> Was wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue
                            Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die
                            Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite
                            aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde
                            feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die
                            Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame
                            Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern.
                            Ja man könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden
                            der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen
                            wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9.&nbsp;Armee
                            herangeführt, sich also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat.
                            Jedenfalls muß der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig
                            aufgenommene Entschluß gefaßt werden, uns aus der drohenden Umklammerung
                            loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen.
                            Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den
                            19.&nbsp;Oktober dem Gegner überlassen. Um die Operation nicht schon jetzt
                            aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau unter Mackensen kämpfenden
                            Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70&nbsp;km westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen
                            diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit
                            unseren inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps
                            von Süden her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der
                            russischen Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für
                            Durchführung dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der
                            russischen Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische
                            Verteidigung an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter
                            Stoß gegen russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher
                                ge<pb n="110"/><anchor id="p110"/>schützt ist. Die Lösung dieser
                            letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der Weichselstellung
                            für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische Führung erschwerte
                            sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen
                            großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem Gegner die
                            Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um dann über
                            die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels herzufallen. Ein
                            kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manövern in Ausführung
                            und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom
                            Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach glänzend
                            gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer,
                            besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir raten
                            daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei
                            Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische
                            Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt
                            sich schließlich in einen Rückzug. </p>
                        <p> Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen
                            Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres
                            beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten
                            entblößt. Wir müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am
                            besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um
                            später anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in
                            mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber
                            doch klar genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen.
                            Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird
                            für ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß. </p>
                        <p> Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird
                            die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es
                            ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen
                            Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung
                            Wehrloser und anderes Elend. Das <pb n="111"/><anchor id="p111"/>reiche
                            Schlesien mit seinem mächtig entwickelten Bergbau und seiner großen
                            Industrie, beides für die Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche
                            Brot! Man fährt im Kriege nicht einfach mit der Hand über die Karte und
                            sagt: „Ich räume dieses Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch
                            wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran.
                            Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen. </p>
                        <p> Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27.&nbsp;Oktober
                            angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen
                            die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig
                            losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation
                            einzuleiten. Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker
                            Flügel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der
                            Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat
                            dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung
                            gefunden. </p>
                        <p> Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das
                            rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die
                            unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität
                            erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen
                            Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche
                            waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern
                            sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser
                            ungewöhnlichen Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen
                            besonders wegen der großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners
                            jedoch immer noch genügend starke Ansprüche an die Nerven der obersten
                            Führung. Ich wußte aber die untere Führung fest in unserer Hand und
                            hatte das unbedingte Vertrauen, daß von den Truppen das Menschenmögliche
                            geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung
                            der gefährlichsten Lagen ermöglicht. Doch schien unser schließliches
                            Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die <pb n="112"/><anchor id="p112"/>Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten
                            uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre
                            Ansicht unser Glück, denn am 1.&nbsp;November verkündet ein russischer
                            Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120&nbsp;Werst verfolgt habe, sei es Zeit die
                            Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der
                            Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne
                            herantreten. </p>
                        <p> An diesem 1.&nbsp;November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung
                            zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde
                            mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert.
                            General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9.&nbsp;Armee wurde
                            General von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren
                            Sorge für die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken
                            auf das Ganze. </p>
                        <p> Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin
                            übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3.&nbsp;November die endgültige
                            Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht
                            besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Unser Gegenangriff</head>
                        <p> Der neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der
                            jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen
                            Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die
                            erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien
                            ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten.
                            Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die
                            Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach
                            zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte
                            feindliche Flanke zu richten suchen. Eine <pb n="113"/><anchor id="p113"/>ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten
                            Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordflügel in
                            der Gegend von Lodz, so müssen wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn
                            verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer
                            Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom
                            österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur noch schwächere
                            deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch,
                            sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung für
                            unseren Linksabmarsch ist, daß das k.&nbsp;u.&nbsp;k. Armee-Oberkommando an die
                            Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in die Gegend von
                            Czenstochau 4&nbsp;Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten
                            Karpathenfront heranbefördert. </p>
                        <p> Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten
                            verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste
                            wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der
                            oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8.&nbsp;Armee. Die
                            Zwischenräume zwischen diesen 3&nbsp;Gruppen können wir durch vollwertige
                            Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100&nbsp;km breite Lücke zwischen den Österreichern und
                            unserer 9.&nbsp;Armee im wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben.
                            Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und müssen noch
                            dazu an der Front einer mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit
                            ausdehnen, daß sie eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein
                            zahlenmäßig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur
                            anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen
                            der 9.&nbsp;Armee bei Thorn und der 8.&nbsp;Armee in den östlichen Gebieten
                            Ostpreußens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt
                            durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen
                            gegenüber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4&nbsp;Armeekorps
                            nördlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese
                            russische Gruppe könnte, <pb n="114"/><anchor id="p114"/>wenn sie über
                            Mlawa angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der
                            Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das
                            Rückengebiet der 8.&nbsp;Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht.
                            Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der
                            9.&nbsp;Armee gegen die nur schwach geschützte Flanke der russischen
                            Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, daß diese Armee,
                            wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von
                            allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so größer, als
                            wir weder zahlenmäßig hinreichende noch auch genügend vollwertige
                            Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im großen
                            Weichselbogen als auch die feindlichen Korps nördlich der mittleren
                            Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder
                            auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu täuschen. Wir werden freilich
                            trotz alledem überall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber
                            es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu
                            versprechen. </p>
                        <p> Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden
                            kann, muß zur Verstärkung der 9.&nbsp;Armee herangeholt werden. Sie führt den
                            entscheidenden Schlag. Mag die 8.&nbsp;Armee noch so bedroht sein, sie muß
                            2&nbsp;Armeekorps zugunsten der 9.&nbsp;abgeben. Die Verteidigung der erst vor
                            kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht
                            mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in
                            das Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter
                            Entschluß. Die Gesamtstärke der 9.&nbsp;Armee wird durch die geschilderte
                            Maßnahme auf etwa 5½&nbsp;Armeekorps und 5&nbsp;Kavalleriedivisionen gebracht.
                            Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte
                            glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen
                            dort nicht freimachen zu können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf
                            einen günstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des
                            Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Größe und
                            Bedeutung. </p>
                        <pb n="115"/><anchor id="p115"/>
                        <p> Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit
                            und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das
                            Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet
                            werden wird. Schon am 10.&nbsp;November steht die 9.&nbsp;Armee angriffsbereit, am
                            11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem
                            rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich
                            an, daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch
                            verrät, daß die Armeen der Nordwestfront, d.&nbsp;h. also alles, was von
                            russischen Kräften von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am
                            14.&nbsp;November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir
                            entreißen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13.
                            unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien
                            durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff
                            entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck
                            unserer Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große
                            Entscheidung erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben
                            gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Großes! </p>
                        <p> Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr
                            einen, wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die
                            unter der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben. </p>
                        <p> In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und
                            Umfaßtsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf
                            beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner
                            erregenden Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der
                            Ostfront getobt hatten! </p>
                        <p> Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb
                            Asiens abzudämmen. </p>
                        <p> Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz
                            sondern wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu
                            uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche <pb n="116"/><anchor id="p116"/>mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter
                            Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem ähnlich schweren, ja
                            vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, nämlich
                            aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die
                            abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und wirklich
                            schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere Kräfte
                            zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den Kämpfen
                            von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die
                            ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde
                            gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen
                            nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie
                            gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische
                            Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke
                            weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete,
                            sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe. </p>
                        <p> Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die
                            Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien
                            deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den
                            kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen? </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="117"/><anchor id="p117"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>1915</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Frage der Kriegsentscheidung</head>
                        <p> Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in
                            ihrer ganzen heldenhaften Größe erst dann einwandfrei gewürdigt werden,
                            wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn
                            die Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irreführenden
                            Weise entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung
                            einem ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, daß dies
                            alles eintreten wird. </p>
                        <p> Trotz der Größe all unserer Leistungen fehlte aber die Krönung des
                            gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die
                            augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkämpft.
                            Die Vorstufe, die zu diesem führte, war eine Entscheidung auf wenigstens
                            einer unserer Fronten. Wir mußten herauskommen aus der kriegerischen,
                            politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnürte und
                            uns auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gründe für das
                            bisherige Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig
                            bleiben. Die Tatsache bestand, daß unsere Oberste Heeresleitung sich
                            genötigt geglaubt hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung
                            suchen wollte, vorzeitig starke Kräfte nach dem Osten zu werfen. Ob bei
                            diesem Entschluß nicht auch eine Überschätzung der damals im Westen
                            erreichten Er<pb n="118"/><anchor id="p118"/>folge eine große Rolle
                            spielte, möchte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen
                            Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht. </p>
                        <p> In zahlreichen Gesprächen mit Offizieren, die einen Einblick in den
                            Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen
                            Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil
                            über die Vorgänge zu gewinnen, die für uns in der sogenannten
                            Marneschlacht so verhängnisvoll wurden. Ich glaube nicht, daß eine
                            einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres großen, zweifellos
                            richtigen Feldzugsplanes trägt. Eine ganze Reihe ungünstiger
                            Einwirkungen entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zähle ich:
                            Verwässerung des Grundgedankens, mit einem starken rechten Flügel
                            aufzumarschieren, Festrennen des überstark gemachten linken
                            Heeresflügels durch falsche Selbsttätigkeit der unteren Führung,
                            Verkennen der aus dem starkbefestigten, großen Eisenbahnknotenpunkt
                            Paris zu erwartenden Gefahr, ungenügendes Eingreifen der Obersten
                            Heeresleitung in die Bewegungen der Armeen und vielleicht auch
                            mangelhaftes Herausfühlen der an sich nicht ungünstigen Lage an dieser
                            und jener Kommandostelle im entscheidenden Augenblick der Schlacht. Die
                            Geschichtsforschung und die Kritik werden hier ein dankbares Feld ihrer
                            Tätigkeit haben. </p>
                        <p> Mit aller Entschiedenheit möchte ich mich aber dahin aussprechen, daß
                            das Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine
                            schwere Gefahr für uns brachte, daß dadurch aber keineswegs die
                            Fortführung des Krieges für uns aussichtslos geworden war. Wäre dies
                            nicht meine Überzeugung gewesen, so würde ich mich schon im Herbste 1914
                            für verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu
                            meinem Allerhöchsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte
                            derartige glänzende und den Gegnern allenthalben überlegene
                            Eigenschaften entwickelt, daß nach meiner Ansicht bei einer
                            entsprechenden Zusammenfassung unserer Kräfte <pb n="119"/><anchor id="p119"/>trotz der feindlichen stets wachsenden zahlenmäßigen
                            Überlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunächst auf einem unserer
                            Kriegstheater möglich blieb. </p>
                        <p> West oder Ost? Das mußte die große Frage sein, von deren Beantwortung
                            unser Schicksal abhing. Bei Lösung dieser Frage konnte mir
                            selbstverständlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten
                            Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und
                            ausschließlich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und
                            damit auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung
                            frei und offen zu äußern und zu vertreten. </p>
                        <p> Für das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung
                            traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen
                            stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht
                            hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch
                            derjenige Gegner, der nach unser aller Überzeugung die zur Vernichtung
                            Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenüber fand man bei uns
                            die Begehrlichkeit Rußlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich;
                            diejenige auf Ost- und Westpreußen nahm man nicht ernst. </p>
                        <p> Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher
                            damit rechnen, die führenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden
                            des größten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein
                            nicht zu verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen
                            unserer Heeresführung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten;
                            wohl aber weiß ich, daß der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert-
                            und tausendfach mündlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich
                            fand sogar später, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde,
                            Stimmen, die mir eine förmliche Schonung Rußlands nahelegten. Man
                            glaubte eben vielfach, daß es verhältnismäßig leicht für uns sei, mit
                            Rußland auf friedlichem Boden eine Verständigung zu finden. </p>
                        <pb n="120"/><anchor id="p120"/>
                        <p> Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir
                            als <hi rend="kursiv">ultima ratio</hi> für Erzwingung des Friedens,
                            aber als eine <hi rend="kursiv">ultima ratio</hi>, an die wir nur über den auf den Boden geworfenen Russen
                            herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das
                            Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre
                            vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spät
                            geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gründlich verändert.
                            Die Zahl und Kraft unserer übrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins
                            Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kämpfer trat an
                            Stelle Rußlands das jugendkräftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika! </p>
                        <p> Ich glaubte, die Frage, ob wir Rußland niederzwingen könnten, im Winter
                            1914/15 bejahen zu dürfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt.
                            Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen großen, ins Ungeheure
                            gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und
                            ähnlicher Schlachten. Hierfür aber bot, wie es sich damals bereits
                            gezeigt hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die
                            Führung der russischen Armeen günstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte
                            dieses bewiesen; Lodz hätte es beweisen können, vielleicht mit noch
                            gewaltigeren Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in
                            Polen gegen gar zu große Überlegenheiten hätten auf uns nehmen müssen
                            und sozusagen mitten im Siege aus Mangel an Kräften steckenblieben. </p>
                        <p> Ich habe den Russen nie unterschätzt. Es war nach meiner Ansicht falsch,
                            in Rußland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn
                            und Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kräfte waren auch dort
                            am Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe,
                            selbständiger Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht
                            unbedingt fremd. Wie hätten sich auch sonst die ungeheuren Massen
                            bewegen lassen, wie wären anders das Land und die Truppen zu solchen
                            Hekatomben von Menschenopfern bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914
                            und 1915 war nicht mehr der <pb n="121"/><anchor id="p121"/>Russe von
                            Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen ließ. Aber
                            es fehlte ihm doch in seiner Masse die Größe menschlicher und geistiger
                            Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres waren. </p>
                        <p> Die bisherigen Kämpfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren
                            und Soldaten das Gefühl unbedingter Überlegenheit über diese Feinde
                            gegeben. Dieses Gefühl, das unsere alten Landstürmer ebenso wie unsere
                            jungen Soldaten erfüllte, erklärte es, daß wir hier im Osten
                            Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine
                            Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen hätte. Ein
                            ungeheurer Vorteil für uns, da wir zahlenmäßig so sehr den Gesamtgegnern
                            unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbände ihre
                            Grenzen angesichts der großen Anforderungen, die an die Ausdauer und an
                            die operative Beweglichkeit der Truppe in den östlichen Gebieten zu
                            stellen waren. Die Hauptkraft mußte immer wieder durch schlagkräftige
                            Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Führung entscheidender
                            Operationen nötige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mußten
                            sie nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter
                            Gebiete, aus der westlichen Front gezogen werden. </p>
                        <p> Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachträglicher
                            Gedankenkonstruktionen oder rückschauender Kritik. Man hat ihnen
                            gegenüber darauf hingewiesen, daß der Russe jederzeit imstande sein
                            würde, sich im Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines
                            Reiches so weit zurückzuziehen, daß unsere operative Kraft im Nachfolgen
                            erlahmen müßte. Ich glaube, daß diese Anschauungen sich allzusehr unter
                            dem Banne der Erinnerungen an 1812 befanden, daß sie der inzwischen
                            eingetretenen Entwickelung und Änderung der politischen und
                            wirtschaftlichen Verhältnisse des inneren Zarenreiches – ich erinnere
                            besonders an die Eisenbahnen – nicht genügend Rechnung trugen. Der
                            napoleonische Feldzug hatte seiner<pb n="122"/><anchor id="p122"/>zeit
                            nur einen verhältnismäßig schmalen Keil in das weite, dünn bevölkerte,
                            wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch völlig unerweckte Rußland
                            getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite, moderne Offensive
                            aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhältnisse mußte sie jetzt
                            auch in Rußland vorfinden? </p>
                        <p> In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der
                            damaligen deutschen Heeresführung und meinem Oberkommando. Die
                            Öffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen.
                            Von dramatischen Vorgängen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch
                            die Angelegenheit persönlich ergriff. Ich überlasse die nachträgliche
                            sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch
                            überzeugt, daß auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht
                            kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben. </p></div><div>
                                <index index="pdf" level1="Kaempfe und Operationen im Osten"/>
                        <head>Kämpfe und Operationen im Osten</head>
                        <p> Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten möchte ich nur in großen
                            Umrissen sprechen. </p>
                        <p> Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner
                            ganzen Stärke wieder wach. Völlig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei
                            uns aber auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen,
                            wo die k. und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor
                            russischer Überflutung schützen mußten. Dorthin war auch mein Armee-Chef
                            in der Not der Tage vorübergehend gerufen worden. Die inneren Gründe,
                            die zu unserer damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht
                            bekannt geworden. Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen
                            Kaiser, diese Verfügung rückgängig zu machen, was Seine Majestät auch
                            gnädigst bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurück mit
                            ernsten Erfah<pb n="123"/><anchor id="p123"/>rungen und noch ernsteren
                            Ansichten über die Zustände bei österreichisch-slawischen Truppenteilen. </p>
                        <p> Dem k.&nbsp;u.&nbsp;k. Armee-Oberkommando mußte der Gedanke zu einer
                            entscheidenden Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er drängte
                            sich ihm nicht nur aus militärischen sondern auch aus politischen
                            Gründen auf. Die fortschreitende Abnahme des Wertes der
                            österreichisch-ungarischen Kampfkräfte konnte ihm nicht verborgen
                            bleiben. Ein längeres Hinziehen des Krieges verschlimmerte diese
                            Zustände augenscheinlich in dem Heere der Donaumonarchie verhältnismäßig
                            rascher als beim gegenüberstehenden Feind. Dazu kam die österreichische
                            Sorge, daß der drohende Verlust von Przemysl nicht nur die Spannung in
                            der Kriegslage an der eigenen Heeresfront wesentlich steigern werde,
                            sondern daß auch unter dem Eindruck, den der Fall dieser Festung auf die
                            Heimat machen mußte, die schon jetzt nicht unbedenklichen Erscheinungen
                            von Lockerung im Staatsgefüge und von Schwinden des Vertrauens auf ein
                            günstiges Kriegsende sich noch weiter verschärfen würden. Auch fühlte
                            Österreich-Ungarn sich schon jetzt durch die politische Haltung Italiens
                            im Rücken bedroht. Ein großer, erfolgreicher Schlag im Osten konnte die
                            mißliche Lage des Staates gründlich ändern. </p>
                        <p> Aus dieser Beurteilung der Verhältnisse heraus trat ich auf die Seite
                            des Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung
                            entscheidende Operationen auf dem östlichen Kriegsschauplatz anregte.
                            Die von mir für eine solche Entscheidung nötig befundenen Truppenstärken
                            glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfügung stellen zu
                            können. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines
                            Befehlsbereiches nur ein einziger großer Schlag, den wir in Ostpreußen
                            führten. </p>
                        <p> 4&nbsp;Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfügung aus der
                            Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreußen ausgeladen,
                            verstärken teils die 8.&nbsp;Armee und bilden teils die 10. unter
                            Generaloberst von Eichhorn, marschieren <pb n="124"/><anchor id="p124"/>auf und rücken los, um seitlich beider Flügel unserer in der Linie
                            Lötzen-Gumbinnen gelegenen dünnen Verteidigungsstellung vorzubrechen.
                            Durch zwei starke Flügelgruppen soll die 10.&nbsp;russische Armee des
                            Generals Sievers weit ausholend umfaßt werden, damit schließlich durch
                            deren Zusammenschluß im Osten auf Rußlands Boden im großen Maßstabe
                            alles zertrümmert werden kann, was noch vom Feinde etwa übrig geblieben
                            ist. </p>
                        <p> Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im
                            Hauptquartier zu Posen für unsere Armeeführer in folgende Worte gefaßt: </p>
                        <p rend="zitat"> „Ich beabsichtige, die 10.&nbsp;Armee mit ihrem linken Flügel längs der Linie
                            Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des nördlichen Flügels des Gegners
                            anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Königsberg und dem linken
                            Flügel der 8.&nbsp;Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Flügel
                            der 8.&nbsp;Armee auf Arys-Johannisburg und südlich angreifen zu lassen.“ </p>
                        <p> Am 5.&nbsp;Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur
                            Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom
                            7. ab die beiden Massen an den Flügeln in Bewegung, vielleicht etwas an
                            unser ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es
                            für die 10.&nbsp;Russenarmee schließlich bei Augustowo auch werden. Dort
                            schloß sich am 21.&nbsp;Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem
                            mehr denn 100.000&nbsp;Gegner als Gefangene Deutschland
                            zugeführt wurden. Eine noch weit größere Zahl von Russen war einem
                            anderen Schicksal erlegen. </p>
                        <p> Das Ganze wurde auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers
                            „Winterschlacht in Masuren“ benannt. Man befreie mich von ihrer näheren
                            Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzählen? Ihr Name mutet
                            an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht
                            der rückblickende Mensch, wie wenn er sich fragen müßte: Haben wirklich
                            irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Märchen
                            oder Geisterspuk <pb n="125"/><anchor id="p125"/>gewesen? Sind jene
                            Züge durch Winternächte, jene Lager im eisigen Schneetreiben und endlich
                            der Abschluß der für den Feind so schrecklichen Kämpfe im Walde von
                            Augustowo nur die Ausgeburten erregter menschlicher Phantasien? </p>
                        <p> Trotz der großen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die
                            strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder
                            imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu völlig zu
                            vernichten, aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kräfte,
                            herangezogen von anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren.
                            Unter diesen Verhältnissen konnten wir mit den jetzt im Osten
                            verfügbaren Mitteln zu keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die
                            russische Übermacht war allzu gewaltig. </p>
                        <p> Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff
                            auf unsere Stellungen vorwärts der altpreußischen Grenzgebiete.
                            Gewaltige Blöcke wälzt der feindliche Heerführer gegen uns heran, Blöcke
                            von übermächtiger Größe, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kräfte
                            zusammen. Aber der deutsche Wille überwindet auch diese Belastung.
                            Ströme russischen Blutes fließen in den mörderischen Kämpfen bis
                            Frühjahrsbeginn nördlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel
                            sei Dank, auf russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch
                            ihre Zahl schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die
                            russische Kraft, die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher
                            fehlen, wenn der große deutsch-österreichisch-ungarische Stoß weit im
                            Süden die ganze russische Heeresfront erbeben macht. </p>
                        <p> Nicht nur in den preußischen Grenzgebieten, sondern auch in den
                            Karpathen wird in dieser Zeit mit äußerster Erbitterung gefochten. Dort
                            versucht der Russe auch über den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um
                            jeden Preis zu bezwingen. Er fühlt wohl mit Recht, daß ein Einbruch der
                            russischen Flut in die magyarischen Länder den Krieg entscheiden könnte,
                            daß das Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr überwinden würde. War
                            es zu bezweifeln, <pb n="126"/><anchor id="p126"/>daß der erste
                            russische Kanonenschuß in der ungarischen Tiefebene seinen Widerhall in
                            den oberitalienischen Gebirgen und in den transsylvanischen Alpen finden
                            würde? Der russische Großfürst wußte wohl, für welch hohes Ziel er von
                            dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den schwierigen Kampffeldern
                            des Waldgebirges forderte. </p>
                        <p> Die andauernd große Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre
                            Rückwirkung auf die politischen Verhältnisse forderten gebieterisch eine
                            Lösung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie
                            durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in
                            Nordgalizien und faßte die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen
                            Grenze in Flanke und Rücken. </p>
                        <p> Mein Oberkommando war zunächst an der großen Operation, die bei Gorlice
                            ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen
                            dieser großzügigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kräfte
                            zu binden. Das geschah zunächst durch Angriffe im großen Weichselbogen
                            westlich Warschau und an der ostpreußischen Grenze, in Richtung Kowno,
                            dann aber im größeren Stile durch ein am 27.&nbsp;April begonnenes
                            Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoß von drei
                            Kavalleriedivisionen, unterstützt von der gleichen Zahl
                            Infanteriedivisionen, berührte eine empfindliche Stelle russischen
                            Kriegsgebietes. Der Russe fühlte wohl zum ersten Male, daß die
                            wichtigsten Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland
                            verbanden, durch ein solches Vorgehen ernstlich gefährdet werden
                            konnten. Er warf unserem Einbruch starke Kräfte entgegen. Die Kämpfe auf
                            litauischem Boden zogen sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns
                            veranlaßt, weitere Kräfte dorthin zu werfen, um die besetzten
                            Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf den Gegner auch in jenen
                            vom Krieg bisher unberührten Gebieten dauernd zu erhalten. So entstand
                            dort allmählich eine neue deutsche Armee. Sie erhielt nach dem
                            Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung „Njemenarmee“. </p>
                        <pb n="127"/><anchor id="p127"/>
                        <p> Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2.&nbsp;Mai in
                            Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien übergreifend, in den
                            Herbstmonaten östlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar
                            kleinen Anfängen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem
                            verheerenden Weg mit sich reißt, so beginnt und verläuft dieser Zug in
                            nie gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu
                            unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlaßt, als der Durchstoß
                            über Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken nämlich die
                            deutsch-österreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in nördlicher
                            Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild
                            der Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der südlichen
                            Hälfte fast bis zur Zersprengung eingedrückt. Ihr Nordteil, nach Westen
                            und Nordwesten festgehalten, hat eine neue mächtige Flanke zwischen der
                            Weichsel und den Pripetsümpfen nach Süden gebildet. Eine Katastrophe
                            droht der Masse des russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von
                            Norden her gegen den Rücken der russischen Heeresmacht gelingt. </p>
                        <p> Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht führte, drängt sich aufs neue
                            auf, diesmal vielleicht in noch größeren Umrissen. Jetzt muß von
                            Ostpreußen her der Schlag angesetzt werden, am nächsten und
                            wirkungsvollsten über Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort
                            das Bobrsumpfgebiet unser Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des
                            vergangenen Winters her. Es bleibt also nur die Wahl zwischen dem
                            Vorbrechen westlich oder östlich dieser Linie. Der Stoß in die Tiefe der
                            feindlichen Verteidigung, ich möchte sagen in die Herzgegend des
                            russischen Heeres fordert die Richtung östlich Grodno vorbei. Wir
                            vertreten diesen Gedanken. Die Oberste Heeresleitung verschloß sich
                            seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die westliche Stoßrichtung für
                            kürzer und glaubte auch hier an große Erfolge. Sie forderte also den
                            Angriff über den unteren Narew. Ich glaubte meinen Widerstand gegen
                            diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben, die Folgen
                            dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der <pb n="128"/><anchor id="p128"/>Operationen abwarten zu sollen. Der General Ludendorff
                            jedoch hielt innerlich zähe an unserem ersten Plane fest, eine
                            Abweichung, die übrigens weder irgendwelchen Einfluß auf unser weiteres
                            gemeinsames Denken und Handeln hatte, noch die Kraft beeinträchtigte,
                            mit der wir den Entschluß der verantwortlichen Obersten Heeresleitung
                            Mitte Juli in die Tat umsetzten. Gallwitz' Armee brach beiderseits
                            Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem Angriff begab ich mich
                            persönlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die mir als meisterhaft
                            bekannte Tätigkeit des Armee-Oberkommandos irgendwelche taktischen
                            Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil ich wußte, welch eine
                            ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste Heeresleitung dem Gelingen des
                            hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich wollte zur Stelle sein, um
                            nötigenfalls sofort eingreifen zu können, wenn das Armee-Oberkommando
                            irgendwelcher weiteren Aushilfen für die Durchführung seiner schwierigen
                            Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches bedurfte. Zwei Tage blieb ich
                            bei der Armee und erlebte die Erstürmung des schon früher wiederholt
                            heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das Gelände südlich der
                            Stadt. Schon am 17.&nbsp;Juli stand Gallwitz am Narew. Unter dem Eindruck der
                            auf allen Frontseiten einbrechenden verbündeten Armeen beginnt der Russe
                            allmählich, auf allen Seiten zu weichen und sich der drohenden
                            Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung fängt an, sich in
                            frontales Abringen zu verlaufen. Wir können auf diesem Wege die Früchte
                            nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder aufs neue
                            gesät werden. Wir greifen daher unsern früheren Gedanken wieder auf und
                            wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen über Kowno auf Wilna
                            vordrücken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die
                            Pripet-Sümpfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu
                            durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert
                            unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger stärker erlahmt als der
                            Verfolgte. </p>
                        <pb n="129"/><anchor id="p129"/>
                        <p> In diesen Zeitraum fällt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung
                            hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brückenkopf bisher noch
                            keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt für
                            uns von Wert, weil sie die über Mlawa nach Warschau führende Bahn
                            sperrte. Unmittelbar vor der Übergabe traf ich am 18.&nbsp;August mit meinem
                            Kaiser vor dem Waffenplatz zusammen und fuhr später in seinem Gefolge in
                            die Stadt. Dort brannten noch die von den russischen Truppen
                            angezündeten Kasernen und andere militärische Gebäude. Große Massen von
                            Gefangenen standen herum. Auffallend war es, daß die Russen vor der
                            Übergabe ihre Pferde reihenweise erschossen hatten, wohl in der
                            Überzeugung von dem außerordentlichen Werte, den diese Tiere für unsere
                            Operationen im Osten hatten. Unser Gegner benahm sich überhaupt in der
                            Zerstörung aller Mittel und Vorräte, die dem siegreichen Feinde für die
                            Kriegführung von irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets
                            außerordentlich gründlich. </p>
                        <p> Um wenigstens freie Bahn für ein späteres Vorgehen gegen Wilna zu
                            schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten
                            vorbrechen. Mitte August fällt dann Kowno unter dem Ansturm der
                            10.&nbsp;Armee. Der Weg gegen Wilna ist geöffnet, aber noch immer fehlen die
                            Kräfte zur weiteren Durchführung unseres großen operativen Gedankens.
                            Sie bleiben vorläufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen
                            vergehen, bis Verstärkungen herangeholt werden können. Unterdessen
                            weicht aber der Russe weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst
                            Warschau, wenn er nur seine Hauptkräfte dem Verderben entziehen kann. </p>
                        <p> Erst am 9.&nbsp;September können wir vorwärts auf Wilna. Möglicherweise kann
                            in dieser Richtung auch jetzt noch Großes gewonnen werden.
                            Hunderttausende russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je
                            stolze Hoffnungen mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es
                            jetzt. Kommen wir zu spät? Sind wir kräftig genug? Doch nur vorwärts,
                            über Wilna hinaus und dann <pb n="130"/><anchor id="p130"/>nach Süden.
                            Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische Lebensader.
                            Drücken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche Hauptkraft. Der
                            Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es abzuwenden. Ein
                            mörderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene Stunde rettet dem
                            Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen. Unsere
                            Kavalleriedivisionen müssen vor deren Rückstau wieder zurück. Die
                            Bahnlinie ins Herz der Heimat wird für den Gegner wieder frei. Wir sind
                            zu spät gekommen, und wir ermatten! </p>
                        <p> Ich täusche mich wohl nicht in der Annahme, daß der Gegensatz zwischen
                            den Anschauungen der deutschen Obersten Führung und den unserigen ein
                            geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir dürfen bei der
                            Beurteilung der Pläne der Heeresleitung den Blick über das Gesamtbild
                            des Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil
                            dieses Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten
                            politischen und kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt
                            hätten, mag unerörtert bleiben. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Loetzen"/>
                        <head>Lötzen</head>
                        <p> Aus diesem ernsten Gedankenstreit möchte ich zu einer idyllischeren
                            Seite unseres Kriegslebens im Jahre 1915 übergehen, indem ich mich in
                            meinen Erinnerungen nach Lötzen begebe. </p>
                        <p> Das freundlich zwischen Seen, Wald und Höhen gelegene Städtchen wurde
                            unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen
                            begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck,
                            gewährten uns eine rührend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich
                            auch des Landverkehrs auf den ohne zu großen Zeitverlust erreichbaren
                            Gütern, der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der
                            Erholung, Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam
                            dabei nicht zu kurz; den Höhepunkt <pb n="131"/><anchor id="p131"/>bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestät die Erlegung eines
                            besonders starken Elches im Königlichen Jagdrevier Niemonien am
                            Kurischen Haff. </p>
                        <p> Als im Frühjahr allmählich die Ruhe vor unserer Front einzutreten
                            begann, fehlte es uns, ebensowenig wie später im Sommer, nicht an
                            Besuchern jeglicher Art. Deutsche Fürstlichkeiten, Politiker, Männer aus
                            wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte
                            kamen zu uns, geführt durch das Interesse, das die sonst so wenig
                            besuchten östlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf
                            gewonnen hatten. Künstler fanden sich ein, um General Ludendorff und
                            mich durch Pinsel oder Meißel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die
                            wir bei aller Liebenswürdigkeit und Tüchtigkeit der betreffenden Herrn
                            gerne zu Gunsten unserer knappen Freistunden verzichtet hätten. Auch das
                            neutrale Ausland stellte Gäste. So lernte ich unter anderen dort auch
                            Sven Hedin, den bekannten Asienreisenden und überzeugten
                            Deutschenfreund, kennen und schätzen. </p>
                        <p> Unter den Staatsmännern, die uns in Lötzen besuchten, nenne ich
                            besonders den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den
                            Großadmiral von Tirpitz. </p>
                        <p> Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den
                            Reichskanzler bei mir begrüßen zu können. Seine Besuche entsprangen in
                            erster Linie seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und standen in keinem
                            Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich
                            auch nicht, daß die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema
                            damals berührten. Wohl aber gewann ich die Überzeugung, daß ich es mit
                            einem klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen
                            über die damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit
                            nach meinem Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes
                            Verantwortungsgefühl sprach aus allen Äußerungen des Kanzlers. Diesem
                            Gefühl schrieb ich es zu, wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage
                            durch Herrn von Bethmann nach meinem soldatischen <pb n="132"/><anchor id="p132"/>Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen etwas
                            zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten. </p>
                        <p> Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Lötzen bestätigt. </p>
                        <p> Großadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger für
                            Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine völlig anders geartete
                            Persönlichkeit. Auf einem längeren Spaziergang trug er mir alle die
                            Schmerzen vor, die sein flammendes vaterländisches und ganz besonders
                            sein seemännisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, daß er die
                            gewaltige während der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete
                            Waffe im Kriege in den heimatlichen Häfen festgebannt sah. Gewiß war die
                            Lage für eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie
                            wurde aber mit langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens würde die
                            überaus große Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenüber dem
                            Phantom einer deutschen Landung eine größere Tätigkeit, ja selbst
                            schwere Opfer unserer Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht
                            für ausgeschlossen, daß durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung
                            starker englischer Heereskräfte im Mutterlande und damit eine Entlastung
                            unseres Landheeres erreicht werden konnte. Man sagt, daß unsere Politik
                            sich die Möglichkeit schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten
                            auf eine starke, intakte deutsche Seekraft hinweisen zu können. Eine
                            solche Rechnung wäre wohl irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man
                            im Kriege nicht zu nützen wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein
                            kraftloser Faktor. </p>
                        <p> Im Frühjahr 1916 ist der Wunsch des Großadmirals doch noch in Erfüllung
                            gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im
                            Skagerrak glänzend gezeigt. </p>
                        <p> Auch über die Frage unserer Unterseebootkriegführung äußerte sich Herr
                            von Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, daß wir diese Waffe zur Unzeit
                            gezückt hätten, und daß wir dann, eingeschüchtert durch das Verhalten
                            des Präsidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei
                            erhobenen Arm ebenso zur Unzeit wieder <pb n="133"/><anchor id="p133"/>hätten sinken lassen. Die damaligen Ausführungen des Großadmirals
                            konnten auf meine spätere Stellungnahme zu dieser Frage keinen Einfluß
                            ausüben. Bis die Entscheidung hierüber an mich herantrat, sollten fast
                            noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum hatte sich einerseits
                            die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten verschoben und war
                            andererseits die Leistungsfähigkeit unserer Marine auf dem Gebiete des
                            Unterseebootswesens mehr als verdoppelt. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Kowno</head>
                        <p> Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das
                            besetzte Feindesland. </p>
                        <p> Zu der bisherigen Tätigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch
                            die Arbeiten für die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnützung des
                            Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner.
                            Die hieraus erwachsende Beschäftigung wäre allein genügend gewesen, die
                            Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General
                            Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem übrigen Dienste und
                            widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen. </p>
                        <p> Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit
                            den Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den
                            kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und
                            wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir
                            noch, in viertägigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar
                            1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des
                            ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewährten Händen des
                            bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns
                            die reichen Holzbestände nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu
                            treiben. </p>
                        <pb n="134"/><anchor id="p134"/>
                        <p> Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu
                            Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Wölfe
                            zogen es vor, außerhalb meiner Schußweite durch die Lappen zu gehen. Von
                            den Kämpferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schützengräben.
                            Sonst war das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den
                            Forst berührte, völlig aufgeräumt. </p>
                        <p> In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jähriges Dienstjubiläum. Mit
                            Dank gegen Gott und meinen Kaiser und König, der mir den Tag durch
                            gnädiges Meingedenken verschönte, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert
                            zurück, das ich in Krieg und Frieden im Dienste für Thron und Vaterland
                            durchlebt hatte. </p>
                        <p> Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des französischen Heeres
                            nach Osten über den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an
                            den tragischen Ausgang dieses kühnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die
                            Hoffnung ausgelöst, daß auch unsere Truppen in den weiten Wald- und
                            Sumpfgebieten Rußlands einem ähnlichen Schicksal durch Hunger, Kälte und
                            Krankheiten erliegen würden wie die stolzen Armeen des großen Korsen.
                            Man verkündete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer
                            Überzeugung als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin
                            waren aber unsere Sorgen für die Erhaltung unserer Truppen im Winter
                            1915/16 keine geringen. Wußten wir doch, in welchen trotz aller
                            Entwickelung der Neuzeit immer noch verhältnismäßig öden, vielfach von
                            ansteckenden Krankheiten durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die
                            strenge Jahreszeit hinzubringen hatten. </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="135"/><anchor id="p135"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront</head>
                        <p> Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter
                            hellen Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem
                            Gesamtergebnis der Operationen und Kämpfe dieses Jahres lag für uns
                            etwas Unbefriedigendes. Der russische Bär hatte sich unserer Umgarnung
                            entzogen, zweifellos aus mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht
                            zu Tode getroffen. Unter wilden Anfällen hatte er sich von uns
                            verabschiedet. Wollte er damit beweisen, daß er noch Lebenskraft genug
                            übrig hatte, um uns auch weiterhin das Leben schwer zu machen? Wir
                            fanden die Ansicht vertreten, daß die russischen Verluste an Menschen
                            und Material bereits so bedeutend wären, daß wir auf lange hinaus an
                            unserer Ostfront gesichert sein würden. Wir beurteilten diese Behauptung
                            nach den bisherigen Erfahrungen mit Mißtrauen, und bald sollte sich
                            zeigen, daß dieses Mißtrauen gerechtfertigt war. </p>
                        <p> Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen können.
                            Zeigte sich doch bald, daß der Russe an alles eher dachte, als sich
                            stille zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darüber hinaus
                            nach Süden, war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne
                            daß man zuerst die Absichten der russischen Führung irgendwie erkennen
                            konnte. Ich hielt die Gegenden von Smorgon, Dünaburg und Riga für
                            besondere Gefahrpunkte vor <pb n="136"/><anchor id="p136"/>unseren
                            Stellungen. In diese Gebiete führten die leistungsfähigsten russischen
                            Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen für einen feindlichen Angriff an
                            den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht. </p>
                        <p> Die Tätigkeit im Rückengebiet des Feindes blieb ungemein emsig.
                            Überläufer klagten über die harte Zucht, der die zurückgezogenen
                            Divisionen unterworfen würden, denn mit eiserner Strenge wurden die
                            Truppen gedrillt. </p>
                        <p> Das Stärkeverhältnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den
                            Zeiten der Ruhe für uns außerordentlich ungünstig. Wir mußten damit
                            rechnen, daß durchschnittlich jedem einzelnen unserer
                            Divisionsabschnitte (9&nbsp;Bataillone) etwa 2–3 russische Divisionen
                            (32–48&nbsp;Bataillone) gegenüberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern
                            Unterschiede in den Anforderungen an die Kräfte unserer Truppen
                            gegenüber den feindlichen mehr als diese Zahlen. Dieser Unterschied
                            spielte naturgemäß nicht nur im Gefecht eine gewaltige Rolle sondern
                            auch in den notwendigen täglichen Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang
                            hatten die Arbeitsleistungen bei der großen Ausdehnung der Fronten doch
                            angenommen! Der Stellungs- und Straßenbau, die Errichtung von
                            Barackenlagern sowie unzählige Arbeiten für die Versorgung der Truppen
                            mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw. machten das Wort „Ruhe“
                            für Offizier und Mann meist zu einem völlig leeren Begriff. Trotzdem
                            waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen durchaus gut. Würde
                            unser Sanitätsdienst nicht auf der Höhe gestanden haben, auf der er sich
                            tatsächlich befand, so hätten wir schon aus diesem Grunde den Krieg
                            nicht so lange Zeit durchhalten können. Die Leistungen unseres
                            Feldsanitätswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher
                            Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes
                            Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe für einen großen Zweck
                            erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit
                            dienstbar gemacht werden. </p>
                        <pb n="137"/><anchor id="p137"/>
                        <p> Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei
                            Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus
                            der Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des
                            Gegners an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, daß der
                            Russe die von seinen leistungsfähigen Bahnverbindungen entlegenen
                            Stellen, die zudem seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der
                            taktischen Führung infolge der Geländegestaltung nur geringe Armfreiheit
                            ließen, zu einem wirklich großen Schlage auswählen würde. Die kommenden
                            Ereignisse belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen. </p>
                        <p> Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen
                            Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir hätten sonst wohl
                            nicht geglaubt, daß wir mit den von uns allmählich im Gebiete des
                            Naroczsees versammelten etwa 70&nbsp;Bataillonen der ganzen dort
                            bereitgestellten russischen Macht, gegen 370&nbsp;Bataillone, standzuhalten
                            vermöchten. Aber diese Gegenüberstellung gibt, wie eine auf unsere
                            Feststellungen gestützte Veröffentlichung ausführt, doch nur ein
                            ungenaues Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs
                            die ganze Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem,
                            weil die russischen Divisionen nicht etwa gleichmäßig in breiter Front
                            gegen die Deutschen vorstießen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei
                            mächtigen Stoßgruppen vor den Flügeln des Korps von Hutier
                            zusammenballten. Die nördliche dieser trieb 7&nbsp;Infanterie- und
                            2&nbsp;Kavalleriedivisionen zwischen Mosheiki und Wileity im
                            Postawy-Abschnitt vor, in dem zunächst nur 4 deutsche Bataillone
                            standen, während die südliche mit 8&nbsp;Infanteriedivisionen und den
                            Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee und Wisznewsee einzudrücken
                            suchte, die von unserer 75.&nbsp;Reservedivision und der verstärkten
                            9.&nbsp;Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128 russische gegen 19
                            deutsche Bataillone! </p>
                        <p> Am 18.&nbsp;März bricht der russische Angriff los. Nach einer
                            artilleristischen Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke
                                <pb n="138"/><anchor id="p138"/>noch nie zu durchleben gehabt
                            hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer ununterbrochenen
                            Sturzflut auf unsere dünnbesetzten Stellungen. Doch vergeblich treiben
                            russische Batterien und Maschinengewehre die eigene Infanterie gegen die
                            deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene feindliche Truppen die
                            eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu weichen und dem
                            Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu förmlichen Hügeln
                            häufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front. Die
                            Anstrengungen für den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere
                            gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter füllt die Schützengräben mit
                            Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in
                            zerfließenden Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen
                            grundlosen Morast. Bis zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den
                            Grabenbesatzungen die Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es
                            bleibt genug Lebenskraft und Kampfeswille in diesen Körpern, um die
                            feindlichen Anstürme immer wieder zu brechen. So bringt der Russe auch
                            diesmal alle Opfer vergebens, und vom 25.&nbsp;März ab können wir
                            siegessicher auf unsere Heldenscharen am Naroczsee blicken. </p>
                        <p> Der Deutsche Heeresbericht vom 1.&nbsp;April 1916, der unter unserer
                            Mitwirkung entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht
                            folgendermaßen aus: </p>
                        <p rend="zitat"> „Welcher größere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte,
                            ergibt folgender Befehl des russischen Höchstkommandierenden der Armeen
                            an der Westfront vom 4. (17.) März, Nr.&nbsp;537: </p>
                        <p rend="zitat"> „Truppen der Westfront! </p>
                        <p rend="zitat"> Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwächt, mit einer geringeren
                            Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und,
                            nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno
                            aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen. </p>
                        <p rend="zitat"> Seine Majestät und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue
                            Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen <pb n="139"/><anchor id="p139"/>des Reiches! Wenn ihr morgen an diese hohe
                            Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an euren Mut, an eure tiefe
                            Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heiße Liebe zur Heimat davon
                            überzeugt, daß ihr eure heilige Pflicht gegen den Zaren und die Heimat
                            erfüllen und eure unter dem Joche des Feindes seufzenden Brüder befreien
                            werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen Sache! </p>
                        <p rend="text-align: right">
                            Generaladjutant gez. Ewert.“
                        </p>
                        <p rend="zitat"> Freilich ist es für jeden Kenner der Verhältnisse erstaunlich, daß ein
                            solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner
                            Durchführung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze
                            bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes
                            ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Führung als dem
                            Zwang durch einen notleidenden Verbündeten zuzuschreiben. </p>
                        <p rend="zitat"> Wenn nunmehr die gegenwärtige Einstellung der Angriffe von amtlicher
                            russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklärt wird, so
                            ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der
                            aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rückschlage
                            beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schätzung auf mindestens
                            140.000&nbsp;Mann berechnet. Richtiger würde die feindliche Heeresleitung
                            daher sagen, daß die große Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern
                            in Sumpf und Blut erstickt ist.“ </p>
                        <p> Der Beschreibung dieser Frühjahrskämpfe durch einen deutschen Offizier
                            entnehme ich zum Schluß folgende Stelle:
                        </p>
                        <p rend="zitat">„Nicht viel mehr als ein Monat
                            war vergangen, seit der russische Zar an der Postawyfront die Parade
                            über die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr Generalfeldmarschall von
                            Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen Regimentern zu danken. In
                            Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und Kobylnik, nur wenige
                            Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade entfernt, sprach er
                            zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte die Eisernen Kreuze.
                            Hand in Hand standen da für einen Augenblick Feldherr <pb n="140"/><anchor id="p140"/>und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit
                            langem, vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Frühlingssonne leuchtete
                            als Siegessonne über der Hindenburgfront&nbsp;...“ </p>
                        <p> Das war mein Anteil an der Naroczschlacht. </p></div><div>
                            <index index="pdf" level1="Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische Ostfront"/>
                        <head>Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische Ostfront</head>
                        <p> „Verdun!“ – Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des
                            Jahres ab häufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis
                            davon zu sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und
                            Bedenken hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut.
                            Verdun in unserer Hand, das mußte die ganze Lage an unserer Westfront
                            wesentlich festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer
                            verwundbarsten Druckstelle da drüben endgültig beseitigt. Vielleicht
                            ergaben sich aus der Eroberung der Festung noch weitere operative
                            Möglichkeiten in südlicher und westlicher Richtung. </p>
                        <p> Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner
                            Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der
                            Hand, das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine
                            Durchführbarkeit als unmöglich erweisen oder die dafür nötigen Opfer als
                            zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kühnste, das
                            Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht
                            schon wiederholt glänzend gelungen? </p>
                        <p> Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen,
                            sondern laut und freudig. Das Wort „Douaumont“ leuchtet im Zusammenhang
                            damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten
                            herüber und erhebt die Gemüter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und
                            Sorge auf die Entwickelung <pb n="141"/><anchor id="p141"/>der
                            Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich liegt in dem Angriff auf
                            Verdun für uns auch ein bitteres Gefühl. Bedeutet das Unternehmen doch
                            das endgültige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier im Osten. </p>
                        <p> Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung
                            genannt. Die Bedenken fangen allmählich an, zu überwiegen, man spricht
                            sie aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen
                            zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so
                            unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon
                            erkennbar ist? Wäre es nicht möglich, an die Stelle dieser rein
                            örtlichen Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestützten
                            nördlichen Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienführung unserer
                            Aufstellung zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende
                            abschnürende Operation treten zu lassen? Erst spätere Zeiten werden nach
                            unparteiischer Prüfung über die Berechtigung dieser Fragen urteilen
                            können. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Noch ein anderes Wort tritt späterhin zu Verdun, das ist „Italien“, zum
                            ersten Male erwähnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch
                            Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit größerem und stärkerem als
                            Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren
                            Bedenken. Der Plan eines österreichisch-ungarischen Angriffes gegen
                            Italien ist kühn und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein
                            militärisches Anrecht auf Gelingen. Was diesen Plan aber als überkühn
                            erscheinen läßt, das ist unsere Einschätzung des Instrumentes, mit dem
                            er durchgeführt wird. Wenn gegen Italien die besten k.&nbsp;u.&nbsp;k. Truppen
                            losbrechen, Truppen, an die nicht bloß Österreich und Ungarn sondern
                            auch Deutschland mit Stolz und Vertrauen denken, was bleibt dann gegen
                            Rußland? Rußland ist aber nicht so geschlagen, wie man es Ende 1915
                            vermutete. Am Naroczsee hat sich die ganze Entschlossenheit der
                            russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer Wildheit und
                            Massenhaftigkeit, <pb n="142"/><anchor id="p142"/>gegenüber der so
                            manche mit slawischen Elementen stark durchsetzten
                            österreichisch-ungarischen Heeresverbände sich bisher als wenig
                            widerstandsfähig erwiesen haben. </p>
                        <p> Die Sorge bei uns wächst trotz der Siegesmeldungen aus Italien täglich
                            mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch
                            die nunmehr eintretenden Ereignisse südlich des Pripet. Am 4.&nbsp;Juni
                            stürzt die österreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der
                            Bukowina auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die
                            schwerste Krisis des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt
                            ein, schwerer noch als diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht
                            nirgends ein siegreiches deutsches Heer als helfender Retter bereit: im
                            Westen tobt der Kampf um Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme. </p>
                        <p> Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinüber, aber zum
                            Heile für das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So können wir
                            wenigstens helfen, wo die Not am größten ist. </p>
                        <p> Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwächt in
                            seinen Stellungen. Den ersten Erfolg südlich des Pripet hat er daher
                            nicht durch seinen sonst gewohnten Einsatz überlegener Massen sondern
                            mit verhältnismäßig schwachen Kräften erreicht.</p>
                            <p rend="zitat">„Der Plan Brussilows muß
                            eingangs streng genommen als eine Erkundung aufgefaßt werden, als eine
                            Erkundung unternommen auf gewaltige Ausdehnungen und mit kühner
                            Entschlossenheit, aber doch immer nur eine Erkundung, kein Schlag mit
                            einem gewählten Ziel&nbsp;... Seine Aufgabe war es, die Stärke der
                            gegnerischen Linien anzufühlen auf einer Front von nahezu 500&nbsp;km zwischen Pripet und Rumänien. Brussilow
                            glich einem Manne, der an eine Mauer schlägt, um herauszubringen, welche
                            Teile solider Stein und welche nur Latten und Mörtel waren.“
                            </p>
                            <p>So schrieb
                            ein Ausländer über Brussilows erste Schlachttage. Und dieser Ausländer
                            sagt einwandfrei das Richtige. </p>
                        <pb n="143"/><anchor id="p143"/>
                        <p> Die österreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine,
                            sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein
                            braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer
                            Front weg herangeführt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten
                            werden können? Nur eine starke Säule bleibt zunächst noch inmitten
                            dieser Brandung. Es ist die Südarmee unter ihrem trefflichen General
                            Grafen Bothmer. Deutsche, Österreicher und Ungarn; alle gehalten in
                            guter Zucht. </p>
                        <p> Was auf unserem Teil der großen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr
                            nach dem Süden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens. </p>
                        <p> Inzwischen verdüstert sich auch die Lage an der Westfront.
                            Französisch-englische Übermacht wirft sich auf unsere verhältnismäßig
                            schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drückt die
                            Verteidigung ein. Ja es droht vorübergehend die Gefahr eines vollendeten
                            Durchbruchs! </p>
                        <p> Mein Allerhöchster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef
                            zweimal zu Beratungen über die schwere Lage an der Ostfront in sein
                            Hauptquartier nach Pleß. Das letzte Mal, Ende Juli, fällt dort die
                            Entscheidung über die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die
                            deutsche Oberste Heeresleitung hat von Österreich-Ungarn als Entgelt für
                            die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewähr für straffere
                            Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde
                            meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, östlich Lemberg,
                            ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbände wurden mir unterstellt. </p>
                        <p> Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden
                            bei den österreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und
                            rückhaltslose Kritik der eigenen Schwächen. Freilich, die Erkenntnis war
                            nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die
                            vorhandenen Schäden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so
                            bedurfte es in diesem Völkergemisch einer alles <pb n="144"/><anchor id="p144"/>beherrschenden, durchgreifenden Gewalt und eines
                            einheitlichen Zuges, sonst mußte auch das beste Blut in diesem Körper
                            machtlos rinnen und vergeblich verrinnen. </p>
                        <p> Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlaßte mich zur Verlegung meines
                            Hauptquartiers nach Süden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am
                            28.&nbsp;August mittags der Befehl Seiner Majestät des Kaisers, baldmöglichst
                            in sein Großes Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef
                            des Militärkabinetts nur mit: „Die Lage ist ernst!“ </p>
                        <p> Ich lege den Hörapparat weg und denke an Verdun und Italien, an
                            Brussilow und die österreichische Ostfront, dazu an die Nachricht:
                            „Rumänien hat uns den Krieg erklärt.“ Starke Nerven werden nötig sein!
