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                <title>Trotzkopf’s Brautzeit</title>
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                <publisher>Project Gutenberg</publisher>
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                  <p>This eBook is for the use of anyone anywhere
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                  You may copy it, give it away or re-use it under
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                  www.gutenberg.org/license</p>
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                    <title>Trotzkopf’s Brautzeit</title>
                    <author><name reg="Wildhagen, Else">Else Wildhagen</name></author>
                    <edition>58. Auflage.</edition>
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                        <publisher>Gustav Weise Verlag</publisher>
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                <resp>Produced by <name>Norbert H. Langkau</name> and the Online Distributed Proofreading Team
                    at http://www.pgdp.net</resp>
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        <titlePart rend="font-size: xx-large">TROTZKOPF’s<lb/>
            BRAUTZEIT</titlePart>
    </docTitle><lb/>
    <byline rend="font-size: large">VON <docAuthor>ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH</docAuthor></byline>
    <titlePart><hi rend="font-size: large">ZWEITER BAND zum „TROTZKOPF“</hi>
<lb/>VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
<lb/>JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK</titlePart>
    <lb/><lb/>
    <docEdition>Achtundfünfzigste Auflage
<lb/><hi rend="font-size: small">oder</hi>
<lb/>Dreissigste Auflage der Wohlfeilen Ausgabe</docEdition>
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    <docImprint><pubPlace>STUTTGART</pubPlace><lb/>
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<pb/><anchor id='Pga0003'/>
<p rend="margin-top: 3; font-size: small; text-align: center">Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.</p>    
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    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
<p>
Ilse und Leo saßen lustig plaudernd auf der Veranda
vor dem Macketschen Hause. Der warme Mittagssonnenschein
eines heiteren Oktobertages stahl sich
durch das dichte Blättergewirr des herbstlich gefärbten
Weinlaubes zu ihnen herein.
</p>

<p>
Leo Gontrau erzählte soeben von seinem Leben in
der kleinen Stadt, in welcher er als Assessor angestellt war,
und nach der er Ilse im kommenden Frühjahr als seine
Frau heimführen wollte. Sie unterhielt sich köstlich über
seine ebenso drastischen wie komischen Erzählungen und sah
im Geiste die geschilderten Personen leibhaftig vor sich.
Natürlich war sie schon jetzt der Gegenstand des lebhaftesten
Interesses in dem kleinen Ort und Leo konnte nicht genug
berichten, wie neugierig man sich nach ihr erkundigte.
</p>

<p>
„Und mit all den langweiligen Tanten soll ich verkehren?“
rief sie endlich, „mit ihnen Kaffee trinken, klatschen,
womöglich grauwollene Strümpfe dabei stricken?“ Sie warf
sich in den Stuhl zurück und brach in ein unbändiges Gelächter
aus.
</p>

<p>
„Na – es wird so schlimm nicht werden, Kind, und
<pb n='2'/><anchor id='Pgp0002'/>mir zuliebe mußt du es eben auch mal über das Herz
bringen, mit alten Tanten Kaffee zu trinken.“
</p>

<p>
Das heitere Lächeln verschwand von ihrem Gesicht,
und sie sah ihn erstaunt an.
</p>

<p>
„Du meinst doch nicht im Ernst, Leo, daß ich mit
allen diesen Damen verkehren muß?“
</p>

<p>
„Ja, Schatz,“ gab er ihr zur Antwort, „das müssen
wir, ich bin Beamter und habe Rücksichten zu nehmen,
das ist nun einmal nicht anders und da wird sich denn
meine kleine Frau auch fügen müssen.“
</p>

<p>
„Fügen,“ rief sie sich aufrichtend, „nein, Leo, fügen
werde ich mich nicht, besonders nicht, diese Besuche zu machen.“
</p>

<p>
„Wie kannst du dich nur so ereifern, Ilse,“ sagte er
lächelnd und schüttelte den Kopf.
</p>

<p>
„Übrigens findest du in B.... auch einige sehr nette
junge Frauen, welche dir gewiß gefallen werden.“
</p>

<p>
Sie unterbrach ihn spöttisch. „Du bist ja sehr entzückt
von unsrem künftigen Bekanntenkreis; ich muß gestehen,
mich verlangt es nicht nach Bekanntschaften, wenn
wir erst verheiratet sind. Nur dir will ich leben, weiter
niemand; du aber zählst mir jetzt schon vor, mit wem ich
verkehren soll – dir liegt also nichts, gar nichts daran,
mit mir allein zu sein.“
</p>

<p>
Sie sah hübsch aus in ihrer Erregung; Leo mochte sie
gern so sehen, mit funkelnden Augen und geröteten Wangen.
</p>

<p>
Zärtlich zog er sie zu sich heran und strich liebkosend
über ihr Haar.
</p>

<p>
„Kleiner Brausekopf,“ sagte er, „kannst du denn nicht
ruhig denken, nicht ruhig mit mir über unsre Zukunft sprechen?“
</p>

<p>
Sein etwas überlegenes Lächeln bei diesen Worten
brachte sie noch mehr aus der Fassung.
</p>

<p>
„Ja, du natürlich fügst dich willig in alles, aber das kann
und tue ich nicht! Denke nicht, daß ich eine unterwürfige
Frau werde, so eine ‚Magd‘, wie sie Chamisso besingt.“
</p>

<pb n='3'/><anchor id='Pgp0003'/>

<p>
Trotzig warf sie die Lippen auf und zerzupfte mit
solchem Eifer eine schöne dunkle Rose, als wäre die unschuldige
Blume die Urheberin ihres Ärgers.
</p>

<p>
„Nein, nein,“ lachte er, „ich weiß, ich bekomme ein
widerspenstiges Käthchen, kein sanftes Gretchen zur Frau.
Aber du weißt doch auch, Lieb, wie Petruchio sein Käthchen
bezwang, daß sie zuletzt ganz gefügig ward und, wenn er
es wünschte, die Sonne für den Mond ansah?“
</p>

<p>
Sie hörte nicht auf seine scherzenden Worte, ihre lebhafte
Phantasie war mit ihr weit fort geeilt. Sie sah sich
im Geiste als junge Frau, brav und ehrbar wie die andern
Frauen, von denen ihr Leo erzählt hatte; da durfte sie gewiß
nicht scherzen, lachen und sagen, was sie wollte, mußte
gute Lehren anhören, wurde gefragt und ausgeforscht. Das
würde sie aber nicht ertragen, das ging nicht, und sie wollte sich
von Leo das feste Versprechen geben lassen, daß er sie nicht
zwingen würde, diese schrecklichen Besuche mit ihm zu machen.
</p>

<p>
Schweigend hatte der junge Mann seine Braut beobachtet
und an ihrem wechselnden Mienenspiel bemerkt, wie aufgeregt
sie in ihrem Innern war. Jetzt trat sie zu ihm heran
und legte ihre Hand an seine Schulter.
</p>

<p>
„Leo, lieber Leo,“ sagte sie fast flehend, „versprich mir
eins, wenn du mich wahrhaft liebst! Laß uns, wenn wir
erst verheiratet sind, ganz für uns leben; niemand soll unser
Heim sehen, niemand wollen wir besuchen, das denke ich
mir reizend; nicht wahr, Schatz, du versprichst mir das?
Gib mir die rechte Hand darauf.“
</p>

<p>
Unwillig wandte er sich ab.
</p>

<p>
„Nun kommst du wieder auf das alte Thema zurück;
ich muß gestehen, du stellst ein unvernünftiges Verlangen
an mich, und ich kann dir deine Bitte nicht erfüllen. Du
mußt doch einsehen, daß es zu meiner Stellung nicht paßt,
wenn ich alle gesellschaftlichen Pflichten unbeachtet lasse!
Ich hoffe auch noch immer, du machst nur Scherz.“
</p>

<pb n='4'/><anchor id='Pgp0004'/>

<p>
„Scherz?“ brauste sie auf. „Du mußt nicht glauben,
daß ich noch ein dummes Kind bin, Leo. Ich weiß genau,
was ich will, und ich sage dir vorher, ich mache deine langweiligen
Besuche nicht mit.“
</p>

<p>
Ihr alter leidenschaftlicher Trotz sprach bei diesen Worten
aus ihren Blicken, und gerade ihn, den sie so innig liebte,
mußte sie damit kränken.
</p>

<p>
„Wenn du erst meine Frau bist, liebe Ilse, so wirst du
dich auch nach meinen Wünschen zu richten haben,“ gab er
ihr bestimmt zur Antwort, und sein ernster Blick richtete sich
fest auf sie. Aber schon gereute ihn seine Entschiedenheit
wieder, denn er liebte seine Braut über alles, und gerade
ihr oft sprödes Wesen hatte ihn stets entzückt. Sie war ja
noch ein halbes Kind, bald wurde sie seine Frau und dann
würde alles anders sein; er kannte ja den lieben Trotzkopf.
</p>

<p>
Sie stand an die Brüstung der Veranda gelehnt und
hielt die entblätterte Rose noch immer in ihren Händen.
Die braunen Locken waren ihr wirr in die heiße Stirn gefallen,
und die langen Wimpern lagen auf den tief geröteten
Wangen. Leo konnte den Blick nicht von ihr wenden, er
sah nur das liebreizende Bild vor sich, und aller Unmut
war verraucht. Er sprang auf und eilte zu ihr, seinen Arm
zärtlich um ihren Nacken schlingend.
</p>

<p>
„Komm her, Lieb, setze dich wieder zu mir. Wollen
wir uns um solche Nichtigkeiten streiten, während uns eine
selige, rosige Zukunft winkt? Wenn du erst mein kleines Weib
bist, dann sprechen wir wieder über diese Sache und dann
– ich weiß es – dann denkst du ganz anders darüber.“
</p>

<p>
Aus seinen schönen Augen sprach die innigste Liebe,
aber Ilse war in diesem Augenblick mit Blindheit geschlagen,
sie empfand nur das Eine, – er gab diesmal nicht nach.
</p>

<p>
Unwillig machte sie sich aus seinem Arm los und trat
zurück.
</p>

<p>
„Das also ist deine Liebe,“ fuhr sie auf, „nicht den
<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/>kleinsten Wunsch erfüllst du mir. Aber ich wiederhole noch
einmal, ich will mich nicht fügen, jetzt nicht und wenn ich
deine Frau bin, erst recht nicht. Nein – ich will dich auch
nicht heiraten, denn ich sehe ein, du liebst mich nicht mehr.“
Hier brach sie in Tränen aus, in kindische, zornige Tränen.
Wollte sie ihn dadurch zwingen, ihr nachzugeben? Dieser
Gedanke stieg plötzlich in Leo auf; aber das durfte nicht,
das sollte nicht sein. Mit der wärmsten, zärtlichsten Liebe
hatte er sie zu beruhigen gesucht, und immer wieder war er
auf Trotz und Widerstand gestoßen. Er war ärgerlich, sehr
ärgerlich, und sein Stolz bäumte sich in ihm auf.
</p>

<p>
„Schäme dich, Ilse,“ stieß er hervor, „du beträgst dich
wie ein ungezogenes Kind.“
</p>

<p>
In der Erregung klang seine Stimme vielleicht härter,
als er beabsichtigte, denn Ilse fuhr fast entsetzt zurück bei
seinen Worten. „Schämen!“ wiederholte sie und sah ihn
ganz erstarrt an.
</p>

<p>
„Leo – Leo,“ rief sie mit zitternder Stimme, „nimm
zurück, was du eben sagtest.“
</p>

<p>
„Ich kann meine Worte nicht zurücknehmen, Ilse,“ gab
er ruhig zur Antwort, „denn du beträgst dich wirklich
wie ein recht ungezogenes kleines Mädchen.“
</p>

<p>
Das war zu viel! Ihr Atem flog, und sie war nicht
fähig, ein Wort zu erwidern. Ohne Leo noch eines Blickes
zu würdigen, lief sie in das Haus und stieß in der Türe
fast mit ihrem Vater zusammen, der eben auf die Veranda
kommen wollte.
</p>

<p>
„Was hast du denn, Kind?“ fragte er, als sie so hastig
an ihm vorbeistürmte und er ihre verweinten Augen sah.
Doch sie gab ihm keine Antwort; wie ein gescheuchtes Reh
lief sie die Treppen hinauf in ihr Zimmer und riegelte die
Türe fest hinter sich zu. Sie warf sich in einen Stuhl und
brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als wäre ihr das
größte Unglück geschehen.
</p>

<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/>

<p>
„Schämen“ hatte er gesagt, und sie ein „ungezogenes
Kind“ genannt. Wie demütigend klangen diese Worte; glaubte
er denn ein Schulkind vor sich zu haben, das er nach Belieben
ausschelten konnte? – Sie richtete sich auf und preßte die
Lippen fest aufeinander. Sie war kein Kind mehr, das wollte
sie ihm zeigen! Wie konnte er nur so zu ihr sprechen –
fühlte er nicht, wie furchtbar er sie kränkte? Ein neuer Tränenstrom
brach aus ihren Augen, sie legte die Hände vor das
Gesicht und schluchzte bitterlich. Immerfort tönten in ihrem
Ohr die Worte: „Schäme dich, du beträgst dich wie ein
ungezogenes Kind,“ und „nein, nein, er liebt mich nicht mehr,“
antworteten ihre Gedanken. Daß sie ihn durch fortwährenden
Widerspruch erst zu dieser Äußerung gereizt hatte, das
kam ihr nicht in den Sinn, das gestand sie sich nicht ein. Er
hatte ihr großes Unrecht zugefügt, nur das empfand sie in
ihrer aufs höchste gesteigerten Aufregung. – Was sollte sie
tun, was beginnen? Wenn sie der Mama ihr Herz ausschüttete?
Sie fühlte wohl, daß diese ihr nicht recht geben
würde. Wenn sie zum Papa ginge? Ja, der würde seinen
verzogenen Schützling gewiß in Schutz nehmen, aber lachend
und scherzend wie immer – und das ging nicht, dazu war
die Sache zu ernst. – Nein, es war auch am besten, wenn
kein Mensch von dieser Kränkung erfuhr. Niemand wollte
sie ihr Leid klagen. Ja, wäre Nellie hier – ihr würde sie
alles anvertrauen, die würde sie verstehen. Aber die geliebte
Freundin war in weiter Ferne; ach, wie schmerzlich sehnte sie
sich in diesem Augenblick nach ihr. Sie stützte den brennenden
Kopf in ihre Hand und blickte lange sinnend vor sich hin.
Nellies Bild stand lebhaft im Geiste vor ihr, sie sah die
treuen lieben Augen und hörte ihr kindlich frohes Lachen.
</p>

<p>
Könnte sie sich doch an ihre Brust lehnen, ihr alles erzählen,
was sie so schwer bedrückte! Sie kam sich verlassen
und einsam vor. Niemand verstand sie, und sie wollte auch
niemand sehen mit dieser Schmach im Herzen. Leos Bild,
<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>das vor ihr auf dem Schreibtisch stand, schien sie spöttisch
anzulächeln; sie stellte es fort, denn sie konnte diesen Blick
nicht ertragen. Die Luft in dem kleinen Zimmer kam ihr
erdrückend vor, sie konnte kaum Atem holen, und erst als
sie beide Fensterflügel geöffnet hatte und die frische Herbstluft
hereindrang, wurde ihr leichter.
</p>

<p>
Die Sonne war hinter Wolken verschwunden, welche
immer dunkler und schneller herangezogen kamen und auch
das letzte helle Blau am Himmel bedeckten. Ein starker Wind
hatte sich aufgemacht und rauschte in den alten Bäumen, vor
Ilses Augen tanzten wirbelnd welke Blätter durch die Luft.
Wie öde und unfreundlich kam ihr mit einem Male die Natur
vor, und doch hatte sie heute im sonnenhellen Lichte noch so
freundlich gelächelt. So trübselig wie draußen sah es jetzt
auch in ihrem Innern aus, sie glaubte nie wieder froh werden
zu können.
</p>

<p>
Ob Leo nicht zu ihr kommen würde? Er mußte doch
einsehen, welch schwere Beleidigung er ihr zugefügt hatte.
Aber wenn er jetzt käme, wenn er jetzt an ihre Türe klopfte
– nein – sie würde ihm nicht öffnen. Noch konnte sie
ihn nicht sehen und hören – noch stürmte es zu heftig in
ihrer Brust, und so leicht wollte sie ihm nicht verzeihen,
er hatte es nicht verdient.
</p>

<p>
Unten im Garten knirschte der Kies unter festen Tritten,
und laute Stimmen wurden hörbar. Hatte der Papa Besuch
bekommen? Sie bog sich hinaus und sah ihn mit Leo daherschreiten,
welcher lebhaft zu ihm sprach. Seine Stimme
klang ruhig ohne die mindeste Erregung, als wäre nichts
vorgefallen. Jetzt schien er sogar einen guten Witz zu erzählen,
denn Herr Macket brach in ein schallendes Gelächter
aus, in welches Leo lustig mit einstimmte. Wie ein Mißklang
tönte dieses Lachen an ihr Ohr. Empört schlug sie
das Fenster zu, daß die beiden im Garten verwundert herauf
sahen, – aber sie war schnell zurückgetreten, und von neuem
<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/>wurde sie von leidenschaftlichem Zorn erfaßt. Das war zu
viel! Also gleichgültig war ihm alles, er dachte wohl gar
nicht mehr daran, wie er sie gekränkt hatte. Er war zum
Lachen und Scherzen aufgelegt, während sie so schwer litt.
Sie konnte das nicht ertragen, sie wollte ihm beweisen, daß er
kein Kind mehr vor sich hatte – sie mußte ihm zeigen, daß
sie sich eine solche Demütigung nicht gefallen ließ. Ja –
das wollte sie ihm zeigen! – Aber wie? Was konnte sie
beginnen? – Wie ein Blitz durchfuhr sie plötzlich ein Gedanke,
an dem sie sich zitternden Herzens festklammerte. Sie wollte
fort, fliehen, dann würde er ja wohl einsehen, daß er ihr
bitteres Unrecht getan hatte. Sie sah in ihrem törichten
Sinn nicht weiter, sie dachte nicht an die Sorge, den Kummer,
den sie ihren Eltern und Leo durch einen solchen Schritt bereiten
würde. Der plötzlichen Eingebung folgte sie, ja sie
kam sich in diesem Augenblicke wie eine Heldin vor, ihr sonst so
kindliches Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an,
und die Lippen waren trotzig aufeinander gepreßt.
</p>

<p>
„Ich will fort und gleich – gleich jetzt!“ Sie sagte
diese Worte laut vor sich hin, als wollte sie sich dadurch selbst
in dem Entschluß befestigen, ihr abenteuerliches Vorhaben
auszuführen. Hastig durchschritt sie das Zimmer. Die kleine
Uhr, welche auf dem Ofensims stand, fing eben an zu schlagen;
„drei – vier“ zählte Ilse. Um fünf Uhr ging ein Zug nach
F., wo Nellies Mann seit seiner Verheiratung Oberlehrer
am Gymnasium war. Eine Reise zu ihr war schon längst
geplant, und Ilse hatte von den Eltern die Erlaubnis erhalten,
nach Weihnachten einige Wochen in F. zuzubringen.
Der stets sorgsame Papa hatte das Kursbuch schon genau
studiert und für sie den Zug nachmittags fünf Uhr als den
besten bestimmt. Den Bahnhof erreichte sie von Moosdorf
bequem in einer halben Stunde – danach war es aber die
höchste Zeit zum Aufbruch. Die verweinten Augen wusch sie
mit frischem Wasser und ordnete ihr wirres Haar; sie setzte
<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>ihren Hut auf, holte ihren Mantel und hing ihn über den
Arm. So, nun war sie fertig; sie dachte nicht daran, noch
etwas andres mitzunehmen; sie tat alles mit einer fliegenden
Hast, als könnte es sie doch am Ende noch gereuen, den tollen
Streich beschlossen zu haben. Zum Glück fiel ihr im letzten
Moment, als sie schon die Türklinke in der Hand hielt, ein,
daß sie auch Geld haben müßte. Sie ging zurück und schloß
ihren Schreibtisch wieder auf. Aus einem Kästchen nahm sie
30 Mark, die ihr der Papa erst gestern schenkte, weil sie
irgend eine Dummheit begangen hatte, welche ihn entzückte
und die er unbedingt belohnen mußte. Sie steckte das Portemonnaie
in die Tasche und ging nun schnell zur Türe hinaus
und die Treppe hinab. An der Haustür blieb sie zögernd
und tiefaufatmend stehen. Lucies Bild trat ihr plötzlich deutlich
vor Augen, mahnend schien es ihr zuzurufen: „Kehre
um, kehre um!“ Fast war es, als würde sie schwankend in
ihrem Entschlusse, denn auf ihrem Antlitz spiegelten sich bange
Zweifel, aber Leos Bild drängte sich dazwischen, sie sah sein
heiteres Antlitz, hörte sein ausgelassenes Lachen – und „fort!
fort!“ rief es nun in ihrem Innern. Lucie hatte keine Gewalt
mehr über sie, ihr ungestümer Sinn trieb sie zu einer
Torheit, welche ihr die bittersten Stunden ihres Lebens
bereiten sollte. Hätte sie ihren Bräutigam betrübt und
niedergeschlagen gesehen, vielleicht würde sie diesen folgenschweren
Schritt nie gewagt haben; aber er lachte ja
und war vergnügt, – nichts hätte sie mehr darin bestärken
können, ihr Vorhaben auszuführen, als sein harmloses
Lachen.
</p>

<p>
Sie horchte, – nichts regte sich im Hause, die Mama
war bei dem Brüderchen im Kinderzimmer; vor einer Begegnung
mit ihr war sie also sicher. Durch ein Fenster spähte
sie in den Garten – er war leer, die beiden Herren schienen
weiter gegangen zu sein. Über den Hof konnte sie unbehindert
gehen; die Mägde und Knechte waren draußen beschäftigt,
<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/>die übrige Dienerschaft war in den Wirtschaftsräumen,
welche auf der andern Seite des Hauses lagen.
</p>

<p>
Sie wollte niemand begegnen; es war ihr, als könnte
man es auf ihrer Stirn lesen, was sie vorhatte. Deshalb lief
sie schnell über den Hof durch das Tor auf die Dorfstraße
und schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wie ein gehetztes
Wild floh sie dahin und wagte nicht, nach dem Hause zurückzublicken;
nur von Zeit zu Zeit sah sie ängstlich zur Seite,
ob auch keiner sie bemerkte. Es begegneten ihr einige Bauernfrauen,
welche sie gut kannte, und die sie schon von weitem
grüßten, denn sie war im Dorfe bei alt und jung beliebt.
Heute dankte sie nur flüchtig für die freundlichen Grüße und
eilte scheu an den Leuten vorbei; sie fühlte, daß ihr eine
brennende Röte in die Wangen stieg, und sie kam sich wie
eine ertappte Sünderin vor. Der Gedanke an das erlittene
Unrecht beflügelte ihre Schritte, sie lief auf Koppelwegen
durch die Felder, den aufgeweichten Boden nicht achtend, der
sich schwer an ihre Sohlen hing. Aus den Stoppeln flog bei
ihrem Nahen mit lautem Gekreisch eine Schar Krähen in die
Höhe, und ängstlich erschrocken zuckte sie zusammen. Endlich
sah sie von weitem das rote Bahnhofgebäude schimmern,
und in kurzer Zeit hatte sie es atemlos erreicht.
</p>

<p>
Mit unsicherer Stimme forderte sie am Schalter eine
Fahrkarte nach F. und setzte sich in das kleine, halbdunkle
Damenwartezimmer an das Fenster. Der Zug mußte in
wenigen Minuten eintreffen; sie wollte aber den Perron
nicht eher betreten, bis er da war, aus Furcht, sie könnte
noch Bekannte treffen. Richtig, da kam auch schon jemand,
den sie kannte. Es war der dicke Oberförster, ein alter Freund
ihres Vaters, der mit einem Herrn auf und ab ging; wahrscheinlich
hatte er denselben zur Bahn gebracht. Sie drückte
sich ganz in die Ecke, als die beiden am Fenster vorbeigingen.
Wenn sie nun nachher nicht unbemerkt an ihm vorübergehen
konnte, dachte sie ängstlich, und wenn er sie fragte, wohin
<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>sie reisen wolle, was sollte sie ihm antworten? Dieser peinvollen
Ratlosigkeit machte der langgezogene Pfiff des erwarteten
Zuges ein Ende; wenige Augenblicke darauf stand er vor
dem Bahnhofgebäude still. Zitternd erhob sich Ilse und ging
hinaus. Der dicke Oberförster unterhielt sich jetzt eingehend
mit dem Bahnhofinspektor und wandte ihr glücklicherweise
den Rücken zu. Sie trat schnell an den nächsten Schaffner
heran und ließ sich von ihm ein Damencoupé anweisen. Ihr
Herz schlug rasch, und es wurde ihr beklommen zu Mute,
als sie einstieg; sie war froh, daß das Coupé leer war, denn
sie hätte jetzt keinem Menschen frei ins Gesicht sehen können.
Die Türen wurden zugeschlagen, noch ein Hin- und Herlaufen,
dann läutete die Glocke zur Abfahrt, ein schriller Pfiff ertönte
und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung. Sie
wagte es nicht, aus dem Fenster zu sehen, denn die Stimme
<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/>des Oberförsters war immer noch deutlich vernehmbar. Erst
als der Zug im schnellen gleichmäßigen Tempo dahinfuhr,
stand sie auf und trat an das offene Fenster; die frische Luft
wehte ihr erquickend um die Schläfen und kühlte ihr den
fieberheißen Kopf. Mehr und mehr entschwand die heimatliche
Gegend ihren Blicken, sie kannte schon keins der Dörfer
mehr, an denen sie vorbeiflog. Wie es wohl jetzt daheim
aussah, ob sie ihre Flucht schon bemerkt hatten? Im Geiste
sah sie die bestürzten Gesichter ihrer Eltern – der Papa
würde außer sich sein. In ihrer Aufregung hatte sie daran
noch nicht gedacht, aber mit einem Male stieg dieser Gedanke
qualvoll in ihr auf. War es nicht unrecht, die Eltern so
zu ängstigen? Sie nahm sich vor, sofort nach ihrer Ankunft
bei Nellie einen langen Brief an sie zu schreiben, sie um Verzeihung
zu bitten und ihnen zu sagen, daß sie nicht anders
habe handeln können. Was würde aber Leo zu ihrer Flucht
sagen? Sie dachte mit einer gewissen Genugtuung daran,
wie er nun doch einsehen müßte, daß sie einen festen Willen
besaß, und ausführte, was sie wollte. Nun würde er wohl
eine andre Meinung von ihr bekommen.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p011.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Wie konnte er sie nur so tief kränken, wenn er sie
wirklich liebte – sie vermochte es nicht zu fassen. Er war
doch sonst nie so hart gegen sie gewesen, und sie hatten
sich schon so oft gestritten. Bis jetzt fügte er sich stets
ihrem Willen, so oft sie ihn auch schon im tollen Übermut
herausgefordert hatte; warum erfüllte er ihr heute nicht
den kleinen Wunsch? Warum betonte er immer wieder,
daß er als Beamter Rücksicht zu nehmen habe? Das klang
so unterwürfig, so demütig; sie wollte ihn stolz haben, über
alles Kleinliche erhaben.
</p>

<p>
Wie fing der dumme Streit denn nur eigentlich an?
Sie waren ja so lustig gewesen und hatten von der Zukunft
geplaudert; in einem halben Jahre, im Frühling sollte ja
die Hochzeit sein. Leo war in dem nahen B. als Assessor
<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/>angestellt und arbeitete schon seit einigen Wochen am dortigen
Landgericht. Meistens besuchte er Sonntags seine Braut
und scherzend erzählte er ihr dann von seinen Erlebnissen,
von den Bekanntschaften, welche er gemacht hatte. Komisch
und naturwahr schilderte er die Fehler und Schwächen von
allen, was Ilse den größten Scherz bereitete. Da war die
Frau Amtsrichter, welche alle jungen Ehepaare unter ihre
Fittiche nahm und die Ansicht hatte, daß sich die jungen
Frauen entschieden dem Rate der älteren „fügen“ müßten.
Dann die Frau eines Arztes, die Neugierige, welche nicht
ruhte noch rastete, bis sie die täglichen Neuigkeiten glücklich
eingesammelt hatte. – Leo erzählte, wie er ihren Angriffen
auf ihn stets geschickt ausgewichen wäre und daß es ihr
nicht gelungen sei, auf ihre vielen Fragen über seine Braut,
seine künftige Einrichtung und dergleichen eine Antwort zu
erhalten. Er ahmte dabei das vor nervöser Ungeduld unruhige
und bewegliche Mienenspiel der Dame so treffend
nach, daß Ilse gar nicht aus dem Lachen kam. Heute
hatte er zum erstenmal erwähnt, daß sie sich bald selbst von
der Wahrheit seiner Schilderungen überzeugen könnte, denn
alle diese Familien würden sie besuchen, teilweise auch mit
ihnen verkehren.
</p>

<p>
Damit hatte der Streit angefangen. Er habe Rücksichten
zu nehmen, hatte er gesagt, und das wollte sie nicht
gelten lassen, ihr künftiger Mann sollte und brauchte das
nicht. Die kleine Ilse hatte noch keine Ahnung von der
Welt, wie oft und wie viel der Mensch, welcher etwas
erreichen will, Rücksichten nehmen muß. Ihre Wege waren
bisher stets geebnet gewesen, und deshalb wollte es ihr
durchaus nicht in den Sinn, warum sie und Leo künftig
nicht ganz nach ihrem Gefallen leben könnten.
</p>

<p>
Ob sich wohl Nellie in allem ihrem Manne fügte?
Gewiß nicht, und Dr. Althoff war kein Tyrann, das wußte
sie. Die liebe einzige Nellie! – Ilse konnte sich gar nicht
<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>vorstellen, wie sie als junge Frau sein würde. Wie herzlich
hatte sie sich auf ein Wiedersehen mit ihr gefreut, und
schrecklich war es, daß sie nun als eine Fliehende mit tief
betrübtem Herzen zu ihr kam. Sie war so glücklich gewesen
– und jetzt? Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen,
welche langsam über ihre Wangen rollten. Sie kam sich
so bedauernswürdig vor, als wäre sie hinausgestoßen in die
weite Welt, und nicht als hätte sie nur ihre eigene unglückselige
Laune zu diesem Schritte getrieben.
</p>

<p>
Die Dämmerung brach jetzt mit aller Macht herein
und breitete ihre dunklen Schatten immer tiefer über die
herbstliche Natur. Nur nebelhaft noch waren die Gegenstände
zu erkennen, die vor Ilsens Augen auftauchten, um
schnell wieder zu verschwinden. Einzelne Regentropfen
schlugen trübselig gegen das Fenster, und das einförmige
Geräusch der Räder wirkte fast betäubend auf sie. Ein
unbehagliches Frösteln stellte sich ein, furchtsam blickten ihre
Augen in dem halbdunklen Coupé umher; das unheimliche
Gefühl des Alleinseins überfiel sie mit einem Male, und
ihr Heldenmut sank immer tiefer. Unbeweglich saß sie in
ihre Ecke gedrückt, ihre Aufregung steigerte sich von Minute
zu Minute. Wie spät mochte es denn sein? Sie zog ihre
Uhr hervor und konnte nur mühsam entziffern, welche Zeit
es war. – Gott sei Dank, die Hälfte der Fahrt hatte sie
hinter sich, schon zwei Stunden war sie unterwegs. Sie
waren ihr schnell vergangen, aber nun mußte sie noch eine
ebenso lange Zeit ausharren, bis sie in F. eintraf. Gegen
neun Uhr sollte der Zug dort sein – es wurde gewiß sehr
spät, bis sie bei Nellie war. Ob Althoffs wohl weit vom
Bahnhof entfernt wohnten? – Wenn sie dieselben nur zu
Hause traf! Oder – ihr Herz pochte stürmisch bei diesem
Gedanken – wenn sie vielleicht noch verreist wären? Die
Herbstferien waren erst in diesen Tagen zu Ende. Nellie
schuldete ihr seit einiger Zeit einen Brief, und sie wußte
<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>deshalb nichts Näheres von ihr. O Gott, was sollte sie
dann beginnen, allein in der fremden Stadt? Sie konnte
doch in kein Gasthaus gehen und ein Zimmer fordern?
Das ging nicht, das würde sie nie tun! Aber wo sollte
sie in der Nacht bleiben? Dieser Gedanke bereitete ihr entsetzliche
Qualen, und zum ersten Male gelangte sie zu dem
vollen Bewußtsein, wie abenteuerlich ihr Unternehmen war.
Sie fing in ihrer Herzensangst an zu weinen. Fast empfand
sie Reue; wie behaglich und sorgenlos könnte sie jetzt zu
Hause sein, und mußte nun statt dessen in die dunkle Nacht
hinein fahren mit einem Herzen voll Angst und Bangen.
</p>

<p>
Auf der nächsten Station fragte sie den Schaffner,
welcher Licht in dem Coupé anzündete, wie lange sie noch
bis F. zu fahren hätte. „Noch vier Haltestellen,“ brummte
er unfreundlich, und Ilse wagte keine weiteren Fragen.
Die Helle im Coupé machte wenigstens ihrer Furcht ein
Ende, sie konnte nun deutlich erkennen, daß auf den Polstern
neben ihr und gegenüber niemand weiter saß, wie sie vorhin
in ihrer Furchtsamkeit geglaubt hatte. Sie freute sich, wenn
wieder eine Station vorüber war, und alle Augenblicke sah
sie nach der Uhr, ob der Zeiger noch nicht weiter vorgerückt
war. – Jetzt hatte der Zug zum letztenmal gehalten, noch
eine kurze Zeit und sie war da. Ungeduldig ging sie auf
und ab, krampfhaft den Schirm in der Hand haltend, mit
dem Mantel über dem Arm. Unaufhörlich schlug jetzt der
Regen gegen das Fenster, stockdunkel war es draußen, und
nur hier und da blitzten in der Ferne Lichter auf. Fast
wünschte Ilse, es wäre auf der letzten Strecke jemand eingestiegen,
der ihr möglicherweise Auskunft über die Althoffsche
Wohnung hätte geben können. Und doch wieder war
sie ganz froh, allein geblieben zu sein, weil sie fühlte, daß
sie ihre Aufregung nicht verbergen könnte.
</p>

<p>
Endlich ertönte der lang anhaltende Pfiff der Lokomotive,
und mit zitternder Ungeduld sah sie ihrer Erlösung
<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>entgegen; der Zug war in die Bahnhofhalle eingefahren
und hielt jetzt still. Neugierig spähte Ilse durch das Fenster
auf den erleuchteten Perron, wo eine Menge Menschen
standen. Die Türe wurde geöffnet, und sie stieg aus. Ängstlich
sah sie sich um, die vielen lauten Stimmen, das Gedränge
und Hinundherstoßen machten sie ganz beklommen.
Bunte Studentenmützen konnte man überall aus dem Gewühl
hervorleuchten sehen. Scheu wich sie denselben aus,
denn sie dachte noch mit Schrecken an ihre Studenten-Begegnung
bei ihrer Abreise aus der Pension.
</p>

<p>
Als sie einen Bahnbeamten nach einem Gepäckträger
fragte, wies sie der vielbeschäftigte Mann nach dem Ausgang
der Halle, und sie drängte sich glücklich bis dahin
durch. Sie sah sich suchend um und war froh, als sie ganz
in der Nähe noch einen Mann mit blauem Kittel und einer
Gepäckträgermütze entdeckte. Sie trat auf ihn zu und fragte,
ob er die Wohnung von Dr. Althoff wüßte. Er rührte
sich nicht aus seiner Stellung; faul, beide Hände in den
Hosentaschen, stand er an die Mauer gelehnt und glotzte sie
mit verglasten Augen an; ein widerwärtiger Branntwein-Geruch
stieg ihr unter die Nase. Sie mußte ihre Frage
wiederholen, und diesmal schien er sie wirklich verstanden
zu haben, denn er setzte sich statt aller Antwort langsam
in Bewegung; ein Wink mit der Hand machte ihr klar,
daß sie ihm folgen solle.
</p>

<p>
Bedenklich schwankend ging ihr Führer voran, Ilse
angstvoll hinterher. Der Mann war ja total betrunken, er
taumelte hin und her und konnte nur mühsam das Gleichgewicht
halten. Wenn er sie nur nicht den verkehrten Weg
führte! Sie wollte ihn aber nicht noch einmal nach der
Wohnung fragen, denn sie war sicher, doch keine verständliche
Antwort zu bekommen. So waren sie schon eine ganze
Strecke zusammen gegangen durch enge, winklige, schlecht
erleuchtete und gepflasterte Straßen, in denen der strömende
<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/>Regen große Pfützen gebildet hatte. Den besten Weg schien
der Betrunkene auch nicht gewählt zu haben; unbekümmert
um den gräßlichen Schmutz und die großen Wasserlachen,
in welche er mitten hinein patschte, so daß Ilse vor den
nach allen Seiten spritzenden Tropfen ausweichen mußte,
trottete er weiter. Ihre Unruhe wuchs immer mehr. Wohin
führte er sie eigentlich? In einer dieser schmalen, übelriechenden
Gassen würden Althoffs doch schwerlich wohnen.
Sie faßte sich schließlich ein Herz und fragte ihren stummen
Begleiter, ob sie nicht bald da wären. Sein aufgedunsenes
Gesicht drehte sich zu ihr herum, und seine Augen sahen
sie keineswegs liebenswürdig an.
</p>

<p>
„Können Se nich die Zeit abwarten, dann loofen Se
doch allene,“ – bellte er mit unsicherer Stimme.
</p>

<p>
Erschreckt wich Ilse zurück; wenn das der Papa wüßte,
daß dieser betrunkene Mann jetzt ihr einziger Schutz war,
er würde außer sich sein. Wie sorgsam wurde sie stets behütet,
und hier war sie ganz allein in einer fremden Stadt.
</p>