                        </p>
                    </div>
                </div>
            </div>
            <div rend="page-break-before:right">
                <pb n="145"/><anchor id="p145"/>
                <index index="pdf" level1="Dritter Teil: Von der Uebertragung der Obersten Heeresleitung bis zur Zertruemmerung Russlands"/>
                <head>Dritter Teil</head>
                <head>Von der Übertragung der Obersten Heeresleitung bis zur Zertrümmerung Rußlands </head>
                <pb n="146"/><anchor id="p146"/>
                <p/>
                <div rend="page-break-before:right">
                    <pb n="147"/><anchor id="p147"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Berufung zur Obersten Heeresleitung</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Chef des Generalstabes des Feldheeres</head>
                        <p> Es war bekanntlich nicht das erste Mal, daß mich mein Kaiserlicher und
                            Königlicher Herr zur Besprechung über militärische Lagen und Absichten
                            zu sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, daß Seine Majestät
                            meine Anschauungen über eine bestimmte Frage persönlich und mündlich
                            hören wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch
                            nur das für einen solchen unbedingt nötige Gepäck mit mir. Am 29.&nbsp;August
                            vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pleß ein. Auf dem
                            Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des
                            Militärkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die für mich und
                            General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen. </p>
                        <p> Vor dem Schlosse in Pleß traf ich meinen Allerhöchsten Kriegsherrn
                            selbst, der das Eintreffen Ihrer Majestät der Kaiserin, die von Berlin
                            aus kurz nach mir Pleß erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begrüßte
                            mich sogleich als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General
                            Ludendorff als meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der
                            Reichskanzler war von Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der
                            Veränderung in der Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestät in
                            meiner Gegenwart mitteilte, nicht weniger überrascht als ich selbst. Ich
                            erwähne dies, weil auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat. </p>
                        <pb n="148"/><anchor id="p148"/>
                        <p> Die Übernahme der Geschäfte aus den Händen meines Vorgängers vollzog
                            sich bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die
                            Hand mit den Worten: „Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!“ </p>
                        <p> Welche Gründe unsere plötzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis
                            veranlaßten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines
                            Vorgängers stets ehrend gedachte, weder bei der Übernahme meiner neuen
                            Stellung noch später. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes
                            zu machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit.
                            Drängten sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach
                            Stunden. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Kriegslage Ende August 1916</head>
                        <p> Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen
                            erfolgte, war nach den ersten Eindrücken, die ich gewann, folgende: </p>
                        <p> Die Verhältnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war
                            nicht in unsere Hände gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der
                            französischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die
                            Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht
                            verwirklicht. Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer
                            aussichtsloser geworden, aber das Unternehmen war noch nicht
                            <anchor id="corr148"/><corr sic="aufgegeben">aufgegeben.</corr> An der Somme raste das Ringen nunmehr seit
                            fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in die andere. Unsere
                            Linien standen andauernd im Zustand äußerster Zerreißprobe. </p>
                        <p> Im Osten war die russische Offensive im Südostteil der Karpathen bis auf
                            den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen
                            Landes mit den jetzt verfügbaren Kräften gegen neue Anstürme zu
                            behaupten sein würde, mußte nach den <pb n="149"/><anchor id="p149"/>bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch im Vorlande des
                            Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs äußerste gespannt. Zwar
                            hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas nachgelassen, aber es
                            war nicht zu hoffen, daß diese Ruhe von längerer Dauer sein würde. </p>
                        <p> Der österreichisch-ungarische Angriff aus Südtirol hatte angesichts des
                            Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden müssen. Der
                            Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront
                            über. Diese Kämpfe zehrten in starkem Maße an den
                            österreichisch-ungarischen Heereskräften, welche sich dort unter den
                            schwierigsten Verhältnissen gegen mehrfache feindliche Überlegenheit,
                            wert des höchsten Ruhmes schlugen. </p>
                        <p> Von Wichtigkeit für die Gesamtlage wie für die Not des Augenblickes
                            waren schließlich auch die derzeitigen Verhältnisse auf dem Balkan. Die
                            von den Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene
                            Offensive gegen Sarrail hatte nach anfänglichen Erfolgen abgebrochen
                            werden müssen. Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel,
                            Rumänien vom Eingreifen in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht
                            worden. </p>
                        <p> Die Vorhand lag zur Zeit überall in den Händen unserer Gegner. Es war
                            damit zu rechnen, daß diese alle Kräfte einsetzen würden, uns weiter
                            unter diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe
                            und erfolgreiche Kriegsbeendigung mußten die gegnerischen Verbündeten
                            auf allen Fronten zu den größten Kraftanstrengungen und zu den
                            schwersten Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um
                            sich an dem Todesstoß gegen die Mittelmächte zu beteiligen, zu dem
                            Rumänien das siegessichere Halali blies! </p>
                        <p> Die augenblicklich freien und verfügbaren Reserven des deutschen sowie
                            des österreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen
                            an der zunächst bedrohten siebenbürgisch-rumänischen Grenze nur schwache
                            Postierungen, größtenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern
                            Siebenbürgens waren abgekämpfte österreichisch-unga<pb n="150"/><anchor id="p150"/>rische Divisionen untergebracht, zum Teil
                            gefechtsunbrauchbare Trümmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung
                            begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Stärke, um für einen
                            ernsten Widerstand gegen einen rumänischen Einfall in das Land in
                            Betracht kommen zu können. Die Verhältnisse auf dem südlichen Donauufer
                            waren in dieser Beziehung für uns günstiger. Eine aus bulgarischen,
                            osmanischen und deutschen Verbänden neugebildete Armee war im
                            bulgarischen Grenzgebiete der Dobrudscha und an der Donau weiter
                            aufwärts in Versammlung begriffen, zusammen etwa 7&nbsp;Divisionen von sehr
                            verschiedener Stärke. </p>
                        <p> Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden
                            Stellen unseres europäischen Kriegsschauplatzes, nämlich an den
                            rumänischen Grenzen, verfügbar war. Weiterer Kräftebedarf mußte entweder
                            aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekämpften und der Ruhe
                            bedürftigen Verbänden entnommen oder endlich durch Bildung neuer
                            Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die
                            Verhältnisse bei uns wie bei unseren Verbündeten nicht günstig. Die
                            Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhöhter Anspannung
                            bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Gerät und Schießbedarf
                            durch die lange Dauer und den Umfang der Kämpfe auf allen Fronten ein
                            solch ungeheurer geworden, daß die Gefahr einer Lähmung unserer
                            Kriegführung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf
                            die Lage in der Türkei komme ich später zurück. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Politische Lage</head>
                        <p> Nicht nur die ersten Eindrücke über die militärische, sondern auch
                            diejenigen über die politische Gesamtgestaltung bedürfen einer kurzen
                            Darlegung. Ich beginne mit den Verhältnissen in unserem eigenen
                            Vaterlande. </p>
                        <pb n="151"/><anchor id="p151"/>
                        <p> Als mir die Leitung der Operationen übertragen wurde, hielt ich die
                            Stimmung in unserer Heimat zwar nicht für verzagt, aber doch für ernst.
                            Kein Zweifel, daß man dort durch manche kriegerischen Vorgänge der
                            letzten Monate enttäuscht war. Dazu kam, daß sich die Not des täglichen
                            Lebens wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der
                            Mittelstand unter den für ihn ungewöhnlich nachteiligen wirtschaftlichen
                            Verhältnissen. Die Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die
                            Ernteaussichten waren mäßig. </p>
                        <p> Die Kriegserklärung Rumäniens bedeutete unter diesen Verhältnissen eine
                            weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das
                            Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange
                            und wie stark diese Stimmung anhalten werde, ließ sich freilich nicht
                            vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der nächsten Zeit
                            mußte in dieser Hinsicht entscheidend wirken. </p>
                        <p> Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbündeten betrifft, so
                            sollten wir diese nach den propagandistischen Äußerungen der
                            gegnerischen Presse während des Krieges schrankenlos beherrschen. Es
                            wurde behauptet, wir hielten Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei
                            sozusagen am Halse fest, bereit sie zu würgen, wenn sie nicht taten, was
                            wir wollten. Und doch konnte es kaum eine größere Entstellung des
                            wirklichen Sachverhaltes geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich
                            glaube, daß sich nirgends die Schwäche Deutschlands im Vergleich zu
                            England deutlicher zeigte, als in der Verschiedenheit der politischen
                            Einwirkungen auf die beiderseitigen Bundesgenossen. </p>
                        <p> Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt hätte, offen
                            Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England
                            jeder Zeit imstande, diesen Verbündeten einfach durch Hunger zur
                            Fortsetzung der einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Ähnlich stark
                            und unbedingt herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenüber.
                            Unabhängiger war in dieser Be<pb n="152"/><anchor id="p152"/>ziehung
                            wohl nur Rußland; aber auch die politische Selbständigkeit des
                            Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen England
                            gegenüber ihre Grenzen. Wie viel ungünstiger war in dieser Richtung die
                            Stellung Deutschlands. Welche politischen, wirtschaftlichen oder
                            militärischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um etwaigen
                            Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen entgegenzutreten?
                            Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen oder durch das
                            drohende sichere Verderben an uns gekettet fühlten, hatten wir keine
                            Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese
                            unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwäche unserer gesamten
                            Lage hervorzuheben. </p>
                        <p> Nunmehr zu den einzelnen Verbündeten. </p>
                        <p> Die innerpolitischen Verhältnisse in Österreich-Ungarn hatten sich im
                            Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige
                            politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pleß
                            unserer Reichsleitung gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß die
                            Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militärische und politische
                            Mißerfolge nicht mehr vertrug. Die Enttäuschung über das Scheitern der
                            mit allzu lauten Verheißungen begleiteten Offensive gegen Italien war
                            eine tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der
                            galizisch-wolhynischen Front ließ in der großen Masse des
                            österreichisch-ungarischen Volkes einen mißtrauischen Pessimismus
                            aufkommen, der in der Volksvertretung ein rückhaltloses Echo fand. Die
                            leitenden Kreise Österreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung
                            dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, daß solche
                            bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herüberklangen. Man
                            traute sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kräfte nicht
                            zusammenzufassen wußte, mißtraute man deren Größe. Bei diesem Urteil
                            verkenne ich nicht, daß die politischen Schwierigkeiten der
                            Doppelmonarchie unendlich viel größer waren, als diejenigen unseres
                            geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine
                            ernste. Besonders litten die deutsch-österrei<pb n="153"/><anchor id="p153"/>chischen Landesteile bitter unter der Not. Nach meiner
                            Ansicht lag keine Veranlassung vor, der Bündnistreue Österreich-Ungarns
                            irgendwie zu mißtrauen. Jedoch mußte unter allen Umständen dafür gesorgt
                            werden, daß das Land von dem auf ihm liegenden Druck baldmöglichst
                            entlastet wurde. </p>
                        <p> Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Österreich-Ungarn
                            lagen die innerpolitischen Verhältnisse in Bulgarien. Das Land führte
                            mit dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen
                            Stammesgenossen gleichzeitig den Kampf um seine endgültige
                            Vormachtstellung auf dem Balkan. Die mit den Mittelmächten und der
                            Türkei abgeschlossenen Verträge im Verein mit den bisherigen
                            Kriegserfolgen schienen Bulgariens weitgehenden Wünschen sichere
                            Erfüllung bringen zu wollen. Das Land war freilich aus dem letzten
                            Balkankriege stark erschöpft in den neuen Krieg eingetreten. Außerdem
                            war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit jener allgemeinen
                            Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912. Diesmal war es
                            mehr von der kühlen Berechnung seiner Staatsmänner als von nationalem
                            Schwung geführt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im jetzigen
                            Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fühlte und keine starken
                            Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zögern mit der
                            Kriegserklärung an Rumänien – sie war bei meinem Eintreffen in Pleß
                            noch nicht erfolgt – lediglich ein Ausfluß dieser Stimmung war, möchte
                            ich freilich heute noch bezweifeln. Die Verhältnisse in der
                            Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Maßstabe gemessen,
                            gute. </p>
                        <p> Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, daß unser Bündnis mit
                            Bulgarien eine etwaige militärische Belastungsprobe vertragen würde. </p>
                        <p> Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Türkei entgegen. Das
                            osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen
                            nach politischer Machterweiterung. Seine führenden <pb n="154"/><anchor id="p154"/>Persönlichkeiten, allen voran Enver Pascha, hatten klar
                            erkannt, daß es für die Türkei in dem ausgebrochenen Kampfe keine
                            Neutralität geben könne. Man kann sich in der Tat nicht vorstellen, daß
                            Rußland und die Westmächte die einschränkenden Bestimmungen über die
                            Benutzung der Meerengen auf die Dauer hätten berücksichtigen können. Die
                            Aufnahme des Kampfes bedeutete für die Türkei eine Frage des Seins oder
                            Nichtseins, ausgesprochener fast wie für uns andere. Unsere Gegner taten
                            uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an laut und deutlich zu
                            verkünden. </p>
                        <p> Die Türkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Stärke entwickelt, die
                            alle in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegführung überraschte Freunde
                            wie Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kräfte auf allen asiatischen
                            Kriegsschauplätzen. Man hat in Deutschland späterhin oftmals den Vorwurf
                            gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, daß sie zur Stärkung der
                            Kampfkraft der Türkei ihre eigenen Mittel zersplittert hätte. Man
                            beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene
                            Unterstützungen den Bundesgenossen andauernd befähigten, mehrere
                            100.000&nbsp;Mann bester gegnerischer Kampftruppen von
                            unseren mitteleuropäischen Kriegsschauplätzen fernzuhalten. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Die deutsche Oberste Kriegsleitung</head>
                        <p> Die Erfahrungen des Frühjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit
                            ergeben, eine führende und voll verantwortliche Befehlsstelle für uns
                            und unsere verbündeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den
                            regierenden Staatshäuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen.
                            Sie wurde Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser übertragen. Der Chef des
                            Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht „im Auftrage
                            dieser Obersten <pb n="155"/><anchor id="p155"/>Kriegsleitung“
                            Anweisungen herauszugeben und Vereinbarungen mit den verbündeten
                            Heereschefs zu treffen. </p>
                        <p> Bei dem großen Entgegenkommen und der verständnisvollen Mitarbeit der
                            mir im übrigen gleichgestellten Chefs der verbündeten Heere konnte ich
                            die Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige
                            kriegerische Entscheidungen beschränken. Die Behandlung gemeinsamer
                            politischer und wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser
                            Obersten Kriegsleitung. </p>
                        <p> Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbündeten die
                            leitenden Gesichtspunkte für die gesamte Kriegsführung zu geben und ihre
                            Kräfte und Tätigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles
                            zusammenzufassen. Unser aller Interessen würde es entsprochen haben,
                            wenn die Oberste Kriegsleitung unter Zurückstellung der einzelnen
                            Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner für die
                            Entscheidung nebensächlicher Rücksichten, einen durchschlagenden Erfolg
                            auf einem der Hauptkriegsschauplätze hätte erzwingen können. Im
                            unabänderlichen Wesen des Koalitionskrieges lag es aber, daß unserer
                            Obersten Kriegsleitung durch Rücksichten aller möglichen Art hierin oft
                            Schwierigkeiten bereitet wurden. </p>
                        <p> Es ist bekannt, daß Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen
                            gegenüber in weit höherem Maße der gebende als der empfangende Teil war.
                            Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung
                            vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne
                            Bundesgenossen hätte durchführen können. Auch liegt in der vielfach
                            ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krüppelhafte
                            Verbündete gestützt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine
                            einseitige Übertreibung. Man übersieht dabei, daß auch unsere
                            Verbündeten vielerorts starke feindliche Überlegenheiten auf sich
                            gezogen hatten. </p>
                        <p> Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurückwende, so habe ich den
                            Eindruck, daß nicht in großen Operationen, sondern in dem Ausgleich
                            verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundes<pb n="156"/><anchor id="p156"/>genossen der schwierigste Teil unserer Aufgaben
                            vom Standpunkt der Obersten Kriegsleitung lag. Ich will es dahin
                            gestellt sein lassen, ob sich in den meisten Fällen politische
                            Verhältnisse dringender geltend machten, als militärische Gründe. Eine
                            ganz besondere Erschwerung lag für unsere Pläne und Entscheidungen in
                            den verschiedenen Werten der verbündeten Heere. Wir mußten nach
                            Übernahme der Obersten Heeresleitung erst allmählich lernen, was wir von
                            den Waffen unserer Verbündeten erwarten und verlangen konnten. </p>
                        <p> Die österreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem
                            Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen
                            kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an
                            unsere eigenen Kräfte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollständig.
                            Der Hauptgrund für den Rückgang des Durchschnittswertes der k.&nbsp;u.&nbsp;k.
                            Truppenteile lag unbestrittenermaßen in der außerordentlichen
                            Erschütterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrückte,
                            überkühnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und
                            Polen erlitten hatte. Man hat nachträglich behauptet, daß die
                            österreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den
                            Ansturm der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht hätte sich
                            aber dieses auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren
                            Opfern erreichen lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach
                            den damals erlittenen Verlusten wieder, das österreichisch-ungarische
                            aber nicht mehr, ja es schlug der kühne Unternehmungsgeist
                            Österreich-Ungarns in eine dauernde Überempfindlichkeit gegenüber den
                            russischen Massen um. Allen Anstrengungen der österreichisch-ungarischen
                            Obersten Heeresleitung, die erlittenen schweren Schäden zu beheben,
                            stellten sich unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Diesen im
                            einzelnen nachzugehen, glaube ich mir versagen zu können. Ich möchte nur
                            die Frage aufwerfen: Wie hätte es Menschenkräften gelingen können, einen
                            neuen erhebenden Antrieb einheitlichen, nationalen Kampf<pb n="157"/><anchor id="p157"/>willens in das Völkergemisch der
                            Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Blüte des Willens,
                            der Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte
                            besonders das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstürmen so schwer
                            gelitten hatte, einigermaßen wieder auf die alte Höhe gebracht werden?
                            Vergessen wir nicht, daß Österreich-Ungarn keineswegs über die geistigen
                            Kräfte verfügte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schöpfen
                            vermochte. </p>
                        <p> Ein Irrtum lag in der Annahme, daß die österreichisch-ungarische Armee
                            in ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rückgang des Wertes ihrer
                            Truppen überall gleichmäßig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfügte
                            bis zuletzt über hochwertige Verbände. Ein starker Hang zu einem
                            ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich
                            an vielen Stellen. Besonders war auch die höhere
                            österreichisch-ungarische Truppenführung hiervon nicht unberührt. Nur so
                            konnte es kommen, daß selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der
                            Gefechtswille unseres Bundesgenossen ganz überraschend zusammenbrach, ja
                            sich geradezu ins Gegenteil verkehrte. </p>
                        <p> Durch die berührten Erscheinungen wurde natürlicherweise ein Element
                            großer Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung
                            hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht überraschendes
                            Nachgeben verbündeter Heeresteile unerwartet vor ganz veränderte Lagen
                            stellen und dadurch unsere Pläne umwerfen würde. Schwächemomente treten
                            in den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen
                            Natur begründet. Die Führung muß damit rechnen, wie mit einem gegebenen
                            Faktor, dessen Größe aber nicht festzustellen ist. Durch eine
                            vollwertige Truppe werden jedoch solche Momente meist rasch überwunden,
                            oder es bleibt selbst im größten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern
                            von Schlagkraft und Widerstandswille übrig. Wehe aber, wenn auch dieser
                            letzte Kern völlig verbrennt. Das Unheil fällt dann verheerend nicht nur
                            auf die betroffene Truppe sondern auch auf die anschließenden <pb n="158"/><anchor id="p158"/>oder eingestreuten zäheren Verbände;
                            sie werden von der Katastrophe in Flanke und Rücken gefaßt und erleiden
                            vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften. Das war
                            so oft das traurige Ende unserer in österreichisch-ungarische Fronten
                            eingebauten Stützen. War es ein Wunder, daß hierdurch die Stimmung
                            unserer Truppen gegenüber den österreichisch-ungarischen Waffengefährten
                            nicht immer vertrauensvoll und günstig war? </p>
                        <p> Im großen und ganzen dürfen wir aber die Leistungen Österreichs-Ungarns
                            in diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschätzen und bitteren Gefühlen
                            nachhängen, die manchmal unter dem Eindruck enttäuschter Erwartungen
                            entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer
                            Waffengenosse. Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten
                            uns hüten, im gemeinsamen Unglück uns innerlich zu trennen. </p>
                        <p> Einen anderen inneren Aufbau als das österreichisch-ungarische Heer
                            hatte das bulgarische. Es war national in sich völlig geschlossen. Die
                            bulgarische Armee hatte im großen Kriege bis zum Herbste 1916
                            verhältnismäßig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes dürfte
                            aber nicht vergessen werden, daß sie erst vor kurzem einen anderen
                            mörderischen Krieg überstanden hatte, in dem der größte Teil der Blüte
                            des Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde
                            gegangen war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso
                            schwierig wie in Österreich-Ungarn. Die verhältnismäßig noch primitiven
                            Zustände des Balkanlandes erschwerten außerdem dem Heere Einführung und
                            Gebrauch mancher für den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und
                            Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fühlbar, als auch an der
                            mazedonischen Front vollwertige französische und englische Truppenteile
                            uns gegenüberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts
                            Überraschendes darin gefunden werden, daß wir Bulgarien nicht nur mit
                            materiellen Mitteln, sondern auch mit personellen Kräften unterstützen
                            mußten. </p>
                        <pb n="159"/><anchor id="p159"/>
                        <p> Wieder anders als in der österreichisch-ungarischen und der bulgarischen
                            Armee lagen die Verhältnisse in der türkischen. Unsere deutsche
                            Militärmission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken,
                            geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerrütteten
                            Verhältnissen des türkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es
                            gelungen, eine große Anzahl türkischer Verbände mobil zu machen. Die
                            Armee hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten
                            Angriffsoperationen in Armenien außerordentlich schwer gelitten. Dessen
                            ungeachtet schien ihre Leistungsfähigkeit für die ihr von der Obersten
                            Kriegsleitung zunächst gestellte Aufgabe: Verteidigung des türkischen
                            Landbesitzes, ausreichend. Ja, es war sogar möglich, starke Teile des
                            osmanischen Heeres allmählich auf europäischem Boden zu verwenden.
                            Unsere militärische Unterstützung der Türkei beschränkte sich im
                            wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln und auf die Gestellung
                            von zahlreichen Offizieren. Die für die asiatischen Kriegsschauplätze
                            bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen wurden von uns
                            mit Zustimmung der türkischen Obersten Heeresleitung nach und nach
                            zurückgezogen, je nachdem die Türkei imstande war, das Material dieser
                            Formationen selbst zu übernehmen und zu bedienen. </p>
                        <p> Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordküste
                            Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsächlich Gewehre
                            und Schießbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten
                            sie doch außerordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der
                            mohammedanischen Stämme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes für
                            unsere Kriegführung lassen sich bis jetzt noch nicht überblicken;
                            vielleicht waren sie größer, als wir es damals ahnen konnten. </p>
                        <p> Selbst über die Nordküste Afrikas hinaus versuchten wir unseren
                            Waffengenossen Unterstützung zu bringen. So traten wir unter anderm dem
                            von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken näher, den Stämmen im
                            Yemen, die ihrem Padischah in Konstan<pb n="160"/><anchor id="p160"/>tinopel treu geblieben waren, finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns
                            der Weg dorthin zu Lande durch aufrührerische Nomadenstämme der
                            arabischen Wüste versperrt war, und die Küsten des Roten Meeres für
                            unsere Unterseeboote wegen ihres nicht genügenden Aktionsradius
                            unerreichbar waren, so wäre uns nur der Luftweg übrig geblieben. Zu
                            meinem größten Bedauern verfügten wir aber damals noch nicht über ein
                            Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer Fahrt über
                            die große Wüste mit Sicherheit hätte überwinden können. Die Durchführung
                            des Planes mußte also unterbleiben. </p>
                        <p> In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwähnen, daß ich 1917 den
                            Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und
                            Medikamente zuzuführen, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das
                            Zeppelinschiff mußte bekanntlich über dem Sudan umkehren, da unsere
                            Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Süden gerückt war und ihre
                            Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch
                            stolzen Gefühlen ich während des Krieges die Taten und fast
                            übermenschlichen Leistungen dieser prächtigen Truppe in Gedanken
                            begleitete, bedarf keiner näheren Ausführung. Sie hat auf afrikanischem
                            Boden ein unvergängliches Denkmal deutschen Heldentums errichtet. </p>
                        <p> Rückblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muß ich
                            anerkennen, daß sie die ihnen eigenen Kräfte in dem gemeinsamen Dienst
                            unserer großen Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer
                            staatlichen, wirtschaftlichen, militärischen und ethischen Mittel ihnen
                            das ermöglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor
                            allen anderen diesem Ideal uns am meisten näherten, so war das nur
                            möglich, infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht
                            vollbewußten inneren Kräfte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte
                            unserer Geschichte angesammelt hatten, Kräfte, die in allen Schichten
                            des Vaterlandes vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern
                            lebendig waren und in beständiger Regung sich weiter <pb n="161"/><anchor id="p161"/>stärkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund
                            ist und unverdorbene Lebenskräfte ihn so stark durchfluten, daß die
                            ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur
                            dann sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar
                            vollbrachten weit über die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere
                            Bündnisse uns stellten. </p>
                        <p> Daß dem so sein konnte, dafür gebührt der Dank geschichtlich nachweisbar
                            vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche
                            deutscher Größe unserem Kaiser Wilhelm&nbsp;II.
                            Getreu den Überlieferungen seines Hauses erblickte dieser Herrscher in
                            dem Heere die beste Schule des Volkes und arbeitete unermüdlich an
                            dessen Fortentwickelung. So stand denn Deutschlands Heeresmacht als die
                            erste der Welt da: vor dem Kriege der achtunggebietende Schutz
                            friedlicher Arbeit, während des Krieges der Kern aller Kraftäußerung.
                        </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Pless"/>
                        <head>Pleß</head>
                        <p> Das oberschlesische Städtchen Pleß war von der deutschen Obersten
                            Heeresleitung schon in früheren Zeitabschnitten des Krieges als
                            vorübergehender Sitz des Großen Hauptquartiers gewählt worden. Der Grund
                            dieser Wahl lag in der Nähe des Aufenthaltes des k.&nbsp;u.&nbsp;k.
                            Armee-Oberkommandos in der österreichisch-schlesischen Stadt Teschen.
                            Der Vorteil, der sich aus der Möglichkeit rascher und persönlicher
                            Aussprache zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt
                            maßgebend für den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers. </p>
                        <p> Das deutsche Große Hauptquartier bildete natürlicherweise den Treffpunkt
                            deutscher und verbündeter Fürstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen
                            Herrn über politische und militärische Fragen unmittelbare Rücksprache
                            nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort näher zu treten
                            die Ehre hatte, zählte Zar <pb n="162"/><anchor id="p162"/>Ferdinand
                            von Bulgarien. Er machte auf mich den Eindruck eines hervorragenden
                            Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit über die Grenzen des
                            Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es dabei, in den großen
                            entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung seines Landes
                            wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu rücken. Die Zukunft
                            Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch die
                            endgültige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche
                            Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehörigen unter einheitlicher
                            Führung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir
                            gegenüber niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte
                            mir die Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung
                            seines ältesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermaßen der
                            Privatsekretär seines königlichen Vaters und schien mir in die
                            geheimsten politischen Gedankengänge des Zaren eingeweiht zu sein. Der
                            hochbegabte Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm
                            anvertraute wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener
                            Zurückhaltung. Das väterliche Regiment war dabei anscheinend ein
                            ziemlich scharfes. </p>
                        <p> Die Außenpolitik seines Staates führte der Zar im wesentlichen ganz
                            allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhältnisse
                            seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich
                            glaube aber, daß er es verstand, mitten in der oftmals einreißenden
                            parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal
                            auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in
                            dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle
                            Balkanvölker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit
                            hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Übergangs von
                            einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fürchte, daß diese oft
                            so vortrefflich beanlagten Völkerschaften noch viele Jahrzehnte unter
                            den Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden. </p>
                        <pb n="163"/><anchor id="p163"/>
                        <p> Der bulgarische König war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten
                            Herrscher. Uns gegenüber bewährte er sich als treuer Bundesgenosse. </p>
                        <p> Während unseres Aufenthaltes in Pleß starb Kaiser Franz Joseph. Sein
                            Heimgang war für das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner
                            ganzen Größe wohl erst später voll gewürdigt werden kann. Es unterlag
                            keinem Zweifel, daß mit seinem Tode für die Völkervielheit der
                            Doppelmonarchie der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch
                            mit dem ehrwürdigen, greisen Kaiser ein großer Teil des nationalen
                            Gewissens des verschiedenstämmigen Reiches für immer ins Grab. </p>
                        <p> Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenübergestellt war,
                            lassen sich in ihrer Größe und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines
                            Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen.
                            Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht,
                            der durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch
                            völkisch versöhnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden
                            Elementen gegenüber glaubte er an die moralische Wirkung politischer
                            Gnadenbeweise. Das Mittel versagte völlig; diese Elemente hatten ihren
                            Pakt mit unseren gemeinsamen Feinden längst geschlossen und waren weit
                            entfernt, ihn freiwillig wieder zu kündigen. </p>
                        <p> Bei den vielfachen regen persönlichen Beziehungen, die mir der
                            Aufenthalt in Pleß mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hötzendorf
                            brachte, bestätigte sich mir der Eindruck, den ich schon früher von ihm
                            als Soldat und Führer erhalten hatte. General von Conrad war eine
                            hochbegabte Persönlichkeit, ein glühender österreichischer Patriot und
                            ein warmherziger Anhänger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische
                            Einflüsse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er
                            zweifellos aus tiefster Überzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in
                            seinem operativen Denken sehr großzügig; er verstand es, die Kernpunkte
                            unserer gemeinsamen, <pb n="164"/><anchor id="p164"/>großen Fragen aus
                            dem Wuste der weniger entscheidenden Nebendinge herauszuschälen. Er war
                            ein besonders vortrefflicher Kenner der Verhältnisse des Balkans und
                            Italiens. </p>
                        <p> Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der
                            österreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus
                            ergebenden Mängel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem
                            überschätzte er bei seinen hohen Plänen hier und da die möglichen
                            Leistungen des ihm anvertrauten Heeres. </p>
                        <p> Auch die militärischen Führer der Türkei und Bulgariens lernte ich im
                            Laufe des Herbstes und Winters in Pleß persönlich kennen. </p>
                        <p> Enver Pascha zeigte mir gegenüber einen ungewöhnlich weiten und freien
                            Blick für das Wesen der Führung des gegenwärtigen Krieges und seiner
                            Durchführung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, große und
                            schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen,
                            den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem
                            türkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf
                            meine Bitte hin die militärische Lage in der Türkei. Mit einer
                            bemerkenswerten Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon
                            ein erschöpfendes Bild, und, sich an mich wendend, schloß er mit den
                            Worten: „Die Lage der Türkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir
                            müssen befürchten, in Armenien noch weiter zurückgeworfen zu werden. Es
                            ist auch nicht ausgeschlossen, daß die Kämpfe im Irak sich bald wieder
                            erneuern. Auch glaube ich, daß der Engländer in kurzer Zeit imstande
                            sein wird, uns in Syrien mit Übermacht anzugreifen. Aber was auch in
                            Asien geschehen mag, die Entscheidung des Krieges liegt auf europäischem
                            Boden, und hierfür stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen
                            zur Verfügung.“ Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein
                            Bundesgenosse zu einem anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich
                            bei Worten. </p>
                        <pb n="165"/><anchor id="p165"/>
                        <p> Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver
                            Pascha aber doch einer gründlichen militärischen, ich möchte sagen,
                            Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen
                            türkischen Führern wie auch in ihren Stäben zu finden war. Es machte den
                            Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der
                            Natur gegebener Mangel vorläge. Die türkische Armee schien nur ganz
                            wenige Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung
                            richtig gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der
                            Führung zu beherrschen. Es fehlte das Gefühl für die Notwendigkeit, daß
                            sich der Generalstab inmitten der Durchführung großer Gedanken auch mit
                            dem Kleinen beschäftigen muß. So kam es, daß der orientalische
                            Gedankenreichtum durch den mangelnden militärischen Wirklichkeitssinn
                            oftmals unfruchtbar gemacht wurde. </p>
                        <p> Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser
                            bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nüchterner
                            Beobachtungsgabe, großen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie
                            auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschränkend. Inwieweit er in
                            letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich
                            nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhänger
                            der außenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem
                            innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein. </p>
                        <p> General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein
                            Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr
                            weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner
                            Äußerungen, als Zweifel darüber auftauchten, ob der bulgarische Soldat
                            sich nicht etwa weigern würde, gegen den Russen zu kämpfen: „Wenn ich
                            meinen Bulgaren sage, sie sollen kämpfen, dann werden sie es tun, gegen
                            wen es auch sei!“ Im übrigen waren dem General einzelne im
                            Volkscharakter liegende Schwächen seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich
                            werde hierauf später noch zurückkommen. </p>
                        <pb n="166"/><anchor id="p166"/>
                        <p> Außer mit den leitenden militärischen Persönlichkeiten trat ich in Pleß
                            auch mit den politischen Führern unserer Bundesgenossen in persönliche
                            Fühlung. Ich möchte an dieser Stelle nur vom osmanischen Großwesir
                            Talaat Pascha und dem bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow
                            sprechen. </p>
                        <p> Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war
                            sich über die Größe der Aufgabe wie über die Mängel seines Staatswesens
                            nicht im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die
                            nationale Trägheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so
                            lag das lediglich an der Größe der dabei zu überwindenden
                            Schwierigkeiten. Es konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was
                            in Jahrhunderten versäumt war, was Vermischung von Volksrassen und
                            innere, moralische Erschöpfung weiter Kreise des Staates längst vor dem
                            Kriege verdorben hatten. Er selbst trat mit reinen Händen an die Spitze
                            seines Staates und blieb mit reinen Händen dort. Talaat war ein
                            vollwertiger Vertreter des alten, ritterlichen Türkentums. Politisch
                            unbedingt zuverlässig, so begegnete er mir zum ersten Male 1916, so
                            verabschiedete er sich von uns im Herbste 1918. </p>
                        <p> Die Schwächen der türkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer
                            großen Abhängigkeit von den inneren Verhältnissen. Politische und
                            wirtschaftlich selbstsüchtige Persönlichkeiten der sogenannten
                            Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Führung und banden
                            dieser in vielen Fällen die Hände, so daß sie außerstande war, richtig
                            erkannte Mißstände mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar
                            taten einzelne hervorragende Männer alles, was in ihren Kräften stand.
                            Aber die staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des
                            Landes, Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden,
                            erfrischenden und staatsfördernden Säfte in die entfernten Provinzen.
                            Neue Gedanken waren freilich während des Krieges entstanden und wuchsen
                            mit den kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am <pb n="167"/><anchor id="p167"/>Tigris in echt orientalischer
                            Üppigkeit. Man begann, an die religiöse und politische Vereinigung des
                            gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der sichtbaren
                            Mißerfolge bei Verkündung des Heiligen Krieges, an dem Auftreten
                            mohammedanischer Glaubenskämpfer, wie zum Beispiel im nördlichen Afrika.
                            Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, daß diese Erscheinung
                            religiösen Fanatismus nur örtlichen Sonderheiten entsprang, und daß
                            Hoffnung auf deren Übertragung in die weiten Gebiete des inneren Asiens
                            eine Täuschung war, ja noch mehr als das: eine verhängnisvolle
                            militärische Gefahr. </p>
                        <p> Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die
                            Scholle gebunden, als der großzügige osmanische Staatsmann Talaat
                            Pascha. Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kühnheit des
                            Schrittes, der Bulgarien 1915 an unsere Seite führte, in seiner ganzen
                            Größe – ich darf vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz
                            durchdachten Größe – wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt
                            zuverlässig war Radoslawow in seiner Außenpolitik für uns jederzeit. </p>
                        <p> Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden
                            Erregtheit während des großen Krieges nicht nachgelassen und war auch in
                            der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier
                            spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen
                            Parteigruppen übertrug sich auf die Truppen und deren Führer. An dieser
                            Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig. </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="168"/><anchor id="p168"/>
                    <index index="pdf" level1="Leben im Grossen Hauptquartier"/>
                    <head>Leben im Großen Hauptquartier</head>
                    <p> Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem persönlichen
                        Leben während des großen Krieges genommen wurde, möchte ich an dieser Stelle
                        die Beschreibung eines regelmäßigen Tagesverlaufes in unserem Hauptquartier
                        einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an solcher Kleinmalerei inmitten
                        gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen haben, die nächstfolgenden Seiten
                        zu überschlagen. Ihre Kenntnis ist zum Verständnis der großen Zeit nicht
                        notwendig. </p>
                    <p> Während des Bewegungskrieges in Ostpreußen und Polen im Herbst 1914 war an
                        einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes
                        nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach Posen
                        im November 1914 begann eine größere Regelmäßigkeit in unserem dienstlichen
                        und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch außerdienstlichen Leben.
                        Späterhin war der längere ständige Aufenthalt in Lötzen besonders geeignet
                        zur Einführung eines streng geregelten Ganges unserer Arbeit. </p>
                    <p> Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres änderte im
                        wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewährten Geschäftsgang, wenn
                        auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung großzügigeres und belebteres
                        Treiben für uns einsetzte. </p>
                    <p> Die gewöhnliche Tagesbeschäftigung begann für mich damit, daß ich mich etwa
                        gegen 9&nbsp;Uhr vormittags, das heißt, nachdem die <pb n="169"/><anchor id="p169"/>Morgenmeldungen eingetroffen waren, zu General Ludendorff
                        begab, um mit ihm die Änderungen der Lage und etwa zu treffende Anordnungen
                        zu besprechen. Meist handelte es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir
                        lebten beide ununterbrochen in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere
                        Gedanken. Die Entschlüsse fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger
                        Sätze, ja manchmal genügten einige Worte, um das gegenseitige Einverständnis
                        festzulegen, das dem General als Grundlage für die weiteren Ausarbeitungen
                        diente. </p>
                    <p> Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstündige Bewegung im
                        Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen
                        morgendlichen Spaziergängen forderte ich gelegentlich auch Gäste des Großen
                        Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen entgegen
                        und läuterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen Ersten
                        Generalquartiermeister stürzte, um sich bei diesem mehr ins einzelne gehende
                        Wünsche, Hoffnungen und Vorschläge vom Herzen zu reden. </p>
                    <p> Nach meiner Rückkehr in das Dienstgebäude erfolgten weitere Besprechungen
                        mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vorträge meiner Abteilungschefs
                        in meinem Arbeitszimmer. </p>
                    <p> Neben dieser dienstlichen Tätigkeit bewegte sich die Erledigung der an mich
                        eingetroffenen persönlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir über alle
                        nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz ausschütten oder ihre
                        Gedanken offenbaren zu müssen glaubten, war nicht gering. Für mich war es
                        völlig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich bedurfte hierfür die
                        besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser Korrespondenz spielte
                        Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr Gegenteil zeigte sich in
                        allen möglichen Abstufungen. Es war oft sehr schwer, einen Zusammenhang
                        zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und meiner dienstlichen Stellung zu
                        konstruieren. Um nur zwei von den hundertfachen Beispielen herauszugreifen,
                        so wurde es mir nie klar, was ich als <pb n="170"/><anchor id="p170"/>Chef
                        des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend notwendigen
                        Müllabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren gegangenen Taufschein
                        einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte. Trotzdem wurde in beiden
                        Fällen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja in derartigen brieflichen
                        Anliegen ein rührendes, wenn auch manchmal etwas naives Vertrauen auf meinen
                        persönlichen Einfluß. Wo ich Zeit und Gelegenheit hatte, half ich gern,
                        wenigstens mit meiner Unterschrift. Weitergehende Eigenleistungen glaubte
                        ich mir freilich meist versagen zu müssen. </p>
                    <p> Um die Mittagsstunde war ich regelmäßig zum Vortrag bei Seiner Majestät dem
                        Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage. Bei
                        wichtigeren Entschlüssen übernahm ich selbst den Vortrag und erbat, sofern
                        solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Pläne. Das hohe
                        Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundsätzlichen Fragen von
                        einer besonderen Allerhöchsten Zustimmung. Seine Majestät begnügte sich
                        übrigens auch bei Vorschlägen über neue Operationen allermeist mit der
                        Entgegennahme meiner Begründungen. Ich erinnere mich keines Gegensatzes, der
                        nicht schon während des Vortrags durch meinen Kriegsherrn ausgeglichen
                        wurde. Das ausgezeichnete Gedächtnis des Kaisers für Kriegslagen
                        unterstützte uns bei diesen Vorträgen in hohem Maße. Seine Majestät
                        studierte nicht nur die Karten mit größter Genauigkeit, sondern nahm auch
                        persönliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittäglichen Vortrages vor dem
                        Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit Vertretern der Reichsleitung
                        ausgenutzt. </p>
                    <p> Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die
                        Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das
                        unbedingt nötige Maß beschränkt. Ich hielt darauf, daß meine Offiziere Zeit
                        gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer Tätigkeit
                        auszuspannen. Zu meinem wiederholten persönlichen Bedauern konnte ich von
                        dieser Kürzung der <pb n="171"/><anchor id="p171"/>Essenszeit auch dann
                        nicht absehen, wenn wir Gäste bei uns zu Tische hatten. Die Rücksicht auf
                        die Erhaltung der Arbeitskraft meiner Mitarbeiter mußte ich geselligen
                        Formen voranstellen. War doch eine 16stündige Arbeitszeit für die Mehrzahl
                        dieser Offiziere eine tagtägliche Forderung. Und dies im Gange eines
                        mehrjährigen Krieges! Wir waren eben genötigt, bei der Obersten
                        Heeresleitung wie im Schützengraben unser Menschenmaterial bis zur äußersten
                        Grenze der Leistungsfähigkeit auszunutzen. </p>
                    <p> Der Nachmittag verlief für mich ähnlich dem Vormittage. Die längste
                        Abspannung brachte für alle der um 8&nbsp;Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schloß
                        sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenräumen an, für dessen
                        Beendigung General Ludendorff pünktlich um 9½&nbsp;Uhr abends das Zeichen gab.
                        Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte sich
                        in zwangloser Form und offenster Aussprache über alle uns unmittelbar
                        berührenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch
                        der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu unterstützen, hielt ich für eine
                        Pflicht gegenüber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der Wahrnehmung, daß
                        unsere Gäste vielfach einerseits von der zuversichtlichen Ruhe, andererseits
                        von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich überrascht waren. </p>
                    <p> Nach dem Schluß unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns gemeinsam
                        in das Dienstgebäude. Dort waren inzwischen die abschließenden
                        Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten
                        zeichnerisch festgelegt. Die Erläuterungen gab ein jüngerer
                        Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschauplätzen hing es
                        ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal eingehender
                        besprechen mußte, oder ob ich ihn nicht mehr länger in Anspruch zu nehmen
                        brauchte. Für die Offiziere meines engeren Stabes begann nunmehr die Arbeit
                        aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die abschließenden Anhaltspunkte zur
                        Abfassung und Hinausgabe endgültiger Anordnungen gegeben, oder <pb n="172"/><anchor id="p172"/>es trafen erst von jetzt ab die zahllosen
                        Anforderungen, Anregungen und Vorschläge der Armeen und sonstigen Stellen
                        ein. Die Tagesbeschäftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vorträge
                        der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmäßig bis in
                        die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders ruhiger
                        Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht sein
                        Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtäglich am Beginn der
                        8.&nbsp;Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General
                        Ludendorff sich einmal ein früheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden
                        zählen konnte, zu gönnen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und
                        Fühlen ging völlig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfüllt mich noch
                        jetzt mit dankbarer Genugtuung. </p>
                    <p> Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel
                        war mit Rücksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natürlicherweise
                        gering. Immerhin war es ab und zu möglich, dem drängenden Verlangen der
                        Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu
                        tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung
                        von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten
                        oder an diejenigen unserer Verbündeten. Im allgemeinen verlangte aber der
                        Zusammenhang in den außerordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten
                        die dauernde Anwesenheit wenigstens der älteren Offiziere an ihren
                        Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung. </p>
                    <p> Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte ich
                        als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden, allgemein
                        geschätzten persönlichen Adjutanten, Major Kämmerer, an den Folgen einer
                        Erkältung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von Linsingen einer
                        Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den Angehörigen des Großen
                        Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen den dringenden
                        Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden <pb n="173"/><anchor id="p173"/>glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals
                        außerordentlich schwierigen Zeit seinen Posten nicht verlassen zu dürfen,
                        bis er körperlich kraftlos und vom Fieber geschüttelt die Arbeit doch aus
                        der Hand legen mußte, zu spät, um noch gerettet werden zu können. Wir
                        verloren an ihm einen geistig wie charakterlich gleich hochstehenden
                        Kameraden. Seine junge Frau kam nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die
                        Augen zudrücken zu können. Manche von denen, die zeitweise meinem Stabe
                        angehört hatten, sind außerdem später an der Front gefallen. </p>
                    <p> Das Bild unseres Lebens würde unvollständig sein, wenn ich nicht auch auf
                        die Besucher zu sprechen käme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder
                        Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das ständige Ab und Zu von
                        Persönlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns
                        in Berührung kommen mußten, sondern ich denke an diejenigen, die durch
                        vielfach andere Interessen zu uns geführt wurden. Ich öffnete jedermann gern
                        Tür und Herz, vorausgesetzt, daß er selbst mir offen entgegenkam. </p>
                    <p> Die Zahl unserer Gäste war groß. Wir waren nur wenige Tage ohne solche.
                        Nicht nur Deutschland und seine Verbündeten, sondern auch die Neutralen
                        stellten ein beträchtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei
                        Tisch den Eindruck eines bunten Völkergemisches, und es traf sich auch, daß
                        christliche Würdenträger mit mohammedanischen Gläubigen Stuhl an Stuhl
                        saßen. Leute aller Stände und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme.
                        Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke
                        ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Pleß
                        aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens,
                        ein glühendes patriotisches Gefühl. Auch andere Politiker aller
                        Schattierungen aus unseren und unserer Verbündeten Ländern sprachen bei mir
                        vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefühlen für die
                        gemeinsame große Sache aber damals <pb n="174"/><anchor id="p174"/>gleichgeartet. Ich erinnere mich so mancher warmer patriotischer Worte beim
                        Abschied. Ich drückte in meinem Kreise die schwielig kräftigen Hände von
                        Handwerkern und Arbeitern und freute mich ihres offenen Blickes und ihrer
                        aufrichtigen Rede. Vertreter führender Industrien und Männer der
                        Wissenschaft setzten uns in Kenntnis von neuen Erfindungen und Gedanken und
                        schwärmten von künftigen wirtschaftlichen Plänen. Sie klagten wohl auch über
                        den engen Bureaukratismus der Heimat und über die Beschränkung der Mittel
                        zur Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten über die
                        geldfressende Begehrlichkeit gefürchteter Phantasten und über die uferlosen
                        Pläne von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen eines
                        heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines Schusses jeden
                        Geschützkalibers wissen wollte, um daraus die ungefähren Kosten einer
                        Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines Kalkuls
                        verschont, wohl in der Befürchtung, daß ich deswegen den Munitionsverbrauch
                        doch nicht einschränken würde. </p>
                    <p> Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch
                        Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen über verlegene
                        Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte.
                        Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach,
                        wage ich nicht in allen Fällen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir manch
                        prächtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und harten
                        Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze Erzählungen
                        aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche Berichte. Die
                        Wirklichkeit des früher Selbsterlebten trat mir so oft mit aller
                        Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem furchtbarsten
                        aller Ringen unseren früheren Kriegen gegenüber alles in das Groteske
                        gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu monatelangem
                        Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine Grenzen zu haben. </p>
                    <pb n="175"/><anchor id="p175"/>
                    <p> Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Pleß und wirkte auf uns alle durch
                        die rührende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon
                        seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehörte
                        dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald nach
                        seinem Besuch, ohne das Unglück seines Vaterlandes erleben zu müssen – ein
                        glücklicher Mann! Noch zwei andere berühmt gewordene Herrscher der Lüfte
                        folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann Bölcke und
                        Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes Wesen erfreute
                        uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsführer sah ich gleichfalls in der
                        Zahl meiner Gäste; unter ihnen fehlte auch nicht der Führer des
                        Unterseehandelsbootes „Deutschland“, Kapitän König. </p>
                    <p> So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den
                        gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbündeten und uns
                        selbst oft in meiner nächsten Nähe zu fühlen. </p>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="176"/><anchor id="p176"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Kriegsereignisse bis Ende 1916</head>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Der rumaenische Feldzug"/>
                        <head>Der rumänische Feldzug</head>
                        <p> Unsere politische Lage Rumänien gegenüber hatte im Verlauf der
                            Kriegsjahre 1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern
                            auch an unsere Heeresführung ungewöhnlich hohe Anforderungen gestellt.
                            Es ist eine billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumäniens in den Kreis
                            unserer Feinde und angesichts unserer unzureichenden militärischen
                            Vorbereitungen dem neuen Gegner gegenüber ein scharfes Urteil über
                            unsere damals verantwortlichen Stellen und Persönlichkeiten
                            auszusprechen. Solche Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen
                            Vorgänge auf willkürlichen Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine
                            Äußerung Fichtes in seinen „Reden an die deutsche Nation“, in welcher er
                            von jener Art von Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen
                            Erfolgen wissen, was da hätte geschehen sollen. </p>
                        <p> Es dürfte wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die Entente in unserer
                            Lage die rumänische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die
                            rumänische militärische Drohstellung spätestens 1915 beseitigt hätte,
                            und zwar mit der Anwendung ähnlicher Mittel, wie sie solche gegen
                            Griechenland in Tätigkeit brachte. Wie es sich später herausstellen
                            sollte, wurde Rumänien im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in
                            den Kriegsstrudel hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder
                            zum sofortigen Angriff zu schreiten <pb n="177"/><anchor id="p177"/>oder dauernd auf seine Vergrößerungspläne zu verzichten. Eine ähnliche
                            Lösung war aber politisch zu gewalttätig, als daß sie bei uns ohne
                            dringendste Not Anhänger hätte finden können. Wir glaubten, mit Rumänien
                            säuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der Hoffnung, daß es sich sein
                            Grab selbst graben würde. Gewiß trat dies auch ein, aber nach welchen
                            Krisen und Opfern! </p>
                        <p> Die Beteiligung Rumäniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rückte
                            in greifbare Nähe, als die österreichische Ostfront zusammenbrach. Es
                            wäre vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, daß sich diese Gefahr auch
                            dann noch hätte beschwören lassen, wenn der deutsche Plan eines großen
                            Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen
                            Südflügel hätte verwirklicht werden können. Allein bei den immer
                            erneuten Zusammenbrüchen in den österreichisch-ungarischen Linien kam
                            diese Operation nicht zustande. Die Angriffskräfte verschwanden in
                            Verteidigungsfronten. </p>
                        <p> Angesichts dieses Verlaufes der Kämpfe an der Ostfront hatte die
                            deutsche Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General
                            Jekoff zu dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen
                            Flügelarmeen einen großen Schlag gegen die Ententekräfte bei Saloniki zu
                            führen. Der Gedanke war sowohl politisch wie militärisch durchaus zu
                            billigen. Gelang das Unternehmen, so war zu erwarten, daß Rumänien
                            eingeschüchtert und seine zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine
                            Zusammenwirkung mit Sarrail zerstört würde. Rumänien wäre daher
                            vielleicht schon dann zur Ruhe veranlaßt worden, wenn starke bulgarische
                            Kräfte nach einem Siege über Sarrail für beliebige andere Verwendung
                            freigeworden wären. Die deutsche Oberste Heeresleitung geriet freilich
                            gerade durch diesen Angriff der Bulgaren zunächst in einen gewissen
                            militärischen Widerspruch hinein. Da sie nämlich gleichzeitig gezwungen
                            war, Truppen in Nordbulgarien zu versammeln, um auf die täglich stärker
                            werdenden rumänischen Kriegsleidenschaften ernüchternd zu <pb n="178"/><anchor id="p178"/>wirken, so wurden Kräfte, die zum Angriff auf
                            Sarrail an der mazedonischen Front hätten Verwendung finden können, aus
                            politischen Gründen an die Donau gezogen. Das Verfahren der deutschen
                            Obersten Heeresleitung wird erklärlich einerseits durch das Vertrauen,
                            das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte, andererseits
                            durch eine gewisse Unterschätzung der gegnerischen Stärke bei Saloniki.
                            Ganz besonders täuschte man sich über die Bedeutung der dort
                            auftretenden, neugebildeten serbischen Verbände in der Zahl von
                            6&nbsp;Infanteriedivisionen. </p>
                        <p> Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken
                            Flügelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flügel in
                            Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gründen
                            hängen, deren Erörterungen uns an dieser Stelle zu weit führen würden.