<p>
Endlich erreichten sie eine besser beleuchtete breite
Straße, und Ilse fiel es wie ein Stein vom Herzen, als
sie diese menschenleeren, unheimlichen Gegenden verließen.
Die Straße führte auf einen großen Platz, den sie überschritten,
worauf sie wieder in eine schmalere Straße einbogen.
Hier schienen sie in dem Villenviertel zu sein, denn
die Häuser zu beiden Seiten hatten Vorgärten, wie Ilse
trotz der Dunkelheit erkennen konnte. Neugierig sah sie in
die hellen Fenster, an denen sie vorbeikamen, denn in dieser
Straße wohnte gewiß Nellie. Sie dachte sich das bestimmt,
wagte aber nicht danach zu fragen. Ihre Sehnsucht nach
Nellie und ihre Ungeduld wuchsen immer mehr, seufzend
ging sie weiter, es kam ihr vor, als nähme dieser Weg kein
Ende. Endlich blieb der Mann vor einer eisernen Gittertür
stehen und wies auf ein Haus im Hintergrund –
„da“, sagte er lakonisch und streckte ihr zugleich die Hand
<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/>verlangend entgegen. Ilse griff in die Tasche und nahm
ihr Portemonnaie hervor, das er mit geldgierigen Blicken
betrachtete. Sie gab ihm in ihrer Angst ein blitzendes
Fünfmarkstück, nur um ihn los zu werden. Der über Erwarten
reichliche Lohn stimmte ihn doch etwas freundlicher.
Er öffnete ihr mit großer Ungeschicklichkeit die Tür, und
Ilse ging schnell hinein. Sie bemerkte nicht mehr, welche
verzweifelte Anstrengung er machte, sich von ihr zu verabschieden,
indem er seine Mütze abnehmen wollte. Einigemale
griff er vergebens danach, und als er sie glücklich
gepackt hatte, entfiel sie seiner Hand. – Fluchend bückte
er sich nach ihr und ließ die Türe mit lautem Krach ins
Schloß fallen, daß Ilse heftig zusammenschrak.
</p>

<p>
Zögernden Fußes hatte sie den kleinen Vorgarten
durchschritten, und blieb vor der Haustür stehen – zitternd
und zagend! Die Fenster in der Parterrewohnung, welche
Althoffs bewohnten, waren bis auf zwei unbeleuchtet. Vergebens
spähte Ilse durch die Vorhänge, ob sie nicht eine
Gestalt erblicken oder Stimmen hören könne. Aber nichts
regte sich, alles blieb still.
</p>

<p>
Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen. Ach, wäre sie
nur erst bei Nellie, und wäre doch der Augenblick des
Wiedersehens erst überstanden! Sie konnte sich nicht entschließen,
die Glocke zu ziehen, sondern blieb wartend, ob
nicht jemand käme, an der Türe stehen. Einförmig tönte
das Regengeplätscher fort; sie fühlte sich bis auf die Haut
durchnäßt, denn in ihrer Aufregung hatte sie nicht daran
gedacht, sich den Mantel anzuziehen, der nun schwer vom
Regen über ihrem Arm hing. – Ihre Füße waren eiskalt,
dazu kam ein Gefühl der Nüchternheit, denn sie hatte seit
Mittag nichts genossen.
</p>

<p>
Länger konnte sie es so nicht mehr aushalten. Ach
Gott, kam denn kein Mensch, sie aus ihrer Pein zu erlösen?
Erschöpft lehnte sie sich an die Mauer. Endlich hörte sie
<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>im Hause Stimmen. Vorsichtig beugte sie sich vor und sah
durch das Fenster in der Haustüre, wie Nellie mit ihrem
Mann aus einem der Zimmer heraustrat. Sie holte erleichtert
Atem, als sie das treue, liebe Gesicht der Freundin
wiedersah, und wäre am liebsten sofort zu ihr geeilt, aber
Dr. Althoffs Anwesenheit hielt sie zurück. Er schien fortgehen
zu wollen, wie sie zu ihrer größten Beruhigung bemerkte,
denn er hatte Hut und Schirm in der Hand. Arm
in Arm ging das junge Ehepaar bis zur Treppe, dann
beugte sich Dr. Althoff zu Nellie herab und küßte sie.
Glückstrahlend sah sie zu ihm auf, und er streichelte zärtlich
ihr liebliches Gesicht.
</p>

<p>
„Adieu, Liebste,“ hörte ihn Ilse deutlich sagen, „ich
gehe jetzt. Spät werde ich nicht zurückkehren.“
</p>

<p>
Nellie nickte ihm herzlich zu.
</p>

<p>
„Ich schlafe gewiß schon, wenn du heimkommst,“ sagte
sie, „ich bin sehr schläfrig diesen Abend.“
</p>

<p>
Sie blieb an der Treppe stehen, bis er aus der Türe
verschwunden war. – Ilse war bei seinem Kommen schnell
zurückgefahren und hatte sich hinter ein dichtes Gebüsch geflüchtet.
Jetzt ging er durch die Gartenpforte; zugleich
öffnete sich eines der erleuchteten Fenster und eine Gestalt
ward in demselben sichtbar. Es war Nellie, welche ihrem
Manne noch zunickte und ihm nachsah, bis er verschwunden
war.
</p>

<p>
Ilse horchte atemlos, bis seine Schritte in der Ferne
verhallt waren. Sie war seelenfroh, Nellie allein zu treffen,
denn Dr. Althoff ihre Flucht einzugestehen –, es wurde
ihr jetzt erst klar, wie beschämend das für sie gewesen wäre.
Nellie konnte sie nun in Ruhe alles erzählen, und diese
sollte ihr fest versprechen, ihrem Manne nichts davon zu
sagen. Und nun faßte sie sich ein Herz und zögerte nicht
länger mehr, sich Nellie bemerkbar zu machen. Aus ihrem
Versteck hervortretend, rief sie schüchtern deren Namen.
<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>Erschrocken zuckte die junge Frau zusammen und, als sie
Ilse erkannte, welche in dem matten Lichtschein, den das
helle Fenster in den Garten warf, leibhaftig vor ihr stand,
schrie sie laut auf. Sie war leichenblaß geworden, und ihre
Augen blickten so starr, als sähe sie einen Geist vor sich.
</p>

<p>
„Nellie,“ rief Ilse noch einmal leise, und nun kam
jene, so schnell sie ihre zitternden Füße trugen, zum Hause
heraus gelaufen, vor welchem ihr Ilse in die Arme stürzte.
</p>

<p>
„Um Gottes willen, Ilse, wo kommst du her?“ brachte
sie atemlos hervor.
</p>

<p>
„Meine einzige Nellie,“ das war alles, was Ilse sagen
konnte, während die Aufregung und die körperliche Anstrengung
der letzten Stunden sich in einem krampfhaften
Schluchzen auflösten.
</p>

<p>
Nellie führte sie in das Zimmer, selbst nicht fähig ein
Wort zu sprechen. Sie nahm der heftig Weinenden Hut
und Mantel ab und führte sie zum Sofa. Auf keine ihrer
eindringlichen Fragen bekam sie eine Antwort, ratlos stand
sie neben der Freundin und betrachtete sie voll Entsetzen.
Was war denn nur geschehen, wie sah Ilse aus? Ihr
nasses Kleid war über und über beschmutzt und die vor
Feuchtigkeit tropfenden Haare hingen ihr aufgelöst in die
Stirn. Nellie nahm ihr Taschentuch und trocknete damit
das wirre Haar, dann setzte sie sich still neben die Freundin
und lehnte ihren Kopf an deren Schulter.
</p>

<p>
So saßen sie eine Weile wortlos nebeneinander.
</p>

<p>
Endlich fragte Nellie leise: „Ilse, süßer <hi rend="antiqua">darling</hi>, was
ist mit dich passiert, wie kommst du hierher?“
</p>

<p>
Die hellen Tränen schimmerten bei diesen Worten in
ihren Augen, ihr weiches Herz wurde von dem Jammer der
Freundin so gerührt, daß ihre Stimme bebte. Sie streichelte
Ilses Hände und nannte sie mit den zärtlichsten Schmeichelnamen.
Alle Versuche sie zu beruhigen, zum Sprechen zu
bringen, halfen nichts. Sie wußte nicht mehr, was sie
an<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>fangen sollte, die kleine Frau, und hilflos sah sie sich um.
Ihr praktischer Sinn gab ihr schließlich das Richtige ein;
sie stand auf und schenkte am Büffet ein Glas Wein ein,
welches sie Ilse brachte.
</p>

<p>
„Trink, Kindchen,“ sagte sie, das Glas an Ilses Lippen
setzend, „das wird dich gut tun. O, nur ein kleiner Schluck,
mehr will ich dich auch nicht quälen,“ bat sie schmeichelnd,
als Ilse das Glas zurückschob und ablehnend mit dem
Kopf schüttelte.
</p>

<p>
„Du mußt, <hi rend="antiqua">darling</hi>,“ entschied sie endlich kurz, und
jetzt widersetzte sich Ilse auch nicht länger, nahm das dargebotene
Glas und trank es in hastigen Zügen leer. Nellie
trug es auf das Büffet zurück.
</p>

<p>
„Fühlst du dich wohler?“ fragte sie teilnehmend und
setzte sich wieder neben Ilse, welche sich in die Sofaecke
zurückgelehnt hatte und mit dem Taschentuch ihr Gesicht bedeckt
hielt. Auf Nellies Frage nickte sie mit dem Kopf.
Die junge Frau seufzte leise. Wenn sie doch endlich einmal
ein Wort spräche, dachte sie, denn Ilses Schweigen wurde
nachgerade unheimlich. Unruhig rückte Nellie hin und her;
was mochte denn nur vorgefallen sein, daß sich die Freundin
gar nicht fassen konnte?
</p>

<p>
„Lieb Ilschen,“ sagte sie endlich und griff nach ihrer
Hand, „sieh mich doch einmal an, weißt ja noch garnicht,
wie ich mir als würdiges Hausfrau ausnehme.“ Sanft zog
sie dabei Ilse die Hand vom Gesicht fort. „O sieh doch
her,“ bat sie und beugte sich vor, um ihr in die Augen zu
sehen, „du wirst in dies brave, ehrbare Gestalt deine Nellie
nicht wieder erkennen. Alles Dumme ist aus mein Sinn
heraus, ich bin ein vernünftiges, kleines Hausfrau geworden.“
</p>

<p>
Sie sagte das so drollig, und Ilse sah, als sie aufblickte,
in so schelmische Augen, daß sie nicht widerstehen
konnte und durch Tränen lachend die Arme um Nellies
Hals schlang. Erleichtert atmete diese auf, denn das
wort<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/>lose Schluchzen war ihr zu schrecklich gewesen. Sie küßte
die Freundin innig und streichelte liebkosend ihre heißen
Wangen.
</p>

<p>
„Armes <hi rend="antiqua">darling</hi>, wie erhitzt hast du dir und wie elend
siehst du aus. Ich werde dir ein wenig Essen holen, sonst
habe ich eine kranke Ilse. Bleib hier nur sitzen, gleich bin
ich wieder zurück,“ sagte sie und stand auf.
</p>
<p>
    <figure url="images/illu_p022.png" rend="w100">
        <figDesc>Illustration</figDesc>
    </figure>
</p>
<p>
„Bitte, bitte, Nellie, geh nicht fort,“ bat Ilse und
hielt sie am Arm fest, „ich bin ja garnicht hungrig, ich
kann nicht essen, wirklich nicht.“
</p>

<p>
„Du wirst dich zwingen, nur einige Bissen mußt du
essen.“ Mit diesen Worten machte sie sich von Ilse los
und ging hinaus, um sehr bald mit einem Präsentierbrett
zurückzukommen, auf welchem ein Teller mit appetitlich belegten
Brötchen stand. Sie rückte ein kleines Tischchen an
Ilses Seite, das sie flink und zierlich deckte.
</p>

<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>

<p>
„Wirklich, ich kann nichts essen,“ beteuerte Ilse wieder,
als Nellie sie zum Zugreifen einlud. Aber ihr Sträuben
half ihr nichts, wohl oder übel mußte sie essen; bald schmeckte
es ihr auch vortrefflich, und sie speiste mit großem Appetit.
Befriedigt sah ihr Nellie zu und nötigte sie immer von neuem.
</p>

<p>
„Du, nun kann ich aber nicht mehr,“ sagte Ilse endlich
und schob den Teller zurück, „ich bin furchtbar satt.“
</p>

<p>
Nellie stellte das Tischchen zur Seite und ließ sich auf
einem kleinen Schemel nieder, den sie dicht neben das Sofa
schob. Ihre beiden Hände legte sie in Ilses Schoß und sah
fragend zu ihr empor. Ilse verstand die stumme Frage in
ihren Augen, es wurde ihr aber doch schwerer, als sie gedacht
hatte, Nellie eine Aufklärung über ihre Flucht zu geben.
Seufzend lehnte sie sich zurück und sah vor sich hin.
</p>

<p>
„Lieb Ilschen,“ sagte Nellie leise und fuhr bittend
und zögernd fort: „Willst du mir nicht erzählen, warum
du in die dunkle Nacht zu uns kommst? <hi rend="antiqua">Darling</hi>, schütte
dein armes Herz in mich aus.“
</p>

<p>
Da richtete sich Ilse heftig auf.
</p>

<p>
„Nellie, ach, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!“
rief sie leidenschaftlich. „Leo liebt mich nicht mehr, er hat
mich nie geliebt! Seine Sklavin soll ich werden, keinen freien
Willen haben, mich immer fügen, und das kann ich nicht,
das tue ich nicht, ich lasse mich von ihm nicht wie ein Kind
behandeln, ich bin erwachsen und – und –“ hier stockte ihre
Stimme unter hervorbrechenden Tränen, die Erinnerung an
das erlittene Unrecht brachte sie von neuem in Aufregung.
</p>

<p>
„O, bitte Kind, beruhige dir,“ bat Nellie, „kannst du
mir jetzt deine Geschichte noch nicht erzählen, so warte ich
bis morgen. Weine nicht mehr, armes <hi rend="antiqua">darling</hi>.“
</p>

<p>
Doch unaufhaltsam flossen Ilses Tränen. Nellie war
aufgestanden und nahm einen Leuchter vom Tisch, den sie
anzündete. Sie wußte jetzt genug und drang deshalb nicht
weiter in Ilse. Also ein Streit mit Leo war die Ursache
<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/>ihrer Flucht! Aber wie konnte sich Ilse zu solchem Streite
hinreißen lassen! Sie war aufs höchste erschrocken, bezwang
sich aber, möglichst ruhig zu erscheinen, so sehr sie auch über
die kühne Tat ihrer Freundin innerlich erregt war.
</p>

<p>
„Komm, Ilse,“ sagte sie, „ich führe dich in dein Zimmer
und du legst dir schlafen. Rieke macht dein Bett schon in
Ordnung; ich habe ihr gesagt, du hättest mich mit deiner
Ankunft überrascht. Aber sie darf dich so mit deinen Tränen
nicht sehen, sonst glaubt sie mich meine Lüge nicht.“ Damit
zog sie Ilses Arm durch den ihrigen und führte sie in ein
erleuchtetes Zimmer, wo ein helles Feuer im Ofen knisterte.
</p>

<p>
„Ach, wie gemütlich ist es hier, Nellie,“ rief Ilse unwillkürlich
aus und sah sich neugierig in dem Raume um. Wie
freundlich und einladend war hier alles! Zu der hellgeblümten
Tapete paßten die Gardinen, und der zierliche Toilettentisch
war so duftig und graziös aufgesteckt, daß Ilse sofort erriet,
nur Nellie könne dieses Werk geschaffen haben.
</p>

<p>
„Reizend ist es bei dir, Nellie, alles so blendend sauber
und fein,“ sagte sie wieder bewundernd und betrachtete die
Fläschchen und Büchsen von glänzendem Kristall, welche die
Toilette zierten.
</p>

<p>
„Ich sagte dich ja schon, daß ich ein braves Hausfrau
geworden bin, sittsam und ordentlich wie unsre artige Rosi;
du wirst große Wunder an mir erleben,“ erwiderte Nellie,
und der Schelm lachte aus dem Grübchen in ihrer rosigen
Wange.
</p>

<p>
„Du einzige Nellie, du bist doch noch ganz wie früher,
wie furchtbar lieb habe ich dich, am allerliebsten auf der ganzen
Welt.“
</p>

<p>
„O nein, so darfst du nicht sprechen, Ilse; deinen Bräutigam
mußt du am liebsten auf die ganze Welt haben,
dann deine lieben Eltern, und zuletzt kommt erst Frau Elinor
nebst Gemahl.“ Um Ilses Mund zuckte es spöttisch, und
eine bittre Antwort drängte sich auf ihre Lippen, aber sie
<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/>bezwang sich und schwieg. Nellie sollte nur wissen, wie
sie ihr Bräutigam behandelt hatte! Konnte er da noch ihr
Liebstes auf der Welt sein?
</p>

<p>
Nellie hatte die Gardinen am Fenster zugezogen und
trat nun wieder zu Ilse.
</p>

<p>
„So, jetzt ist alles fix und fertig, nun schnell in deine
Bett. Komm, ich helfe dich.“
</p>

<p>
Als sich Ilse niedergelegt hatte und es ihr ersichtlich
behaglicher zu Mute wurde, ergriff sie Nellies Hand.
</p>

<p>
„Jetzt will ich dir auch beichten,“ sagte sie, und als
Nellie meinte, sie solle das am andern Tage tun, denn sie
würde sich wieder zu sehr aufregen, bat sie flehentlich, sie
doch anzuhören.
</p>

<p>
„Ich kann nicht schlafen, Nellie, wenn du nicht alles
weißt!“ rief sie und erzählte ausführlich alle Einzelheiten des
Streites mit Leo und ihrer Flucht. Ihre Wangen glühten
beim Sprechen vor Eifer und Zorn, und sie wunderte sich
nur, daß Nellie nicht fortwährend in lautes Bedauern über
ihr trauriges Schicksal ausbrach. Die Freundin sah schweigend
vor sich hin, denn sie war entsetzt über Ilses abenteuerlichen
Streich und durchschaute klar, daß dieselbe im
Unrecht war. Wie hatte sie nur so unüberlegt handeln können!
Sie zitterte bei dem Gedanken an die vielen unglücklichen
Stunden, welche diese Tat der Freundin noch bereiten würde.
</p>

<p>
„Nicht wahr, Nellie, so durfte mich Leo nicht beleidigen,
wenn er mich wahrhaft lieb hat, – was sagst du dazu?“
fragte Ilse schließlich, als Nellie sinnend dasaß, und sah ihr
dabei forschend ins Gesicht.
</p>

<p>
„Ich sage garnichts diesen Abend, Kind,“ erwiderte sie
ausweichend, denn sie wußte, daß eine ehrliche Antwort Ilse
in ihrer jetzigen Stimmung nur kränken würde; gegen ihre
Überzeugung aber wollte sie auch nicht sprechen.
</p>

<p>
Als sie in Ilses Zügen eine Enttäuschung bemerkte,
streichelte sie zärtlich ihre Stirn. „Du mußt jetzt schlafen,
<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/>klein Ilschen, deine Augen haben eine so müde Aussicht.
Morgen früh sprechen wir über deine Sache, nicht wahr? –
Gute Nacht, <hi rend="antiqua">darling</hi>.“ Mit diesen Worten erhob sie sich,
um jedes weitere Gespräch abzuschneiden.
</p>

<p>
„Ruhe dir schön aus, mache die Augen zu und nicht
eher auf, bis morgen früh; du brauchst dich nicht zu fürchten,
in das andre Zimmer daneben schlafen Fred und ich und
hören, wenn du rufst. Ich muß jetzt gehen, denn kommt
der liebe Mann nach Hause und findet mich noch wachsam,
so macht er ein böses Gesicht.“
</p>

<p>
„Nellie!“
</p>

<p>
„Ja, Ilse, was soll ich?“
</p>

<p>
„Bitte, bitte, Nellie, versprich mir eins.“
</p>

<p>
„Was soll ich dir versprechen, <hi rend='antiqua'>darling</hi>?“
</p>

<p>
„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich
müßte mich ja zu Tode vor ihm schämen.“
</p>

<p>
„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen.
Ich sage ihm, wie ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine
Überraschung bereitet hast.“
</p>

<p>
Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch
ohne Ahnung war, daß Mann und Frau keine Geheimnisse
vor einander haben. Natürlich würde sie Fred alles
erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier
zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu
und ging hinaus.
</p>

<p>
In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war
sie nicht imstande, sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem
Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster stand, setzte sie sich
nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild ihres
Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete
es lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des
Glückes durchzog sie bei diesem Anblick, und in überwallender
Zärtlichkeit küßte sie das Bild.
</p>

<p>
„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen.
<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>Sie nahm seine Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen
Weibes entgegen, denn er hatte sie aus ihrem liebearmen
Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für immer
warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein
treues Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem
sie sich ganz zu eigen gab. Ihre Gedanken gingen in dem
Geliebten auf, sie hatte nur Auge und Sinn für seine Wünsche,
sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein dunkler
Schatten.
</p>

<p>
Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der,
welche in ihrem Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte.
Wäre diese doch auch erst, was sie war, eine glückliche Frau!
Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus, daß die arme
Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren
Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt
haben würde. Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann,
hätte sie dann so unverantwortlich handeln können? Mit
Schrecken dachte Nellie daran, was Ilses Bräutigam wohl
zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er ihr
den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte!
Nellie bebte bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand
bange Sorge um die Zukunft ihrer Freundin.
</p>

<p>
Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred
jeden Augenblick kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete
sie ihn. Sie war ganz ratlos, und es mußte doch
etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten
waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und
auf welche Weise, das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.
</p>

<p>
Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Straße hinab,
die öde und verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne
Schritte zu hören. Ungestüm riß sie das Fenster auf und
bog sich weit hinaus. Die kühle Nachtluft wehte ihr erfrischend
um das Gesicht, der Regen hatte nachgelassen, aus
den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen,
<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/>sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze
Nellies Antlitz. Sie horchte gespannt in die stille Nacht
hinaus. Die fernen Schritte waren verhallt, also war es ihr
Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er länger aus,
als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen
ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis
sie ihm alles erzählt haben würde. Schon wollte sie das
Fenster schließen, um ihren Entschluß auszuführen, da hörte
sie von neuem Schritte auf der Straße und diesmal waren
es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging
ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der
Haustür umgedreht wurde und schnelle Tritte die Treppe
herauf kamen. Jetzt schloß er den Vorplatz auf. Sie ging
ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich krampfhaft
zusammen, um ruhig zu erscheinen.
</p>

<p>
„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei
ihrem Anblick erstaunt. „Du weißt doch, Kind, daß es
mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du wartest auf
mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm
schmeichelnd die Hand auf den Mund.
</p>

<p>
„Erst hören, lieber Fred, dann schelten. Glaubst du,
ich sei wegen mein Mann aufgeblieben? O nein, ich läge
schon längst in das tiefste Schlummer, hätte ich nicht eine
große Erlebnis gehabt.“ Sie blickte ihn ernst dabei an,
und er bemerkte, daß sie blaß und erregt aussah.
</p>

<p>
„Was denn für ein Erlebnis?“ fragte er ängstlich.
„Was ist denn passiert, erzähle doch! ich ängstige mich, du
siehst so bleich und aufgeregt aus, hat dir Rieke Ärger
bereitet?“
</p>

<p>
„O nein,“ fiel sie ihm lachend ins Wort, „Rieke war
eine fromme Lamm wie immer. Laß nur, du errätst es
nicht, Schatz; komm, setze dich nieder, damit du nicht in
Ohnmacht fällst, wenn du’s hörst, was ich dir jetzt sagen
werde. Also höre: Ilse ist da!“
</p>

<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>

<p>
„Ilse!“ lachte Dr. Althoff, „das ist himmlisch! Ja, ich
glaube wohl, du möchtest sie wäre hier und vertriebe dir die
Zeit, wenn dich dein böser Mann allein läßt. Warte nur,
Bösewicht,“ sagte er scherzend und hob ihr Kinn in die Höhe,
um ihr in die Augen sehen zu können. „Du willst mir wohl
etwas vorflunkern, weil ich ein bißchen später nach Hause
komme, als es meine gestrenge Gattin sonst von ihrem
soliden Manne gewohnt ist? Ach ja, es ist schrecklich, wenn
man so unter dem Pantoffel steht,“ sagte er seufzend.
</p>

<p>
Sie blieb aber ernst bei seinem Scherz.
</p>

<p>
„Nein, nein, ich mache keine Spaß, Fred; es ist wahr,
da drüben,“ sie wies mit der Hand nach der Tür, „liegt Ilse
und schläft.“
</p>

<p>
Und als er sie noch immer ungläubig ansah, da holte
sie Ilses Hut und Mantel herbei.
</p>

<p>
„Sieh hier, gehört mich dies Hut, dieses Mantel, glaubst
du mir nun?“
</p>

<p>
Ja, jetzt glaubte er ihr, das bewiesen seine erstaunten
Augen, mit welchen er die Sachen ansah. Fragend blickte
er seine Frau an.
</p>

<p>
„Nellie, was ist das, wie kommt Ilse plötzlich her?“
</p>

<p>
„O, mit der Eisenbahn; gleich als du fort warst, kam
sie und rief mich. Wie bin ich erschrocken gewesen, ich glaubte
ein Gespenst zu sehen, als plötzlich Ilse so bleich vor mir
stand. Wie zitterig war armes <hi rend="antiqua">darling</hi>, o, und wie hat
sie geweint!“
</p>

<p>
„Geweint, warum hat sie denn geweint?“ fragte er,
„sage doch nur, was ist denn vorgefallen?“
</p>

<p>
Mit fliegenden Worten erzählte sie ihm nun alles.
</p>

<p>
„Und was sollen wir tun, Fred?“ fragte sie schließlich.
„Ilse ist ein unvernünftiges Kind; wir müssen für sie handeln.“
</p>

<p>
Er hatte bei ihrer Erzählung mehrmals unwillig den
Kopf geschüttelt.
</p>

<p>
„Ja, was sollen wir tun?“ wiederholte er. „Ich hatte
<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>geglaubt, Ilses Trotz wäre gebrochen, sie wäre ein vernünftiges
Mädchen geworden, und jetzt macht sie solche Streiche! Das
beste ist, wir packen das ungezogene Kind auf und schicken es
morgen mit einem Entschuldigungszettel wieder nach Hause.“
</p>

<p>
„O, so darfst du nicht sprechen,“ rief Nellie unwillig.
„Jeder hat nicht ein solch fügsames Natur, wie deine Frau.
Ilse hat nun einmal ein trotziges Sinn, aber sie ist gut,
und ich habe ihr so herzhaft lieb. Du darfst ihr auch nicht
zeigen, daß du von ihre Flüchtigkeit weißt; sie hat mich gebeten,
dir nichts davon zu sagen. – In welche Angst werden
ihre Eltern und Leo um sie sein! Sollen wir sie nicht telegraphieren?“
</p>

<p>
„Ja natürlich, Schatz, das müssen wir tun und zwar
gleich, sofort. Ich will die Depesche selbst besorgen.“
</p>

<p>
„O ja, das ist gut von dir, aber nun mußt du armer
Mann noch einmal in die dunkle Nacht hinaus.“
</p>

<p>
„Ich brauche ja nicht weit zu gehen,“ meinte er und
zog sich seinen Überzieher an.
</p>

<p>
„Wo ist mein Hut? So, du hast ihn, – danke, Kind;
gleich bin ich wieder hier. Gehe nur inzwischen zu Bett,
du mußt schlafen, du hast dich sehr aufgeregt.“
</p>

<p>
„Ja, ich bin sehr schläfrig, ich fürchte aber, ich kann
nicht schlafen, denn alles tanzt wirr in mein Kopf. Ich will
nochmal nach unsre Trotzkopf sehen, ob sie schläft. Adieu
so lange, Liebster.“
</p>

<p>
Leise ging sie in Ilses Zimmer und trat an ihr Bett.
Diese schlief fest. Noch sah man die Spuren vergossener
Tränen auf ihren Wangen, aber sie lächelte im Traume.
</p>

<p>
„O, sie hat eine gute Traum, denn sie lacht,“ sagte
Nellie später zu ihrem Mann. Nun erlosch auch das letzte
Licht in der Wohnung Doktor Althoffs, und das Haus lag
in tiefem Dunkel da.
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/>

<p>
In Moosdorf hatte Ilses Flucht großen Schrecken hervorgerufen.
Als sie zur gewohnten Kaffeestunde um 5 Uhr,
zu welcher die Familie sich zu versammeln pflegte, nicht erschien,
suchte man sie im Garten und auf ihrem Zimmer, doch
war sie nirgends aufzufinden. „Sie wird zu Pastors gegangen
sein,“ meinte Frau Anne; „wenn es dich beruhigt,
lieber Richard, schicke ich sogleich dorthin.“
</p>

<p>
„Tue das, liebes Kind,“ gab er zur Antwort, „es wird
jetzt so früh dunkel, der Weg ist so einsam, und Ilse könnte
sich fürchten. – Wo steckt das Kind nur?“ wandte er sich,
nachdem seine Frau das Zimmer verlassen hatte, an seinen
Schwiegersohn, der am Fenster saß und anscheinend sehr vertieft
in die Lektüre eines Buches war. „Weißt du nicht, wo
sie sein könnte, Leo? Sie hat es dir doch sicher gesagt,
wenn sie zu Pastors gehen wollte.“
</p>

<p>
Leo sah auf und schüttelte den Kopf.
</p>

<p>
„Nein, Papa, ich habe keine Ahnung, wo Ilse ist. Nach
Tisch waren wir zusammen auf der Veranda, seitdem habe
ich sie nicht wieder gesehen.“
</p>

<p>
Herrn Macket fiel es bei diesen Worten plötzlich ein,
daß sie ihm heute mittag von dort mit sehr erregtem Gesicht
entgegengekommen war. Die beiden haben sich gewiß
mal wieder gestritten, dachte er; denn Leo saß so gleichgültig
da und las so ruhig weiter, als handle es sich nicht um
seine Braut, die man suchte.
</p>

<p>
Bald kam Frau Anne mit dem Bescheid zurück, daß Ilse
bei Pastors nicht wäre und auch nicht dort gewesen sei. Jetzt
wurde der besorgte Papa aber unruhig.
</p>

<p>
„Ja, aber irgendwo muß sie doch sein,“ stieß er hervor
und stand auf.
</p>

<p>
Seine Frau trat zu ihm. „Sie wird ins Dorf gegangen
sein,“ versuchte sie ihn zu beruhigen. „Wenn es dir recht ist,
gehen wir ihr entgegen. Ich will mich sofort anziehen und
bin gleich wieder hier.“
</p>

<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>

<p>
Herr Macket war mit diesem Vorschlag einverstanden
und verließ zugleich mit seiner Frau das Zimmer, um bald
darauf zum Ausgehen gerüstet, den Stock und Hut in der
Hand, wieder einzutreten. Leo saß noch immer lesend am
Fenster und sah kaum auf, als sein Schwiegervater zurückkehrte.
Herrn Macket ärgerte diese scheinbare Ruhe, er
räusperte sich einigemale vernehmlich und ging mit heftigen
Schritten auf und ab. Es verdroß ihn, daß sich Leo durch
nichts in seiner Lektüre stören ließ.
</p>

<p>
„Mein Gott, Leo, hat dir denn Ilse kein Wort gesagt,
daß sie überhaupt fortgehen wollte?“ brach er endlich unwillig
los.
</p>

<p>
Wieder antwortete Leo ruhig und gelassen:
</p>

<p>
„Nein, Papa, Ilse hat mir mit keinem Wort verraten,
wohin sie gehen wollte. Ich glaube auch, wie die Mama,
es ist das beste, wir gehen ins Dorf, dort wird sie sicher bei
einem ihrer vielen Schützlinge zu treffen sein.“ Er stand auf,
klappte das Buch zu und legte es auf die Fensterbank.
</p>

<p>
„So, ich bin fertig,“ rief Frau Anne ins Zimmer herein,
„wir können gehen.“
</p>

<p>
Draußen nahm sie den Arm ihres Mannes, und nun
schritten die drei die einsame Dorfstraße hinunter, blieben
bald hier, bald dort an den Türen stehen, oder traten auch
in die kleinen dumpfen Bauernstuben ein, aber überall bekamen
sie den Bescheid, daß Ilse von niemand gesehen sei.
</p>

<p>
„Unbegreiflich, unbegreiflich,“ murmelte Herr Macket vor
sich hin. „Wo mag das Mädchen nur stecken?“
</p>

<p>
Frau Anne mußte unwillkürlich über ihren Mann lächeln,
denn in seinem Eifer und seiner allzugroßen Besorgnis hatte er
ihren Arm losgelassen und eilte in beschleunigtem Tempo voraus.
</p>

<p>
„Wie ängstlich der Papa doch gleich ist,“ wandte sie
sich an Leo, „was soll denn Ilse zugestoßen sein, sie kennt
hier jeden Weg und Steg. Irgendwo wird sie sich festgeplaudert
haben, meinst du nicht auch, Leo?“
</p>

<pb n='33'/><anchor id='Pgp0033'/>

<p>
Er nickte und ging schweigend neben seiner Schwiegermutter
weiter.
</p>

<p>
Das kleine Dorf war bald durchschritten, niemand vermochte
Auskunft über Ilse zu geben, keiner hatte sie gesehen.
</p>

<p>
Herrn Mackets Unruhe steigerte sich immer mehr, man
sah es ihm deutlich an.
</p>

<p>
„Wir wollen jetzt noch bei der Kathrine vorgehen,“ –
sagte er zu seiner Frau, „vielleicht ist sie dort.“
</p>

<p>
Kathrine war das ehemalige Kindermädchen Ilses, an
welchem sie noch mit großer Liebe hing und welches sie öfter
besuchte. Sie war unter den Bauernfrauen gewesen, welche
am Nachmittag vom Felde heimkehrend von Ilse so scheu
gegrüßt worden waren, und hatte ihr deshalb verwundert
nachgesehen. Sie hätte also dem unruhvollen Papa Auskunft
geben können über seinen Liebling. Doch ging es
auch hier, wie so oft in ähnlichen Fällen, daß noch im
letzten Augenblick ein tückischer Zufall hindernd dazwischen
tritt, wenn man unbewußt schon dicht vor dem Ziele steht.
</p>

<p>
Frau Anne sehnte sich nach dem behaglichen Zimmer,
denn ein heftiger Wind hatte sich erhoben und trieb ihnen
den Regen in großen Tropfen entgegen. Sie zog den
Mantel noch fester um ihre Schultern und den Schleier
tiefer über das Gesicht. Bei diesem Unwetter sollten sie
noch so weit gehen! Denn Kathrine wohnte außerhalb des
Dorfes in einem kleinen Häuschen. Auch glaubte Frau
Macket, daß dieser Weg ohnedies ganz unnütz sein würde,
denn Kathrine war diesen Morgen erst bei ihr gewesen
und hatte Ilse gesehen und gesprochen. Sie sagte das
ihrem Mann, und er kam schließlich zu der Überzeugung,
daß sie Ilse gewiß vergeblich dort suchten. Auch war der
Weg dahin einfach grundlos, es war völlige Dunkelheit
unterdessen hereingebrochen, so daß er seiner Frau recht
gab, und umzukehren beschloß. „Wir finden Ilse gewiß
vor, wenn wir nach Hause kommen,“ sagte Frau Anne,
<pb n='34'/><anchor id='Pgp0034'/>„es muß ja bald sieben Uhr sein; zum Abendessen ist sie
sicher wieder da.“
</p>

<p>
Herrn Macket schienen die Worte seiner Frau zu beruhigen,
auch er gab sich der festen Hoffnung hin, daß Ilse
wohl schon daheim sein würde. Im stillen nahm er sich
vor, ihr gehörig den Text darüber zu lesen, daß sie so mir
nichts dir nichts fortgeblieben war. Wieviel Lauferei und
Schickerei hatten sie dadurch schon gehabt! Sogar den Abendschoppen
im Löwen hatte er ihretwegen versäumt, und er
fühlte jetzt plötzlich, als Folge der Abweichung von dieser
täglichen Gewohnheit, einen brennenden Durst. Teils um
diesen stillen zu können, teils um sich früher Gewißheit zu
verschaffen, ob Ilse daheim wäre, verdoppelte er seine Schritte,
so daß seine Frau Mühe hatte mitzukommen und einigemale
bitten mußte, doch etwas langsamer zu gehen. Leo schritt
wortlos hinter ihnen her. Er schwankte in seinem Innern,
ob er nicht doch lieber umkehren und bei Kathrine nachfragen
sollte. Zögernd blieb er stehen und überlegte unschlüssig,
was zu tun sei. Aber der Streit mit Ilse hallte noch zu
heftig in ihm nach; wenn er sie jetzt bei der Frau antraf,
hatte er wieder einmal verlorenes Spiel. In den Augen
seines trotzigen Schatzes würde ihr Triumph zu lesen sein,
daß er ihr doch wieder nachgelaufen sei; sie würde ihm gnädig
verzeihen, wenn er ihr, wie er bis jetzt stets getan, ein gutes
Wort gab. Aber diesmal wollte er standhaft bleiben; das
Gefühl, daß er ihr schon zu viel und zu oft nachgegeben
habe, wollte sich heute nicht aus seiner Seele verdrängen
lassen, und deshalb, – nein, er wollte nicht umkehren! Wie
seine Schwiegereltern, tröstete auch er sich mit der Hoffnung,
daß Ilse jetzt wohl daheim sein würde, und schnell folgte er
dem vorangegangenen Ehepaare.
</p>

<p>
Als sie ins Haus traten, war Herrn Mackets erste Frage
nach Ilse. Aber er bekam die Antwort, daß sie nicht gekommen
war und auch keine Nachricht geschickt hatte.
</p>

<pb n='35'/><anchor id='Pgp0035'/>

<p>
Mit nervöser Unruhe zog er die Uhr aus der Tasche.
</p>

<p>
„Es ist sieben Uhr,“ sagte er zu seiner Frau.
</p>

<p>
„Da muß Ilse ja jeden Augenblick kommen,“ fiel sie
ihm ins Wort, „zum Abendessen ist sie, ohne Bescheid <anchor id="corr035"/><corr sic="gegegeben">gegeben</corr>
zu haben, noch nie ausgeblieben.“
</p>

<p>
„Ist das Abendessen bereit?“ fragte sie das Hausmädchen,
das ihr diensteifrig den nassen Mantel abgenommen
hatte.
</p>

<p>
„Ja, gnädige Frau, es ist alles fertig.“
</p>

<p>
Sie bat ihren Mann und Leo, im Eßzimmer auf sie
zu warten, da sie nur noch nach dem Kinde sehen wolle.
</p>

<p>
Eine behagliche Wärme strömte den beiden Männern
entgegen, als sie das Zimmer betraten. Das laut knisternde
Holzfeuer in dem altertümlichen Kachelofen, das helle Licht,
welches die große Hängelampe ausstrahlte, und der einladend
gedeckte Tisch, die ganze stimmungsvolle Behaglichkeit, welche
in dem Raume herrschte, vermochte indessen heute nicht den
gewohnten Eindruck auf die beiden hervorzubringen. Herr
Macket durchmaß das große Zimmer fortwährend von einem
Ende zum andern mit großen Schritten, und sein Blick schweifte
jedesmal, so oft er vorbeiging, zu der alten Standuhr hinüber,
die schon von seinen Urgroßeltern herstammte und ein wertvolles
Familienstück war. Gleichmäßig rückte der Zeiger vorwärts,
einförmig tickte der große Pendel. „Schon ½8 Uhr,“
murmelte der besorgte Vater, als das Schlagwerk jetzt zu
einem lauten Ton aushob, der melodisch verhallte.
</p>