                            Die bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im
                            Angriff wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch
                            gewandt. Der Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser
                            Ausgang des Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste
                            Heeresleitung vor eine neue schwierige Frage. Die rumänische Kriegslust
                            steigerte sich dauernd. Es war zu erwarten, daß die Stockung der
                            bulgarischen Operationen in Mazedonien auf die politischen Kreise in
                            Bukarest kriegsermunternd wirken würde. Sollte die deutsche Oberste
                            Heeresleitung nunmehr den Angriff der Bulgaren endgültig abbrechen
                            lassen, um starke bulgarische Kräfte aus den jetzt wesentlich verkürzten
                            mazedonischen Fronten nach Nordbulgarien zu führen, oder sollte sie es
                            wagen, die an der Donau schon versammelten Streitkräfte nach Mazedonien
                            überzuführen, um hier nochmals zu versuchen, den rumänischen gordischen
                            Knoten mit dem Schwerte durchzuschlagen? Die Kriegserklärung Rumäniens
                            befreite die Oberste Heeresleitung aus diesen Zweifeln. </p>
                        <p> So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhältnisse südlich
                            der Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nörd<pb n="179"/><anchor id="p179"/>lich der transsylvanischen Alpen
                            geworden. Während nämlich Rumänien offenkundig rüstete, verzehrten die
                            Kämpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen an der
                            österreichischen Ost- und Südwestfront alles, was den Obersten
                            Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfügbar schien oder aus nicht
                            angegriffenen Frontteilen noch verfügbar gemacht werden konnte. Gegen
                            Rumänien glaubte man keine Kräfte freimachen zu können. Man vertrat den
                            an sich richtigen Grundsatz, von Streitkräften, die auf den
                            augenblicklichen Schlachtfeldern dringend benötigt waren, nichts aus
                            politischen Gründen brachliegen zu lassen. </p>
                        <p> So kam es, daß die rumänische Kriegserklärung am 27.&nbsp;August uns dem
                            neuen Feind gegenüber in einer nahezu völlig wehrlosen Lage traf. Ich
                            bin auf diese Entwicklung der Verhältnisse deswegen ausführlicher
                            eingegangen, um die Entstehung der großen Krisis verständlich zu machen,
                            in der wir uns seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer
                            solchen kann auch angesichts der späteren erfolgreichen Durchführung des
                            Feldzuges nicht gut bestritten werden. </p>
                        <p> Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen
                            getroffen werden konnten, um der rumänischen Gefahr zu begegnen, so
                            hatten sich doch seine verantwortlichen militärischen Führer
                            selbstredend über die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden
                            Maßnahmen frühzeitig geeinigt. Am 28.&nbsp;Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke
                            eine Besprechung der Heereschefs Deutschlands, Österreich-Ungarns und
                            Bulgariens zu Pleß stattgefunden. Sie führte zur Aufstellung eines
                            Kriegsplanes, in dessen entscheidender Ziffer&nbsp;2 es wörtlich heißt:</p>
                        <p rend="zitat">
                            „Schließt Rumänien sich der Entente an: schnellstes, kräftigstes
                            Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von
                            österreichisch-ungarischem, soweit irgend möglich, fernzuhalten und nach
                            Rumänien hineinzutragen. Hierzu </p>
                        <p rend="margin-left: 4"> a) demonstrative Operationen deutscher und österreichischer Truppen
                            von Norden her, zwecks Fesselung starker rumänischer Kräfte;</p>
                        <pb n="180"/><anchor id="p180"/>
                        <p rend="margin-left: 4">b) Vorstoß bulgarischer Kräfte von der Dobrudschagrenze gegen die
                            Donauübergänge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten Flanke
                            der Hauptkräfte; </p>
                        <p rend="margin-left: 4"> c) Bereitstellung der Hauptkräfte zum Übergang über die Donau bei
                            Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest.“</p>
                        <p> In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in
                            Budapest wurde auch die Teilnahme der Türken an einem etwaigen
                            rumänischen Feldzug festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen
                            Bereitstellung von zwei osmanischen Divisionen für den Einsatz auf der
                            Balkanhalbinsel. </p>
                        <p> Dieser Kriegsplan gegen Rumänien erfuhr, so lange mein Vorgänger noch
                            die Zügel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Änderung. Wohl aber
                            fand noch ein wiederholter Gedankenaustausch darüber zwischen den
                            einzelnen Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von
                            Mackensen, der zur Führung der südlich der Donau bereitgestellten Kräfte
                            bestimmt war, wurde zur Sache gehört. Bei diesen Gelegenheiten
                            zeichneten sich zwei Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von
                            Conrad vertrat diejenige eines rücksichtslosen sofortigen Vorgehens auf
                            Bukarest, General Jekoff diejenige eines Feldzugsbeginns in der
                            Dobrudscha. Die Kräfte südlich der Donau waren bei Kriegsausbruch noch
                            viel zu schwach, um die an dieser Front beabsichtigte Doppelaufgabe,
                            nämlich Donauübergang und Angriff gegen Silistria und Tutrakan,
                            gleichzeitig durchführen zu können. </p>
                        <p> Am 28.&nbsp;August erging von meinem Vorgänger an Generalfeldmarschall von
                            Mackensen der Befehl zum baldmöglichsten Angriff. Richtung und Ziel
                            blieben dem Feldmarschall überlassen. </p>
                        <p> So fand ich am 29.&nbsp;August bei der Übernahme der Operationsleitung die
                            militärische Lage gegenüber Rumänien. Sie war schwierig. </p>
                        <p> Wahrlich, noch niemals war einem verhältnismäßig so kleinen Staatswesen
                            wie Rumänien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher
                            Größe in einem ebenso günstigen Augenblicke in <pb n="181"/><anchor id="p181"/>die Hände gelegt. Noch niemals waren starke Großmächte
                            wie Deutschland und Österreich in gleicher Gebundenheit der
                            Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein Zwanzigstel der
                            Bevölkerung der beiden Großstaaten zählte, wie im jetzt vorliegenden
                            Falle. Auf Grund der Kriegslage hätte man annehmen können, daß Rumänien
                            nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf zugunsten
                            derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich gegen uns
                            anstürmten. Alles schien davon abzuhängen, ob Rumänien gewillt war, von
                            seiner augenblicklichen Stärke einigermaßen Gebrauch zu machen. </p>
                        <p> Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefühlt und
                            mehr gefürchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zögerte mit
                            dem Kriegsentschluß. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als
                            dann aber am 1.&nbsp;September der bulgarische Kriegsentschluß zu unseren
                            Gunsten gefallen war, trat das Land mit all seinen Kräften und mit dem
                            ganzen Haß seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumänischen
                            Überfall in den Rücken des gegen Serbien und Griechenland schwer
                            ringenden Landes entsprungen war, an unsere Seite. Der mörderische Tag
                            von Tutrakan gab den ersten Beweis für die kriegswillige Stimmung
                            unseres Bundesgenossen. </p>
                        <p> Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden
                            Vorbereitungen zunächst naturgemäß jede Bedeutung verloren. Der Gegner
                            verfügte fürs erste über die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner
                            Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmäßigen Stärke, die durch die uns
                            bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu
                            befürchten, daß unsere eigenen Mittel nicht ausreichen würden, der
                            rumänischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu
                            beschränken. Wohin der Rumäne auch seine Operationen richten wollte, ob
                            über das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbürgen oder aus der
                            Dobrudscha gegen Bulgarien, überall schienen ihm große Ziele und leichte
                            Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich <pb n="182"/><anchor id="p182"/>rumänisch-russische Offensivbewegungen gegen Süden
                            befürchten zu sollen. Selbst Bulgaren hatten darüber Zweifel
                            ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen kämpfen würden. Das
                            feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung – ich sprach an
                            früherer Stelle schon davon – wurde in Bulgarien keineswegs allgemein
                            geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, daß unsere Gegner mit dieser
                            russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken Teiles der
                            bulgarischen Armee rechnen würden. Ganz abgesehen aber auch hiervon lag
                            es für Rumänien nahe, durch einen Angriff nach Süden der Armee Sarrails
                            die Hand zu reichen. Wie mußte alsdann unsere Lage werden, wenn es den
                            Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Türkei, ähnlich wie
                            das vor Durchführung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen,
                            erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bündnis
                            abzusprengen? Eine abermals isolierte Türkei, gleichzeitig bedroht aus
                            Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes
                            Österreich-Ungarn hätten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren
                            Ungunsten nimmermehr überwunden. </p>
                        <p> Das von meinem Vorgänger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens
                            entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Überschreitung der Donau
                            mit den in Nordbulgarien verfügbaren Kräften konnte hierbei freilich
                            nicht in Frage kommen. Es genügte aber schon, wenn wir dem Gegner die
                            Vorhand in der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugspläne dadurch
                            verwirrten. Um letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen,
                            durften wir den Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung
                            von Tutrakan und Silistria beschränken. Wir mußten vielmehr durch eine
                            weitgehendere Ausnützung von Erfolgen in der Süddobrudscha bei der
                            rumänischen Heeresführung Besorgnis für den Rücken ihrer an der
                            siebenbürgischen Grenze eingesetzten Hauptkräfte zu erregen suchen. Und
                            wirklich gelang uns dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls
                            bis in bedrohliche Nähe der <pb n="183"/><anchor id="p183"/>Linie
                            Constanza-Czernavoda sah sich die rumänische Führung veranlaßt, Kräfte
                            aus ihrer gegen Siebenbürgen gerichteten Operation nach der Dobrudscha
                            zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer frischer
                            Kräfte, der Offensive Mackensens über Rahowo, donauabwärts Rusčuk, in
                            den Rücken zu gehen. Auf dem Papier ein schöner Plan! Ob dieser dem
                            rumänischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbündeten
                            entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir
                            bis zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2.&nbsp;Oktober, mit den
                            Rumänen gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen für mehr als kühn und
                            dachte mir nicht nur, sondern sprach es auch aus: „Man verhafte diese
                            Truppen!“ Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde
                            auch von den Deutschen und Bulgaren bestens erfüllt. Von dem Dutzend
                            rumänischer Bataillone, die bei Rahowo das südliche Donauufer betreten
                            hatten, sahen während des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder. </p>
                        <p> Das Verhängnis brach über Rumänien herein, weil seine Armee nicht
                            marschierte, weil seine Führung nichts verstand, und weil es uns doch
                            noch gelang, ausreichende Kräfte in Siebenbürgen rechtzeitig zu
                            versammeln. </p>
                        <p> Ausreichend? Gewiß ausreichend für diesen Gegner! Tollkühn wird man uns
                            vielleicht einmal nennen, wenn man die Stärkeverhältnisse vergleichen
                            wird, unter denen wir gegen das rumänische Heer zum Angriff schritten,
                            und mit denen General von Falkenhayn am 29.&nbsp;September den westlichen
                            rumänischen Flügel bei Hermannstadt zerrieb. </p>
                        <p> Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee
                            nach Osten herum. Er rückt unter Nichtachtung der ihm durch rumänische
                            Überlegenheit und günstige gegnerische Lage nördlich des oberen Alt
                            drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen südlich des genannten
                            Flusses am Fuße des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumäne
                            stutzt, <pb n="184"/><anchor id="p184"/>verliert das Vertrauen zur
                            eigenen Überlegenheit wie zum eigenen Können, vergißt die Ausnutzung der
                            ihm immer noch günstigen Kriegslage und macht auf der ganzen Front Halt.
                            Damit tut er aber auch schon den ersten Schritt rückwärts. General von
                            Falkenhayn reißt die Vorhand nunmehr völlig an sich, zertrümmert südlich
                            des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand und marschiert weiter. Der
                            Rumäne weicht nunmehr allenthalben aus Siebenbürgen, nicht ohne am
                            8.&nbsp;Oktober bei Kronstadt noch eine blutige Niederlage erlitten zu haben.
                            So geht er denn auf den schützenden Wall seiner Heimat zurück. Unsere
                            demnächstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu überschreiten. Wir halten
                            zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen taktischen Erfolge
                            strategisch dahin auswerten zu können, daß wir von Kronstadt unmittelbar
                            auf Bukarest durchbrechen. Mögen auch das wilde Hochgebirge und die
                            feindliche Überlegenheit unsere wenigen und schwachen Divisionen vor
                            eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser Vormarschrichtung
                            sind zu groß, als daß wir den Versuch unterlassen dürften. Er gelingt
                            nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe, jeden Felshang, ja
                            jeden Felsblock kämpfen. Unsere Bewegung stockt völlig, als am
                            18.&nbsp;Oktober ein rauher Frühwinter die Berge in Schnee hüllt und die
                            Straßen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsäglichen Entbehrungen und
                            Leiden halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile,
                            bereit, sich weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu
                            kommen wird. </p>
                        <p> Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das
                            walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus
                            über den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen führen. General von
                            Falkenhayn schlägt den Durchbruch über den westlicher gelegenen
                            Szurdukpaß vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger
                            wirkungsvoll, aber unter den jetzigen Verhältnissen die taktisch und
                            technisch einzig mögliche. So brechen wir über diesen Paß am
                            11.&nbsp;November in Rumänien ein. </p>
                        <pb n="185"/><anchor id="p185"/>
                        <p> Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen südlich der Donau
                            bereitgestellt, um dem nördlichen Einbruch von Süden her die Hand zu
                            reichen. Er hatte am 21.&nbsp;Oktober die russisch-rumänische Armee südlich
                            der Linie Constanza-Czernavoda gründlich geschlagen. Am 22.&nbsp;Oktober war
                            Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der
                            Gegner weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die
                            Bewegung einstellen, sobald nördlich der erwähnten Eisenbahn eine
                            Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kräften behauptet
                            werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rückt gegen
                            Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in
                            die Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rücken der rumänischen
                            Hauptmacht in das nördliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie
                            sollten wir das notwendige Brückenmaterial in die nördliche Dobrudscha
                            bringen? Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg
                            versperren die rumänischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir müssen
                            dem Schicksal dankbar sein, daß diese nicht schon längst unseren
                            einzigen verfügbaren schweren Brückentrain bei Sistow in Trümmer
                            geschossen haben, der, seit Monaten im Bereich der feindlichen
                            Geschützwirkung, nur durch einen für uns nicht aufklärbaren Fehler des
                            Gegners der Zerstörung entgangen ist. So können wir wenigstens dort den
                            Stromübergang im Auge behalten. </p>
                        <p> Im Morgengrauen des 23.&nbsp;November gewinnt Generalfeldmarschall von
                            Mackensen das nördliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen
                            ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am
                            Argesch findet es seine Krönung in der Zertrümmerung der rumänischen
                            Hauptkräfte. Der Schlußakt vollzieht sich am 3.&nbsp;Dezember. Bukarest fällt
                            widerstandslos in unsere Hand. </p>
                        <p> Am Abend dieses Tages schließe ich den gemeinsamen Vortrag über die
                            Kriegslage mit den Worten: „Ein schöner Tag.“ Als ich später in die
                            Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtürmen <pb n="186"/><anchor id="p186"/>des Städtchens Pleß das Dankgeläute für den
                            großen neuen Erfolg. Ich hatte längst aufgehört, in solchen Augenblicken
                            an anderes zu denken als an die wunderbaren Leistungen unseres braven
                            Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als daß diese Leistungen uns
                            dem endlichen Abschluß des schweren Ringens und der großen Opfer nahe
                            brächten. </p>
                        <p> Den Gewinn der rumänischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas
                            kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest für eine mächtige Festung
                            gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung
                            herangeführt, und nun zeigte sich der berühmte Waffenplatz als offene
                            Stadt. Kein Geschütz krönt mehr die mächtigen Wälle der Forts, und die
                            Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so
                            viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht,
                            die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumänischen Feldzuges
                            festzustellen. </p>
                        <p> Das Schicksal Rumäniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die
                            ganze Welt mußte sehen, und Rumänien sah es wohl auch selbst, daß kein
                            leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag: </p>
                        <lg rend="margin-left:6">
                            
                            <l>Wer Unglück will im Kriege han,</l>
                            <l>Der binde mit dem Deutschen an.</l>
                            
                        </lg>
                        <p> Mit Anführung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung
                            Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens an diesem großen und
                            schönen Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren
                            alle zur Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem großen mannhaften
                            Werke. Rumänien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte,
                            mußte froh sein, daß seine Heerestrümmer durch russische Hilfe vor
                            Vernichtung bewahrt wurden. Sein Traum, daß noch einmal, wie im Jahre
                            1878 auf dem Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmäßiger
                            Dankbarkeit, wenn auch mit bitterem Gefühl im Herzen, die Hand für die
                            erwiesenen Dienste drücken müßte, hatte sich in das grausame Gegenteil
                            verkehrt. Die Zeiten hatten sich gewandelt. </p>
                        <pb n="187"/><anchor id="p187"/>
                        <p> Meinem Allerhöchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine
                            Anschauung dahin ausgesprochen, daß wir am Ende des Jahres den
                            rumänischen Feldzug beendet haben würden. Am 31.&nbsp;Dezember konnte ich
                            Seiner Majestät melden, daß unsere Truppen den Sereth erreicht hätten,
                            und daß die Bulgaren am Südufer des Donaudeltas stünden. Die gesteckten
                            Ziele waren erreicht. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Kaempfe an der mazedonischen Front"/>
                        <head>Kämpfe an der mazedonischen Front</head>
                        <p> Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den
                            Fortgang der Kämpfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich
                            erhöht. </p>
                        <p> Die Armee Sarrails hätte jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung
                            verloren, wenn sie nicht im Augenblick der rumänischen Kriegserklärung
                            auch ihrerseits die Offensive ergriffen hätte. Ihr Vorgehen erwarteten
                            wir im Wardartal. Wäre sie hier bis in die Gegend von Gradsko
                            vorgedrungen, so hätte sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen
                            Verbindungen in Besitz genommen und hätte auch das Verbleiben der
                            Bulgaren in der Gegend von Monastir unmöglich gemacht. Sarrail wählte
                            die unmittelbare Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch
                            besondere politische Gründe veranlaßt. </p>
                        <p> Die bulgarische rechte Flügelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren
                            Stellungen, die sie beim Angriff im August südlich Florina gewonnen
                            hatte, zurückgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kämpfe
                            Monastir, behauptete sich aber dann. </p>
                        <p> Wir waren hierdurch genötigt gewesen, den Bulgaren Unterstützungen aus
                            unseren Kampffronten zuzuführen, Unterstützungen, die meist für den
                            rumänischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Größe dieser Hilfe
                            im Verhältnis zur gesamten Stärke unseres Heeres auch nicht sehr
                            bedeutend – es waren gegen 20&nbsp;Bataillone sowie zahlreiche schwere und
                            Feldbatterien – so traf uns diese Abgabe <pb n="188"/><anchor id="p188"/>doch in einer außerordentlich kritischen Zeit, in der wir tatsächlich
                            mit jedem Mann und jedem Geschütz geizen mußten. </p>
                        <p> Wie wir, so leistete auch die Türkei dem verbündeten Bulgarien in diesen
                            schweren Kämpfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte über die für
                            den rumänischen Krieg versprochene Unterstützung hinaus ein ganzes
                            türkisches Armeekorps zur Ablösung bulgarischer Truppen an der
                            Strumafront zur Verfügung. Diese Unterstützung wurde von bulgarischer
                            Seite ungern gesehen, da man befürchtete, es würden sich daraus
                            unangenehme türkische Ansprüche auf politischem Gebiet geltend machen.
                            Enver Pascha versicherte uns jedoch ausdrücklich, daß er solches
                            verhindern würde. Es war ja begreiflich, daß Bulgarien deutsche
                            Unterstützung der osmanischen vorgezogen hätte, unbegreiflich aber war
                            es, daß man in Sofia nicht einsehen wollte, wie wenig Deutschland in
                            dieser Zeit imstande war, seine Kräfte noch weiter anzuspannen. </p>
                        <p> Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militärische
                            Bedeutung. Die freiwillige Zurücknahme des bulgarischen rechten
                            Heeresflügels in die außerordentlich starken Stellungen bei Prilep wäre
                            von großem militärischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische
                            Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner
                            um vieles erschwert worden wäre. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten
                            in den rückwärtigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in
                            den Kämpfen wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet.
                            Die Truppen mußten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an
                            Schießbedarf. Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen
                            Mitteln versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu
                            erleichtern. Die Größe der zurückzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit
                            und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Lösung dieser Aufgabe
                            ungemein. </p>
                        <p> Bei den Kämpfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in
                            schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die <pb n="189"/><anchor id="p189"/>bisherigen Nachrichten unserer Offiziere über
                            die Haltung des bulgarischen Heeres den glänzenden Geist des Soldaten
                            beim Angriff gerühmt, so trat jetzt bei diesem eine gewisse
                            Empfindlichkeit gegenüber einem länger andauernden feindlichen
                            Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte
                            überraschen, man konnte sie aber bei allen Völkern, sowohl auf
                            feindlicher als auch auf unserer Seite bestätigt finden, die mit
                            sogenannter unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den
                            Eindruck, als ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstörenden
                            Wirkungen für durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser
                            Naturkraft verlangen, die nur durch eine höhere Willenskultur geliefert
                            werden kann. In der Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials
                            scheint die richtige Mischung von sittlicher und körperlicher Kraft
                            vorhanden zu sein, die unsere Truppen in Verbindung mit unserer
                            militärischen Willensschulung in den Stand setzt, den gewaltigen
                            Eindrücken eines modernen Kampfes erfolgreich Widerstand zu leisten. Der
                            Oberbefehlshaber des bulgarischen Heeres hatte das richtige Gefühl für
                            die eben erwähnte Empfindlichkeit seiner Soldaten. Er äußerte darüber in
                            soldatischer Offenheit seine Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt
                            war, eine ängstliche Natur zu sein. </p></div><div>
                                <index index="pdf" level1="Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen"/>
                        <head>Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen</head>
                        <p> Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des
                            Feldheeres nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden
                            wir auch zur Beschäftigung mit den Vorgängen auf den asiatischen
                            Kriegsschauplätzen veranlaßt. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in
                            unserem Großen Hauptquartier Anfang <anchor id="corr189"/><corr sic="1916">1917</corr> glaubten wir die Lage in Asien
                            folgendermaßen beurteilen zu können: </p>
                        <p> Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie
                            Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die <pb n="190"/><anchor id="p190"/>türkische Offensive, die im Sommer dieses Jahres von
                            Süden her aus Richtung Diabekr gegen die linke Flanke dieses russischen
                            Vorgehens angesetzt war, kam infolge der außerordentlichen
                            Geländeschwierigkeiten und der ganz ungenügenden Nachschubmöglichkeiten
                            nicht vorwärts. Es war jedoch zu erwarten, daß die Russen in diesem
                            Jahre mit Rücksicht auf den im armenischen Hochlande früh eintretenden
                            Winter ihre weiteren Angriffe bald endgültig einstellen würden. </p>
                        <p> Die Gefechtskraft der beiden türkischen Kaukasusarmeen war aufs äußerste
                            zurückgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach.
                            Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die
                            Truppenbestände gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem
                            kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste
                            Bekleidung; dazu bot die Ernährung der Armeen in diesen armen,
                            großenteils entvölkerten und verwüsteten Gebieten außerordentliche
                            Schwierigkeiten. Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mußten den
                            osmanischen Soldaten in dem öden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und
                            Lebensbedürfnisse durch Trägerkolonnen in vielen Tagemärschen zugeführt
                            werden. Weiber und Kinder fanden dabei einen mageren Verdienst, aber
                            auch oft den Tod. </p>
                        <p> Besser waren die Verhältnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der
                            Engländer augenblicklich in dem Ausbau seiner rückwärtigen Verbindungen
                            noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache für
                            Kut-el-Amara schreiten zu können. Daß er eine solche nehmen würde, war
                            für uns zweifellos. Ob alsdann die türkische Macht im Irak hinreichte,
                            um dem englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir
                            nicht zu beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der
                            osmanischen Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstärkung der
                            dortigen Truppen. Leider ließ sich aber die Türkei aus politischen und
                            panislamitischen Gründen verführen, ein ganzes Armeekorps nach Persien
                            hineinzuschicken. </p>
                        <pb n="191"/><anchor id="p191"/>
                        <p> Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, nämlich derjenige in
                            Südpalästina, gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen
                            den Suez-Kanal gerichtete türkische Unternehmung war Anfang August 1916
                            in der Mitte des nördlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert.
                            Daraufhin waren die türkischen Truppen allmählich aus diesem Gebiete
                            hinausgedrängt worden und standen jetzt im südlichen Teile Palästinas in
                            der Gegend von Gaza. Die Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen
                            würden, schien lediglich von dem Zeitpunkt abzuhängen, an dem die
                            Engländer ihre Eisenbahn aus Ägypten bis hinter ihre Truppen ausgebaut
                            hatten. </p>
                        <p> Der somit drohende Angriff auf Palästina schien für den militärischen
                            und politischen Bestand der Türkei weit gefährlicher als ein solcher auf
                            das fernab liegende Mesopotamien. Man mußte annehmen, daß der Verlust
                            von Jerusalem – ganz abgesehen davon, daß er voraussichtlich den
                            Verlust des ganzen südlichen Arabiens nach sich zog – die jetzige
                            türkische Politik vor eine Belastungsprobe stellen würde, die sie nicht
                            ertragen könnte. </p>
                        <p> Leider waren die operativen Verhältnisse für die osmanische Kriegführung
                            in Südsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort
                            litten die Türken, im schärfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch
                            außerordentlichen Schwierigkeiten der rückwärtigen Verbindungen, daß
                            eine wesentliche Verstärkung ihrer Streitkräfte über den jetzigen Stand
                            hinaus den Hunger, ja selbst den Durst für alle bedeutet hätte. Die
                            Verpflegungsverhältnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu
                            ungünstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der
                            verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der
                            arabischen Bevölkerung. </p>
                        <p> Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges
                            von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß Mesopotamien und Syrien mit
                            stärkeren Kräften verteidigt, ja daß hier wie dort zum Angriff
                            übergegangen werden müßte. Das Interesse <pb n="192"/><anchor id="p192"/>weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplätzen war groß.
                            Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermaßen vielfach über
                            Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von Syrien nach
                            Ägypten. Man träumte im stillen an der Hand der Karten, daß wir auf
                            diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefährlichen britischen
                            Weltmachtstellung herankämen. Vielleicht lag in solchen Gedanken oft
                            unbewußt das Wiedererwachen früherer napoleonischer Pläne. Zu ihrer
                            Durchführung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger
                            weitgreifender Operationen, nämlich genügend leistungsfähige
                            Nachschublinien. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916</head>
                        <p> Während wir Rumänien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in
                            den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite
                            war nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem
                            Angriff auf Siebenbürgen unmittelbar zu unterstützen, wohl aber sollte
                            diese rumänische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der
                            bisherigen russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert
                            werden. Unmittelbare Hilfe gewährten die Russen den Rumänen dagegen in
                            der Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gründe hierfür lagen
                            ebensosehr auf politischem wie militärischem Gebiete; Rußland rechnete
                            zweifellos sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der
                            bulgarischen Armee. Daher versuchten auch bei Beginn der Kämpfe in der
                            Süddobrudscha russische Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als
                            Freunde zu nähern, und waren bitter enttäuscht, als die Bulgaren mit
                            Feuer antworteten. Dazu kam, daß Rußland zwar ohne politische Eifersucht
                            zusehen konnte, wenn Rumänien sich in den Besitz von Siebenbürgen
                            setzte, aber nicht dulden durfte, daß der neue Verbündete <pb n="193"/><anchor id="p193"/>selbständig Bulgarien auf die Knie warf und
                            dann möglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder
                            wenigstens freimachte. Galt doch die Eroberung der türkischen Hauptstadt
                            seit Jahrhunderten als historisches und religiöses Vorrecht Rußlands. </p>
                        <p> Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den
                            Rumänen ohne unmittelbare Unterstützung, sei es auch nur durch etliche
                            russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbürgen allein zu
                            überlassen. Man überschätzte dabei jedenfalls die Leistungsfähigkeit der
                            rumänischen Armee und ihrer Führung und ging von der irrigen Ansicht
                            aus, daß die Kräfte der Mittelmächte an der Ostfront durch die
                            russischen Angriffe vollständig gebunden, ja sogar erschöpft seien. </p>
                        <p> Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange,
                            stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen.
                            Die Lage wurde zeitweise so mißlich, daß wir befürchten mußten, unsere
                            Verteidigung würde von den Karpathenkämmen heruntergeworfen werden.
                            Deren Behauptung war aber für uns eine Vorbedingung zur Durchführung
                            unseres Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen
                            Feind. Auch in Galizien mußten wir den Russen mit allen Mitteln
                            aufhalten. Eine Preisgabe weiterer dortiger Gebietsteile würde an sich
                            für unsere Gesamtlage von geringer militärischer Bedeutung gewesen sein,
                            wenn nicht hinter unserer galizischen Stellung die für uns so kostbaren,
                            ja für die Kriegführung unentbehrlichen Ölfelder gelegen hätten.
                            Wiederholt mußten aus diesen Gründen für den Angriff gegen Rumänien
                            bestimmte Truppenverbände gegen die ins Wanken geratenen Frontteile
                            abgedreht werden. </p>
                        <p> Wenn auch die kritischen Lagen schließlich immer wieder <anchor id="corr193"/><corr sic="uberwunden">überwunden</corr>
                            und unser Feldzug gegen Rumänien
                            einem glücklichen Abschluß entgegengeführt wurde, so kann man doch nicht
                            behaupten, daß die russischen Entlastungsangriffe ihren großen
                            operativen Zweck völlig verfehlt hätten. Rumänien unterlag wahrlich
                            nicht durch die Schuld seiner Verbündeten. Die Entente tat im Gegen<pb n="194"/><anchor id="p194"/>teil alles, was sie nach der Lage und
                            ihren Kräften tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluß
                            an das rumänische Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe
                            Sarrails in Mazedonien, durch die italienischen Angriffe am Isonzo und
                            schließlich auch durch die Fortsetzung der englisch-französischen
                            Anstürme im Westen. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Wir hatten, wie ich schon früher andeutete, von Anfang an damit
                            gerechnet, daß der Gegner mit dem Eintritt Rumäniens in den Krieg seine
                            Angriffe auch gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer
                            Zähigkeit und französischem Elan fortführen würde. Dies trat auch ein. </p>
                        <p> Unsere Führereinwirkung auf diese Kämpfe war einfach. An einen
                            Entlastungsangriff konnten wir mangels genügender Kräfte weder bei
                            Verdun noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen
                            Neigungen entsprochen hätte. Kurz nach der Übernahme der Obersten
                            Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner
                            Majestät dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei
                            Verdun zu unterbreiten. Die dortigen Kämpfe zehrten wie eine offene
                            Wunde an unseren Kräften. Es ließ sich auch klar überblicken, daß das
                            Unternehmen in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine
                            Fortsetzung uns weit größere Verluste kostete, als wir dem Gegner
                            beizubringen imstande waren. Unsere vordersten Stellungen lagen in
                            allseitig flankierendem Feuer übermächtiger gegnerischer Artillerie; die
                            Verbindungen zu den Kampflinien waren außerordentlich schwierig. Das
                            Schlachtfeld war eine wahre Hölle und in diesem Sinne bei der Truppe
                            geradezu berüchtigt. Jetzt in rückschauender Betrachtung stehe ich nicht
                            an, zu sagen, daß wir aus rein militärischen Gründen gut daran getan
                            hätten, die Kampfverhältnisse vor Verdun nicht nur durch Beendigung der
                            Offensive sondern auch durch freiwilliges Aufgeben noch größerer Teile
                            des eroberten Geländes als geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte
                            ich jedoch davon Abstand nehmen zu müssen. <pb n="195"/><anchor id="p195"/>Für das Unternehmen war eine große Masse unserer besten
                            Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf
                            einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu
                            leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer
                            umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr
                            gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden. </p>
                        <p> Unsere Hoffnung, daß mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun
                            auch der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg übergehen
                            würde, erfüllte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem
                            Ostufer der Maas zu einem großangelegten, kühn durchgeführten Gegenstoß
                            vor und überrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten
                            keine Kräfte mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu
                            nehmen. </p>
                        <p> Der französische Führer hatte sich bei diesem Gegenstoß von der
                            bisherigen Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen
                            Artillerievorbereitung freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch
                            Steigerung der Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer
                            bis zur äußersten Grenze der Leistungsfähigkeit von Material und
                            Bedienung nur kurze Zeit vorbereitet und war dann gegen den schlagartig
                            körperlich und seelisch niedergedrückten Verteidiger sofort zum Angriff
                            übergegangen. Wir hatten diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung
                            wohl schon innerhalb des Rahmens der langen Dauerschlachten
                            kennengelernt, aber als Eröffnung einer großen Angriffshandlung war sie
                            für uns neu und verdankte vielleicht gerade diesem Umstand ihren ohne
                            Zweifel bedeutenden Erfolg. Im großen und ganzen schlug uns der Gegner
                            diesmal mit unserem eigenen bisherigen Angriffsverfahren. Wir konnten
                            nur hoffen, daß er es im kommenden Jahre nicht mit gleichem Erfolg in
                            noch größerem Umfang wiederholen würde. </p>
                        <p> Die Kämpfe bei Verdun erstarben erst im Dezember. </p>
                        <p> Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines
                            außerordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der <pb n="196"/><anchor id="p196"/>beiderseitigen Kräfte gezeigt. Die Aufgabe der
                            Obersten Heeresleitung konnte nur darin bestehen, den Armeen die nötigen
                            Kräfte zum Durchhalten zur Verfügung zu stellen. </p>
                        <p> Man gab dieser Art von Kämpfen bei uns den Namen „Materialschlachten“.
                            Man könnte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als „Taktik eines
                            Rammklotzes“ bezeichnen, denn es fehlte ihrer Führung jeder höhere
                            Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in
                            den Vordergrund geschoben, während die geistige Führung allzusehr in den
                            Hintergrund trat. </p>
                        <p> Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kämpfen von 1915 bis 1917
                            nicht gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag
                            das im wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen
                            Führung. An der nötigen zahlenmäßigen Überlegenheit an Menschen,
                            Kriegsgerät und Schießbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch
                            kann man nicht behaupten, daß die Güte der gegnerischen Truppen den
                            Anforderungen einer tätigeren und gedankenreicheren Führung nicht hätte
                            genügen können. Außerdem war für unsere Feinde im Westen bei dem
                            reichentwickelten Eisenbahn- und Straßennetz und den in Massen
                            vorhandenen Beförderungsmitteln jeder Art freieste
                            Entfaltungsmöglichkeit für eine weit größere operative Gelenkigkeit
                            vorhanden. Von alledem machte jedoch die gegnerische Führung nicht
                            vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres Widerstandes war also doch wohl
                            neben anderen Gründen auch auf eine gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens
                            zurückzuführen, auf dem die feindlichen Pläne reiften. Ungeheuer blieben
                            aber trotzdem die Anforderungen, die auf den dortigen Schlachtfeldern an
                            unsere Armeeführungen und unsere Truppen gestellt werden mußten. </p>
                        <p> Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister
                            die Westfront. Wir mußten die dortigen Kampfverhältnisse sobald als
                            möglich kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu können. Seine
                            Kaiserliche und Königliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloß sich uns
                            unterwegs an und ehrte mich in <pb n="197"/><anchor id="p197"/>Montmédy
                            durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem Bahnsteige. Dieser
                            Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen Herrn, dem ich
                            fortan öfters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen und sein
                            gesundes militärisches Urteil haben mich stets mit Freude und Vertrauen
                            erfüllt. In Cambrai überreichte ich auf Befehl Seiner Majestät des
                            Kaisers zwei anderen bewährten Heerführern, den Thronfolgern Bayerns und
                            Württembergs, die ihnen verliehenen preußischen Feldmarschallstäbe und
                            hielt dann eine längere Besprechung mit den Generalstabschefs der
                            Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, daß rasches und
                            energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende
                            Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermaßen
                            auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat
                            diese ernste Krisis überwunden. Zu meiner Freude hörte ich später durch
                            Frontoffiziere, daß sich die Früchte der Besprechung von Cambrai bald
                            bei der Truppe bemerkbar gemacht hätten. </p>
                        <p> Die Größe der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war
                            mir bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor
                            die Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, daß ich damals erst
                            einen vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres
                            gewann. Wie undankbar war die Aufgabe für Führung und Truppe, da in der
                            aufgezwungenen reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt
                            bleiben mußte! Der Erfolg in der Abwehrschlacht führt den Verteidiger,
                            auch wenn er siegreich ist, nicht aus dem ständig lastenden Druck, ich
                            möchte sagen, aus dem Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der
                            Soldat muß auf den mächtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das
                            erfolgreiche Vorwärtsschreiten gewährt, ein Aufschwung von so unsagbarer
                            Gewalt, daß man ihn erlebt haben muß, um ihn in seiner ganzen Größe
                            begreifen zu können. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses
                            reinste Soldatenglück nie empfinden dürfen! Sie sahen kaum etwas anderes
                            als <pb n="198"/><anchor id="p198"/>Schützengräben und Geschoßtrichter,
                            in denen und um die sie wochen-, ja monatelang mit dem Gegner rangen.
                            Welch ein Nervenverbrauch und welch geringe Nervennahrung! Welche Stärke
                            des Pflichtgefühls und welche selbstlose Hingabe gehörten dazu, solch
                            einen Zustand jahrelang in stiller Entsagung auf höheres kriegerisches
                            Glück zu ertragen! Ich gestehe offen, daß diese Eindrücke für mich tief
                            ergreifend waren. Ich konnte nun verstehen, wie alle, Offiziere wie
                            Mannschaften, aus solchen Kampfverhältnissen sich heraussehnten, wie
                            sich alle Herzen mit der Hoffnung füllten, daß nun endlich nach diesen
                            erschöpfenden Schlachten ein hoher Angriffszug auch in die Westfront ein
                            frisches kriegerisches Leben bringen würde. </p>
                        <p> Freilich sollten unsere Führer und Truppen noch lange auf die Erfüllung
                            dieser Sehnsucht warten müssen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten
                            Soldaten mußten noch vorher in zertrümmerten Schützengräben ihr Herzblut
                            hingeben! </p>
                        <p> In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die
                            einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann.
                            Die Millionen von Geschoßtrichtern füllten sich mit Wasser oder wurden
                            zu Friedhöfen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kämpfenden
                            Parteien die Rede. Über allen lag der furchtbare Druck dieses
                            Schlachtfeldes, das in seiner Öde und seinem Grauen selbst dasjenige vor
                            Verdun zu übertreffen schien. </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="199"/><anchor id="p199"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Meine Stellung zu politischen Fragen</head>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Aeussere Politik"/>
                        <head>Äußere Politik</head>
                        <p> Die Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres
                            Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen
                            Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner
                            Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner
                            Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles
                            Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung
                            innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht
                            war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch
                            mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist
                            dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen.
                            Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die
                            Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn
                            ich ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck
                            geben müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische
                            Beschäftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin
                            liegt wohl einer der Hauptgründe für unsere außenpolitische
                            Rückständigkeit. Eine solche mußte sich um so stärker geltend machen, je
                            mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer
                            Industrie sowie durch Hinausdrängen unserer geistigen Kräfte über die
                            vaterländischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk <pb n="200"/><anchor id="p200"/>zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige,
                            staatliche Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand
                            ich nicht immer bei den unserigen. </p>
                        <p> Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch
                            bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des
                            Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als
                            unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu
                            beschäftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen
                            unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden
                            Entscheidungen eine völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der
                            Politik für unmöglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das,
                            was Bismarck als Norm für das gegenseitige Verhältnis zwischen
                            militärischer und politischer Führung im Kriege hingestellt hatte, als
                            durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem
                            Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte:
                            </p><p rend="zitat">„Der Führer hat bei
                            seinen Operationen den militärischen Erfolg in erster Linie im Auge zu
                            behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen
                            anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist vielmehr allein
                            Sache der Politiker.“</p>
                        <p>Andererseits würde ich es aber doch vor meinem
                            Gewissen nicht haben verantworten können, wenn ich nicht meine
                            Anschauungen in all den Fällen zur Geltung gebracht hätte, in denen die
                            Bestrebungen anderer uns nach meiner Überzeugung auf eine bedenkliche
                            Bahn führten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben hätte, wo ich
                            Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich
                            meine Ansichten für Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schärfe
                            vertreten hätte, wenn die Kriegführung und die zukünftige militärische
                            Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Maßnahmen berührt oder
                            gar gefährdet wurden. Man wird mir zugeben, daß die Grenzen zwischen
                            Politik und Kriegführung sich wohl nie mit voller Schärfe ziehen lassen
                            werden. Beide müssen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete
                            eine wechselseitige Verständigung unbedingt ver<pb n="201"/><anchor id="p201"/>langen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden
                            tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen.
                            Dieses schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln
                            lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander
                            überfließend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur
                            die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung
                            arbeitenden Persönlichkeiten. </p>
                        <p> Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit
                            meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer
                            derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich
                            drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine
                            Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und
                            Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen
                            Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte. </p>
                        <p> Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme
                            der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft
                            Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges
                            und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu
                            müssen. </p>
                        <p> Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk
                            empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische
                            Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen,
                            wenn ich die schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer
                            Wiederaufrichtung Polens für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem
                            Zweifel darüber hin, daß wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur
                            eines Dankes dafür erwarten könnten, daß wir es durch unser Schwert und
                            Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine
                            Anerkennung für die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer
                            preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also würde
                            Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt anerkannt
                            würde, das neu errichtete freie Polen von <pb n="202"/><anchor id="p202"/>einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten
                            haben. </p>
                        <p> Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte,
                            immer mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die
                            politische Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung
                            schien dagegen in der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine
                            Gefahr für das eigene Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in
                            Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das
                            katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der
                            grundsätzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese
                            österreichische Politik eine schwere Gefahr für uns in <anchor id="corr202"/><corr sic="sich">sich.</corr> Es war nicht zu verkennen, daß hierdurch die Festigkeit unseres
                            Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer unerträglichen Belastungsprobe
                            ausgesetzt werden würde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen
                            politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukünftige
                            militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge
                            verlieren. </p>
                        <p> Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich
                            meines Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen
                            Frage möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in
                            solchen Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von
                            deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der
                            gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der
                            deutschen und österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte
                            August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher
                            baldmöglichst die öffentliche Verkündigung eines selbständigen
                            Königreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller
                            Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch für uns
                            Deutsche schmackhafter zu machen versucht, daß die beiden
                            Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer
                            einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu
                            lassen, und daß Deutschland <pb n="203"/><anchor id="p203"/>die oberste
                            Führung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt.
                            Beide Zugeständnisse hielt ich für Utopien. </p>
                        <p> Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse
                            im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein
                            Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung
                            Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des
                            Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände
                            in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene
                            Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze
                            Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft
                            werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand
                            ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache
                            gegenüber. </p>
                        <p> Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte
                            Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die
                            Verkündigung des polnischen Königsreichs als eine nicht länger
                            hinausschiebbare Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im
                            Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer
                            Streitkräfte durch polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei
                            freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der
                            allgemeinen Wehrpflicht auf 1&nbsp;Million Mann belaufen würden. Eine so
                            wenig günstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme
                            der polnischen Bevölkerung am Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der
                            Generalgouverneur mußte es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der
                            inneren politischen Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war
                            der Überzeugung, daß uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum
                            Kampf unterstützen würde. </p>
                        <p> Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese
                            als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber
                            für diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn
                            der nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete <pb n="204"/><anchor id="p204"/>Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten.
                            Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der
                            nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden. </p>
                        <p> Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der
                            Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden
                            mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die
                            eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens
                            in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und
                            militärischen Rücksichten gerieten also in Widerstreit. </p>
                        <p> Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die
                            Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den
                            ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und
                            daß die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig
                            ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung
                            der katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus. </p>
                        <p> Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen
                            den Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen
                            Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine
                            Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden
                            Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von
                            unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten,
                            wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach
                            rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen. </p>
                        <p> Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges
                            entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese
                            im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich
                            betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf
                            politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen
                            Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten. </p>
                        <pb n="205"/><anchor id="p205"/>
                        <p> Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu
                            Österreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und
                            militärischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der
                            Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit
                            dem uneingeschränkten zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg
                            über Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so
                            beherrschte es die letzte und nächst der Orientbahn wichtigste
                            Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien
                            erkannte natürlich die günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung
                            während des Krieges Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die
                            Türkei als zunächst berührt um unseren politischen Beistand gegen diese
                            bulgarischen Pläne. Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein
                            politischer Kleinkrieg unter militärischer Maske los und dauerte nahezu
                            ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender: </p>
                        <p> Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für
                            einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der
                            im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige
                            Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem
                            Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund
                            dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der
                            südlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen
                            Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben,
                            richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen
                            unseren Verbündeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf
                            Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu
                            ausschließlich zugunsten Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als
                            Operationsgebiet der dort stehenden 3.&nbsp;bulgarischen Armee zu. Die
                            Verhältnisse schienen äußerlich völlig befriedigend geregelt. Doch
                            dauerte diese Zufriedenheit nicht lange. </p>
                        <p> Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten
                            hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feld<pb n="206"/><anchor id="p206"/>zuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des
                            Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche
                            Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus
                            entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. König Ferdinand war
                            zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem
                            Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch später nachgeben zu
                            müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs
                            nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fühlte wohl die
                            Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen
                            Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung
                            hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Drängen
                            seines Ministerpräsidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die
                            angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung über den Kopf,
                            und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die
                            deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich geführt durch
                            unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das bestehende
                            waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische
                            Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte sich auf dem
                            Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser gelohnt. </p>
                        <p> In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite
                            unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres
                            Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in
                            bezug auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen
                            Stämme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges
                            hätten halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen
                            noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz
                            ohne Rücksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein
                            würde, solche Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich
                            beherrschen zu können. </p>
                        <p> Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare
                            militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hin<pb n="207"/><anchor id="p207"/>gewiesen, von welch großem militärischen
                            Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an
                            der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in die Gegend von
                            Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser
                            Beziehung genügte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen
                            augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befürchtete
                            sofort den Verlust der Ansprüche auf militärisch geräumte Gebiete, man
                            setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als daß man, wie es hieß,
                            die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt Ochrida“ vor dem eigenen Lande
                            zu verantworten wagte. Wir werden später sehen, wohin uns unsere großen
                            Zugeständnisse an Bulgarien noch führen sollten. </p>
                        <p> Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen
                            brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich
                            meine Abneigung gegen die Politik. </p>
                        <p> Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien
                            hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns
                            nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege
                            verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten
                            Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren.
                            Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine
                            bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die
                            Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die
                            türkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen
                            wir uns aus politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen
                            vermochten. In dieser Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung
                            Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden
                            Gesichtspunkten von größtem Wert. Auch die politische Auffassung der
                            übrigen türkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür
                            zu geben, daß die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto
                            nicht übertrieben belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die
                            osmanische Regierung <pb n="208"/><anchor id="p208"/>sich im Falle des
                            Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer
                            Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer
                            mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der verlorenen
                            Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur
                            Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden. </p>
                        <p> Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche
                            Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver
                            wie für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll
                            und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern,
                            politischen Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die
                            militärischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend
                            wirkten. Ich verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die
                            panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in
                            eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte
                            der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den
                            Kaukasus. Ja, er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die
                            transkaspischen Länder ins Auge und verlor sich schließlich in den
                            weiten Räumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige
                            alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu
                            vereinen. </p>
                        <p> Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere
                            militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die
                            Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen
                            kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber
                            leider nicht erfolgreich. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der
                            Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses
                            Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher
                            Schritte nicht völlig ent<pb n="209"/><anchor id="p209"/>schlagen. Nicht
                            nur die primitiven wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung
                            sondern auch allgemein menschliche Empfindungen. </p>
                        <p> Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das
                            Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete
                            gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine
                            ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die
                            armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die
                            Türkei in sich. Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den
                            panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer
                            Seite zu lösen versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges
                            beschäftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in
                            Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und
                            gegen Schluß des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten.
                            Ich fühle mich daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe
                            wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu
                            übergehen. Wir haben nicht gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden
                            Einfluß auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die
                            im Orient durch Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem
                            Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen
                            der türkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den
                            passiven Widerstand zu überwinden, der sich gegen diese unsere
                            Einmischungen richtete. So erklärte man beispielsweise von türkischer
                            Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war
                            sehr empfindlich, wenn sie von uns berührt wurde. Auch unsere manchmal
                            an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine
                            Abmilderung der Haß- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen
                            beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religiösen Fanatismus,
                            bildet eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und
                            Völker. </p>
                        <pb n="210"/><anchor id="p210"/>
                        <p> Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter
                            gingen dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten
                            Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das
                            entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete
                            durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze
                            der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese
                            Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte
                            sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf
                            wirtschaftlichem und militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten
                            türkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen
                            Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier
                            einen elenden Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr
                            festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen
                            Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch
                            dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um
                            ein weiteres Kapitel erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist? </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Die Friedensfrage</head>
                        <p> Mitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die
                            Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den
                            österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen
                            gebracht. Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen
                            Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und
                            meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im
                            übrigen gab es für mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur
                            Rücksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es für meine
                            Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Lösung des Friedensgedankens
                            dafür zu sorgen, daß weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden
                            litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei <pb n="211"/><anchor id="p211"/>der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes
                            mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der
                            Eindruck der Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des
                            Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem
                            Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein
                            Allerhöchster Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und
                            glaube nicht, daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für
                            wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von
                            Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren
                            Begehrlichkeiten überboten, und es schien mir ausgeschlossen, daß eine
                            der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich
                            gegenseitig und ihren Völkern gemacht hatten, freiwillig zurücktreten
                            könnte und würde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille
                            zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeinträchtigt. </p>
                        <p> Am 12.&nbsp;Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum
                            Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den
                            gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung. </p>
                        <p> Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung
                            des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße.
                            Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen,
                            die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte
                            ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson
                            nicht geeignet für eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr
                            des Gefühles nicht erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu
                            unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war
                            wohl die ganz natürliche Folgeerscheinung seiner angelsächsischen
                            Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das
                            bisherige Verhalten Wilsons nicht für parteilos halten, wenn es
                            vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitätsbestimmungen nicht
                            widersprach. In allen Fragen der Ver<pb n="212"/><anchor id="p212"/>letzung des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen
                            möglichen Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten
                            Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die
                            doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte
                            Wilson die größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu
                            Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken
                            der Wilsonschen Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über
                            Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde
                            wirtschaftliche und politische Lähmung Deutschlands, auf eine
                            Zertrümmerung Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des
                            osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige
                            Kriegslage ruhig würdigte, mußte sich der Gedanke aufdrängen, daß die
                            gegnerischen Kriegsziele nur bei einem völlig Unterlegenen Aussicht auf
                            Annahme finden konnten, daß wir aber keine Veranlassung hatten, uns als
                            die Unterlegenen zu erklären. Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen
                            Stande der Dinge für ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen
                            Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich
                            derartigen feindlichen Anforderungen gegenüber anders als völlig
                            ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage
                            meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut
                            heißen als einen solchen, der unsere zukünftige Stellung in der Welt
                            derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen,
                            wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt blieben, und daß
                            wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stütze gegen jedwede
                            Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen
                            Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als Soldat eine
                            Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht wurde. Ich
                            glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, daß das
                            deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die
                            unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den
                            Waffen in der <pb n="213"/><anchor id="p213"/>Hand abzuweisen. In der
                            Tat war die Haltung unserer Heimat gegenüber den feindlichen Ansprüchen
                            durchaus ablehnend. Auch kam weder von türkischer noch bulgarischer
                            Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die
                            Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich für überwindbar.
                            Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen
                            hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen
                            entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem
                            Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir
                            hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, daß
                            es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von sich glaubte.
                            Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten Zwange
                            gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. Aus
                            diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn
                            gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben
                            nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso
                            wie Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart
                            geht, da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des
                            Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte
                            des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen. </p>
                        <p> Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten
                            Wilson an den amerikanischen Senat vom 22.&nbsp;Januar in der auf die
                            ablehnende Antwort der Entente vom 30.&nbsp;Dezember folgenden Erklärung der
                            Kriegsziele unserer Feinde vom 12.&nbsp;Januar eine geeignetere Grundlage für
                            Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich
                            auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner
                            Friedensschritte beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten
                            erschütterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich
                            suchte in seiner an schönen Worten reichen Botschaft vergebens die
                            Zurückweisung des Versuches unserer Gegner, uns als <pb n="214"/><anchor id="p214"/>Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz
                            über die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen
                            Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen
                            Österreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen
                            Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an
                            Hoheitsrechten auch für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer
                            Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede
                            sein? Die Botschaft war für uns mehr eine Kriegserklärung als ein
                            Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des
                            Präsidenten an, so mußten wir auf eine abschüssige Bahn geraten, die uns
                            schließlich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische,
                            wirtschaftliche und militärische Stellung zu führen drohte. Es schien
                            mir nicht ausgeschlossen, daß wir nach dem ersten zustimmenden Schritt
                            allmählich politisch immer weiter in die Tiefe gedrückt und dann
                            schließlich zur militärischen Kapitulation gezwungen würden. </p>
                        <p> Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß
                            Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom
                            22.&nbsp;Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine
                            Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung
                            überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28.&nbsp;Januar in Berlin
                            eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit
                            entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob
                            Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren,
                            weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika
                            Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener
                            Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1.&nbsp;Februar den uneingeschränkten
                            Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß
                            der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer
                            diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington
                            von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem <pb n="215"/><anchor id="p215"/>Inhalt unserer übrigen Depeschen. Die
                            Senatsbotschaft vom 22.&nbsp;Januar und das daran anknüpfende Angebot der
                            Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das
                            Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch
                            unsere Erklärung vom 29.&nbsp;Januar, in der wir bereit waren, den
                            Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen des
                            Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen zu
                            sichern. </p>
                        <p> Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung
                            meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten
                            Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Innere Politik</head>
                        <p> Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner
                            gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie
                            mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu
                            verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht
                            kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte
                            mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des
                            Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen
                            greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren
                            Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren
                            Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen
                            Krieges waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit
                            besonders zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im
                            Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten
                            bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich
                            höher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für
                            einen Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht
                            gegenüberzustellen wäre. </p>
                        <pb n="216"/><anchor id="p216"/>
                        <p> Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner
                            Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der
                            Lage rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und
                            wir hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht
                            getan, sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen,
                            anstatt das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um
                            unser Dasein über alles andere zu stellen. </p>
                        <p> Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen
                            innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete,
                            beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr
                            als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen
                            Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen
                            Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer
                            solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen. </p>
                        <p> Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich
                            mit der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie,
                            die ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für
                            unsere kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte.
                            Einen anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für
                            ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei
                            unsern Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins
                            Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht
                            zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht,
                            es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser
                            Phrase täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß
                            dieses Programm entstanden ist. </p>
                        <p> An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit
                            ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach
                            meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle
                            arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der <pb n="217"/><anchor id="p217"/>großen Sache stellen oder gestellt werden. Ich
                            glaubte, daß durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch
                            sittliche Kräfte ausgelöst würden, die wir in die Wagschale des Krieges
                            werfen konnten. Die schließliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich
                            ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir
                            vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttäuschung bedauerte ich fast,
                            daß wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen
                            angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war.
                            Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und
                            eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten,
                            hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen Verhältnisse
                            übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem Boden
                            innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender
                            vaterländischer Stimmung. </p>
                        <p> Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz
                            über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des
                            sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und
                            wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben
                            hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar
                            darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen,
                            von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur
                            Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf
                            einen Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den
                            Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf
                            unseres Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich
                            ein solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So
                            glänzend unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle
                            Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer
                            wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies
                            und geleistet werden mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir
                            sahen uns angesichts der nahezu völligen Absperrung <pb n="218"/><anchor id="p218"/>von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des
                            Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schießbedarf vor
                            völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine
                            menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden
                            Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste
                            berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen
                            Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur
                            einigermaßen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl
                            gewesen, eine gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle
                            Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden.
                            Nur eine solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch
                            weitblickende Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von
                            volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer
                            Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden
                            müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren
                            Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine
                            ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte
                            gewachsen sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen
                            wären schwere Reibungen nicht ausgeblieben. </p>
                        <p> So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen
                            in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden
                            Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen
                            allgemeiner Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage
                            der Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen.
                            Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen.