<p>
Leo hatte sich an das Fenster gesetzt und sah stumm
hinaus. „Wo bleibt nur Ilse,“ dachte auch er jetzt; es kam
ihm seltsam vor, daß sie noch immer nicht da war. Sie hatte
ihn so aufgeregt verlassen diesen Mittag, so zornig, wie er
sie nie gesehen. Sollte sie in ihrer Leidenschaftlichkeit fortgelaufen
sein, des Wegs vielleicht nicht geachtet und sich
deshalb verirrt haben? Er kannte ihre Furchtsamkeit, wie
würde sie sich ängstigen, wenn sie wirklich den richtigen
<pb n='36'/><anchor id='Pgp0036'/>Weg verfehlt hatte! Dieser Gedanke verscheuchte allen
Groll in seinem Herzen, er dachte nur noch daran, daß
seine Braut jetzt vielleicht seines Schutzes, seiner Hilfe
bedurfte, konnte er sie da verlassen? Er sprang auf.
</p>

<p>
„Papa,“ wandte er sich an seinen Schwiegervater, „ich
will noch einmal fortgehen. Vielleicht hat sich Ilse verirrt,
ich kenne ja ihre Lieblingswege, sicher ist sie zu weit gegangen
und kann nicht wieder zurückfinden.“
</p>

<p>
Nichts war Herrn Macket erwünschter, und mit Freuden
gab er seine Zustimmung zu diesem Entschluß.
</p>

<p>
„Das ist recht, tue das,“ sagte er mehrmals hinter
einander, „sie hat sich gewiß verirrt, sie müßte ja sonst
längst da sein. Soll ich mitgehen?“
</p>

<p>
„Nein, nein, Papa,“ fiel ihm Leo ins Wort, „bleibe
nur hier.“
</p>

<p>
„Ja aber, Leo, – kennst du auch den nächsten Weg
nach der Wassermühle? Es fällt mir eben ein, daß Ilse
gestern davon sprach, daß sie dorthin gehen wolle, weil sie
gehört habe, daß die kleine Liese krank sei; es kann also
sein, daß sie dort ist. Wenn du über die Friedenseiche
gehst und dann der Chaussee folgst –“
</p>

<p>
„Ja, lieber Papa,“ unterbrach ihn Leo lächelnd, „ich
kenne den Weg ganz genau.“
</p>

<p>
Herr Macket begleitete ihn in seinem Eifer bis an
die Gartenpforte und gab ihm noch gute Ratschläge, wie
er diesen und jenen Weg am besten abkürzen könne.
</p>

<p>
Als er ins Eßzimmer zurückkehrte, fand er dort seine
Frau, die am Büffet stand und den Tee bereitete. Er
erzählte ihr sehr befriedigt, daß Leo fortgegangen wäre,
um Ilse zu suchen.
</p>

<p>
„Wir wollen aber trotzdem mit dem Essen anfangen,“
sagte Frau Anne, die ihren Mann gern auf andre Gedanken
bringen wollte und nötigte ihn zum Sitzen. Dann
stellte sie eine dampfende Tasse Tee vor ihn hin und reichte
<pb n='37'/><anchor id='Pgp0037'/>ihm die Speisen. Er aß nur wenig, und sie las in seinem
Mienen, daß er gespannt auf jedes Geräusch horchte.
Jedesmal, wenn die Haustüre ging, stand er auf, sah
hinaus und kehrte mit enttäuschtem Gesichte zurück.
</p>

<p>
„Iß doch nur, lieber Richard,“ bat Frau Anne dringend,
„alles wird kalt, und es gibt gerade dein Lieblingsessen
heute abend.“
</p>

<p>
Er nickte und füllte sich den Teller in der Zerstreutheit
bis an den Rand voll, dann aß er einige Bissen, aber mit
Hast und Überstürzung, nicht mit der Behaglichkeit, die er
sonst gerade beim Essen so sehr liebte. Die beiden Ehegatten
waren auffallend still diesen Abend; eine Zeitlang
hörte man nur das Klappern der Messer und Gabeln und
das gleichmäßige Ticken der Uhr, nach welcher Frau Anne
öfter verstohlen hinblickte, denn Ilses Ausbleiben wurde
auch ihr jetzt auffallend. Sie sah, daß die Aufregung ihres
Mannes wuchs und daß er sich nur ihr gegenüber beherrschte.
Er hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und
spielte in nervöser Unruhe mit dem Messerbänkchen.
</p>

<p>
Frau Anne legte den Teelöffel, mit welchem sie eine
ganze Weile mechanisch in der Tasse herumgerührt hatte,
auf das Unterschälchen.
</p>

<p>
„Richard,“ sagte sie und ein leiser Vorwurf klang aus
ihren Worten, „heute abend hast du zum erstenmal vergessen,
unsrem Liebling gute Nacht zu sagen. Er war so
herzig, so drollig, der kleine Kerl, als ich ihn zu Bette
brachte.“
</p>

<p>
„Ja, wahrhaftig, das habe ich vergessen,“ rief er und
sprang auf, „aber ich gehe jetzt noch zu ihm; schläft er
denn schon?“
</p>

<p>
„O, schon lange! Wecke mir das Kind nur nicht auf!“
rief sie ihm noch nach, als er aus der Türe ging.
</p>

<p>
Frau Anne war es unerklärlich, warum Ilse nicht
kam, warum sie gerade heute, wo Leo da war, ausblieb.
<pb n='38'/><anchor id='Pgp0038'/>Und auch dieser kam nicht wieder! Jetzt konnte er doch
längst zurück sein. Gewiß hatte er Ilse nicht gefunden.
Sie war froh, als sie bald darauf die Haustüre gehen und
gleich danach Leos energischen Schritt die Treppe herauf
kommen hörte. Rasch ging sie ihm entgegen. Er stand
gerade auf dem Vorplatz und hing seinen regentriefenden
Überzieher auf.
</p>

<p>
Auch Herr Macket hatte ihn kommen hören und war
herbeigeeilt. „Hast du Ilse nicht gefunden?“ fragte er
bestürzt.
</p>

<p>
„Nein,“ gab Leo kurz zur Antwort, und seine Stimme
klang unsicher und erregt.
</p>

<p>
„Laßt uns ins Zimmer gehen,“ drängte Frau Anne,
denn sie bemerkte, daß oben auf der Treppe die Dienstboten
neugierig die Köpfe zusammensteckten. Sie gingen hinein,
und Herr Macket überschüttete Leo, der sich erschöpft in
einen Stuhl fallen ließ, mit ungeduldigen Fragen.
</p>

<p>
„Überall bin ich gewesen, Papa, überall habe ich nach
Ilse gefragt, niemand hat sie gesehen.“
</p>

<p>
„Wo bist du gewesen?“ forschte der geängstigte Vater
weiter.
</p>

<p>
„Beim Pastor, in der Mühle –“
</p>

<p>
„Warst du nicht bei Kathrine?“
</p>

<p>
„Nein, aber ihr kleiner Junge, den ich sah, sagte mir,
daß Ilse nicht bei seiner Mutter wäre.“
</p>

<p>
„Dann ist dem Kinde etwas zugestoßen,“ stieß Herr
Macket hervor und sein Gesicht wurde leichenblaß.
</p>

<p>
Frau Anne eilte zu ihm hin. „Aber ich bitte dich,
Richard,“ suchte sie ihn zu begütigen, „nimm doch nicht
gleich das Schlimmste an, was soll ihr denn zugestoßen
sein?“
</p>

<p>
Ihre Worte übten jedoch keinen beruhigenden Einfluß
mehr auf ihn aus, und sie gestand sich selbst, daß sie wider
ihre eigene Überzeugung sprach, in der Absicht, ihm die
<pb n='39'/><anchor id='Pgp0039'/>Sorge, die sich jetzt auch ihrer bemächtigte, nicht zu zeigen.
Irgend etwas mußte vorgefallen sein. Es war jetzt halb
zehn Uhr; so lange war Ilse noch nie ausgeblieben, ohne
vorher etwas gesagt oder Bescheid geschickt zu haben. Und
wo sollte sie denn überhaupt sein? Sie hatten ja überall
schon nachgefragt.
</p>

<p>
Leo war ans Fenster getreten und preßte sein Gesicht
an die Scheiben, gegen welche der Regen prasselnd aufschlug.
Nun wurde es ihm klar: Ilse hatte in ihrer Aufregung
irgend einen Schritt getan, der sie alle in Angst und Aufregung
versetzte. Aber was, was für ein Schritt konnte
dies sein? Ein unheimlicher Verdacht stieg in ihm empor,
aber er drängte ihn schaudernd zurück. Um Gottes willen,
nein, soweit würde sie sich nicht hinreißen lassen, das war
ja nicht möglich, das konnte nicht sein!
</p>

<p>
„Rufe die Knechte zusammen, Anne,“ unterbrach die
Stimme seines Schwiegervaters das beängstigende Schweigen,
und als seine Frau ihn fragend ansah, fügte er hinzu:
„Sie sollen die Laternen und Fackeln zurecht machen, wir
wollen Ilse suchen.“
</p>

<p>
Er stieß die Worte kurz und abgerissen hervor, seine
Stimme bebte in verhaltener Aufregung, und vor innerer
Angst fast gelähmt ließ er sich in einen Stuhl sinken und
vergrub sein Gesicht in beiden Händen.
</p>

<p>
Frau Anne tat es im Herzensgrunde leid, wie sie ihn
so gebrochen dasitzen sah, und sie schlang zärtlich ihren Arm
um seinen Hals.
</p>

<p>
„Richard,“ bat sie innig, „ich bitte dich, gib dich doch
nicht gleich den schlimmsten Vermutungen hin; ich frage
nochmals, was soll dem Kinde zugestoßen sein, das jeden
Weg auf das genaueste kennt? Soll ich die Knechte wirklich
zusammenrufen?“ Der Gedanke, daß die Leute mit
Laternen fortgehen sollten, um Ilse zu suchen, war ihr zu
schrecklich.
</p>

<pb n='40'/><anchor id='Pgp0040'/>

<p>
„Laß nur, Anne,“ wehrte er jetzt ab, „ich will den
Knechten selbst Bescheid sagen.“ Mit diesen Worten erhob
er sich und verließ das Zimmer.
</p>

<p>
„Leo,“ sagte Frau Anne, indem sie zu ihm trat, „ich
ängstige mich sehr und will nur dem Papa meine Angst
nicht zeigen. Was kann Ilse zugestoßen sein? Wenn ihr
nur kein Unglück begegnet ist! Ich kann es nicht begreifen,
daß sie noch nicht da ist.“
</p>

<p>
Schweigend hörte Leo sie an, auch ihn hatte die Angst
erfaßt, und in seinem Innern bestand er jetzt einen harten
Kampf; er fühlte wohl, daß es seine Pflicht war, den
Streit, welchen er mit Ilse gehabt, zu erwähnen, und doch
konnte er sich nicht dazu entschließen. Er hatte seine Braut
wiederholt gebeten, wenn sie in ihrer Offenheit und Heftigkeit
die kleinen Mißverständnisse, ohne die es zwischen ihnen
nicht immer abging, den Eltern ausgeplaudert hatte, dies
künftig zu unterlassen, – und nun sollte er selbst erzählen,
daß sie sich gezankt hatten? Nein, das widerstrebte ihm,
das wollte er nicht!
</p>

<p>
Frau Anne beobachtete ihn stillschweigend, ihr scharfes
Auge hatte in seinen bewegten Mienen gelesen, und es war
klar in ihr, daß zwischen den Brautleuten etwas vorgefallen
sein mußte. Aber sie fragte nicht und sagte nichts, ihr feinfühlender
Sinn verstand die peinliche Lage, in der sich Leo
jetzt befand.
</p>

<p>
Leise summte der kupferne Teekessel, der auf dem Büffet
stand, sein eintöniges Lied, als Frau Anne jetzt herantrat
und ihn von der Spiritusflamme herunter nahm.
</p>

<p>
„Willst du nicht etwas essen, Leo?“ fragte sie.
</p>

<p>
„Danke, Mama!“
</p>

<p>
„So trinke wenigstens eine Tasse Tee,“ bat sie und
goß das kochende Wasser in die Teekanne.
</p>

<p>
„Danke, Mama,“ erwiderte er ebenso kurz und schnell
wie vorhin. Dann starrte er wieder unbeweglich in die
<pb n='41'/><anchor id='Pgp0041'/>Dunkelheit hinaus, die so undurchdringlich war wie das
Dunkel, welches Ilses Verschwinden umgab. Heulend tobte
der Sturm um das Haus, man hörte das Ächzen der
schwankenden Bäume und den strömenden Regen, der
klatschend niederschlug. Das Unwetter trug dazu bei, Leos
beklommenes Herz noch schwerer zu machen. Diese Ungewißheit
über das Ausbleiben seiner Braut ertrug er nicht
länger, es wurde ihm zu heiß, zu eng hier, und er sprang
so heftig empor, daß der Stuhl, auf dem er gesessen, mit
lautem Gepolter zurückflog.
</p>

<p>
„Es ist erdrückend schwül hier, findest du nicht auch,
Mama?“ und ungestüm riß er das Fenster auf, daß ihm
der Regen kalt in das erhitzte Gesicht schlug.
</p>

<p>
Unten im Hofe hörte man jetzt Stimmen durcheinander
tönen, und Lichter flackerten hin und her. Leo beugte sich
hinaus und sah die Gestalt seines Schwiegervaters, welcher
hastig auf und ab schritt, ohne Hut und Mantel, des Regens
und Sturmes nicht achtend.
</p>

<p>
„Das geht nicht,“ meinte er, indem er sich nach Frau
Anne umdrehte. „Papa soll in diesem Wetter nicht mit.
Ich will ihm doch sagen, daß er zu Hause bleibt, ich werde
mit den Leuten gehen.“
</p>

<p>
Frau Anne stimmte ihm bei und folgte ihm in den
Hof, um auch ihren Einfluß geltend zu machen und ihren
Mann zu bewegen, daß er daheim bleiben möge. Aber er
ließ sich weder von ihr noch von Leo bereden, um keinen
Preis würde er zurück bleiben, entschied er kurz. Sein
joviales, immer heiteres Gesicht war heute durch die Angst
und Aufregung förmlich verzerrt, und er schien um Jahre
gealtert zu sein.
</p>

<p>
„Adieu, Anne,“ sagte er, seiner Frau die Hand reichend,
und indem er sein Gesicht fortwandte, fügte er hinzu: „Wir
wollen nun unsre arme Ilse suchen.“
</p>

<p>
„Nein, Richard,“ rief sie und hielt ihn fest, „so darfst
<pb n='42'/><anchor id='Pgp0042'/>du auf keinen Fall fort, ohne Hut, ohne Überzieher, du
würdest dich auf den Tod erkälten.“ Sie flog ins Haus
und holte ihm beides. Auch sie selbst hatte sich ihren Mantel
umgehängt und ein Tuch um den Kopf geschlungen.
</p>

<p>
„Laß mich mit dir gehen,“ bat sie ihren Mann.
</p>

<p>
„Nein, Kind,“ sagte er und schob sie sanft zurück, „du
bleibst hier. Kommt, Leute,“ befahl er dann und ging mit
großen Schritten voran. An seiner Seite schritt Leo. Die
Enden seines weiten Mantels flatterten im Winde. Den
großkrämpigen Hut hatte er tief ins Gesicht gezogen und
sein Blick haftete fest auf dem Boden.
</p>

<p>
Frau Anne sah ihnen nach, bis der letzte den Hof verlassen
hatte, dann erst ging sie ins Haus zurück. Vom
Fenster aus verfolgte sie den Zug der Fackeln, mit denen
der Sturm sein lustiges Spiel trieb. Wie unheimlich das
aussah! – O, mein Gott, wenn nur nichts passiert ist!
Krampfhaft zog sich bei diesem Gedanken ihr Herz zusammen,
und angstvoll preßte sie die Hände auf dasselbe.
Ein nervöses Frösteln überlief sie, fester hüllte sie sich in
ihr Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte, und
sah vor sich hin. Was mochte nur zwischen dem Brautpaare
vorgefallen sein? Etwas Ernstes gewiß, denn Leo
hatte so bekümmert dagesessen, und schon den ganzen Nachmittag
war er ungewöhnlich ernst gewesen. Sie grübelte
hin und her, wo Ilse noch sein könnte, wie ihr Fortbleiben
zu erklären wäre. Kein Rat, kein Ausweg mehr! Sollte
sie in ihrer Leidenschaftlichkeit eine unglückselige Tat begangen
haben? Frau Anne wies diesen entsetzlichen Gedanken
so schnell zurück, wie er ihr gekommen war, – nein,
das war Ilse nicht zuzutrauen, denn trotz aller Leidenschaftlichkeit
war sie nicht im geringsten krankhaft überspannt,
sondern hatte eine kerngesunde Natur.
</p>

<p>
Langsam schlich die Zeit dahin. Tiefe Nacht herrschte
jetzt überall im Dorfe, alles war dunkel. Der Sturm hatte
<pb n='43'/><anchor id='Pgp0043'/>nachgelassen, und nur der Regen klatschte noch an die
Fenster. Unaufhörlich rieselten die kleinen Bäche in schnellem
Lauf über die glatten Scheiben, Tropfen auf Tropfen jagten
einander. Frau Anne sah mechanisch dem Spiele zu, dessen
einförmiges Geräusch die einzige Unterbrechung der nächtlichen
Stille war. Und deshalb zuckte sie auch jäh zusammen,
als der Glockenschlag der zwölften Stunde jetzt laut und
langsam feierlich durch die Nacht hallte. Traulich und
heimisch berührten sie sonst diese Töne, aber schauerlich bang
klangen sie heute in ihrem Innern wieder. Nun waren sie
schon über eine Stunde fort, ihr Mann und Leo! Noch
deutete nichts darauf hin, daß sie zurückkämen, und vergeblich
spähte sie in die Dunkelheit hinaus, ob nicht ferner
Lichtschein ihre Heimkehr verkündete.
</p>

<p>
Da, – es war ihr, als hörte sie plötzlich Schritte, gespannt
horchte sie hinaus, und richtig, sie hatte sich nicht getäuscht.
Die einsamen Schritte näherten sich dem Hause,
und Frau Anne hörte, daß die Gartenpforte aufgemacht
wurde. Eilig riß sie das Fenster auf und sah, wie eine
Gestalt über den Hof auf das Haus zukam. Gleich darauf
wurde heftig an der Glocke gezogen.
</p>

<p>
„Wer ist da,“ rief sie von oben hinunter.
</p>

<p>
„Eine Depesche,“ antwortete eine Stimme von unten.
</p>

<p>
Frau Anne schlug das Fenster zu und flog die Treppe
hinab. Wie ihr das Herz klopfte! – Die Mägde, welche sich
auf dem Hausflur befanden, hatten die Türe noch nicht aufgemacht;
sie standen dicht zusammengedrängt, mit so angstvollen
Gesichtern, als wenn der leibhaftige Satanas vor
der Türe wäre und Einlaß begehrte.
</p>

<p>
„Warum macht ihr denn nicht auf?“ fragte Frau Macket
und wollte den Schlüssel im Schloß umdrehen, als die alte
Köchin sie am Arm zurückhielt und flehentlich mit weinerlicher
Stimme bat, doch ja nicht zu öffnen, denn man könne
ja nicht wissen, wer draußen stände.
</p>

<pb n='44'/><anchor id='Pgp0044'/>

<p>
„Ach, liebe, gnädige Frau, machen Sie doch nicht auf,“
jammerte sie, als Frau Anne den Schlüssel nun doch entschlossen
umdrehte und der Drücker von draußen niederging.
Laut kreischend flogen die Mägde auseinander, und mit
bebender Hand nahm Frau Anne dem Boten die Depesche
ab und öffnete sie. Sie wurde ganz blaß, als sie den Inhalt
las, und wollte ihren Augen nicht trauen.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p044.png" rend="w60">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
„Es ist nicht möglich,“
sagte sie laut;
dann nahm sie das Blatt,
hielt es dicht unter die
Flurlampe und las es
noch einmal. Nein, sie
hatte sich nicht geirrt,
da stand es deutlich und
klar:
</p>

<p>
„Ilse ist hier wohlbehalten
und gesund
eingetroffen, Brief folgt.
</p>

<p>
Doktor Althoff.“
</p>

<p>
Sie faltete das Blatt
zusammen und ging zurück
ins Zimmer. Um
Gottes willen, was hatte
Ilse getan! Geflohen
war das tolle Kind, –
dachte sie denn gar nicht
daran, wieviel Angst sie durch diesen wahnsinnigen Streich
ihren Angehörigen bereitete? Frau Annes Empörung war groß,
und doch drängte sich der Gedanke: „es ist ihr nichts passiert“
beruhigend und versöhnend hervor. Wenn die Männer nur
erst heimkehrten; sie konnte die Zeit nicht abwarten, bis sie
ihrem armen, auf das höchste geängstigten Mann die Nachricht
mitzuteilen vermöchte. Ihre Ungeduld, ihre Unruhe ließen
<pb n='45'/><anchor id='Pgp0045'/>sie nicht lange mehr im Zimmer verweilen; sie beschloß Herrn
Macket entgegenzugehen. Als sie über den Flur ging, standen
dort noch immer die Mägde, flüsternd mit weit aufgerissenen
Augen und Mäulern. Die eine erzählte gerade eine schaurige
Geschichte und die andern hörten ihr mit grausigem Wohlbehagen
zu. Auch sie waren über das Fortbleiben von Fräulein
Ilschen in nicht geringe Aufregung versetzt worden und
malten sich nach Art ungebildeter Leute in der schrecklichsten
Weise aus, wie und auf welche Weise das arme, liebe Fräulein
wohl umgekommen sein könnte. Während Frau Macket
eilig an ihnen vorbei der Türe zu schritt, flogen sie mit den
Köpfen auseinander und stießen sich gegenseitig an. Immer
unheimlicher wurde die Lage, nun ging auch noch die Frau
fort, allein in die finstere Nacht hinaus. Was hatte das
zu bedeuten? Fragend sahen sie sich an; da konnte sich die
alte Köchin nicht länger beherrschen.
</p>

<p>
„Ach, du mein Gott, ach, du mein Gott,“ wimmerte
sie, „was ist das für ein Unglück!“ und sie nahm ihre
Schürze vor das Gesicht, hinter welcher sie jämmerlich
schluchzte. Im Chore stimmten die übrigen mit ein.
</p>

<p>
„Wie gut ist das Fräulein immer gewesen,“ sagte
die eine.
</p>

<p>
„So freundlich gegen jedermann,“ rief das Hausmädchen,
und nun ergingen sie sich derart in Lobeserhebungen über
Ilse, als wenn sie über eine bereits Abgeschiedene sprächen.
</p>

<p>
„Das Unglück, das Unglück,“ krächzte die Köchin von
Zeit zu Zeit wie ein Unheil verkündender Unglücksrabe dazwischen.
</p>

<p>
„Wer hätte das gedacht! Ja, ich sage ja – ich habe
es immer gesagt, ich habe es kommen sehen. Ach,“ – sie
unterbrach ihre tiefsinnigen Betrachtungen mit einem erneuten
Schluchzen. Die andern nickten zustimmend.
</p>

<p>
„So jung und so reich,“ rief das Stubenmädchen schwärmerisch
aus, „ach, es ist schrecklich!“
</p>

<pb n='46'/><anchor id='Pgp0046'/>

<p>
Das kleine Kindermädchen, als die mutigste von allen,
hatte sich bis zum Flurfenster gewagt und schrie plötzlich:
</p>

<p>
„Jetzt kommen sie, jetzt bringen sie das Fräulein!“
</p>

<p>
Im Nu waren die andern am Fenster, – richtig, da
kamen sie. Die Fackeln tanzten im Winde und kamen immer
näher. Voran gingen Herr und Frau Macket und der Herr
Assessor, hinterher folgten die Männer mit den Laternen und
Fackeln. Jetzt bogen sie in das Hoftor ein.
</p>

<p>
„Legt euch zu Bett nun,“ hörten die Mädchen Herrn
Mackets Stimme den Knechten befehlen, und dann schritt er
dem Hause zu. Sie zogen sich schnell in eine dunkle Ecke
zurück, als gleich darauf die Haustüre ging, und von dort
folgten ihre Blicke neugierig der Herrschaft und dem jungen
Herrn, die wortlos an ihnen vorüberschritten, Herr Macket
sehr bleich mit finster zusammengezogenen Brauen.
</p>

<p>
Das kleine Kindermädchen, das ebenso schlau war, als
es sich vorhin mutig gezeigt hatte, schlich sich durch die
Hintertür zu den heimgekehrten Knechten und ließ sich von
allem haarklein berichten. In der Küche erzählte es dann
später alles, was es erfahren hatte, und kam sich ungeheuer
wichtig vor, als die andern es im Kreise umstanden und
seinen Worten andächtig lauschten.
</p>

<p>
Herr Macket war mit Frau und Schwiegersohn in das
Eßzimmer gegangen, wo er sich auf das Sofa warf. Er
sprach kein Wort, aber seine breite Brust hob und senkte sich
in schnellen Atemzügen. Leo lehnte am Tisch und drehte die
zierlichen Enden seines Schnurrbärtchens mit nervösem Eifer
zwischen den Fingern. Ein schmerzlicher Zug lagerte um
seinen Mund, aber die Falte auf seiner Stirn, die sich
zwischen den starken Brauen vertiefte, und die zitternden
Nasenflügel gaben zugleich Zeugnis von einer inneren Empörung
und Erbitterung. Unverwandt starrte er vor sich
nieder.
</p>

<p>
Frau Anne blickte besorgt von einem zum andern, und
<pb n='47'/><anchor id='Pgp0047'/>sah selbst tief bekümmert aus. Nun setzte sie sich neben ihren
Gatten und legte ihre Hand auf seine Schulter.
</p>

<p>
„Richard,“ bat sie sanft, als sie sah, daß er die zerknitterte
Depesche mit der Hand glatt strich und wieder las,
„laß uns über diese Sache nicht so streng richten, Ilse ist
noch ein Kind.“
</p>

<p>
Er warf das Papier fort und sprang auf.
</p>

<p>
„Ja, ein Kind, ein törichtes, ungezogenes Kind,“ rief er,
und seine Augen blitzten zornig auf. „Was fällt ihr ein,
was soll es bedeuten, daß sie fortläuft? Wie kann sie so
etwas wagen! Aber sie soll zurück, sofort, – ich will es!“
</p>

<p>
Seine Stimme klang so laut und hart, daß Frau Anne
wieder erschreckt an seine Seite eilte. Sie kannte ihn heute
abend nicht wieder, so erzürnt auf seinen Liebling hatte sie
ihn noch nie gesehen.
</p>

<p>
„Ja, und warum, warum hat sie uns das getan, was
ist denn geschehen?“ rief er wieder, und diesmal klang ein
schmerzlicher Ton aus seinen Worten.
</p>

<p>
Er hatte dabei Leo von der Seite angesehen, denn eine
Ahnung dämmerte in ihm auf, daß dieser den Grund zu
Ilses Flucht wohl wissen mochte; daß ihre Aufregung, in
der er sie diesen Mittag getroffen hatte, damit im Zusammenhang
stehen mußte. Leo verstand seinen fragenden Blick, und
er fühlte, daß er jetzt nicht mehr schweigen durfte.
</p>

<p>
„Papa,“ sagte er plötzlich und trat auf ihn zu, „ich bin
dir und Mama eine Erklärung schuldig. Ilse und ich hatten
diesen Mittag einen Streit zusammen, der damit endete, daß
Ilse mich in höchster Erregung verließ. Ich habe sie danach
nicht wieder gesehen und“ – er stockte – „bin nun auf
das tiefste betrübt, daß sie sich zu einer solchen Tat hat
hinreißen lassen.“
</p>

<p>
Er sagte nichts weiter als diese wenigen Worte, die er
mühsam Atem holend hervorbrachte. Herr Macket hatte ihn
schweigend, mit den Händen auf dem Rücken, angehört und
<pb n='48'/><anchor id='Pgp0048'/>setzte nun seine Wanderung im Zimmer auf und ab wieder
fort. Frau Anne sah voll Mitleid auf den jungen Mann,
der durch Ilses Leichtsinn tief getroffen war.
</p>

<p>
„Ilse hat unverzeihlich gehandelt, so weit durfte sie in
ihrer Leidenschaft nicht gehen,“ sagte sie ärgerlich.
</p>

<p>
Ihre besänftigenden Worte von vorhin hatten bei ihrem
Manne die entgegengesetzte Wirkung hervorgerufen, jetzt aber,
wo ihre gerechte Empörung deutlich aus ihren Worten sprach
und auch Leo Ilse nicht in Schutz nahm, löste sich die Erbitterung
von seinem Herzen und verwandelte sich in zärtliche
Sorge für den fernen Liebling. Er malte sich in Gedanken
Ilses Reise aus und die mancherlei Unannehmlichkeiten,
welche sie gewiß betroffen hatten.
</p>

<p>
„Was mag das arme Kind für eine Angst ausgestanden
haben auf der Reise!“ Mit diesen Worten machte er schließlich
seinen Gefühlen Luft. „Und in der fremden Stadt, wo
sie niemand kennt. In der Dunkelheit ist sie dort angekommen,
– sie hat sich gewiß sehr gefürchtet.“
</p>

<p>
Frau Anne dachte, diese Furcht und Angst wäre am
Ende nur die gerechte Strafe für ihre Tollkühnheit gewesen.
</p>

<p>
„Wenn sie nur keine nassen Füße bekommen und sich
erkältet hat,“ fuhr Herr Macket fort. „Nellie wird doch
wohl dafür gesorgt haben, daß sie gleich ins Bett kam.“
</p>

<p>
Seine Stimme klang mit jedem Worte sanfter und
weicher. Der erste Unmut über Ilses Flucht war erloschen
und hatte einer zärtlichen Besorgnis Platz gemacht. Gedankenvoll
blieb er eine Weile stehen.
</p>

<p>
„Leo,“ redete er diesen plötzlich an, „morgen früh um
8½ Uhr geht der erste Zug nach F.; mit diesem reisen wir,
nicht wahr?“
</p>

<p>
Verblüfft sah ihn Leo an und fragte dann: „Willst du
Ilse holen, Papa? Dann werde ich dich morgen früh sehr
gerne zum Bahnhof begleiten.“
</p>

<p>
Jetzt drückten Herrn Mackets Züge eine förmliche
<pb n='49'/><anchor id='Pgp0049'/>Erstarrung aus. „Ja, du reisest doch mit?“ fragte er
erstaunt.
</p>

<p>
„Nein, Papa,“ erwiderte Leo freundlich aber bestimmt,
„ich reise nicht mit. Erlaß es mir auch, dir die näheren
Einzelheiten unsres Streites zu erzählen, und sei überzeugt,
daß es mir sehr, sehr schwer geworden ist, diesen überhaupt
berühren zu müssen, doch das ging nun einmal nicht anders.
Ich muß nur noch das eine hervorheben, so schmerzlich es
mir ist: ich kann und darf nicht mit zu Ilse reisen, so gern
ich ihr, wie schon so oft, ja ich darf wohl sagen, nur zu
oft geschehen, wieder zuerst die Hand zur Versöhnung bieten
würde.“
</p>

<p>
Sein Atem ging schnell und heftig bei diesen Worten,
so ruhig er sie auch aussprach.
</p>

<p>
Herr Macket hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen,
auch jetzt sagte er nichts. Aber seine gerunzelten Augenbrauen,
die festen Schritte, mit welchen er zur Türe schritt
und sie hart ins Schloß fallen ließ, verrieten, daß er Leos
Entschluß durchaus nicht billigte.
</p>

<p>
Frau Anne sah ihren Schwiegersohn fragend an.
</p>

<p>
„Es tut mir leid, daß Papa ärgerlich auf mich ist,
aber ich kann nicht anders handeln,“ sagte er.
</p>

<p>
Frau Anne zuckte die Achseln, als begreife sie ihren
Mann nicht, denn sie selbst teilte Leos Ansicht und billigte
es vollkommen, wie er in dieser ernsten, für seine und Ilses
Zukunft entscheidenden Sache zu handeln gedachte. Ilse jetzt
nachzureisen, wäre geradezu Torheit gewesen und würde
sicher nicht dazu beigetragen haben, das leidenschaftliche
Kind zu ändern.
</p>

<p>
„Ich will doch mit dem Papa sprechen, daß er nichts
in Übereilung tut,“ sagte sie zu Leo. „Wenn er erst ruhiger
geworden ist, wird er dich auch begreifen; du kennst ja seine
blinde Liebe zu Ilse.“
</p>

<p>
Als Leo allein war, sank er auf einen Stuhl und
ver<pb n='50'/><anchor id='Pgp0050'/>grub seine Hände in sein dichtes Haar. Wie wehe, wie
grenzenlos wehe hatte ihm Ilse getan! Er konnte nicht
begreifen, wie sie ihm diesen Schmerz und zugleich diesen
Schimpf zufügen konnte; er hatte geglaubt, sein Lieb so
genau zu kennen, das aber, das hätte er ihr nie zugetraut.
– Sie war keine sanfte, keine hingebende Braut, seine
Ilse, und er mußte immer von neuem um sie ringen und
kämpfen, was sie ihm aber doppelt anziehend machte. Hatte
er seither wohl den richtigen Weg eingeschlagen, sich seine
kleine Widerspenstige zu zähmen? Ihr Widerspruch reizte
ihn, sie gefiel ihm in ihrem Trotz; war sie erst seine Frau,
dann sollte alles anders werden. So hatte er bis jetzt
gedacht, nun fiel es ihm mit einem Male wie Schuppen
vor den Augen, daß er ihren Charakter falsch beurteilte,
daß es verkehrt war, ihr stets nachzugeben, denn das stachelte
sie immer von neuem zum Trotz und Widerspruch auf.
Diese Erkenntnis war bitter für ihn. –
</p>

<p>
In seinen Gedanken versunken hatte er nicht bemerkt,
daß die Türe geöffnet worden und Frau Anne wieder eingetreten
war; erst als sie ihre Hand auf seine Schulter
legte, blickte er auf.
</p>

<p>
„Ach, du bist es, Mama,“ sagte er und erhob sich.
Sie drückte ihn sanft auf seinen Platz zurück und setzte sich
ihm gegenüber.
</p>

<p>
„Ich habe mit dem Papa gesprochen, Leo, er ist jetzt
entschlossen, mit seiner Reise nach F. zu warten, bis ein
erklärender Brief von Ilse eingetroffen ist.“
</p>

<p>
„So – das ist mir lieb,“ gab er zur Antwort und
sah dann wieder schweigend in die Finsternis hinaus.
</p>

<p>
Auch Frau Macket schaute nachdenklich vor sich hin,
als kämpfte sie mit einem Entschluß. Mehrmals öffnete
sie die Lippen zum Sprechen, ohne jedoch etwas zu sagen.
Nach einer Weile fing sie endlich an:
</p>

<p>
„Leo, ich will mich nicht in deine und Ilses
Angelegen<pb n='51'/><anchor id='Pgp0051'/>heiten drängen; darf ich dich nur das eine fragen, glaubst
du dich wirklich völlig schuldlos an Ilses Flucht?“
</p>

<p>
Fast schüchtern klang diese Frage und zögernd brachte
sie dieselbe hervor.
</p>

<p>
„Es ist das erstemal, daß ich ihr nicht nachgab!“
stieß er erregt heraus. „Darf sie deshalb einen so abenteuerlichen
Streich ausführen, alle Rücksichten beiseite werfen
und fliehen?“
</p>

<p>
„Nein, das durfte sie gewiß nicht,“ stimmte ihm Frau
Anne bei, „und doch,“ fuhr sie fort, „ich habe es kommen
sehen, daß sie eines Tages etwas tun würde, das uns allen
großen Kummer zu bereiten imstande wäre. Ich liebe
meine kleine Tochter innig, und auch sie ist mir von Herzen
zugetan. Aber blind bin ich deshalb gegen ihre Schwächen
und Fehler nicht, wie der Papa und – verzeihe mir –
begreiflicherweise auch du. Ilse ist schon einmal gezähmt
worden durch die Pension und das reizende Leben daselbst;
ihre prächtigen Freundinnen hatten sie ganz und gar umgewandelt.
Halb Kind noch, wurde sie Braut, sie liebt dich
gewiß aufrichtig, aber die tiefe ernste Liebe des Weibes ist
ihrem Kinderherzen noch fremd. Hast du wohl den richtigen
Weg eingeschlagen, dir ihre Nachgiebigkeit, ihre Fügsamkeit
zu erringen? Ich habe mich bemüht, in ihrem jungen
Herzen zu lesen, und bin überzeugt, es wäre ihr lieber gewesen,
wenn du ihr öfter entschieden entgegengetreten wärst,
statt ihre Einfälle, ihre Launen reizend zu finden; denn sie
ist eine stolze und doch zugleich hingebende Natur, die nur
nicht zeigen will, daß sie sich auch unterzuordnen vermag,
aber ebensowenig vertragen kann, daß man ihr in allem
den Willen läßt. Nun, da du ihr zum erstenmal nicht
nachgibst, empfindet sie das doppelt schroff und wird es als
eine große Demütigung ansehen. Aber jetzt, da sie weiß,
daß ihr Wille nicht immer durchgeht, wird ihre Liebe zu
dir, ohne daß sie es eingesteht, gewiß erstarken. Ich hoffe,
<pb n='52'/><anchor id='Pgp0052'/>sie wird nach und nach zur Besinnung kommen, daß sie
unrecht hatte, und wenn sie diese Krisis überstanden hat,
für immer geheilt sein.“
</p>

<p>
Frau Anne hatte mit warmem herzlichen Eifer gesprochen
und reichte nun ihrem Schwiegersohne die Hand,
welcher diese innig umschloß. „Ich weiß,“ fuhr sie fort,
„du wirst das, was ich dir eben sagte, nicht falsch verstehen.
Ich hätte dir meine Ansicht nicht unaufgefordert mitgeteilt,
wäre nicht alles so gekommen. Wie lieb ich euch beide habe
und wie vertrauensvoll ich trotz dieses Vorfalls in eure
Zukunft blicke, das brauche ich dir nicht erst zu sagen, nicht
wahr? – Gute Nacht, Leo,“ schloß sie und erhob sich von
ihrem Sitz. „Schlafe wohl, morgen wirst du die Sache
schon in einem andern Lichte ansehen.“
</p>

<p>
„Gute Nacht, Mama, ich danke dir.“
</p>

<p>
Die Nachtruhe war für alle dahin, zu sehr hatte die
Bestürzung die Gemüter aufgeregt. – Leo blieb noch auf
demselben Fleck sitzen, es wäre ihm unmöglich gewesen, jetzt
schon zu schlafen. Noch pochte sein Herz zu unruhig, noch
stürmten die Gedanken zu lebhaft auf ihn ein. Frau Annes
Worte hallten in ihm nach, sie hatten einen Anklang in
seinem Innern gefunden, denn sie hatte wahr gesprochen.
Warum mußte es so weit kommen? Hätte er die Tragweite
seiner Worte geahnt, er würde sie vielleicht nicht ausgesprochen
haben. Nochmals ließ er die Szene vom Mittag
an seinem Geist vorüberziehen. Er war zuletzt auch heftig
geworden – gewiß –, aber er hatte sich in dem Augenblick
wirklich über Ilse geärgert, zum erstenmal hatte ihn
ihr unfügsames Wesen unangenehm berührt.
</p>

<p>
Was sollte nun werden? Der Gedanke an die Zukunft
legte sich ihm drückend und beängstigend wie ein Bann
aufs Herz, daß ihm fast der Atem stockte. Erst als er das
Fenster geöffnet hatte und die kühle Nachtluft hereindrang,
wurde ihm wohler. Lange blickte er in die zerrissenen
<pb n='53'/><anchor id='Pgp0053'/>Wolken, die eilend vorüberjagten. Ob sie jetzt auch an ihn
dachte? Er sah im Geiste ihr liebes holdes Antlitz. Er
hörte ihr fröhliches Lachen und ihre dunklen Augen blitzten
ihn neckisch an, – da schwanden die bangen Gedanken.
Heiße Liebe und Sehnsucht erfüllten ihn, und er zweifelte
keinen Augenblick mehr, daß sie zu ihm zurückkehren würde.
Aber unerschütterlich befestigte sich in diesem Augenblick die
Überzeugung in ihm, daß er ihr diesmal nicht zuerst die
Hand zur Versöhnung reichen dürfe.
</p>

<p>
Die große Lampe in dem stillen Zimmer, die schon seit
einiger Zeit am Ausgehen war und deren Licht immer
schwächer und kleiner wurde, erlosch jetzt nach einem letzten
Aufflackern. Leo erhob sich und ging in sein Zimmer.
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<p>
Ilse wachte am andern Morgen erst auf, als die
Sonne das kleine Zimmer schon längst erhellte. Sie fühlte
sich durch den guten Schlaf erquickt und erfrischt und war
im ersten Augenblick des Erwachens noch so traumbefangen,
daß sie sich erst besinnen mußte, wo sie sich eigentlich befand.
Nach und nach kam ihr das Geschehene wieder
deutlich zum Bewußtsein, klarer als am Tage zuvor. Ihre
gestrige Aufregung war einer unangenehmen Empfindung
gewichen. Reue und Beschämung beschlichen sie, und der
Gedanke, was ihre Eltern zu der Flucht gesagt haben
mochten, beunruhigte sie aufs höchste. Auch an Leo dachte
sie, aber nicht etwa, ob er wohl betrübt sein würde, sondern
voll heimlichen Triumphgefühls. Sie erschien sich ihm
gegenüber als siegreiche Heldin, denn sie hatte eine Tat
ausgeführt, die er ihr gewiß nicht zugetraut hatte. Womöglich
langte schon heute ein um Verzeihung flehender
Brief von ihm an, und gewiß würde er selbst mit dem Papa
kommen, um sie zurückzuholen. So blind gefangen war
unsre Ilse, so fest glaubte sie Leo durch ihre Heldentat einen
<pb n='54'/><anchor id='Pgp0054'/>gewaltigen Respekt eingeflößt
zu haben! Die Erwartung
auf eine Nachricht
von Hause trieb sie
aus dem Bette. Sie zog die
hellgeblümten Gardinen
zurück und öffnete das
Fenster. Man merkte
heute nichts mehr von
dem gestrigen Unwetter,
kein Wölkchen trübte den
Himmel, der Ilse tiefblau
entgegenlachte. Goldener
Sonnenschein breitete sich
über die kahlen Gärten
und lag blendend auf
den hellen Häuserwänden.
Überall hatten die Leute
Türen und Fenster geöffnet,
daß die frische
Herbstluft in vollen Strömen
hereindringen konnte.
So hatte Ilse gestern
früh daheim auch am
Fenster gestanden und sich
über den klaren Herbstmorgen
gefreut. Wenn
sie da geahnt hätte, welches Ungemach ihr der Tag noch
bringen würde! Was hatte sie durchmachen müssen! Es
war zu schrecklich.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p054.png" rend="w60">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, die
wieder feucht wurden, aber die hervorquellenden Tränen
wurden tapfer zurückgedrängt. Nellie und ihr Mann sollten
nicht sehen, daß sie geweint hatte, sie würden sonst wohl
<pb n='55'/><anchor id='Pgp0055'/>denken, daß sie Reue fühlte, was ja so viel bedeutete, als
ihr Unrecht eingestehen. Vor Doktor Althoffs prüfenden
und ironischen Blicken hatte sie Furcht, sie kannte diese noch
zu gut von der Schule her. Er konnte so freundlich lächeln
mit spottlustigen Augen; kein Tadel, nicht die schärfste Rüge
traf so sicher, als ein solcher Blick von ihm.
</p>

<p>
Durch ein Pochen an der Tür wurde sie in ihren Betrachtungen
gestört, gleich darauf wurde dieselbe leise geöffnet,
und Nellies Gesicht kam zum Vorschein.
</p>

<p>
„Schon wach, lieb Ilschen?“ rief sie freundlich und begrüßte
die Freundin mit einem herzlichen Morgenkuß. „Wie
hast du geschlafen, <hi rend="antiqua">darling</hi>? Ich hoffe, du hast eine gute
Nacht gehabt.“
</p>

<p>
„Herrlich habe ich geschlafen, liebste Nellie; was ich
aber geträumt habe, weiß ich wirklich nicht mehr.“
</p>

<p>
„Kann ich dich bei dein Ankleiden helfen, Kindchen?“
fragte Nellie, als sie sah, daß Ilse sich jetzt beeilte, in ihre
Kleider zu kommen. Die Toilette war bald beendet, und
von den beiden hatte keine das Thema berührt, das doch
am nächsten lag und sie so lebhaft beschäftigte. Erst als
Ilse Arm in Arm mit Nellie vor dem Eßzimmer stand,
fragte sie zögernd: „Nellie, ist dein Mann da?“
</p>

<p>
„Gewiß, Ilschen, und er freut sich riesig, sein früheres
furchtbar niedliches Schülerin wieder zu sehen.“
</p>

<p>
„Hast du ihm meine Flucht eingestanden, Nellie?“
fragte Ilse ängstlich.
</p>

<p>
Die junge Frau zögerte mit der Antwort. Sie hatte
gestern abend allerdings versprochen, Fred nichts davon zu
sagen, aber nur um Ilse nicht weiter aufzuregen; doch jetzt
wollte sie die Wahrheit nicht verschweigen – so leid es
ihr tat!
</p>

<p>
„Lieb Ilschen,“ sagte sie innig, „ich konnte nicht
anders, ich wollte mein Fred nichts vorlügen. Bist du
mir böse?“
</p>

<pb n='56'/><anchor id='Pgp0056'/>

<p>
„Nein, nein,“ versicherte Ilse, „aber ach, Nellie, was
wird dein Mann von mir denken?“
</p>

<p>
„O, Ilschen, er denkt nur Gutes von dich – aber
nun komm –“
</p>

<p>
Und um Ilse über die peinliche Lage hinwegzuhelfen,
öffnete sie schnell die Türe und schob die sich Sträubende
hinein. Doktor Althoff kam ihr entgegen.
</p>

<p>
„Guten Morgen, Fräulein Ilse, wie freue ich mich,
Sie zu sehen,“ rief er freundlich und reichte ihr die Hand
zum Gruße.
</p>

<p>
Mit niedergeschlagenen Augen gab sie ihm ihre Rechte,
aber kein Wort kam über ihre Lippen, und vor Verlegenheit
wagte sie nicht aufzublicken. Nellie war auch hier der
rettende Engel. Sie führte Ilse an den gedeckten Kaffeetisch
und schob ihr einen Stuhl hin; dann schenkte sie
Kaffee ein und reichte ihrem Mann und Ilse die Tassen.
Ihr tat die Freundin leid, welche wortlos dasaß und
krampfhaft auf das Muster der Kaffeeserviette sah, als hätte
sie sich tief in das Studium der Schnörkel und Arabesken
in derselben versenkt. Die Röte der Beschämung brannte
noch auf ihren Wangen, und vergeblich hatte Nellie sie
verschiedenemale angeredet. Jetzt warf diese ihrem Manne
verständnisvolle Blicke zu, die ihm bedeuteten, er solle dieser
ungemütlichen Stimmung ein Ende machen. Aber Männer
sind nicht so leicht jeder Lage gewachsen, wie eine kluge
Frau, und das dachte auch Nellie, als ihr Mann sie gar
nicht verstand. Ja, er hatte sie sogar mit den Fragen:
„Was soll ich, Kind?“ und als sie ihn mit dem Fuße anstieß:
„warum stößest du mich denn?“ recht in Verlegenheit
gesetzt. Sie versuchte deshalb von neuem das Schweigen
zu brechen, was ihr bisher nicht gelungen war. Zum
zweitenmale füllte sie jetzt Ilses Tasse und reichte ihr Zucker
und Sahne. Sie wollte dabei ein Gespräch anfangen, aber
ihre Scherze blieben unbeachtet und auf ihre freundlichen
<pb n='57'/><anchor id='Pgp0057'/>Fragen bekam sie einsilbige Antworten. Ilse vermochte die
Furcht vor Doktor Althoffs ironischen Augen, die sie wie
zwei Brennpunkte auf sich gerichtet wähnte, nicht zu überwinden.
Sie konnte ja nicht wissen, daß sie sich täuschte,
daß seine gefürchteten Blicke diesmal nicht spöttischer Art
waren. Ernst und voller Mitleid sah er auf seine ehemalige
Schülerin, – kannte er sie doch so genau, alle ihre
Vorzüge, alle ihre Schwächen. Viel, viel muß die Kleine
noch lernen, so dachte er in diesem Augenblick, und bittere
Stunden wird sie das noch kosten. Nicht jeder wurde schon
so frühzeitig durch eine harte Schule geläutert, wie seine
Nellie sie hatte durchmachen müssen. Diese hatte ja das
Leben schon als Kind unter fremde Menschen gebracht; dadurch
war ihre Erfahrung gereift worden, und sie hatte
gelernt, Rücksichten zu nehmen. Zärtlich blickte er zu ihr
hinüber und beobachtete mit strahlenden Augen, mit welcher
Anmut sie sich bewegte und wie sie verstand, einen Hauch
der Behaglichkeit überall zu verbreiten. So saßen die drei
wieder eine Weile schweigend am Kaffeetisch, jeder lebhaft
mit seinen Gedanken beschäftigt.
</p>

<p>
„Ilschen,“ fing Nellie endlich an, „weißt du auch
wohl, daß du hier eine alte Bekannte triffst, die seit weniges
Monate mit ihrem Mann hierher versetzt ist? Ich hatte
ganz vergessen, in meinem letzten Brief davon zu sprechen.
Rate einmal, <hi rend="antiqua">darling</hi>!“
</p>

<p>
Die Frage wirkte erlösend auf Ilses Schweigsamkeit,
sie hob den Kopf und sah Nellie fragend an.
</p>

<p>
„Rate, Ilschen,“ wiederholte diese.
</p>

<p>
„Wer denn, Nellie? Etwa Rosi Müller? Die artige
Pastorin ist ja aber schon seit dem Sommer hier in der Nähe
verheiratet, die kannst du doch wohl nicht meinen.“
</p>

<p>
Nellie schüttelte lachend den Kopf; sie war froh, ein
Thema berührt zu haben, das Ilse interessierte.
</p>

<p>
„Ein wenig muß ich dir noch foltern,“ neckte sie lustig,
<pb n='58'/><anchor id='Pgp0058'/>„aber du rätst ja leicht, denn nur wenige von unsre Freundinnen
sind verheiratet.“
</p>

<p>
„Ach, nun weiß ich,“ rief Ilse, „natürlich Flora ist es!
Ich dachte im Augenblick wirklich nicht an sie. Richtig, die
ist ja auch schon eine ehrbare Ehefrau!“
</p>

<p>
„O, nix da, Ilse – ein ehrbares Frau ist unsre Dichterin
nicht geworden.“
</p>

<p>
„Wie kommt sie denn eigentlich hierher?“ unterbrach
Ilse, „ihr Mann lebte doch auch in B., wo Floras Eltern
wohnen.“
</p>

<p>
„Laß dich erzählen, <hi rend="antiqua">darling</hi>. Du weißt, daß Floras
Mann ein Arzt ist, er ist nun als Direktor an das Spital
hier berufen – eine sehr gute Stelle, mit gute Einnahmen.
Er soll ein tüchtiger Mann sein, wir mögen ihn gern, er ist
so nett. Nicht wahr, Fred? Und, oh, er hat ein so herzig
Baby von 4 Jahr – denn Flora ist seine zweite Frau.“
</p>

<p>
„Ja,“ warf Althoff ein, „Doktor Gerber ist ein liebenswürdiger,
gescheiter Mann, sein einziger Fehler ist seine Frau.
Für diese poetische Seele ist er viel zu prosaisch, zu materiell!
Die arme Flora ist noch ebenso überspannt wie früher, sie
dichtet leider immer noch.“
</p>

<p>
Ilse wagte bei diesen Worten Nellies Mann zum ersten
Male mit einem scheuen Seitenblick zu streifen, bis dahin
hatte sie es noch immer vermieden, ihn anzusehen. Nun
fand sie, daß der Gefürchtete garnicht so aussah, wie ihr
böses Gewissen sich ihn ausmalte. Seine Augen hatten nicht
den von ihr vermuteten spottlustigen Ausdruck, und das
freundliche Lächeln, mit welchem er sie anblickte, als wenn
nichts vorgefallen wäre, verscheuchte bald jede Befangenheit,
so daß sie nun in die Scherze des jungen Ehepaares mit
einstimmte, und mit Nellie immer neue Erinnerungen über
Flora auskramte.
</p>

<p>
Lächelnd hörte ihnen Doktor Althoff zu und warf nur
dann und wann eine treffende Bemerkung dazwischen. Die
<pb n='59'/><anchor id='Pgp0059'/>beiden waren unerschöpflich in ihren Witzen über Flora,
und die eine wußte immer noch mehr als die andre.
</p>

<p>
„O, und die viele zerbrochene Herzen, die in ihre Romane
stets vorkamen, <hi rend="antiqua">darling</hi>, weißt du noch?“ fragte Nellie.
„Und wie wir sie immer mit ihre Gedichte ärgerten?“
</p>

<p>
„Ach ja, das war himmlisch!“ beteuerte Ilse unter Lachen,
„und wie böse sie dann wurde und schalt, daß wir für ihre
Poesien kein Verständnis hätten.“
</p>

<p>
„Ihr seid ein böses Volk,“ sagte Doktor Althoff, „wie
könnt ihr euch nur so über eure Freundin lustig machen?“
</p>

<p>
„O, du scheinheiliges Mann,“ drohte ihm Nellie mit
dem Finger, „hast doch die größte Spaß an unsre Scherze.
Weißt du, Ilschen, bald gehen wir zu der Dichterin, das
gibt ein famose Jux! Sie muß uns aus ihre neuesten Werke
vorlesen.“
</p>

<p>
„Das wird sie gern tun,“ sagte er, „denn ihrem Mann
darf sie gewiß mit solchem Unsinn nicht kommen. Er ist
viel zu vernünftig, und ich hoffe ja immer noch, daß er
Flora ändern wird.“
</p>

<p>
„Das große Gegenteil von unsre Dichterin ist Rosi,
das würdige Pastorenfrau,“ sagte Nellie mit feierlicher Stimme.
„O, Ilse, einmal haben wir ihr besucht, o, sie ist so brav
und züchtig, noch ganz die ‚Artige‘ aus die Pension. Und
der Mann ist so still und sanft, er trägt eine lange Rock,
bis über den Knie, und eine hohe Kragen, dazu eine große
Brille und hat eine glatte Scheitel von blondes Haar, ganz
zu die brave Rosi passend, – sie sind ein würdige Ehepaar.“
</p>

<p>
Ilse brach über die Beschreibung in lautes Lachen aus,
und Nellie stimmte mit ein. Auch Doktor Althoff freute sich
über seine drollige Frau.
</p>

<p>
„Du bist eine kleine Boshafte,“ sagte er zu ihr. „Überhaupt,
Kinder, ihr seid mir zu mokant, das kann ich nicht
vertragen, deshalb gehe ich fort. Adieu!“
</p>

<p>
Er legte die Serviette neben die Tasse und erhob sich
<pb n='60'/><anchor id='Pgp0060'/>mit scheinbar ernster Miene, sodaß Ilse ganz erschrocken zu
ihm aufblickte. Waren sie wirklich zu weit gegangen?
</p>

<p>
Als sie aber seine lustig zwinkernden Augen sah und
Nellie mit fröhlichem Lachen ihn umschlang, da wußte sie,
daß er nur Spaß machte.
</p>

<p>
Als er fortgegangen war und die beiden allein gelassen
hatte, da war Ilses erste hastige Frage:
</p>

<p>
„Nellie, ist denn nichts für mich angekommen, kein Brief,
keine Depesche?“
</p>

<p>
„Ja, Ilschen, hier ist eine Depesche von deine Eltern,
sie ist eben angekommen.“
</p>

<p>
Ilse riß sie ihr aus der Hand und öffnete sie, dann
las sie laut:
</p>

<p>„Ilse soll Brief abwarten.            Papa.“</p>

<p>
Das waren nur wenige Worte, die ihre Ungeduld nicht
stillen konnten. Ja, sie brachten sie nur noch mehr in Aufregung,
denn alles mögliche las sie aus der kurzen Zeile
heraus. Wie ernste strenge Richter standen die einzelnen
Buchstaben vor ihren Augen. Hart klang der Befehl, den
sie enthielten; daraus schloß sie, wie böse ihre Eltern auf
sie sein mußten.
</p>

<p>
„Nellie,“ seufzte sie ängstlich, „was werden die Eltern
von mir denken? Sie sind gewiß furchtbar böse.“
</p>

<p>
„Du mußt ihnen gleich schreiben,“ sagte Nellie.
</p>

<p>
„Erst will ich ihren Brief abwarten; ach, wenn er doch
erst da wäre!“
</p>

<p>
Nellie nickte beistimmend und meinte, so wäre es auch
wohl am besten.
</p>

<p>
„Komm, wir wollen in meine Stube gehen, <hi rend="antiqua">darling</hi>,“
sagte sie und öffnete die Türe, die in ihr Allerheiligstes führte,
das zwischen dem Eßzimmer und ihres Mannes Zimmer an
der Eckwand des Hauses lag. Ein kleiner nach außen vorspringender
Erker verlieh dem Raum eine anheimelnde Gemütlichkeit.
Nellie hatte ihn dicht mit Blattpflanzen besetzt,
<pb n='61'/><anchor id='Pgp0061'/>davor zwei kleine Sessel aus Bambusrohr nebst einem ebensolchen
winzigen runden Tischchen gestellt und dadurch ein
lauschiges, reizendes Plaudereckchen hergerichtet. Hierhin
nötigte sie jetzt Ilse, die sich rings im Zimmer umsah.
</p>

<p>
„Es ist entzückend bei dir,“ versicherte sie wieder, und
trotzdem Nellie bescheiden abwehrte, freute sie sich doch über
das ihr gespendete Lob.
</p>

<p>
„Fred macht es so viel Freude, wenn die Wohnung
hübsch ist, da macht es mich auch Spaß,“ und dabei fuhr
sie liebkosend über die spiegelblanke Platte ihres zierlichen
Schreibtisches und rückte an den Figürchen und Nippes, die
darauf standen.
</p>

<p>
„Die vielen reizenden Sachen, die du hast, Nellie!“
</p>

<p>
„Die schenkt mich alle mein Fred. Er ist so gut zu
mir, unbeschreiblich lieb; o Ilschen, was bin ich für ein
glückliches Frau. Ich denke nur immer daran, ob er mit
mir auch so glücklich ist.“
</p>

<p>
Eine so dankbare uneigennützige Liebe leuchtete aus ihren
Augen, daß Ilse beschämt die ihrigen zu Boden senkte; so
wie die Freundin eben sprach, hatte sie noch nie gefühlt,
solche Gedanken waren noch nicht in ihr aufgestiegen. Dies
machte sie doch stutzig. Hatte sie eigentlich jemals eine Regung
des Dankes für alle Liebe und Zärtlichkeit Leos gehabt?
Nein, das war ihr nie eingefallen! Und hatte sie sich jemals
geprüft, ob auch sie alles tue, ihn glücklich zu machen? Nein!
gestand sie sich wieder. Jetzt tauchten zum ersten Male diese
Fragen in ihr auf und regten sie zu ernstlichem Nachdenken
an. „Aber Nellie ist eine schwärmerische, hingebende Natur,
und das bin ich nicht und will ich auch nicht sein,“ sagte sie
sich schließlich, und bei diesem Gedanken beruhigte sie sich.
Und doch konnte sie die Augen der Freundin nicht vergessen
und beneidete sie fast im stillen.
</p>

<p>
„Nellie,“ fragte sie plötzlich, „wann kommt denn der
nächste Zug von Moosdorf hier an?“
</p>

<pb n='62'/><anchor id='Pgp0062'/>

<p>
„Warum, Ilschen? Glaubst du, deine Eltern kommen
dich zu holen? Oder erwartest du deinen Bräutigam?“
</p>

<p>
„Nein, nein, das denke ich nicht, – ich fragte überhaupt
nur so,“ sagte Ilse errötend.
</p>

<p>
Und doch hatte Nellie ihre Gedanken richtig erraten,
denn sie erwartete, ja hoffte mit banger Sehnsucht, daß Leo
den Tag nicht vergehen lassen würde, ohne zu ihr zu eilen.
Gewiß hatte er jetzt eingesehen, wie unrecht er ihr tat. Aber
wenn er kam, dann wollte sie ihm verzeihen, sie wollte nicht
länger widerspenstig, sondern nachgiebiger sein als sonst.
Das alles malte sie sich im Geiste aus und konnte doch eine
Sorge, eine unbestimmte Ahnung, daß es vielleicht nicht so
kommen würde, wie sie sehnlich wünschte, nicht unterdrücken.
</p>

<p>
Die folgenden Stunden waren nicht die behaglichsten
für Ilse. Sie war in steter Erwartung, bei jedem Klingeln
schreckte sie zusammen. Der Mittagszug war längst da.
Sie hatte während dieser Zeit wie zufällig am Fenster gesessen
und auf die Straße gesehen. So oft eine Gestalt in
der Ferne auftauchte, schlug ihr das Herz, und immer von
neuem wurde sie enttäuscht. Dann ballten sich ihre Hände
fest zusammen, und sie mußte sich beherrschen, um nicht in
lautes Weinen auszubrechen. Nellie und ihr Mann überließen
sie sich selbst und ihrer Stimmung. Die beiden,
feinfühlenden Menschen ahnten, was in ihr vorging und
sie bewegte.
</p>

<p>
Ilse wurde von den selbstquälerischsten Gedanken geplagt;
sie war heute so viel milder gestimmt als gestern, sie
dachte an den geliebten Vater, welche Angst er wohl um
sie ausgestanden, an die Mama, wie sie sich um ihr Ausbleiben
beunruhigt haben mochte; an aller Sorge der lieben
Eltern war sie schuld. Dies innere Geständnis machte sie
sehr weich, wie die Tränen verrieten, die in hellen Tropfen
auf ihre verschlungenen Hände fielen.
</p>

<p>
Der Herbsttag neigte sich bereits seinem Ende zu, die
<pb n='63'/><anchor id='Pgp0063'/>Dämmerung war hereingebrochen – und wieder saß Ilse
am Fenster. Ihre Hoffnung, daß Leo noch kommen würde,
war gesunken, und nur mechanisch sah sie noch auf die
Straße hinunter. Die Gestalten, die jetzt schattenhaft vorüber
huschten, verfolgte sie nicht mehr mit ungeduldig klopfendem
Herzen, sie war mutlos geworden! Vor ihrer geängstigten
Seele stand Lucies Bild, und wie es sie gestern zur Umkehr
bewegen wollte, blickte es sie jetzt mit schmerzlichen Augen an
und schien ihr zu sagen: „Er kommt nicht! Du wirst umsonst
auf ihn warten.“ Ihre aufgeregten Nerven ließen ihr diese
Worte fortwährend in den Ohren klingen. Auf einmal
empfand sie die Schwere des unglückseligen Schrittes, den
sie gewagt hatte, und die Angst legte sich gleich einem Alp
auf ihr Herz. Wie eine Erlösung wirkte es daher jetzt auf
sie, als zwei Arme sie zärtlich umschlangen und Nellies Köpfchen
sich an ihre heiße Wange legte. Es war ihr, als würde
sie aus einem häßlichen Traum aufgeweckt, und erleichtert
holte sie Atem.
</p>

<p>
„<hi rend='antiqua'>Darling</hi>,“ sagte Nellie, „ich habe eine Nachricht von
deine liebe Mama.“
</p>

<p>
Ilse fuhr in die Höhe.
</p>

<p>
„Wo hast du den Brief, bitte, gib ihn mir,“ flehte sie
förmlich und sah suchend nach Nellies Händen.
</p>

<p>
„Warte nur, Kindchen, ich gebe ihn dir schon; aber erst
muß ich mit dir sprechen; deine gute Mama schreibt so reizend.
Sehr aufgeregt waren deine Eltern über deine Flucht, aber
sie haben dir verziehen, und du darfst nun für einige Zeit
bei mich bleiben; o, wie freue ich mir!“
</p>

<p>
Ilse horchte gespannt.
</p>

<p>
„Was steht sonst noch im Briefe?“ fragte sie hastig.
„Was hat Papa gesagt?“
</p>

<p>
„Dein Papa wird dir schreiben, wenn ein Brief von
dich angekommen ist. O, dein Vater ist ein so lieber Herr,
er zürnt nicht mehr mit dir,“ versicherte Nellie <anchor id="corr063"/><corr sic="treuherzig">treuherzig.</corr>
<pb n='64'/><anchor id='Pgp0064'/>„Hier lies ihn selbst, das Brief, was sonst noch darin steht,“
sagte sie und reichte ihn Ilse hin, die ihn mit zitternden
Händen aus dem Kuvert nahm. Hastig faltete sie die engbeschriebenen
Blätter auseinander, suchend überflogen ihre
Augen Zeile auf Zeile, und eine schmerzliche Enttäuschung
malte sich in ihren Zügen, als sie fertig gelesen hatte.
Schweigend legte sie den Brief wieder zusammen und gab
ihn Nellie zurück.
</p>

<p>
„Nun, Kindchen,“ sagte die junge Frau, „freust du
dich nicht über den lieben Brief von deine Mama? Wie
müssen dir deine Eltern lieb haben! Wie schön, daß du
bei uns bist! Bleibst du auch gern hier?“
</p>

<p>
Ilse nickte. „Sehr gern, Nellie, und ich weiß auch,“
fuhr sie mit erregter Stimme fort, „daß mich meine Eltern
lieben, sehr lieben, mehr wie irgend jemand auf der Welt.
Ich will deshalb auch immer bei ihnen bleiben und sie nie
verlassen!“
</p>

<p>
„O, Kind –,“ sagte Nellie vorwurfsvoll; aber Ilse
unterbrach sie. „Ja das will ich, das will ich bestimmt,
denn er ist ja doch nur froh, wenn er mich los ist!“ rief
sie laut und warf mit bitterem Lachen den Kopf zurück.
</p>

<p>
Nellie sah die Freundin erschrocken an, und zurechtweisende
Worte drängten sich auf ihre Lippen. Aber sie
sagte nichts, ihr mitleidiges Herz hielt sie zurück, als sie
sah, wie aufgeregt Ilse war, und daß sie nur mit Mühe
einen leidenschaftlichen Ausbruch zurückhielt.
</p>

<p>
„O, <hi rend="antiqua">darling</hi>, ich kenne dich nicht wieder,“ sagte sie
leise und sah ihr traurig in die Augen. Da löste sich die
Spannung von Ilses Gemüt, sie legte beide Hände vor das
Gesicht und brach in heftiges Weinen aus.
</p>

<p>
„Was hast du, Herz? Sprich doch,“ bat Nellie, „vertraue
mich, ich bin doch deine geliebte Freundin und verrate
dich nicht. Sprich dir aus, Ilschen, mach dein kleine Herz
leichter! Oder darf ich dir sagen, warum du so weinst?
<pb n='65'/><anchor id='Pgp0065'/>Ist es, weil dein Bräutigam nicht schrieb oder nicht kam,
seine Schatz wieder zu holen? Ist es nicht dies Kummer,
was deine Seele drückt? Gestehe es mich doch.“
</p>

<p>
Zärtlich und einschmeichelnd klang ihre Bitte, und Ilse
wurde dadurch bezwungen. Sie nickte und lehnte sich an
Nellies Schulter, indem sie leise fortweinte.
</p>

<p>
„Siehst du, ich dachte es mich wohl, <hi rend="antiqua">darling</hi>, aber nun
höre mich an. Ich bin dein vernünftige alte Freundin und
muß dir ein paar ernste Worte einreden. Du kennst noch
nicht die Männer, du lernst sie erst verstehen, wenn du
deines Leo kleine Frau bist. Er ist viel zu nachgebend
gegen dich; aber wenn ihr verheiratet seid, wird er nicht
immer tun, was lieb Ilschen will. Das wird im Anfang
viel Streitigkeit geben, denn die Männer wollen haben, daß
wir uns in sie fügen, weil sie die Herren der Schöpfung
sind. O du, du wirst lernen, wie schön das ist; denn haben
wir uns einiges Mal gefügt, so können wir das liebe Mann
um den kleinen Finger wickeln, und er merkt es nicht!
Darum lieb’ Schatz, sei nicht hartnäckig. Du mußt dein
Leo schreiben und ihn bitten, daß er dich verzeiht.“
</p>

<p>
Bis dahin hatte Ilse ruhig zugehört; nun brauste sie
auf, und ihre Augen funkelten, als sie hochaufgerichtet vor
Nellie stand.
</p>

<p>
„Um Verzeihung bitten?“ rief sie spöttisch. „Nellie,
du kennst mich schlecht! Ihn um Verzeihung bitten, nein,
dazu bin ich zu stolz. Nellie, so weit erniedrige ich mich
nicht, nie und nimmer!“ Sie betonte die letzten Worte
nachdrücklich und fuhr leidenschaftlich mit dem Taschentuch
über ihre Augen, die noch von den eben vergossenen Tränen
feucht glänzten, als wolle sie damit ausdrücken: „er ist es
nicht wert, daß ich seinetwegen Tränen vergieße.“
</p>

<p>
Nellie sah sie angstvoll an, sie begriff die Freundin
nicht.
</p>

<p>
„O Ilse,“ sagte sie, „wie kannst du so sprechen? Es
<pb n='66'/><anchor id='Pgp0066'/>ist große Unrecht von dich. Wie hast du mich selbst so oft
geschrieben, wie treu und gut dein Leo ist, wie lieb –“
</p>

<p>
„Ich bitte dich,“ fiel ihr Ilse ins Wort und erhob
flehend ihre Hände; „laß uns über diese Geschichte schweigen.
Ich sehe ja, du bist auch auf seiner Seite. Ich natürlich,
nur ich habe schuld! Ich soll mir alles gefallen lassen von
ihm, so denkst auch du, Nellie; aber deshalb demütige ich
mich doch nicht vor ihm!“
</p>

<p>
Nellie schwieg. Sie merkte, daß jetzt keines ihrer gutgemeinten
Worte etwas fruchten, ja, daß ihr Zureden Ilses
Trotz nur verschlimmern könnte. Aber sie wünschte in
diesem Augenblick sehnsüchtig, daß bald die Zeit kommen
möchte, die Ilse bekehren und ändern würde.
</p>

<p>
Das schrieb sie auch an Frau Anne und versprach ihr,
allen Einfluß aufzubieten, der ihr zu Gebote stände; vorläufig
aber müsse man den geliebten Trotzkopf ganz in
Ruhe lassen.
</p>

<p>
Am andern Morgen saß Ilse eifrig schreibend in ihrem
Stübchen, als Nellie hereintrat.
</p>

<p>
„Ich schreibe an die Eltern,“ sagte sie errötend und
kam mit diesen Worten einer Frage Nellies zuvor. Dann
sprang sie auf und ergriff Nellies Hände.
</p>

<p>
„Wollt ihr mich denn auch wirklich für einige Zeit
behalten, bin ich euch nicht zur Last, und ist es auch deinem
Manne recht und hast du mich auch noch ebenso lieb wie
früher, Nellie?“
</p>

<p>
So ließ sie in ihrer lebhaften Weise die Fragen durcheinanderschwirren.
Die junge Frau zog sie an sich.
</p>

<p>
„O, <hi rend="antiqua">darling</hi>, wie kannst du so fragen? Wenn es
dich verwöhnte Schoßkind nur bei uns einfache Leute gefällt,
so werden wir froh sein. Wie freue ich mir auf dein
Aufenthalt! Wir wollen eine vergnügte Zeit durchleben,“
rief sie jubelnd. In diesen Jubel stimmte Ilse nicht mit
ein, sondern blickte gedankenvoll vor sich hin. Sie wollte
<pb n='67'/><anchor id='Pgp0067'/>Leo zeigen, daß sie fest bleiben könne; dieser Entschluß vollzog
sich jetzt in ihrem Innern und verlieh ihren Zügen
einen trotzigen Ernst.
</p>

<p>
Der Brief an die Eltern war abgeschickt, und Ilse war
sicher, daß er sie wieder ganz versöhnen würde. Sie hatte
dieselben herzlich um Verzeihung gebeten, aber zugleich die
inständige Bitte ausgesprochen, nicht nach dem Grunde ihrer
Flucht zu forschen.
</p>

<p>
In den nächsten Tagen traf ein großer Koffer mit
Sachen für sie ein, worin ein langer zärtlicher Brief von
ihrem Papa lag. Kein Tadel, kein Vorwurf enthielt derselbe;
die sorgende Liebe, die aus jeder Zeile sprach, beschämte
sie tief. Hatte sie dieselbe wohl verdient?
</p>

<p>
Am Schlusse des Briefes schrieb der Papa:
</p>

<p>
„Amüsiere dich nur recht gut bei deiner Nellie, liebes
Kind, sei heiter und vergnügt, aber bleibe nicht zu lange
fort und vergiß nicht deinen alten Vater!“
</p>

<p>
Diese Worte rührten sie sehr.
</p>

<p>
Nein, gewiß! Vergessen würde sie ihren einzigen guten
Herzenspapa nicht. Leo wurde von ihm mit keiner Silbe
erwähnt, und auch als ihr der andre Tag einen Brief von
Frau Anne brachte, war sie enttäuscht, denn derselbe bewahrte
ebenfalls tiefes Stillschweigen über ihn. Von allem
erzählten die Eltern ausführlich, aber über Leo schwiegen
sie beharrlich. Sie wußten gewiß, was zwischen ihnen vorgefallen
war, und glaubten wohl, es würde ihr peinlich sein,
wenn sie diesen Punkt berührten. Viel lieber wäre es ihr
gewesen, von ihnen darüber zu hören, denn sie hätte gern
gewußt, wie Leo die Entdeckung ihrer Flucht aufgenommen
hatte; aber dennoch wollte sie um keinen Preis die Eltern
danach fragen. Sie nahm sich fest vor, nicht mehr daran
zu denken, ob ihr Leo schreiben würde oder selbst käme, um
sie zu holen. In ihrem Herzen freilich lebte die sehnsüchtige
Hoffnung nach einem Lebenszeichen von ihm fort und ließ
<pb n='68'/><anchor id='Pgp0068'/>sich durch alle ihre Vorsätze nicht zurückdrängen. Ohne daß
sie es sich gestand, wuchs ihre Ungeduld von Tag zu Tag,
und sie war schließlich in einer fieberhaften Aufregung.
So oft der Briefträger kam, zitterte sie vor banger Erwartung,
jedes Klingeln an der Türe ließ sie zusammenschrecken.
Den Eltern schrieb sie eifrig, fast täglich, und
erhielt ebenso regelmäßige Antworten. Wenn ein Brief
von daheim ankam, ging sie schnell auf ihr Zimmer, riegelte
die Tür zu und erbrach ihn mit zitternden Fingern. Sie
durchflog die Seiten und wurde immer von neuem enttäuscht.
Dann stürzten ihr oft heiße Tränen aus den Augen,
und sie knitterte zornig das unschuldige Papier zusammen.
</p>

<p>
So schwanden ihr die Tage unter Zweifel und Ungewißheit
dahin, und sie litt schwer darunter. Nellie war
ihr eine treue Freundin voll zarter Aufmerksamkeit. Aber
auch sie berührte nicht mehr das peinliche Thema. „Es ist
besser, du schweigst,“ hatte ihr Mann gesagt, als sie wieder
einmal versuchen wollte, ob sie Ilse bewegen könne, an
ihren Bräutigam zu schreiben. Sie wußte von Ilses
Mutter, daß Leo, empört und zugleich betrübt über die Tat
seiner Braut, ihr auf keinen Fall schreiben oder gar selbst
kommen würde. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Ilse
das zu sagen. Sie fürchtete einen neuen leidenschaftlichen
Ausbruch und glaubte Ilses Widerstand dadurch nur noch
größer zu machen. „Armes <hi rend="antiqua">darling</hi>, wie tust du mich leid,“
sagte sie oft leise, wenn sie in dem blassen Gesichte der
Freundin deren heimliche Kämpfe las, und sie fühlte mit
ihr, wie sie litt.
</p>

<p>
Zwei Wochen waren für Ilse in Hangen und Bangen
verstrichen. Sie hatte sich bei ihren liebenswürdigen Freunden
vollständig eingelebt, und Nellie hatte es verstanden, sie
bisweilen etwas aufzuheitern. Aber dann konnte sie auch
wieder lange schweigend vor sich hinstarren, und die trotzig
aufgeworfene Oberlippe ließ erraten, woran sie dachte.
</p>