                            Kannte ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über
                            ein wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener
                            Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen
                            Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein
                            Wunsch geht dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten
                            nach allen Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei! </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="219"/><anchor id="p219"/>
                    <index index="pdf" level1="Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr"/>
                    <head>Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Unsere Aufgaben</head>
                        <p> Als sich das Ergebnis der Kämpfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit
                            überblicken ließ, mußten wir über die Weiterführung des Krieges im Jahre
                            1917 ins klare kommen. Über das, was der Gegner im nächsten Jahre tun
                            würde, war bei uns kein Zweifel. Wir mußten auf einen allgemeinen
                            feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und
                            die Witterungsverhältnisse einen solchen zuließen. Vorauszusehen war,
                            daß unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen
                            Jahre, eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben
                            würden, sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit ließen. </p>
                        <p> Nichts konnte näher liegen und unser aller Wünschen und Empfindungen
                            mehr entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen,
                            die gegnerischen Pläne dadurch über den Haufen zu werfen und damit von
                            Anfang an die Vorhand an uns zu reißen. Ich darf wohl behaupten, daß ich
                            in dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versäumt
                            hatte, sobald mir die Mittel hierfür in einem nur einigermaßen
                            genügenden Ausmaß zur Verfügung standen. Jetzt aber durften wir uns über
                            diesen Wünschen den Blick für die tatsächliche Lage nicht trüben lassen. </p>
                        <pb n="220"/><anchor id="p220"/>
                        <p> Es bestand kein Zweifel, daß sich das Stärkeverhältnis zwischen uns und
                            unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten
                            verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen
                            war. Rumänien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren
                            Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mußten.
                            Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit
                            für seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente
                            im weitesten Umfang rechnen. </p>
                        <p> Es war ein Verhängnis für uns, daß es unserer Heeresführung während des
                            ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren
                            Gegner mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl
                            unserer Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus
                            Antwerpen entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos,
                            andauernd gegenüber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden
                            Kräfteverbrauch zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre
                            1915 nur scheinbar günstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden
                            Bewegungen entgangen, allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer
                            1916 erschien sie jedoch wieder kampfkräftig auf dem Kriegstheater in
                            Mazedonien und erhielt zur Auffrischung ihrer Verbände andauernd Zuzug
                            und Ersatz aus allen möglichen Ländern, zuletzt besonders auch durch
                            österreichisch-ungarische Überläufer slawischer Nationalitäten. </p>
                        <p> In allen drei Fällen, Belgien, Serbien und Rumänien, hatte das Schicksal
                            der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gründe ihres
                            Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche. </p>
                        <p> Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall
                            im Kriege eine große Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck würdigt man
                            den Krieg aus seiner stolzen Höhe zu einem Glücksspiel herab. Als
                            solches ist er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und
                            Ergebnis, auch wenn letzteres sich gegen uns wendete, <pb n="221"/><anchor id="p221"/>immer und überall eine herbe Folgenreihe
                            unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den Erfolg
                            auf seiner Seite, wer das unterläßt oder unterlassen muß, verliert. </p>
                        <p> Für das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darüber im Zweifel sein, ob die
                            Hauptgefahr für uns aus West oder Ost kommen würde. Rein vom Standpunkte
                            zahlenmäßiger Überlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront größer.
                            Wir mußten annehmen, daß es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in
                            den Vorjahren gelingen würde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee
                            mit Erfolg angriffsfähig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der
                            besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen
                            Heeres hervorgegangen wäre. Die Erfahrung hatte mich übrigens gelehrt,
                            derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit
                            äußerster Vorsicht aufzunehmen. </p>
                        <p> Dieser russischen Stärke gegenüber konnten wir die Verhältnisse in dem
                            österreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten.
                            Nachrichten, die uns zukamen, ließen die Zuversicht nicht recht
                            aufkommen, daß der glückliche Ausgang des rumänischen Feldzuges und die
                            verhältnismäßig günstige, wenn auch immer gespannte Lage an der
                            italienischen Front auf den moralischen Halt der k.&nbsp;u.&nbsp;k. Truppen einen
                            ausreichend erhebenden und stärkenden Einfluß ausgeübt hatten. Wir
                            mußten weiterhin damit rechnen, daß Angriffe der Russen wieder
                            Zusammenbrüche in den österreichischen Linien verursachen könnten. Es
                            war sonach ausgeschlossen, den österreichischen Fronten die unmittelbare
                            deutsche Unterstützung zu nehmen; wir mußten uns im Gegenteil
                            bereithalten, bei gelegentlichen Notfällen an den Fronten des
                            Verbündeten mit weiteren Kräften auszuhelfen. </p>
                        <p> Wie sich die Verhältnisse an der mazedonischen Front gestalten würden,
                            war ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kämpfe ein
                            deutsches Heeresgruppenkommando die Führung der rechten und mittleren
                            bulgarischen Armee, d.&nbsp;h. im allgemeinen die <pb n="222"/><anchor id="p222"/>Front von Ochrida bis zum Doiran-See, übernommen; auch
                            waren sonst noch aus den Kämpfen der Jahre 1915 und 1916 her höhere
                            deutsche Befehlshaber in dieser Front tätig geblieben. Andere unserer
                            Offiziere waren ferner damit beschäftigt, die reichen Kriegserfahrungen
                            auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu übermitteln. Das
                            Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim Wiederaufleben der
                            Kämpfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere Hoffnungen nicht allzu
                            hoch zu spannen. Unterstützungsbereit mußten wir jedenfalls auch für die
                            mazedonische Front sein. </p>
                        <p> Auch an unserer Westfront mußten wir damit rechnen, daß die Gegner im
                            kommenden Frühjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des
                            vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen
                            würden. Ich möchte den Ausdruck „volle Kraft“ natürlich bedingt
                            aufgefaßt wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf
                            weniger Monate wohl zahlenmäßig, aber nicht ihrem inneren Werte nach
                            voll und ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten
                            Gesetzen wie auch wir. </p>
                        <p> Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes:
                            Der Gegner hatte im zähesten, fünfmonatigen Ringen an der Somme unsere
                            Linien in 40&nbsp;km Breite und etwa 10&nbsp;km Tiefe zurückgeworfen. Vergessen wir diese
                            Zahlen für spätere Vergleiche nicht! </p>
                        <p> Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war,
                            war bei der Größe unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung
                            unserer Linien drückte aber auf unsere nach Nord und Süd anschließenden
                            Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir
                            liefen sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche
                            Angriffe, verbunden mit nördlich und südlich davon angesetzten
                            Nebenangriffen, umfaßt zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen
                            den eingebrochenen Feind war die nächstliegende, angesichts unserer
                            Gesamtlage aber auch die bedenklichste Lösung. Durften wir es wagen,
                            alle unsere Kraft zu einem großen <pb n="223"/><anchor id="p223"/>Angriff in der mit feindlichen Truppen angefüllten Gegend an der Somme
                            einzusetzen, während wir vielleicht an anderer Stelle der Westfront oder
                            an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte sich hier wieder
                            einmal, daß unsere Kriegführung, wenn sie mit großen Plänen nach der
                            einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht verschließen
                            durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine Sprache, die sich
                            Gehör verschaffen mußte. </p>
                        <p> Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung
                            durch einen Angriff nicht verbessern konnten, so mußten wir die
                            Folgerungen daraus ziehen und unsere Linien zurücknehmen. Wir
                            entschieden uns daher auch zu dieser Maßnahme und verlegten unsere
                            Stellung, die bis Peronne eingedrückt war und andrerseits noch bis
                            westlich Bapaume, Roye und Noyon vorsprang, in die Sehnenlinie
                            Arras-St.&nbsp;Quentin-Soissons zurück. Diese neue Linie ist unter dem Namen
                            Siegfriedstellung bekannt. </p>
                        <p> Also Rückzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluß.
                            Schwere Enttäuschung für das Westheer, vielleicht eine noch schwerere
                            für die Heimat, die schwerste, wie zu befürchten, bei unseren
                            Verbündeten. Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen
                            geeigneteren Stoff für Propaganda vorstellen? Glänzender, wenn auch spät
                            sichtbarer Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener
                            deutscher Widerstand, heftige unaufhörliche Verfolgungen mit großen
                            Beutezahlen, Schauergeschichten über unsere Kriegführung. Man konnte das
                            ganze Register, das aufgezogen werden würde, schon vorher hören. Welch
                            ein Hagel propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter
                            unseren Linien niederfallen! </p>
                        <p> Unsere große Rückwärtsbewegung begann am 16.&nbsp;März 1917. Der Gegner
                            folgte ihr ins freie Gelände zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese
                            Vorsicht sich zu größerem Drängen steigern wollte, verstanden es unsere
                            Deckungstruppen, abkühlend auf den feindlichen Eifer zu wirken. </p>
                        <pb n="224"/><anchor id="p224"/>
                        <p> Mit der getroffenen Maßnahme schufen wir uns nicht nur günstigere
                            örtliche Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch
                            unsere gesamte Kriegslage. Gab uns doch die Verkürzung der
                            Verteidigungslinie im Westen die Möglichkeit zur Schaffung starker
                            Reserven. Verlockend war der Plan, wenigstens einen Teil derselben auf
                            den Feind zu werfen, wenn dieser unserem Rückzug in die
                            Siegfriedstellung über das freie Gelände folgen würde, in dem wir uns
                            ihm unbedingt überlegen fühlten. Wir verzichteten jedoch hierauf und
                            hielten unser Pulver für die Zukunft trocken. </p>
                        <p> Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Frühjahr des Jahres 1917
                            geschaffen hatten, vielleicht als eine große strategische Bereitstellung
                            bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand überließen,
                            aus der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche
                            Schwächepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus
                            früheren Kriegen können bei der ungeheuer gesteigerten Größe aller
                            Verhältnisse nicht gezogen werden. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen muß ich zwei Pläne besprechen,
                            mit denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschäftigen hatten. Es waren
                            Vorschläge für einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien.
                            Die Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17
                            vom Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem großen
                            Erfolge gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte
                            kriegerische und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich
                            nicht anschließen. Wie ich schon früher ausführte, vertrat ich dauernd
                            die Anschauung, daß Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und
                            damit auch unter dem politischen Druck Englands stünde, als daß dieses
                            Land, selbst durch eine große Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu
                            zwingen wäre. Generaloberst von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl
                            in erster Linie an die günstige Rückwirkung eines sieg<pb n="225"/><anchor id="p225"/>reichen Feldzuges gegen Italien auf die
                            Stimmung in den österreichisch-ungarischen Ländern. Er hoffte auf die
                            große militärische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge für
                            Österreich-Ungarn eintreten mußte. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm
                            als wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche
                            Unterstützung – es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen –
                            glaubte Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die
                            Italiener aus Südtirol heraus unternehmen zu können. Demgegenüber
                            glaubte ich es jedoch nicht verantworten zu können, so viele deutsche
                            Truppen auf nicht absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das
                            nach meiner Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und
                            gefährlichsten Fronten in Ost und West ablag. </p>
                        <p> Ähnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die
                            Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebäugelte mit diesem Plane,
                            und von seinem Standpunkte aus natürlich mit vollster Berechtigung. Ein
                            entscheidender Erfolg unsererseits hätte die Entente zur Räumung dieses
                            Landes zwingen können. Bulgarien wäre dadurch militärisch und politisch
                            nahezu völlig entlastet worden. Das Unternehmen hätte auch den lebhaften
                            Wünschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch
                            bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel
                            umstrittenen, schönen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte
                            freilich bei mir keinen Eindruck. Auch die militärische Entlastung
                            Bulgariens hätte nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen für unsere
                            Gesamtlage bedeutet. Hätten wir die Ententekräfte zum Abzug aus
                            Mazedonien gezwungen, so würden wir sie an unserer Westfront auf den
                            Hals bekommen haben. Ob wir dagegen die dadurch frei werdenden
                            bulgarischen Truppen irgendwo außerhalb des Balkans hätten einsetzen
                            können, erschien mir mindestens fraglich. Hatte doch schon die
                            Verwendung bulgarischer Divisionen außerhalb des unmittelbarsten
                            bulgarischen Interessengebietes während des rumänischen Feldzuges
                            nördlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen <pb n="226"/><anchor id="p226"/>Reibungen mit diesen Verbänden geführt. Nach meiner
                            Anschauung verwertete sich also die bulgarische Kampfeskraft im gesamten
                            Rahmen unserer Kriegführung am besten, wenn wir sie mit dem Festhalten
                            der Ententetruppen in Mazedonien beschäftigten. Das schloß natürlich
                            nicht aus, daß ich einen selbständigen Angriff der Bulgaren in
                            Mazedonien jederzeit freudig begrüßt hätte. Das Ziel eines solchen hätte
                            dann aber wohl wesentlich begrenzter gefaßt werden müssen, als es die
                            Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die Eroberung von Saloniki
                            bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen glaubte indessen
                            Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe, allermindestens
                            6&nbsp;Divisionen, nicht herangehen zu können, und wohl mit Recht. </p>
                        <p> Nachrichten über die Entwicklung der politischen Verhältnisse in
                            Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines
                            Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie
                            verführerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber völlig
                            unempfindlich. Ich bezweifelte es, daß das Volk der Hellenen mit großer
                            Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an
                            Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im großen und ganzen wäre es dabei
                            um das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen
                            Partner hätten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge
                            nicht poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Aus meinen vorstehenden Ausführungen dürfte mit aller Klarheit
                            hervorgehen, daß die Anspannung der deutschen Kräfte durch die gesamte
                            Lage eine so hohe war, daß wir sie nicht durch weitere, außerhalb
                            unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende
                            Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Pläne, die
                            sichere Aussichten auf große kriegerische Erfolge boten, konnten uns
                            nicht von der zunächst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der
                            Kampf im Osten und <pb n="227"/><anchor id="p227"/>Westen, und zwar auf
                            beiden Fronten gegen erdrückende Überlegenheiten. </p>
                        <p> Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im
                            Jahre 1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und
                            Mazedonien heute nochmals die Frage vorlege, ob ich anders hätte
                            entscheiden sollen und dürfen, so muß ich diese Frage auch jetzt noch
                            verneinen. Ich glaube sagen zu können, daß der Gang der Ereignisse in
                            Mitteleuropa späterhin unser Verhalten als das Richtige bestätigt hat.
                            Wir konnten und durften nicht einen Zusammenbruch unserer West- oder
                            Ostfront auf das Spiel setzen, um billige Lorbeeren in der
                            oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu pflücken. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Die Türkei war für 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht
                            zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr
                            gegenüberstehenden Kräfte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so
                            erfüllte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges. </p>
                        <p> Um die hierfür nötigen Truppen kampfkräftig zu erhalten, hatten wir
                            schon im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung
                            angeregt, sie möchte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem
                            entvölkerten und ausgesogenen armenischen Hochlande zurückziehen, um den
                            Truppen die Überwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu
                            spät erteilt. Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und
                            Kälte dem vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird
                            vielleicht ihr tragisches Ende je verkünden, so sei es an dieser
                            bescheidenen Stelle getan. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <pb n="228"/><anchor id="p228"/>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Der Unterseebootkrieg</head>
                        <p> Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an
                            die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen!
                            Man denke an die vielen Säuglinge, die infolge Aushungerung der Mütter
                            dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und
                            krank bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine
                            mitleidslose, kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert
                            hat, sondern hier mitten in Europa, inmitten der Kultur und der
                            Menschlichkeit! Ein Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und
                            durch die Gewalt von Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung
                            brüsten! Wo ist da Gesittung? Stehen sie als Menschen höher wie jene,
                            die im armenischen Hochlande zum Grauen der ganzen zivilisierten Welt
                            gegen Wehrlose wüteten und dafür vom Schicksal bestraft zu Tausenden
                            einen elenden Tod fanden? Zu diesen hartgesinnten Anatoliern hat
                            freilich kaum jemals ein anderer Geist als derjenige der Rache,
                            sicherlich niemals derjenige der Nächstenliebe gesprochen. </p>
                        <p> Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so „Gesitteten“? Ihr Plan
                            ist klar. Sie haben eingesehen, daß ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur
                            Erkämpfung ihres tyrannischen Willens, daß ihre Kriegskunst unfruchtbar
                            bleibt gegenüber ihrem Gegner mit stählernen Nerven. Man zermürbe also
                            dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so
                            gelingt es vielleicht von rückwärts her auf dem Wege über die Heimat.
                            Man lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt „so Gott will“ auf
                            den Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so
                            doch allmählich! Vielleicht entschließen sich diese Gatten und Väter,
                            die Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib
                            und Kind, der Tod – der Gesittung. So denken Menschen und können dabei
                            beten! </p>
                        <pb n="229"/><anchor id="p229"/>
                        <p> „Der Gegner überschüttet uns mit amerikanischen Granaten, warum
                            versenken wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das
                            Mittel dazu? Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?“
                            Das fragt der Soldat an unseren Fronten. </p>
                        <p> Heimat und Heer wenden sich mit solchen und ähnlichen Ausführungen an
                            ihre Führer, nicht erst seit dem 29.&nbsp;August 1916, sondern schon lange
                            vorher. Der Wille, die ganze Schärfe des Unterseebootkrieges anzuwenden,
                            um die Leiden der Heimat abzukürzen und das Heer in seinem ungeheueren
                            Ringen zu entlasten, war schon vor meiner Übernahme der Obersten
                            Heeresleitung vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere
                            wehrlose Heimat gilt nur „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Alles andere
                            erscheint Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut. </p>
                        <p> Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so
                            durften doch nicht Folgen außer acht gelassen werden, die aus der
                            rücksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen
                            konnten. Werden Rücksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so
                            gibt es doch Rücksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die
                            Heimat darf durch Anwendung der Waffe nicht in größere Gefahren und
                            Sorgen gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will.
                            Es schwankt also der Entschluß, ein begreifliches Schwanken, bei dem
                            auch menschliche Gefühle mitreden! </p>
                        <p> So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Großen Hauptquartier.
                            Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle
                            Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darüber
                            bei der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste
                            Heeresleitung stark davon berührt. Ist es doch klar, daß wir aus
                            allgemein militärischen Gründen die Führung des Unterseebootkrieges
                            wünschen müssen. Die Vorteile, die wir hieraus für unsere
                            Landkriegführung erwarten können, sind mit den Händen zu greifen. Schon
                            dann, wenn auf gegnerischer Seite <pb n="230"/><anchor id="p230"/>die
                            Fertigung von Kriegsbedürfnissen oder deren Beförderung über See
                            wesentlich eingeschränkt werden müßte, wäre das für uns eine große
                            Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelänge, die gegnerischen
                            überseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch
                            große Entlastung würde das nicht bloß für Bulgarien und die Türkei,
                            sondern auch für uns bedeuten, ohne daß wir hierfür deutsches Blut
                            opferten! In weiterer Ferne steht auch die Möglichkeit, den
                            Ententeländern die Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu
                            einem unerträglichen Maße zu erschweren oder wenigstens England vor die
                            sein Geschick entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die
                            versöhnende Hand zu reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu
                            verlieren. So schien der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den
                            Gang des Krieges einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das
                            einzige Mittel, das wir noch für eine siegreiche Beendigung des Krieges
                            neu einsetzen konnten, nachdem wir zum Weiterkämpfen gezwungen waren. </p>
                        <p> In welchen Zusammenhang wir die Führung des Unterseebootkrieges zu der
                            gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus
                            einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die
                            Reichsleitung. Diese Zuschrift sollte als Grundlage für eine Anweisung
                            an unseren Botschafter in Washington dienen und lautete: </p>
                        <p rend="zitat"> „Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persönlichen Unterweisung
                            mitgeteilt, daß die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu
                            durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird,
                            ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der
                            Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmächte gegen
                            Rumänien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in
                            diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch
                            zweifelhaft. Daher muß vorläufig mit längerer Kriegsdauer gerechnet
                            werden. </p>
                        <pb n="231"/><anchor id="p231"/>
                        <p rend="zitat">Demgegenüber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den
                            rücksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der
                            wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den
                            Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt
                            machen würde. Deshalb muß die Deutsche Oberste Heeresleitung den
                            rücksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Maßnahmen einbeziehen, unter
                            anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der
                            Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer
                            Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu führen. Schließlich können
                            wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen
                            Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die
                            neutralen Mächte bearbeitet, um seine militärische und wirtschaftliche
                            Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten müssen
                            wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4.&nbsp;Mai uns
                            vorbehielten, wiedergewinnen. </p>
                        <p rend="zitat">Die Gesamtlage würde sich aber vollständig ändern, falls Präsident
                            Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Mächten einen
                            Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser müßte allerdings ohne bestimmte
                            Vorschläge territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand
                            der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezügliche Aktion müsse aber
                            bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor
                            derselben warten, so würde er zu einem solchen Schritte kaum mehr
                            Gelegenheit finden. Auch dürften die Verhandlungen nicht erst auf
                            Abschluß eines Waffenstillstandes abzielen, sondern müßten lediglich
                            unter den Kriegsparteien geführt werden und innerhalb kurzer Frist
                            unmittelbar den Präliminarfrieden bringen. Ein längeres Hinausziehen
                            würde die militärische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere
                            Vorbereitungen der Mächte zur Fortsetzung des Krieges bis in das nächste
                            Jahr zur Folge haben, sodaß an einen Frieden in absehbarer Zeit dann
                            nicht mehr zu denken wäre. </p>
                        <pb n="232"/><anchor id="p232"/>
                        <p rend="zitat">Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House – dem
                            Mittelsmann, durch welchen er mit dem Präsidenten verhandelt –
                            besprechen und die Absichten des Mr.&nbsp;Wilson in Erfahrung bringen. Eine
                            Friedensaktion des Präsidenten, die nach außen hin am besten spontan
                            erscheinen würde, würde bei uns ernsthaft in Erwägung gezogen werden,
                            und diese würde ja auch für die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg
                            bedeuten.“ </p>
                        <p> Die schwierigste Frage ist und bleibt: „Innerhalb welcher Zeitspanne
                            wird der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden können?“ Der
                            Admiralstab kann hierfür natürlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber
                            selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten
                            Schätzungen sind so günstig für uns, daß ich grundsätzlich die Gefahr in
                            den Kauf nehmen zu können glaube, uns mit der Anwendung des neuen
                            Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen. </p>
                        <p> Mochte die Marine auch noch so sehr drängen, so verlangten doch
                            politische und militärische Rücksichten eine Verzögerung des Beginns des
                            uneingeschränkten Unterseebootkrieges über den Herbst 1916 hinaus. Wir
                            durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner
                            auf uns ziehen. Wir mußten jedenfalls warten, bis wir einen günstigen
                            Abschluß des rumänischen Feldzuges überblicken konnten. Gelang ein
                            solcher, so verfügten wir über genügend Kräfte, um angrenzende neutrale
                            Staaten von einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu
                            können, mochte England auch deren wirtschaftliche Bedrückung noch weiter
                            steigern. </p>
                        <p> Zu den Rücksichten aus militärischen Gründen treten solche aus
                            politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein völliger
                            Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstärkte Anwendung der
                            Unterseebootwaffe nicht denken. </p>
                        <p> Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es für mich nur
                            noch militärische Rücksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage,
                            besonders in Rumänien, bis Ende Dezember gestattete nun<pb n="233"/><anchor id="p233"/>mehr nach meiner Überzeugung die weitestgehende
                            Anwendung der wirkungsvollen Waffe. </p>
                        <p> Am 9.&nbsp;Januar 1917 gab unser Allerhöchster Kriegsherr gegen die Ansicht
                            des Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und
                            Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im
                            Zweifel über die Schwere des Schrittes. </p>
                        <p> Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen
                            verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine große
                            moralische Stärkung für Fortführung des Landkrieges. </p>
                        <p> Angesichts des für uns verhängnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die
                            Erklärung des uneingeschränkten Unterseebootkrieges für ein
                            Vabanquespiel halten zu müssen geglaubt. Damit versuchte man diesen
                            unseren Entschluß politisch und militärisch wie auch moralisch
                            herabzuwürdigen. Man übersieht bei diesem Urteil, daß nahezu alle
                            entscheidenden Entschlüsse, und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein
                            schweres Risiko in sich tragen, ja, daß die Größe einer Tat
                            hauptsächlich darin liegt und daran zu messen ist, daß ein hoher Einsatz
                            gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem Schlachtfelde seine letzten
                            Reserven in den Kampf schickt, so tut er nichts anderes, als was sein
                            Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt die volle Verantwortung
                            auf sich und beweist den Mut zum letzten entscheidenden Schritt, ohne
                            den der Sieg nicht zu erringen wäre. Ein Führer, der es nicht auf sich
                            nehmen kann oder will, die letzte Kraft an den Erfolg zu setzen, ist ein
                            Verbrecher an dem eigenen Volk. Mißlingt ihm der Schlag, dann freilich
                            wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen und Feiglinge
                            getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es würde jeder
                            Größe entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich gründen
                            ließe, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhängig wäre von dem
                            Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer
                            deutschen militärischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf <pb n="234"/><anchor id="p234"/>die größten Vorbilder in der eigenen
                            Geschichte sowie auf die mächtigsten Taten unserer gefährlichsten
                            Gegner. Gab es einen kühneren Einsatz der letzten Kraft, als ihn der
                            große König bei Leuthen wagte und damit das Vaterland und seine Zukunft
                            rettete? Hat man nicht auch den Entschluß Napoleons&nbsp;I. als richtig
                            anerkannt, als er bei Belle Alliance seine letzten Bataillone an die
                            Entscheidung setzte, um dann freilich, wie Clausewitz sagt, arm wie ein
                            Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden? Wäre nicht ein Blücher dem
                            Korsen gegenüber gewesen, der Korse hätte gesiegt, und die
                            Weltgeschichte wäre wohl einen anderen Weg gegangen. Und auf der anderen
                            Seite der viel umjubelte Marschall Vorwärts; wagte er nicht auch in
                            dieser Entscheidungsschlacht das Äußerste? Hören wir, was vor dem Kriege
                            einer unserer heftigsten Gegner darüber sagte:</p>
                        <p rend="zitat">„Das schönste Manöver,
                            das ich je auf Erden habe ausführen sehen, ist die Tat des Greises
                            Blücher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe der Pferde geriet
                            und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten Soldaten losstürmte,
                            ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der Niederlage bei Ligny dem
                            Triumph von Waterloo entgegenführte.“ </p>
                        <p> Ich möchte dieses Kapitel nicht schließen, ohne meine Zweifel der
                            Behauptung gegenüber zu äußern, daß mit dem Eintritt Amerikas in die
                            Reihen unserer Gegner unsere Sache endgültig verloren gewesen sei.
                            Warten wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch
                            unseren Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise großen Erfolge zu
                            Lande vom Frühjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann
                            vielleicht erfahren, daß wir so manchmal nahe daran waren, den
                            Siegerkranz an uns zu reißen, und wir werden auch vielleicht erkennen
                            lernen, daß andere als militärische Gründe uns um ein erfolgreiches oder
                            wenigstens erträgliches Kriegsende brachten. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <pb n="235"/><anchor id="p235"/>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Kreuznach</head>
                        <p> Nach erfolgreicher Beendigung des rumänischen Feldzuges und der dadurch
                            eingetretenen Entspannung der Ostlage mußte das Schwergewicht unserer
                            demnächstigen Tätigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls
                            ein frühzeitiger Beginn der Kämpfe im folgenden Feldzugsjahre zu
                            erwarten. Wir wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von
                            einem im Westen gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger
                            zeitraubend die Möglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und
                            Armeen in unmittelbare persönliche Berührung zu treten. Dazu kam, daß
                            Kaiser Karl einerseits in der Nähe der politischen Behörden seines
                            Landes zu sein wünschte und andererseits auf den unmittelbaren
                            persönlichen Verkehr mit seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das
                            k.&nbsp;u.&nbsp;k. Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des
                            Jahres 1917 nach Baden bei Wien über. Damit entfiel für Seine Majestät
                            unseren Kaiser und für die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin
                            in Pleß zu bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach
                            Kreuznach. </p>
                        <p> Beim Abschied von Pleß war es mir ein besonderes Bedürfnis, dem dortigen
                            Fürsten und seiner Beamtenschaft für die große Gastfreundschaft zu
                            danken, die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm
                            Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar
                            mancher herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden
                            sowohl im Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu
                            gedenken. </p>
                        <p> An die Gegend, in die wir nun kamen, knüpften sich für mich Erinnerungen
                            aus meiner früheren Tätigkeit als Chef des Generalstabes in der
                            Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt
                            geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen rührender
                            Freundlichkeit. Diese äußerte sich unter anderem <pb n="236"/><anchor id="p236"/>auch darin, daß unser Heim und unser gemeinsamer
                            Speiseraum täglich durch die Hände junger Damen mit frischen Blumen
                            geschmückt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der Huldigung an die
                            Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen ältesten Vertretern im Kriege
                            ich gehörte. </p>
                        <p> Kurz nach unserem Weggang von Pleß trat Generaloberst von Conrad von der
                            Heeresleitung Österreich-Ungarns zurück, um den Oberbefehl an der Front
                            Südtirols zu übernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht
                            bekannt geworden. Ich glaubte sie auf persönlichem Gebiete suchen zu
                            müssen, da sachliche Gründe meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre
                            ihm ein treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde
                            General von Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein
                            trefflicher Soldat, also gleich seinem Vorgänger ein wertvoller
                            Kampfgenosse! Er ging auf das Wesen der Dinge los und verachtete den
                            Schein. Ich glaube, daß uns beiden die Abneigung gegen die Beschäftigung
                            mit politischen Fragen gemeinsam war. Was unter den früher von mir
                            berührten schwierigen Verhältnissen in der Donaumonarchie erreicht
                            werden konnte, hat General von Arz nach meiner Überzeugung mit
                            bewundernswürdiger Ausdauer geleistet. Er hat sich über die ganze
                            Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel hingegeben. Um so mehr ist es
                            anzuerkennen, daß er mit so mannhaftem Vertrauen an sie herantrat. </p>
                        <p> Für mich persönlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober
                            die Feier meines 70jährigen Geburtstages. </p>
                        <p> Seine Majestät mein Kaiser, König und Herr, hatte die große Gnade, mir
                            als Erster an diesem Tage persönlich seine Glückwünsche in meinem Heim
                            auszusprechen. Das war für mich die größte Weihe des Tages! </p>
                        <p> Auf dem Wege zu unserem Dienstgebäude begrüßte mich später in der
                            strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur
                            gemeinsamen Arbeitsstätte erwarteten mich meine Mit<pb n="237"/><anchor id="p237"/>arbeiter, im anschließenden Garten Vertreter der Stadt
                            und Umgegend, junge Soldaten, verwundet und krank, Erholung suchend in
                            den Heilstätten des Badeortes, daneben alte Veteranen, Mitkämpfer aus
                            längst vergangener Zeit. </p>
                        <p> Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus
                            einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Gerücht von der
                            Wahrscheinlichkeit eines großen feindlichen Fliegerangriffes auf unser
                            Großes Hauptquartier für den heutigen Tag verbreitet. Möglich auch, daß
                            das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend
                            den Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurück längs der Nahe suchte.
                            Kein Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und
                            wenn in der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr
                            gesehen und gehört wurde, als tatsächlich vorhanden war. Kurzum, gegen
                            Mitternacht eröffneten unsere Flugabwehrgeschütze ein heftiges
                            Dauerfeuer. Dank der hohen Feuergeschwindigkeit erschöpfte sich rasch
                            die vorhandene Munition, und ich konnte ruhig einschlafen in dem
                            Gedanken, nun nicht weiter gestört zu werden. Beim Vortrag des folgenden
                            Tages zeigte mir der Kaiser eine große Schale, angefüllt mit
                            Sprengstücken deutscher Geschosse, die in dem Garten seines Quartiers
                            gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr hatten wir also doch
                            geschwebt. </p>
                        <p> Ein Teil der Kreuznacher hatte übrigens die nächtliche Schießerei für
                            den militärischen Abschluß meines Geburtstagsfestes gehalten. </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="238"/><anchor id="p238"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Im Westen</head>
                        <p> Mit größter Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab
                            dem Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen
                            entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kräfte auf ihn
                            strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in
                            taktischer Beziehung alle Maßnahmen getroffen, dieser jedenfalls größten
                            aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen. </p>
                        <p> Zu diesen Maßnahmen gehörten nicht in letzter Linie die Änderungen
                            unseres bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund
                            der Erfahrungen in den bisherigen Kämpfen verfügt. Nicht mehr aus
                            einzelnen Linien und Stützpunkten sondern aus Liniensystemen und
                            Stützpunktgruppen sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen
                            bestehen. In den dadurch gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen
                            nicht in zusammenhängenden, starren Fronten, sondern in reicher
                            Gruppierung und Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der
                            Verteidiger hatte seine Kräfte beweglich zu halten, um der vernichtenden
                            feindlichen Wirkung während des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier
                            und dort unhaltbar gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und
                            dann im Gegenstoß das wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der
                            allgemeinen Stellung nötig war. Diese Grundsätze galten im Kleinen wie
                            im Großen. </p>
                        <pb n="239"/><anchor id="p239"/>
                        <p> Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und
                            den überraschenden gegnerischen Anstürmen setzten wir also eine
                            Vermehrung und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die
                            Beweglichkeit unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der
                            Grundsatz verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhöhung
                            der Zahl der Maschinengewehre Menschenkräfte zu schonen und damit solche
                            zu sparen. </p>
                        <p> Mit dieser tiefgreifenden Änderung unseres Verteidigungsverfahrens
                            nahmen wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie
                            darin, daß wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten
                            und Erfahrungen forderten, in die sich die untere Führung und die Truppe
                            eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen
                            schätzten. Der Übergang von einer taktischen Anschauung in eine andere
                            bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen
                            Seite Übertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares
                            Festhalten am Alten mit sich. Mißverständnisse drängen sich in den
                            klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbständige und willkürliche
                            Auslegungen feiern Orgien; das Trägheitsmoment im menschlichen Denken
                            und Handeln wird manchmal nicht ohne kräftigsten Antrieb überwunden. </p>
                        <p> Aber nicht nur aus diesen Gründen bedeuteten unsere taktischen
                            Änderungen einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage
                            zu bejahen, ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen
                            Verfassung imstande sein würde, diese Änderungen in sich aufzunehmen und
                            auf die Wirklichkeit des Schlachtfeldes zu übertragen. Wir konnten uns
                            nicht im Zweifel darüber sein, daß das Kriegsinstrument, mit dem wir
                            jetzt zu arbeiten hatten, mit demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja
                            selbst mit demjenigen des Beginnes von 1916 kaum noch zu vergleichen
                            war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag in unseren Ehrenfriedhöfen
                            gebettet oder war mit zertrümmerten Gliedern oder krankem Körper an die
                            Heimat <pb n="240"/><anchor id="p240"/>gebannt. Ein stolzer Kern
                            unserer Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden,
                            und an ihn schloß sich viel junge, begeisterungsfähige Kraft und
                            opferfreudiger Wille. Aber das allein macht die Stärke eines Heeres
                            nicht aus; Kraft und Wille müssen geschult und durch Erfahrungen
                            geläutert werden. Ein Heer mit dem sittlichen und geistigen Reichtum,
                            mit der machtvollen geschichtlichen Überlieferung wie das deutsche von
                            1914 überdauert zwar in seinem inneren Werte manche Kriegsjahre, wenn
                            ihm nur die Zufuhr frischer körperlicher und sittlicher Kräfte aus der
                            Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert jedoch wird, ja er muß nach dem
                            natürlichen Lauf der Dinge sinken, wenn auch sein Verhältniswert jedem
                            Feinde gegenüber, der gleich lang im Felde steht, in voller Höhe und
                            Überlegenheit erhalten bleibt. </p>
                        <p> Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und
                            an das Können der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen äußeren
                            Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbständigkeit
                            kleinster Teile zum höchsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang
                            war nicht mehr in äußerlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben,
                            sondern im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine
                            Übertreibung darin, wenn ich sage, daß unter den vorliegenden
                            Verhältnissen in dem Übergang zu diesen neuen Grundsätzen die größte
                            Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft
                            unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon
                            die nächste Zukunft mußte den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen
                            gerechtfertigt war. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Frühjahr los. Am
                            9.&nbsp;April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur großen,
                            feindlichen Frühjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet
                            mit der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und
                            Minenwerfer-Massen, nichts von Überraschungstaktik <pb n="241"/><anchor id="p241"/>im Sinne Nivelles vom Oktober des vergangenen Jahres.
                            Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht, oder fühlt man
                            sich taktisch hierfür zu ungewandt? Der Grund ist für den Augenblick
                            gleichgültig, die Tatsache genügt und redet eine furchtbare Sprache. Der
                            englische Angriff braust über die ersten, zweiten, dritten Gräben
                            hinweg. Stützpunktgruppen versagen oder verstummen nach heldenmütigem
                            Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das
                            Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt! </p>
                        <p> Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos
                            geworden zu sein scheint. „Krisen muß man vermeiden“, ruft der Laie. Der
                            Soldat kann ihm nur antworten: „Dann verzichten wir besser von
                            vornherein auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen
                            einfach in der Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des
                            Ungewissen und der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu
                            überwinden, ist Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen
                            zurückschrecken wollte, bindet sich selbst die Hände, wird ein Spielball
                            des kühneren Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde.“ </p>
                        <p> Ich will hiermit nicht behaupten, daß die Krisis am 9.&nbsp;April nach all
                            den Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen wäre, nicht
                            hätte vermieden werden können. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser
                            furchtbaren Größe einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten
                            Reserven im Gegenstoß dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit
                            schweren örtlichen Erschütterungen der Verteidigung wird man freilich
                            bei solch höllischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen müssen. </p>
                        <p> Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9.&nbsp;April ein düsteres Bild,
                            viel Schatten, wenig Licht. Doch man muß in solchen Fällen nach Licht
                            suchen. Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich
                            an. Der Engländer scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen
                            Erfolg bis zu seinem letztmöglichen Ergebnis auszunützen. Ein Glück für
                            uns, jetzt, wie schon manch<pb n="242"/><anchor id="p242"/>mal vorher.
                            Nach dem Vortrag drücke ich meinem Ersten Generalquartiermeister die
                            Hand mit den Worten: „Nun, wir haben schon Schwereres miteinander
                            durchgemacht als heute.“ Heute, an seinem Geburtstage! Mein Vertrauen
                            bleibt unerschüttert. Ich wußte, neue Truppen von uns marschieren auf
                            das Schlachtfeld, Eisenbahnzüge rollen heran. Die Krisis wird
                            überwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der Kampf aber
                            tobte weiter. </p>
                        <p> Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach
                            Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten
                            Aprilwoche ab die französischen Kanonen; viele hundert feindliche
                            Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl
                            dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen
                            letzten Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen,
                            die wir erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wütet das französische
                            Feuer. Unsere Verteidigungszonen sollen in ein Trümmer- und Leichenfeld
                            verwandelt, was vielleicht noch zufällig der körperlichen Zerstörung
                            entgeht, soll wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser
                            furchtbaren Esse scheint die Erreichung solcher Absicht außer Zweifel zu
                            stehen. Endlich hält Nivelle unsere Truppen für vernichtet oder
                            wenigstens hinreichend zermürbt. Er läßt seine siegessicheren Bataillone
                            am 16.&nbsp;April zum Sturme, wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der
                            Feuerglut gereiften Früchte antreten. Da geschieht das Unbegreifliche.
                            Zwischen den Trümmern und Trichtern erhebt sich deutsches Leben,
                            deutsche Kraft und deutscher Wille und schleudert sein Verderben in die
                            stürmenden Linien und die ihnen folgenden, in unserem losbrechenden
                            Feuer wirbelnden und sich zusammenballenden Haufen. Wohl wird der
                            deutsche Widerstand an den am schwersten erschütterten Stellen
                            niedergetreten, aber was bedeutet in diesem Riesenkampfe ein Verlust von
                            einzelnen Stellungsteilen gegenüber der siegreichen Behauptung der
                            allgemeinen Front? </p>
                        <pb n="243"/><anchor id="p243"/>
                        <p> Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene
                            französische Niederlage. Der blutige Rückschlag wirft die französische
                            Führung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttäuschung. </p>
                        <p> Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er
                            bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenüber dem Ringen an
                            der Somme im vergangenen Jahre, und den möchte ich zu erwähnen nicht
                            vergessen: der Gegner erringt nämlich über die ersten Tage hinaus
                            nirgends mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen
                            sinkt er auf seinen Angriffsfeldern erschöpft in den Stellungskrieg
                            zurück. Unser Abwehrverfahren hat sich also doch noch glänzend bewährt! </p>
                        <p> Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Höhen
                            von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel.
                            Es ist der 7.&nbsp;Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher
                            erwähnten Kämpfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den
                            Wytschaeter Höhen, dem Schlüsselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist
                            wenig günstig für neuzeitliche Verteidigung. Der verhältnismäßig schmale
                            Rücken gestattet nicht die Anwendung einer genügend tiefen Zone. Das
                            vorderste Grabensystem liegt auf den Westhängen und bietet feindlicher
                            Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und
                            Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwühlt, einer Kampfart,
                            die früher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit
                            äußerster Erbitterung angewendet worden war. Doch hört man seit langem
                            nichts mehr von unterirdischem Wühlen. Nicht nur von Westen, sondern
                            auch von Süd und Nord her ist die Verteidigung auf den Höhen bei St.
                            Eloi sowie an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die
                            gegnerische Artillerie zu fassen. </p>
                        <p> Der Engländer bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der
                            Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere
                            besorgte Frage, ob die Höhen nicht besser freiwillig geräumt würden,
                            erfolgt die mannhafte Antwort: „Wir werden <pb n="244"/><anchor id="p244"/>halten, noch stehen wir fest!“ Als aber der
                            verhängnisvolle 7.&nbsp;Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter den
                            Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stützteile brechen zusammen und
                            durch den Rauch und die niederstürzenden Erdmassen der gesprengten
                            Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen über die letzten Reste
                            deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits,
                            die Lage durch Gegenstoß zu retten, scheitern an dem mörderischen
                            feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rückengebiet der
                            verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem
                            gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer
                            Linien zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie
                            Kriegsgerät sind schwer; die Preisgabe des Geländes wäre zu verschmerzen
                            gewesen. </p>
                        <p> Das bisherige Gesamtergebnis der großen feindlichen Offensive im Westen
                            war nach meinem Urteil für uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren
                            wir nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen.
                            Nirgends war es dem Feinde gelungen, über einen mäßigen Geländegewinn
                            hinaus größere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der
                            Durchbruchsschlacht zur freien Operation übergehen zu können. Die
                            Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an
                            anderen Fronten stattfinden. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Im nahen und fernen Orient</head>
                        <p> Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail
                            seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch
                            diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch
                            die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit
                            diesem Ansturm gegen die bulgarische Front veranlaßte der Feind einen
                            Aufstand in Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der
                            Balkanhalbinsel gefährdend. <pb n="245"/><anchor id="p245"/>Der
                            Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, nämlich bei Nisch,
                            niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen
                            Regierungskreisen befürchtete Ausdehnung über ganz Altserbien annahm. </p>
                        <p> Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit großer Erbitterung
                            geführt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne daß wir ihr weitere
                            deutsche Unterstützung zusenden mußten, ihre Stellungen nahezu restlos
                            zu behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbündeter
                            hatte sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rückhaltslos an, daß
                            sich die deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewährt hatte.
                            Ich gewann daraus die Überzeugung, daß die bulgarische Armee ihrer
                            Aufgabe auch weiterhin gewachsen sei. Dies bestätigte sich bei
                            Erneuerung der Angriffe der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren
                            Anstürme in ihrer Ausdehnung von Monastir bis zum Doiran-See völlig zum
                            Scheitern gebracht. </p>
                        <p>
                            <milestone unit="tb"/>
                        </p>
                        <p> Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere
                            Zusammenstöße im Winter schienen mehr durch Beutezüge als durch das
                            Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlaßt worden zu
                            sein. Der Russe hatte unter dem Einfluß der auch bei ihm bestehenden
                            ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den
                            wildesten und verödetsten Hochgebirgsteilen in bessere
                            Verpflegungsgebiete des Landesinnern zurückgezogen. Die völlige
                            Erstarrung der russischen Kampflust war aber überraschend. Wir erhielten
                            von türkischer Seite keine Nachricht, die uns die Gründe hierfür hätte
                            erkennen lassen. </p>
                        <p> Im Irak griff der Engländer im Februar an und kam schon am 11.&nbsp;März in
                            den Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten
                            Umgehung der starken türkischen Front. </p>
                        <p> In Südpalästina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit
                            erdrückender Überlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen
                            Geschick geführt, vor den türkischen Linien vollständig <pb n="246"/><anchor id="p246"/>zusammen. Nur das Versagen einer zum
                            umfassenden Gegenstoß angesetzten türkischen Kolonne rettete hier
                            England vor einer vernichtenden Niederlage. </p>
                        <p> Die Rückwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage
                            werde ich noch zu besprechen haben. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>An der Ostfront</head>
                        <p> Noch bevor Franzosen und Engländer im Westen zum allgemeinen Angriff
                            antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter
                            unseren bisherigen wuchtigen Schlägen hatte das Gefüge des russischen
                            Staates sich zu lockern begonnen. </p>
                        <p> Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloß bisher auf der ganzen
                            europäischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich
                            innerhalb seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse
                            traten an die Oberfläche und durch die entstandenen Spalten gewann man
                            bald Einblick in die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe
                            teuflisch roher Kräfte. Das Zarentum stürzt! Wird sich eine neue Macht
                            finden, die diese politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer
                            Gefängnisse wieder zur Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder
                            unter Gräberhügeln erdrückt? </p>
                        <p> Rußland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte
                            Kenner des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkündet. Ich hatte den
                            Glauben daran verloren. Nun da es eintrat, löste es in mir keineswegs
                            Gefühle politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer
                            Erleichterung aus. Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung.
                            Ich fragte mich: war der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der
                            Friedensströmung? Hatten die Totengräber des bisherigen Zarentums nur
                            gearbeitet, um mit dem letzten Träger der Krone den uns bekannten
                            Friedenswillen hoher russischer Kreise und die Friedenssehnsucht breiter
                            Massen zum Falle zu bringen? </p>
                        <pb n="247"/><anchor id="p247"/>
                        <p> Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare
                            Antwort gab, war und blieb unsere Lage Rußland gegenüber unsicher. Der
                            Zersetzungsprozeß hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam
                            es nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich rücksichtsloser
                            Gewalt wie die eben gestürzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn
                            auch in dem großen schweren russischen Koloß mit seinen plumpen
                            Lebensäußerungen vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von
                            Anfang an, diesen Gang der Ereignisse nicht zu stören, wir müssen nur
                            auf der Hut sein, daß er uns nicht stört: ja vielleicht zerstört. Man
                            muß in dieser Lage an die Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr
                            als hundert Jahre früher die aufgewühlten und zerrissenen französischen
                            Volkskräfte wieder zusammenschweißte und den Antrieb gab zu jener großen
                            blutroten Flut, die ganz Europa überschwemmte. Freilich, das Rußland des
                            Jahres 1917 verfügt nicht mehr über die großen, unverbrauchten
                            Menschenmassen des damaligen Frankreichs. Des Zarenreiches beste und
                            tauglichste Kräfte stehen an der Front oder liegen in Massengräbern vor
                            und hinter unseren Linien. </p>
                        <p> Der Verzicht, der mir persönlich durch ruhiges Warten angesichts der
                            beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist groß. Kann ich
                            mich jetzt aus politischen Gründen mit einer Offensive an der Ostfront
                            nicht befreunden, so drängt das soldatische Empfinden zu einem Angriff
                            im Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras,
                            an die schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt
                            es einen näher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen
                            vom Osten nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen?
                            Noch ist Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs
                            Kräfte gebrochen sind. Dann kommt es zu spät! </p>
                        <p> Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie
                            arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russi<pb n="248"/><anchor id="p248"/>schen Macht und damit eine weitgehende
                            Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Rußland muß aushalten,
                            wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den französischen Boden
                            betreten können, sonst scheint die kriegerische und moralische
                            Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente Politiker,
                            Agitatoren, Offiziere nach Rußland, um die dortige zerwühlte und rissige
                            Front zu stützen; sie vergißt auch nicht diesen Missionen Geld
                            mitzugeben, das an manchen Stellen Rußlands kräftiger wirkt als
                            politische Gründe. </p>
                        <p> Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die größten
                            Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch
                            eigene Stärke, sondern hauptsächlich durch die agitatorischen Mittel,
                            die unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst
                            gegen den Willen der russischen Massen. </p>
                        <p> Hätten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten
                            Zerreißungen im russischen Gebäude zeigten? Verdarben uns nicht
                            vielleicht politische Gesichtspunkte die schönsten Früchte unserer
                            bisherigen größten Erfolge? </p>
                        <p> Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich
                            zunächst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand,
                            wenn auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie
                            erklärte allmählich fast überall, daß sie nicht mehr kämpfen würde. Doch
                            bleibt sie mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Gräben
                            sitzen. Wo die gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig
                            freundschaftliche Verkehrsformen annehmen, schießt die russische
                            Artillerie ab und zu dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Händen
                            ihrer Führer, nicht aus einem ihr angeborenen konservativen Sinn,
                            sondern weil sie nicht in so viele selbständige Köpfe zerfällt als ihre
                            Schwesterwaffe. Der Einfluß der Ententeagitatoren und Offiziere macht
                            sich in den russischen Batterien noch durchgreifend geltend. Der
                            russische Infanterist schimpft zwar über diese Störung der ihm so
                            willkommenen Waffenruhe, verprügelt wohl auch hier und da mal <pb n="249"/><anchor id="p249"/>die artilleristische Schwester und
                            freut sich, wenn unsere Granaten in deren Geschützständen krepieren,
                            aber der geschilderte Zustand bleibt monatelang unverändert. </p>
                        <p> Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem nördlichen
                            Flügel. Von da nimmt sie nach Süden ab. Der Rumäne ist augenscheinlich
                            von ihr unberührt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, daß die Führung
                            die Zügel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den
                            beiderseitigen Schützengräben hört mehr und mehr auf. Man kehrt wieder
                            zu den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurück. Bald ist
                            auch kein Zweifel mehr, daß im Rückengebiet der russischen Front mit
                            aller Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische
                            Heer wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar
                            angriffsfähig gemacht. Die Kriegsströmung hat sich durchgesetzt, und
                            Rußland schreitet zu einer großen Offensive unter Kerenski. </p>
                        <p> Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Ströme eigenen
                            Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von
                            dieser höchsten Stelle hinweggerissen, ähnlich wie es in diesem Frühjahr
                            Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Rußland
                            scheint man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man
                            hat im großen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der
                            die russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht
                            erkennbar. Fünf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von
                            ihrer Größe. Wir wissen nur, daß wir ab und zu in den Russenschlachten
                            die Hügel der feindlichen Leichen vor unseren Gräben entfernen mußten,
                            um das Schußfeld gegen neuanstürmende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag
                            die Phantasie hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine
                            richtige Berechnung bleibt für ewig ein mißlingender Versuch. </p>
                        <p> Ob Kerenski aus eigenem Entschluß oder durch die Lockungen und den Zwang
                            der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer <pb n="250"/><anchor id="p250"/>zu entscheiden. Jedenfalls hat die Entente das größte
                            Interesse daran, daß Rußland nochmals zu einer Offensive vorgetrieben
                            wird. Sie hat im Westen die gute Hälfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon
                            vergeblich geopfert, ja vielleicht schon mehr als die Hälfte. Was bleibt
                            ihr aber übrig als den Einsatz des gebliebenen Restes zu wagen, wenn
                            auch die Hilfe Amerikas noch fern ist? Der Unterseebootkrieg frißt
                            gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark unseres erbittertsten,
                            unversöhnlichsten Gegners in einer Stärke, daß es fraglich erscheinen
                            muß, ob für Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die Möglichkeit des
                            Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen müssen also im Osten
                            festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte Kraft
                            Rußlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt für
                            Rußland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die
                            Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur
                            geschaffen und erhalten werden. Ohne solche ist Rußland dem Chaos
                            verfallen. </p>
                        <p> Die Aussichten für die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind
                            freilich jetzt kaum besser als in früheren Zeiten. Mögen auch gute,
                            deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die
                            verbliebenen genügen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer
                            langandauernden Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu
                            fehlt dem Gegner die innere Kraft. Zahlreiche russische
                            Freiheitsverkünder durchziehen plündernd das Rückengebiet der Armee oder
                            strömen der Heimat zu. Auch gute Elemente verlassen die Front, aus Sorge
                            um Angehörige und Besitz angesichts der drohenden innerpolitischen
                            Katastrophe. </p>
                        <p> Bedenklich liegen dagegen die Verhältnisse an der
                            österreichisch-ungarischen Front; es ist zu befürchten, daß dort auch
                            jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden
                            wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darüber die gleichen
                            Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Frühjahr durch einen
                            Vertreter der verbündeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen
                            Zuständen <pb n="251"/><anchor id="p251"/>entworfen mit dem
                            Gesamteindruck, daß „die österreichisch-slawischen Truppen in
                            überwiegender Mehrzahl einem russischen Angriff jetzt noch geringeren
                            Widerstand entgegensetzen werden wie 1916“, denn sie sind gleichzeitig
                            mit den russischen Truppen auch politisch zersetzt worden. </p>
                        <p> Aus ähnlichem Einblick, den Überläufer ihm liefern, wird sich wohl
                            Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, nämlich: Örtliche Angriffe gegen die
                            Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoß aber gegen die k.&nbsp;u.&nbsp;k.
                            Mauer. Und so geschah es. </p>
                        <p> Bei Riga, Dünaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen
                            an und wird zurückgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da
                            als steinern, wo österreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint
                            stehen. Dagegen stürzt die österreichisch-slawische Wand bei Stanislau
                            vor dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht
                            mehr Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive.