<pb n='69'/><anchor id='Pgp0069'/>

<p>
„Ich muß ihr etwas zerstreuen,“ sagte Nellie zu ihrem
Mann. „Sie ist so blaß und hat schwarze Ringels unter
den Augen; sie darf nicht mehr so viel an der Sache denken.
Sie ist eine kleine Widerspenstige, und ihr künftiger Mann
muß ihr sehr heilen, bis sie eine so sanfte Weibchen wird,
wie ich es bin,“ fügte sie mit einem schalkhaften Blick hinzu.
</p>

<p>
„Ja,“ lachte Althoff, „wenn man einen so guten Mann
hat, wie ich es bin, der zu allem ‚Ja‘ und ‚Amen‘ sagt,
dann ist es leicht, sanft zu sein.“
</p>

<p>
„O, du,“ drohte Nellie scherzend mit dem Finger, aber
er schloß ihr den Mund mit einem Kusse.
</p>

<p>
„Heute müssen wir einige Visiten machen,“ sagte Nellie
eines Tages zu Ilse. „Die Leute betrachten dir schon wie
eine verwunschene Prinzessin, weil ich dich nirgends zeige.
Und Florchen, wie wird sie grimmig sein, wenn sie hört,
daß du bist schon lange bei mich und hast ihr noch nicht
ins ‚eigene Heim‘ besucht. Das ist nämlich ihr Lieblingsausdruck.“
</p>

<p>
Ilse zeigte wenig Lust für diese Besuche, ließ sich
endlich aber doch dazu bewegen.
</p>

<p>
Seit dem Abend ihrer Ankunft war sie nur einige Male
in der Dämmerung mit Althoffs spazieren gegangen, heute
sah sie die kleine Stadt zum ersten Male im hellen Tageslicht.
Mancher neugierige Blick folgte den beiden. Frau
Doktor Althoff hatte Besuch, und davon wußte man nichts?
Das war doch unerhört! Wer mochte denn die junge Dame
sein? Frau Doktor Althoff hatte ja gar nicht erwähnt,
daß sie Besuch bekäme, warum hatte sie das verschwiegen?
So zerbrachen sich Nellies Bekannte, die ihnen begegneten,
den Kopf. In der breiten Hauptstraße vor einem hübschen
Hause machte Nellie Halt.
</p>

<p>
„Hier wohnt die Dichterin Frau Doktor Flora Gerber,
in dies Haus, eine Treppe hoch,“ sagte sie und öffnete die
Haustüre.
</p>

<pb n='70'/><anchor id='Pgp0070'/>

<p>
Als sie oben angekommen waren, flüsterte sie Ilse zu:
„Ilschen, wenn dir das neugierige Flora nach alles fragt,
nach dein Hiersein, dein Verlobten, laß mir nur machen,
ich geb’ ihr Antwort.“
</p>

<p>
Wie ein Stein fiel es Ilse bei diesen Worten vom
Herzen, denn heimlich hatte sie schon überlegt, ob sie Floras
Fragen ausweichen oder sie beantworten sollte. Sie drückte
Nellie mit einem dankbaren Blicke die Hand.
</p>

<p>
Auf Nellies zweimaliges Schellen wurde die Türe von
einem wenig sauberen Mädchen geöffnet.
</p>

<p>
„Sind die Herrschaften zu sprechen?“ fragte Nellie.
</p>

<p>
„Der Herr Doktor sind nicht zu Hause,“ stotterte das
Mädchen verlegen, „aber ich will mal nachsehen –“
</p>

<p>
Ohne den Satz zu beenden, verschwand sie eiligst hinter
der Türe. Nach einem Weilchen erschien sie wieder, riß die
gegenüberliegende Stubentüre weit auf und meldete lakonisch:
</p>

<p>
„Da sollen Se rein gehen.“
</p>

<p>
Flora war nicht im Zimmer, und Ilse hatte Muße,
sich gründlich darin umzusehen. Sie bedurfte übrigens nur
weniger Blicke, um einen deutlichen Eindruck zu gewinnen.
Wie viel vermißte hier ihr stark ausgeprägter Schönheitssinn!
Traulich, harmonisch, geschmackvoll war es bei Nellie,
ungemütlich, geschmacklos, ein wirres Durcheinander bei
Flora! Die Möbel, gut und neu, entbehrten jeder Pflege,
das sah man ihnen nur zu deutlich an, denn eine graue
Staubdecke lag darauf. Die Bilder an den Wänden hingen
schief, die Pflanzen am Fenster und im Blumentisch ließen
durstig die Köpfe hängen, und die gelben vertrockneten
Blätter an den Stengeln gaben ihnen ein traurig verkommenes
Aussehen. Ilse, die eine große Blumenfreundin
war, betrachtete sich die Ärmsten mitleidig und sah sich unwillkürlich
nach einer Gießkanne um, ohne jedoch eine solche
entdecken zu können. Auf dem Tisch vor dem Sofa, über
den eine blaue Samtdecke gebreitet war, welche schief
herab<pb n='71'/><anchor id='Pgp0071'/>hing, lagen eine Menge Bücher, zum Teil aufgeschlagen,
mit Flecken und umgebogenen Ecken, dazwischen Visitenkarten,
Briefe, lose Blätter in einem wahren Chaos zusammen.
</p>

<p>
„Nellie, sieh nur,“ rief Ilse halblaut und zeigte mit
der Hand auf diesen Wirrwar, „das nennt Flora gewiß
‚malerisch‘.“
</p>

<p>
„O, störe mir nicht in mein heiliges Andacht,“ gab
Nellie zur Antwort, und als sich Ilse bei diesen mit Pathos
gesprochenen Worten umwandte, sah sie Nellie mit gefalteten
Händen vor einem Schreibtisch stehen, der seinen
Platz am Fenster hatte.
</p>

<p>
„Hier schafft unser große Dichterin, Ilschen. An was
für ein herrliches Mordgeschicht’ mag sie wieder dichten,“
fuhr sie in demselben feierlichen Tone fort.
</p>

<p>
Ilse hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut
aufzulachen, denn Nellie war zu komisch.
</p>

<p>
„Eben hat Florchen dieses Platz verlassen, wir haben
ihr gewiß aus ihre schönste Gedanken gescheucht,“ fing Nellie
wieder an.
</p>

<p>
Sie schien mit ihrer Vermutung recht zu haben, denn
die Feder glänzte noch feucht von Tinte, der Stuhl stand
jäh zur Seite geschoben, und einige Blätter, die an der
Erde lagen, waren wohl beim eiligen Aufstehen auf den
Boden geflogen. Mit beschriebenen und unbeschriebenen
Blättern war der ganze Schreibtisch bedeckt, kaum daß die
Stelle freigeblieben war, wo ein über und über bespritztes
Tintenfaß thronte, das nicht aussah wie für einen Damenschreibtisch
bestimmt.
</p>

<p>
„Sieh hier, <hi rend='antiqua'>darling</hi>,“ sagte Nellie leise und zog die
noch immer sich verwundert umsehende Freundin mit sich
fort, „das ist Florchens Mann.“
</p>

<p>
Sie zeigte auf ein Bild, das über dem Schreibtisch
hing. Ilse trat näher heran und sah sich den nicht gerade
<pb n='72'/><anchor id='Pgp0072'/>hübschen aber interessanten Männerkopf mit dem kurz geschorenen
Haar und Bart voll Interesse an. Sie war noch
in der Betrachtung des Bildes versunken, als sich die Türe
ungestüm öffnete und Flora auf der Schwelle erschien.
Dieselbe fuhr erstaunt zurück, als sie Ilse gewahrte, deren
Besuch sie gar nicht vermutet hatte.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p072.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
„Mein Gott, Ilse, bist du es wirklich, oder ist es
dein Geist?“ rief sie theatralisch mit weit vorgestreckten
Händen.
</p>

<p>
„Beruhige dich, Flora,“ antwortete Nellie, „komme zu
dich, es ist nicht ihre Geist, es ist die liebe Ilse in wahre
<pb n='73'/><anchor id='Pgp0073'/>Leibhaftigkeit. Sie kam uns auf recht lange Zeit zu besuchen.“
</p>

<p>
„Das Mädchen sagte mir, es wäre noch eine Dame
dabei, aber ich hatte natürlich keine Ahnung, daß diese
Dame Ilse war. Ich dachte, es wäre vielleicht Rosi.“
</p>

<p>
„Wir wollten dir überraschen, Flora,“ erklärte Nellie.
</p>

<p>
„Aber nun willkommen, herzlich willkommen im eigenen
Heim!“ rief Flora und ging mit geöffneten Armen Ilse
entgegen, die kaum das Lachen verbergen konnte, weil
Nellie sie bei dem ‚eigenen Heim‘ mit dem Ellbogen angestoßen
hatte.
</p>

<p>
„Und nun setzt euch, Kinder,“ sagte Flora, als die Begrüßung
vorüber war und sie sich von dem Erstaunen über
Ilses plötzliches Erscheinen etwas erholt hatte. Sie führte
die beiden zum Sofa und ließ sich ihnen gegenüber in einen
der blauen Plüschsessel fallen, die um den Tisch standen.
„Seid nur nicht böse, daß ich noch im tiefsten Negligee erscheine,“
entschuldigte sie sich und wies auf ihren allerdings
recht primitiven Morgenrock. Mit einem schwärmerischen
Ausblick fuhr sie fort:
</p>

<p>
„Doch, wenn ich einmal im Schaffensdrang bin, verläßt
mich der Gedanke an die Wirklichkeit vollständig. Was
liegt auch an dem elenden Putz und Tand! Am liebsten
hülle ich mich in eine einfache Kutte, nur um die Zeit zu
sparen und mich noch mehr meinen Arbeiten widmen zu
können.“
</p>

<p>
Sie seufzte leise bei diesen Worten. Ilse und Nellie
erwiesen ihr nicht den Gefallen, auf ihre Phrase vom
Schaffensdrang näher einzugehen. Nellie schnitt das Thema
kurz ab mit der Frage: „Wo ist dein Mann, Flora? Und
die kleine Baby?“
</p>

<p>
„Ernst macht Krankenbesuche und kommt erst zu Mittag
nach Hause,“ gab Flora gedehnt zur Antwort, die letzte
Frage scheinbar überhörend.
</p>

<pb n='74'/><anchor id='Pgp0074'/>

<p>
„Ach Kinder,“ fuhr sie fort, „ihr glaubt nicht, wie entsetzlich
schwer es ist, die Frau eines Arztes zu sein. An
was muß man sich da nicht alles gewöhnen! Der Beruf ist
furchtbar prosaisch, entbehrt jeder Poesie. Schon allein die
Karbol- und Jodoformgerüche, in welche sich der Arzt hüllen
muß, – puh, unausstehlich!“
</p>

<p>
Sie schnitt bei dem Gedanken an diese verpönten Gerüche
ein wegwerfendes Gesicht und hielt sich unwillkürlich
ihr stark parfümiertes Taschentuch unter die Nase.
</p>

<p>
„O, ich finde sie ein sehr schönes Parfüm, nix rieche
ich lieber als Jodoform und Karbol,“ sagte Nellie ganz
ernsthaft.
</p>

<p>
Entsetzt sah Flora sie an.
</p>

<p>
„Pfui, Nellie! das kann dein Ernst nicht sein,“ rief
sie. „Aber freilich, du warst von jeher eine trockene, nüchterne
Natur, du hättest eigentlich gut zu Ernst gepaßt.“
</p>

<p>
„O ja,“ erwiderte Nellie lächelnd, und aus ihren Grübchen
sah der Schelm hervor, „und ich glaube, du gut zu
mein Alfred, weil er hat ein so fein Verständnis für deine
Poesien.“
</p>

<p>
Ilse freute sich im geheimen über Nellies Schlagfertigkeit,
aber über Floras Gesicht ergoß sich eine brennende
Röte. Sie fühlte den Stich aus Nellies Worten deutlich
heraus, denn noch heute konnte sie Doktor Althoffs Kritik
über ihre Werke nicht verschmerzen. Zugleich hatte Nellie
unbewußt auf eine kleine Schwäche angespielt, die sie noch
immer für ihren früheren Lehrer besaß. Sie antwortete
nicht, sondern verbarg ihren Unmut und wandte sich an
Ilse.
</p>

<p>
„Wie geht es deinem Bräutigam, du glückliches
Menschenkind?“
</p>

<p>
Jetzt war an Ilse die Reihe zum Erröten, und die
Verlegenheit trieb ihr das Blut heiß in die Wangen. Zum
Glück deutete Flora ihr Erröten ganz anders; sie fand es
<pb n='75'/><anchor id='Pgp0075'/>entzückend, reizend, es sollte ihr den Stoff zu einem Gedicht
geben, dessen Titel unbedingt heißen mußte: „Das schämige
Bräutchen.“ Sie fand diese Idee wundervoll, einzig in
ihrer Art, und war so begeistert davon, daß sie laut
ausrief:
</p>

<p>
„Nun sieh mir nur einer das schämige Bräutchen an.“
Und träumerisch vor sich hinblickend, fuhr sie fort: „Ja,
Ilse, die Brautzeit ist die poesievollste des ganzen Lebens.
In süßem Tändeln verfließen die Tage, die angeborene
Rauheit des Mannes liegt da noch gebändigt in den Rosenfesseln
der Liebe, in duftigen Zauber gehüllt vergeht die
Zeit, nur der Körper berührt noch mit flüchtigem Fuß
die profane Erde. Der Geist, das Herz, sie entflohen in
himmlische Gefilde und träumen dort den ewigen Traum
der Liebe, fern vom lauten Getümmel der Welt, der Prosa
des Lebens!“
</p>

<p>
Nellie und Ilse hatten sich bei diesem poetischen Erguß
schon einige Male verständnisinnig angeblickt; aber als
Nellie die letzten Worte Floras mit einem urkomischen Gesicht
begleitete, die Augen schwärmerisch aufgeschlagen und
gen Himmel gerichtet, konnte Ilse ihre Heiterkeit nicht mehr
verbergen und fing zu lachen an. Natürlich stimmte Nellie
mit ein. Flora war empört über den verkehrten Eindruck
ihrer Worte und wütend sah sie die beiden an.
</p>

<p>
„Ihr scheint noch ebenso albern und verständnislos zu
sein wie in der Pension,“ sagte sie erregt. „Ich glaubte
wirklich, Nellie, du wärst als Frau vernünftiger geworden
und du, liebe Ilse, scheinst mir ja eine recht prosaische Braut
zu sein. Mein Gedankenflug war eben zu hoch für euch,
wie ich merke.“ Die letzten Worte betonte sie besonders
und sah dabei die beiden herablassend an.
</p>

<p>
Ilse ärgerte sich über Flora, sie war ganz ernst geworden
und hatte eine Erwiderung auf den Lippen. Aber
Nellie kam ihr zuvor.
</p>

<pb n='76'/><anchor id='Pgp0076'/>

<p>
„Da haben wir unsere Teil,“ sagte sie mit der liebenswürdigsten
Miene, ohne durch Floras Abfertigung im mindesten
aus der Fassung gebracht zu sein. „Florchen, ich
werde mich bessern, damit ich mit dich fliegen kann in deine
hohe schöne Land.“
</p>

<p>
Diese spöttischen Worte erregten Floras Zorn noch
mehr.
</p>

<p>
„Nimm mir nicht übel, Nellie,“ rief sie, „aber in dir
lebt auch nicht ein Funke von Poesie, du ziehst alles in
den Staub und Schmutz herab.“
</p>

<p>
Ilse war außer sich über diese Schmähung ihrer geliebten
Freundin.
</p>

<p>
„Nun ist es aber genug, Flora!“ rief sie heftig, doch
weiter kam sie auch diesmal nicht, denn die Türe wurde
geöffnet, die intelligente Dienstmagd erschien und meldete,
Herr Referendar Lüders wünsche Frau Doktor zu sprechen.
</p>

<p>
Flora schnellte wie <anchor id="corr076"/><corr sic="elekrisiert">elektrisiert</corr> empor.
</p>

<p>
„Wie furchtbar fatal, – Herr Lüders und ich noch in
Morgentoilette. Aber, er ist ja unser Hausfreund. Ich
könnte mich schon so vor ihm zeigen.“
</p>

<p>
Sie trat vor den Spiegel und besah sich musternd,
aber nicht ohne Wohlgefallen.
</p>

<p>
„Was meint ihr?“ fragte sie, „kann ich ihn so empfangen?“
</p>

<p>
„Ich meine nicht,“ antwortete Ilse in ihrer gewöhnlichen
Offenheit. „Es ist doch schon Mittag jetzt, und
dann, denke ich, darf man im Morgenrock überhaupt keine
Herren empfangen.“
</p>

<p>
„So denkt man wohl bei euch auf dem Lande,“ entgegnete
Flora gereizt, indem sie Ilse über ihre Schultern
hinweg einen mitleidigen Blick zuwarf. „Ich muß gestehen,
das nenne ich enge Ansichten. Hätte ich nur meine hochelegante
Matinee an, dann natürlich würde ich Herrn Lüders
sofort empfangen. Sage Herrn Referendar, ich ließe ihn
<pb n='77'/><anchor id='Pgp0077'/>bitten einzutreten, ich würde sofort erscheinen,“ wandte sie
sich zu dem Mädchen, das stumpfsinnig und bewegungslos
an der Türe stand, der Dinge harrend, die da kommen
sollten.
</p>

<p>
„Adieu, Flora, wir müssen gehen,“ sagte Nellie und
erhob sich.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p077.png" rend="w80">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
„Nein, auf keinen Fall! Bitte, bleibt nur noch so lange,
bis ich zurückkomme, bitte,“ bat Flora dringend und verschwand
eiligst, weil die Türe weit aufging und Herr Lüders
erschien. Nellie
wollte mit einem
höflichen
Gruße an ihm
vorbei gehen,
er kam aber
schnell auf sie
zu und machte
ihr eine tiefe
Verbeugung.
</p>

<p>
„Gnädige
Frau,“ sagte er,
„ich bin beglückt,
Sie hier
zu treffen; darf
ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen.“
</p>

<p>
Nellie antwortete kühl.
</p>

<p>
„O, ich danke, ich befinde mich sehr wohl. Ilse,“
wandte sie sich zu dieser, „darf ich dir Herrn Referendar
Lüders vorstellen, – Fräulein Macket.“
</p>

<p>
„Eine große Ehre,“ sagte er verbindlich mit einer
neuen eleganten Bewegung.
</p>

<p>
„Wir wollen uns noch einen Augenblick setzen, bis
Flora kommt,“ sagte Nellie.
</p>

<p>
Ilse bemerkte, daß sie gegen diesen Herrn merkwürdig
<pb n='78'/><anchor id='Pgp0078'/>zurückhaltend war, ganz gegen ihre gewöhnliche liebenswürdige
Art. Er gefiel auch ihr nicht; sie konnte ihn jetzt,
während er sich mit Nellie unterhielt, prüfend betrachten.
Das glatte Gesicht war nicht unschön, aber ausdruckslos,
die hellen blauen Augen erschienen ihr geradezu unangenehm.
Er hatte blonde Haare, blonde Augenbrauen, blonde Wimpern
und vom hellsten Blond war auch das kleine Schnurrbärtchen,
das in zwei steif abstehende und kunstvoll gedrehte
Spitzen auslief. Die Gesichtsfarbe war mädchenhaft zart
und rosig. Ohne daß sie es wollte, drängte sich Ilse der
Vergleich auf zwischen ihm und ihrem Bräutigam. Wie
kraftvoll und energisch war dessen Gestalt gegen die des
zierlichen Herrchens, das keine Spur von Männlichkeit und
Ernst zeigte. Jetzt wandte er sich zu ihr und rückte an
seinem Kneifer, der auf der kleinen, etwas aufgestülpten
Nase keinen rechten Platz finden konnte.
</p>

<p>
„Wie lange weilen gnädiges Fräulein schon in unsern
Mauern?“ fragte er und sah ihr dabei keck ins Gesicht,
daß sie unwillkürlich den Kopf zurückwarf und ihn von oben
herab unnahbar anblickte. Sie fand ihn in diesem Augenblick
unausstehlich, so daß sie sich Mühe geben mußte, seine
Fragen artig zu beantworten, und froh war, als Floras
Eintreten der Unterhaltung ein Ende machte.
</p>

<p>
„Mein lieber Herr Lüders, verzeihen Sie nur, bitte,
bitte, daß ich Sie warten ließ,“ rief sie ihm entgegen mit
kindlich gefalteten Händen und demütigem Augenaufschlag.
</p>

<p>
„Wie könnte ich Ihnen böse sein,“ sagte er mit Nachdruck
und führte ihre Hand an seine Lippen.
</p>

<p>
Flora hatte in großer Eile Toilette gemacht, das sah
man, und ebenso geschmacklos wie vorher, auch das fiel
sofort auf. Die Haare trug sie jetzt hoch aufgetürmt, was
ihren ohnedies großen Kopf noch größer erscheinen ließ.
</p>

<p>
Das schwarze Kleid, das sie trug, war überreich mit
Perlen besetzt, von denen schon viele die Flucht ergriffen
<pb n='79'/><anchor id='Pgp0079'/>und kahle Stellen zurückgelassen hatten. Aber für solche
Kleinigkeiten hatte die geniale Flora keinen Blick und jetzt
besonders nicht, denn ihre Aufmerksamkeit nahm der Referendar
in Anspruch. Er hatte aus seiner Tasche ein
Heft gezogen und überreichte ihr dasselbe.
</p>

<p>
„Ich habe mich an den Kindern Ihrer Muse wahrhaft
ergötzt,“ sagte er, „seit lange habe ich nichts von so tiefem
Inhalt, so poetischem Wert gelesen. Ich bewundre Ihre
Phantasie, Ihren Geist, gnädige Frau.“
</p>

<p>
Flora schwamm in einem Meer von Seligkeit, ihr Gesicht
strahlte, und triumphierend sahen ihre Augen zu den
Freundinnen hinüber.
</p>

<p>
„Seht, es gibt doch noch Menschen, die mich und
meine Werke verstehen,“ schienen sie zu sagen.
</p>

<p>
„Wie freue ich mich, daß Ihnen die kleinen Blümchen,
die ich in dem Gärtchen meiner Poesie pflückte, gefallen,“
sagte sie bescheiden. „Macht es Ihnen Spaß, so gebe ich
Ihnen ein größeres Opus zum Lesen mit, ich bin gerade
damit fertig geworden.“
</p>

<p>
Sie stand auf, es zu holen, und diese Gelegenheit benützte
Nellie und Ilse sich auch zu erheben, um sich zu
verabschieden. Flora hielt sie jetzt auch nicht länger mehr
zurück; es war ihr offenbar ganz erwünscht, daß sie gingen.
Sie küßte beide mit überwallender Zärtlichkeit, trug Nellie
tausend Grüße für den strengen Gebieter und Ilse ebensoviel
an ihren Bräutigam. Als sie von der Türe zurück
ins Zimmer trat, fing sie noch gerade den bewundernden
Blick auf, den Herr Lüders Ilse nachsandte. Das stimmte
ihre gehobene Laune etwas herab.
</p>

<p>
Als Ilse und Nellie schon auf der Treppe waren, fiel
es ersterer ein, daß sie ja einen Schirm mitgebracht hatte.
Sie gingen deshalb zurück, fanden ihn aber nicht mehr auf
dem Platz, wo sie ihn hingestellt hatten.
</p>

<p>
„O, wahrscheinlich hat ihn das saubere Dienstbot
weg<pb n='80'/><anchor id='Pgp0080'/>gestellt, ich werde ihr fragen,“ sagte Nellie und ging in die
Küche, die am Ende des Korridors lag. Gleich darauf rief sie:
</p>

<p>
„Komm, Ilschen, sieh dir mal die kleine Stiefkind von
Flora an, – o, ist es nicht eine süße Baby?“
</p>

<p>
Sie hatte das kleine Wesen schon auf dem Arme, als
Ilse hereintrat, welche als Kinderfreundin, die sie war, das
Kind nun ebenfalls liebkoste und streichelte. Es war ein
reizendes kleines Mädchen von vier Jahren, mit dunklen
Augen und dunklem lockigen Haar. Ängstlich und schüchtern
sah es die beiden an und bog sich bei ihren Liebkosungen
abwehrend zurück, indem sie die Händchen fest gegen Nellies
Brust stemmte.
</p>

<p>
„Bitte, Nellie, gib mir die Kleine nur ein einziges Mal,“
quälte Ilse, „ich mag Kinder so schrecklich gern. Meinen
kleinen Bruder schleppe ich so viel herum, daß Mama oft
schilt, denn sie will nicht, daß er so viel getragen wird. Der
süße kleine Kerl, ob er sich wohl nach mir sehnt, oder mich
schon vergessen hat?“
</p>

<p>
Sie seufzte bei diesen Worten, und in dem sehnsüchtigen
Gedanken an das Brüderchen nahm sie Nellie das
Kind so heftig aus dem Arm und preßte es so stürmisch an
sich, daß es jämmerlich zu schreien anfing und mit Händen
und Füßen die größten Anstrengungen machte, von Ilses
Arm zu kommen. Erschrocken ließ diese es auf den Boden
gleiten, Nellie aber kniete neben ihm nieder und fragte es:
</p>

<p>
„Wie heißt du denn, <hi rend='antiqua'>darling</hi>?“
</p>

<p>
Die Kleine antwortete nicht, weder auf diese noch auf
ihre weiteren Fragen. Sie zog sich in eine Ecke zwischen dem
Tisch und Küchenschrank zurück, und sah sich die beiden mit
trotzig verschlossenen Blicken an. Dem armen kleinen Wesen
fehlte die liebende, sorgende Hand der Mutter. Das fleckige
Kleidchen aus dunklem schwerem Stoff, die schmutzige Schürze
aus grellbuntem Kattun bewiesen, daß ihr Anzug ohne Lust
und Liebe gewählt war.
</p>

<pb n='81'/><anchor id='Pgp0081'/>

<p>
„Arme Baby,“ sagte Nellie leise und sah mitleidig
auf das Kind.
</p>

<p>
„Findest du nicht,“ fragte Ilse, „daß sie Ähnlichkeit
mit unserer süßen Lilli hat? Ihre Augen haben denselben
schwermütigen Ausdruck. Ist Flora denn nicht sehr glücklich
über dieses reizende Kind?“
</p>

<p>
„O, ich glaube nicht,“ meinte Nellie, „es ist nie die
Rede von die kleine Käthe, sie besorgt sich wenig um ihr.
– Nun aber, Ilschen, es ist die höchste Zeit, daß wir
fortgehen, sonst kommt Fred nach Hause und findet mich
abwesend.“
</p>

<p>
Nellie beugte sich zu dem Kinde nieder und griff nach
ihren Händchen, Käthe entzog sie ihr aber schnell und versteckte
sie auf dem Rücken.
</p>

<p>
Als sie über den Vorplatz gingen, hörten sie Floras
laute, etwas weinerliche Stimme; sie schien in lebhafter
Unterhaltung mit Herrn Lüders begriffen zu sein. Auf der
Straße hing sich Nellie an Ilses Arm und lachte mit dem
ganzen Gesicht.
</p>

<p>
„Ein schöner Besuch, nicht wahr, Ilschen?“ fragte sie
heiter. „Wie gefällt dich Flora als Frau und Mutter? Ist
sie nicht noch eine ebenso verschraubte Person wie früher?“
</p>

<p>
<anchor id="corr081"/><corr sic="(Anführungszeichen fehlt">„Noch</corr> schlimmer ist sie geworden,“ stimmte Ilse bei.
„Ich finde sie zu lächerlich! Hast du wohl bemerkt, wie
holdselig sie den Referendar anlächelte, als er ihre Werke
lobte? Und hast du sein spöttisches Gesicht gesehen?“
</p>

<p>
„O, ich habe alles gesehen, <hi rend="antiqua">darling</hi>, ich habe auch eine
scharfe Blick. Dieser Lüders, ich mag ihn gar nicht, er ist
keine Gentleman, er ist nicht richtig.“
</p>

<p>
„Er ist nicht richtig?“ fragte Ilse erschrocken, „hat er
denn schon mal im Irrenhaus gesessen?“
</p>

<p>
„O nein,“ lachte Nellie, „du verstehst mich nicht.“
</p>

<p>
„Ja, aber du sagst doch, er wäre nicht richtig, und das
heißt so viel als: er hat seinen vollen Verstand nicht.“
</p>

<pb n='82'/><anchor id='Pgp0082'/>

<p>
„<hi rend='antiqua'>Darling</hi>, ich meine ja ganz anders, ich <anchor id="corr082"/><corr sic="den e">denke</corr>, er ist
nicht richtig, weil er nicht die Wahrheit sagt.“
</p>

<p>
„Ach so,“ rief Ilse, „nun geht mir ein Licht auf; du
meinst, er ist nicht aufrichtig?“
</p>

<p>
„Ja, ja,“ bestätigte die junge Frau, „so heißt das
Wort, der ich nicht finden konnte.“
</p>

<p>
Dieses Mißverständnis belustigte beide aufs höchste,
sie kamen immer wieder darauf zurück und mußten immer
von neuem darüber lachen. In heiterster Laune langten sie
zu Hause an.
</p>

<p>
„Herr Doktor ist schon lange da,“ empfing sie das Mädchen.
</p>

<p>
„O weh,“ flüsterte Nellie, „da haben wir die Zeit verfehlt.
Wie viel ist denn die Uhr, ich habe kein Begriff.“
</p>

<p>
„Gleich zwei Uhr,“ berichtete das Mädchen. „Der Herr
Doktor hat schon oft nach den Damen gefragt.“
</p>

<p>
Auf dem Vorplatz kam ihnen Nellies Mann entgegen,
und man sah es ihm an, daß ihn die Ungeduld unwillig
gemacht hatte.
</p>

<p>
„Wo bleibst du denn so lange?“ fragte er verstimmt,
„ich warte nun schon seit ein Uhr auf dich. Du weißt doch,
liebes Kind, daß ich die Pünktlichkeit liebe und es vor allen
Dingen nicht in der Ordnung finde, wenn die Frau ihren
Mann warten läßt.“
</p>

<p>
Er hatte Ilse nicht bemerkt, die sich bei seinen Worten
ängstlich hinter einem Kleiderschrank versteckt hielt, und
glaubte wohl, daß sie schon in ihr Zimmer gegangen wäre.
Sie blieb in ihrem Versteck, bis das Ehepaar fortgegangen
war, und huschte dann in ihr Stübchen.
</p>

<p>
„Das war aber stark,“ sagte sie vor sich hin, „das
hätte mir mein Mann nicht bieten dürfen; ich hätte mir
das nicht so ruhig gefallen lassen. Es war doch recht dumm
von Nellie, daß sie ihm keine Antwort gab.“
</p>

<p>
Das Mädchen unterbrach sie in ihrem Selbstgespräch
und rief sie zum Mittagessen.
</p>

<pb n='83'/><anchor id='Pgp0083'/>

<p>
„Das wird ein heiterer Mittag werden,“ dachte Ilse,
„Doktor Althoff ist schlechter Laune und Nellie doch sicherlich
auch nach diesem Empfang.“
</p>

<p>
Zögernd trat sie ins Eßzimmer. Doktor Althoff stand
am Fenster und trommelte gegen die Scheiben. Er drehte
sich bei ihrem Gruße nur flüchtig um und nickte ihr zu.
Nellie stand schon am Tisch und füllte die Suppe auf.
</p>

<p>
„Kommt, Ilschen und Fred, wir wollen essen,“ rief sie
freundlich und setzte ihnen die dampfenden Teller hin. Doktor
Althoff war, wie Ilse richtig vermutet hatte, in übler Laune.
Er aß schweigend, und für Nellies Fragen hatte er nur einsilbige
Antworten. Erstaunt sah Ilse, daß Nellie sich durch
sein Benehmen nicht stören ließ und gleichmäßig freundlich
blieb. Sie verstand die Freundin nicht. Sie würde im
gleichen Falle einfach vom Tisch aufgesprungen und hinausgegangen
sein. Aber auch noch ein freundliches Gesicht
machen, wie Nellie es tat, das würde sie auf keinen Fall
vermocht haben.
</p>

<p>
Das Mittagsmahl verlief wenig gemütlich für die drei.
</p>

<p>
Ilse, durch Althoffs Schweigsamkeit eingeschüchtert,
wagte kaum ein Wort zu sagen, nur Nellie war wie sonst,
man sah ihr auch nicht den leisesten Unmut an.
</p>

<p>
Als der Tisch abgeräumt war, sollte wie gewöhnlich
der Kaffee in Doktor Althoffs behaglichem Arbeitszimmer
getrunken werden.
</p>

<p>
„Lieber Fred, der Kaffee ist fertig,“ sagte Nellie,
„wollen wir nicht trinken?“
</p>

<p>
Er zog seine Uhr heraus.
</p>

<p>
„Nein, es ist schon viel zu spät,“ entgegnete er kurz.
„Ich kann keinen Kaffee mehr trinken; es ist höchste Zeit,
daß ich gehe. Adieu.“
</p>

<p>
Ohne Ilse die Hand zu reichen und Nellie den üblichen
Abschiedskuß zu geben, ging er fort. Ilse sah, wie der
jungen Frau eine heiße Blutwelle ins Gesicht stieg und ihre
<pb n='84'/><anchor id='Pgp0084'/>Augen sich mit Tränen füllten. Sie näherte sich ihr voller
Mitleid und umschlang sie. Aber Nellie schob sie sanft zurück
und eilte ihrem Gatten nach. Sie macht sich rein zu seiner
Sklavin, dachte Ilse erbittert. Nun bittet sie ihn wohl gar
noch um Verzeihung; ich begreife sie einfach nicht.
</p>

<p>
Nach kurzer Zeit kam Nellie zurück, und in ihrem vergnügten
Gesicht sah man keine Spur von Erregtheit mehr.
Sie nahm Ilse gegenüber Platz, welche am Fenster saß.
</p>

<p>
„Arme Ilse,“ sagte sie schelmisch, „du hast dir heute
mittag gewiß recht gemopst mit uns langweilige Menschen;
sei nicht böse.“
</p>

<p>
„Wie sollte ich böse sein, Nellie? Ich fasse nur nicht –“
hier stockte sie und sprach nicht weiter.
</p>

<p>
„Was fassest du nicht?“ fragte Nellie.
</p>

<p>
„Nun, ich fasse nicht,“ sagte Ilse, „wie du dir so viel
gefallen lassen kannst von deinem Manne. Das ist mir rein
unbegreiflich.“
</p>

<p>
„Du bist noch eine kleine unverständliche Person,“ gab
Nellie zur Antwort. „Du wirst auch noch lernen zu schweigen,
wenn dein Mann mal bös ist.“
</p>

<p>
„Das werde ich nie, niemals!“ beteuerte Ilse lebhaft.
</p>

<p>
„Du wirst,“ fiel ihr Nellie entschieden ins Wort. „Fred
hat oft viel Ärger mit die Jungens in der Schule und wenn
er nach Hause kommt, darf ihn sein kleine Frau nicht auch
ärgern. Heute hat er so große Verdruß gehabt, das arme
Mann. Du bist noch so jung, Kindchen, du verstehst noch
nix von die Ehe, von das Benehmen der Frau gegen ihre
Mann.“
</p>

<p>
Ilse lachte! „Das ist himmlisch! Du bist gerade zwei
Jahre älter als ich und tust immer, als wenn du meine
Großmutter wärst.“
</p>

<p>
„O, ich habe Erfahrung,“ rief Nellie, „und kenne die
Welt mit die Menschen besser als du, Baby.“
</p>

<p>
„Ja, du bist meine einzige kluge Nellie,“ sagte Ilse,
<pb n='85'/><anchor id='Pgp0085'/>sie umschlingend. „Aber wenn dein Mann mal wieder böse
gegen dich ist, bekommt er es mit mir zu tun.“
</p>

<p>
Nellie hatte sie durch ihre Worte zwar nicht bekehrt,
und sie gab ihr nicht recht, denn sie wollte nicht die Sklavin
ihres Mannes werden, aber im Grunde ihres Herzens bewunderte
sie doch die Freundin und ihre Selbstbeherrschung.
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<p>
Seit dem Besuche bei Flora war wieder eine Woche
verstrichen. Das Doktorpaar hatte schon nach einigen Tagen
einen Gegenbesuch gemacht, und Floras Mann hatte Ilse
außerordentlich gut gefallen. Er war klug und liebenswürdig
und hatte ein ruhiges, sicheres Benehmen. Bei Floras überschwenglichem
Unsinn schwieg er meistens, und es erschien
dann in seinem Gesicht ein Ausdruck, als ergebe er sich in
das Unvermeidliche, das zu ändern er aufgegeben hatte.
</p>

<p>
„Wie kam nur der nette Mann dazu, sich in Flora zu
verlieben, Nellie?“ fragte Ilse. „Ich begreife das nicht.“
</p>

<p>
„O,“ meinte diese, „Florchen wird sein Herz mit ihre
schöne Liebesgedichte gefangen haben. Wir müssen ihr gelegentlich
über ihre Verlobung ausforschen. Mich tut der
arme Mann leid und die kleine Baby; Flora macht ihnen kein
Glück, weil sie nichts wie dummes Zeug im Kopf hat.“ –
</p>

<p>
An einem Sonntagmorgen saß das junge Althoffsche
Ehepaar mit Ilse gemütlich am Kaffeetisch, als das Mädchen
einen Brief für Nellie hereinbrachte.
</p>

<p>
„Eine große Neuigkeit!“ rief sie, als sie ihn gelesen
hatte. „Ratet, ich sage nix,“ und geheimnisvoll sah sie zu
Ilse hinüber, deren Blicke ängstlich fragend auf ihr ruhten.
Was mochte der Brief für eine Nachricht enthalten, von wem
mochte er sein? Ihr Herz pochte in heftigen Schlägen, und
wieder tauchte die Hoffnung in ihr auf: es ist vielleicht eine
Nachricht von ihm, und er meldet sein Kommen an. Die
erwartungsvolle Aufregung, in der sie die erste Zeit hier
<pb n='86'/><anchor id='Pgp0086'/>verbracht hatte, war nach und nach einer bitteren Ruhe gewichen.
Sie zerfloß nicht mehr in leidenschaftlichen Tränen,
wenn Briefe von den Eltern eintrafen, die nichts von Leo
enthielten, und sie schreckte auch nicht mehr bei jedem Klingeln
zusammen. Nur abends, wenn sie im Bette lag, scheuchten
noch häufig angstvolle Gedanken den Schlaf von ihren müden
Lidern, und sie wälzte sich dann manchmal ruhelos auf ihrem
Lager umher. Schwarz wie die Nacht erschien ihr dann die
Zukunft, sie kam sich einsam und verlassen vor und schlief
unter Tränen ein. –
</p>

<p>
Ilse wagte nicht, Nellie, welche sich mit ihrem Manne
herumneckte, nach dem Inhalt der Karte zu fragen.
</p>

<p>
Doktor Althoff, der nach langem Hin- und Herraten,
das ihm jedesmal ein lakonisches „Falsch“ von seiner Frau
eingetragen hatte, ungeduldig geworden war, nahm schließlich
Nellie den Brief aus der Hand.
</p>

<p>
„O, was seid ihr Männer neugierig,“ sagte sie lachend.
Er las den Brief und warf ihn dann auf den Tisch.
</p>

<p>
„Wenn es weiter nichts ist,“ sagte er mit enttäuschter
Miene, „ich dachte Wunder, was der Brief enthielte! Also
Pastors wollen uns heute besuchen, das ist die ganze
interessante Neuigkeit. Na, das wird einen heiteren Sonntag
geben,“ setzte er mit sauersüßer Miene hinzu.
</p>

<p>
Ilse hatte gespannt auf jedes seiner Worte gelauscht,
sie war von neuem enttäuscht, und doch löste es sich wie
ein Alp von ihrer Brust.
</p>

<p>
„Ilschen,“ wandte sich Nellie jetzt zu ihr, „die artige
Rosi mit ihre Pfarrersmann wird uns heute besuchen.
Freust du dich nicht?“ Sie nahm den Brief wieder an
sich und las ihn nochmals. „Durch Flora hat Rosi von
dein Hiersein gehört und freut sich riesig dich wiederzusehen,“
teilte sie Ilse mit. „Sie fahren mit der Kutsche, schreibt
mich Rosi, um acht Uhr von den Dorf weg; wann sind sie
also hier, Fred?“
</p>

<pb n='87'/><anchor id='Pgp0087'/>

<p>
Sie mußte ihre Frage wiederholen, denn er las in
der Zeitung und hatte nicht zugehört.
</p>

<p>
„Um acht Uhr fahren sie fort,“ berechnete er, – „vielmehr
sind sie fortgefahren, da werden sie gegen elf Uhr
hier sein.“
</p>

<p>
„O, dann haben wir noch viele Zeit,“ meinte Nellie,
„dann können wir in Ruhe Vorbereitungen zu Ehrwürdens
Empfang machen. Hilfst du mir, Ilschen?“
</p>

<p>
„Natürlich, Nellie! Ich bin riesig gespannt, Rosi
wiederzusehen. Sie ist gewiß eine unterwürfige Frau, eine
demütige Magd, wie sie im Buche steht, geworden.“
</p>

<p>
Die Kaffeestunde wurde heute abgekürzt, denn Nellie
mußte für das Frühstück und Mittagsmahl sorgen. Geschäftig
eilte sie mit dem Schlüsselkörbchen klappernd hin
und her, bald war sie in der Küche, bald im Zimmer.
Jetzt kam sie mit einem Pack Tischzeug herein, legte dasselbe
auf den Eßtisch und fing an zu decken. Ilse stand
mit verschränkten Armen daneben und sah ihr zu.
</p>

<p>
„Nellie, weißt du noch, wie ungeschickt ich mich in der
Pension benahm, als ich zum ersten Male den Tisch decken
sollte? Jetzt mache ich solche ‚Dienstbotenarbeiten‘ ganz
gern; so geschickt wie du bin ich natürlich noch nicht und
werde es auch nie sein.“
</p>

<p>
„O, <hi rend='antiqua'>darling</hi>,“ erwiderte Nellie, „wenn du erst ein
kleines Hausfrau bist, wirst du alles schön machen, viel
schöner als ich es –“
</p>

<p>
Ilse ließ sie den Satz nicht beenden. Das Wort Hausfrau
hatte sie peinlich berührt und machte sie verlegen.
„Nein,“ rief sie schnell, „nie, nie! Ich bin ein ungeschicktes,
plumpes Bauernmädchen gegen dich.“
</p>

<p>
„O, o,“ sagte Nellie, indem sie bei diesen übertriebenen
Worten erstaunt aufblickte, „wie kannst du dich unterstehen,
eine liebe Freundin von mir so schlecht zu machen, das verbitte
ich mich. Komm, hier hast du eine Obstschale und
<pb n='88'/><anchor id='Pgp0088'/>hier den Obst von dem Büffet. Da sind auch einige Weinblätter
noch, du mußt ihr malerisch zwischen die Früchte
gruppieren.“
</p>

<p>
„Ich will versuchen, ob ich die Blätter malerisch
gruppieren kann,“ lachte Ilse.
</p>

<p>
„O du kannst,“ entschied Nellie, „du hast ein groß
malerisch Sinn.“
</p>

<p>
Der Frühstückstisch war fertig, und die Obstschale
prangte in der Mitte. Nellie überschaute alles noch einmal
mit prüfendem Blicke.
</p>

<p>
„Wir haben unser Sach gut gemacht,“ sagte sie befriedigt
zu Ilse, „wir dürfen uns dieser Lob spenden. Vor
artig brave Rosi dürfen wir uns aber auch keine Bloßheit
geben.“
</p>

<p>
„Das ist klassisch: Bloßheit geben. Blöße meinst du
wohl, Nellie?“ verbesserte Ilse heiter. „Du hast oft Ausdrücke
zum Totlachen, aber sie klingen in deinem Munde
furchtbar niedlich und süß!“
</p>

<p>
„O, du furchtbar niedliches Ilsekind,“ neckte Nellie,
„du mußt nicht über mich lachen, wenn ich falsch spreche,
du mußt mir ausbessern.“
</p>

<p>
Es war eine kleine Koketterie von der jungen Frau,
daß sie sich oft nicht die Mühe gab, die richtigen Worte
zu finden, weil sie genau wußte, wie drollig und komisch
es klang, wenn sie so gebrochen deutsch sprach.
</p>

<p>
Nellie verschwand jetzt eiligst, um ihren hellblauen
Morgenrock mit einem Hauskleide zu vertauschen.
</p>

<p>
„Du mußt mir rufen, wenn du den Wagen kommen
hörst,“ rief sie Ilse noch zu, die sich ans Fenster gesetzt
hatte und nun nachdenklich auf die Straße hinabschaute.
</p>

<p>
Mit gemischten Empfindungen sah sie Rosis Ankunft
entgegen. Sie freute sich, die Pensionsfreundin wiederzusehen,
aber der Gedanke, daß sie wieder peinliche Fragen
nach ihrem Verlobten über sich ergehen lassen müsse, wie
<pb n='89'/><anchor id='Pgp0089'/>bei Flora, beunruhigte sie schon im voraus. Sie kam sich
wie eine Schuldige vor, die ihre Schuld vor der Welt verbergen
mußte, und dieses Gefühl war ihr schrecklich. Gegen
elf Uhr hörte sie fernes Wagenrollen und schnell rief sie
nun die Freundin herbei.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p089.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
„Das Landpastorkutsch erregt große Aufsicht,“ sagte
Nellie und wies auf die Fenster der Nachbarhäuser, die
mit Neugierigen besetzt waren, welche das herannahende
Wagengebäude in Augenschein nehmen wollten. Langsam
bewegte sich dasselbe vorwärts und unterbrach jäh die sonntägliche
Stille durch das Gerassel, welches es auf dem
holperigen Straßenpflaster verursachte. Zwei schwerfällige
dicke Gäule wurden von dem Kutscher durch Zureden und
Peitschenhiebe angetrieben, ohne daß es ihm gelungen wäre,
sie aus ihrem Phlegma aufzurütteln. In unregelmäßigen
Schwankungen bewegte sich der große, über und über mit
Schmutz bedeckte Wagen, dessen ehrwürdiges Alter nicht zu
verkennen war, vorwärts; die einstmals wahrscheinlich blauen,
jetzt bis zur Unkenntlichkeit verschossenen Gardinen waren
zugezogen, und umsonst reckten sich die Hälse der Neugierigen
krampfhaft aus, in dem Bemühen die Insassen zu sehen.
Diejenigen, welche dem Althoffschen Hause gegenüber und
<pb n='90'/><anchor id='Pgp0090'/>dicht daneben wohnten, harten es bequemer; denn als der
Wagen hielt, konnten sie ohne Genickverrenkung erkennen,
wer ihm entstieg.
</p>

<p>
Also Althoffs bekommen Besuch, das war ja höchst
interessant! Leider konnte man seine Neugierde nicht
genügend befriedigen, denn die zwei Personen, welche den
Wagen verließen, wurden nicht, wie man erwartet hatte,
draußen an der Pforte in Empfang genommen, sondern
verschwanden sogleich hinter der Haustüre. Man hätte sich
die beiden so gern erst genauer betrachtet, gerne gewußt,
welches Kleid die Dame unter ihrem Mantel trug, und den
Schnitt desselben geprüft. Auch konnte man unter dem
dichten Schleier, den sie vor das Gesicht gezogen hatte, nicht
erkennen, ob sie jung oder alt, hübsch oder häßlich war.
Kurz und gut, man war enttäuscht, wie die verwitwete Frau
Sekretär, welche Althoffs gegenüber wohnte, durch das
ärgerliche Zuschlagen ihres Fensters deutlich bewies.
</p>

<p>
„Komische Moden führt die junge Frau da drüben
ein,“ sagte sie zu ihrer verblühten Tochter. „Bisher war
es Sitte, daß man seinen Gästen entgegenging; wie unpassend,
ihnen nicht mal beim Aussteigen behilflich zu sein!
Na, wie ich das finde!“ Sie begleitete ihre Worte mit
einem mißbilligenden Kopfschütteln und setzte sich wieder an
ihren Nähtisch.
</p>

<p>
„Ja, das kommt mir auch merkwürdig vor,“ pflichtete
das älteste Mädchen bei. <anchor id="corr090"/><corr sic="(Anführungszeichen fehlt)">„Übrigens</corr> kann es uns ja ganz
egal sein, was die da drüben machen und tun.“
</p>

<p>
Und doch war es ihr nicht gleichgültig, was „die da
drüben“ taten, denn sie war eine scharfe Beobachterin ihres
Gegenüber. Das glückliche junge Ehepaar weckte so oft
ein geheimes Sehnen in ihrem Herzen, mancher Seufzer
entstieg dann ihrer Brust und voll Bitterkeit dachte sie, daß
ihr, der alten Jungfer, niemals ein solches Glück erblühen
würde. –
</p>

<pb n='91'/><anchor id='Pgp0091'/>

<p>
Drüben war die Begrüßung vorüber, und Althoffs
saßen mit ihren Gästen bereits am Frühstückstisch. Die
beiden Ehepaare waren im lebhaften Gespräch, und Ilse
hatte daher Muße, sich ihre Schulfreundin und deren Mann
gründlich zu betrachten. „Genau, wie sie Nellie geschildert
hat,“ dachte sie in ihrem Innern. Rosi hatte sich wenig
verändert, nur strenger waren ihre Züge geworden, und
die Haare glänzten vielleicht noch heller als früher in ihrer
Glätte. Tadellos wie immer war ihre Haltung und von
fast klösterlicher Einfachheit ihr Anzug. Das schwarze Kleid
sah doch recht trist und altmodisch aus, und wie steif war
der weiße Strich am Kragen, den die goldene Brosche zusammenhielt,
welche schon in der Pension aller Entsetzen
gewesen war. Auch der Herr Pastor im langen, schwarzen,
tabakduftenden Rock wurde von Ilse einer eingehenden
Prüfung unterworfen, ihrem scharfen Blick entging nichts.
In dem gutmütigen Gesicht berührte ein liebenswürdiger
Zug äußerst angenehm, aber über den schüchternen Ausdruck
in seinen blauen Augen mußte Ilse unwillkürlich lächeln.
Und wie unbeholfen waren seine Bewegungen, als er sich
jetzt mit der Hand über seine dünnen blonden Haare strich
und dann die goldene Brille zurecht rückte.
</p>

<p>
Rosi riß Ilse endlich aus ihren Betrachtungen.
</p>

<p>
„Liebe Ilse,“ sagte sie freundlich, „ich freue mich, dir
nun mündlich noch zu deiner Verlobung gratulieren zu
können. Ich nehme den wärmsten Anteil an deinem Glück.
Wann heiratet ihr denn?“
</p>

<p>
„O, noch lange nicht,“ stieß Ilse hervor und wurde
blutrot, denn sie bemerkte, daß der Pastor bei diesem Gespräch
zu ihr herüber blickte, wahrscheinlich wollte auch er
seinen Glückwunsch hinzufügen. O, diese Wünsche für ihr
Glück erschienen ihr wie der bitterste Hohn, und die Heuchelei,
die Verstellung, mit der sie dieselben hinnehmen mußte,
widerstanden ihrer ehrlichen Natur.
</p>

<pb n='92'/><anchor id='Pgp0092'/>

<p>
„Ach, ich dachte, ihr würdet schon bald heiraten!
Nellie, sagtest du mir nicht, die Hochzeit sollte im Frühjahr
oder Sommer sein?“ fing Rosi das peinliche Verhör
wieder an.
</p>

<p>
Ilse saß wie auf Kohlen, verstohlen blickte sie zu Nellie
hinüber, welche diesen flehenden Wink auch verstand und
ihr zu Hilfe kam. Rosis Frage scheinbar überhörend, nahm
sie eifrig einen Teller mit Aufschnitt vom Tisch und reichte
ihr denselben hin.
</p>

<p>
„Bitte, iß noch, Rosi,“ nötigte sie lebhaft, „denn wenn
wir nachher in der Stadt umherlaufen und Besorgungen
machen wollen, mußt du dir erst tüchtig satt essen.“
</p>

<p>
„Ja, liebe Frau,“ wandte sich der Pastor jetzt an sie,
„was meinst du, ich denke, du machst deine Besorgungen
mit Frau Doktor und Fräulein Ilse, und wir treffen uns
nachher im Ratskeller, wo wir beiden Herren einen Frühschoppen
trinken wollen.“
</p>

<p>
Rosi sah ihren Mann mit so erstaunten Augen an,
daß er ganz verlegen wurde, sich einige Male räusperte, wobei
er die Fingerspitzen auf den Mund legte und schließlich
nach einer kleinen Pause die Worte hervorstotterte:
</p>

<p>
„Doktor Althoff machte mir nämlich den Vorschlag.“
</p>

<p>
„Frau Pastorin,“ fiel dieser ihm in die Rede, „Sie
haben wirklich einen ganz durchtriebenen Gatten. Jetzt
schiebt er alle Schuld auf mich, während er es war, der
mich zum Frühschoppen verleiten wollte.“
</p>

<p>
Rosi verzog bei diesem Scherz keine Miene.
</p>

<p>
„Ich denke, wir bleiben besser zusammen,“ sagte sie
entschieden zu ihrem Mann, „und dann, du weißt doch, in
Wirtshäuser gehe ich grundsätzlich nicht.“
</p>

<p>
Ilse sah verwundert zu ihr hin. War das denn die
sanfte, fügsame Rosi von früher?
</p>

<p>
„O,“ rief Nellie, „du armes Rosi, wie bedaure ich dir,
denn in der Kneip ist es zu schön. Oft gehe ich mit Fred
<pb n='93'/><anchor id='Pgp0093'/>und einige gute Freunde ins Wirtshaus, und dann trinken
wir Bier zusammen. O, das ist fein! Und das Comment
hat mir Fred auch gelehrt, ich kann es gut – paß auf!“
</p>

<p>
Sie sah Rosi mit schelmischer Herausforderung an,
erhob ihr Glas und hielt es dem Pastor entgegen.
</p>

<p>
„Herr Pastor, trinken Sie auf mein Wohl, dann
werde ich mir <hi rend='antiqua'>a tempo</hi> löffeln,“ rief sie lustig.
</p>

<p>
Er wurde über und über rot wie ein junges Mädchen,
aber dem lieblichen Gesicht der jungen Frau konnte er nicht
widerstehen. Er nahm sein Glas und stieß mit ihr an.
Er wollte auch etwas sagen, aber das Wort blieb ihm in
der Kehle stecken, als er einen verstohlenen Blick auf seine
Frau warf.
</p>

<p>
Sie stimmte nicht mit ein in das fröhliche Lachen Althoffs
und Ilses, sondern richtete sich noch steifer auf, und
ihre Züge blieben unbeweglich. In ihrem Innern dachte
sie mit Unwillen: „Nellie ist doch recht burschikos.“
</p>

<p>
„Ich denke, wir brechen jetzt auf, lieber Adolf,“ sagte
sie sanft aber bestimmt und stand auf. „Wir haben eine
Menge Besorgungen; es möchte sonst zu spät werden.“
</p>

<p>
Die andern erhoben sich pflichtschuldigst.
</p>

<p>
„Kommen Sie mit in mein Zimmer, Herr Pastor,“
sagte Althoff. „Bis die Damen fertig sind, wollen wir eine
Zigarre rauchen.“ Der Pastor begrüßte diese Aufforderung
mit großer Freude, denn er fürchtete jetzt ein Alleinsein mit
seiner Frau.
</p>

<p>
Nellie war in die Küche gegangen, um für das Mittagessen
noch einige Anordnungen zu treffen. Ilse hatte Rosis
Sachen vom Vorplatz hereingeholt und belustigte sich nun
über die Umständlichkeit, mit der die Frau Pastorin ihren
Hut vor dem Spiegel aufsetzte.
</p>

<p>
Sie war doch noch ganz die pedantische Rosi aus der
Pension! Die Bänder des Kapothutes wurden zu einer
streng symmetrischen Schleife zusammen gebunden, dann
<pb n='94'/><anchor id='Pgp0094'/>feuchtete sie die Fingerspitzen mit der Zunge an und strich
mit denselben über den Scheitel, damit jedes sich vorwitzig
hervordrängende Härchen in seine Schranken zurückgewiesen
wurde. Eine innere Unruhe ergriff Ilse bei diesen Anstalten.
Wie konnte man nur beim Anziehen so langweilig sein.
Wenn sie sich ihren Hut aufsetzte, blickte sie nur flüchtig in
den Spiegel, um zu wissen, ob er schief oder gerade saß,
und damit Punktum! Endlich war Rosi fertig, und die
Reise konnte nun losgehen.
</p>

<p>
Als alle zum Ausgehen gerüstet auf dem Vorplatz
standen, nahm Rosi eine Tasche vom Kleiderständer herunter
und hing sie sich über den Arm.
</p>

<p>
„O, dieses entsetzliche Tasch nimmt sie mit,“ flüsterte
Nellie Ilse zu und betrachtete das Ding mit mißtrauischen
Augen.
</p>

<p>
Schön war die Tasche nicht, das konnte man nicht behaupten,
aber desto größer, von grober grauer Leinwand,
worauf mit lila Wolle in Kettenstich die Worte gestickt
waren: „<hi rend='antiqua'>Bon voyage</hi>“.
</p>

<p>
„Willst du den Sack mitnehmen, Rosi!“ machte Nellie
ihren Gefühlen Luft. „Du brauchst nicht,“ fügte sie freundlich
hinzu, „die Kaufleute schicken gern alle Ware ins Haus.“
</p>

<p>
„Einen Sack brauchst du diese Tasche nun nicht gerade
zu nennen, Nellie, wenn du sie auch nicht schön findest,“
erwiderte Rosi gereizt und zog die Geschmähte noch fester
über ihren Arm.
</p>

<p>
„O, sei nicht böse, ich kenne in der deutsche Sprach
noch oft nicht die richtige Worte“, entschuldigte sich die junge
Frau, und der Schalk lachte aus ihren Augen.
</p>

<p>
„Das scheint so,“ meinte Rosi kühl und ging voran.
</p>

<p>
Verschiedene Einkäufe waren schon besorgt und die
Pakete in die verpönte Tasche gewandert, die sich behaglich
in die Weite und Breite dehnte.
</p>

<p>
„Hier möchte ich noch eine Arbeit für meinen Mann
<pb n='95'/><anchor id='Pgp0095'/>zu Weihnachten kaufen,“ sagte Rosi leise zu den beiden
Freundinnen und blieb vor einem Stickereiladen stehen.
</p>

<p>
„Lieber Adolf,“ wandte sie sich zu ihrem Manne, „du
bleibst wohl hier so lange vor dem Laden stehen; ich möchte
etwas kaufen, was du nicht sehen sollst. Sei auch so gut
und halte die Tasche so lange.“
</p>

<p>
Sie wollte ihm damit die lila ‚<hi rend='antiqua'>bon voyage</hi>‘ in die
Hände geben, aber Ilse riß sie ihm fast fort. Sie fand
Rosis Zumutung ihrem Manne gegenüber empörend.
</p>

<p>
„Bitte, Herr Pastor, lassen Sie mir die Tasche,“ bat
sie, als er sie ihr fortnehmen wollte, „es würde doch zu
lächerlich aussehen, wenn Sie das Ding hielten.“
</p>

<p>
„Sie sind zu gütig,“ stammelte der Pastor, „aber Rosi
möchte doch gern, daß ich die Tasche hielte; bitte, geben Sie.“
</p>

<p>
Ilse war jedoch schon hinter der Ladentüre verschwunden
und gesellte sich zu Nellie und Rosi, welche bereits eifrig
mit dem Ladenfräulein verhandelten.
</p>

<p>
Hilflos sah ihr der Pastor nach.
</p>

<p>
„Ob es Rosi wohl recht ist, daß ich die Tasche hergab?“
sagte er halblaut, und sein ängstlich fragendes Gesicht war
so komisch, daß sich Doktor Althoff abwenden mußte, um
nicht laut aufzulachen.
</p>

<p>
„Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen,“ sagte
Althoff, als sie eine Weile gewartet hatten, „die Damen
scheinen lange zu wählen; ich kenne das schon von meiner
Frau her.“
</p>

<p>
„Wenn Sie meinen, Herr Doktor,“ entgegnete der
Pastor zaghaft. „Nun ja, wie Sie wollen. Ich hoffe jedoch,
die Damen werden bald fertig sein.“
</p>

<p>
Er trat an die Ladentüre heran und sah durch das
Fenster. Die drei Damen schienen noch nicht ans Fortgehen
zu denken. Auf dem Ladentische vor ihnen lag eine unendliche
Menge Sachen ausgebreitet, unter denen die Wahl
recht schwierig sein mochte, denn sie wanderten von Hand
<pb n='96'/><anchor id='Pgp0096'/>zu Hand und wurden eingehend besichtigt, worauf die drei
Köpfe zu einer eifrigen Beratung dicht zusammenrückten.
Der Pastor überzeugte sich, daß die Damen wohl noch lange
nicht fertig sein würden, und ging deshalb auf Althoffs
Vorschlag ein. Langsam spazierten die beiden Herren auf
und ab und jedesmal, wenn sie an dem Laden vorbei
kamen, warf der Pastor forschende Blicke in das Innere
desselben.
</p>

<p>
„Es dauert recht lange, bis die Damen fertig sind,“
meinte er.
</p>

<p>
„Ja,“ lachte Althoff, „das kenne ich schon, wenn
Frauen einkaufen, muß man Geduld haben. Übrigens da
fällt mir ein, ich möchte Ihnen gern das Rathaus zeigen,
dessen Renovierung jetzt sehr fortgeschritten ist. Es wird
wirklich hübsch, kommen Sie.“
</p>

<p>
Er faßte den Pastor unter den Arm und zog den halb
Widerstrebenden mit sich fort.
</p>

<p>
„Ja, ich sähe es gern, aber Verehrtester, wenn wir
dann unsre Frauen nur nicht verfehlen.“
</p>

<p>
„Aber ich bitte Sie, in diesem kleinen Nest kann man
sich ja gar nicht verfehlen.“
</p>

<p>
Nach einigem Zögern willigte der Pastor ein.
</p>

<p>
Das alte Rathaus im neuen Schmuck gefiel ihm und
mit Interesse betrachtete er alle Giebel und Türmchen des
gotischen Baues.
</p>

<p>
„Und innen müssen Sie es auch besichtigen,“ sagte der
Doktor, „die Vorhalle ist sehenswert. Jetzt sind die Fresken
an den Wänden auch bis auf einen kleinen Teil fertig.“
</p>

<p>
Sie stiegen die Steintreppe empor, betraten den mit
Fliesen ausgelegten Fußboden der großen Vorhalle, unterwarfen
die neuen Gemälde einer eingehenden Kritik und
schritten dann weiter. Die ausgebauten Erker mit den
Butzenscheiben und den Holzbänken ringsherum waren nicht
verändert und die bis zur Hälfte der Höhe mit Eichenholz
<pb n='97'/><anchor id='Pgp0097'/>getäfelten Wände hatte der Pastor auch schon früher bewundert.
Nur auf den Gesimsen, die mit alten Krügen
und Gläsern besetzt waren, entdeckte er manches noch nicht
gesehene Stück und blieb davor stehen. Althoff kam es
vor, als betrachte er die schweren Humpen nicht einzig und
allein mit dem Interesse des Kunstkenners, und da er sich
dabei auf seinen
eigenen durstigen
Gedanken ertappte,
fragte er
scherzend:
</p>

<p>
„Was meinen
Sie, Herr Pastor,
wollen wir nicht
einen solchen Humpen
auf das Wohl
unserer Frauen
leeren?“
</p>

<p>
Erschrocken sah
sich der Angeredete
um.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p097.png" rend="w60">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
„Wir haben es
hier nämlich sehr
bequem,“ fuhr
Doktor Althoff fort, „wir brauchen nur diese kleine Treppe
hinunterzugehen und können uns unten an einem herrlichen
Frühschoppen laben.“
</p>

<p>
Der Pastor stand noch immer unschlüssig da.
</p>

<p>
„Ja, aber meine Frau,“ warf er ein, „sie weiß dann
nicht, wo ich geblieben bin, und darum möchte ich es lieber
nicht tun.“
</p>

<p>
„Ich schicke einen Kellner mit einem Zettel nach dem
Laden, wo die Damen sicher noch sind,“ beschwichtigte ihn Althoff,
„kommen Sie nur. Es gibt hier ein famoses Spatenbräu.“
</p>

<pb n='98'/><anchor id='Pgp0098'/>

<p>
„So?“ sagte der Pastor und zeigte sich bei dieser
verlockenden Aussicht schon geneigter, mitzugehen; „ach ja,
gutes Bier habe ich lange nicht getrunken. Wir trinken
abends stets Tee.“
</p>

<p>
Dabei fiel ihm seine Frau wieder ein, und er war
wieder voll Zweifel, ob er mitgehen sollte.
</p>

<p>
„Wenn es meiner Frau nur recht ist,“ sagte er unentschlossen.
</p>

<p>
„Ihre Frau Gemahlin wird sich freuen, daß ich Sie
zu einem Glas Bier überredet habe.“
</p>

<p>
„Nun ja denn, vielleicht freut sie sich,“ sagte er schließlich,
obgleich er innerlich vom Gegenteil überzeugt war.
Aber der Wunsch, mal wieder eine gemütliche Kneipstunde
zu verleben, kam seiner Phantasie zu Hilfe, und er sagte nochmals,
um seine Zweifel zu verscheuchen: „Vielleicht freut sie
sich.“ Und doch folgte er dem Doktor die schmale Treppe mit dem
Gefühl hinunter, als ob er auf verbotenen Wegen wandle. –
</p>

<p>
Rosi hatte nach langem Wählen ihren Einkauf beendet
und war sehr vergnügt darüber, denn sie hatte gefunden,
was sie suchte, nämlich ein Paar angefangene Morgenschuhe
und einen geschnitzten Pfeifenständer, der noch mit einer
gestickten Borte verziert werden sollte. Sie fand die Morgenschuhe
besonders schön und konnte nicht begreifen, daß Nellie
und Ilse ihr rieten, doch ein andres Muster zu wählen.
Ihr gefielen diese roten Rosen, welche sie mit schwarzer
Wolle ausfüllen wollte, ganz besonders gut. Als sie aus
dem Laden auf die Straße traten, sah sich Rosi suchend um.
</p>

<p>
„Wo sind denn die Herren geblieben? Ich sehe sie ja
garnicht.“
</p>

<p>
„Vielleicht ist dein Mann auch in eine Laden und kauft
schöne Weihnachtsdinge für dir,“ meinte Nellie, „wir wollen
die Straße hinuntergehen und in die Ladens schauen.“
</p>

<p>
Sie gingen weiter; aber die beiden Herren waren
nirgends zu entdecken.
</p>

<pb n='99'/><anchor id='Pgp0099'/>

<p>
„Ich begreife das nicht,“ sagte Rosi kopfschüttelnd,
„Adolf wollte doch bestimmt auf mich warten.“
</p>

<p>
„Dein Mann wird sich ja auch schon finden,“ meinte
Ilse, welche sich über Rosi ärgerte, da diese ihre gute
Laune durch den kleinen Zwischenfall schon wieder ganz
eingebüßt hatte.
</p>

<p>
Rosi überhörte diese Worte, denn ihre Aufmerksamkeit
wurde durch etwas andres in Anspruch genommen. Sie
sah erwartungsvoll auf Nellie, der soeben von einem Jungen
ein Zettel übergeben worden war, welchen sie eifrig las.
</p>

<p>
„O, das ist fein,“ rief sie und reichte Rosi den Zettel.
„Unsre Männer sind im Rathauskeller und Alfred schreibt,
wir möchten sie dort abholen.“
</p>

<p>
„Was,“ brauste Rosi auf und knitterte den Zettel zusammen,
„Adolf sitzt im Wirtshaus, heute am Sonntagmorgen!“
</p>

<p>
Weiter sagte sie nichts, wurde aber blutrot und ging
mit schnellen Schritten vorwärts. Nellie und Ilse wechselten
einige verständnisvolle Blicke, und aus Nellies Schelmenaugen
leuchtete etwas wie heimliche Schadenfreude über die
angeführte Rosi.
</p>

<p>
„Hast du noch etwas zu besorgen, Rosi?“ fragte sie
die aufgeregte Pastorin, „sonst können wir gleich nach das
Rathaus gehen.“
</p>

<p>
„Ich begreife dich nicht, Nellie,“ gab Rosi unwillig
zur Antwort. „Wir sind doch keine Studenten, daß wir
in die Kneipe gehen können. Willst du deinen Mann abholen,
dann tue es; bitte, entschuldige aber, wenn ich nach
Hause gehe.“
</p>

<p>
„O, wir lassen dir nicht allein gehen, Rosi, natürlich
gehen wir mit,“ entgegnete Nellie.
</p>

<p>
Eine rechte Unterhaltung kam zwischen den dreien nicht
wieder zustande. Nellie und Ilse machten einige schwache
Versuche, mit Rosi ein Gespräch anzufangen, aber sie antwortete
kurz und einsilbig.
</p>

<pb n='100'/><anchor id='Pgp0100'/>

<p>
„Ich kenne unsre ‚artige Rosi‘ ja gar nicht wieder,“
flüsterte Ilse der Freundin zu.
</p>

<p>
„O, ich erstaune mich auch über ihr,“ gab diese ebenso
leise zur Antwort, „was hat sie, daß sie ihr Mann nicht
in der Kneip läßt? Sie ist eine Tyrann!“
</p>

<p>
Auf dem Nachhauseweg verbarg Rosi ihre Verstimmtheit
hinter einer ungemütlichen Schweigsamkeit, aber man
sah ihr an, wie es in ihr kochte und wie sie sich nur
mühsam bezwang, ruhig zu erscheinen.
</p>

<p>
Desto gemütlicher war die Stimmung in dem Ratskeller,
wo die beiden Herren in dichte Rauchwolken gehüllt
in einer behaglichen Ecke saßen. Dem Pastor mundete das
Bier nach langer Entbehrung herrlich, er war in eine redselige
Laune gekommen und plauderte von alten Zeiten, als
er noch ein fröhlicher Studiosus war.
</p>

<p>
„<hi rend='antiqua'>Tempi passati!</hi>“ sagte er mit einem leisen Seufzer.
„Aber hier ist es auch gemütlich,“ fuhr er dann fort, indem
er sich noch fester in seine Sofaecke zurücklehnte und in
Erinnerungen versunken dem blauen Dampf seiner Zigarre
zusah, wie dieser in die Höhe stieg und langsam zerrann.
</p>

<p>
„Nicht wahr, das Bier schmeckt Ihnen?“ fragte Althoff.
</p>

<p>
„O, das ist famos! Seit meiner Studienzeit habe ich
es nicht so gut getrunken.“
</p>

<p>
Und er liebäugelte mit dem frisch gefüllten Glase,
das vor ihm stand, und aus dem er dann einen tiefen
Trunk tat. –
</p>

<p>
Der Doktor hatte öfter nach der Türe gesehen, da er
noch immer hoffte, Nellie würde die Pastorin überredet
haben, sie abzuholen.
</p>

<p>
„Ich dachte, Ihre Frau würde sich noch haben bewegen
lassen, hierherzukommen,“ sagte er zum Pastor und fügte
erklärend hinzu, als er dessen erstaunt fragende Augen auf
sich gerichtet sah: „Ich hatte meiner Frau nämlich geschrieben,
daß wir die Damen hier erwarteten.“
</p>

<pb n='101'/><anchor id='Pgp0101'/>

<p>
„So, so, das hatten Sie geschrieben? Werter Herr
Doktor, meine Frau geht in kein Wirtshaus, sie sagte es ja
noch heute morgen.“
</p>

<p>
„Das war doch nur Scherz,“ fiel Althoff ein.
</p>

<p>
„Nein, ach nein, in solchen Dingen scherzt meine Frau
nicht.“
</p>

<p>
Ein bedauernder Zug glitt bei diesen Worten über die
Züge des Pastors, von denen jetzt die ruhige Behaglichkeit
verschwunden war. Der Gedanke an seine Frau machte ihn
unruhig, er sah nach der Uhr und meinte, es wäre die höchste
Zeit, daß sie gingen; energisch trieb er jetzt zum Aufbruch,
an den er noch eben zuvor nicht gedacht hatte.
</p>

<p>
„Ich möchte doch meine Frau nicht warten lassen,“ sagte
er, indem er sich seinen Überzieher anzog. Unterwegs schwärmte
er noch immer von dem schönen Frühschoppen und erklärte
scherzend, daß er bald mal wieder kommen würde, allein
schon des guten Bieres wegen.
</p>

<p>
Als sie am Althoffschen Hause angelangt waren, überlegte
er im stillen, wie er Rosi am besten beschwichtigen
könnte und was er zu ihren Vorwürfen sagen wollte. Er
stieg zögernd die Treppe hinauf und dachte: „Wie wird sie
mich wohl empfangen?“ Aber Rosi empfing ihn besser, als
er erwartete. Nellie und Ilse hatten es fertig gebracht, sie
zu besänftigen, ihnen verdankte es der Pastor, daß er von
seiner Frau zwar förmlich und gemessen, aber wenigstens ohne
die erwartete Gardinenpredigt begrüßt wurde. Mit keinem
Worte erwähnte sie, wo er gewesen war, und als Nellies
Mann lebhaft bedauerte, daß die Damen nicht nachgekommen
wären, schwieg sie auch. Der Pastor atmete erleichtert auf
und setzte sich in bester Stimmung mit den übrigen zu Tische.
Es schien, als erwarteten ihn heute lauter Genüsse. Doktor
Althoff hatte einen feinen alten Wein aus dem Keller geholt
und forderte lebhaft zum Trinken auf.
</p>

<p>
„Frau Pastor,“ sagte er zu Rosi, „Sie müssen aber
<pb n='102'/><anchor id='Pgp0102'/>besser trinken. Sie sind ja wahrhaftig noch beim ersten Glase.
Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Gatten, dessen Trunkfestigkeit
ich heute morgen bewundert habe. Und zu spaßhaft
ist es, daß er noch obendrein behauptet, er könne jetzt nichts
mehr vertragen, als Student hätte er – nun, ich gebrauche
die Worte Ihres Gatten – einen ganz anderen Stiefel
vertragen können.“
</p>

<p>
Der Pastor rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und
her und sah seine Frau, die nicht von ihrem Teller aufblickte
und kein Wort erwiderte, scheu von der Seite an. Warum
schwieg sie heute nur so beharrlich? Es wurde ihm nachgerade
unheimlich, da es doch sonst ihre Art nicht war.
Wenn nur der Doktor auf ein andres Thema kommen wollte,
aber immer wieder fing er an, alle möglichen Studentenfahrten
zu erzählen, die der Pastor ihm diesen Morgen in
fröhlicher Kneiplaune zum besten gegeben hatte. Die bedeutungsvollen
Blicke, die er ihm zuwarf, schien er nicht zu verstehen,
ja als er ihn mit dem Fuße anstieß, zog er den seinigen
schnell fort, als wäre er aus Versehen dagegen gestoßen.
Nellie und Ilse unterhielten sich köstlich und hörten aufmerksam
zu, aber seine Frau verzog keine Miene.
</p>

<p>
„Wenn sie nur einmal ein Wort sagte,“ dachte er, ihre
Ruhe kam ihm zu unnatürlich vor. Bis jetzt wußte sie noch
nichts von allen seinen lustigen Streichen. Er hatte sie ihr
wohlweislich verschwiegen, denn ihr pedantischer Sinn würde
dieselben doch nicht begriffen haben. Und doch, wie schön
war seine lustige Studentenzeit gewesen, wie übermütig hatte
er damals sein können. Aber das war schon lange, lange her!
</p>

<p>
Zum zweitenmal heute wurden diese Erinnerungen lebhaft
in ihm wachgerufen. Von seinen Jugendlieben hatte er dem
Doktor leichtsinnigerweise auch erzählt; wenn er wenigstens
davon schwieg, aber in demselben Augenblick schlug auch schon
das Wort „Flammen“ an sein Ohr, und mit ahnungsloser
Breite erzählte Althoff, wieviel reizenden Mädchen jener
<pb n='103'/><anchor id='Pgp0103'/>nachgelaufen wäre. Der Pastor senkte bei diesen Erzählungen
die Augen wie ein junges Mädchen, denn er fühlte, daß
jetzt Rosis Blick strafend auf ihm ruhte. Verlegen griff er
immer wieder zu seinem Weinglas und stürzte einige Gläser
voller Hast hinunter. Er suchte nach einem Ausweg, dem
Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ängstlich sann er
darüber nach, stand dann plötzlich auf und schlug mit dem
Messer an sein Glas. Als Rosi ihres Mannes gerötete
Wangen und glänzende Augen sah, sprang sie auf und ging
zu ihm.
</p>

<p>
„Bitte, lieber Adolf, setze dich wieder,“ sagte sie anscheinend
sanft und legte die Hand auf seine Schulter. Da
drehte er sich herum und wollte den Arm um sie schlingen,
aber unwillig wich sie zurück.
</p>