                            Es war ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung für das
                            russische Heer. So dringt die russische Offensive trotz günstigster
                            Aussichten auch bei Stanislau nicht vollständig durch. </p>
                        <p> Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter
                            stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren
                            der deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli! </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="252"/><anchor id="p252"/>
                    <index index="pdf" level1="Unser Gegenstoss im Osten"/>
                    <head>Unser Gegenstoß im Osten</head>
                    <p> Gegenstoß! Keine Truppe, kein Führer an der Front kann diese Nachricht mit
                        freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich endlich
                        den Zeitpunkt hierfür gekommen sah. </p>
                    <p> An früherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Frühjahr 1917 als eine große
                        strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei freilich
                        nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er im Herbste
                        1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner erwartete. Die
                        ungeheuren Räume, die wir zu beherrschen hatten, verboten ein derartiges
                        Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermöglichten andererseits,
                        auch weit verstreut stehende Verfügungstruppen rasch zu einem Stoß auf ein
                        gewähltes Operationsfeld zu werfen. </p>
                    <p> Die Abwehrkämpfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark
                        gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen,
                        verboten die Stärkeverhältnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen
                        schienen diese unsere Kräfte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage
                        endgültig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen
                        Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizuführen. Die Stützen Rußlands
                        waren morsch geworden. Die letzten Kraftäußerungen des jetzt
                        republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer künstlich
                        hochgetriebenen Welle, die ihre Stärke nicht mehr aus den Tiefen des <pb n="253"/><anchor id="p253"/>Volkes schöpfte. War aber in diesem
                        Völkerringen die Fäulnis in ein Volksheer einmal eingedrungen, so mußte der
                        völlige Zusammenbruch unvermeidlich sein. Aus dieser Überzeugung heraus war
                        ich der Meinung, daß wir in Rußland auch mit geringen Mitteln nunmehr
                        Entscheidendes erreichen könnten. </p>
                    <p> Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz unserer
                        verfügbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und in der
                        Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt, wo sich
                        der Gang der Ereignisse klar überblicken läßt, scheinen möchte. Wir hatten
                        in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen
                        zurückzustellen. War doch damals schon klar, daß der englische Angriff bei
                        Wytschaete und Messines am 7.&nbsp;Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem weit
                        größeren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschließend, seinen
                        Hintergrund in der weiter nördlich gelegenen flandrischen Landschaft haben
                        würde. Auch mußten wir damit rechnen, daß Frankreich wieder zum Angriff
                        schreiten würde, sobald sich sein Heer von den schweren Rückschlägen aus der
                        Frühjahrsoffensive erholt hatte. </p>
                    <p> Das Wegziehen von Kräften aus dem Westen, es handelte sich um 6&nbsp;Divisionen,
                        war zweifellos ein Wagnis, ähnlich, wie wir es im Jahre 1916 beim Angriff
                        auf Rumänien übernehmen mußten. Damals freilich zwang uns die offene Not.
                        Jetzt führte uns der freie Entschluß. In beiden Fällen aber war das Wagnis
                        gegründet auf das unerschütterliche Vertrauen zu unseren Truppen. </p>
                    <p> Auch aus anderen Gründen, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben
                        sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen, die
                        die Gegner unserer Verteidigung gegenüber gemacht hatten, wurde die
                        Möglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich
                        erinnere mich, daß wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstoßes an der
                        galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kräften nicht <pb n="254"/><anchor id="p254"/>mehr zu erhoffen, als einen örtlichen
                        Erfolg; also eine Einbeulung der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie
                        vielfach gegen unsere Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies
                        anzustreben? Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation? </p>
                    <p> Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten
                        unsere Landkräfte lediglich zur Abwehr bereithalten und im übrigen abwarten,
                        bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfüllt haben würden. Der Gedanke
                        hatte etwas verführerisches. Das Ergebnis des Unterseebootkrieges übertraf
                        nach den uns damals zukommenden Mitteilungen alle unsere Erwartungen. Seine
                        Wirkungen mußten daher bald offen zutage treten. Trotzdem konnte ich mich
                        mit diesem Vorschlag nicht befreunden. Die militärischen wie politischen
                        Verhältnisse im Osten drängten gerade jetzt derartig zur Entscheidung, daß
                        wir nicht monatelang stillhalten und nur zusehen konnten. Wir mußten
                        befürchten, daß, wenn dem Angriff Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem
                        Fuße folgte, die kriegerischen Strömungen in Rußland wieder die unbedingte
                        Oberhand gewinnen würden. Es ist nicht notwendig, sich die Rückwirkung eines
                        solchen Ganges der Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbündeten
                        näher auszumalen. </p>
                    <p> Während sich Kerenski vergeblich abmüht, mit der Masse seiner noch
                        angriffsfähigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch deutsche
                        Kräfte stärker gestützten österreichisch-ungarischen Linien zu durchbrechen,
                        versammeln wir südwestlich Brody, also seitwärts des russischen Einbruchs,
                        eine starke Angriffsgruppe und treten am 19.&nbsp;Juli in südöstlicher Richtung
                        auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft wenig
                        widerstandsfähige, im voraufgegangenen Angriff erschöpfte Teile der
                        russischen Linien. Sie werden rasch über den Haufen geworfen, und mit einem
                        Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur schleuniger
                        Rückzug kann die nach Norden und vor allem die nach Süden an unsere
                        Durchbruchstelle anschließenden <pb n="255"/><anchor id="p255"/>russischen
                        Kräfte vor dem Verderben retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis
                        weit nach Süden in die Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt
                        dem weichenden Feinde. Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die
                        Bukowina vom Gegner befreit. An diesem schönen Erfolge haben unsere
                        Bundesgenossen entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, daß sich in
                        den österreichisch-ungarischen Verfolgungskämpfen ganz besonders die
                        Feldartillerie ausgezeichnet hätte. Sie fuhr in kühner Rücksichtslosigkeit
                        über die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese
                        treffliche Waffe ja schon 1866 bei Königgrätz als Gegner bewundern gelernt
                        und freute mich daher doppelt der erneuten Bewährung ihres Ruhmes auf
                        unserer Seite. </p>
                    <p> Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte das
                        mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar günstigsten strategischen
                        Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz dieses letzten
                        Teiles Rumäniens zu setzen. Bei den damaligen politischen Verhältnissen in
                        Rußland hätte das rumänische Heer sich wohl sicher aufgelöst, wenn wir es
                        zum völligen Verlassen seines heimatlichen Bodens zwingen konnten. Wie
                        hätten ein rumänischer König und ein königlich rumänisches Heer auf
                        revoltierendem russischen Boden weiter bestehen können? Unsere rückwärtigen
                        Verbindungen waren jedoch infolge Bahnzerstörungen durch die weichenden
                        Russen so schwierig geworden, daß wir schweren Herzens auf die Fortsetzung
                        der Operationen an dieser Stelle verzichten mußten. Ein späterer Versuch
                        unsererseits durch einen Angriff bei Focsani die rumänische Armee in der
                        Moldau ins Wanken zu bringen, drang nicht durch. </p>
                    <p> Wir halten nun weiter an dem Entschluß fest, Rußland bis zur endgültigen
                        militärischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu
                        dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere
                        Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir in
                        Wolhynien und in der Moldau auf <pb n="256"/><anchor id="p256"/>das
                        russische Heer nicht weiter losschlagen, so mußte das an einem anderen
                        Frontteil geschehen. </p>
                    <p> Bei Riga bot sich nun hierfür eine besonders geeignete Stelle, an der
                        Rußland nicht nur militärisch sondern auch politisch empfindlich getroffen
                        werden konnte. Dort sprang der russische Nordflügel wie eine mächtige
                        Flankenstellung auf mehr als 70&nbsp;km Breite bei nur
                            20&nbsp;km Tiefe längs des Meeres auf das Westufer
                        der Düna vor, eine strategische und taktische Drohstellung gegenüber unserer
                        eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits früher, als ich noch das
                        Oberkommando im Osten führte, gereizt. Wir hatten schon 1915 und 1916 Pläne
                        geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Nähe ihrer Basis durchbrechen und
                        dadurch einen großen Schlag gegen ihre Besatzung führen könnten. </p>
                    <p> Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der rauhen
                        Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil mußte
                        nämlich oberhalb Riga über die breite Düna in nördlicher Richtung
                        vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges große Ströme
                        wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse eingebüßt. Hatte
                        doch Generalfeldmarschall von Mackensen die mächtige Donau angesichts des
                        Gegners zweimal überschritten. Wir konnten uns also an die Überwindung der
                        schmaleren Düna mit leichterem Herzen heranwagen; aber die große
                        Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, daß die russischen vollbesetzten
                        Schützengräben sich überall dicht an dem gegenüberliegenden Ufer hinzogen,
                        die Düna wie einen nassen Festungsgraben ausnützend. </p>
                    <p> Trotzdem gelingt am 1.&nbsp;September der kühne Angriff, da der Russe in unserem
                        Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verläßt. Und auch die Besatzung der
                        großen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und Nacht
                        marschierend, über Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider
                        großenteils rechtzeitig der Gefangenschaft. </p>
                    <pb n="257"/><anchor id="p257"/>
                    <p> Unser Angriff bei Riga ruft in Rußland die größte Sorge um Petersburg
                        hervor. Die Hauptstadt des Landes gerät in Aufregung. Sie fühlt sich durch
                        unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der
                        Kopf Rußlands, gelangt in einen Zustand höchster Nervosität, der sachliches,
                        ruhiges Denken ausschließt; sonst würde man dort wohl den Zirkel in die Hand
                        genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die unsere bei Riga
                        siegreichen Truppen immer noch von der russischen Hauptstadt trennen.
                        Freilich nicht nur in Rußland, auch in unserem Vaterlande arbeitet die
                        Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und vergißt Raum und Zeit. Man
                        gibt sich auch bei uns starken Illusionen über einen Vormarsch auf
                        Petersburg hin. Offen gestanden würde diesen niemand lieber durchgeführt
                        haben als ich selbst. Ich verstand daher das Drängen unserer Truppen und
                        ihrer Führer, das Vorgehen mindestens bis zum Peipussee fortzusetzen. Allein
                        wir mußten auf die Ausführung all dieser gewiß sehr schönen Gedanken
                        verzichten; sie hätten unsere Truppen zu lange und in zu großer Zahl in
                        einer Richtung gefesselt, die mit unseren weiteren Absichten nicht in
                        Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit mußte sich vom Rigaischen
                        Meerbusen der Küste des Adriatischen Meeres zuwenden. Darüber gleich
                        nachher. </p>
                    <p> Können wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das
                        Nervenzentrum Rußlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe
                        erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen,
                        nämlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere
                        Anregung ein. So entsteht der Entschluß, die dem Rigaischen Meerbusen
                        vorgelagerte Insel Ösel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen
                        Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte
                        Petersburg unter Einsatz nur geringer Kräfte. </p>
                    <p> Die Operation gegen Ösel zeigt die einzige völlig gelungene Unternehmung
                        beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um <pb n="258"/><anchor id="p258"/>ein Zusammenwirken von Heer und Flotte handelte. Die
                        Verwirklichung des Planes wurde anfänglich durch ungünstiges Wetter derartig
                        in Frage gestellt, daß wir schon daran dachten, die eingeschifften Truppen
                        wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt besserer Witterung läßt uns dann die
                        Ausführung wagen. Sie verläuft von da ab nahezu mit der Genauigkeit eines
                        Uhrwerks. Die Marine entspricht den hohen Anforderungen, die wir hierbei an
                        sie stellen müssen, in jeder Richtung. </p>
                    <p> Wir gelangen in den Besitz von Ösel und der benachbarten Inseln. In
                        Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder und
                        zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront lockert
                        sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, daß Rußland zu sehr von
                        inneren Aufregungen verzehrt wird, als daß es noch imstande wäre, in
                        absehbarer Zeit nach außen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen. Was
                        mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der roten
                        Flut immer stärker umbrandet; Stück auf Stück wird von den Grundpfeilern des
                        Staates weggerissen. </p>
                    <p> Unter unseren letzten Schlägen wankt der Koloß nicht nur, sondern er berstet
                        und stürzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu. </p>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="259"/><anchor id="p259"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Angriff auf Italien</head>
                    <p> Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst
                        ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner
                        früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht
                        darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines
                        Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine
                        Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte
                        Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine Anschauungen
                        in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917
                        für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges
                        eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen würde; ich
                        glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, daß wir
                        lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche
                        Kräfte der gefährlichen Lage unserer Westfront entziehen dürften. Die Gründe
                        meiner nunmehrigen Befürwortung unserer Beteiligung an einer solchen
                        Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser
                        österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin auf, daß er nicht
                        mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen Angriff an der Isonzofront
                        auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns militärisch wie politisch von
                        gleich großer Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der
                        Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten
                        österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war <pb n="260"/><anchor id="p260"/>einer etwaigen Niederlage an der italienischen
                        Front gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem
                        galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie
                        mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien behalten“,
                        war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches Spottwort.
                        Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die italienische Grenze
                        immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das heißt gegen Rußland,
                        focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit
                        dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise
                        alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich großer Hingabe.
                        Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt hatten, leisteten
                        gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermaßen ein kriegerisch
                        einigendes Band für die ganze Monarchie. Was würde eintreten, wenn auch
                        dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in dem Zeitpunkt, von dem wir
                        sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht
                        wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. Alle bisherigen Geländeverluste
                        waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen
                        Erfahrungen eine natürliche Folge der zerstörenden Wirkung der
                        Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. Jetzt aber waren die
                        österreichischen Widerstandslinien an den äußersten Rand zurückgedrängt.
                        Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelände, so wurde
                        für Österreich die Lage vorwärts Triest unhaltbar. Triest ist also
                        ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt fällt. Wie Sebastopol den
                        Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Österreich
                        entscheiden zu können. Triest ist für die Donaumonarchie nicht nur eine
                        ideale Größe sondern auch ein höchst realer Wert. An seinem Besitz hängt
                        auch in der Zukunft ein großer Teil der wirtschaftlichen Freiheit des
                        Landes. Triest muß also gerettet werden, und da es nicht anders möglich ist,
                        mit deutscher Hilfe. </p>
                    <pb n="261"/><anchor id="p261"/>
                    <p> Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg
                        an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der
                        Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls
                        imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren
                        Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der österreichisch-ungarischen
                        Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna
                        gegenüber gestanden und am Isonzo schwer geblutet.
                        Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich größten
                        Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer
                        mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und zwar in
                        einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder
                        an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar übertraf.
                        Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der
                        Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte
                        doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und
                        Schnees hinauf. </p>
                    <p> Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke:
                        Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen
                        Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung
                        entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die
                        strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen
                        gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie ein
                        offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir auf
                        ihre Durchführung verzichten! </p>
                    <p> Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren
                        Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen
                        Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in Rücksicht
                        auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen Zahl
                        deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von Conrad für
                        einen wirkungsvollen, durch<pb n="262"/><anchor id="p262"/>schlagenden
                        Angriff aus Südtirol heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten
                        hatte. Stärkere Kräfte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur
                        Verfügung stellen, wenn wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der
                        Wahrscheinlichkeit rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich
                        genötigt sehen würden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten
                        einige Divisionen aus ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden.
                        Gegen den Plan einer Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das
                        Bedenken, daß ein früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger
                        Aufmarsch beendet war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit
                        einem kleineren Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front
                        an dem offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um
                        dann gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen
                        vernichtenden Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden
                        Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte. </p>
                    <p> Am 24.&nbsp;Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es
                        Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter Preisgabe
                        von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer Mengen
                        Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in
                        engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte französische und
                        englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Flügel der
                        neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken der venezianischen
                        Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin
                        beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand
                        auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich mußte
                        mich überzeugen, daß unsere Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr
                        ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zäheste Wille der an
                        Ort und Stelle befindlichen Führung wie ihrer Truppen mußte vor dieser
                        Tatsache die Waffen sinken lassen. </p>
                    <pb n="263"/><anchor id="p263"/>
                    <p> So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich
                        mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der
                        große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere
                        prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge
                        zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres
                        Führers. </p>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="264"/><anchor id="p264"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Im Westen</head>
                        <p> Während wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu
                            an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England
                            und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für
                            uns die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres. </p>
                        <p> Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen
                            Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und
                            ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere
                            Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden
                            könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse
                            Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste
                            Anstrengung, einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu
                            führen, bevor die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie
                            fühlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres
                            Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlaßt sah,
                            die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu
                            erzwingen. </p>
                        <p> Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen,
                            wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite
                            durchgekämpft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das <pb n="265"/><anchor id="p265"/>Gelände in erster Linie dem Verteidiger bot,
                            unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite
                            gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr
                            auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses
                            Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten
                            Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung
                            der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die
                            Kämpfe hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl
                            sagen, daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über
                            unsere Erfolge in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt
                            genießen konnten. </p>
                        <p> Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen
                            Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen
                            des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren
                            Bodenteilen füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch
                            mit Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor
                            die Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung
                            verlassen!“ Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch
                            englische Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien. </p>
                        <p> Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme
                            erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen
                            Parteien. </p>
                        <p> Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder
                            Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20.&nbsp;November
                            wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie
                            trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit
                            nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der
                            Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere
                            völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien;
                            englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der
                            Durchbruch unserer Linien schien <pb n="266"/><anchor id="p266"/>gegen
                            Jahresschluß also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom
                            Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmüden deutschen
                            Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glückte uns nach
                            mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30.&nbsp;November, mit rasch
                            herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen Einbruch
                            durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage unter
                            sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen.
                            Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und
                            unser Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges
                            vollbracht. </p>
                        <p> Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der
                            deutschen Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso
                            stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren
                            Führer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand
                            es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen
                            Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg
                            unseres Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße
                            Befriedigung. Die Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns
                            gleichzeitig eine Lehre für die Zukunft. </p>
                        <p> Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung
                            zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen,
                            schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden
                            hatte. Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht
                            gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der
                            französischen Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag
                            bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung
                            auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der
                            Lage nicht gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung
                            eines glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und
                            zwar von Kräften, die sowohl nach Zahl <pb n="267"/><anchor id="p267"/>wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem
                            Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gründlichen
                            Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint versäumt zu haben, die
                            nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchführung und Ausnutzung
                            des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den
                            erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genügten auch diesmal
                            nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstände zu
                            beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in
                            Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen
                            Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der
                            deutschen Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten
                            heften, für den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist
                            eingesetzt hatten. </p>
                        <p> Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines
                            großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses
                            Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen
                            besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks
                            nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten
                            unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine
                            starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten
                            weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und
                            leichten Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend
                            durch ihre verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte
                            sich den Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die
                            Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken
                            bedroht und verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß
                            unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug
                            über sich ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen
                            gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik
                            die Mittel zur Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen
                            Form liefern würde. </p>
                        <pb n="268"/><anchor id="p268"/>
                        <p> Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und
                            Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei
                            Fuß zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am
                            22.&nbsp;Oktober nordöstlich von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie
                            unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und
                            verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich
                            die französische Führung aber in der zweiten Jahreshälfte auf örtliche
                            Angriffe, wohl gezwungen durch die mörderischen Verluste, die sie im
                            Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht rätlich erscheinen ließen,
                            ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschütterungen auszusetzen. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Auf dem Balkan</head>
                        <p> Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während
                            der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem
                            Kriegsschauplatz nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte
                            anscheinend mit diesen Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im
                            Gegenteil eine merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges
                            Brachlegen seiner Kräfte für die Gesamtlage hinauslief. </p>
                        <p> Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische
                            Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland
                            erhielten, ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen
                            würde, kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die
                            sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts
                            anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem
                            mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im
                            Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des
                            Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen
                            Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten
                            vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <pb n="269"/><anchor id="p269"/>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>In Asien</head>
                        <p> Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das
                            Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen
                            und treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die
                            Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien
                            sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans
                            ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der
                            Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge
                            beschäftigen. </p>
                        <p> Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an
                            Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in
                            den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise
                            auch in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen
                            schriftlichen Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in
                            Anspruch zu nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das
                            weitere vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig
                            zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen
                            Jugend schrieb mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg
                            entscheidet sich bei Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es
                            galt zunächst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten
                            Zone, nördlich von Aleppo, entdeckt. </p>
                        <p> Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es
                            lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem
                            Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das
                            Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege
                            bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht,
                            ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land
                            südlich des Taurus war für die <pb n="270"/><anchor id="p270"/>Türkei
                            mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Engländern gelang, im
                            Golf von Alexandrette zu landen und in östlicher Richtung vorzudringen.
                            Damit wäre die Lebensader der ganzen transtaurischen Türkei, durch die
                            frisches Blut und andere Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen
                            sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden.
                            Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch
                            lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenügend
                            vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich geführten gegnerischen
                            Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befähigen. </p>
                        <p> Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee
                            anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies.
                            Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort
                            nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz
                            bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der
                            kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir
                            gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der
                            Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“ </p>
                        <p> War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß
                            diese ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen
                            blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische
                            Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten
                            Völkergemisch größere Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es
                            schien ausgeschlossen, daß die englische Oberste Kriegsleitung nicht
                            genaue Kenntnis von den Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt
                            haben sollte. England konnte auch nicht befürchten, daß es mit einem
                            Vorstoß aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde;
                            das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine
                            glänzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat
                            würde auf der ganzen Welt den größten Eindruck gemacht und ihre
                            tiefgreifende <pb n="271"/><anchor id="p271"/>Wirkung auf unseren
                            türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben. </p>
                        <p> Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die
                            Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch
                            lähmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren
                            Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein
                            solches Unternehmen gewagt hätte. </p>
                        <p> Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage
                            „vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir
                            bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische
                            Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene
                            Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der
                            Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige
                            Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen
                            Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich
                            habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel
                            zu setzen.“ </p>
                        <p> Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien
                            abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England
                            verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren
                            und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor
                            die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so
                            mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den
                            Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die
                            deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England
                            wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen. </p>
                        <p> Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen
                            Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden
                            Mühe, die türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches
                            Zurückwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der
                            Einnahme von Bagdad war bei <pb n="272"/><anchor id="p272"/>Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur Erreichung
                            dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im
                            Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem
                            bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren
                            kriegerischen Bewegungen erlahmt. </p>
                        <p> Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu
                            müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende
                            Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im
                            deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm
                            verknüpft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt
                            hätte, statt sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach
                            unpolitischer deutscher Art. </p>
                        <p> Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien
                            nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der
                            Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung
                            den Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz
                            aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres
                            Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen
                            Verlust sehr belastet wurde. </p>
                        <p> Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung
                            Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen,
                            nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung
                            jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war.
                            Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers
                            entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem
                            Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge
                            gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus
                            notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze
                            des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur
                            gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an
                            den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden. <pb n="273"/><anchor id="p273"/>Eine türkische Führung würde an der Erfüllung
                            dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein. </p>
                        <p> Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den
                            General von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich
                            schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres
                            1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über
                            seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil
                            General von Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht
                            die Gewähr vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand.
                            Unterlag es doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer
                            Zeit an England verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen
                            englischen Angriff in Syrien herausfordern mußte. </p>
                        <p> General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation
                            durchführbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten
                            Anforderungen. Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die
                            wir noch zur Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen
                            hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen
                            Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach
                            Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem
                            wärmsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren
                            Reihen nochmals bewährt und sich als ein durchaus brauchbares
                            Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muß dabei freilich
                            hervorheben, daß Enver Pascha uns die besten seiner verfügbaren Truppen
                            für die Ostfront und Rumänien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser
                            Korps durfte also nicht als Maßstab für die Güte und Verwendbarkeit des
                            gesamten türkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit
                            der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und
                            Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der
                            gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre
                            reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder <pb n="274"/><anchor id="p274"/>fanden Kameradschaft und Nächstenliebe
                            zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut. </p>
                        <p> Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen
                            besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad
                            bilden würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die
                            Truppen waren kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder
                            zerfielen, ein Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf
                            die türkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten
                            der großen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente
                            gegenüber eine besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende
                            Ausnahme. Das osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um
                            wirklich zu Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des
                            Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich
                            besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche
                            Erscheinung, wie sie bei jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten
                            und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische
                            Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte.
                            Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Türkei im
                            Verlauf des Krieges angenommen hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen
                            Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die
                            Dörfer von jeder männlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem
                            Greisenalter entblößt waren. Das wird begreiflich, wenn man hört, daß
                            die Verteidigung der Dardanellen den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den
                            Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden. </p>
                        <p> Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen
                            von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem
                            sogenannten Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande
                            aufregen zu müssen geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so
                            fernliegende Zwecke zur Verfügung stellten, <pb n="275"/><anchor id="p275"/>anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu
                            verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und
                            etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners
                            gewählt; ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher
                            bekannt geworden. Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit
                            weniger um zahlenmäßige Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum,
                            ihnen sittliche und geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen
                            zuzuführen. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend
                            gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor
                            den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller
                            deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: „Meine Bulgaren
                            wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und
                            Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch hier wurde also die
                            Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die Worte faßte, daß der
                            stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für das Ganze sei, als
                            die rohe Kraft. </p>
                        <p> Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den
                            letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen
                            zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt
                            der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd
                            im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front
                            diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit
                            geführt werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur
                            Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt
                            werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in
                            Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher
                            meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt
                            würden, damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum
                            Angriff übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden
                            Bahnbetrieb und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr
                            verbessern <pb n="276"/><anchor id="p276"/>zu können, daß eine
                            wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernährt und
                            mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden könnte. </p>
                        <p> Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für
                            General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer
                            Anfang November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza
                            zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen;
                            Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab
                            kam wieder mehr Halt in die türkischen Linien nördlich
                            Jaffa-Jerusalem-Jericho. </p>
                        <p> Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz
                            besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische
                            Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel
                            ausüben würden, so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die
                            Erscheinung; eine merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der
                            gefürchteten Erregung. </p>
                        <p> Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den
                            Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte.
                            Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker
                            als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung
                            für die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom
                            militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig! </p>
                    </div>
                    <div>
                        <pb n="277"/><anchor id="p277"/>
                        <index index="pdf" level1="Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern Ende 1917"/>
                        <head>Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917</head>
                        <p> Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik
                            bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann
                            aber die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben
                            möchte, nicht allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich,
                            wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen
                            vermögen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach
                            dem „Wie?“ auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den
                            man jetzt schon zur Auskunft dringend benötigte, für immer still
                            geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild,
                            sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr für eine
                            Charakterzeichnung als für ein vollendetes Gemälde. Scheinbar
                            willkürlich setze ich an, wenn ich mich zunächst dem Orient zuwende. </p>
                        <p> „Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der
                            Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei
                            politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die
                            Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten
                            zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte!
                            Eine für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt
                            hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an
                            den türkischen Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne
                            den Hauptkörper verschlingen zu können! </p>
                        <pb n="278"/><anchor id="p278"/>
                        <p> Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in
                            diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte,
                            ein Rätsel! Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse,
                            selbstsüchtig und unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein
                            großer Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus
                            Völkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein
                            gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt
                            staatliche Kräfte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre
                            Grenze zu haben; über Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher
                            türkischer Einfluß, und trotzdem stehen immer noch türkische Armeen in
                            dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort haßt den
                            Türken, der Türke den Araber. Und doch schlagen sich arabische
                            Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und laufen nicht in Massen
                            zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern
                            wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In
                            dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man
                            meinte, den von den Türken geknechteten und ausgepreßten arabischen
                            Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben sich diese Erlösten und
                            wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muß also doch eine Macht
                            vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine
                            zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein politisches
                            Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die Gewalt der
                            türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschließlich
                            liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie
                            brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen feindwärts zu
                            verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu erheben. Und
                            doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens,
                            der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gründen und
                            bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis der
                            osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der
                            Meinungen ungelöst lassen. </p>
                        <pb n="279"/><anchor id="p279"/>
                        <p> So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also
                            nicht sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den
                            pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit
                            großen Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in
                            Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen
                            Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer
                            Verstand. Schade, daß er nicht einem Boden mit gesünderen Kräften
                            entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem
                            Kopfe, und dabei sorgte er für tausenderlei, dachte weit über den Krieg
                            hinaus nationale, schöne Gedanken! Was ihn damals am meisten
                            beschäftigte, worin gleichzeitig seine größte Macht lag, das war die
                            Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki
                            entfernt, so hätte die türkische Armee Mangel an allem gelitten; sie
                            hätte noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon mußte, und
                            Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand
                            sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte,
                            sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht
                            funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf
                            geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der größeren Städte
                            lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften
                            Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und halfen trotz der
                            eigenen Not. Freilich würde das, was wir für Konstantinopel geliefert
                            haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Hätten wir
                            die Lieferungen verweigert, so hätten wir die Türkei verloren. Denn ein
                            verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, trotz aller
                            Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon
                            vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen die starken
                            Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch geschäftlichen
                            Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Strömungen
                            bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre Strudel werden
                            manchmal oben <pb n="280"/><anchor id="p280"/>sichtbar, wenn sie
                            versuchen, die jetzigen führenden Männer in die Tiefe zu ziehen. </p>
                        <p> Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß
                            ihnen, wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal
                            nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das
                            Heer, das an seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch
                            innerlich aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise
                            die Truppe. An ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des
                            jetzigen Krieges, der mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem
                            Balkan, sich für so viele türkische Soldaten zu einem großen
                            ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat,
                            nach Weib und Kind – auch der Islam kennt diese Sehnsucht – treibt
                            Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die
                            in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis
                            Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber streiten, ob die Zahl
                            türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000
                            oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so
                            groß, wie die Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein
                            schönes Bild und doch – die Türkei hält noch immer stand und erfüllt
                            ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach
                            bestem Können! </p>
                        <p> Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das
                            sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn
                            das Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich
                            geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen
                            des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen:
                            „Wir verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein
                            eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man
                            nicht gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim
                            Übergang aus türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen
                            Freiheit einer erziehenden, <pb n="281"/><anchor id="p281"/>straff
                            organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preußen
                            sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm&nbsp;I., der die eisernen Träger
                            schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte.
                            Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele
                            Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung,
                            nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große
                            Zukunft, völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl
                            aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein
                            Mittel, auch das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man
                            vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein
                            gefährliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein
                            beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat
                            gefährliche Geister beschworen, um auf die Türkei und uns einen Druck
                            auszuüben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die
                            aus Parteizwecken den Haß gegen die Verbündeten und ihre Vertreter
                            predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste,
                            in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben und ihre endgültige
                            Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein Rückzug unsererseits
                            aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist es, daß sofort nach
                            unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit
                            schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine
                            agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf
                            mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien
                            hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge des
                            Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden. </p>
                        <p> Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn
                            sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das
                            Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an
                            allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden
                            Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als
                            zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, <pb n="282"/><anchor id="p282"/>scheuen auch die Mühe, sie zu verwirklichen.
                            Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu nörgeln, der im
                            Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam eroberten Lande –, der
                            vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze
                            kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der
                            bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung,
                            nur selbst ernähren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen
                            auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien
                            herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den
                            kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in dem
                            Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten
                            einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus
                            Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen.
                            Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen
                            Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an
                            Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer
                            deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der
                            bulgarischen Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So
                            verlassen die bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das
                            sie seiner Zeit fast widerwillig hinübergegangen waren. </p>
                        <p> Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf
                            weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen
                            politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann
                            aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen
                            und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den
                            bulgarischen Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren
                            Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man
                            besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die
                            Parteien fordern jetzt verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine
                            Außenpolitik wird als großzügig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt
                            noch zu, aber er <pb n="283"/><anchor id="p283"/>scheint nicht mehr der
                            Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine
                            Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder
                            kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der
                            Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles
                            soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom
                            höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das
                            parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen,
                            jetzt mitten im Kriege! </p>
                        <p> Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten
                            im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon
                            darüber gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden
                            tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte.
                            Nun wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und
                            kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein
                            einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder
                            wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser
                            Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere
                            Spaltungen und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung
                            vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch
                            die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien
                            hungert, während Budapest genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt
                            fast den Erschöpfungstod, während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum
                            Unglück ist die Ernte teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere
                            Krisis und wird sie noch mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn
                            nicht, wie in der Türkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches
                            zwischen Überschuß- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen
                            Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte
                            Übel der inneren politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden
                            Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung
                            übertragen. Kein Wunder, <pb n="284"/><anchor id="p284"/>daß die
                            Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des
                            Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend
                            als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die
                            Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der
                            Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der
                            Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und
                            zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten
                            Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von
                            Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr
                            wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft,
                            als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen,
                            die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger
                            Widerstand zu leisten. </p>
                        <p> Und nun zu unserer eigenen Heimat: </p>
                        <p> Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe,
                            vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere
                            Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet
                            durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich
                            angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg
                            geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern
                            immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung
                            des Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des
                            Vaterlandes. Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere
                            Kämpfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder
                            emporzureißen, mußte zu einer Schwächung unserer politischen und
                            militärischen Stoßkraft führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte
                            ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, daß die
                            Einheitlichkeit, die wir an der Front nötig hatten, in der Heimat
                            zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß wir in dieser Richtung unsern
                            Feinden gegenüber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, daß <pb n="285"/><anchor id="p285"/>wir den entgegengesetzten Weg gingen
                            wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem
                            Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine
                            Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch
                            einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch
                            wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte
                            gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages
                            seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt. </p>
                        <p> Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren
                            bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des
                            politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete
                            sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links.
                            Die Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der
                            Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren,
                            wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer
                            schwierigen äußeren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung
                            immer weitere Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten
                            parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege
                            an innerer Festigkeit verlieren. Die Zügel der Staatsleitung gerieten
                            allmählich in die Hände extremer Parteien. </p>
                        <p> Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr.&nbsp;Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein
                            vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt
                            herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die Verhältnisse sollten
                            sich stärker erweisen als sein guter Wille. </p>
                        <p> Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder
                            gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich,
                            trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die
                            bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich,
                            daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um
                            Parteiinteressen und Parteidogmata vergaß oder <pb n="286"/><anchor id="p286"/>diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darüber jubelten
                            unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu
                            schüren. </p>
                        <p> Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster
                            Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend
                            auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den
                            Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in
                            Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit
                            der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät
                            den Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes
                            aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes
                            in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine
                            letzten Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein
                            felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere
                            Zukunft überdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die
                            parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der
                            Lage gegenüber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit
                            der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von früher übernommenes
                            Mißtrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine
                            Verehrung für den Grafen wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb
                            bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte. </p>
                        <p> Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am
                            Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht
                            verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen
                            Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang
                            ungesättigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen
                            höheren Schwung, drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die
                            große Menge denkt auch bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung
                            nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die
                            sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen.
                            Dieses Leben muß aber <pb n="287"/><anchor id="p287"/>unter solchen
                            Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und
                            seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung fehlt es
                            aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst anderes
                            denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die
                            Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter
                            dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen
                            ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als
                            fruchtbaren Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen
                            ausnützen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter
                            wuchert, weil sich keine Hände finden, das Unkraut auszureißen. </p>
                        <p> Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden
                            für Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der
                            Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt. </p>
                        <p> Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf
                            sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er
                            kann auch niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche,
                            selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom
                            Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon
                            verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und
                            trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld. </p>
                        <p> Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist
                            eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges
                            zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser
                            Krieg tat dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper,
                            sondern auch die Seelen. </p>
                        <p> Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine
                            Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch
                            durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“
                            nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit
                            wenigstens in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht
                            kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland <pb n="288"/><anchor id="p288"/>wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn wie in
                            Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur hinter
                            unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen im
                            Irak und in Syrien herab. </p>
                        <p> Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda.
                            „Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer
                            als das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer
                            Auffassung, die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen,
                            ehrlichen Kampfe zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch
                            Siege des tapfer geführten Schwertes niederzuzwingen. </p>
                        <p> Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns
                            feindlichen Staaten: </p>
                        <p> Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich
                            für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur
                            blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den
                            anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise
                            Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst
                            lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und
                            unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold! </p>
                        <p> Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt,
                            die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres
                            Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem
                            bisherigen Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich
                            blutet aus tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es
                            den offenen Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird
                            weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in
                            dem wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da
                            greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein.
                            Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den <pb n="289"/><anchor id="p289"/>Frieden ersehnen, im Lande der
                            republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig
                            in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter
                            gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten
                            antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und Pazifizismus“
                            als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen die
                            doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker
                            schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein
                            rechter Name ist Feigheit, d.&nbsp;h. übertriebene Liebe des Individuums zu
                            sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt,
                            das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem
                            „Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des
                            Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von
                            Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte? </p>
                        <p> Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917
                            besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den
                            Pariser, entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle
                            noch möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die
                            Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so
                            lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß
                            die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im
                            Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange
                            kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen. </p>
                        <p> Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie
                            erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen
                            läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens,
                            doch keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen
                            wollen“. </p>
                        <p> Wie steht es in England? </p>
                        <p> Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor
                            einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, <pb n="290"/><anchor id="p290"/>es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im
                            Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen „Schwächeanfall“ überwunden.
                            Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des
                            allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert
                            werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertönte. Aber sie
                            verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die
                            das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem
                            Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im
                            Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine
                            Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich
                            noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde,
                            einem politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der
                            Gedanke an das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller
                            Geschlossenheit wieder empor. Man erträgt wiederum williger das
                            Entbehren von Genüssen, verzichtet leichter auf bisherige
                            Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, daß die
                            Vorhersage in Erfüllung geht, nach einem glücklichen Ende dieses Krieges
                            würde jeder einzelne Engländer reicher sein. Zur wirtschaftlichen
                            Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Engländers.
                            Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, daß der Krieg nicht doch
                            noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917
                            wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drüben
                            kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet. </p>
                        <p> Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien.
                            Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne
                            zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus
                            Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen
                            Blutvergießen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser
                            Heimatland an und begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit
                            deutschen Gesängen. Wenn auch <pb n="291"/><anchor id="p291"/>die
                            Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk
                            erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren muß. Der
                            italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war
                            sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich durch
                            den Anblick einer lockenden, reichen Beute. </p>
                        <p> Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom
                            fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere
                            Vermutung. Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in
                            den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in
                            diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr
                            blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange
                            der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man
                            begreift den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte
                            Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum
                            Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates.
                            Man fühlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf
                            für ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes
                            nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen
                            spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes
                            geworfen. </p>
                        <p> Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein
                            Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig
                            ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen
                            Verbündeten mit sich gerissen. </p>
                        <p> So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am
                            Ende des Jahres 1917. </p>
                        <p> Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage
                            vorgelegt: „Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen
                            rücksichtslosen politischen Forderungen uns gegenüber nichts nachließ,
                            trotz seiner vielen militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des
                            Ausscheidens Rußlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch <pb n="292"/><anchor id="p292"/>zweifellos tiefgreifenden Wirkung des
                            Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit für einen
                            Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen
                            Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18.&nbsp;Januar 1918 unter
                            dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden
                            zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren
                            konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten
                            durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall
                            tief in Feindesland stand?“ </p>
                        <p> Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende: </p>
                        <p> Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die
                            Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der
                            inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer
                            Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im
                            Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese
                            Schwächen aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und
                            seinen Willen zum Siege. </p>
                        <p> Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar
                            günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten
                            vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und
                            seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände
                            vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als
                            noch nicht so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre,
                            sich zu beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie
                            für den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine
                            Eitelkeit befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle
                            der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland
                            nützte oder schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem
                            er vielfach lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte,
                            gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und
                            setzte voraus, daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall
                            für ihn dann erledigt. </p>
                        <pb n="293"/><anchor id="p293"/>
                        <p> Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr
                            geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer
                            Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem
                            Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien
                            Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten
                            Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19.&nbsp;Juli 1917 die
                            Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen
                            der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß
                            unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution
                            ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des
                            Krieges sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer
                            Unterseebootkriegführung eine große Rolle spielten. Man konnte über die
                            Berechtigung zu einem solchen Mißtrauen unserer Lage gegenüber
                            verschiedener Anschauung sein – bekanntlich beurteilte ich sie
                            günstiger – aber für völlig verfehlt glaubte ich die Art und Weise
                            beurteilen zu müssen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu
                            einem solchen Schritte entschloß. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner
                            bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh
                            gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem
                            Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen können, schrien wir ihnen
                            unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit
                            denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu
                            fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager hätten
                            täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe Krieg!“
                            das Echo: „Wir suchen Frieden!“ </p>
                        <p> Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom
                            Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen
                            Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in
                            die Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr
                            in unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage! </p>
                    </div>
                </div>
                <pb n="294"/><anchor id="p294"/>
            </div>
            <div rend="page-break-before:right">
                <pb n="295"/><anchor id="p295"/>
                <index index="pdf" level1="Vierter Teil: Entscheidungskampf im Westen"/>
                <head>Vierter Teil</head>
                <head>Entscheidungskampf im Westen </head>
                <pb n="296"/><anchor id="p296"/>
                <p/>
                <div rend="page-break-before:right">
                    <pb n="297"/><anchor id="p297"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Die Frage der Westoffensive</head>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Absichten und Aussichten fuer 1918"/>
                        <head>Absichten und Aussichten für 1918</head>
                        <p> Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden
                            Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an
                            mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des
                            Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte. </p>
                        <p> Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und
                            spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst
                            zu den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende: </p>
                        <p> Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen
                            Machtlosigkeit Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage
                            Italiens derartig militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht
                            schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu
                            ertragen. Bulgarien hielt ich für durchaus imstande, den Ententekräften
                            gegenüber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen
                            Kampfkräfte, die noch gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer
                            Zeit vollständig für Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die
                            Türkei war durch den Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend
                            entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend
                            Kräfte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu
                            verstärken. </p>
                        <pb n="298"/><anchor id="p298"/>
                        <p> Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer
                            Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der
                            zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen
                            Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir
                            selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine
                            solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie
                            wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen.
                            Mit Hilfe dieser Kräfte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige
                            Überlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male während des ganzen Krieges
                            auf einer unserer Fronten eine deutsche Überlegenheit! Sie konnte
                            freilich nicht so groß sein, als es diejenige war, mit der England und
                            Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich
                            bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkräfte nicht hin, um
                            die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und
                            Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande,
                            an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Überwältigung der
                            feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen
                            Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen. </p>
                        <p> Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch
                            unter diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die
                            Bedenken, ob uns ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering.
                            Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten
                            konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was
                            hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit
                            seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen
                            Hekatomben von Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von
                            etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen.
                            Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten,
                            es mußte jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die
                            unsern wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten
                                <pb n="299"/><anchor id="p299"/>konnten wir ein entscheidendes Ziel
                            nie erreichen. Wir hatten für die Führung solcher Kämpfe weder die
                            Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher rückte der Augenblick,
                            an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich auf dem Plan
                            erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig
                            wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse in
                            Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden. </p>
                        <p> Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder
                            mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern
                            doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu
                            erteilen, aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte:
                            „Vertrauen“. Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage
                            Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es
                            war das Vertrauen, mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche
                            Feuer entläßt, überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das
                            Unmöglichscheinende möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen,
                            das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront
                            einer ungeheuren, fast übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um
                            anderwärts Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns
                            wagen ließ, mit Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen
                            Kriegsschauplätzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen. </p>
                        <p> Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der
                            Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die
                            Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des
                            Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der
                            Spott eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in
                            die Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu
                            dürfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit
                            seinem ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die
                            jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden. </p>
                        <pb n="300"/><anchor id="p300"/>
                        <p> Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und
                            weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren
                            ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem
                            dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die
                            Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg
                            noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch
                            tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so
                            reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders
                            sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des
                            Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer
                            deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in
                            dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller
                            politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken
                            des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten. </p>
                        <p> Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer
                            Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland
                            und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen?
                            „Waffenstreckung?“ Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben,
                            daß unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden.
                            Gerieten wir nur erst einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens,
                            hörte die straffe Spannung unserer Kräfte auf, dann war kein anderes
                            Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir
                            vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten.
                            So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich
                            später. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder
                            Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Äußerten sich jemals unsere Gegner
                            in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn
                            eine solche also wirklich irgendwo friedensverheißender ertönt sein
                            sollte, dann durchdrang sie nicht <pb n="301"/><anchor id="p301"/>die Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag. </p>
                        <p> Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen
                            kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir
                            hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten
                            wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken:
                            Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir
                            mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben.
                            Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum
                            Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere
                            Schläge an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis
                            unser Endziel erreicht war. </p>
                        <p> Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein
                            völliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns
                            das Tor zu freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der
                            Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl
                            der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt.
                            Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem
                            Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer
                            die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich
                            darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein
                            bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war,
                            wie in England. </p>
                        <p> Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir
                            unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der
                            Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte.
                            Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete
                            zu schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und
                            ich glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde.
                            Derartige Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung
                            ganz selbstverständlich. Sie <pb n="302"/><anchor id="p302"/>hatten
                            ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch
                            ein mehrjähriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht völlig
                            ersetzen. Was dem Engländer an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er
                            wenigstens teilweise durch seine Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe
                            und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die
                            englischen Truppenverbände waren von verschiedenem Werte. Die
                            Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf
                            zurückzuführen ist, daß die dortige Bevölkerung vorwiegend eine
                            agrarische ist. </p>
                        <p> Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer
                            Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung
                            als dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie
                            Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische
                            Infanterist in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser
                            Beziehung auch die französischen Truppenverbände je nach den
                            Landesteilen, aus denen sie sich ergänzten, verschieden. </p>
                        <p> Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der
                            französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder
                            der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde.
                            Daß dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der
                            Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs
                            vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als
                            selbstverständlich. </p>
                        <p> Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der
                            Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner
                            sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front
                            massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der
                            Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im
                            übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig
                            verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der
                            Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei
                            dieser Stadt <pb n="303"/><anchor id="p303"/>war infolge unseres
                            Gegenstoßes vom 30.&nbsp;November 1917 nur noch flach; er war aber
                            ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrückte,
                            taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine
                            solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. Es war
                            allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum Beginn
                            unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise bestehen
                            bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen
                            unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine bedeutungsvolle
                            Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine solche
                            Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir
                            selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen
                            Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem
                            Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir
                            imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe
                            festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen
                            unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung
                            hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede
                            Veränderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar
                            bei seinen Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die
                            ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen,
                            auf Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten
                            wir, auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen.
                            Dieses Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf
                            eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden
                            durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer
                            Truppen überlassen werden. </p>
                        <p> Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung
                            sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die
                            Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt
                            und in zusammenfassenden Vor<pb n="304"/><anchor id="p304"/>schriften
                            ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt
                            des Angriffes in dünne Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte
                            Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von
                            Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht
                            wurden. Solche dünne Infanterielinien waren freilich nur dann
                            angriffsfähig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir
                            entsagten demnach völlig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der
                            einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkämpfer den Angriffstrieb
                            erhält, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten
                            reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen
                            gegen uns in die Erscheinung getreten war. </p>
                        <p> Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen
                            Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in
                            erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl
                            auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und
                            die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir
                            allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen
                            Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung
                            darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien
                            hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des
                            Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so
                            erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen. </p>
                        <p> Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres
                            Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung
                            unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug
                            natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten
                            aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven
                            Musketier die Arbeit zu erleichtern. </p>
                        <p> Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von
                            uns in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es <pb n="305"/><anchor id="p305"/>uns zur selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren
                            Kräfte für das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den
                            übrigen Kriegsschauplätzen entbehrlich machen konnten. </p>
                        <p> Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und
                            wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei
                            Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen
                            nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang
                            darstellen und beginne mit dem Osten: </p>
                        <p> Am 15.&nbsp;Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand
                            geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres
                            hatten wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles
                            unserer Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und
                            kampffähigen Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen
                            Abrechnung mit Rußland und Rumänien zurückbleiben. </p>
                        <p> Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen
                            haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet
                            worden wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in
                            Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre.
                            Die breiten Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen
                            Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch
                            Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschütteln. Der Friede
                            auf Erden sollte durch Massenmord am Bürgertum gesichert werden. Die
                            russischen Unterhändler, allen voran Trotzki, würdigten den
                            Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger Gegner sich
                            vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. Unter diesen
                            Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine
                            Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki
                            aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die
                            politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer Heere
                            tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen schlimmer
                            zu werden <pb n="306"/><anchor id="p306"/>als ein Waffenstillstand.
                            Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der
                            Friedensfragen darüber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die
                            Oberste Heeresleitung darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie die
                            Gefahren erkannte und vor ihnen warnte. </p>
                        <p> Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in
                            Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die
                            Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen
                            Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die
                            Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am
                            10.&nbsp;Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im
                            übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in
                            diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten
                            Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der
                            Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente
                            wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der
                            damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der
                            Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der
                            Obersten Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am
                            13.&nbsp;Februar, daß die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen
                            seien. </p>
                        <p> Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen
                            feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr
                            drohende Gefahr. Am 3.&nbsp;März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen
                            dem Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische
                            Macht war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große
                            Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen
                            russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein
                            tiefer Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die
                            Abtrennung der Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die
                            Friedensbedingungen war für mich in erster Linie ein militärischer
                            Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdrücken darf, weites
                            Vorfeld jenseits unserer <pb n="307"/><anchor id="p307"/>Grenzen gegen
                            Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die
                            Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt
                            ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte
                            deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte. </p>
                        <p> Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen
                            mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten
                            äußerst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst
                            einmal mit den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem
                            abschließenden Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles
                            in größter Gärung, und ich persönlich glaubte nicht an eine längere
                            Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors. </p>
                        <p> Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht
                            möglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern.
                            Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal
                            überlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den
                            bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Ländern forderte
                            gebieterisch das Belassen stärkerer deutscher Truppen im Osten. Auch
                            waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir
                            mußten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen
                            Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten
                            wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie
                            für Österreich-Ungarn, dann aber auch für unsere Heimat, ferner
                            Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und Kriegsbedürfnisse für unser
                            Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen
                            Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine Rolle. </p>
                        <p> Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische
                            Unterstützung, die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem
                            Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen.
                            Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte <pb n="308"/><anchor id="p308"/>Räumung des Landes nicht durchgeführt. Wir
                            hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere Seite zogen, der
                            Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der
                            Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der Murmanküste her aufs
                            äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine
                            Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall wichtig wurde, daß das
                            bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen
                            sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte sich hierfür um kaum eine
                            Division, lohnte sich für uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige
                            Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes
                            entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus mit den
                            Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen. </p>
                        <p> Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden
                            größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts
                            unseres Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu
                            einem friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten
                            bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine
                            gewisse Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres. </p>
                        <p> Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen
                            Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des
                            Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht
                            durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu
                            beherrschen. </p>
                        <p> Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem
                            Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien
                            frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu
                            stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte
                            sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen
                            im Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung
                            des Landes das gesamte <pb n="309"/><anchor id="p309"/>italienische
                            Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen
                            und französischen Truppen zu binden oder gar Kräfte derselben durch
                            erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die
                            Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht
                            größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. Wir
                            beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer
                            Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz
                            ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und
                            mit allen seinen Kräften vertreten hätte. </p>
                        <p> Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer
                            Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl
                            für Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche
                            Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir
                            bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher
                            Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten.
                            Diese politische Erregung übte sonach auf meine militärische
                            Entscheidung über die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe
                            auf unseren künftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß. </p>
                        <p> Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen
                            mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive
                            frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei
                            verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die
                            politischen Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien
                            waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die
                            Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch
                            augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien für ebenso
                            unentbehrlich wie sein König. Die Zurückziehung der deutschen Truppen
                            von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmählich in
                            Fluß. Nur schwer entschloß sich General Jekoff auf unser wiederholtes
                            Drängen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha
                            abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer <pb n="310"/><anchor id="p310"/>deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und
                            Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich,
                            den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der
                            immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu
                            belassen. </p>
                        <p> Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser
                            Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach
                            Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden.
                            Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des
                            Jahres 1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte
                            durchzuführen. Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern
                            in Mazedonien stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen
                            ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine
                            wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu
                            können, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller
                            dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein
                            Einverständnis. Dringende militärische und politische Vorstellungen von
                            seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch
                            dieses Oberkommando beeinflußten deutschen Reichsleitung veranlaßten uns
                            indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen. </p>
                        <p> Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts
                            unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im
                            Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den
                            letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster
                            Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser
                            Frage von unserer Seite. </p>
                        <p> So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren
                            so sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem
                            Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem
                            Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns <pb n="311"/><anchor id="p311"/>vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen
                            schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten. </p>
                        <p> Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918,
                            die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als
                            mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als
                            wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll
                            gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner,
                            wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen
                            Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor
                            dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die
                            Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird
                            dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den
                            Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur
                            darin! Ich glaubte sie verneinen zu können! </p>
                        <p> Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen
                            lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den
                            Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten
                            Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu
                            führen, alle übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber
                            darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche
                            Verhältnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren
                            Kriegsaufgaben zu unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich
                            derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten.
                            Ich wies sie nach reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente
                            spielten dabei keine Rolle. Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher
                            Führung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine
                            Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft
                            über das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich über dem
                            bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im
                            Unklaren sein. Wir mußten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen <pb n="312"/><anchor id="p312"/>Ende zu kommen trachten. Das war die
                            mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer
                            Verbündeten. Man kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an
                            den äußersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit
                            herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch
                            jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen,
                            würde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher
                            Erschöpfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen
                            stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück
                            meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste
                            Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die letzte Kraft an sein Dasein und
                            seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nützen wird,
                            als wenn der Krieg in einem allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit
                            geendet hätte. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muß, wäre es doch
                            nicht entgangen, wohl aber würde ihm der erhebende Gedanke an ein
                            unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der
                            Geschichte, und da finde ich, daß der Waffenruhm von Preußisch-Eylau,
                            mochte er auch das Schicksal des alten Preußens nicht mehr haben wenden
                            können, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre
                            1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und
                            Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein
                            preußisches schlägt in diesen Bahnen! </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Spa und Avesnes</head>
                        <p> In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des
                            Kaisers am 8.&nbsp;März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt.
                            Die Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von
                            dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile
                            unserer westlichen Heeres<pb n="313"/><anchor id="p313"/>front auf
                            kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden
                            Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe folgen wollten, so wählten
                            wir außerdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der
                            Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19.&nbsp;März mit dem größten Teil
                            des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der
                            Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden
                            Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen hatten. </p>
                        <p> Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen,
                            klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in
                            Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes
                            in früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So
                            weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach
                            der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung
                            gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege
                            1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden. </p>
                        <p> Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort.
                            Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge.
                            Ich selbst befand mich dort nach 47&nbsp;Jahren wieder für längere Zeit unter
                            französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir
                            gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen
                            Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die
                            Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft,
                            die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem
                            Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden.