<p>
„Ich wollte mich nur bei unsern liebenswürdigen Wirten
für die freundliche Aufnahme bedanken, Röschen,“ sagte er
lächelnd. „Für die wirklich reizende Aufnahme, die wir hier
gefunden haben.“ Ohne sich von Rosis strengem Gesicht beirren
zu lassen, fuhr er zu dem jungen Ehepaar gewendet
fort: „Sie müssen uns auch recht bald besuchen, und dann
kommen wir auch wieder zu Ihnen, denn es ist zu schön
hier. Der Wein ist köstlich, das Essen schmeckt so gut
und Sie, lieber werter Herr Doktor, sind ein so prächtiger
Mann,“ hier erhob er seine Stimme, „und die Frau Doktor
ist eine kleine famose Frau. Ach, so etwas haben wir nicht
auf unsrem einsamen Lande. – Röschen, laß mich doch,“
wehrte er seine Frau ab, die sich ihm wieder genähert hatte
und ihn zum Schweigen bringen wollte, „ich muß doch den
guten braven Leuten danken! Komm Schatz, gib mir einen
Kuß.“
</p>

<p>
Er breitete die Arme aus und wollte sie küssen, aber
nun riß Rosis Geduld, sie stieß ihn unsanft zurück und lief
zum Zimmer hinaus.
</p>

<p>
Der Pastor bemerkte kaum den Unwillen seiner Frau.
</p>

<pb n='104'/><anchor id='Pgp0104'/>

<p>
„Herr Doktor, die lustige Studienzeit soll leben!“ rief
er, indem er Althoff sein Glas entgegenhielt, und in seliger
Stimmung begann er das alte Burschenlied zu singen:
</p>

<p>
„<hi rend='antiqua'>Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus.</hi>“
</p>

<p>
„O, wie dumm von sie,“ sagte Nellie halblaut, stand
auf und ging Rosi nach. Sie fand sie im andern Zimmer,
aufgelöst in Tränen.
</p>

<p>
„Was hast du?“ fragte Nellie, „warum weinst du?“
</p>

<p>
„Du fragst auch noch,“ schluchzte die Pastorin, „und
weißt recht gut, warum ich weinen muß? Meinst du, es ist
mir angenehm, daß sich mein Mann so beträgt?“
</p>

<p>
„O,“ gab ihr Nellie entschieden zur Antwort, „dein
Mann hat ein gut Betragen. Was macht es, er hat ein
klein Schwips und ist lustig, das schadet doch nix?“
</p>

<p>
„Wenn seine Amtsbrüder das sähen, er müßte sich ja
zu Tode schämen!“
</p>

<p>
„Laß doch die dumme Amtsbrüder, sie wissen ja nichts
davon. Komm Rosi, geh wieder hinein und tue, als wäre
nichts geschehen. Es ist gewiß das klügste, was du tun
kannst.“
</p>

<p>
Sie faßte die Weinende unter den Arm und wollte sie
fortziehen, aber Rosi entwand sich ihr schnell und sagte
beleidigt:
</p>

<p>
„Du denkst über solche Sachen eben anders, als ich,
liebe Nellie; ich kann mich aber nicht so leicht darüber hinwegsetzen.
Ich gehe nicht mit! Bitte, schicke das Mädchen nach
unsrem Wagen, daß er sofort kommt; ich will nach Hause
fahren.“
</p>

<p>
„O nein, du mußt noch bleiben,“ rief Nellie.
</p>

<p>
„Nein, auf keinen Fall,“ entschied Rosi kategorisch und
achselzuckend schwieg Nellie. Sie ärgerte sich über Rosis
Halsstarrigkeit und merkte, daß ihre Bitten nichts ausrichten
würden. Im stillen glaubte sie auch, daß nach diesem Auftritt
keine rechte Stimmung wieder aufkommen würde, und
<pb n='105'/><anchor id='Pgp0105'/>deshalb gab sie dem Mädchen den Auftrag, den Wagen
zu bestellen, ohne Rosi noch weiter zum Bleiben zu nötigen.
</p>

<p>
„Es tut mir leid, daß du fort willst,“ sagte sie zu ihr,
die mit dem Taschentuche ihre geröteten Augen trocknete.
</p>

<p>
„Ja, mir auch, Nellie, aber glaube mir, es ist das
beste, wenn wir fahren; habe vielen Dank für deinen freundlichen
Empfang. Und nun komm, ich will meinem Mann
sagen, daß der Wagen gleich da sein wird.“
</p>

<p>
Den Pastor schien das Verschwinden seiner Frau nicht
tief berührt zu haben. Er unterhielt sich lebhaft mit Althoff
und hatte mit Ilse wiederholt auf das Wohl ihres
Bräutigams angestoßen, was ihr jedesmal eine tiefe Röte
in die Wangen trieb.
</p>

<p>
Rosi beherrschte sich und zeigte ein anscheinend ruhiges
Gesicht, als sie ins Zimmer trat. Sie trug ihren Hut in
der Hand und ihren Mantel über dem Arm und legte
beides auf einen Stuhl.
</p>

<p>
„Lieber Adolf,“ sagte sie, zu ihrem Manne tretend,
„willst du dich zurecht machen, ich habe den Wagen bestellt
und er wird sogleich vorfahren.“
</p>

<p>
„Was, Röschen, geliebtes Weibchen, du willst schon
fort?“ fragte er.
</p>

<p>
„Ich bitte dich, Adolf, komm, es ist die höchste Zeit,
daß wir uns auf den Weg machen.“
</p>

<p>
Krampfhaft nahm sie sich zusammen, und unheimlich
sanft klang ihre Stimme.
</p>

<p>
Aber Adolf hatte noch keine Lust zum Gehen. So
heiter und fidel war er seit Jahren nicht gewesen. Lustig
sang er:
</p>

<lg>
<l>„Nach Hause gehn wir nicht,</l>
<l>Nach Hause gehn wir nicht,</l>
<l>Nach Hause gehn wir lange nicht – –“</l>
</lg>

<p>
„Aber Adolf, Adolf, ich begreife dich nicht,“ unterbrach
ihn Rosi, „so komm doch nur, ich will fort!“
</p>

<pb n='106'/><anchor id='Pgp0106'/>

<p>
„Bleiben Sie doch noch, Frau Pastorin,“ bat Althoff
jetzt, aber ein verständnisvoller Blick seiner Frau bedeutete
ihn, daß er seine Bitte nicht wiederholen solle. Rosi antwortete
auch gar nicht darauf; voller Verzweiflung zupfte
sie ihren Mann verstohlen am Ärmel und trieb fortwährend
zum Aufbruch.
</p>

<p>
Aber alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen,
prallten an ihm ab.
</p>

<p>
„Nein, ich bleibe hier, du kannst allein fahren,“ erklärte
er mit einer geradezu hartnäckigen Entschiedenheit und blieb
sitzen. Rosi war außer sich und kämpfte von neuem mit
den Tränen.
</p>

<p>
Der gutherzigen Nellie tat sie nun doch leid, sie schlang
ihren Arm um sie und führte sie fort.
</p>

<p>
„Zieh dich deine Sachen an, dein Mann kommt dann
schon,“ sagte sie und gab ihr den Mantel.
</p>

<p>
„Das kommt von dem Wirtshausgehen,“ fuhr die
empörte Pastorin heraus, mit einer Miene, als hätte sie
in dieser Beziehung schon die trübsten Erfahrungen in
ihrer jungen Ehe gemacht.
</p>

<p>
Nellie lächelte, aber sagte nichts. Rosi war zu aufgeregt,
in ihren Ansichten zu erhaben und halsstarrig, als
daß sie ihr eine andre Meinung hätte beibringen können.
</p>

<p>
Ilse meldete jetzt, daß der Wagen vorgefahren sei.
Von neuem ging Rosi zu ihrem Manne.
</p>

<p>
„So, ich bin fertig, willst du nun kommen?“
</p>

<p>
Er rührte sich nicht vom Platze.
</p>

<p>
„Aber Adolf,“ drängte sie wieder mit weinerlicher Stimme.
</p>

<p>
Lachend sah er sie an. Als er aber ihre heißen roten
Wangen und ihre zornig funkelnden Augen bemerkte, erhob
er sich endlich.
</p>

<p>
„Ich bliebe so gern noch bei den guten Leuten, es ist
so reizend hier; warum müssen wir denn schon fort, Röschen?
Was hast du denn für Eile?“
</p>

<pb n='107'/><anchor id='Pgp0107'/>

<p>
Unter solchen Beteuerungen und Fragen, die er fortwährend
wiederholte, machte er sich zum Aufbruch bereit.
Rosi verfolgte seine Bewegungen mit angstvollem Gesicht, es
kam ihr vor, als ginge er unsicher die Treppe hinunter, als
wäre sein Gang schwankend! Es war zu schrecklich, wie
konnte er sich so weit vergessen! Sie war froh, daß es schon
fast dunkel draußen war, da sah ihn wenigstens niemand.
</p>

<p>
„Röschen,“ sagte der Pastor unten zu ihr, „sage dem
Kutscher, daß der Wagen aufgemacht wird, ich möchte beim
Fahren in die Sterne sehen.“
</p>

<p>
Sie gab keine Antwort und riß die Wagentüre auf.
</p>

<p>
„Sage dem Kutscher, daß er den Wagen aufmacht,
Kind,“ wiederholte er.
</p>

<p>
„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum
Fahren im offenen Wagen ist es heute abend zu kühl, Sie
könnten sich erkälten.“
</p>

<p>
„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee
kommst, lieber Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir
sind doch nie im offenen Wagen gefahren. Aber bitte, nun
beeile dich und steige ein, damit ich dir die Sachen zureichen
kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht
ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll
offen sein, sonst fahre ich nicht mit!“
</p>

<p>
„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun
Nellie ins Mittel, die bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht
ein Ungewitter aufziehen sah, „es ist keine schöne Luft diese
Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne besehen.“
</p>

<p>
Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand
nicht länger auf seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und
drückte ihr die Hand.
</p>

<p>
„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“
versicherte er voll Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff,
als nähme er Abschied, mindestens um nach Amerika
zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er konnte
<pb n='108'/><anchor id='Pgp0108'/>nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang
hinter ihm her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie
Angst, daß er wieder entschlüpfen könnte, und trieb den
Kutscher zur Eile an. Sie sah noch flüchtig aus dem Fenster
und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie die
verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen
Gäule, durch einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam
an, und die große Kutsche rumpelte von dannen.
</p>

<p>
Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich
Nellie und Ilse ungestüm ins Sofa und brachen in ein
unbändiges Gelächter aus.
</p>

<p>
„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff
kopfschüttelnd. Aber Nellie sprang auf, hing sich an
seinen Hals und drehte ihn im Kreise herum.
</p>

<p>
„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß
mir erst auslachen über den Pastoren-Ehepaar.“
</p>

<p>
„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“
sagte er ernst. „Diese Szene zwischen den beiden war sehr
peinlich, und ich habe mich über Rosi geärgert. Ich kenne
sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften Mädchen ist
eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren
pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben
schwer zu machen scheint.“
</p>

<p>
„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert
hat,“ sagte Ilse. „Sie hat ihren Mann vollständig unter
dem Pantoffel.“
</p>

<p>
„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’
schlecht ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht
in seine Fell sitzen, wie viel artige Redens wird ihn Rosi
halten. O, und er war so lustig, er tut mich leid!“
</p>

<p>
„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt;
sie hätte mit Scherz über die Sache weggehen
sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche Ungemütlichkeit
hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es
<pb n='109'/><anchor id='Pgp0109'/>so weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist
durchaus unwürdig von einer Frau, wenn sie stets ihren
Willen durchsetzen will.“
</p>

<p>
Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers
nachdenklich geworden. Hatte sie bis jetzt auch stets ihren
Willen durchsetzen wollen und dachte sie nicht, daß es in
der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff hatte
recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck,
wenn die Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute
hatte sie sich davon überzeugen können. Ein Pantoffelheld,
wie gräßlich, nein, den möchte sie nicht zum Manne haben.
Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer ihrem
Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte
sie nicht so gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre
es nicht besser gewesen, sie hätte nachgegeben? Vergab sie
sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf, wenn
sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster
Weise fügte und war sie deshalb eine untergeordnete Natur
ohne selbständigen Willen? Nein, durchaus nicht, Nellie
war nur klug, sie verstand es, fügsam zu sein, und erreichte
durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen Widerstand;
das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl
der Reue wallte plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand
sich, daß alles anders wäre, wenn sie nur das eine Mal
nachgegeben hätte.
</p>

<p>
„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was
denkst du?“
</p>

<p>
„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.
</p>

<p>
„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich,
„nicht wahr, du magst es doch auch nicht leiden, wenn der
Mann unter dem Pantoffel steht?“
</p>

<p>
„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich
verachte ihn,“ rief die junge Frau. –
</p>

<p>
Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft
<pb n='110'/><anchor id='Pgp0110'/>bei Leo, und die ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie
war mit ihm zusammen, er sah aber ganz anders aus, als
sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der Unterwürfigkeit
des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja,
ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich
und wurde schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du
willst ja, daß ich mich dir in allem fügen soll. Nur weil
ich es nicht tat, hast du mich doch verlassen.“ Sein blasses,
demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung, und sie flehte
ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden
möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern
und sie könnten dann wieder so glücklich sein wie früher.
Als sie hierauf sehnsüchtig die Arme nach ihm ausstreckte,
um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die leere Luft,
– das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die
Reue und entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich
aufwachte, fühlte sie, daß sie wirklich geweint hatte, und der
Traum zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber.
Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl
mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern,
antwortete ihr Herz. – „Aber er kommt ja nicht,“ dachte
sie traurig, „denn er liebt mich nicht mehr. Und doch wollte
ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich so
weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das
kann ich nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<p>
Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner
Braut.
</p>

<p>
Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen
würde, so begrüßte auch er jeden neuen Tag in der
Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten und jeden
Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose Unruhe
ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte
<pb n='111'/><anchor id='Pgp0111'/>Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am
Arbeiten. Er suchte Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen
daran. Nichts half ihm, sein jetziges Leben erträglicher
zu machen, die peinvollen Zweifel zu verscheuchen, die
in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben?
Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein,
nein, das war ja nicht möglich, so zuversichtlich kann man
nicht auf einen Menschen bauen, um dann getäuscht zu werden.
Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich, daß
er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen
könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen
würde, wie unrecht sie ihm getan habe, und daß sie
umkehren würde auf dem gefährlichen Wege, den sie beschritten
hatte. Sie unterwarf seine Liebe einer harten Prüfung. War
sie derselben so sicher, oder war sie ihr gleichgültig?
</p>

<p>
Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern
auf, doch ohne Arg, den wahren Grund nicht ahnend,
schoben sie es auf sein angestrengtes Arbeiten, das er auf
ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief betrübt
gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar
vorgefallen war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt,
daß Ilse einige Zeit bei ihrer Freundin zubrachte und bei
seinen seltenen Besuchen im Elternhause wußte er das Gespräch
immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages
erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub
genommen habe, da er fühle, wie er der Erholung, der
Auffrischung bedürfe. Deshalb habe er vor, für einige
Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort
seine Studien fortsetzen wolle.
</p>

<p>
Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen
Entschluß wohl etwas verwundert, aber Herr Gontrau
billigte ihn vollständig und fand es sehr lobenswert, daß
er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau
Annes kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus
<pb n='112'/><anchor id='Pgp0112'/>ließen keinen Argwohn in ihnen aufkommen. Sie bestellte
ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr Schweigen auf die
beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von neuem
auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder
durch alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte
nämlich auf ihre Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel
und oft nach ihr fragten, nicht einmal schreiben wolle, geantwortet,
daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau Anne
dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe,
denn das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen
haben würde, mußte die Eltern Leos, denen sie stets
eine kindliche Liebe entgegen gebracht hatte, und die mit so
großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter hingen, doch befremden.
</p>

<p>
Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen
Schwiegereltern verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war
er nur selten bei ihnen gewesen. Zwischen seinem Schwiegervater
und ihm war eine Spannung entstanden, denn Herr
Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling
nicht nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau
Anne war es zwar gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen,
daß Leo über Ilsens kühnen Streich nicht mit Leichtigkeit
hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht nach seinem
Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen
heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn
er schließlich auch einsah, daß derselbe ungerecht war.
</p>

<p>
Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner
Schwiegermutter über Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte
sie nicht. Frau Anne teilte Nellie mit, daß Leo nach Paris
gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb sie.
„Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden
sein. Ich aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung
für Leo notwendig, denn er ist blaß und ernst geworden,
und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der Kummer auf
<pb n='113'/><anchor id='Pgp0113'/>ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen?
Ich hege die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber
manchmal zage ich doch, und dann denke ich voll Angst und
Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht bricht, was wird
dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an
einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit
fest. Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen
Mißverständnisses wegen für ihr ganzes Leben
unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und diese Strafe
zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau
Doktor, baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen
am besten gelingen wird, unser Kind auf den richtigen Weg
zurückzuführen. Sie haben einen großen Einfluß auf Ilse,
welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich innig,
daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide
sehr unter den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem
Manne nicht zeigen, dem die Trennung von Ilse ohnedies
so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen, kleine Frau,
und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei
Ihnen! Der Himmel gebe, daß sich noch alles zum
Besten wende!
</p>

<p rend="text-align: right">
Ihre mütterliche Freundin<lb/>
Anne Macket.“         </p>

<p>
Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb
Frau Anne umgehend wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen
Weise schilderte sie ihr die Beobachtungen, welche
sie bei Ilse anstellte.
</p>

<p>
„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe,
„sie versinkt in eine tiefe Nachdenken und tut Fragen
an mir, bei denen ich in ihr Inneres schaue. O, zagen
Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn
man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht
haben und seine Verzeihung erbitten. Von der Reise nach
<pb n='114'/><anchor id='Pgp0114'/>Paris sage ich ihr nix, denn ich glaube auch nicht, daß sie
dieser Reise gern sieht!“ – –
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<p>
Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren
schon zum Teil versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten.
Sie wurden von Flora stürmisch begrüßt, und dann stellte
sie Ilse vor, deren neue Erscheinung mit Neugierde gemustert
wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem hartblauem
Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor
der Brust, die ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft
hervorhoben, näherte sich Ilse sofort und überhäufte
sie mit einer Menge Fragen, so daß das junge
Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande
war, sie alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine
Lust dazu, denn die Neugierde dieser Dame war ihr zu
unangenehm, und sie wunderte sich, daß Nellie, welche
daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten Weise
die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für
einen der nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde,
bereitwilligst zusagte.
</p>

<p>
„Da gehe ich aber nicht mit,“ dachte Ilse. Zu Nellie
sagte sie später leise: „Wer ist denn eigentlich diese schreckliche
Frau, die alles wissen muß? Ich hätte ihr an deiner
Stelle keine ihrer neugierigen Fragen beantwortet.“
</p>

<p>
„O, wär ich ein dummes Ding,“ entgegnete Nellie mit
schlauem Lächeln, „denn diese Dame ist die Frau vom
Direktor, hat viel Einfluß auf ihr Mann, und wenn ich
unfreundlich bin gegen ihr, muß arme Fred büßen. Ich
mag ihr auch nicht, aber ich bin klug.“
</p>

<p>
„In ihren Kaffee brauchen wir aber doch nicht zu gehen,
nicht wahr?“
</p>

<p>
„Natürlich, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, da müssen mir hin und uns fein
brav benehmen,“ neckte Nellie die Freundin.
</p>

<pb n='115'/><anchor id='Pgp0115'/>

<p>
Ein junger Mann trat in diesem Augenblick zu den
beiden und reichte Ilse den Arm, um sie zu Tisch zu
führen. Es war der Assistent von Floras Mann, Doktor
Andres, dessen liebenswürdiges Benehmen und kluges, vornehmes
Gesicht Ilse schon vorhin bei der Vorstellung aufgefallen
war.
</p>

<p>
Im altdeutschen Eßzimmer stand die lange gedeckte
Tafel, die Ilse schnellen Blickes überflog. Zwei Lampen,
deren schwaches Licht durch rosa Lampenschirme noch mehr
gedämpft wurde, standen zu beiden Enden des Tisches. In
der Mitte prangte ein phantastisch aufgeputzter Tafelaufsatz,
mit Blumen und Früchten in wirrem Durcheinander gefüllt,
der sein Haupt bedenklich nach der einen Seite neigte. Das
war Florchens Werk, man sah es auf den ersten Blick.
Jeder fand auf seinem Platz einen von Flora verfaßten
Vers, in einem Blumensträußchen versteckt. Mit strahlenden
Augen erntete sie jedes Lob ein, das ihr über ihre dichterische
Begabung gespendet wurde; freilich die spöttischen Mienen
dabei bemerkte sie nicht. Ilses Verschen besang in überschwenglicher
Weise die junge Braut. Sie las den Zettel
und legte ihn dann errötend neben sich hin. Ihr gegenüber
saß Flora mit dem jungen Referendar, den sie damals getroffen
hatte, als sie ihren ersten Besuch bei Flora machte.
Er hatte eben das zusammengefaltete Papier aus seinem
Blumenversteck hervorgezogen und las mit lächelnder Miene
den für ihn bestimmten Vers. Erwartungsvoll sah ihn
Flora an und ließ sich dann mit vielem Behagen seine
süßlichen Schmeicheleien gefallen. Das war ein Scherzen
und Lachen, Flora schien während der ganzen Zeit bei Tische
nur Auge und Ohr für ihren Nachbar zu haben. Wie unvorteilhaft
sah die junge Frau heute wieder aus! Überladen
mit Spitzen und Blumen war ihr Anzug. Unwillkürlich
mußte Ilse an Floras griechische Haarfrisur denken, damals
als sie in der Pension die erste Tanzstunde mit Herren
<pb n='116'/><anchor id='Pgp0116'/>hatten. Es war doch zu komisch gewesen, wie sie da alle
vor der Tür standen und die mutwillige Grete dem klassisch
frisierten Haupt einen Stoß gab, daß es gegen die Türe
flog. Ein vergnügtes Lächeln huschte bei dieser Erinnerung
über Ilsens Gesicht.
</p>

<p>
„Sie scheinen an etwas sehr Angenehmes zu denken,“
unterbrach die Stimme des jungen Arztes ihre Gedanken,
während er die jugendlich frische Mädchengestalt im einfachen
weißen Kleide mit Wohlgefallen betrachtete.
</p>

<p>
„Natürlich, Herr Doktor,“ rief Flora über den Tisch
herüber, „Fräulein Ilse denkt an etwas sehr Schönes, an
ihren Bräutigam nämlich.“ Und der Referendar hob sein
Glas in die Höhe und hielt es ihr entgegen.
</p>

<p>
„Der Glückliche soll leben,“ sagte er. Eine heiße Röte
stieg in Ilses Wangen, zögernd nahm sie ihr Glas und
stieß mit ihm an. Der helle Ton der beiden Gläser tönte
wie ein schriller Mißklang in ihrem Ohre, und der Blick,
den ihr der junge Mann dabei zugeworfen hatte, war so
durchdringend, als suchte er in ihrer Seele zu lesen, was
sie in diesem Augenblick bewegte. Verlegen schlug sie die
Augen nieder, aber selbst durch die gesenkten Lider fühlte
sie seine brennenden Blicke auf sich gerichtet.
</p>

<p>
„Gnädiges Fräulein, darf auch ich mir erlauben, auf
das Wohl Ihres Herrn Bräutigams anzustoßen?“
</p>

<p>
Wie liebenswürdig klang diese Bitte ihres Nachbars!
Ohne Scheu sah Ilse auf und blickte in ein Paar ruhige
ernste Augen, denen sie nicht auszuweichen brauchte.
</p>

<p>
„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise und griff nach
ihrem Glase.
</p>

<p>
Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu
können, als wenn er in dem Gesprächsthema fortfuhr; denn
wovon konnte man eine Braut besser unterhalten, als von
ihrem Bräutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon verlobt
wäre, wann sie heiraten würde und was ihr Verlobter
<pb n='117'/><anchor id='Pgp0117'/>wäre. Sie hätte ihm vielleicht unbefangener geantwortet,
wenn sie die Augen ihres Gegenüber nicht unablässig auf
sich ruhen gefühlt, wenn sie nicht empfunden hätte, mit
welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drüben belauscht
wurde.
</p>

<p>
„Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr
lieben Freund,“ sagte der Arzt zu Ilse, „der auch Jurist
war und jetzt schon längere Zeit wohlbestallter Assessor ist.
Vor ungefähr zwei Jahren bekam ich seine Verlobungsanzeige,
und er kündigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen
ausführlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute
noch nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu
erkalten, wenn man verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich
nehmen die Liebesbriefe zu viel Zeit in Anspruch. Sie
müssen das ja aus Erfahrung wissen, gnädiges Fräulein.
Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen
studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben
Jahre bin ich hier am Hospital Assistent des Doktor Gerber.
– Mein Freund wird sich wundern, wenn ich nächstens
von hier aus einen Angriff auf ihn ausüben werde, denn
ich möchte gern mal wieder etwas von ihm hören. Vielleicht
ist er schon in den Hafen der Ehe eingelaufen und ein
biederer, solider Ehemann geworden. Ich kann ihn mir
als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus, ein
famoser Korpsbruder, der gute Gontrau.“
</p>

<p>
Es war ein Glück, daß er sich eben jetzt zur Seite
wandte, weil ihm seine Nachbarin eine Schüssel reichte, und
daß er deshalb nicht bemerken konnte, wie Ilse bei der
Nennung dieses Namens zusammenfuhr und blaß wurde.
Und wieder begegnete sie den forschenden Blicken des
Referendars, der wie auf der Lauer zu sitzen schien und
dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit Flora, nichts von
dem Gespräch des ihm gegenübersitzenden Paares entging.
Ilses Zusammenschrecken bei dem bewußten Namen
interes<pb n='118'/><anchor id='Pgp0118'/>sierte ihn augenscheinlich aufs höchste. Was für eine
Bewandtnis mochte es damit haben? Plötzlich überflog ein
triumphierendes Lächeln seine Züge, er beugte sich zu Flora
hinüber und fragte sie, wie der Bräutigam von Fräulein
Macket hieße. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hörte Ilse
doch seine Frage, und voller Angst, daß ihr Nachbar Floras
Antwort vernehmen könnte, richtete sie schnell einige gleichgültige
Worte an ihn. Erleichtert atmete sie auf, als gleich
darauf die Tafel aufgehoben wurde und der junge Doktor
sie in das andre Zimmer führte. Sie hätte so gerne Nellie
gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen
Händedruck freundlichst zugenickt und saß jetzt neben einer
alten Dame, mit der sie sich eifrig unterhielt. So mußte
sie sich denn bis später gedulden und kam der Aufforderung
eines jungen Mädchens, neben ihr Platz zu nehmen, gerne
nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer
zurückgezogen, und Flora hüpfte von einem zum andern.
Sie wollte durchaus die liebenswürdige Wirtin spielen, was
ihr aber schlecht gelang, denn durch ihr fahriges Wesen
versetzte sie ihre Gäste mit in Unruhe.
</p>

<p>
„Sie müssen uns etwas vorsingen,“ wandte sie sich
jetzt an das junge Mädchen neben Ilse, die jedoch gegen
diese Zumutung eifrig Einsprache erhob, da sie ganz heiser
wäre und so lange nicht gesungen hätte. Mit diesen üblichen
Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora
ließ nicht locker.
</p>

<p>
„Sie müssen, Liebste,“ entschied sie schließlich kurzweg
und ging in ein kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand,
das sie öffnete. Nachdem sie noch die Lichter angezündet
und aus einem Schrank einen Stoß Noten hervorgeholt
hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurück und
zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte,
mit sich fort. Eine geraume Zeit stöberten die beiden in
den ungeordneten Noten herum, und als sie endlich etwas
<pb n='119'/><anchor id='Pgp0119'/>Passendes gefunden hatten, ertönte ein lauter Akkord, der
energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im
Damenzimmer verstummte denn auch sofort, und die Herren
in Doktor Gerbers Zimmer dämpften ihre Stimmen. Einen
Genuß konnte man die nun folgende musikalische Aufführung
nicht nennen, denn die gänzlich ungeschulte Stimme war
nur dünn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag
konnte dafür nicht entschädigen. Man brauchte ja nur das
junge Mädchen mit der schlechten Haltung und der eingefallenen
Brust anzusehen, aus der unmöglich ein freier
Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre Plätze
verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht
hinter der Sängerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen
machte und aus der Fassung brachte. Sie kam denn auch
mehrere Male aus dem Takt, und es erklangen infolgedessen
solche Disharmonien, daß einige der Zuhörerinnen das
Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu
verbergen. Ilse fand den Gesang abscheulich, und da sie
sich dabei langweilte, schlich sie sich leise von der offenen
Türe, in welcher sie gestanden hatte, fort und trat an ein
kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und
mit Büchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie
sich und blätterte mechanisch in den Büchern.
</p>

<p>
Es war ihr sehr erwünscht, jetzt nicht sprechen zu
müssen, denn der Gedanke, daß der junge Mediziner ein
Freund Leos war, beschäftigte sie unaufhörlich. Sie entsann
sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres öfter gehört zu
haben. Gerne hätte sie sich bei Tisch noch von ihm erzählen
lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter
gegenüber lähmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch
teilweise die Herren herangelockt, nur Floras Mann ließ
sich in seinem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen nicht
stören, und er mußte es sich daher gefallen lassen, daß seine
Frau ihn zur Ruhe verwies.
</p>

<pb n='120'/><anchor id='Pgp0120'/>

<p>
„Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich,“ sagte
sie halblaut und scheinbar im Scherz. „Du solltest doch
auch für höhere Genüsse zugänglich sein, lieber Ernst.“
</p>

<p>
„Du weißt, Kind,“ antwortete er freundlich, „ich bin
nun einmal ein Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon
verstehe, habe ich auch kein Interesse dafür.“
</p>

<p>
„Ja, leider,“ sagte Flora, ihm verdrießlich den Rücken
wendend, und ging wieder in das andre Zimmer.
</p>

<p>
„Es ist traurig,“ sagte sie mit einem vielsagenden Blick
zu Herrn Lüders, „wenn alle Poesie, alles Höhere in dem
Materiellen und Nüchternen untergeht. Mein Mann hat
für nichts weiter Sinn als für seine Kranken.“
</p>

<p>
Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er
hatte jetzt Wichtigeres zu sehen und zu hören, als Flora
mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in die Musik vertieft,
saß er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand
gestützt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was
ihm den köstlichen Genuß stören könnte. Durch seine Finger
aber sah er unverwandt nach dem kleinen Tisch hinüber,
wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres unterhielt, der
sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darüber
erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit,
ihn nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darüber
nach, wie sie das Gespräch auf ihn bringen könnte, ohne
daß er es auffällig fände.
</p>

<p>
„Sie lieben wohl die Musik nicht, gnädiges Fräulein?“
richtete der junge Mann das Wort an sie. „Ich vermute
dies wenigstens, weil diese Bücher Sie viel mehr zu interessieren
scheinen, als der Gesang.“
</p>

<p>
„O doch,“ erwiderte Ilse schnell, „aber offen gestanden,
diese Stimme und der Vortrag sind doch zu schlecht, finden
Sie nicht auch?“
</p>

<p>
Er nickte lachend.
</p>

<p>
„Übrigens ist mein Urteil gänzlich unzulänglich,“ meinte
<pb n='121'/><anchor id='Pgp0121'/>er dann, „denn ich habe es nur bis zu den Kneipliedern
gebracht und selbst diese sang ich falsch; ich habe deswegen
auch von meinen Heidelberger Freunden manchen Spott ertragen
müssen.“
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p121.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn
wohl nach Leo fragen, ohne daß er Argwohn schöpfen würde.
</p>

<p>
„In Heidelberg ist es wohl sehr schön?“ fragte sie
unbefangen.
</p>

<p>
„O,“ rief er entzückt, „wenn es ein paradiesisches Stück
Erde gibt, so ist es Heidelberg. Sie müssen es sehen und
kennen lernen und werden mir recht geben. Wenn ich mich
mal verheiraten sollte, dann würde ich meine Hochzeitsreise
entschieden nach Heidelberg machen.“
</p>

<p>
„Diesen guten Rat können Sie ja ihrem Freunde
geben,“ unterbrach ihn jetzt Ilse, „von welchem Sie mir
<pb n='122'/><anchor id='Pgp0122'/>vorhin erzählt haben, der verlobt ist und dem Sie nächstens
schreiben wollen. Wie hieß er doch, Gontring? Verzeihen
Sie, ich habe den Namen wieder vergessen.“
</p>

<p>
„Gontrau,“ verbesserte er.
</p>

<p>
„Richtig, Gontrau,“ wiederholte sie leise und schlug
die Augen nieder, damit diese ihm nicht verrieten, welche
Heuchlerin sie in diesem Augenblick war.
</p>

<p>
„Gontrau und ich,“ fuhr der Doktor fort, dem man
die Freude an diesem Gespräch auf dem Gesichte las, „haben
eine herrliche Studienzeit in Heidelberg verlebt. Er war
ein ausgelassener lustiger Mensch; wie viel tolle Streiche
haben wir zusammen ausgeführt! Gontrau ist ein hübscher
Kerl, und die Heidelberger Schönen waren nicht blind dagegen,
sondern machten ihm förmlich den Hof.“
</p>

<p>
„Ach?“ fragte Ilse etwas zögernd. Diese Eröffnungen
waren ihr ja höchst interessant! Bisher war sie nie auf
den Gedanken gekommen, daß auch andre Mädchen sich in
Leo verliebt haben könnten und umgekehrt.
</p>

<p>
„Hat Ihr Freund den jungen Damen auch die Kur
geschnitten?“ forschte sie weiter.
</p>

<p>
„Nun natürlich,“ antwortete er mit Lachen, „ein flotter
schneidiger Student wird doch für die Huldigungen der
Damenwelt nicht unempfindlich bleiben, noch dazu in Heidelberg,
wo es so reizende Mädchen gab, als wir dort
studierten. Gontrau stellte uns immer in den Schatten, bei
Bällen, Partien, Schlittenfahrten, überall war er die Hauptperson.
Den einen Winter hatte er sich sterblich in eine
junge Amerikanerin verliebt, welche die Freundin einer
Professorentochter und bei dieser zum Besuch war.“
</p>

<p>
Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit hörte Ilse zu,
und als er schwieg, fragte sie schnell:
</p>

<p>
„Sagen Sie mir, bitte, wirklich richtig verliebt war
Ihr Freund in das junge Mädchen?“
</p>

<p>
So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme
<pb n='123'/><anchor id='Pgp0123'/>klang ein leises Beben, daß der junge Mann sie verwundert
anblickte.
</p>

<p>
Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.
</p>

<p>
„Bitte, sagen Sie,“ wiederholte sie möglichst unbefangen,
aber mit schwer unterdrückter Neugierde, denn es brannte
ihr auf der Seele, das weitere zu wissen.
</p>

<p>
„Ja, wirklich richtig verliebt war er.“ Doktor Andres
gebrauchte Ilses eigene Worte und sprach sie mit Betonung
aus, innerlich belustigt über ihre kindliche Frage. „Er hat
ihr die schönsten Blumen geschickt, und wir hatten ihn sogar
in Verdacht, daß er ihr Gedichte gemacht hat.“
</p>

<p>
Gewiß sind das dieselben, die er mir nachher geschickt
hat, dachte Ilse, und ein Gefühl eifersüchtiger Abneigung
gegen diese Nebenbuhlerin stieg in ihr auf. – Leo hatte
dieselbe nie erwähnt, – warum nicht? Ob sie wohl
hübsch war?
</p>

<p>
„Wie sah denn das junge Mädchen aus?“ fragte sie
laut. „War sie schön, blond oder dunkel, groß oder klein?
Bitte, bitte, beschreiben Sie mir dieselbe!“
</p>

<p>
Wieder mußte der junge Arzt lächeln, denn Ilses
Neugierde kam ihm so echt weiblich vor; er konnte ja nicht
wissen, daß hinter dieser ‚weiblichen Neugierde‘ ein berechtigtes
tiefes Interesse versteckt war.
</p>

<p>
„Sie fragen aber gründlich,“ sagte er lachend. „Man
merkt, daß Sie eine Juristenbraut sind. Hier haben Sie
die Personalbeschreibung der jungen Dame, also: sie war
mittelgroß, zierlich und graziös. Sie hatte dunkle Haare
und wundervolle schwarze, wahrhaft phänomenale Augen –“
</p>

<p>
„Also wirklich schön,“ unterbrach ihn Ilse.
</p>

<p>
„Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas
kokett. Sie war sich zu genau bewußt, wie verführerisch
sie war.“
</p>

<p>
„Ihr Freund lag ihr natürlich zu Füßen?“
</p>

<pb n='124'/><anchor id='Pgp0124'/>

<p>
„Wenn Sie das wörtlich meinen, gnädiges Fräulein,
so habe ich Gontrau in dieser Situation allerdings niemals
gesehen; aber es ist wohl möglich, denn er war ein feuriger
Anbeter.“
</p>

<p>
Hätte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt,
welchen Sturm seine Worte in dem Herzen seiner Nachbarin
hervorriefen, er hätte gewiß geschwiegen. Aber es
plauderte sich zu angenehm über alte Erinnerungen, besonders
da Ilse eine so eifrige Zuhörerin war. –
</p>

<p>
„Liebte denn das junge Mädchen Ihren Freund auch?“
fragte sie weiter.
</p>

<p>
„O, natürlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr
gut, das haben ihm ihre schwarzen Augen oft genug verraten.
Es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie
sich verlobt hätten, aber die Amerikanerin reiste dann wieder
fort, und ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Er hat sie
jetzt gewiß längst vergessen, diese seine Studentenliebe. Daß
seine Zuneigung keine ernstliche war, beweist ja schon seine
Verlobung mit einer andern.“
</p>

<p>
Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer
wachsende Aufregung nicht mehr verbergen.
</p>

<p>
„Mir ist es auch unbegreiflich, daß sich Ihr Freund
nicht mit jener Dame verlobt hat,“ sagte sie mit blitzenden
Augen. „Wie konnte er es wagen, sich mit einer andern
zu verloben? Das ist doch merkwürdig, das ist unrecht!
Er hätte seiner ersten Liebe treu bleiben müssen; warum
hat er es auch nicht getan? Gewiß ist er doch jetzt recht,
recht unglücklich geworden?“
</p>

<p>
Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Tränen,
und sie stützte zitternd die Hand auf den Tisch.
</p>