                            Glückliche Jugend! </p>
                        <p> Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die
                            allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in
                            das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie
                            verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgend<pb n="314"/><anchor id="p314"/>welche besondern Maßregeln für Aufrechterhaltung der
                            Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf
                            beschränken, die Ruhe für unsere Arbeit sicherzustellen. </p>
                        <p> Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern
                            verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem
                            Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der
                            wochenlange Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für
                            die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen
                            Zeiten völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa
                            durch feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers. </p>
                        <p> Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate
                            Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und
                            Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu
                            kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere
                            bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit
                            ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für
                            mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen
                            Standpunkt aus von hohem Interesse. </p>
                        <p> Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das
                            meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als
                            junger Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger
                            Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich
                            eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur
                            noch wenig übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten
                            soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum
                            ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem
                            Andenken! </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="315"/><anchor id="p315"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Unsere drei Angriffsschlachten</head>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1='Die "Grosse Schlacht" in Frankreich'/>
                        <head>Die „Große Schlacht“ in Frankreich</head>
                        <p> Noch vor unserer Abfahrt von Spa erließ Seine Majestät der Kaiser den
                            Befehl für die demnächstige große Angriffsschlacht. Ich führe diesen
                            Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt wörtlich an, um weitläufige
                            Ausführungen über unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur
                            Erläuterung bemerke ich im voraus, daß die Vorarbeiten zu dieser großen
                            Schlacht mit dem Deckwort: „Michael“ bezeichnet worden waren, und daß
                            Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefügt wurden, als sich der
                            Abschluß der Vorbereitungen einwandfrei übersehen ließ. </p>
                        <p rend="text-align: right">
                            Großes Hauptquartier, 10.&nbsp;3.&nbsp;18.
                        </p>
                        <p rend="zitat"> „Seine Majestät befehlen: </p>
                        <p rend="zitat">1. Der Michaelangriff findet am 21.&nbsp;3. statt. Einbruch in die erste
                            feindliche Stellung 9<hi rend="vertical-align: super">40</hi> vormittags. </p>
                        <p rend="zitat"> 2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnürt dabei als erstes großes
                            taktisches Ziel den Engländer im Cambraibogen ab und gewinnt&nbsp;... die
                            Linie Croisilles (südöstlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei günstigem
                            Fortschreiten des Angriffes des rechten Flügels (17.&nbsp;Armee) ist dieser
                            über Croisilles weiter vorzutragen. </p>
                        <p rend="zitat"> Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert
                            vorzustoßen, mit linkem Flügel die Somme bei Peronne festzuhalten und
                            mit Schwerpunkt auf dem rechten Flügel die eng<pb n="316"/><anchor id="p316"/>lische Front auch vor der 6.&nbsp;Armee ins Wanken zu bringen
                            und weitere deutsche Kräfte aus dem Stellungskriege für den Vormarsch
                            frei zu machen&nbsp;... </p>
                        <p rend="zitat"> 3.&nbsp;Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunächst südlich des
                            Omigonbaches (dieser mündet südlich Peronne) die Somme und den
                            Crosatkanal (westlich La Fère). Bei raschem Vorwärtskommen hat die
                            18.&nbsp;Armee (rechter Flügel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die
                            Übergänge über die Somme und die Kanalübergänge zu erkämpfen&nbsp;...“ </p>
                        
                        <p> Die Spannung, unter der wir am 18.&nbsp;März abends Spa verlassen hatten,
                            steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das
                            bisher herrliche, klare Vorfrühlingswetter war umgeschlagen. Heftige
                            Regenböen zogen über das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem
                            Avesnes und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An
                            sich konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen
                            lassen. Sie verschleierten vielleicht unsere letzten
                            Angriffsvorbereitungen. Hatten wir aber wirklich noch berechtigte
                            Hoffnung, daß der Gegner in unsere bisherigen Maßnahmen noch keinen
                            Einblick gewonnen hatte? Die feindliche Artillerie hatte sich in letzter
                            Zeit ab und zu besonders aufmerksam und lebhaft gezeigt. Das Feuer war
                            indessen immer wieder abgeflaut. Da und dort suchten feindliche Flieger
                            während der Nacht im Scheine von Leuchtkugeln einzelne unserer
                            wichtigsten Vormarschstraßen ab und schossen mit Maschinengewehren auf
                            alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab noch keinen festen
                            Anhalt für eine Antwort auf die Frage: „Kann unsere Überraschung
                            gelingen?“ </p>
                        <p> Die Angriffsverstärkungen rückten in den letzten Nächten in ihre
                            Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien
                            wurden vorgezogen. Keine wesentliche Störung durch den Gegner! An
                            einzelnen Stellen unternahm man es, schwere <pb n="317"/><anchor id="p317"/>Geschütze bis an die Hindernisse vorzuschieben und sie
                            dort in Geschoßtrichtern unterzubringen. Man glaubte Überkühnes wagen zu
                            sollen, um der stürmenden Infanterie die artilleristische Unterstützung
                            während ihres Durchbruches durch das ganze feindliche Stellungssystem zu
                            gewährleisten. Keine feindliche Gegenmaßregel verhinderte auch diese
                            Vorbereitungen. </p>
                        <p> Der größte Teil des 20.&nbsp;März verging in Sturm und Regen. Die Aussichten
                            auf den 21. waren unsicher, örtlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem
                            entschieden wir uns am Mittag für den Beginn der Schlacht am Morgen des
                            folgenden Tages. </p>
                        <p> Die Frühdämmerung des 21.&nbsp;März fand das nördliche Frankreich von der
                            Küste bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je höher die Sonne stieg,
                            um so dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrückt. Er beschränkte
                            zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die
                            Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In
                            Avesnes vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde
                            her, auf dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschützen jeden
                            Kalibers im heftigsten Feuer standen. </p>
                        <p> Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die
                            Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewähr geben für die
                            Wirkung unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war örtlich und
                            zeitlich von wechselnder Stärke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem
                            unbekannten Gegner, als eine systematische Bekämpfung des lästigen
                            Feindes. </p>
                        <p> Also auch jetzt noch keine Gewißheit, ob nicht der Engländer in voller
                            Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der über
                            allem lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stürmte gegen 10&nbsp;Uhr
                            vormittags unsere brave Infanterie. Zunächst kamen von ihr nur unklare
                            Meldungen, Angaben über erreichte Ziele, Abänderungen dieser
                            Nachrichten, Widerrufe. Erst allmählich hob sich die Ungewißheit, und es
                            ließ sich überblicken, daß wir überall in die vordersten <pb n="318"/><anchor id="p318"/>feindlichen Stellungen eingebrochen waren.
                            Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen. </p>
                        <p> In den späten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger
                            Klarheit zu erkennen. Die rechte Flügelarmee und die Mitte unserer
                            Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung
                            zum Halten gekommen. Die linke Armee war über St. Quentin hinaus mächtig
                            vorwärts geschritten. Kein Zweifel, daß der rechte Flügel den stärksten
                            Widerstand vor sich hatte. Der Engländer spürte die ihm aus nördlicher
                            Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfügbaren Reserven
                            entgegen. Der linke Flügel dagegen hatte bei augenscheinlich
                            weitgehender Überraschung die verhältnismäßig leichteste Kampfarbeit
                            gehabt. Der Kräfteverbrauch war im Norden über unser Erwarten groß,
                            sonst entsprach er unseren Voraussetzungen. </p>
                        <p> Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen
                            sich auch unsere vom Schlachtfeld zurückkehrenden Generalstabsoffiziere
                            aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der
                            zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen
                            teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns geführt hatte, nämlich eine
                            Versumpfung des Vorwärtsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch. </p>
                        <p> Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Flügel im Besitz der
                            zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte
                            feindliche Widerstandslinie genommen, während die linke Armee im vollen
                            Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte
                            von feindlichen Geschützen, ungeheure Mengen Schießbedarfs und sonstige
                            Beute jeder Art lagen im Rücken unserer vordersten Linien. Lange
                            Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertrümmerung der
                            englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen,
                            da unser rechter Flügel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und
                            rasch genug vorwärts gekommen war. </p>
                        <pb n="319"/><anchor id="p319"/>
                        <p> Der dritte Kampftag veränderte nicht das bisherige Bild des
                            Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Flügels, wo
                            höchstgespannte englische Zähigkeit sich uns entgegenwirft und auch
                            heute noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafür weiterer
                            großer Geländegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken
                            Flügel. Südlich Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht,
                            an einem Punkte sogar überschritten. </p>
                        <p> An diesem Tage, dem 23.&nbsp;März, fallen die ersten Granaten in die
                            feindliche Hauptstadt. </p>
                        <p> Bei diesem glänzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher
                            Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der
                            Westfront geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis
                            nach Amiens möglich. Amiens ist der große Vereinigungspunkt der
                            wichtigsten Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf
                            geschiedenen Kriegsgebiet des mittleren und nördlichen Frankreichs,
                            letzteres das hauptsächliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von
                            größtem strategischen Wert. Fällt sie in unsere Hand, oder gelingt es
                            uns, wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kräftiges
                            Artilleriefeuer zu bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in
                            zwei Teile gesprengt, der taktische Durchbruch zum strategischen
                            erweitert, England auf der einen, Frankreich auf der anderen Seite.
                            Vielleicht lassen sich die verschiedenen politischen und strategischen
                            Interessen beider Länder durch solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen
                            wir diese Interessen durch die beiden Namen „Calais“ und „Paris“. Darum
                            vorwärts gegen Amiens! </p>
                        <p> Und in der Tat geht es auch weiter vorwärts mit Riesenschritten. Für
                            lebhafte Phantasien und heiße Wünsche freilich immer noch nicht rasch
                            genug. Muß man doch befürchten, daß auch der Gegner die ihm nunmehr
                            drohende Gefahr erkennt, und daß er alles versuchen wird, ihr zu
                            begegnen. Englische Reserven vom Nordflügel, französische Truppen aus
                            ganz Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung
                            zustreben. Auch ist zu erwarten, daß die franzö<pb n="320"/><anchor id="p320"/>sische Führung sich unserem Vordrängen von Süden her in
                            die Flanke werfen wird. </p>
                        <p> Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Händen.
                            Peronne und die Sommelinie südwärts liegt schon hinter unseren vordern
                            Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder
                            betreten; für manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch
                            ernsten Erinnerungen, für alle, die es zum ersten Male sahen,
                            tiefergreifend durch die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen
                            von Granattrichtern, aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener
                            Gräben, aus dem majestätischen Schweigen über den verödeten Flächen und
                            aus den Tausenden von Gräbern an das menschliche Herz dringt. </p>
                        <p> Starke Frontteile der Engländer sind völlig geschlagen und weichen
                            ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurück. Zunächst stockt aber nun
                            das Vorschreiten unserer rechten Flügelarmee. Um die Schlacht hier
                            wieder in Fluß zu bringen, greifen wir das Höhengelände ostwärts Arras
                            mit neuen Kräften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das
                            Unternehmen wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres
                            Angriffes Albert. Der linke Flügel stößt am siebenten Schlachttage unter
                            Deckung gegen französische Angriffe aus südlicher Richtung über Roye bis
                            Montdidier vor. </p>
                        <p> Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens.
                            Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwärts zu kommen. Aber
                            bald wird auch hier der Widerstand zäher und zäher, die Bewegung
                            langsamer und langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und
                            Hoffnungen müssen zurückgeholt werden. Die Tatsachen müssen so
                            betrachtet werden, wie sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stückwerk.
                            Günstige Gelegenheiten werden versäumt, nicht überall wird mit gleicher
                            Tatkraft zugegriffen, selbst da, wo ein glänzendes Ziel in Aussicht
                            steht. Man möchte es jedem einzelnen Soldaten zurufen: „Dringe vorwärts
                            auf Amiens, gib den letzten Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet
                            Amiens den <pb n="321"/><anchor id="p321"/>entscheidenden Sieg. Nimm
                            wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen Höhen mit
                            Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen können!“ Vergebens, die
                            Kräfte sind erlahmt. </p>
                        <p> Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren würde.
                            Er wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er
                            heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen
                            Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage für den
                            Verbündeten und für sich selber. </p>
                        <p> Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir müssen
                            Atem schöpfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein
                            Glück war es, daß wir teilweise aus den reichen Vorräten des
                            geschlagenen Gegners leben konnten; wir hätten sonst die Somme wohl
                            nicht überschreiten können, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst
                            genommenen feindlichen Stellungen verschütteten Straßen können erst
                            durch tagelange Arbeit wieder benutzbar gemacht werden. Noch aber geben
                            wir die Hoffnung, Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht völlig auf. Am
                            4.&nbsp;April versuchen wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben.
                            Verheißungsvoll lauten an diesem Tage zuerst die Nachrichten über das
                            Vorschreiten unseres Angriffes. Der folgende 5.&nbsp;April aber bringt an
                            diesem Punkte Rückschlag und Enttäuschung. </p>
                        <p> Amiens bleibt in den Händen der Gegner und wird nur von unserem
                            Fernfeuer berührt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen,
                            aber nicht unterbinden kann. </p>
                        <p> Die „Große Schlacht“ in Frankreich ist zu Ende! </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Die Schlacht an der Lys</head>
                        <p> Unter den Schlachtentwürfen für den Beginn des Feldzugsjahres 1918
                            befand sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische
                            Stellung in Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken <pb n="322"/><anchor id="p322"/>ausgegangen, sich gegen den nach Osten
                            vorspringenden englischen Nordflügel beiderseits Armentières zu wenden,
                            um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den Zusammenbruch
                            herbeizuführen. Die Aussichten, die eine solche Operation im Falle
                            günstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der
                            Durchführung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenüber.
                            Zunächst war es klar, daß wir es hier mit der stärksten englischen
                            Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhältnismäßig engem Raum
                            zusammengefaßt, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem
                            Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer
                            solchen Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden
                            wollten. Dazu kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgeländes beiderseits
                            Armentières. Da waren zunächst die meilenbreiten Wiesengründe der Lys
                            und dann dieser Fluß selbst zu überwinden. Im Winter waren die
                            Niederungen auf weite Strecken überschwemmt, im Frühjahr oft wochenlang
                            versumpft, ein wahrer Schrecken für die Besatzung der dortigen
                            Verteidigungsstellungen. Nördlich der Lys stieg das Gelände allmählich
                            an und erhob sich dann schärfer zu den gewaltigen Höhenstellungen, die
                            bei Kemmel und Cassel ihre mächtigsten Eckpfeiler hatten. </p>
                        <p> Bevor die Lys-Niederung nicht einigermaßen gangbar war, ließ sich an die
                            Durchführung dieses Angriffes überhaupt nicht denken. Ein genügendes
                            Trockenwerden war bei gewöhnlichen Witterungsverhältnissen erst gegen
                            Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen
                            den Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange
                            hinausschieben zu können. Mußten wir doch ununterbrochen die Möglichkeit
                            des Eingreifens von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen
                            den Angriff vorhandenen Bedenken ließen wir das Unternehmen wenigstens
                            theoretisch vorbereiten. An seine Verwirklichung war für den Fall
                            gedacht, daß unsere Operation bei St. Quentin die gegnerische Führung
                            veranlassen würde, starke Kräfte von der Gruppe <pb n="323"/><anchor id="p323"/>in Flandern wegzuziehen, um sie unserem Durchbruch
                            entgegenzuwerfen. </p>
                        <p> Dieser Fall war Ende März eingetreten. Sobald sich nun übersehen ließ,
                            daß unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen mußte,
                            entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front
                            zurückzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht
                            erhielt die Antwort: Der Angriff über die Lys-Niederung sei dank des
                            trockenen Vorfrühlingswetters schon jetzt möglich. Mit außerordentlicher
                            Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeeführungen und
                            Truppen gefördert. </p>
                        <p> Am 9.&nbsp;April, am Jahrestage der großen Krisis von Arras, erhoben sich aus
                            den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentières bis La
                            Bassée unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten
                            Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten
                            Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwühlten
                            Morast, zwischen tiefen, mit Wasser gefüllten Geschoßtrichtern oder auf
                            den wenigen einigermaßen festen Geländestreifen den feindlichen Linien
                            entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer
                            gelang trotz aller natürlichen und künstlichen Hindernisse das
                            überraschende Vorgehen, an das anscheinend weder die Engländer noch die
                            zwischen ihnen eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die
                            portugiesischen Truppen verließen größtenteils in haltloser Flucht das
                            Schlachtfeld und verzichteten endgültig zugunsten ihrer Bundesgenossen
                            auf die Kampfarbeit. Unsere Ausnützung der Überraschung und des
                            portugiesischen Versagens fand freilich in dem Gelände die größten
                            Schwierigkeiten; nur mit Mühe konnten einzelne Geschütze und
                            Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwärts gebracht werden. Doch
                            wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle überschritten. Die
                            Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf der
                            nächstfolgenden Tage. <pb n="324"/><anchor id="p324"/>Die Aussichten
                            blieben zunächst günstig. Der 10.&nbsp;April sieht Estaires in unserer Hand;
                            auch wird besonders in der Gegend nordwestlich Armentières Gelände
                            gewonnen. Am gleichen Tage wird unser Angriff bis in die Gegend von
                            Wytschaete ausgedehnt. Die Trümmerstätten des wiederholt umstrittenen
                            Messines werden von uns wieder gestürmt. </p>
                        <p> Auch der nächste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen.
                            Armentières wird vom Gegner geräumt, Merville von uns genommen. Wir
                            nähern uns von Süden her der ersten Stufe zu dem mächtigen Höhengelände,
                            von dem aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff
                            beherrschten. Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer.
                            Sie hören am linken Flügel in westlicher Richtung bald ganz auf und
                            ermatten bedenklich in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir
                            in den nächsten Tagen noch Bailleul und setzen von Süden her den Fuß auf
                            das Hügelgelände. Auch Wytschaete fällt in unsere Hand. Damit erschöpft
                            sich jedoch dieser erste Schlag. </p>
                        <p> Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die
                            Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Süden her angreifenden
                            Truppen gelegt. Schießbedarf kommt in nur ungenügenden Mengen durch, und
                            wir sind nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in
                            der Lage, unsere Truppen ausreichend zu verpflegen. </p>
                        <p> In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere
                            Infanterie außerordentlich, ihre Erschöpfung droht, wenn wir nicht eine
                            Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits drängt die Lage zu einer
                            Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der
                            Angriff äußerst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im
                            Durchhalten, nur im Vorwärtskommen konnte die Befreiung aus diesem
                            Zustande liegen. </p>
                        <p> Wir müssen den Kemmelberg stürmen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit
                            Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, daß <pb n="325"/><anchor id="p325"/>ihn der Gegner zum Kernpunkt seiner
                            flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder unserer Flieger
                            enthüllen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen Feinheiten der
                            Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, daß der äußere Eindruck des
                            Berges stärker ist als sein wirklicher taktischer Wert. Solche
                            Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten gemacht
                            worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpaß, bei den Kämpfen in den
                            transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den
                            oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewährt
                            hatten, dürften vielleicht auch hier das scheinbar Unmögliche möglich
                            machen. </p>
                        <p> Voraussetzung für das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern
                            ist, die französische Führung zu veranlassen, den englischen
                            Bundesgenossen die Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen.
                            Wir greifen daher zunächst am 24.&nbsp;April erneut bei Villers-Bretonneux
                            an, hoffend, daß der französischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens
                            näherliegen würde als die Hilfeleistung für den schwer bedrängten
                            englischen Freund in Flandern. Aber dieser unser neuer Angriff
                            scheitert. Dagegen bricht am 25.&nbsp;April die englische Verteidigung auf
                            dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen. Der Verlust dieser
                            Stütze erschüttert die ganze feindliche Flandernfront. Der Gegner
                            beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem Ringen im
                            Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt klammert
                            er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen Rücksichten
                            nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von Südosten her, in
                            der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung in Flandern.
                            Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muß die ganze
                            englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie vor
                            einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die
                            Hoffnungen und eilen bis an die Küste des Kanals. Ich glaube zu fühlen,
                            wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen
                            Schlacht folgt. </p>
                        <pb n="326"/><anchor id="p326"/>
                        <p> Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir
                            keinen Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe
                            zurückzuweichen. Freilich kommen Nachrichten über das Versagen einzelner
                            unserer Truppen. Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde
                            gemacht, Versäumnisse begangen. Doch solche Fehler und Versäumnisse
                            liegen in der menschlichen Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des
                            Schlachtfeldes bleiben. Wir waren bis jetzt die Herren und wollen es
                            weiter sein. Erfolge, wie der am Kemmel, reißen nicht nur die Truppe
                            empor, die solches geleistet hat, sie beleben ganze Armeen. Also weiter
                            vor, zunächst wenigstens bis Cassel! Von dort aus kann das Fernfeuer
                            unserer schwersten Geschütze Boulogne und Calais erreichen. Beide Städte
                            sind vollgepfropft mit englischen Kriegsvorräten, sie sind außerdem die
                            hauptsächlichsten Ausschiffhäfen der englischen Kriegsmacht. Diese
                            englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am Kemmelberge überraschend
                            versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein abzurechnen, dann haben wir
                            sicherlich Aussicht auf großen Erfolg. Trifft keine französische Hilfe
                            ein, so ist England in Flandern vielleicht verloren. Doch diese Hilfe
                            kommt wieder in Englands äußerster Not. Mit verbissenem Zorne gegen den
                            Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat, versuchen die eintreffenden
                            französischen Truppen, uns diesen Stützpunkt zu entreißen. Vergeblich!
                            Aber auch unsere letzten großen Anstürme gegen die neuen
                            französisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr durch. </p>
                        <p> Am 1.&nbsp;Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung über, oder, wie wir
                            damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <pb n="327"/><anchor id="p327"/>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Die Schlacht bei Soissons und Reims</head>
                        <p> Der von uns zur Erreichung unseres großen Zieles eingeschlagene Weg
                            wurde auch nach Beendigung der Kämpfe in Flandern eingehalten. Wir
                            wollen auch weiterhin „durch eng zusammenhängende Teilschläge das
                            feindliche Gebäude derartig erschüttern, daß es gelegentlich doch einmal
                            zusammenbricht“. So kennzeichnete eine damals verfaßte Niederschrift
                            unsere Absichten. Zweimal war England in äußerster Krisis durch
                            Frankreich gerettet worden; vielleicht gelang es uns beim dritten Male,
                            einen endgültigen Sieg gegen diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf
                            den englischen Nordflügel blieb auch weiterhin der leitende
                            Gesichtspunkt für unsere Operationen. In der glücklichen Durchführung
                            dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die Entscheidung des Krieges.
                            Gelangten wir an die Küste des Kanals, so berührten wir die Lebensadern
                            Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in die denkbar günstigste Lage
                            für Bekämpfung seiner Seeverbindungen, sondern wir vermochten von dort
                            aus mit unseren schwersten Geschützen sogar einen Teil von Britanniens
                            Südküste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle Wunder der Technik,
                            das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten bis in die
                            französische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur Wirkung
                            gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergrößerung dieses Wunders ist
                            nötig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Küste bei
                            Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten für Großbritannien
                            damals, aber auch weiter für alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach
                            Kruppschen Gedanken nunmehr überall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien
                            oder Kriegserreger gegeben sind, muß die Zukunft entscheiden. England
                            hat wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden für die ihm
                            drohenden Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat
                            auch Frankreich im geheimen schon <pb n="328"/><anchor id="p328"/>die
                            Folgerungen daraus gezogen. Daß man über solches Denken Schweigen
                            bewahrt, ist zwischen Freunden selbstverständlich; doch fühlt man wohl
                            beiderseits die Waffe in der Tasche des anderen. </p>
                        <p> Für uns handelte es sich im Mai 1918 zunächst darum, die beiden jetzigen
                            Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu
                            schlagen, wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen
                            vor eine Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen
                            wegziehen, die zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet
                            sind. Möglichste Eile ist notwendig, sonst entreißt uns der wieder
                            gestärkte Gegner die Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht
                            sehr starken Verteidigungsfronten würde unsere Absichten empfindlich
                            stören, ja unmöglich machen. </p>
                        <p> Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist
                            die politische Atmosphäre gegenwärtig ziemlich stark geladen. Unsere
                            Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung
                            gebracht, doch können wir hoffen, daß dies gelingt, wenn wir näher an
                            die Stadt heranrücken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was
                            wir wissen, die französische Verteidigung zahlenmäßig besonders schwach,
                            doch gerade hier im angriffsschwierigsten Gelände. </p>
                        <p> Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon
                            die Terrasse der Präfektur am Südteil der eigenartig aufgebauten
                            Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines
                            herrlichen Vorfrühlingtages. Eingefaßt zwischen zwei Hügelrahmen im
                            Westen und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Süden, dort
                            abgeschlossen durch einen mächtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor
                            103&nbsp;Jahren hatten Preußen und Russen unter Blüchers Führung nach
                            kampfheißen Tagen südlich der Marne die Höhen des Chemin des Dames von
                            Süden her überschritten und sich nach dem mörderischen Gefechte bei
                            Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im
                            Ostgelände des steilen Laoner Felsens entschied sich in der <pb n="329"/><anchor id="p329"/>Nacht vom 9. auf den 10.&nbsp;März 1814 der Kampf
                            zugunsten der Verbündeten. </p>
                        <p> An den Höhen des Chemin des Dames war die französische
                            Frühjahrsoffensive 1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit
                            wechselndem Erfolg um die dortige Stellung gerungen, dann war es still
                            geworden. Im Oktober 1917 aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser
                            Stellung nordöstlich Soissons vom Gegner gestürmt, und wir waren
                            gezwungen, den Chemin des Dames zu räumen und unsere Verteidigung hinter
                            die Ailette zurückzulegen. </p>
                        <p> Über die Steilhänge des Chemin des Dames hinüber hatten unsere Truppen
                            nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen
                            Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Überraschung ab.
                            War eine solche nicht möglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon
                            an den nördlichen Steilhängen des Höhenrückens. Die Überraschung gelang
                            jedoch vollständig. </p>
                        <p> Eine eigenartige Erklärung für diese Tatsache möchte ich hier anführen.
                            Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette tätig gewesen
                            war, vertrat die Anschauung, daß der Lärm der quakenden Frösche in den
                            Flußarmen und feuchten Wiesengründen so stark gewesen sei, daß er selbst
                            das Geräusch unserer vorfahrenden Brückenwagen übertönte. Mag ein
                            anderer über diese Mitteilung denken, wie er will, ich möchte nur
                            versichern, daß ich den Erzähler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen
                            aus meinem Jägerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr
                            einleuchtende Erklärung für das Gelingen der Verschleierung unseres
                            Angriffs entstammt dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu
                            diesem wurde am Tage vor Beginn unseres Angriffes ein preußischer
                            Unteroffizier gebracht, der auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage,
                            ob er etwas über einen deutschen Angriff sagen könnte, gab dieser
                            folgende Auskunft:
                            </p><p rend="zitat">„In den frühesten Morgenstunden des 27.&nbsp;Mai wird ein
                            mächtiges deutsches Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur
                                Täuschungs<pb n="330"/><anchor id="p330"/>zwecken, denn der
                            anschließende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen
                            Freiwilligenabteilungen ausgeführt werden. Die Moral der deutschen
                            Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in
                            Flandern so erschüttert, daß sich die Infanterie einem allgemeinen
                            Angriffsbefehl offen widersetzt hat“.
                            </p><p>Der Offizier gab offen zu, daß ihm
                            diese Angaben den Eindruck voller Glaubwürdigkeit gemacht hätten, und
                            daß er deswegen am 27.&nbsp;Mai in voller Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten
                            zu können glaubte. Vielleicht kommen diese meine Erinnerungen dem braven
                            deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich drücke ihm in Gedanken die Hand und
                            danke ihm im Namen des ganzen Heeres, dem er einen so unschätzbaren
                            Dienst erwies, und im Namen von vielen Hunderten, ja vielleicht
                            Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch seine Geistesgegenwart
                            erhalten hat. Die Täuschung des feindlichen Offiziers hätte übrigens
                            nicht so gelingen können, wenn nicht die feindliche Propaganda durch die
                            sinnlose Übertreibung unserer bisherigen Verluste einen günstigen Boden
                            für die Glaubwürdigkeit der Angaben des preußischen Unteroffiziers
                            vorbereitet hätte. So rächen sich hier und da propagandistische
                            Unwahrheiten und Übertreibungen. </p>
                        <p> Die Schlacht begann am 27.&nbsp;Mai. Sie nahm einen glänzenden Verlauf. Wir
                            hatten ursprünglich damit rechnen zu müssen geglaubt, daß unser Angriff
                            an der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen würde, und wollten dann
                            über diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher
                            nicht wenig überrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten
                            Schlachttages die Meldung erhielten, daß die deutschen Schrapnellwolken
                            bereits auf dem Südufer der Aisne liegen, und daß unsere Infanterie
                            dorthin noch am gleichen Tage vorgehen wollte. </p>
                        <p> Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen
                            Tagen die Marne von Château-Thierry bis Dormans. Unsere Flügel
                            schwenkten nach Westen gegen Villers-Cotterêts und <pb n="331"/><anchor id="p331"/>nach Osten gegen Reims und das Höhengelände südlich
                            dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze Aufmarschgebiet der
                            französischen Frühjahrsoffensive von 1917 mit seinen noch vorhandenen
                            reichen Vorräten aller Art war in unserem Besitz. Die Anlage neuer
                            Straßen, Lagerbauten für viele Tausende von Mannschaften und anderes
                            legten Zeugnis davon ab, in welch großzügiger Weise der Franzose damals
                            seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir hatten die
                            Sache kürzer gemacht! </p>
                        <p> In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder
                            Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast
                            friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem
                            unsere größten Geschütze aus den Waldungen bei Crépy, westlich Laon, das
                            Feuer gegen Paris eröffnet hatten, begannen nämlich feindliche Batterien
                            aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglückliche Stadt. Ich
                            möchte damit nicht behaupten, daß die Gegner gegen das eigene Fleisch
                            und Blut wüteten ohne verständlichen militärischen Zweck. Sie nahmen
                            wohl an, daß die Munitionszufuhr zu unseren Paris so lästigen Batterien
                            über Laon gehen würde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den
                            Bahnhof fiel eine große Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht
                            bevölkerte Stadt, auch warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder
                            Tageszeit Bomben dort nieder. Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern
                            sich von der mit Vernichtung bedrohten Heimstätte nicht losreißen
                            konnte, mußte in Kellern oder Erdräumen leben, ein Bild unsagbaren
                            Massenelends, wie wir es freilich aus ähnlichen Gründen auch an anderen
                            Stellen hinter unseren westlichen Verteidigungsfronten mit ansehen
                            mußten, ohne etwas daran ändern zu können. Am ersten Angriffstage waren
                            die feindlichen Fernfeuergeschütze am Aisne-Tal erobert worden, und
                            damit hatte die Beschießung Laons ein Ende genommen. Ein Zugehöriger
                            dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt geführt. Hier stellte er
                            die Bitte, die beschossenen Häuserviertel besuchen zu <pb n="332"/><anchor id="p332"/>dürfen, da ihn die Lage der Schüsse seiner
                            Geschütze interessiere. Welch überraschender Tiefstand eines durch den
                            Krieg versteinerten Herzens! </p>
                        <p> Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern
                            fanden sich weiche Herzen nach hartem Männerkampfe. Von den mir
                            erzählten Beispielen möchte ich nur eines verzeichnen: Es war am
                            21.&nbsp;März in dem noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St.
                            Quentin. Dort stauen sich in den zerschossenen Straßen deutsche
                            Kolonnen. Feindliche Gefangene, aus dem Kampfe kommend und Verwundete
                            tragend, werden zum Halten gezwungen. Sie legen ihre Bürde nieder. Da
                            hebt ein schwer verwundeter deutscher Soldat, dem Tode näher als dem
                            Leben, den ermattenden Arm suchend und stöhnt zu dem sich
                            niederbeugenden Träger: „Mutter, Mutter.“ Das englische Ohr versteht den
                            deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an der Seite des Grenadiers,
                            streichelt die erkaltende Hand und sagt: „<hi rend="kursiv">Mother,
                                yes, mother is here!</hi>“ </p>
                        <p> Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen
                            menschlichen Fühlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines
                            deutschen Generals über die kurz vorher erstürmten Höhen westlich
                            Craonne. Bei jedem der noch nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen
                            bückt er sich und bedeckt das noch entblößte Gesicht, eine Huldigung an
                            die Majestät des Todes. Er sorgt aber auch für lebende Feinde, labt aus
                            eigenen Mitteln einige aus Schwäche zurückgebliebene Verwundete und
                            veranlaßt ihren bequemen Transport. Auch schon früher hatte ich
                            Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses Deutschen zu blicken. In
                            den Märztagen des Jahres fahre ich in der Gegend von St. Quentin an
                            seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener entlang, die sein
                            ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der Spitze einer dieser
                            Kolonnen läßt er Halt machen und spricht den dort vereinigten
                            feindlichen Offizieren die Anerkennung für die tapfere Haltung ihrer
                            Truppen aus, sie mit dem Hinweis tröstend, daß das härteste Los, das der
                            Gefangenenschaft, oft den trifft, <pb n="333"/><anchor id="p333"/>der
                            am tapfersten ausgeharrt hat. Die Wirkung dieser Worte scheint groß. Am
                            größten bei einem jungen hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich
                            schwer berührt bisher den Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt
                            erhebt sich die schlanke Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck
                            befreit, und ihr dankbarer Blick trifft das Auge – meines Kaisers. </p>
                        <p> Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch während der Kämpfe in
                            dem bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Flügel unseres
                            Angriffes nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang
                            nur unvollständig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon
                            am 9.&nbsp;Juni in Richtung Compiègne führten, drang nur bis halbwegs dieser
                            Stadt vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterêts
                            gelangten zu keinem größeren Ergebnis. Wir mußten uns davon überzeugen,
                            daß wir in der Gegend von Compiègne-Villers-Cotterêts die Hauptkräfte
                            des feindlichen Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die
                            Kräfte nicht besaßen. </p>
                        <p> Zusammenfassend möchte ich meine Bemerkungen über die Schlacht von
                            Soissons-Reims damit schließen, daß uns die Kämpfe viel weiter geführt
                            hatten, als es ursprünglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus
                            unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Daß diese
                            schließlich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmählichen
                            Erschöpfung der eingesetzten Kräfte begründet. Unseren allgemeinen
                            Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen für die
                            Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich
                            ununterbrochen nach Flandern. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918"/>
                        <head>Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918</head>
                        <p> Das von uns in den drei großen Schlachten Erreichte stellte vom
                            kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem
                            Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet <pb n="334"/><anchor id="p334"/>worden war. Aus dem Geländegewinn, den Beutezahlen, den
                            schweren blutigen Verlusten des Gegners sprach mit aller Deutlichkeit
                            die Größe der deutschen Erfolge. Wir hatten das Gefüge des feindlichen
                            Widerstandes bis in seine Grundfesten erschüttert. Unsere Truppen hatten
                            sich den großen Anforderungen, die wir an sie stellten, voll gewachsen
                            gezeigt. In den wochenlangen Angriffskämpfen hatte der deutsche Soldat
                            bewiesen, daß der alte Geist durch die jahrelangen Verteidigungskämpfe
                            nicht erstickt war, sondern sich unter dem Worte „Vorwärts“ bis zu der
                            Höhe des seelischen Schwunges des Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der
                            Sturmdrang unserer Infanterie hatte seine Wirkung auf den Gegner nicht
                            verfehlt: <anchor id="sic334"/>„<hi rend="kursiv">What an admirable and gallant infanterie
                                you have</hi>“, so sprach ein feindlicher Offizier sich gegenüber
                            einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluß an diese
                            Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in
                            vorderster Linie gestanden. Ein mächtiger Einheitszug war durch das
                            Ganze hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am
                            hintersten Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwärts gestrebt, um
                            teilzuhaben, mitzuwirken und mitzufühlen an dem großen Geschehen! Wie
                            oft löste sich da ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes
                            dankbares Gebet. Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste
                            wieder genossen, der mich wie ein Herüberwehen aus meiner längst
                            vergangenen militärischen Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag
                            dazwischen, aber das Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war
                            unverändert geblieben. So hatten unsere braven Jungens im alten blauen
                            Rock in den Biwaks von Königgrätz und Sedan gesprochen und gesungen, wie
                            die Feldgrauen jetzt wieder sprachen und sangen in den großen Kämpfen um
                            Dasein und Vaterland, für Kaiser und Reich. </p>
                        <p> Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht,
                            den Gegner militärisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf
                            der gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von <pb n="335"/><anchor id="p335"/>Nachgiebigkeit. Nach außen hin schien im Gegenteil jede
                            militärische Niederlage den Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu
                            verstärken. Dieser Eindruck wurde auch nicht dadurch abgeschwächt, daß
                            ab und zu im gegnerischen Lager Stimmen zur Mäßigung rieten. Der
                            diktatorische Druck der uns feindlichen Staatsgebäude war im großen und
                            ganzen nirgends gelockert. Wie mit eisernen Klammern hielt er den Willen
                            und die Kraft der Völker zusammen und machte in mehr oder minder
                            ausgesprochen gewaltsamer Form alle diejenigen unschädlich, die in
                            andrer Richtung zu denken wagten, als die jetzigen tyrannischen
                            Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag für mich etwas sehr
                            Eindrucksvolles. Sie stützten ihre eigenen Hoffnungen und verwiesen ihre
                            Völker in erster Linie auf das allmähliche Ermatten unserer Kraft. Diese
                            mußte sich nach ihrer Anschauung allmählich verbrauchen. Der Hunger in
                            der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der Propaganda,
                            Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kämpfe hatten uns
                            bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer Faktor
                            wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten kampfgeschulten
                            Truppen bei Château-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns dort
                            entgegen, noch ungelenk aber von kräftigem Willen geführt. Sie wirkten
                            auf unsere schwachen Verbände überraschend durch ihre zahlenmäßige
                            Überlegenheit. </p>
                        <p> Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so
                            lange gehegten französischen und englischen Hoffnungen endlich erfüllt.
                            War es da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmänner jetzt weniger
                            als je an einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung
                            unseres staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite
                            seit langem beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter
                            fadenscheinigen, milden und sophistischen Redensarten verbergen wollen.
                            Sie wandten solche Phrasen nur an, wenn diese ihren propagandistischen
                            Zwecken entsprachen, sei es, um ihren eigenen Völkern die auferlegte
                            Blutsteuer erträglich <pb n="336"/><anchor id="p336"/>erscheinen zu
                            lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermürben. So war ein
                            Ende des Krieges für uns nicht abzusehen. </p>
                        <p> Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militärische Lage für den
                            Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach
                            erfolgverheißenden Anfängen war der Angriff Österreich-Ungarns in
                            Italien gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft
                            besaß, aus dem Mißlingen des österreichisch-ungarischen Unternehmens
                            größeren Vorteil zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von
                            Folgen begleitet, die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des
                            Angriffs hätten entstehen können. Das Mißgeschick unseres Bundesgenossen
                            war ein Unglück auch für uns. Der Gegner wußte so gut wie wir, daß
                            Österreich-Ungarn mit diesem Angriff seine letzten Gewichte in die
                            Wagschale des Krieges geworfen hatte. Von jetzt ab hörte die
                            Donaumonarchie auf, eine Gefahr für Italien zu bedeuten. Ich glaubte,
                            damit rechnen zu müssen, daß Italien sich nunmehr dem Drängen seiner
                            Verbündeten nicht mehr entziehen könnte und auch seinerseits Kräfte auf
                            den alles entscheidenden westlichen Kriegsschauplatz werfen würde, nicht
                            nur, um die feindliche politische Einheitsfront zu beweisen, sondern
                            auch um bei den weiteren Kämpfen eine wirkungsvolle Rolle zu spielen.
                            Sollte nicht auch diese neue Last auf unsere Schultern allein fallen, so
                            mußten wir österreichisch-ungarische Divisionen an unsere Westfront
                            heranzuholen versuchen. Das war der für uns maßgebende Grund für das
                            Ersuchen um nunmehrige unmittelbare österreichisch-ungarische
                            Unterstützung. Große Wirkung konnten wir uns von dieser Unterstützung
                            allerdings zunächst nicht versprechen. Die Entscheidung über die
                            Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr als je ab von
                            Deutschlands Kraft. </p>
                        <p> Die Frage war also, ob diese noch ausreichen würde, um ein siegreiches
                            Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glänzenden
                            Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur <pb n="337"/><anchor id="p337"/>Beantwortung dieser Frage wende ich mich jetzt zu
                            anderen, ernsteren Seiten: </p>
                        <p> Bei aller Liebe und Anerkennung für unsere Soldaten durften wir doch die
                            Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Mängeln in dem
                            Gefüge unserer Armee nicht verschließen. Das Fehlen einer genügenden
                            Zahl langgeschulter Führer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern
                            großen Angriffsschlachten sehr fühlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin
                            war ab und zu bedenklich gelockert. Es war an sich verständlich, daß der
                            Soldat sich inmitten der erbeuteten reichen Bestände gegnerischer Depots
                            dem Genusse lang entbehrter Lebens- und Genußmittel hingab. Aber es
                            hätte verhindert werden müssen, daß er sich auf diese Genüsse zur Unzeit
                            stürzte und dabei seine augenblickliche Pflicht vernachlässigte. Ganz
                            abgesehen von den auflösenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den
                            Geist der Truppe trat auch die Gefahr ein, daß uns günstige
                            Gefechtslagen ungenutzt verstrichen und sich wiederholt in das Gegenteil
                            verwandelten. </p>
                        <p> Die Kämpfe hatten weitere schwere, unausfüllbare Lücken in unsere
                            Truppen gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines völlig
                            neuen Aufbaues. Die Bausteine hierfür waren dem alten Material moralisch
                            meist nicht mehr gleichwertig. Die Schwächen der heimatlichen
                            Verhältnisse spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den
                            ins Feld nachkommenden Ersatz durchdrangen. </p>
                        <p> Unter dem Einfluß unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die
                            Stimmung der Heimat in weiten Kreisen mächtig gehoben. Man folgte den
                            Nachrichten aus dem Felde mit größter Spannung und hoffte auf ein
                            baldiges, glückliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge
                            schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen,
                            manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein glücklicher
                            Schluß des ungeheuern Duldens in greifbare Nähe gerückt blieb. So
                            bewirkten die <pb n="338"/><anchor id="p338"/>Erfolge des Heeres
                            vieles, was die politische Führung versäumte. Aber das vaterlandslose
                            Empfinden einzelner Teile des deutschen Volkes, die von durch Eigennutz
                            und Selbstsucht entarteten politischen Ideenrichtungen durchtränkt
                            waren, die bei ihrer Nervenzerrüttung und sittlichen Verderbnis im Siege
                            des Gegners das Glück und den Frieden des Vaterlandes sahen, und die das
                            Gute ausschließlich im feindlichen Lager, das Böse ebenso ausschließlich
                            im eigenen Lande suchten und zu finden glaubten, bildete den
                            Ausstrahlungspunkt für die Zersetzung, die unsern ganzen Volkskörper
                            verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in Brest-Litowsk nicht in den
                            Wind gesprochen zu haben. Seine politischen Irrlehren drangen über
                            unsere Grenzpfähle und fanden zahlreiche Anbeter in allen Berufsklassen
                            und aus den verschiedensten Beweggründen. Die feindliche Propaganda
                            setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort. Sie warf sich mit
                            wechselnder Stärke auf alle Gebiete unseres Lebens. </p>
                        <p> So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer
                            sich mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu
                            verbinden. Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser
                            schweren Lage geben zu können. Mit ihrer Hilfe zu einem glücklichen Ende
                            zu kommen, war nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine
                            sichere Hoffnung. Vorbedingung für solche Erfolge war, daß wir die
                            Vorhand nicht verloren, das heißt im Angriff blieben. Wir gerieten
                            sofort unter den Hammer, wenn wir ihn selbst aus der Hand gaben. </p>
                        <p> Wir konnten uns durchkämpfen, wenn nur die Heimat uns weiter die
                            körperlichen und sittlichen Kräfte gab, über die sie noch verfügte, wenn
                            sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die
                            Bundesgenossen nicht versagten. </p>
                        <p> In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortführung unseres
                            bisherigen Gesamtplanes heran. </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="339"/><anchor id="p339"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Im Angriff gescheitert</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Der Plan zur Schlacht bei Reims</head>
                        <p> Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den
                            Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir
                            von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer
                            nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis
                            hinein waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand
                            verhältnismäßiger Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines
                            ausbrechenden, länger dauernden Großkampfes bedenklich zu werden. Wir
                            hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfähige Bahnlinie als
                            hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere großen Truppenmassen auf dem im
                            Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur Verfügung. Dazu kam, daß der
                            vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen
                            mußte. </p>
                        <p> Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der
                            taktischen Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz
                            brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den
                            Mai-Junikämpfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht
                            hauptsächlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte
                            jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige
                            Schlacht fügte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein. </p>
                        <pb n="340"/><anchor id="p340"/>
                        <p>An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der
                            Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen
                            entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte
                            diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste
                            Führung veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die
                            französischen Stützen wieder zu entziehen. </p>
                        <p> Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der
                            Zwischenzeit fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen
                            Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen
                            in Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in
                            Unterkunft. </p>
                        <p> Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen
                            Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr
                            seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer
                            erschütterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts
                            unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der
                            Engländer zum Angriff übergehen würde. </p>
                        <p> Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den
                            englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns
                            nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd
                            fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch
                            jetzt unserem größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden
                            Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen. </p>
                        <p> Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr
                            folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in
                            der Gegend Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer
                            strategisch sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit,
                            einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben
                            genannten Städte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der
                            außerordentlich günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen
                            Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzö<pb n="341"/><anchor id="p341"/>sischen und englischen Front verschoben werden. Der
                            Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen
                            starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß
                            Foch zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende
                            Verhältnisse veranlaßt wurde. </p>
                        <p> Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen
                            Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen
                            zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von
                            Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den
                            übrigen französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich
                            mit der Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit
                            dem ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten
                            Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht
                            wesentlich. </p>
                        <p> Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende
                            Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen
                            Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere
                            Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder
                            abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht
                            hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein
                            solcher Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die
                            Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer
                            raschen und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England
                            alle Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse
                            ihrer Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden
                            suchen. </p>
                        <p> Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen
                            Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu
                            entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten
                            und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme
                            der Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die
                            Beherrschung des <pb n="342"/><anchor id="p342"/>Hügelgeländes zwischen
                            Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Hügellandes lag somit das
                            Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen
                            Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden
                            Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, sollten stärkere Kräfte
                            beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses vorstoßen und dann
                            auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang angesichts eines
                            kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes Unternehmen. In
                            Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen
                            Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein
                            solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen
                            nicht in der unmittelbaren Bewältigung des Flußabschnittes sondern in
                            der Fortführung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachführung
                            der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbedürfnisse für die
                            Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken angewiesen, die naturgemäß
                            dankbare Ziele für das artilleristische Fernfeuer und für die
                            Fliegerangriffe des Gegners boten. </p>
                        <p> Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den
                            Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener
                            Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne
                            hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht,
                            Reims auch im Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den
                            letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne
                            vortreiben zu können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an
                            Gefangenen und Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem
                            Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf,
                            zugunsten einer großen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden
                            Stellen zu schwächen. </p>
                        <p> An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein
                            großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen
                            Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern <pb n="343"/><anchor id="p343"/>gegen uns. Das richtige Ausmaß zwischen der
                            Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten
                            Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich
                            nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den
                            rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und
                            Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem
                            Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die
                            jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich
                            schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am
                            15.&nbsp;Juli beginnen lassen. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Die Schlacht bei Reims</head>
                        <p> In den ersten Tagesstunden des 15.&nbsp;Juli beginnt unsere tausendstimmige
                            Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen.
                            Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die
                            Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber
                            allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der
                            gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes
                            bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer
                            überzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die
                            Höhen jenseits des Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht
                            von diesen ersten Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr
                            frühzeitig. Sie löst die begreifliche Spannung und verstärkt unsere
                            Hoffnung. </p>
                        <p> Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um
                            Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare
                            Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige
                            Abschnürung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die
                            Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch
                            unsere Artillerie und Minenwerfer zer<pb n="344"/><anchor id="p344"/>trümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den
                            früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann
                            angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in
                            ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer
                            besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue
                            veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint
                            der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten
                            auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht
                            sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend
                            tiefer Gruppierung. </p>
                        <p> Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste
                            feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen,
                            diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über
                            die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste
                            feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos
                            gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere
                            Feuerwalze die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie
                            freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand.
                            Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern.
                            Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die
                            Begleitbatterien werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen
                            gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils
                            die Pferde. Kaum sind die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie
                            auch schon zertrümmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die
                            Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes
                            Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues
                            feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer
                            artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet
                            worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später
                            selbst der ganzen Welt jubelnd verkündet. </p>
                        <pb n="345"/><anchor id="p345"/>
                        <p> Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten
                            Tages unverändert. </p>
                        <p> Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und
                            beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf
                            fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in
                            Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend
                            in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser
                            Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des
                            Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten
                            zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem
                            Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung
                            hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine
                            Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele
                            erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier
                            zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich
                            anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen. </p>
                        <p> Am Abend des 15.&nbsp;Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50
                            Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden
                            gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren höheren
                            Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag. </p>
                        <p> Der Vormittag des 16.&nbsp;Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere
                            Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der
                            schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht
                            sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu
                            versuchen. Die Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet,
                            oder daß sie selbst im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß
                            sie kaum mehr befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst
                            auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus
                            diesen Gründen gebe ich meine Zustimmung zum Übergang in die
                            Verteidigung an dieser Stelle. <pb n="346"/><anchor id="p346"/>Dagegen
                            bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne und in
                            dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf
                            des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind
                            wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des
                            Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden.
                            Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10&nbsp;km von ihr entfernt. Auch im Berggelände nähern
                            wir uns der Straße Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstöße des
                            Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu
                            hängen. Wenngleich die übrige Operation jetzt schon als gescheitert
                            angesehen werden muß, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt
                            ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für uns, das den Einsatz
                            lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den
                            Gegner. </p>
                        <p> Am 17.&nbsp;Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne
                            beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu
                            gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte
                            feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat
                            also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann.
                            Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer
                            feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr
                            gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach
                            Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das
                            Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es
                            mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21.&nbsp;Juli soll diese Bewegung
                            durchgeführt werden. </p>
                        <p> Im Berggelände setzen am 17.&nbsp;Juli die feindlichen Angriffe mit vollster
                            Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist
                            weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter
                            gründlicher Vorbereitung. </p>
                        <pb n="347"/><anchor id="p347"/>
                        <p> Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen
                            scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber
                            keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren
                            Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen
                            Zielen auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der
                            englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens
                            gewesen. </p>
                        <p> In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des
                            17.&nbsp;Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des
                            Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu
                            besprechen. </p>
                        <p> Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß
                            der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden
                            Bogens zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war
                            vorauszusehen, daß unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und
                            Villers-Cotterêts versammelten französischen Kräfte geradezu
                            herausforderte. War General Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven
                            Tätigkeit imstande, so mußte er aus seiner bisherigen passiven Haltung
                            heraustreten, sobald sich unser Angriff über die Marne und auf Reims
                            aussprach. Ich habe schon gesagt, daß der französische Führer frühzeitig
                            von unseren Plänen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen. </p>
                        <p> Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen
                            französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts
                            her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der
                            vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen
                            bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben
                            geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich
                            waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht
                            alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so
                            glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven
                            Aufgabe für durchaus ge<pb n="348"/><anchor id="p348"/>wachsen hielt.
                            Hauptsache schien mir zu sein, daß auch alle Teile unserer dortigen
                            Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs
                            ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob in dieser Beziehung an der
                            Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse vorgekommen sind, bleibt
                            vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund späterer
                            Mitteilungen, daß der anfänglich günstige Verlauf der Ereignisse an der
                            Marne und bei Reims vom 15. bis 17.&nbsp;Juli die Truppen an der Front
                            Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren
                            eigenen Linien verkennen ließ. </p>
                        <p> Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der
                            Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg
                            versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten
                            Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man
                            erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der
                            Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still,
                            für einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne
                            nähere Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still.
                            Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15.&nbsp;Juli
                            noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17.&nbsp;Juli nicht mehr
                            entsprechend gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens
                            sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3.&nbsp;Kampftage
                            irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist
                            eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen. </p>
                        <p> Am Morgen des 18.&nbsp;Juli gehen Teile der nicht in den
                            Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die
                            Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel
                            in das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie
                            antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter
                            Nebel alles verschleiert. Das Knattern der <pb n="349"/><anchor id="p349"/>Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt,
                            daß es sich um mehr handelt, als um einen Feuerüberfall. Ehe man sich
                            darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche
                            Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und
                            Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon
                            stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint zwischen der Ourq
                            und Soissons eingetreten zu sein. </p>
                        <p> Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und
                            versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen,
                            versuchen die rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen
                            Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten
                            Treffens zum Gegenstoß herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In
                            vorübergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen
                            deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten
                            Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch
                            dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er
                            rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf
                            Soissons und weiter südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen,
                            also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen
                            Ansatzpunkt unseres Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus
                            drückt der Feind auf die ganze übrige bis Château-Thierry reichende
                            Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drückt auch auf unsere einzige in
                            den Marnebogen hineinführende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich
                            östlich Soissons aus dem Aisnetal nach Süden in die Mitte unseres
                            gewaltigen Halbkreises wendet. </p>
                        <p> Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie
                            droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der
                            früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen
                            Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es
                            entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei
                            Soissons flankierend zu fassen um <pb n="350"/><anchor id="p350"/>den
                            Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel
                            Zeit gekostet, und so mußte ich den Gegengründen nachgeben, die zunächst
                            eine völlige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit
                            wir dadurch wieder Herren unserer Entschlüsse wurden. Was also an
                            Truppen verfügbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist
                            leider die Krisis nicht überwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue
                            Einbrüche des Gegners verschärfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft
                            es, wenn südlich der Ourq die feindlichen Anstürme in der Hauptsache
                            scheitern, wenn besonders bei Château-Thierry die starken, aber ungeübt
                            geführten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien
                            zerschellen? Wir können und dürfen die Lage nicht dauernd in dieser
                            bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre Tollkühnheit. Wir lösen daher
                            unseren linken Flügel von Château-Thierry los und weichen zunächst ein
                            Stück weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne. </p>
                        <p> Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses
                            vom 17.&nbsp;Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die
                            treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe
                            scheitern, hat uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern
                            lassen. Das Zurückgehen gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt
                            erst am 21.&nbsp;Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran,
                            gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere
                            Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus. </p>
                        <p> Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den
                            gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert.
                            Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich
                            von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben
                            fällt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die
                            Ausladungen neu eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit
                            außerhalb des Bogens in die <pb n="351"/><anchor id="p351"/>Gegend von
                            Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden sie von da auf das
                            Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade
                            noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus
                            den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen. </p>
                        <p> So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle
                            unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der
                            Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte
                            kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie
                            wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen:
                            „Marne“ ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz
                            Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken!
                            Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit
                            Haß, mit Hoffnung. </p>
                        <p> Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung
                            lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der
                            Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und
                            von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein
                            tiefer greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen.
                            Wir können unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung
                            in die neue Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem
                            Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten
                            Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und
                            Truppe. </p>
                        <p> Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus
                            sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der
                            Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten
                            kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar
                            erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen,
                            verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich
                            nach der ersten Überraschung glänzend geschlagen. <pb n="352"/><anchor id="p352"/>Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier
                            geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs
                            mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes
                            Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß ihre
                            Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen
                            vielfach im Angriff versagten. </p>
                        <p> Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen
                            entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn
                            diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was
                            schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche
                            Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage,
                            sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre,
                            Freiheit und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden
                            wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank geführt. </p>
                        <p> Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren
                            Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum
                            Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser
                            Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher
                            Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise
                            überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht,
                            sich dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch
                            die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere
                            Truppen auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-,
                            ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde
                            ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden
                            die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste
                            Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie
                            eine Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden. </p>
                        <p> Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe,
                            sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und <pb n="353"/><anchor id="p353"/>Entbehrungen. Ihr Kräfteverbrauch war groß,
                            ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten
                            Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzählungen
                            redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was sie erlebt hatten, und
                            von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man
                            an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! Sie waren freilich
                            müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung.
                            Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewähren; es war aber
                            fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ. </p>
                        <p> Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der
                            Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die
                            weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner
                            Täuschung hingeben. </p>
                        <p> Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung,
                            daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst
                            keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen
                            gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die
                            wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns
                            die Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das
                            englische Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war
                            dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf
                            ihre Maßnahmen ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die
                            Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie
                            monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige
                            gegnerische Führung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen
                            konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen
                            konnte. Günstige Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere
                            Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll
                            kampfkräftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten
                            seit dem Frühjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren
                            strategisch empfindlicher geworden. </p>
                        <pb n="354"/><anchor id="p354"/>
                        <p> Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe
                            schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60
                            französische, hatten vom 15.&nbsp;Juli bis 4.&nbsp;August geblutet. Waren hierbei
                            zwar die englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont
                            geblieben, so mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe
                            unter diesen Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte
                            diese Hilfe auch in militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe
                            neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer
                            gelitten hatten, wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige
                            Überlegenheit. </p>
                        <p> Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung
                            unseres Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den
                            letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie
                            manche Berechnung wurde zerstört! </p>
                        <p> Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war
                            auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit
                            Bestimmtheit zu erwarten. </p>
                    </div>
                </div>
            </div>
            <div rend="page-break-before:right">
                <pb n="355"/><anchor id="p355"/>
                <index index="pdf" level1="Fuenfter Teil: Ueber unsere Kraft"/>
                <head>Fünfter Teil</head>
                <head>Über unsere Kraft</head>
                <pb n="356"/><anchor id="p356"/>
                <p/>
                <div rend="page-break-before:right">
                    <pb n="357"/><anchor id="p357"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>In die Verteidigung geworfen</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Der 8. August</head>
                        <p> Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle
                            eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran
                            und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da
                            wieder auf. </p>
                        <p> Zahlreiche unserer Divisionen, abgekämpft, der Auffrischung bedürftig,
                            wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um
                            Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon überzeugen,
                            wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gründlich
                            ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so
                            schien er schnell über all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch
                            seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfür der wirklichen
                            Ruhe, ungestört von feindlichen Granaten und Bombenabwürfen und, wenn
                            möglich, auch entfernt aus dem Hörbereiche des Donners der Geschütze.
                            Aber wie wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjährigen
                            Kämpfen eine solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu
                            Kriegsschauplatz, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie
                            fast ruhelos in körperlicher und seelischer Spannung geblieben. In
                            dieser Tatsache liegt der gewaltigste Unterschied zwischen den
                            Leistungen unserer Soldaten und denjenigen aller unserer Gegner. </p>
                        <pb n="358"/><anchor id="p358"/>
                        <p> Nach Avesnes war der Geschützdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie
                            ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald
                            undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden. </p>
                        <p> Am 8.&nbsp;August morgens wurde diese Ruhe jählings unterbrochen; von
                            Südwesten her dröhnte auffallend starker Gefechtslärm. Die ersten
                            Meldungen – sie kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne
                            – lauteten ernst. Der Gegner war mit mächtigen Tankgeschwadern
                            beiderseits der Straße Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen.
                            Näheres ließ sich vorläufig nicht feststellen. </p>
                        <p> Die Ungewißheit wurde jedoch in den nächsten Stunden behoben, wenn auch
                            die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war
                            tief in unsere Stellung hineingestoßen, Batterien waren verloren. Unsere
                            Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage überhaupt durch
                            sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere,
                            um die Vorgänge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen
                            und den Verfügungen der Kommandostellen an der augenblicklich
                            erschütterten Front zu schaffen. Was war geschehen? </p>
                        <p> Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die
                            Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse,
                            nicht natürliche und leider auch nicht künstliche, getroffen. Man hatte
                            an dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht,
                            zu wenig an Verteidigung. </p>
                        <p> Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und
                            Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend
                            eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen,
                            dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu
                            sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen
                            feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Ferngläser. Man
                            schonte auf diese Weise während der <pb n="359"/><anchor id="p359"/>Zeit des Stilleliegens augenscheinlich viel Leben, lief aber Gefahr, mit
                            einem Schlage noch viel mehr zu verlieren. Nicht nur in den vordersten
                            Linien war die Arbeit gering, an den rückwärtigen war sie fast noch
                            geringer; nur einzelne Grabenstücke, verstreute Stützpunkte, waren
                            vorhanden. Die Truppen waren an diesen sogenannten ruhigen Fronten für
                            ausgedehnte Schanzarbeiten nur dünn gesät. Wir brauchten die Massen
                            anderwärts zu den großen Angriffsschlachten. </p>
                        <p> An diesem 8.&nbsp;August mußten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich
                            drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren für
                            uns ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17,
                            von Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst jüngst
                            wieder bei Soissons kennen und überwinden gelernt. In dem jetzt
                            vorliegenden Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der
                            breite Tankeinbruch des Gegners war gleichzeitig überraschend tief
                            erfolgt. Die Panzerwagen, schneller wie bisher, überfielen
                            Divisionsstäbe in ihrer Unterkunft, zerrissen die
                            Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kämpfenden Truppen führten.
                            Die höheren Kommandobehörden werden dadurch ausgeschaltet; die vorderen
                            Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist es ganz besonders
                            bedenklich, da der dichte Nebel jede Übersicht verhindert. Die
                            bereitgestellten Tankabwehrkanonen schießen zwar in die Richtungen, aus
                            denen Motorgeräusche und Kettengerassel hörbar sind, werden aber
                            vielfach durch Stahlkolosse überrascht, die aus anderer Richtung
                            plötzlich auftauchen. Wirre Gerüchte beginnen sich in unsern Kampflinien
                            zu verbreiten. Es wird behauptet, daß englische Kavalleriemassen schon
                            weit im Rücken der vordersten deutschen Infanterie sich befinden. Man
                            wird vorn bedenklich, verläßt die Stellungen, aus denen heraus man
                            soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen hat, man
                            sucht nach rückwärts den verlorenen Anschluß. Die Phantasie zaubert
                            Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren. </p>
                        <pb n="360"/><anchor id="p360"/>
                        <p> Alles, was da geschah, was uns zum ersten großen Unheil werden sollte,
                            ist ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat
                            bleibt in solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber
                            diese alten Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr
                            Einfluß ist auch nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich
                            andere Einflüsse. Der Mißmut und die Enttäuschung, daß trotz aller Siege
                            der Krieg für uns kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer
                            braven Soldaten verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und
                            Ruhelosigkeit, aus der Heimat Klagen über wirkliche, manchmal auch
                            eingebildete Lebensnot. Das zermürbt allmählich, besonders, wenn man
                            sich kein Ende vorstellen kann. Der Gegner sagt und schreibt in seinen
                            massenhaft von Fliegern abgeworfenen Flugblättern, daß er es nicht so
                            schlimm mit uns meine, wir müßten nur vernünftig sein und vielleicht
                            auch auf dies und jenes, was wir erobert haben, verzichten. Dann würde
                            alles rasch wieder gut werden. Und wir könnten in Frieden weiter leben,
                            im ewigen Frieden der Völker. Für den Frieden im Innern der Heimat
                            würden dann neue Männer, neue Regierungen sorgen. Auch das würde ein
                            segensreicher Frieden nach all den jetzigen Kämpfen werden. Das weitere
                            Ringen sei also zwecklos. </p>
                        <p> Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, daß der Gegner doch
                            nicht all das erlügen kann, läßt sich vergiften und vergiftet andere. </p>
                        <p> Unsere Befehle zum Gegenstoß können an diesem 8.&nbsp;August nicht mehr
                            ausgeführt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschützen
                            zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen
                            sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue
                            Artillerieverbände müssen erst herangeholt werden, und zwar auf
                            Kraftwagen und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende
                            Wichtigkeit, die in dieser Lage die Eisenbahnen für uns besitzen.
                            Weithin in unsern Rücken feuern seine schweren und schwersten Geschütze.
                            Auf einzelne Eisenbahn<pb n="361"/><anchor id="p361"/>punkte, wie
                            beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben feindlicher Flieger,
                            die in nie gesehenen Schwärmen über Stadt und Bahnhof kreisen. Nutzt
                            aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im Rücken unserer
                            Armee aus, so verkennt er zu unserm Glücke die ganze Größe seines ersten
                            taktischen Erfolges. Er stößt an diesem Tage nicht bis an die Somme vor,
                            obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch nennenswerte
                            Kräfte hätten entgegengestellt werden können. </p>
                        <p> Dem verhängnisvollen Vormittage des 8.&nbsp;August folgte ein verhältnismäßig
                            ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Während dieser rollen
                            unsere ersten Verstärkungen heran. </p>
                        <p> Die Lage ist bereits zu ungünstig, als daß wir von dem anfänglich
                            geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront
                            erwarten können. Der Gegenstoß hätte längerer Vorbereitung und stärkerer
                            Truppen, als am Morgen des 9.&nbsp;August zur Hand sein können, bedurft.
                            Daher soll und darf nichts überstürzt werden. Die Ungeduld an der
                            Kampffront glaubt jedoch, nicht warten zu können. Man meint, günstige
                            Gelegenheiten zu versäumen, und stürzt sich in unbezwingliche
                            Schwierigkeiten. So geht ein Teil der herangebrachten kostbaren,
                            frischen Infanteriekraft in örtlich begrenzten Erfolgen verloren, ohne
                            der Lage im großen zu nutzen. </p>
                        <p> Der Angriff am 8.&nbsp;August war durch den rechten englischen Flügel
                            unternommen worden. Die südlich anschließenden französischen Truppen
                            hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu
                            erwarten, daß die großen britischen Erfolge nunmehr auch die
                            französischen Linien in Bewegung bringen würden. Gelang dem Franzosen
                            ein rasches Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so mußte unsere Lage
                            in dem weit nach Südwesten vorspringenden Verteidigungsbogen
                            verhängnisvoll werden. Wir befehlen daher die Räumung unserer bisherigen
                            ersten Stellungen südwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser
                            Stadt zurück. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <pb n="362"/><anchor id="p362"/>
                        <index index="pdf" level1="Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe im Westen bis Ende September"/>
                        <head>Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe im Westen bis Ende September</head>
                        <p> Über die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8.&nbsp;August gab ich
                            mich keinen Täuschungen hin. Unsere Kämpfe vom 15.&nbsp;Juli bis 4.&nbsp;August
                            konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht
                            geglückten, kühnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in
                            jedem Kriege ereignet. Das Mißgeschick am 8.&nbsp;August stellte sich dagegen
                            vor aller Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwäche. Es war
                            etwas ganz anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in
                            einer Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere
                            Gegner der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache.
                            Heimat und Verbündete mußten ängstlich aufhorchen. Um so mehr war es
                            unsere Aufgabe, die Ruhe zu behalten und die Verhältnisse zwar ohne
                            Selbsttäuschung, aber auch ohne übertriebenen Pessimismus zu betrachten. </p>
                        <p> Die militärische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf
                            der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings
                            wiederhergestellt, das verlorene Kriegsgerät wieder ergänzt, neue Kräfte
                            konnten herangeführt werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage
                            nicht aufgehoben. Es war zu erwarten, daß der Gegner, durch seinen
                            großen Erfolg angeregt, solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen
                            unternehmen würde. Er hatte jetzt die Erfahrung gemacht, daß sich in
                            unserem Verteidigungssystem dem des Jahres 1917 gegenüber mancherlei
                            Mängel befanden. Zunächst in technischer Beziehung. Auf den seit dem
                            Frühjahr 1918 neu gewonnenen Linien war von unseren Truppen im
                            allgemeinen nur wenig geschanzt worden. Es wurde, wie in der Gegend
                            östlich Amiens, so auch an anderen Stellen der Front, zu viel von
                            Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der Notwendigkeit der
                            Verteidigung ge<pb n="363"/><anchor id="p363"/>sprochen. Dazu kam, daß
                            die Haltung eines großen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner
                            überzeugt haben mußte, daß an unseren Verteidigungsfronten der zähe
                            Widerstandswille von 1917 nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der
                            Feind hatte ferner seit dem Frühjahr von uns gelernt. Er hatte in den
                            letzten Operationen diejenige Taktik gegen uns angewendet, mit der wir
                            ihn wiederholt gründlich geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien
                            gefallen, nicht mehr nach monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch
                            hatte er die Entscheidung nicht mehr in dem Hineintreiben eines Keiles
                            in unsere Verteidigung gesucht, sondern er hatte uns in breiten
                            Anstürmen überrascht. Er wagte nunmehr diese unsere Taktik, weil er die
                            Schwächen unserer Verteidigungsfront erkannt hatte. Wiederholte der
                            Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht, so entbehrte er bei der
                            nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht völlig der Aussicht, unsere
                            Widerstandskraft allmählich zu lähmen. Andererseits schöpfte ich aber
                            aus dem Umstande, daß der Feind aus seinen großen Anfangserfolgen auch
                            dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die ihm hätten werden
                            können, wieder die Hoffnung, daß wir weitere Krisen überwinden würden. </p>
                        <p> Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13.&nbsp;August der
                            Reichsleitung gegenüber in einer politischen Beratung in Spa über die
                            militärische Lage dahin aussprechen zu müssen, daß diese zwar ernst sei,
                            daß aber nicht vergessen werden dürfe, daß wir noch immer tief in
                            Feindesland ständen. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch
                            meinem Kaiser vor, indem ich nach einer längeren gemeinsamen Sitzung das
                            Schlußwort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die
                            Auffassung des Reichskanzlers Graf Hertling, daß mit einem wirklich
                            offiziellen Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis
                            eine Besserung in unserer damaligen militärischen Lage eintreten würde.
                            Von dieser hing es dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen
                            politischen Ziele würden verzichten müssen. </p>
                        <pb n="364"/><anchor id="p364"/>
                        <p> Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluß des Krieges zu zweifeln,
                            hielt ich demnach Mitte August noch nicht für gekommen. Ich hoffte
                            bestimmt, daß die Armee, trotz betrübender Einzelerscheinungen auf dem
                            letzten Schlachtfelde, imstande sein würde, zunächst einmal auszuhalten.
                            Auch hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, daß sie Kraft genug hätte,
                            auch diese jetzige Krisis zu überwinden. Ich erkannte dabei durchaus an,
                            was die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was
                            sie vielleicht noch weiter ertragen mußte. Hatte nicht Frankreich, auf
                            dessen Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu
                            leiden? War dieses Land während dieser ganzen Zeit jemals unter
                            Mißerfolgen verzagt; war es verzweifelt, als unsere Granaten seine
                            Hauptstadt erreichten? Das, so dachte ich, würde sich in dieser schweren
                            Krisis auch die Heimat vor Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur
                            wir an der Front standhaft blieben. Gelang das, so konnte nach meiner
                            Ansicht die Wirkung auf unsere Verbündeten nicht ausbleiben. Ihre
                            militärische Aufgabe war ja, soweit sie Österreich-Ungarn und Bulgarien
                            betraf, eine leichte. </p>
                        <p> Bei diesen meinen Erwägungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer
                            Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in
                            den vier Kriegsjahren so fest begründet, daß diese uns, mochte kommen
                            was wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte.
                            Ausschlaggebend für meine Entschlüsse und Vorschläge blieb einzig und
                            allein die Rücksicht auf das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den
                            Gegner durch Siege auf dem Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden
                            zwingen, der uns alles das gab, was unsere deutsche Zukunft endgültig
                            sicher stellte, so konnten wir es doch wenigstens dahin bringen, daß die
                            gegnerischen Kräfte im Kampfe erlahmten. Auch dann retteten wir
                            voraussichtlich ein erträgliches staatliches Dasein. </p>
                        <p> General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl
                            erkannt, daß die errungenen Erfolge ihm wieder ver<pb n="365"/><anchor id="p365"/>loren gehen würden, wenn unseren Truppen die Zeit zur
                            Erholung gelassen würde. Ich hatte das Gefühl, daß die gegnerische
                            Führung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu müssen. </p>
                        <p> Am 20.&nbsp;August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der
                            Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitägigen Kämpfen
                            auf diesen Punkt zurück. Am 21.&nbsp;August und in den ihm folgenden Tagen
                            verbreitern die Engländer ihre Angriffsfront vom 8.&nbsp;August in nördlicher
                            Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrüche
                            zwingen uns auch hier zum allmählichen Zurücknehmen unserer Linien. Am
                            26.&nbsp;August wirft sich der Engländer beiderseits Arras in der Richtung
                            auf Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber
                            schließlich aufgehalten. Da überrennt ein neuer feindlicher Ansturm am
                            2.&nbsp;September endgültig unsere Linien an der großen Straße Arras-Cambrai
                            und zwingt uns, die gesamte Front in die Siegfriedstellung
                            zurückzunehmen. Zur Kräfteersparnis räumen wir gleichzeitig den weit
                            über den Kemmel-Berg und Merville vorspringenden Bogen nördlich der Lys.
                            Alles schwere Entschlüsse, die bis zum Ende der ersten Septemberwoche
                            ausgeführt werden. Die erhoffte Erleichterung der Lage bringen sie
                            nicht. Der Gegner drängt überall sofort nach, und die Spannung dauert
                            an. </p>
                        <p> Am 12.&nbsp;September setzen die Kämpfe an der bisher ruhigen Front
                            südöstlich Verdun und bei Pont-à-Mousson ein. Wir standen hier in der
                            Stellung, in der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein
                            taktisches Mißgebilde, das den Gegner zu einem großen Schlag einladen
                            konnte. Es ist nicht recht verständlich, warum uns der Franzose
                            jahrelang in diesem großen Dreieck stehen ließ, das in seine Gesamtfront
                            hineinsprang. Durchstieß er dieses in mächtigem Schlage an der Basis, so
                            war eine schwere Krisis für uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht
                            als einen Fehler anrechnen, daß wir diese Lage nicht schon längst,
                            spätestens mit dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben.
                            Allein wir übten gerade <pb n="366"/><anchor id="p366"/>durch diese
                            Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die Bewegungsfreiheit
                            des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so wichtige Maastal
                            südlich der Festung. Erst Anfang September, als es zwischen Maas und
                            Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen wir, diese
                            Stellung zu räumen und auf die schon lange vorbereitete Basisstellung
                            zurückzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen uns aber die
                            Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste Niederlage bei. </p>
                        <p> Im übrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenüber unsere Front
                            im wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf
                            die Champagne am 26.&nbsp;September änderte die Lage von der Küste bis zu den
                            Argonnen zunächst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage
                            zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die
                            nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlußkampfes in
                            einer selbständigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend. </p>
                        <p> Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrüche wiederholt
                            zurückgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um
                            diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Lücke
                            gerissen. Bulgarien brach zusammen. </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="367"/><anchor id="p367"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Der Kampf unserer Bundesgenossen</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Bulgariens Zusammenbruch</head>
                        <p> Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht
                            wesentlich geändert. Sie blieb ernst. Die äußere Politik des Landes
                            schien jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich
                            Mitteilungen über Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher
                            Persönlichkeiten mit der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu
                            uns. Auch war in der amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos
                            eine Brutstätte von uns verderblichen Plänen vorhanden. Wir machten den
                            vergeblichen Versuch, sie zu beseitigen. Die Politik forderte
                            Samthandschuhe in der eisernen Wirklichkeit des Krieges. </p>
                        <p> Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an.
                            Die Armee wurde auch weiterhin davon berührt. Der Sturz Radoslawows war
                            endlich im Frühjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Männer
                            versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Bündnis. Das war für
                            uns das Entscheidende. </p>
                        <p> Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die
                            Lebensmittelversorgung machte immer größere Schwierigkeiten. Unter
                            diesen litt besonders die Armee, das heißt, man ließ sie darunter
                            leiden. Der Soldat mußte zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er
                            wurde auch so elend gekleidet, daß ihm eine Zeitlang das Nötigste
                            fehlte. Meutereien fanden statt, wurden uns gegenüber <pb n="368"/><anchor id="p368"/>aber meistens vertuscht. Die Armee wurde
                            durchsetzt mit völkisch fremden Elementen. Man stellte aus den besetzten
                            Gebieten gepreßte Mannschaften ein, um die Truppenstärken in der Höhe zu
                            halten. Das Überlaufen nahm daher einen außerordentlichen Umfang an. War
                            es ein Wunder, daß unter allen diesen Umständen der Geist der Truppe
                            zerfiel? Er erreichte anscheinend im Frühjahr seinen Tiefstand. Die
                            bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des
                            deutschen Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden,
                            westlich des Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen
                            eine wirkungsvolle Sperrung der für den Gegner so wichtigen Straße Santa
                            Quaranti-Korca, sowie eine günstige Rückwirkung auf die Stimmung von
                            Heer und Volk. Die Durchführung des Unternehmens erwies sich schließlich
                            als unmöglich, da nach Erklärungen bulgarischer Offiziere die Truppe den
                            Angriff verweigern würde. Noch bedenklichere Zustände zeigten sich, als
                            im Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und
                            Franzosen in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre
                            Stellung fast kampflos verließen. Die zum Gegenangriff bestimmte
                            Division meuterte größtenteils. </p>
                        <p> Die Zustände innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des
                            Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von
                            unseren Lebensmittelvorräten und schickten Bekleidungsstücke. Auch
                            lösten unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen
                            Armee große Begeisterung aus. Es war aber klar, daß diese gehobene
                            Stimmung rasch wieder in sich zusammenbrechen würde, wenn auf unserer
                            Seite Rückschläge erfolgten. Darüber konnten uns auch bessere
                            Stimmungsberichte Ende Juli nicht im Zweifel lassen. </p>
                        <p> Die gegenseitigen Stärkeverhältnisse an der mazedonischen Front schienen
                            sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach
                            dem schließlichen Ausgleich mit Rumänien war Bulgarien imstande, alle
                            seine Kräfte auf einer Front zu <pb n="369"/><anchor id="p369"/>versammeln. Dieser Verstärkung gegenüber kam das Wegziehen einiger
                            deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmäßig gar nicht in Betracht.
                            Eine englische Division war nach Syrien abbefördert worden; die
                            französischen Truppen hatten ihre jüngsten Jahrgänge nach der Heimat
                            abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten königlich griechischen
                            Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde
                            wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes übertragen. Nach
                            Mitteilungen von Überläufern war der größte Teil dieser Truppen bereit,
                            sich uns anzuschließen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front
                            eingesetzt würden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den
                            Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien.
                            Sie trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die
                            Entscheidung des Krieges für Bulgarien fiel. </p>
                        <p> Am 15.&nbsp;September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des
                            Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend.
                            Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frühjahr erklärt, daß sie an
                            diesem Tage die Stellungen verlassen würden, sofern der Krieg bis dahin
                            nicht beendet wäre. </p>
                        <p> Nicht weniger auffallend war es andererseits, daß sich der Gegner zu
                            einem Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande wählte, an der
                            bei einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen
                            Führung das Durchdringen die allergrößten Schwierigkeiten bieten mußte.
                            Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen
                            entgegensehen zu können, und erwarteten den schwereren und
                            entscheidenden Angriff des Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend
                            des Doiransees waren seit längerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der
                            Engländer erkannt worden. Auch hier bestand angesichts der ganz
                            außerordentlichen Stärke der Verteidigungsstellungen unseres Erachtens
                            keine Gefahr, sofern man einer solchen von bulgarischer Seite
                            entsprechend <pb n="370"/><anchor id="p370"/>entgegentreten wollte.
                            Über die zahlenmäßigen Kräfte verfügte die bulgarische Oberste
                            Heeresleitung ganz gewiß. </p>
                        <p> Die zuerst eintreffenden Meldungen über den Verlauf der Kämpfe am
                            15.&nbsp;September gaben zu Besorgnissen keinen Anlaß. Die vordersten
                            Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte
                            nichts ungewöhnliches an sich. Die Hauptsache war, daß dem Gegner der
                            glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spätere Nachrichten
                            lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedrängt,
                            als man zuerst annehmen konnte. Die zunächst am Kampfe beteiligten
                            Truppen hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen
                            gezeigt. Die Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten
                            keine Neigung, sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es
                            anscheinend vor, dem Gegner das Kampffeld zu überlassen, und das an
                            einer Stelle, die dem wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des
                            mazedonischen Kriegsschauplatzes, nämlich Gradsko, bedenklich nahe lag. </p>
                        <p> Fällt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschützen erreichen,
                            so ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der
                            wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung
                            für die Dauer unmöglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee
                            beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der
                            Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, daß die bulgarischen
                            Führer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, daß sie nicht alles
                            daran setzen würden, ein namenloses Unheil für die Masse des Heeres
                            abzuwenden. </p>
                        <p> Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen südlich von Gradsko kämpfen die
                            bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem
                            18.&nbsp;September mit größter Erbitterung. Vergeblich versuchen die
                            Engländer, sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer
                            Mut und zäher Wille in glänzendem Licht. Aber was nützt der Heldenmut am
                            Doiransee, wenn in der Richtung auf <pb n="371"/><anchor id="p371"/>Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch Schlimmeres als
                            Mutlosigkeit. </p>
                        <p> Vergeblich versucht die deutsche Führung mit deutschen Truppen die Lage
                            in der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen
                            kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld
                            räumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen strömen
                            ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern.
                            Ein eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklärung der
                            bulgarischen Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind,
                            wollen wieder einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie
                            lassen vielfach ihre Offiziere unbelästigt. Gehen diese mit ihnen nach
                            Hause, so sind sie willkommen, wollen sie zurückbleiben auf dem Felde
                            der Ehre, so sollen sie das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig
                            zu, wenn im Gedränge ein Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in
                            Bedrängnis kommt, er hilft den deutschen Geschützen beim Marsch auf das
                            Gefechtsfeld über schlechte Wegestrecken fort. Den Kampf indessen
                            überläßt er den Deutschen. Mazedonien wird auf diese Weise freilich für
                            Bulgarien verloren gehen. Aber der bulgarische Bauer sagt sich, daß er
                            in der Heimat Land genug habe; also zieht er in die Heimat und überläßt
                            die Sorge und den Kampf um Mazedonien und die bisherigen Großmachtspläne
                            anderen Menschen. </p>
                        <p> Die deutsche Führung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das
                            verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhältnisse
                            vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an
                            Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird
                            zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stützen und Gradsko zu
                            retten. Die Aussichten, daß dieses gelingt, werden immer geringer. Bei
                            der Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste
                            Rettung, die Flügel des Heeres zurückzunehmen. Eine solche Bewegung
                            würde an sich nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in
                            Mazedonien liegt eine gewaltige <pb n="372"/><anchor id="p372"/>Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der Gegner nach
                            Norden kommt, um so schwieriger werden seine rückwärtigen Verbindungen.
                            Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern sich auch die
                            rückwärtigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint wenigstens
                            möglich, durch diese Maßnahme die Masse des Heeres zu retten. </p>
                        <p> Dem Entschluß des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die
                            bulgarischen Führer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, daß
                            ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar
                            kämpfen würden. Dagegen sind sie der Anschauung, daß die Armeen sich
                            völlig auflösen würden, wenn man ihnen den Rückzugsbefehl gäbe. </p>
                        <p> Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll für alle
                            Beteiligten. Die Bulgaren klagen, daß nicht genug deutsche Truppen zur
                            Stelle sind, daß man die früher vorhandenen zum Teil entfernt hätte. Was
                            aber hätten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen
                            Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen hätte man schicken
                            müssen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht
                            im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien
                            schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, daß die deutsche Kraft
                            auch zu erschöpfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht
                            erschöpft, erschöpft ist nur der bulgarische Kriegswille. </p>
                        <p> Auch wir im Großen Hauptquartier stehen vor verhängnisvollen Fragen. Wir
                            müssen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist.
                            Wir müssen also doch Unterstützungen schicken und zwar sofort, so schwer
                            uns das werden mag. Es ist der 18.&nbsp;September, als sich diese
                            Notwendigkeit in vollem Umfange ausprägt. Man denke daran, wie schwer
                            der Kampf zu dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher
                            hatten die Amerikaner ihren großen Erfolg zwischen Maas und Mosel
                            errungen, und eine weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch
                            bevor. </p>
                        <pb n="373"/><anchor id="p373"/>
                        <p> Die erste Unterstützung, die wir freimachen können, sind Truppen, eine
                            gemischte Brigade, die für Transkaukasien bestimmt waren und eben über
                            das Schwarze Meer befördert werden. Sie werden durch Funkspruch
                            abgedreht und sollen über Varna-Sofia herankommen. Diese Kräfte genügen
                            jedoch nicht. An unserer Ostfront können wohl noch einige Divisionen
                            entbehrlich gemacht werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des
                            Westens bringen. Doch was sind das für Truppen? Kein Mann unter
                            35&nbsp;Jahren, und alle Vollkräftigen schon nach dem Westen geholt! Kann von
                            ihnen noch eine besondere Leistung erwartet werden? Sie mögen den besten
                            Willen mitbringen, aber in diesem Klima und ohne Ausrüstung für den
                            Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie an der mazedonischen Front nur
                            bedingt brauchbar. Doch es muß sein, denn nicht nur die bulgarische
                            Armee, auch die bulgarische Regierung und der Zar müssen in dieser
                            schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten. </p>
                        <p> Auch vom Westen her schicken wir Unterstützung. Unser Alpenkorps, eben
                            erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die
                            Bahn gesetzt. Ebenso beteiligt sich Österreich-Ungarn an dem Versuch,
                            Bulgarien zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfür zur
                            Verfügung. Wir verzichten daher auf weitere österreichisch-ungarische
                            Unterstützung an unserer Westfront. </p>
                        <p> Bis diese deutsche und österreichische Hilfe eintreffen kann, muß
                            versucht werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten.
                            Trotz aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen
                            Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rückzug an die rechte und mittlere
                            bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, nördlich des
                            Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden. </p>
                        <p> Die linke bulgarische Armee wird während dieser ganzen Zeit nicht
                            angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind
                            von größter Stärke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genügen für
                            ihre Verteidigung. Trotzdem verbreitet <pb n="374"/><anchor id="p374"/>sich auch in dieser Armee Verwirrung; Mut und ruhige Überlegung
                            schwinden. Der Führer hält seine Lage für unhaltbar und beschwört den
                            Zaren, sofort Waffenstillstand zu schließen. Der Zar antwortet: „Gehen
                            Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu Grunde.“ Das Wort beweist,
                            daß der Zar Herr der Lage ist, und daß ich mich nicht in ihm täuschte. </p>
                        <p> Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Höhe seiner Aufgabe. Er eilt
                            an die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch
                            ein einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung
                            aller getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem
                            Schwinden des Willens? </p>
                        <p> Die mittlere Armee beginnt am 20.&nbsp;September befehlsgemäß den Rückzug.
                            Dieser wird zur Auflösung; ungeschickte Anordnungen vervollständigen die
                            Verwirrung. Die Stäbe versagen, am gründlichsten der Armeestab. Hier ist
                            nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen
                            beseelt, nämlich der Führer. </p>
                        <p> Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrückzugsstraße
                            führt über Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist
                            diese Straße äußerst bedroht. Ein anderer Weg führt aus dem Seengebiete
                            und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde
                            Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen über
                            Veles bei Üsküb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert,
                            aber sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob größere Truppenmassen in
                            diesen Gebieten die nötige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken
                            müssen starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch stärkere werden
                            dorthin gedrängt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das
                            Straßenstück Prilep-Veles von Südosten her vorrückt. Gradsko fällt schon
                            am 21.&nbsp;September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu
                            einer förmlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Größe an
                            eine amerikanische Neugründung er<pb n="375"/><anchor id="p375"/>innert.
                            Ungeheuere Vorräte sind hier aufgespeichert, ausreichend für einen
                            ganzen Feldzug. In den dortigen Depots merkt man nichts davon, daß die
                            bulgarischen Armeen an der Front irgend etwas entbehren mußten. Jetzt
                            fällt alles der bulgarischen Vernichtung anheim oder wird Beute des
                            Feindes. Nicht nur in Gradsko sondern auch anderwärts verfügt Bulgarien
                            noch über reiche Bestände. Sie ruhten bisher im Verborgenen, behütet von
                            der einseitigen Sorge bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien
                            wie eine Kruste das Volksleben überzieht, trotz liberalster Gesetze und
                            freiheitlichem Parlament. </p>
                        <p> Bulgarien kann also den Krieg noch weiter führen, wenn es ihn nur nicht
                            selbst für verloren hält oder halten will. Unser Plan, der auch die
                            Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist
                            folgender: Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze
                            zurückschwenken. Die rechte Armee soll sich bei Üsküb oder weiter
                            nördlich versammeln; sie wird verstärkt durch die anrollenden deutschen
                            und österreichischen Divisionen. Diese Kräfte bei Üsküb werden
                            reichlichst genügen, um die Lage zu halten; ja es ist bei einiger
                            Brauchbarkeit der bulgarischen Verbände damit zu rechnen, daß wir von
                            Üsküb aus bald wieder zu einem Angriff in südlicher Richtung vorgehen
                            können. Es scheint ausgeschlossen, daß der Gegner ohne Rast mit starken
                            Massen bis Üsküb und bis an die altbulgarische Grenze nachdrängt. Wie
                            sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und Straßen
                            gründlich zerstört haben? Wir hoffen auch, daß in den bulgarischen
                            Truppen bei Berührung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und
                            Verantwortungsgefühl zusammenfinden. </p>
                        <p> Die vorgeschlagene Operation ist nur möglich, wenn Üsküb so lange
                            gehalten wird, bis die bulgarischen Truppen über Kalkandelen
                            herankommen. Diese Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in
                            der Tat über Gradsko hinaus mit nur verhältnismäßig schwachen Kräften. </p>
                        <pb n="376"/><anchor id="p376"/>
                        <p> Während dieser Vorgänge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort
                            eintreffenden Bataillone, die der Bevölkerung zur Beruhigung, der
                            Regierung zum Schutz und zur Stütze dienen sollen, finden nichts von der
                            gefürchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen
                            Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die außerhalb
                            ihrer Verbände durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften
                            liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von
                            Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, daß sie
                            wiederkommen würden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt
                            hätten. Ein eigenartiges Bild, ein merkwürdiger Seelenzustand. Oder ein
                            abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den
                            Soldaten vorauszusetzen. Daß es in dieser Auflösung nicht überall
                            friedlich zugeht, ist klar. Die Gerüchte von schweren Ausschreitungen
                            erweisen sich aber meist als übertrieben. </p>
                        <p> An der Front ändert sich die Lage nicht. Der Rückzug der bulgarischen
                            Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kräfte
                            des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich
                            versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum
                            noch sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu
                            nehmen und wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu
                            ordnen. Kommt der Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach
                            wenigen Schüssen ihre Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr
                            imstande, dem bulgarischen Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso
                            vergeblich ist das Bemühen deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem
                            Gewehre in der Hand durch ihr Beispiel auf die haltlose gleichgültige
                            Masse zu wirken. </p>
                        <p> So nähert sich der Gegner Üsküb, bevor neue deutsche und
                            österreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen können. Am
                            29.&nbsp;September treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee
                            bei Kalkandelen aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf <pb n="377"/><anchor id="p377"/>guter Straße nach Üsküb zu rücken. Die
                            Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffähig. Die schwerste
                            Krisis scheint demnach überwunden zu sein. Militärisch mochte das der
                            Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgültig verloren. Daran war
                            bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kräfte haben Üsküb
                            besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am
                            29.&nbsp;September abends schließt Bulgarien Waffenstillstand. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien"/>
                        <head>Der Sturz der türkischen Macht in Asien</head>
                        <p> Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kühnen Aufschwung des
                            osmanischen Kriegswillens. Die Türkei schritt, ehe noch der Winter im
                            armenischen Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen
                            russischen Armeen. Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten
                            nur noch als Phantom. Die Masse der Truppen hatte sich bereits völlig
                            aufgelöst. Der Vormarsch der Türken fand daher nur noch Widerstand bei
                            armenischen Banden. Schwieriger als dessen Beseitigung war die
                            Überwindung der Hindernisse, die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur
                            den Türken in den Weg legte. Daß der Vormarsch trotzdem gelang, war eine
                            jener merkwürdigen Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des
                            osmanischen Staatswesens. Die Türkei warf sich über die Grenzen des
                            osmanischen Armeniens hinaus auf die Gebiete Transkaukasiens,
                            angetrieben durch verschiedene Beweggründe: Panislamitische Träumereien,
                            Rachegedanken, Hoffnung auf Entschädigungen für bis jetzt verlorene
                            Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch ein weiteres, nämlich
                            die Suche nach Menschenkräften. Das Land, in erster Linie die
                            Siedlungsgebiete der prächtigen Anatolier, ist in bezug auf
                            Menschenkräfte völlig erschöpft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und
                            unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue große Quellen zu
                            eröffnen. Rußland hat diese Mohammedaner zu <pb n="378"/><anchor id="p378"/>dem regelmäßigen Militärdienst nicht herangezogen, nun
                            sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen der voraussichtlichen
                            Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die Üppigkeit der
                            orientalischen Phantasie. Auch müßte man, wenn man den osmanischen
                            Mitteilungen glauben sollte, annehmen, daß die mohammedanischen Völker
                            Rußlands seit langem keine höhere Sehnsucht gekannt hätten, als mit dem
                            türkischen Reiche zusammen ein einiges großes geschlossenes Glaubensland
                            zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß
                            die Türkei sich in diesen Gebieten neue Kräfte erschließt, und daß
                            England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung dieser Vorgänge sein
                            besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es aber gut, mit
                            nüchterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf die
                            hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken,
                            freilich nicht mit dem wünschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, daß
                            die Hauptaufgabe der Türkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der
                            Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen
                            auf den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen
                            und guter Wille in Konstantinopel, wenn die Führer auf den entlegenen
                            Kriegsschauplätzen ihre eigenen Wege gehen! </p>
                        <p> Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorräten von Kriegsrohstoffen
                            in Transkaukasien für die allgemeine Kriegführung zu retten, senden wir
                            Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau
                            eines geordneten Wirtschaftslebens zu ermöglichen. </p>
                        <p> Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen
                            nicht eher, als bis Baku auch in die Hand der Türken fällt, und zwar zu
                            einer Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen
                            Herrschaft der Türkei vollzieht. </p>
                        <p> Auch die Absicht, über Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluß
                            zu gewinnen, führte die Türkei so weit in östlicher Richtung <pb n="379"/><anchor id="p379"/>vor. Man will durch Persien hindurch den
                            englischen Operationen in Mesopotamien in die Flanke fallen, ein Plan,
                            der an sich gut ist, dessen Durchführung aber Zeit braucht. Es ist
                            freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden werden. Vielleicht aber
                            binden schon die ersten türkischen Bewegungen im nördlichen Persien
                            englische Kräfte und retten dadurch Mesopotamien für die Türkei. </p>
                        <p> Wie durch das Weiße Meer über Archangelsk, so scheint England auch über
                            das Kaspische Meer und über Baku sich einen Einfluß in Rußland sichern
                            zu wollen. Aus diesen Gründen liegt die Durchführung der osmanischen
                            Pläne in Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur
                            hätte demgegenüber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in
                            Syrien nicht vernachlässigt werden dürfen. Die Aufstellung einer
                            verwendungsbereiten türkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo
                            wäre jedenfalls mit Rücksicht auf alle operativen Möglichkeiten des
                            Engländers südlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als größere
                            Operationen in Persien. </p>
                        <p> In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte
                            betrachtet unverändert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den
                            Gegenden südlich von Mosul für die türkischen Armeen eine Katastrophe
                            vollzogen, freilich nicht unter Geschützdonner. Wie im armenischen
                            Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im
                            Winter 1917/18 die türkischen Soldaten in großer Zahl zugrunde. Man
                            spricht von 17.000, die in
                            dortigen Stellungen verhungerten oder an den Folgen dieses Elendes
                            starben. Ob die Zahl richtig ist, vermögen wir nicht nachzuprüfen. „Auch
                            wer verhungert, stirbt den Heldentod“, so versicherte uns ein Türke,
                            nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster Überzeugung. Nur noch
                            Reste der ehemaligen türkischen Armee überleben in Mesopotamien das
                            Frühjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu gefechtsfähiger Stärke
                            gebracht werden können. Man fragt sich, warum greift England in
                            Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum marschiert es nicht
                            einfach vorwärts? Genügen die Schatten <pb n="380"/><anchor id="p380"/>dieser osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines
                            Programms kolonialer Kriegführung zu veranlassen? Die englische Führung
                            mag für diese Vorsicht ihrer Operationen alle möglichen Gründe anführen
                            können, nur einen hat sie nicht, nämlich die Stärke des Gegners. </p>
                        <p> Während im armenischen Hochlande die türkische Wehrmacht nochmals einen
                            Triumph feierte, hatten die Kämpfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt
                            kam es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne
                            daß hierdurch die Lage wesentlich geändert wurde. Im Frühjahr 1918
                            schien die englische Kriegführung dieses ewigen Einerleis endlich müde
                            zu werden. Sie raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach über
                            Jericho in das Ostjordanland ein. Man nahm an, daß die Araberstämme in
                            diesem Gebiete das Auftreten ihrer Befreier vom türkischen Joch nur
                            erwarteten, um sofort den osmanischen Armeen in den Rücken zu fallen.
                            Das Unternehmen scheiterte jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen
                            deutschen und türkischen Kräften dank ausgezeichneter osmanischer
                            Führung. Die Lage an der syrischen Front wurde hierdurch in den Sommer
                            hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in jenen glutheißen
                            Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit Sicherheit zu
                            erwarten, daß der Engländer im Herbste seine Angriffe in irgend einer
                            Richtung wiederholen würde. Wir glaubten, daß die Zwischenzeit genügend
                            sei, um die Lage an der syrischen Front durch Zuführung neuer türkischer
                            Kräfte zu festigen. </p>
                        <p> Die inneren Schwierigkeiten im türkischen Staate dauerten auch im Jahre
                            1918 an. Der Tod des Sultans übte nach außen hin zunächst keinen
                            sichtbaren Einfluß aus. Im Innern begann allmählich eine Bewegung zur
                            Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der
                            Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung
                            durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschäden
                            entgegenzutreten. <pb n="381"/><anchor id="p381"/>Er wählte die Männer
                            seiner Umgebung aus den Kreisen, die sich den alttürkischen Richtungen
                            zuneigten. </p>
                        <p> Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen
                            gelernt. Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei
                            den Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan
                            sprach nur türkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im
                            wesentlichen auf den Austausch von Ansprachen beschränkt. Die Erwiderung
                            des Thronfolgers auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen
                            Charakter. Diesem entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung. </p>
                        <p> Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen
                            persönlichen Einfluß auszuüben. Er wollte auch die Armeen in den
                            entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Mängel hätten
                            beseitigt werden können, wage ich nicht zu entscheiden. </p>
                        <p> Das Land war durch den Kriegszustand völlig erschöpft. Es konnte dem
                            Heere kaum noch irgend welche neuen Kräfte bieten. So gelang es auch
                            während des Sommers nicht, die Verhältnisse an der syrischen Front
                            wesentlich zu stärken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den
                            geradezu kläglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes hätte geleistet
                            werden können. Die Zustände in der Versorgung der Armee blieben
                            schlecht. Die Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu beständig
                            in ungestilltem Hunger dahin, körperlich müde, seelisch empfindungslos. </p>
                        <p> Wie ich schon früher anführte, mußten wir auf das Wegziehen der
                            deutschen Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige
                            deutsche Führung glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert
                            betrachten zu können. Man schätzte freilich den Angriffsgeist der
                            gegenüberstehenden englisch-indischen Armee besonders auf Grund von
                            Aussagen mohammedanisch-indischer Überläufer nicht sehr hoch ein. Auch
                            waren die bisherigen Leistungen der englischen Führung so wenig
                            eindrucksvoll, daß man sich zu der <pb n="382"/><anchor id="p382"/>Hoffnung berechtigt fühlte, mit den vorhandenen geringen Kräften dem
                            Feinde wenigstens die Möglichkeit eines weiteren Widerstandes
                            vortäuschen zu können. Wie lange eine solche Täuschung vorhielt, hing
                            lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer
                            kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das
                            Gerüst des türkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen
                            Stützen umwerfen würde oder nicht. </p>
                        <p> Am 19.&nbsp;September griff der Engländer überraschend den rechten türkischen
                            Heeresflügel in den Küstenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos
                            die dortigen Linien. Die Niederlage der beiden türkischen Armeen an der
                            syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der
                            indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt. </p>
                        <p> In diesen Tagen wurde die Türkei durch den bulgarischen Zusammenbruch
                            ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war
                            dadurch im ersten Augenblick auf der europäischen Landseite völlig
                            schutzlos. Die türkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe
                            der letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die
                            Armeen der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert
                            in ihnen steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum
                            gefechtsfähigen Küstenbesatzung ungeschützt. Die Befestigungen der
                            berühmten Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen
                            Schützengräben, wie sie nach den Kämpfen der Jahre 1912/13 von den
                            türkischen Truppen verlassen waren. Alles übrige war nur in der
                            Phantasie oder auf trügerischen Plänen vorhanden. Man mag über diese
                            Zustände nachträglich den Kopf schütteln, letzten Endes offenbart sich
                            in ihnen doch der große Wille, alle vorhandenen Kräfte auf den
                            entscheidenden Außenposten zu verwenden. Wehe dann freilich, wenn der
                            äußere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die feindlichen Fluten in
                            das Innere des Landes ergossen. </p>
                        <p> Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den
                            Eindrücken der ersten Nachrichten vom drohen<pb n="383"/><anchor id="p383"/>den bulgarischen Zusammenbruch wurden aus Konstantinopel
                            heraus einzelne rasch zusammengestellte Formationen an die
                            Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter Widerstand wäre jedoch
                            mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der moralischen als der
                            praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige Überführung von
                            deutschen Landwehrformationen aus dem südlichen Rußland nach
                            Konstantinopel an. Auch entschloß sich die Türkei dazu, alle aus
                            Transkaukasien zurückgerufenen Divisionen zunächst nach Thrazien zu
                            werfen. Bis jedoch nennenswerte Kräfte Konstantinopel erreichen konnten,
                            mußte geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht
                            ausnutzte, um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, läßt sich nach den bis
                            jetzt vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Türkei
                            vor einer unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen
                            schien aber Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen. </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf" level1="Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn"/>
                        <head>Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn</head>
                        <p> Nach den vergeblichen Angriffen des österreichisch-ungarischen Heeres in
                            Oberitalien zeigte sich immer mehr, daß die Donaumonarchie ihre letzte
                            und beste Stärke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht
                            mehr so viel zahlenmäßige und sittliche Kräfte, um einen solchen Angriff
                            wiederholen zu können. Die Verhältnisse dieses Heeres traten uns so
                            recht deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu
                            unserer Unterstützung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger
                            Einsatz war unmöglich, wenn man später größere Kampfleistungen von ihnen
                            verlangen wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders
                            auch der Ausrüstung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden
                            Truppen ebenso rückhaltslos anerkannt wie von seiten des k.&nbsp;u.&nbsp;k.
                            Armee-Oberkommandos. Alle österreichisch-ungarischen Befehlsstellen <pb n="384"/><anchor id="p384"/>gaben sich die größte Mühe, die im
                            Westen verwendeten k.&nbsp;u.&nbsp;k. Truppen in verhältnismäßig kurzer Zeit ihrer
                            kommenden Aufgabe entsprechend leistungsfähig zu machen. Wenn das Ziel
                            nicht voll und ganz erreicht wurde, so lag es wahrlich nicht an
                            mangelnder Tätigkeit und Einsicht der Offiziere. Auch die Mannschaften
                            zeigten sich in hohem Grade willig. </p>
                        <p> Die großen Verluste der österreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien,
                            die mangelhaften Ersatzverhältnisse, die politische Unzuverlässigkeit
                            einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustände im Innern des Landes
                            machten eine wirklich große und ausschlaggebende Unterstützung unserer
                            Westfront leider unmöglich. General von Arz mußte sich angesichts dieser
                            Verhältnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division,
                            die er uns schicken wollte, von der Seele reißen. Er selbst war von der
                            großen Bedeutung dieser Hilfe durchaus überzeugt. Ich vermag nicht zu
                            sagen, ob man in allen österreichisch-ungarischen Kreisen von der
                            gleichen Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man überall die gleiche
                            Dankesschuld uns gegenüber empfand, wie General von Arz. </p>
                        <p> An den österreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im
                            Verlauf des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte
                            kriegerische Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem
                            Boden. Dort hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos
                            gegenübergestanden, die Italiener, etwa ein verstärktes Armeekorps, um
                            Valona und östlich, die Österreicher im nördlichen Albanien. Der
                            Kriegsschauplatz wäre ohne jede militärische Bedeutung gewesen, wenn er
                            nicht einen Zusammenhang mit den mazedonischen Fronten gehabt hätte.
                            Bulgarien befürchtete beständig, daß durch ein feindliches Vordringen
                            westlich des Ochridasees die rechte Flanke seiner Heeresfront umfaßt
                            werden könnte. Militärisch wäre einem solchen feindlichen Unternehmen
                            leicht durch Zurücknahme des bulgarischen Westflügels aus dem Gebiete
                            von Ochrida in nordöstlicher Richtung zu begegnen gewesen. Allein die
                            innerpolitischen Verhältnisse Bul<pb n="385"/><anchor id="p385"/>gariens
                            machten, wie ich das schon erwähnt habe, damals jedes Zurückziehen
                            bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmöglich. Dazu kamen
                            bulgarisch-österreichische Eifersüchteleien in Albanien, die mit Mühe
                            von uns ausgeglichen worden waren. </p>
                        <p> Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Österreicher ihre
                            italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die
                            außerordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstützpunktes als zweiter
                            Torflügel zur Sperrung der Adria war mit den Händen zu greifen. Für eine
                            solche Operation fehlte jedoch für Österreich-Ungarn die erste
                            Voraussetzung, nämlich die entsprechende leistungsfähige, rückwärtige
                            Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein
                            solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in
                            dem öden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und
                            Österreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in
                            genügendem Umfang schaffen. </p>
                        <p> Die österreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in
                            einer Art von Dornröschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch
                            gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer
                            Tatkraft gestört wurden. Einen größeren Ernst nahm die Lage in Albanien
                            erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten
                            Angriff von der Meeresküste bis in die Gegend des Ochridasees schritten.
                            Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlässigten
                            österreichisch-ungarischen Verbände wurden nach Norden zurückgedrückt.
                            Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der
                            mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste
                            Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines
                            Ersuchens an das k.&nbsp;u.&nbsp;k. Armee-Oberkommando, die österreichischen
                            Kräfte in Albanien zu verstärken, um auch weiterhin den Schutz der
                            mazedonischen Flanke durchführen zu können. Die
                            österreichisch-ungarische Heeresleitung entschloß sich darüber
                            hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die Italiener wurden
                            wieder zurückgeschlagen. </p>
                        <pb n="386"/><anchor id="p386"/>
                        <p> Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend
                            welche weiter gesteckten politischen und militärischen Ziele im Auge
                            hatte. Besonders muß ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem später
                            einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front
                            in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der österreichische
                            Gegenangriff stellte angesichts der ganz außerordentlichen
                            Schwierigkeiten in den albanischen Geländeverhältnissen und der
                            feindlichen zahlenmäßigen Überlegenheit eine sehr beachtenswerte
                            Leistung dar. Sie verdient durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen
                            als solche gefeiert zu werden. </p>
                        <p> Die inneren Verhältnisse Österreich-Ungarns hatten sich im Laufe des
                            Jahres 1918 in der früher erwähnten bedenklichen Richtung weiter
                            entwickelt. Die ungewöhnlichen Schwierigkeiten in der Volksernährung
                            bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein
                            Wunder, daß die österreichisch-ungarischen Behörden in dem
                            Zusammenraffen greifbarer Verpflegungsbestände, sei es in Rumänien, sei
                            es in der Ukraine, zu Maßnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen
                            im höchsten Grade entgegengesetzt waren. </p>
                        <p> Unter den trüben politischen Verhältnissen Österreich-Ungarns war es
                            nicht weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklärt wurde,
                            daß eine Weiterführung des Krieges über das Jahr 1918 hinaus von seiten
                            der Donaumonarchie ausgeschlossen wäre. Der Drang nach Abschluß der
                            Feindseligkeiten äußerte sich immer häufiger und immer stärker. Ob
                            dabei, wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des
                            Friedensbringers zu spielen, bei irgendwem einen wirklich
                            ausschlaggebenden Einfluß ausübte, lasse ich dahingestellt sein. </p>
                        <p> Im Sommer erfolgte der Rücktritt des Grafen Czernin von seinem Posten
                            als Außenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, daß die von seinem
                            Kaiser an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen
                            unüberbrückbaren Gegensatz zwischen ihm und <pb n="387"/><anchor id="p387"/>seinem Herrn geschaffen hätten. Mir war der Graf nicht
                            unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensätze, die zwischen seinen
                            politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns
                            gegenüber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen. </p>
                        <p> Für mich war Graf Czernin der typische Vertreter der
                            österreichisch-ungarischen Außenpolitik. Er war klug und von scharfem
                            Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von
                            zutreffender, rückhaltsloser Kritik der Schwächen des von ihm
                            vertretenen Staatswesens. Seine politischen Pläne bewegten sich dabei
                            aber weit mehr im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge
                            auszunutzen. Für die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar
                            immer ein offenes Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden
                            Gegensatz hierzu sah er in der Beurteilung unserer Gesamtlage das
                            rettende Heil meist im Verzicht. Aus diesen Widersprüchen kam es, daß er
                            für die Doppelmonarchie Erweiterung ihrer Machtsphäre anzustreben nicht
                            aufhörte, auch wenn er gleichzeitig uns Deutschen große Opfer für die
                            Interessen der verbündeten Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin
                            unterschätzte, wie alle österreichisch-ungarischen Staatsmänner dieser
                            Zeit, die Leistungsfähigkeit seines Vaterlandes. Sonst hätte er nicht im
                            Frühjahr 1917 kurz nach seiner Amtsübernahme von der Unmöglichkeit
                            weiteren Durchhaltens sprechen dürfen, obwohl die
                            österreichisch-ungarische Kraft noch länger ausreichte und auch bei der
                            Geschäftsniederlegung des Grafen noch keineswegs bei dem Erschöpfungstod
                            angelangt war. Es lag in den Gedankenverbindungen des Grafen Czernin
                            eine Art von Sichselbstaufgeben. Ob er dabei nicht imstande war, den
                            Friedensbestrebungen seines Kaisers Widerstand zu leisten, oder ob er
                            diese vielleicht in innerster Überzeugung unterstützte, vermochte ich
                            während seiner Amtsführung nicht klar zu durchschauen. Jedenfalls
                            verkannte der Graf die Gefahren, die in einer übertriebenen und ganz
                            besonders zu oft wiederholten Betonung der Friedensbereitschaft solchen
                            Feinden wie den unserigen gegenüber enthalten <pb n="388"/><anchor id="p388"/>waren. Nur so wird es verständlich, daß er in einer Zeit
                            des scheinbar beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des
                            Mißerfolges der feindlichen Frühjahrsoffensive und der Rückwirkung der
                            staatlichen Auflösung in Rußland auf unsere Feinde die politische Ruhe
                            verlor und die Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte. </p>
                        <p> Ich war der Meinung, daß es Graf Czernin an der bundesbrüderlichen
                            Gesinnung uns gegenüber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns
                            bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor
                            mancherlei Überraschungen stellte. Er befürchtete damals wohl, daß die
                            Donaumonarchie ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht
                            überwinden könnte, und daß der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine
                            baldige Vereinbarung mit der Ukraine forderte. </p>
                        <p> Unter der außenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage
                            zwischen uns und Österreich-Ungarn keinen Abschluß. Eine Preisgabe ganz
                            Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon früher
                            berührten Gründen für uns unannehmbar. </p>
                        <p> Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner
                            Tätigkeit als Außenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pleß
                            bekannt geworden. Bei der Umständlichkeit Burians, die bei allen
                            wichtigeren Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des
                            polnischen Problems in absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muß auch
                            offen eingestehen, daß meine Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von
                            entscheidenderen Dingen in Anspruch genommen wurden als von so
                            langwierigen, unfruchtbaren Verhandlungen. </p>
                        <p> Bei seiner Wiederberufung als Außenminister hatte Graf Burian das
                            begreifliche Bestreben, möglichst bald einen Ausweg aus unserer
                            politischen Lage zu finden. Es war menschlich verständlich, daß er unter
                            dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit größter
                            Hartnäckigkeit zum Frieden drängte. Nach meiner Anschauung sollte
                            indessen keiner der verbündeten Staaten aus dem Rahmen der politischen
                            Einheitsfront <pb n="389"/><anchor id="p389"/>heraustreten und dem
                            Gegner Friedensangebote machen. Es war ein Irrtum, zu glauben, daß
                            dadurch jetzt noch wesentliches für einen Einzelstaat oder für unsere
                            Gesamtheit gebessert werden könne. Der türkische Großwesir, der in der
                            ersten Septemberhälfte in Spa weilte, beurteilte die Lage ganz ebenso
                            wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu gleichem Zeitpunkt davon, daß
                            Friedensbestrebungen seines Landes außerhalb des gemeinsamen Bundes
                            nicht in Frage kommen könnten. Vielleicht ahnte der Zar damals aber
                            schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor in den
                            gegnerischen Berechnungen nur noch spielte. </p>
                        <p> Aus den angeführten Gründen heraus fühlte ich mich nicht veranlaßt, den
                            österreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente
                            einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, für glücklich zu
                            halten. Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenüber in der Tat
                            auch völlig ablehnend. Sie übersahen unsere damalige Lage schon zu klar,
                            als daß sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen
                            wollten. Die Frage weiterer Menschenopfer spielte für sie keine Rolle.
                            Die Befürchtung, daß wir Deutschen uns rasch wieder erholen könnten,
                            wenn uns auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen würde, beherrschte
                            völlig den feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den
                            unsere Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt
                            noch machten. Für uns ein stolzes Gefühl mitten in alledem, was um uns
                            zurzeit vorging und noch vorgehen sollte! </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="390"/><anchor id="p390"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Dem Ende entgegen</head>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Vom 29. September zum 26. Oktober</head>
                        <p> Wäre in dem Buch des großen Krieges das Kapitel über das Heldentum des
                            deutschen Heeres nicht schon längst geschrieben gewesen, so würde es in
                            dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Söhne in ewig
                            unauslöschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen
                            wurden in diesen Wochen an die Körper- und Seelenkräfte von Offizieren
                            und Mannschaften aller Stäbe und Truppenteile gestellt! Die Truppen
                            mußten auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von
                            einem Schlachtfeld auf das andere geführt werden. Kaum, daß die
                            sogenannten Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten
                            Verbände neu zu ordnen, ihnen Ersatz zuzuführen, die Bestände
                            aufgelöster Divisionen in die Truppenteile anderer einzuordnen.
                            Offiziere wie Mannschaften begannen wohl zu ermatten, aber sie rissen
                            sich immer wieder empor, wenn es galt, den feindlichen Anstürmen Halt zu
                            gebieten. Offiziere aller Dienstgrade bis zu den höheren Stäben hinauf
                            wurden Mitkämpfer in den vordersten Linien, teilweise mit dem Gewehr in
                            der Hand. Zu befehlen gab es ja vielfach nichts anderes mehr als:
                            „Aushalten bis zum Äußersten.“ </p>
                        <p> Ja: „Aushalten!“ Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen
                            glänzender Erfolge. Für mich kann der Anblick solch todesmutigen
                            Kämpfens nicht beeinträchtigt werden durch einzelne <pb n="391"/><anchor id="p391"/>Bilder des Verzagens und des Versagens. In einem solchen
                            entsagungsvollen Ringen, in dem jeder Aufschwung siegreichen
                            Kraftgefühles fehlt, müssen menschliche Schwächen stärker zur Geltung
                            kommen als sonstwo. </p>
                        <p> Für zusammenhängende Linien fehlte es an Kräften. In Gruppen und
                            Grüppchen leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch
                            der Gegner sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen,
                            wo seine Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertötet hat, da
                            schreitet er nur selten noch zu großen Gefechtshandlungen. Er stürmt
                            nicht auf unsern Widerstand los, er schleicht sich allmählich ein in
                            unsere lückenreichen, zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache
                            hatte sich meine Hoffnung immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung,
                            aushalten zu können bis zur Erlahmung des Gegners. </p>
                        <p> Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines
                            frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese
                            stehen hart vor dem Zusammenbruch. </p>
                        <p> Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen
                            vermögend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen:
                            „Wann müssen wir zu einem Ende kommen?“ Wendet man sich in solchen
                            Fällen an die große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so
                            ermahnt sie nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine
                            Blicke auf die Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die
                            Antwort: „Durchhalten!“ </p>
                        <p> Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher
                            waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den
                            Krieg, ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit
                            ist im Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und
                            Schwächen. Und wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu
                            verantworten, dieses niemals! </p>
                        <p> So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer
                            Kampf. Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch <pb n="392"/><anchor id="p392"/>in diesem Kampfe stehen wir allein. Niemand
                            rät uns als die eigene Überzeugung und das Gewissen. Nichts hält uns
                            aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in mir stark
                            genug, um auch noch andere zu stützen. </p>
                        <p> Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der
                            Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren,
                            mögen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas
                            erdrückende Überlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten,
                            so nehmen doch unsere Kräfte sichtlich ab. Sie werden um so früher
                            versagen, je bedrückender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie
                            wirken. Wer schließt die Lücke, wenn Bulgarien endgültig zusammenbricht?
                            Manches können wir wohl noch leisten, aber wir vermögen nicht eine neue
                            Front aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung
                            begriffen, aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat
                            kaum noch gefechtsfähige Verbände; eine der anrollenden
                            österreichisch-ungarischen Divisionen wird für völlig unbrauchbar
                            erklärt; sie besteht aus Tschechen, die voraussichtlich den Kampf
                            verweigern. Liegt auch der Schauplatz in Syrien weit ab von der
                            Entscheidung des Krieges, so zermürbt die dortige Niederlage doch
                            zweifellos den treuen türkischen Genossen, der nun auch in Europa wieder
                            bedroht wird. Wie wird Rumänien sich verhalten, was werden die großen
                            Trümmer Rußlands tun? Alles dies drängt auf mich ein und erzwingt den
                            Entschluß, nun doch ein Ende zu suchen, das heißt ein Ende in Ehren.
                            Niemand wird sagen: „Zu früh.“ </p>
                        <p> In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluß trifft mich mein
                            Erster Generalquartiermeister am späten Nachmittag des 28.&nbsp;September.
                            Ich sehe ihm an, was ihn zu mir führt. Wie so oft seit dem 23.&nbsp;August
                            1914 fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten
                            geworden sind. Unser schwerster Entschluß wird auf gleicher Überzeugung
                            gefaßt. </p>
                        <pb n="393"/><anchor id="p393"/>
                        <p> In den Vormittagsstunden des 29.&nbsp;September erfolgt unsere Beratung mit
                            dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Die Lage nach außen wird von
                            ihm mit wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines
                            friedlichen Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht,
                            durch Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Mächte irgend eine
                            Annäherung an die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der
                            Staatssekretär bespricht dann die innere Lage der Heimat: die Revolution
                            stehe vor der Türe, man habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder
                            Nachgiebigkeit entgegenzutreten; parlamentarische Regierung sei das
                            beste Abwehrmittel. </p>
                        <p> Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der
                            Heimat gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und
                            Frieden auferlegen müssen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise
                            schwere Sorgen über die Lage an der Front und über unsere Zukunft
                            auslösen wird. In diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe
                            getragen, wo bitterste Enttäuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen
                            wird, wo jeder nach einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die
                            politischen Leidenschaften in höhere Wallung versetzt werden? In welcher
                            Richtung werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der
                            Erhaltung sondern in derjenigen der weiteren Zerstörung. Die das Unkraut
                            in unsere Saat gesäet haben, werden die Zeit der Ernte für gekommen
                            erachten. Wir beginnen, zu gleiten. </p>
                        <p> Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder
                            stimmen zu können, der sich durch das Schwert nicht zwingen ließ? Fragt
                            diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen
                            Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die
                            feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die
                            verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwürdiger
                            behandelt als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies
                            Bild im Kleinen wird sich im Großen, ja im Größten wiederholen. </p>
                        <pb n="394"/><anchor id="p394"/>
                        <p> Wir müssen auch befürchten, daß die Bildung einer neuen Regierung den
                            Schritt, den wir so lange als möglich hinausschoben, noch weiter
                            verzögern wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er
                            durch die staatliche Neuordnung verspätet werden? </p>
                        <p> Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff. </p>
                        <p> Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestät dem Kaiser
                            unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhöchsten
                            Kriegsherrn zur Begründung des politischen Aktes die militärische Lage
                            zu schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine
                            Majestät billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen. </p>
                        <p> Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das
                            Heer mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht
                            auch das Andere zusammen. In dem gegenwärtigen Augenblick, mehr wie in
                            jedem anderen vorher, muß sich dies beweisen. </p>
                        <p> Mein Allerhöchster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurück, wohin ich ihm
                            am 1.&nbsp;Oktober folge. Ich möchte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen
                            Tagen meiner bedürfen sollte. Politische Einwirkungen ausüben zu wollen,
                            lag mir fern. Zu Aufschlüssen für die sich neubildende Regierung war ich
                            bereit und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner
                            Überzeugung möglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekämpfen und
                            Vertrauen wieder aufzurichten. Die innern Erschütterungen erwiesen sich
                            aber bereits als zu schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu können.
                            Ich selbst hatte auch damals noch die feste Zuversicht, daß wir dem
                            Gegner trotz des Abnehmens unserer Kräfte das Betreten unseres
                            vaterländischen Bodens monatelang verwehren konnten. Gelang dies, so war
                            auch die politische Lage nicht hoffnungslos. Stillschweigende
                            Voraussetzung war freilich hierbei, daß unsere Landesgrenzen nicht etwa
                            von Osten <pb n="395"/><anchor id="p395"/>oder Süden bedroht würden,
                            und daß die Heimat in ihrem Innern feststand. </p>
                        <p> In der Nacht vom 4. auf den 5.&nbsp;Oktober erging unser Angebot an den
                            Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im
                            Januar dieses Jahres aufgestellten Grundlinien für einen „gerechten
                            Frieden“ waren von uns angenommen worden. </p>
                        <p> Uns selbst blieb zunächst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das
                            Nachlassen der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kämpferzahlen,
                            die wiederholten Einbrüche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu
                            weiterem allmählichen Ausweichen in kürzere Linien. Was ich der
                            Reichsleitung am 3.&nbsp;Oktober erklärt hatte, wurde ausgeführt: Wir
                            klammerten uns so viel wie möglich an den feindlichen Boden. Die
                            Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit
                            Mitte August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin
                            eine gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde
                            in dem Glauben, daß wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns
                            andererseits in der Hoffnung, daß die Gegner völlig erlahmen würden. So
                            war der endgültige Ausgang des Kampfes nicht mehr zu ändern, wenn es uns
                            nicht gelang, ein Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu
                            bringen. Eine Massenerhebung des Volkes würde den Eindruck auf den
                            Gegner und unser eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche
                            brauchbare Lebensstärke und opferwillige Masse noch vorhanden?
                            Jedenfalls war unser Versuch, eine solche in die Front zu bringen,
                            vergeblich. </p>
                        <p> Die Heimat erlahmte früher als das Heer. Unter diesen Umständen
                            vermochten wir dem immer härter werdenden Druck des Präsidenten der
                            Vereinigten Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand
                            entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde
                            und Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann
                            gingen in verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riß wurde nicht
                            mehr beseitigt. Mein <pb n="396"/><anchor id="p396"/>letzter Versuch,
                            zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus folgendem Brief an den
                            Reichskanzler vom 24.&nbsp;Oktober 1918: </p>
                        <p rend="zitat"> „Euerer Großherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, daß ich in
                            den letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und für die
                            Armee schmerzlich vermißt habe. </p>
                        <p rend="zitat"> Ich habe von der neuen Regierung erhofft, daß sie alle Kräfte des
                            gesamten Volkes in den Dienst der vaterländischen Verteidigung sammeln
                            würde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen
                            Ausnahmen abgesehen, nur von Versöhnung, nicht aber von Bekämpfung des
                            dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst
                            niederdrückend, dann erschütternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen
                            dies. </p>
                        <p rend="zitat"> Zur Führung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur
                            Menschen sondern den Geist der Überzeugung für die Notwendigkeit, zu
                            kämpfen, und den seelischen Schwung für diese hohe Aufgabe. </p>
                        <p rend="zitat"> Euere Großherzogliche Hoheit werden mit mir überzeugt sein, daß, in
                            Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in
                            Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk
                            hineintragen und erhalten müssen. </p>
                        <p rend="zitat"> An Euere Großherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung
                            richte ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen.“</p>
                        <p> Es war zu spät. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am
                            26.&nbsp;Oktober gebracht. </p>
                        <p> Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich
                            mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem
                            Allerhöchsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Großen Hauptquartier
                            zurück. Ich war allein. Seine Majestät hatte dem General Ludendorff den
                            erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen. </p>
                        <pb n="397"/><anchor id="p397"/>
                        <p> Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsräume wieder.
                            Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders
                            teuren Toten in die verödete Wohnung zurückkehrte. </p>
                        <p> Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich
                            meinen vieljährigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen.
                            Ich habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem
                            dankerfüllten Herzen stets gefunden! </p>
                    </div>
                    <div>
                        <index index="pdf"/>
                        <head>Vom 26. Oktober zum 9. November</head>
                        <p> Mein Allerhöchster Kriegsherr verfügte auf meine Bitte die Ernennung des
                            Generals Gröner zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir
                            aus seinen früheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wußte, daß er
                            eine vortreffliche organisatorische Begabung und eine gründliche
                            Kenntnis der inneren Verhältnisse unseres Vaterlandes besaß. Die
                            kommenden gemeinsamen Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafür,
                            daß ich mich in meinem neuen Mitarbeiter nicht getäuscht hatte. </p>
                        <p> Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als
                            undankbar. Sie forderten eine rastlose Tätigkeit, eine volle
                            Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als
                            denjenigen hingebendster Pflichterfüllung, und auf jede andere
                            Anerkennung, als diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle
                            kannten die Größe und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte. </p>
                        <p> Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich
                            möchte sie nur in Streiflichtern beleuchten: </p>
                        <p> Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches
                            zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Hände der
                            Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehört, zu
                            bestehen. Georgien mußte von uns <pb n="398"/><anchor id="p398"/>geräumt werden, nicht weil wir militärisch dazu gezwungen waren, sondern
                            weil unsere wirtschaftlichen Pläne dort unausführbar wurden oder
                            wenigstens nicht mehr gewinnbringend gemacht werden konnten. Auch die
                            Truppen, die wir zur Stütze der Verteidigung Konstantinopels abgeschickt
                            hatten, wurden zurückgeholt. Die Entente griff aber Thrazien nicht an.
                            Stambul sollte nicht fallen durch kühne Heldentaten und eindrucksvolle
                            Machtentfaltung. Der Grund hierfür ist unbekannt. Er mag in sachlich für
                            uns damals nicht verständlichen militärischen Bedenken liegen; es können
                            aber auch politische Erwägungen hierbei für die Entente ausschlaggebend
                            gewesen sein. </p>
                        <p> Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Türkei stand, wurde in
                            Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem
                            gemeinsam verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem
                            wir in seinem Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich
                            dort jetzt gegen uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren
                            Weizen blühen sahen, und die sich durch Hassesäußerungen einen Vorschuß
                            auf die Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der
                            eigentliche Osmane wußte, daß wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern
                            auch zum späteren Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren. </p>
                        <p> Enver und <anchor id="corr398"/><corr sic="Talaat-Pascha">Talaat Pascha</corr> traten von dem Schauplatz ihrer Tätigkeit ab,
                            von ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten. </p>
                        <p> Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerückt. Auch ihnen folgte
                            so manches dankbare Gefühl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten
                            ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Führer des bulgarischen
                            Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes
                            nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in
                            den Äußerungen dieses ehrlichen Offiziers zu fühlen glaubte: „Wäre ich
                            politisch frei gewesen, so hätte ich militärisch anders gehandelt.“ Die
                            Einsicht kam wohl zu spät, bei ihm wie an anderen Stellen. </p>
                        <pb n="399"/><anchor id="p399"/>
                        <p> Österreich-Ungarn löste sich in seinem politischen Bestande wie in
                            seiner Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere
                            Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen
                            die Deutschen. Konnte das überraschend wirken? Gehörte dieser Haß nicht
                            zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande
                            anders empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes
                            gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch
                            begrüßt, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwöhnt worden, als es
                            sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung
                            empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbürgens erschienen!
                            Dankesbetätigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben
                            noch weit seltener. </p>
                        <p> Dagegen fanden wir in Rumänien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein,
                            daß ohne Zertrümmerung Rußlands ein freies rumänisches Leben sich nicht
                            hätte verwirklichen lassen. </p>
                        <p> Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Haß ehemaliger
                            Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer
                            verfehlten politischen und militärischen Haltung erblicken, so übersehen
                            sie dabei wohl, daß Ausbrüche des Hasses aus Freundesmund auch im
                            feindlichen Lager ertönten. Ballten sich doch Fäuste französischer
                            Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen
                            Bundesgenossen. Riefen doch französische Stimmen zu uns herüber: „Heute
                            mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!“ Schrie doch ein
                            französischer Soldat im März des Jahres 1918, hinweisend auf die Trümmer
                            des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen
                            Waffengenossen zornesbebend zu: „Das waret Ihr!“ </p>
                        <p> Ich hoffe, daß die Äußerungen des Mißverstehens zwischen uns und unsern
                            ehemaligen Verbündeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die düstern
                            Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhüllen, und die unsern
                            bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den <pb n="400"/><anchor id="p400"/>freien Blick auf die gemeinsamen Ruhmesfelder nehmen, auf denen das
                            deutsche Leben zur Verwirklichung auch ihrer Pläne und Träume eingesetzt
                            wurde. </p>
                        <p> Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab überall; nur an der
                            Westfront wußten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwächer wurde dort
                            der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand.
                            Immer kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer größer wurden
                            die freien Lücken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische
                            deutsche Divisionen, und Großes hätte geleistet werden können.
                            Vergebliche Wünsche, eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat
                            sinkt. Sie kann uns kein neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist
                            verbraucht! </p>
                        <p> General Gröner begibt sich am 1.&nbsp;November zur Front. Das Zurücknehmen
                            unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere
                            demnächstige Sorge. Der Entschluß ist einfach, die Ausführung schwer.
                            Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwärts in dieser Linie, doch
                            kostbarer als dessen Rettung ist für uns die Zurückführung von
                            80.000 Verwundeten in den vorwärts befindlichen
                            Lazaretten. So wird die Durchführung des Entschlusses aus
                            Dankesgefühlen, die wir unseren blutenden Kameraden schulden, verzögert.
                            Dauernd kann freilich die jetzige Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu
                            sind unsere Kräfte nunmehr zu schwach und zu müde geworden. Dazu ist der
                            Druck zu stark, der von den frischen amerikanischen Massen auf unsere
                            empfindlichste Stelle im Maasgebiet ausgeübt wird. Der Kampf dieser
                            Massen wird aber die Vereinigten Staaten für die Zukunft belehrt haben,
                            daß das Kriegshandwerk nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, daß die
                            Unkenntnis dieses Handwerkes im Ernstfalle Ströme von Blut kostet. </p>
                        <p> Mit der deutschen Kampflinie hält damals auch noch die Etappe, der
                            Lebensnerv, der zur Heimat führt. Düstere Bilder zeigen sich freilich
                            hier und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es
                            indessen nicht mehr dauern können. Die Spannung <pb n="401"/><anchor id="p401"/>ist auf das äußerste gestiegen. Erfolgt irgend wo eine
                            Erschütterung, sei es in Heimat oder Heer, so ist der Zusammenbruch
                            unvermeidlich. </p>
                        <p> Das sind meine Eindrücke in den ersten Tagen des November. </p>
                        <p> Die befürchtete Erschütterung kündigt sich an. In der Heimat regt es
                            sich mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5.&nbsp;November eilt General
                            Gröner in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muß, wenn
                            man jetzt in den letzten Stunden nicht zusammenhält. Er tritt für seinen
                            Kaiser ein und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt
                            nimmt. Umsonst! Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur
                            durch Zufall entgeht der General auf der Rückreise ins Hauptquartier den
                            Händen der Revolutionäre. Das ist am Abend des 6.&nbsp;November. </p>
                        <p> Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskörper zu schütteln. Ruhiges
                            Überlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen für das Ganze,
                            sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen
                            nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plänen. Denn gibt es einen
                            wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmöglich zu
                            machen? War je ein größeres Verbrechen menschlichem Denken und
                            menschlichem Hasse entsprungen? Der Körper wird nach außen machtlos;
                            zwar schlägt er noch um sich, aber er stirbt. Ist es überraschend, daß
                            der Gegner mit solch einem Körper macht, was er will, daß er seine
                            harten Bedingungen noch härter auslegt, als er sie geschrieben hat? </p>
                        <p> Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkündet hatte,
                            sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: „Wehe dem
                            Besiegten!“ Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der
                            Furcht entspringt. </p>
                        <p> So ist die Lage am 9.&nbsp;November. Das Drama schließt an diesem Tage nicht,
                            erhält aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei
                            seinen Gründen. Er trifft zunächst vernichtend die Stütze des Heeres,
                            den deutschen Offizier. Er reißt ihm, wie ein Fremdländer sagt, den
                            verdienten Lorbeer vom Haupte und drückt <pb n="402"/><anchor id="p402"/>ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die blutende Stirne. Der
                            Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Möge er jedem Deutschen zum
                            Herzen sprechen! </p>
                        <p> Das äußere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne.
                            Auch das deutsche Kaisertum fällt. </p>
                        <p> Man verkündet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und
                            Königs, ehe der Entschluß dazu von diesem gefaßt ist. Auf dunklem Wege
                            vollzieht sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte
                            der Geschichte hoffentlich dereinst nicht entgehen wird. </p>
                        <p> Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung
                            zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Männer, würdig des größten
                            Vertrauens und fähig des tiefsten Einblickes, erklären, daß unsere
                            Truppen zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, daß sie
                            aber die Front gegen die Heimat nicht nehmen würden. </p>
                        <p> Ich bin meinem Allerhöchsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er
                            überträgt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurückzuführen. Als
                            ich am Nachmittag des 9.&nbsp;November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn
                            nicht mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu
                            ersparen, um ihm günstigere Friedensbedingungen zu schaffen. </p>
                        <p> Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung
                            verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Für hunderttausende
                            getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres
                            Fühlens und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich
                            glaubte, vielen der Besten die Lösung dieser Konflikte zu erleichtern,
                            wenn ich voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers,
                            meine Liebe zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefühl wiesen. Ich
                            blieb auf meinem Posten. </p>
                    </div>
                </div>
                <div rend="page-break-before:always">
                    <pb n="403"/><anchor id="p403"/>
                    <index index="pdf"/>
                    <head>Mein Abschied</head>
                    <p> Wir waren am Ende! </p>
                    <p> Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so
                        stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem
                        versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere
                        Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der übriggebliebenen Kräfte unseres
                        Heeres für den spätern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war
                        verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft. </p>
                    <p> Heran an die Arbeit! </p>
                    <p> Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere
                        angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war,
                        bemächtigte. Die Sehnsucht, „nichts mehr wissen zu wollen“ von einer Welt,
                        in der die aufgewühlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes
                        bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch –
                        ich muß es offen aussprechen, wie ich denke: </p>
                    <p> Kameraden der einst so großen, stolzen deutschen Armee! Könntet ihr vom
                        Verzagen sprechen? Denkt an die Männer, die uns vor mehr als hundert Jahren
                        ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube an sich
                        selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue Vaterland,
                        nicht es gründend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern es aufbauend
                        auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in <pb n="404"/><anchor id="p404"/>dem Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen
                        selben Weg wird auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal
                        wieder zu gehen vermag. </p>
                    <p> Ich habe die feste Zuversicht, daß auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der
                        Zusammenhang mit unserer großen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er
                        vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird sich
                        wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Läuterungen in dem
                        Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die Kraft
                        dieses Geistes; sie bewunderten und haßten ihn in der Werktätigkeit des
                        Friedens, sie staunten ihn an und fürchteten ihn auf den Schlachtfeldern des
                        großen Krieges. Sie suchten unsere Stärke mit dem leeren Worte
                        „Organisation“ ihren Völkern begreiflich zu machen. Den Geist, der sich
                        diese Hülle schuf, in ihr lebte und wirkte, den verschwiegen sie ihnen. Mit
                        diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs neue mutvoll wieder aufbauen. </p>
                    <p> Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler
                        unerschöpflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange
                        nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behält an seine große
                        weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, daß es der
                        Gedankentiefe und der Gedankenstärke der Besten unseres Vaterlandes gelingen
                        wird, neue Ideen mit den kostbaren Schätzen der früheren Zeit zu
                        verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu prägen, zum Heile
                        unseres Vaterlandes. </p>
                    <p> Das ist die felsenfeste Überzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des
                        Völkerkampfes verließ. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes gesehen
                        und glaube nie und nimmermehr, daß es sein Todesringen gewesen ist. </p>
                    <p> Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des
                        Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg stützte. Ich konnte nur auf
                        meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu
                        Vaterland und Heer hinweisen. </p>
                    <pb n="405"/><anchor id="p405"/>
                    <p> Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit bestand
                        ich in Gedanken und Gefühlen, für die ich nirgends einen besseren Ausdruck
                        finde, als in den Worten, die der nachmalige preußische Kriegsminister,
                        Generalfeldmarschall Herrmann v.&nbsp;Boyen, im Jahre 1811, inmitten der größten
                        politischen und militärischen Nöte unseres geknechteten Heimatlandes, an
                        seinen König schrieb: </p>
                    <p rend="zitat"> „Ich übersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur
                        zwischen Unterjochung oder Ehre zu wählen sein dürfte, da gibt mir die
                        Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert. </p>
                    <p rend="zitat"> Niemals kann der Mensch mit Gewißheit den Ausgang eines begonnenen
                        Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach höherer Überzeugung nur seinen
                        Pflichten lebt, trägt einen Schild um sich, der in jeder Lage des Lebens, es
                        komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft selbst zu einem
                        glücklichen Ausgang führt. </p>
                    <p rend="zitat"> Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwärmerei, sondern der Ausdruck
                        eines religiösen Gefühles, das ich meinen Erziehern danke, die mich früh
                        schon König und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben lehrten.“ </p>
                    <p> Gegenwärtig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und
                        tönender Redensarten unsere ganze frühere staatliche Auffassung unter sich
                        vergraben, anscheinend alle heiligen Überlieferungen vernichtet. Aber diese
                        Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten Meere
                        völkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst die
                        Hoffnung unserer Väter geklammert hat, und auf dem vor fast einem halben
                        Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft vertrauensvoll
                        begründet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der nationale Gedanke,
                        das nationale Bewußtsein wieder erstanden, dann werden für uns aus dem
                        großen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem <pb n="406"/><anchor id="p406"/>Stolz und reinerem Gewissen zurückblicken kann als das
                        unsere, so lange es treu war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen
                        Tage sittlich wertvolle Früchte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben
                        an Deutschlands Größe gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen. </p>
                    <p> In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf Dich
                        – Du deutsche Jugend! </p>
                </div>
            </div>
            
            
        </body>
        <back>
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                <pb n="407"/><anchor id="p407"/>
                <index index="pdf" />
                <head>Personenverzeichnis</head>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Albrecht von Preußen</hi>, Prinz <ref target="p028">28</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Alexander von Preußen</hi>, Prinz <ref target="p049">49</ref>. <ref target="p054">54</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Anton von Hohenzollern</hi>, Prinz <ref target="p024">24</ref>. <ref target="p025">25</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Arz</hi>, von, General <ref target="p236">236</ref>. <ref target="p309">309</ref>. <ref target="p384">384</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">August von Württemberg</hi>, Prinz <ref target="p033">33</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Augusta Victoria</hi>, Deutsche Kaiserin <ref target="p061">61</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Bartenwerffer</hi>, von, Oberst <ref target="p052">52</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bazaine</hi>, Marschall <ref target="p030">30</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Below</hi>, von, General <ref target="p087">87</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bernhardi</hi>, von, General der Kavallerie <ref target="p043">43</ref>. <ref target="p049">49</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bernstorff</hi>, Graf <ref target="p214">214</ref>. <ref target="p230">230</ref>. <ref target="p232">232</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bethmann Hollweg</hi>, von, Reichskanzler <ref target="p131">131</ref>. <ref target="p147">147</ref>. <ref target="p211">211</ref>. <ref target="p233">233</ref>. <ref target="p284">284</ref>. <ref target="p285">285</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bismarck</hi>, Otto, Fürst <ref target="p039">39</ref>. <ref target="p045">45</ref>. <ref target="p074">74</ref>. <ref target="p200">200</ref>. <ref target="p201">201</ref>. <ref target="p215">215</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Blücher</hi>, General <ref target="p027">27</ref>.
                        <ref target="p077">77</ref>. <ref target="p110">110</ref>. <ref target="p234">234</ref>. <ref target="p328">328</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Blumenthal</hi>, von, General <ref target="p021">21</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bölcke</hi>, Hauptmann <ref target="p175">175</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Boris</hi>, Kronprinz von Bulgarien <ref target="p162">162</ref>. <ref target="p374">374</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bothmer</hi>, Graf, General <ref target="p143">143</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Boyen</hi>, Herrmann von <ref target="p405">405</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bronsart</hi>, von, General <ref target="p057">57</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Brussilow</hi>, General <ref target="p142">142</ref>. <ref target="p249">249</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Bülow</hi>, von, Generalfeldmarschall <ref target="p049">49</ref>. <ref target="p062">62</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Burian</hi>, Baron, Minister <ref target="p210">210</ref>. <ref target="p388">388</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Cadorna</hi>, General <ref target="p261">261</ref>. <ref target="p262">262</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Canrobert</hi>, Marschall <ref target="p033">33</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Clausewitz</hi>, General <ref target="p101">101</ref>. <ref target="p234">234</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Clémenceau</hi>, Ministerpräsident <ref target="p293">293</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Conrad von Hötzendorf</hi>, Generaloberst <ref target="p123">123</ref>. <ref target="p163">163</ref>. <ref target="p180">180</ref>. <ref target="p224">224</ref>. <ref target="p225">225</ref>. <ref target="p236">236</ref>. <ref target="p261">261</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Czernin</hi>, Graf, Minister <ref target="p309">309</ref>. <ref target="p386">386</ref>. <ref target="p387">387</ref>. <ref target="p388">388</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Duncker</hi>, Geheimrat, Historiker <ref target="p049">49</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Eichhorn</hi>, Generalfeldmarschall <ref target="p049">49</ref>. <ref target="p123">123</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Elisabeth</hi>, Königin <ref target="p013">13</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0"> <anchor id="corr407"/><corr sic="-">–,</corr> Großherzogin von Oldenburg <ref target="p059">59</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Enver Pascha</hi>, Generalissimus <ref target="p154">154</ref>. <ref target="p159">159</ref>. <ref target="p164">164</ref>. <ref target="p165">165</ref>. <ref target="p180">180</ref>. <ref target="p188">188</ref>. <ref target="p190">190</ref>. <ref target="p207">207</ref>. <ref target="p208">208</ref>. <ref target="p270">270</ref>. <ref target="p272">272</ref>. <ref target="p275">275</ref>. <ref target="p310">310</ref>. <ref target="p398">398</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Escherich</hi>, Forstmeister <ref target="p133">133</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Ewert</hi>, Generaladjutant <ref target="p139">139</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Falkenhayn</hi>, von, General <ref target="p148">148</ref>. <ref target="p183">183</ref>. <ref target="p184">184</ref>. <ref target="p185">185</ref>. <ref target="p203">203</ref>. <ref target="p273">273</ref>. <ref target="p276">276</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Ferdinand</hi>, Zar von Bulgarien <ref target="p162">162</ref>. <ref target="p206">206</ref>. <ref target="p275">275</ref>. <ref target="p374">374</ref>. <ref target="p389">389</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Fichte</hi>, Philosoph <ref target="p176">176</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Foch</hi>, General <ref target="p340">340</ref>.
                        <ref target="p341">341</ref>. <ref target="p347">347</ref>. <ref target="p351">351</ref>. <ref target="p364">364</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">François</hi>, von, General <ref target="p086">86</ref>. <ref target="p088">88</ref>. <ref target="p090">90</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Franz Joseph&nbsp;I.</hi>, Kaiser von Österreich <ref target="p163">163</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Freytag-Loringhoven</hi>, von, General <ref target="p057">57</ref>. </p>
                <pb n="408"/><anchor id="p408"/>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Friedrich&nbsp;II.</hi>, Erbgroßherzog von Baden <ref target="p060">60</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Friedrich August&nbsp;II.</hi>, Großherzog von
                    Oldenburg <ref target="p059">59</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Friedrich Karl</hi>, Prinz <ref target="p020">20</ref>. <ref target="p054">54</ref>. <ref target="p055">55</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Friedrich Wilhelm&nbsp;I.</hi>, König von Preußen <ref target="p281">281</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Friedrich der Große</hi>
                    <ref target="p017">17</ref>. <ref target="p234">234</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Friedrich Wilhelm&nbsp;IV.</hi>, König von Preußen <ref target="p013">13</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Friedrich&nbsp;III.</hi>, Deutscher Kaiser <ref target="p013">13</ref>. <ref target="p021">21</ref>. <ref target="p056">56</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Gallwitz</hi>, von, General <ref target="p128">128</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Gneisenau</hi>, General <ref target="p027">27</ref>. <ref target="p077">77</ref>. <anchor id="corr408"/><corr sic="110"><ref target="p110">110</ref>.</corr></p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Goltz</hi>, von der, General <ref target="p099">99</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Groeben</hi>, von der <ref target="p005">5</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Gröner</hi>, General <ref target="p397">397</ref>.
                        <ref target="p400">400</ref>. <ref target="p401">401</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Hakki</hi>, Ismail, Generalintendant <ref target="p279">279</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Hann von Weyherrn</hi>, General <ref target="p051">51</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Helldorff</hi>, von, Major <ref target="p031">31</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0"> –, von, Leutnant (Sohn des Majors) <ref target="p031">31</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Hertling</hi>, Graf, Reichskanzler <ref target="p286">286</ref>. <ref target="p306">306</ref>. <ref target="p363">363</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Hintze</hi>, Staatssekretär <ref target="p393">393</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Hutier</hi>, von, General <ref target="p057">57</ref>. <ref target="p137">137</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Jekoff</hi>, General <ref target="p165">165</ref>.
                        <ref target="p177">177</ref>. <ref target="p180">180</ref>. <ref target="p182">182</ref>. <ref target="p189">189</ref>. <ref target="p206">206</ref>. <ref target="p309">309</ref>. <ref target="p398">398</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Joseph&nbsp;II.</hi>, Deutscher Kaiser <ref target="p026">26</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Kämmerer</hi>, Major <ref target="p172">172</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Kerenski</hi>, Minister <ref target="p249">249</ref>. <ref target="p250">250</ref>. <ref target="p251">251</ref>. <ref target="p254">254</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Keßler</hi>, Oberst <ref target="p049">49</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Kobelt</hi>, Lehrer <ref target="p007">7</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">König</hi>, Kapitän <ref target="p175">175</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Krupp</hi>, Großindustrieller <ref target="p327">327</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Lansdowne</hi>, Lord <ref target="p290">290</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Lauenstein</hi>, von, General <ref target="p057">57</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Lenin</hi>, Minister <ref target="p305">305</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Leopold von Bayern</hi>, Prinz <ref target="p061">61</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Linsingen</hi>, von, Hauptmann <ref target="p172">172</ref>. <ref target="p173">173</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Ludendorff</hi>, General <ref target="p075">75</ref>. <ref target="p076">76</ref>. <ref target="p077">77</ref>. <ref target="p078">78</ref>. <ref target="p102">102</ref>. <ref target="p112">112</ref>. <ref target="p122">122</ref>. <ref target="p128">128</ref>. <ref target="p131">131</ref>. <ref target="p133">133</ref>. <ref target="p147">147</ref>. <ref target="p169">169</ref>. <ref target="p170">170</ref>. <ref target="p171">171</ref>. <ref target="p197">197</ref>. <ref target="p215">215</ref>. <ref target="p242">242</ref>. <ref target="p347">347</ref>. <ref target="p392">392</ref>. <ref target="p394">394</ref>. <ref target="p396">396</ref>. <ref target="p397">397</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Ludwig&nbsp;III.</hi>, König von Bayern <ref target="p286">286</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Luitpold</hi>, Prinzregent von Bayern <ref target="p062">62</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Lüttwitz</hi>, von, General <ref target="p057">57</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Mac Mahon</hi>, Marschall <ref target="p037">37</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Mackensen</hi>, Feldmarschall <ref target="p087">87</ref>. <ref target="p090">90</ref>. <ref target="p109">109</ref>. <ref target="p110">110</ref>. <ref target="p112">112</ref>. <ref target="p180">180</ref>. <ref target="p182">182</ref>. <ref target="p183">183</ref>. <ref target="p185">185</ref>. <ref target="p256">256</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Massenbach</hi>, von, Rittergutsbesitzer <ref target="p008">8</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Michaelis</hi>, Dr.,
                    Reichskanzler <ref target="p285">285</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Miroslawski</hi>, polnischer Führer <ref target="p007">7</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Moltke</hi>, Graf, Feldmarschall <ref target="p039">39</ref>. <ref target="p049">49</ref>. <ref target="p054">54</ref>. <ref target="p055">55</ref>. <ref target="p056">56</ref>. <ref target="p074">74</ref>. <ref target="p200">200</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0"> –, von, Generaloberst, Generalstabschef <ref target="p075">75</ref>. <ref target="p076">76</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Napoleon&nbsp;I.</hi>, Kaiser <ref target="p004">4</ref>. <ref target="p234">234</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Napoleon&nbsp;III.</hi>, Kaiser <ref target="p037">37</ref>. <ref target="p040">40</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Nikolaij-Nikolaijewitsch</hi>, Großfürst <ref target="p107">107</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Nikolaus&nbsp;II.</hi>, Zar von Rußland <ref target="p246">246</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Nivelle</hi>, Feldmarschall <ref target="p241">241</ref>. <ref target="p242">242</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Pape</hi>, von, Generalleutnant <ref target="p035">35</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Petersdorff</hi>, von, Oberst <ref target="p051">51</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Pleß</hi>, von, Fürst <ref target="p235">235</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Radoslawow</hi>, Ministerpräsident <ref target="p167">167</ref>. <ref target="p205">205</ref>. <ref target="p282">282</ref>. <ref target="p367">367</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Rappard</hi>, von, Frau <ref target="p008">8</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Rennenkampf</hi>, General <ref target="p076">76</ref>. <ref target="p080">80</ref>. <ref target="p081">81</ref>. <ref target="p082">82</ref>. <ref target="p083">83</ref>. <ref target="p085">85</ref>. <ref target="p086">86</ref>. <ref target="p087">87</ref>. <ref target="p088">88</ref>. <ref target="p090">90</ref>. <ref target="p091">91</ref>. <ref target="p093">93</ref>. <ref target="p094">94</ref>. <ref target="p095">95</ref>. <ref target="p097">97</ref>. <ref target="p098">98</ref>. <ref target="p100">100</ref>. <ref target="p101">101</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Richter</hi>, Professor, Historiker <ref target="p049">49</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Richthofen</hi>, von, Rittmeister <ref target="p175">175</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Roon</hi>, von, Generalfeldmarschall <ref target="p056">56</ref>. </p>
                <pb n="409"/><anchor id="p409"/>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Samsonoff</hi>, General <ref target="p076">76</ref>. <ref target="p080">80</ref>. <ref target="p081">81</ref>. <ref target="p082">82</ref>. <ref target="p085">85</ref>. <ref target="p087">87</ref>. <ref target="p088">88</ref>. <ref target="p089">89</ref>. <ref target="p090">90</ref>. <ref target="p092">92</ref>. <ref target="p094">94</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Sarrail</hi>, General <ref target="p149">149</ref>. <ref target="p177">177</ref>. <ref target="p178">178</ref>. <ref target="p182">182</ref>. <ref target="p187">187</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Schakir Bey</hi>, Generalstabsoffizier <ref target="p057">57</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Scharnhorst</hi>, General <ref target="p027">27</ref>. <ref target="p275">275</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Schlieffen</hi>, Graf von, General <ref target="p053">53</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Scholtz</hi>, von, General <ref target="p086">86</ref>. <ref target="p088">88</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Schwerin</hi>, Graf, Feldmarschall <ref target="p026">26</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Schwickart</hi>, Generalarzt <ref target="p005">5</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Seegenberg</hi>, von, Major <ref target="p029">29</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Seel</hi>, von, Major <ref target="p029">29</ref>.
                        <ref target="p036">36</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Sievers</hi>, General <ref target="p124">124</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Sixtus von Parma</hi>, Prinz <ref target="p386">386</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Skobeleff</hi>, General <ref target="p051">51</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Sperling</hi>, von, General <ref target="p051">51</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Stein</hi>, von, General <ref target="p057">57</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Steinmetz</hi>, von, General <ref target="p020">20</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Sven Hedin</hi>, Forschungsreisender <ref target="p131">131</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Talaat Pascha</hi>, Großwesir <ref target="p166">166</ref>. <ref target="p167">167</ref>. <ref target="p208">208</ref>. <ref target="p389">389</ref>. <ref target="p398">398</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Tewfyk Effendi</hi>, Generalstabsoffizier <ref target="p057">57</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Tirpitz</hi>, von, Großadmiral <ref target="p131">131</ref>. <ref target="p132">132</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Tisza</hi>, Graf, Minister <ref target="p173">173</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Trotzki</hi>, Minister <ref target="p305">305</ref>. <ref target="p306">306</ref>. <ref target="p338">338</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Verdy du Vernois</hi>, von, General und
                    Kriegsminister <ref target="p052">52</ref>. <ref target="p058">58</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Villaume</hi>, Hauptmann <ref target="p049">49</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Vogel von Falckenstein</hi>, General <ref target="p054">54</ref>. <ref target="p060">60</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Waldersee</hi>, Graf, Major <ref target="p024">24</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0"> –, General <ref target="p051">51</ref>. <ref target="p054">54</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Wartensleben</hi>, Graf, General <ref target="p062">62</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Wilhelm&nbsp;I.</hi>, Deutscher Kaiser <ref target="p007">7</ref>. <ref target="p013">13</ref>. <ref target="p215">215</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Wilhelm&nbsp;II.</hi>, Deutscher Kaiser <ref target="p054">54</ref>. <ref target="p057">57</ref>. <ref target="p090">90</ref>. <ref target="p112">112</ref>. <ref target="p124">124</ref>. <ref target="p144">144</ref>. <ref target="p147">147</ref>. <ref target="p161">161</ref>. <ref target="p170">170</ref>. <ref target="p187">187</ref>. <ref target="p194">194</ref>. <ref target="p197">197</ref>. <ref target="p211">211</ref>. <ref target="p236">236</ref>. <ref target="p237">237</ref>. <ref target="p259">259</ref>. <ref target="p273">273</ref>. <ref target="p306">306</ref>. <ref target="p312">312</ref>. <ref target="p314">314</ref>. <ref target="p315">315</ref>. <ref target="p333">333</ref>. <ref target="p394">394</ref>. <ref target="p396">396</ref>. <ref target="p397">397</ref>. <ref target="p402">402</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Wilhelm</hi>, Deutscher Kronprinz <ref target="p196">196</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Wilson</hi>, Präsident der Vereinigten Staaten
                        <ref target="p132">132</ref>. <ref target="p211">211</ref>. <ref target="p212">212</ref>. <ref target="p213">213</ref>. <ref target="p214">214</ref>. <ref target="p231">231</ref>. <ref target="p232">232</ref>. <ref target="p395">395</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Winterfeldt</hi>, von, General <ref target="p054">54</ref>. <ref target="p055">55</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Wittich</hi>, von, Oberstleutnant <ref target="p011">11</ref>. <ref target="p012">12</ref>. <ref target="p049">49</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Woyrsch</hi>, von, Feldmarschall <ref target="p024">24</ref>. <ref target="p113">113</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">York</hi>, General <ref target="p009">9</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0; margin-top: 2">
                    <hi rend="font-style: italic">Zeppelin</hi>, Graf <ref target="p175">175</ref>. </p>
                <p rend="text-indent: 0">
                    <hi rend="font-style: italic">Zingler</hi>, von, Oberstleutnant <ref target="p051">51</ref>. </p>
                
                <p rend="page-break-before:always; text-align: center">
                    <pb n="410"/><anchor id="p410"/>
                    Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von<lb/>
                    H.&nbsp;H.&nbsp;Ullstein; Einband von H.&nbsp;Fikentscher, Julius<lb/> Hager, Hübel &amp;
                    Denck, Leipziger Buchbinderei<lb/> A.-G. vorm. G.&nbsp;Fritzsche und Spamersche<lb/>
                    Buchbinderei, sämtliche in Leipzig.<lb/> Druckaufsicht und Einbandentwurf<lb/>
                    von <hi rend="font-style: italic">Walter Tiemann</hi>
                    
                </p>
            </div>
            <div rend="page-break-before:always; text-align: center">
                <pb n="411"/><anchor id="p411"/>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Verlag von S. Hirzel in Leipzig</hi>
                </p>
                <p>
                    <milestone unit="tb" rend="rule:70%"/>
                </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: x-large">Heinrich von Treitschke:</hi>
                </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Deutsche Geschichte im neunzehnten
                    Jahrhundert</hi>
                </p>
                <p> Fünf Bände </p>
                <p>
                    10. Auflage&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gebunden 190 Mark 
                </p>
                <p>
                    <milestone unit="tb" rend="rule:90%"/>
                </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Briefe</hi>
                </p>
                <p> Herausgegeben von </p>
                <p>
                    Max Cornicelius
                </p>
                <p> Drei Bände </p>
                <p>
                     2. Auflage&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gebunden 112,80 Mark 
                </p>
                <p>
                    <milestone unit="tb" rend="rule:90%"/>
                </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Politik</hi>
                </p>
                <p> Vorlesungen, gehalten an der Universität Berlin </p>
                <p> Herausgegeben von </p>
                <p>
                    Max Cornicelius
                </p>
                <p> Zwei Bände </p>
                <p>
                     4. Auflage&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gebunden 47 Mark 
                </p>
                <p>
                    <milestone unit="tb" rend="rule:90%"/>
                </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Historische und Politische Aufsätze</hi>
                </p>
                <p> Vier Bände </p>
                <p>
                    8. Auflage&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gebunden 81,60 Mark
                </p>
                <pb n="412"/><anchor id="p412"/>
                <p>
                    <milestone unit="tb" rend="rule:90%"/>
                </p>
                <p> Im Sommer 1920 liegt vollständig vor: </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: x-large">Eine
                    Weltreise 1911/1912</hi></p>
                <p> und </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Der Zusammenbruch Deutschlands</hi>
                </p>
                <p> Eindrücke und Betrachtungen aus den Jahren 1911–1914<lb/>mit einem Nachwort aus dem
                    Jahre 1919 </p>
                <p> von </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Friedrich von Bernhardi</hi><lb/>
                    General der Kavallerie z. D.
                </p>
                
                <p> * </p>
                <p> Drei Bände </p>
                <p>
                    <milestone unit="tb" rend="rule:90%"/>
                </p>
                <p> Im Sommer 1920 erscheint: </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: x-large">Freiherr vom
                        Stein</hi>
                </p>
                <p> von </p>
                <p>
                    <hi rend="font-size: large">Professor Dr. Max Lehmann</hi><lb/>
                    Geheimer Regierungsrat
                </p>
                
                <p> * </p>
                <p>
                    Volksausgabe in einem Bande
                </p>
            </div>
            
            <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
                <index index="pdf"/>
                <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
                <pgIf output="txt">
                    <then>
                      <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen 
                          (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben, ebenso die Abkürzung „km“) und einzelne Wörter aus 
                          fremden Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet).
                          Gesperrt gesetzt sind
                      die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne Hervorhebung wiedergegeben) und
                      die Namen im Personenverzeichnis (hier durch Unterstrich gekennzeichnet).</p>  
                    </then>
                    <else>
                      <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische Zahlen
                          (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben, ebenso die Abkürzung „km“) und einzelne Wörter aus
                          fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben). Gesperrt gesetzte Passagen sind im Inhaltsverzeichnis
                          in dieser Form übernommen; im Personenverzeichnis sind sie kursiv 
                          wiedergegeben.</p>  
                    </else>
                </pgIf>
                <p>Fünf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium untergliedert, das hier durch einen Punkt
                ersetzt ist.</p>
                <p>In der Originalausgabe sind längere Zitate in den meisten Fällen mit Anführungszeichen am Beginn jeder
                Zeile versehen. In der elektronischen Fassung sind sie stattdessen durch Einrückung gekennzeichnet.</p>
                <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p>
                <list>
                    <item><ref target="corrIXa">Seite IX</ref>: „139“ in „140“ geändert (zweimal)</item>
                    <item><ref target="corrIXb">Seite IX</ref>: „Befehlbereichs“ in „Befehlsbereichs“ geändert</item>
                    <item><ref target="corr008">Seite 8</ref>: „derem“ in „deren“ geändert (eventuell kein Druckfehler, sondern
                    sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers)</item>
                    <item><ref target="corr024">Seite 24</ref>: „hin“ in „hin-“ geändert</item>
                    <item><ref target="corr059">Seite 59</ref>: „frohen“ in „frohe“ geändert</item>
                    <item><ref target="corr148">Seite 148</ref>: Punkt ergänzt (nach „aufgegeben“)</item>
                    <item><ref target="corr189">Seite 189</ref>: „1916“ in „1917“ geändert</item>
                    <item><ref target="corr193">Seite 193</ref>: „uberwunden“ in „überwunden“ geändert</item>
                    <item><ref target="corr202">Seite 202</ref>: Punkt ergänzt (nach „für uns in sich“)</item>
                    <item><ref target="corr398">Seite 398</ref>: „Talaat-Pascha“ in „Talaat Pascha“ geändert</item>
                    <item><ref target="corr407">Seite 407</ref>: Komma ergänzt (vor „Großherzogin von Oldenburg“)</item>
                    <item><ref target="corr408">Seite 408</ref>: Punkt ergänzt (nach „110“)</item>
                </list>
                <p>Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie
                    „San-Mündung“ und „Sanmündung“, „Doiran-See“ und „Doiransee“, „Padischa“ und
                    „Padischah“, „Gefangenschaft“ und „Gefangenenschaft“, „Entwicklung“ und „Entwickelung“.
                    Die deutsche Form „infanterie“ in einem englischen Zitat (<ref target="sic334">S. 334</ref>)
                    wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis
                    unter „S“.</p>
            </div>
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                <divGen type="pgfooter" />
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        </back>
    </text>
</TEI.2>