<p>
Doktor Andres sprang nun ebenfalls in höchster Bestürzung
auf.
</p>

<p>
„Aber, mein Fräulein,“ rief er ganz ratlos und erschrocken,
„was ist denn geschehen? Ich verstehe Sie nicht,
<pb n='125'/><anchor id='Pgp0125'/>erklären Sie mir doch Ihre Aufregung! Habe ich Sie beleidigt?
Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch,“ drängte er,
als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den
Tränen kämpfte. Sie antwortete nicht.
</p>

<p>
„Habe ich Sie denn beleidigt?“ fragte er nochmals
mit verzweifelter Miene, ohne jede Ahnung, was er angestiftet
hatte.
</p>

<p>
Sie schüttelte schweigend den Kopf.
</p>

<p>
„Kennen Sie denn das junge Mädchen, oder vielleicht
meinen Freund Gontrau?“ fragte er endlich, denn er hatte
sich überlegt, daß zwischen ihr und einer dieser Personen
doch irgend eine Beziehung sein müßte.
</p>

<p>
Von seinem Platze aus hatte der Referendar das
Gespräch der beiden belauscht, nichts war ihm davon entgangen,
und er benutzte diesen Augenblick, um näher zu
treten.
</p>

<p>
„Dachte ich es mir doch, als ich Sie mit dem gnädigen
Fräulein so eifrig im Gespräche sah, daß von Assessor
Gontrau, dem glücklichen Bräutigam des Fräuleins, die
Rede sein würde,“ sagte er scheinbar harmlos und unbefangen,
aber ein häßliches Lächeln umspielte seinen Mund.
</p>

<p>
Ilse war bei seinen Worten jäh erblaßt, und eine
namenlose Verlegenheit bemächtigte sich ihrer. Mit unverhohlener
Verachtung sah sie Lüders an; als sie aber seinen
triumphierenden Blicken begegnete, wandte sie sich erschrocken
ab. Was wollte er von ihr? Sie kannte ihn ja kaum
und er sie auch nicht. Warum sah er sie so sonderbar an?
O Gott, wenn er ihre Unterhaltung mit dem Doktor gehört
hatte! Und was sollte sie jetzt zu diesem sagen, wie sich
entschuldigen? In ihrer peinlichen Verlegenheit wagte sie
nicht aufzublicken, denn sie fühlte, daß ihr die Schamröte
heiß in die Wangen gestiegen war. Sie betrachtete es als
ein Glück, daß Flora jetzt dazu kam und sie aus ihrer Pein
erlöste.
</p>

<pb n='126'/><anchor id='Pgp0126'/>

<p>
Die junge Frau suchte den Referendar. Die Sängerin
schien jetzt kein Ende finden zu können, nachdem sie nach
so langem Sträuben einmal den Anfang gemacht hatte.
Für jedes Lied erntete sie viel Beifall und dieser begeisterte
sie zu immer neuen Vorträgen. Nun wollte sie gern die
Trompeterlieder von Riedel singen, welche sie sich aber nicht
selbst begleiten konnte. Herr Lüders sollte deshalb die Begleitung
übernehmen. Er war damit durchaus nicht einverstanden,
denn es war ihm viel interessanter zu erfahren,
wie Ilse sich aus der Affäre ziehen, was sie zur Aufklärung
sagen würde. Daß zwischen ihr und ihrem Bräutigam
etwas vorgefallen war, unterlag für ihn keinem Zweifel
mehr, und zu gern hätte er des Rätsels Lösung, die ihm
jetzt sehr nahe zu sein schien, vernommen.
</p>

<p>
Mit Ausreden und Ausflüchten suchte er daher Floras
Aufforderung zu entkommen. Er könne nicht begleiten, gab
er vor, er spiele zu stümperhaft und sei besonders heute
nicht zum Spielen aufgelegt. Aber Flora ließ sich nicht
zurückweisen.
</p>

<p>
„Sie Heuchler!“ rief sie und schlug ihm kokett auf die
Schulter, „nur Schmeicheleien wollen Sie hören, warten
Sie nur! Zur Strafe müssen Sie uns nachher noch etwas
deklamieren, wissen Sie, das kleine Gedicht von mir, das
so unverdiente Gnade vor Ihren Augen gefunden hat.
Kommen Sie, Bösewicht!“
</p>

<p>
Sie legte ihren Arm in den seinigen, und widerstrebend
ging er mit, im Innern wütend auf Floras Dazwischenkommen.
</p>

<p>
Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras
Geschwätz geachtet. Ilse stand noch immer stumm und
wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie überlegte fortwährend,
was sie Andres sagen solle; mußte er sich denn
nicht mit vollem Recht über ihr Schweigen wundern? Sollte
sie ihm die Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie
<pb n='127'/><anchor id='Pgp0127'/>müßte sich unsagbar vor ihm schämen. Sie wußte keinen
Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser so peinvollen
Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie käme!
Saß sie denn noch immer nebenan im Musikzimmer?
</p>

<p>
Suchend schweiften ihre Blicke umher.
</p>

<p>
„Suchen Sie jemand, gnädiges Fräulein?“ fragte
Andres, „soll ich Ihre Freundin rufen?“
</p>

<p>
Sie schüttelte den Kopf.
</p>

<p>
„Nein, bitte bleiben Sie,“ bat sie fast flehend.
</p>

<p>
Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls
höchst unangenehm, und er hätte derselben gern ein Ende
gemacht. Aber durfte er fortgehen, da sie ihn so flehentlich
bat, zu bleiben? Daß sein Freund Gontrau wirklich der
Bräutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach
Ilses Erschrecken nicht zweifeln. Hätte sie auch sonst dem
Referendar nicht widersprochen, oder, wenn ein Irrtum
vorlag, denselben aufgeklärt? Warum hatte sie ihm verschwiegen,
daß sie die Braut Gontraus war, was sollte das
bedeuten? Die ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm
aber, daß er sie nicht fragen dürfe, ohne sie peinlich, ja
vielleicht schmerzlich zu berühren.
</p>

<p>
So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend
nebeneinander. Ilse spielte mit dem Blatt einer Fächerpalme
und Andres betrachtete eine Photographie, welche
auf dem Tische stand.
</p>

<p>
Im Nebenzimmer sang das junge Mädchen in den
schmelzendsten Tönen und mit einer fast ans Weinen
grenzenden Rührung die Klage Margarethas: „O Lieb’,
wie bist du bitter, o Lieb’, wie bist du süß!“
</p>

<p>
So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen
geneigt war, heute fanden diese Worte ein Echo in ihrem
Herzen. Ja, süß war auch ihr die Liebe erschienen, aber
mußte sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn sie die
Menschen für eine glückliche Braut hielten, war es nicht
<pb n='128'/><anchor id='Pgp0128'/>eine Lüge, daß sie es mit lächelndem Gesichte zu bestätigen
schien? Mußte sie nicht sagen: „Ihr täuscht euch, ich bin
nicht glücklich, ich bin unglücklich, tief unglücklich?“ War
denn wirklich der Grund ihres Zerwürfnisses mit Leo
wichtig genug, um solche Folgen zu haben, daß sie nun
Komödie spielen mußte, was sie in die ärgsten Verlegenheiten
brachte, ihr die größte Pein bereitete? „Ach, wäre
es doch nicht so weit gekommen, hätte ich mich nicht zu der
unglückseligen Flucht hinreißen lassen!“ So dachte sie jetzt
in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.
</p>

<p>
Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die
Dauer ungemütlich, und als er ihren Seufzer vernahm, ergriff
er die Gelegenheit und fragte, ob er sie vielleicht zu
den andern Damen führen solle.
</p>

<p>
Sie nickte zustimmend und legte ihre Hand in seinen
Arm, doch nach dem ersten Schritt blieb sie schon wieder
stehen. Was sollte er von ihr denken, wenn sie ihm nach
ihrem vorausgegangenen Betragen kein erklärendes Wort
sagte? Er würde sie mindestens für recht albern halten.
Sie fühlte, daß seine Blicke fragend auf ihr ruhten. Ja,
sie mußte ihr rätselhaftes Benehmen entschuldigen.
</p>

<p>
Sie sah zu ihm empor und blickte in seine Augen, die
ernst und teilnahmvoll auf sie gerichtet waren und eine edle
Seele, ein feines Zartgefühl verrieten. Sie hätte sehr bedauert,
von dem ihr so sympathischen jungen Manne falsch
beurteilt zu werden, was sie nach diesem Zwischenfall ja
gar nicht anders erwarten konnte. Und darum wollte sie
sprechen, so schwer es ihr auch fiel. „Bitte, Herr Doktor,“
sagte sie leise, „wir wollen uns noch einen Augenblick setzen,
ich muß Ihnen etwas sagen.“
</p>

<p>
Er erfüllte ihre Bitte und sah sie voller Erwartung
an. Eine kleine Pause entstand, denn Ilse konnte sich nicht
entschließen, Leos Namen über die Lippen zu bringen, den
sie in der letzten Zeit gar nicht mehr ausgesprochen hatte,
<pb n='129'/><anchor id='Pgp0129'/>den sie wie ein Geheimnis tief verborgen im Herzen trug.
„Sie halten mich gewiß für recht kindisch,“ begann sie
endlich, „und wissen nicht, was Sie von mir denken sollen.
Ja, es ist wahr, Assessor Gontrau ist mein Bräutigam.
Es war nur ein Scherz von mir, wenn ich Ihnen das
nicht gleich sagte. Ich wollte gern Ihre Überraschung
sehen, wenn Sie es dann von mir erfuhren, und da – da
ärgerte ich mich so, daß Herr Lüders mir den Spaß verdarb.“
</p>

<p>
Der Augenblick hatte Ilse diese Ausrede eingegeben,
und sie wunderte sich jetzt selbst, wo sie den Mut hergenommen
hatte, dieselbe auszusprechen. Hinterher schämte
sie sich ihrer Lüge und blickte verlegen vor sich nieder. Sie
hatte gegen ihre Natur gehandelt, denn Offenheit war eine
große Tugend von ihr. Daher kam sie sich verächtlich vor
und schwankte, ob sie dem Doktor nicht die Wahrheit eingestehen
solle, denn er hatte sie doch sicher ohnedies schon
durchschaut. Aber als sie in sein Gesicht blickte, in dem sie
keinerlei Zweifel über ihre Worte entdeckte, als sie in seine
unbefangenen Augen sah, die jetzt mit einem freudigen Ausdruck
auf sie gerichtet waren, da schwieg sie doch. Herzlich
streckte er ihr die Hand entgegen und rief vergnügt:
</p>

<p>
„Wie freue ich mich, die Braut meines lieben Gontrau
kennen gelernt zu haben! Von Herzen wünsche ich Ihnen zu
solchem Manne alles Glück. Aber bitte, Fräulein, nun
erzählen Sie mir von ihm. Wie geht es ihm, was tut und
treibt er? Sobald ich Zeit habe, werde ich ihm schreiben.“
</p>

<p>
Andres glaubte wirklich an Ilses Erzählung, und daß
ihre Aufregung nur aus dem Ärger über den verdorbenen
Scherz entstanden war. Deshalb plauderte er mit aller Unbefangenheit
weiter und merkte nicht wie peinlich die junge
Braut die Fragen nach ihrem Verlobten berührten. Sie saß
wie auf Kohlen und antwortete, so geschickt sie konnte. Aber
auf die Dauer wurde es ihr äußerst schwer, die Diplomatin
<pb n='130'/><anchor id='Pgp0130'/>zu spielen, zu der sie nicht geboren war. Sie wurde immer
verwirrter, gab zerstreute Antworten, und als der Doktor
sie fragte, ob sie und Leo sich täglich schrieben, und bat, sie
möchte ihn in ihrem nächsten Briefe von ihm grüßen, da
brachte sie es nicht mehr über das Herz, sich noch weiter
zu verstellen.
</p>

<p>
„Ich – ich,“ stammelte sie, „schreibe meinem Bräutigam
nicht und kann ihn deshalb auch nicht von Ihnen
grüßen.“
</p>

<p>
Er glaubte, sie scherze und fragte lachend, ob sie ihm
denn überhaupt niemals schriebe.
</p>

<p>
Nun war es mit ihrer Fassung ganz zu Ende.
</p>

<p>
„Nein,“ wiederholte sie erregt, „überhaupt nicht! Ach,
ich bitte, schweigen Sie, ich kann Ihnen jetzt nicht erklären,
jetzt nicht sagen –“
</p>

<p>
Sie brach ab, denn zum ersten Male schämte sie sich ihres
Zerwürfnisses mit Leo aus tiefstem Herzensgrunde; es kam
ihr unwürdig vor, und in dieser Stimmung wußte sie nichts
andres zu tun, als ihr Taschentuch herauszunehmen und wie
ein Kind zu weinen.
</p>

<p>
Erschrocken und erstaunt über dieses neue Rätsel, das
ihm seine Nachbarin aufgab, war Andres aufgesprungen,
und er empfand es wie eine Erleichterung, als in diesem
Augenblick Nellie hereintrat, welche die Freundin holen wollte,
da ein allgemeiner Aufbruch stattfand. Sie war nicht wenig
überrascht, Ilse in dieser Verfassung vorzufinden. Fragend
blickte sie auf den jungen Arzt, der ihr mit einem Achselzucken
antwortete, als wollte er sagen: „ich weiß auch nicht,
was dieses bedeuten soll.“ Er entfernte sich hierauf rasch
und die beiden Freundinnen waren allein.
</p>

<p>
„Um Gottes willen, Ilschen,“ flüsterte Nellie, „fasse dich,
die Leute dürfen dir so nicht sehen. Was hast du, was ist
geschehen?“
</p>

<p>
„Ach Nellie, ich habe mich furchtbar blamiert,“ schluchzte
<pb n='131'/><anchor id='Pgp0131'/>Ilse, „laß mich jetzt, ich erzähle dir alles, wenn wir zu Hause
sind.“
</p>

<p>
„Tu der dumme Tuch ins Tasch; die andern kommen,
was sollen sie von dich denken? Sieh nur, wie der Referendar
dir prüft.“
</p>

<p>
„Der unverschämte Mensch,“ fuhr Ilse auf, „was fällt
ihm ein? Er fixiert mich fortwährend, schon bei Tische hat
er kein Auge von mir verwandt, der freche Bursche!“
</p>

<p>
„Still, Ilschen, nicht so laut,“ mahnte Nellie die Aufgeregte,
„er hört ja, was du sagst.“
</p>

<p>
„Und wenn er es hört,“ sagte Ilse absichtlich laut, mit
einem drohenden Blick auf Lüders, „er soll es hören, ich
würde es ihm auch ins Gesicht sagen.“
</p>

<p>
Nellie hielt ihr den Mund zu. Sie war über Ilses
Heftigkeit nicht sehr verwundert, kannte sie dieselbe doch hinlänglich
und wußte, daß sie ebenso entschieden in ihren Abneigungen,
wie in ihren Zuneigungen war.
</p>

<p>
Die übrige Gesellschaft umstand im Kreis die Wirte
und nahm mit vielen Komplimenten Abschied.
</p>

<p>
„Nimm dir zusammen, wir müssen gehen,“ sagte Nellie
leise zu Ilse.
</p>

<p>
„Na, was habt ihr beide denn wieder zu tuscheln?“
fragte Althoff, der jetzt zu ihnen trat. „Kommt, Kinder,
alle machen einen schönen Knix, jetzt ist die Reihe an uns.
Ilse, Sie sehen ja so elegisch aus, was ist Ihnen denn?
Hat Florchen Ihnen etwa ihre Gedichte zu lesen gegeben
und sind Sie davon so gerührt geworden?“
</p>

<p>
Ilse lachte gezwungen zu diesem Scherz, denn ihr war
nichts weniger als lächerlich zu Mute, fühlte sie sich doch
beschämt und unzufrieden, daß sie sich soweit hatte hinreißen
lassen, kurz und gut, sie wurde von den selbstquälerischsten
Gedanken heimgesucht und dadurch in höchst unbehagliche
Laune versetzt.
</p>

<p>
Auf dem Heimweg, den man gemeinschaftlich antrat,
<pb n='132'/><anchor id='Pgp0132'/>hätte sie zu gern den jungen Arzt noch gesprochen, denn
ihr Benehmen ihm gegenüber lag ihr bleischwer auf der
Seele.
</p>

<p>
Einer nach dem andern trennte sich von der Gesellschaft.
Zuletzt hatten Althoffs nur noch Andres und den Ilse so
verhaßten Referendar, welche beide in ihrer Nähe wohnten,
zu Begleitern.
</p>

<p>
„Wenn dieser Mensch doch nicht mitginge,“ dachte Ilse;
er machte es ihr unmöglich, mit Andres noch ein Wort zu
sprechen, denn er wich nicht von dessen Seite.
</p>

<p>
Als sie vorm Hause angelangt waren, kam ihr noch
eine günstige Gelegenheit zu Hilfe, ihr Herz zu erleichtern.
</p>

<p>
Althoff richtete eine eingehende juristische Frage an Lüders,
und Nellie, am Arm ihres Mannes, hörte dem Gespräche
zu. Diesen Augenblick benutzte Ilse, sich dem jungen
Arzt zu nähern und ihm hastig zuzuflüstern: „Verzeihen Sie
mir mein dummes Betragen von heute abend. Nicht wahr,
Sie halten mich für recht kindisch?“
</p>

<p>
„Aber mein Fräulein!“ rief er etwas verlegen über
dieses offene Bekenntnis. „Warum sollte ich Ihnen böse
sein? Ich –“
</p>

<p>
„Still!“ unterbrach sie ihn, und ihre Augen blickten
scheu zur Seite, denn die Unterhaltung zwischen den beiden
Herren war beendet.
</p>

<p>
„Gute Nacht!“ sagte Ilse und reichte Andres freundlich
die Hand, während sie Lüders eine förmliche Verbeugung
machte, ohne seine ihr entgegengestreckte Hand zu beachten;
sie hätte sich nicht entschließen können, sie zu berühren, einen
solchen Widerwillen flößte ihr dieser Mensch ein.
</p>

<p>
Noch lange saß sie in ihrem Stübchen und dachte nicht
daran, sich auszuziehen. Die Vorgänge des Abends erregten
sie noch zu sehr, als daß sie hätte schlafen können, wenn sie
sich auch zur Ruhe gelegt haben würde. Von Nellie hatte
sie sich schnell getrennt, ohne ihr eine weitere Aufklärung
<pb n='133'/><anchor id='Pgp0133'/>zu geben. Heute konnte und wollte sie nicht mehr von der
Geschichte sprechen. Desto mehr beschäftigte dieselbe ihre Gedanken.
Sie konnte sich nicht beruhigen, daß sie sich so dumm
benommen hatte.
</p>

<p>
Wenn der Doktor nur nicht von den Liebesgeschichten
angefangen hätte, die ihr doch unmöglich gleichgültig sein
konnten. Sie hatte niemals darüber nachgedacht, ob Leo
wohl schon eine andere Neigung gehabt haben mochte, bevor
er sich in sie verliebte. Und nun erfuhr sie zufällig, daß er
ein flotter Kurmacher gewesen war und daß ihn die jungen
Mädchen sehr umschwärmt hatten. Zum zweiten Male ertappte
sie sich heute abend auf einem eifersüchtigen Gefühle,
das ihr bis dahin völlig unbekannt gewesen; auf der andern
Seite aber berührte sie es doch nicht unangenehm, daß Leo
so begehrenswert erschien. Nur die schöne Amerikanerin
wollte ihr nicht aus dem Sinn. Wieder stieg die Frage in
ihr auf: warum hat er dir nie etwas davon erzählt? Warum
hat er diese Bekanntschaft verschwiegen? Gewiß ist ihm die
Erinnerung an das schöne Mädchen schmerzlich, die wohl so
viel schöner und klüger war, als du.
</p>

<p>
Unwillkürlich trat Ilse vor den Spiegel und betrachtete
sich eingehend. Es war ihr nie eingefallen, daran zu denken,
ob sie wohl für Leo hübsch genug wäre; nie hatte sie Wert
darauf gelegt, sich für ihn besonders zu schmücken, wie das
andre Bräute für den Bräutigam tun. Aber heute prüfte
sie ihr Gesicht Zug für Zug, und verglich sich im geheimen
mit der reizenden Amerikanerin, deren Bild ihre Phantasie
ihr so lebhaft vorführte, als hätte sie dieselbe schon in Wirklichkeit
gesehen. Sie fand sich grundhäßlich gegen ihre Phantasiegebilde,
welches sie mit einem überlegenen Lächeln anzublicken
schien. Sicher hatte Leo eine Photographie seiner
Angebeteten, die er immer bei sich trug, womöglich auf dem
Herzen. Die Augen, so hatte Doktor Andres gesagt, wären
geradezu ‚phänomenal‘ gewesen. Wieder verglich sie im Spiegel
<pb n='134'/><anchor id='Pgp0134'/>die ihrigen damit, und wieder fiel der Vergleich zur größten
Unzufriedenheit aus.
</p>

<p>
Ein leises Klopfen an der Tür hatte Ilse in der eifrigen
Betrachtung ihres Spiegelbildes ganz überhört. Nellies
Stimme ließ sie zusammenfahren.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p134.png" rend="w80">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
„Warum siehst du dich denn so in den Spiegel, <hi rend="antiqua">darling</hi>,
mit so böse Augen, daß ich mir fürchten muß?“
</p>

<p>
Ilse war betroffen zurückgetreten in größter Verlegenheit,
die aber von Nellie nicht bemerkt wurde, weil sie an
ganz etwas anderes dachte.
</p>

<pb n='135'/><anchor id='Pgp0135'/>

<p>
„Es ist gut, daß du nicht schon schläfst und ich dein
süßes Schlummer stören muß,“ sagte sie, „denn Ilschen, ich
habe eine große Neuigkeit, die ich nicht bis morgen früh bei
mich behalten konnte, ohne daß du ihr weißt. Lies hier
dieses Brief!“
</p>

<p>
Ilse zitterte. „Eine große Neuigkeit,“ so sagte Nellie
und brachte einen Brief. Von wem war er, was für eine
Neuigkeit mochte er enthalten? Dann schalt sie sich töricht,
daß sie bei der geringsten Gelegenheit an Leo dachte, als ob
jede Neuigkeit von ihm handeln, jeder Brief von ihm kommen
müßte. Er dachte gewiß nicht daran, ihr zu schreiben, ja
vielleicht hatte er sie schon vergessen. Bei diesem tragischen
Gedanken fühlte sich Ilse so weich werden, daß sie sich abwandte,
damit Nellie ihr Gesicht nicht sähe.
</p>

<p>
Diese hatte inzwischen den Brief aus dem Kuvert genommen
und entfaltet.
</p>

<p>
„Du ratst nicht, von wem er kommt, <hi rend='antiqua'>darling</hi>. Denke
dich nur, er ist von unsre Orla!“
</p>

<p>
„Von Orla?“ fragte Ilse erstaunt.
</p>

<p>
„Ja, von ihr. Aber hier lies.“
</p>

<p>
Sie reichte ihr mit diesen Worten die eng beschriebenen
Blätter mit den energischen, fast männlichen Schriftzügen.
</p>

<p>
„Lies laut vor,“ bat Nellie, „ich habe ihn so in der
Flucht gelesen, weil neugieriges Fred ihn haben wollte.“
</p>

<p>
Ilse las wie folgt:
</p>

<p>
    <text><body><salute>Liebste Nellie!</salute>
<p>
Ich sehe im Geiste dein erstauntes Gesicht beim Empfang
dieser Epistel, denn leider ist unser brieflicher Verkehr seit
deiner Verheiratung gänzlich eingeschlafen. Mein langer Brief,
welcher dir meine Glückwünsche dazu brachte, blieb unbeantwortet.
Aber du kennst mich wohl hinreichend, um zu
wissen, daß ich ganz und gar kein Talent zur Empfindlichkeit
besitze und trotz deiner Schweigsamkeit nicht einen Augenblick
<pb n='136'/><anchor id='Pgp0136'/>an deiner Freundschaft gezweifelt habe, von der ich heute
den ausgiebigsten Gebrauch machen möchte. Doch davon
später! Vor allen Dingen, liebe Nellie, wie geht es dir und
deinem Gatten? Ich hoffe, daß euch diese Zeilen im besten
Wohlsein antreffen. Ich denke viel an euch beide glücklichen
Menschen und gönne euch von Herzen alles Gute dieser Erde,
mit dem Wunsche, das Schicksal möchte euch immer so gnädig
gesinnt bleiben.
</p>

<p>
Du wunderst dich, wie ich in diese bei mir so ungewöhnliche
Stimmung geraten bin? Du sollst eine Erklärung
haben. Warum fiel ich auch nicht sofort mit der Türe ins
Haus und hielt mich erst bei großen Umschreibungen auf!
Doch der Mensch ist nun einmal so wunderlich und hält sich
das unangenehme gern so lange wie möglich fern. Mit
wenigen Worten will ich dir erzählen, wie übel mir das
Geschick mitgespielt hat. Du weißt ja, liebe Nellie, mein
Großvater war reich, im Wohlstand bin ich aufgewachsen
und erzogen. Mein Großvater glaubte dem einzigen Kinde
seiner Tochter, das nur zu früh elternlos geworden, nichts
versagen zu dürfen, er hat mich in jeder Beziehung verwöhnt.
Ich dachte, obwohl sonst, wie du ja weißt, eine skeptische
Natur, das müßte so sein und könne niemals anders werden.
Aber, daß aus einer reichen Erbin mit einem Schlage ein
armes Mädchen werden kann, muß ich an mir selbst nun
bitter genug erfahren.
</p>

<p>
Ich will dir brieflich nicht auseinandersetzen, auf welche
Weise wir unser ganzes Vermögen verloren haben. Mein
armer Großvater ist vollständig fassungslos, und das mit
anzusehen, ist mein größter Kummer. Der Mann, der noch
so lebensfrisch war, ist gebrochen; er bildet sich ein, mein
ganzes Glück zerstört zu haben und quält sich mit den
größten Vorwürfen, trotzdem ich ihm immer wiederhole, daß
ich, jung und kräftig wie ich bin, es wage, mit dem Leben
aufzunehmen.
</p>

<pb n='137'/><anchor id='Pgp0137'/>

<p>
Das sage ich übrigens auch nicht nur ihm zum Trost,
es ist meine wahre Meinung, die ich damit ausspreche. Ich
zage nicht, und Sorge macht mir nur die Zukunft meines
alten Großvaters, dem es ein schwerer Gedanke ist, nun
von seinem Sohne abhängig zu sein, obgleich mein Onkel
und dessen Frau ihn in der liebevollsten Weise aufnehmen
werden.
</p>

<p>
Mein Onkel hat glänzende Einnahmen; er hat aber
vier Kinder und führt ein großes Haus, denn mit der Aussicht
auf die erhebliche Erbschaft seines Vaters brauchte er
ja nicht ans Sparen zu denken.
</p>

<p>
Auch mir haben meine Verwandten in liebenswürdigster
Weise ihr Haus geöffnet und mir ein Heim darin angeboten.
Doch ich habe ihnen erklärt, daß ich mich auf meine
eigenen Füße stellen wollte, und mein Onkel hat mir eine
ansehnliche Summe zu meiner Ausbildung zur Verfügung
gestellt. Mit meinen sogenannten ‚noblen Passionen‘ ist es
nun natürlich vorbei; ich ritt und fuhr mit großer Leidenschaft,
war überhaupt dem Sport sehr ergeben. Tempi
passati! Mein Reitpferd, ein Goldfuchs, ist bereits für
einen hohen Preis verkauft, und auch für mein Pony-Dreigespann
habe ich schon einen Käufer gefunden. Die
schönen Tiere kommen zum Glück in gute Hände, das macht
mir die Trennung von ihnen leichter! Aber wohin gerate
ich? Ich glaube wahrhaftig, ich fange an zu klagen und
doch liegt mir nichts ferner als das!
</p>

<p>
Gute Freunde haben mir geraten, eine Gouvernantenstelle
anzunehmen, oder Gesellschafterin zu werden; dagegen
sträubte ich mich mit aller Energie! Wenn ich mich auch
vor den Verhältnissen beugen muß, so möchte ich mich doch
nicht von den Stimmungen launenhafter Damen und den
Unarten verzogener Kinder abhängig machen. Und dann,
du weißt ja, bin ich zu offen und sage, wenn man mich
danach fragt, jedem die Wahrheit ins Gesicht. Diese Tugend
<pb n='138'/><anchor id='Pgp0138'/>oder Untugend, wie man will, paßt aber nicht für eine
Gouvernante oder Gesellschafterin. Nein, um keinen Preis
ein solches Los! Meine guten Ratgeber haben sich auch
schließlich überzeugen lassen, daß ich für solche Stellen nicht
passe, und billigen jetzt einen andern Plan, den du gleich
erfahren sollst. Erschrick aber nicht zu sehr, wenn ich ihn
dir mitteile.
</p>

<p>
Ich will mich nämlich immatrikulieren lassen und zwar
für die medizinische Wissenschaft, die mich von jeher sehr
interessiert hat; vielleicht, weil mein Vater ein bedeutender
Arzt war, erbte ich diese Neigung. Ich weiß, daß eine
lange Zeit vergehen wird, bis meine Studien beendet sein
können, aber ich schrecke davor nicht zurück. Meine Verwandten
sind mit meinem Vorhaben einverstanden, und ich
beabsichtige in Zürich mein erstes Semester anzutreten.
</p>

<p>
Jetzt kann ich endlich meine Bitte anbringen, nach
dieser langen Einleitung, die nun einmal unumgänglich notwendig
war. Die große Verehrung, die ich für deinen Mann,
meinen früheren Lehrer, empfinde, hat den lebhaften Wunsch
in mir wachgerufen, wieder seine Schülerin zu werden und
die Zeit bis Ostern, wo ich nach Zürich gehe, damit auszufüllen,
daß ich unter seiner Leitung die Lücken in meinen
Kenntnissen auszufüllen suche.
</p>

<p>
Seitdem ich die Schule verlassen habe, bin ich nicht
untätig gewesen: aus Liebhaberei nahm ich noch regelmäßig
Stunden in allen möglichen Fächern der Wissenschaft und
hoffe deshalb, daß ich deinem Manne nicht zu große Mühe
machen werde. Ersuche ihn in meinem Namen, reiflich zu
überlegen, ob er gesonnen ist, meine Bitte zu erfüllen, was
mich sehr glücklich machen würde, denn ich habe die größte
Hochachtung vor dem Wissen und pädagogischen Talente
deines Gatten. Und ist er dann entschlossen, liebe Nellie,
meinem Wunsche nachzukommen, dann verliere keine Zeit
und benachrichtige mich sofort. Ich mache mich bereit, jeden
<pb n='139'/><anchor id='Pgp0139'/>Tag von hier abreisen zu können, und werde mich nach
einer zusagenden Antwort von euch gleich auf die Eisenbahn
setzen. Du bist wohl so gut und erkundigst dich nach
einer passenden Pension für mich, bei netten Leuten. Du
bist ja so praktisch, daß ich dir alles weitere überlasse.
Meine Verwandten grüßen dich und deinen Mann unbekannterweise
herzlich. Ich freue mich sehr, <hi rend='antiqua'>notabene</hi>, wenn
etwas daraus wird, euch wiederzusehen und bleibe mit den
freundschaftlichen Grüßen für euch beide, stets
</p>
        <dateline rend="text-align: left">St. Petersburg 17/29. 10. 18 ..</dateline>
        <signed>deine treue  <lb/>
        Orla <anchor id="corr139"/><corr sic="Sassuwisch">Sassuwitsch</corr>.</signed>
    </body></text>
</p>
    
<p>
„Arme Orla,“ sagte Nellie bedauernd, als Ilse zu
Ende gelesen hatte, „ich hatte ihr stets so gern.“
</p>

<p>
„O, ich auch!“ rief Ilse. „Aber weißt du, Nellie, ich
hatte immer ein bißchen Angst vor ihr; sie ist so klug und
sieht einen so durchdringend und scharf an, als könnte sie
die geheimsten Gedanken erraten. Zur Studentin paßt sie
famos! Ob sie wohl noch raucht? Was sagt denn dein
Mann dazu, daß sie studieren will, ist er damit einverstanden?“
</p>

<p>
„O, Fred will ihr gern das Unterricht geben, er meint
nur, es wäre ein großer Schritt von einer Frau, zu studieren,
und will ihr das auch vorstellen. Doch ich sage
ihm, Orla hat eine feste Kopf; was sie will, das tut sie,
du kannst ihr nicht abbringen. Morgen schreibe ich ihr
gleich, sie soll kommen; wir nehmen ihr herzlich gern auf.
Und nun, gute Nacht, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, ich bin müde von die langweilige
Flora-Gesellschaft und auch du hast schlafrige
Augen.“
</p>

<p>
Die Freundin war schon längst fort, und Ilse hatte
sich gleichfalls zur Ruhe begeben, lag aber noch wachend im
Bette; die Erinnerung an den ereignisreichen Abend raubte
<pb n='140'/><anchor id='Pgp0140'/>ihr den Schlaf. Orlas Schicksal beschäftigte sie lebhaft.
Orla, eine Studentin, das war doch zu interessant! Was
wird Flora dazu sagen und die artige Rosi, welche die freidenkende
und energische Russin niemals verstanden hatte,
sie wird über diese Emanzipation gewiß außer sich sein.
</p>

<p>
Als Gott Morpheus unsre kleine Ilse endlich in seine
Arme schloß, träumte sie lauter wunderliches Zeug. Orla
stand in Männerkleidern vor ihr und hatte das Cereviskäppchen
flott auf das eine Ohr gesetzt. Mit einem kurzen
Spazierstöckchen schlug sie an ihre hohen Stulpenstiefeln und
blies aus einer Zigarette zierliche blaue Ringeln in die
Luft. Dann wieder erschien Leo in Ilses Träumen. Er
lag zu den Füßen der schönen Amerikanerin, die ihn mit
ihren schwarzen Augen verführerisch anblickte. Ilse wurde
bei diesem Anblick von einer wilden Eifersucht ergriffen,
sie wollte dazwischen fahren, war aber wie festgebannt und
konnte sich nicht vom Flecke rühren. –
</p>

<p>
Den Brief an Orla hatte Nellie am andern Tage in
aller Frühe geschrieben; die Antwort war sofort in einem
kurzen Telegramm erfolgt, das die Worte enthielt: „Ich
werde Montag abend 8½ Uhr dort eintreffen.
</p>

<p rend="text-align: right">Orla.“</p>

<p>
Nach einer Wohnung für dieselbe hatte sich Nellie nicht
umgesehen, denn selbstverständlich würde sie die Freundin
nicht ausquartieren; sie sollte vielmehr das Fremdenstübchen
mit Ilse teilen. Die bevorstehende Ankunft Orlas war
jetzt ein lebhafter Gesprächsgegenstand. Flora fand die
Idee, daß Orla studieren wollte, ‚einfach genial‘ und war
so begeistert darüber, daß sie behauptete: wenn sie nicht
‚Hymens Fesseln‘ bänden, wie sie sich, stets poetisch, ausdrückte,
würde sie ebenfalls studieren, wenn sie auch nicht
gerade die medizinische Wissenschaft zu ihrem Studium
wählen möchte, die nach ihrer Meinung nun einmal alles
Ideale in der menschlichen Brust ersticke.
</p>

<pb n='141'/><anchor id='Pgp0141'/>

<p>
„Orla und ich verstanden uns von jeher gut, wir sind
sozusagen ‚geistig verwandt‘,“ sagte sie zu Nellie und Ilse,
„ich freue mich deshalb schrecklich, sie wiederzusehen.“
</p>

<p>
Im stillen dichtete sie an einem Sonett, welches sie in
einem Blumenstrauß versteckt zum Empfange überreichen
wollte und in dem sie in überschwenglichster Weise eine
Heldin der Zukunft besang.
</p>

<p>
„Wißt ihr noch, Kinder,“ fragte sie die Freundinnen,
„wie Orla die wirklich großartige Rede unter dem Lindenbaum
hielt, und wie ich ihr damals schon prophezeite, daß
einst etwas Großes aus ihr würde? Ich habe mich nicht
getäuscht, ich ahnte, daß sie sich über das Niveau des alltäglichen
Lebens erheben würde. Ihre groß angelegte Natur
strebt nach Höherem, mit kräftiger Hand zerreißt sie die
engen Fesseln der Weiblichkeit und stellt sich den Männern
an die Seite. Ich begreife sie, ich verstehe sie voll und
ganz, denn wer so wie ich den Drang nach etwas andrem,
besserem in sich fühlt, der leidet beständig unter dem Druck
der grauen Alltäglichkeit, welche eine nüchterne, kalte Oede
im innersten Gemüt hinterläßt.“
</p>

<p>
Ihre wasserblauen Augen waren bei dieser schönen
Rede schwärmerisch gen Himmel gerichtet, und sie bemerkte
deshalb nicht, daß Nellie unwillig den Kopf schüttelte.
</p>

<p>
„O Flora,“ sagte diese ernst, „du versündigst dir.
Wie darfst du von einer kalte, graue Oede in dein Inneres
sprechen und hast ein so guten Mann, ein herziges Baby –,
o, wie süß ist das Kind! Wär es mein, wie wollte ich
ihr hegen und pflegen. Warum hast du es so wenig um
dir? Du mußt mit die Kleine spielen, ihr schöne Geschichtens
erzählen, wie wir es mit unsere kleine Lilli taten.“
</p>

<p>
„Verschone mich mit deinen weisen Reden,“ unterbrach
sie Flora beleidigt, aber doch etwas verlegen. „Eine so
alberne Mutter, wie du sie eben schilderst, bin ich Gott sei
Dank nicht. Das Kind ist gut versorgt. Habe keine Angst,
<pb n='142'/><anchor id='Pgp0142'/>liebe Nellie, ich bin mir der heiligen Mutterpflichten wohl
bewußt.“
</p>

<p>
Das war wieder echt, wie Flora gesprochen, theatralisch
und überspannt. Es war ihr offenbar unangenehm, daß
Nellie hiervon angefangen hatte, und sie gab deshalb dem
Gespräch möglichst schnell eine andre Wendung. In ihrem
Innern dachte Nellie, daß sie es mit den ‚heiligen Mutterpflichten‘
doch wohl nicht so genau nähme; das kleine verschüchterte,
nachlässig gekleidete Stiefkind war der sprechendste
Beweis dafür. Es war nicht fröhlich und vergnügt wie
andere Kinder, ein wehmütiger Ernst lag in seinen großen
Augen, und der kleine Mund war trotzig fest geschlossen.
Nur wenn Käthchen bei ihrem Vater war, dann strahlte sie
und ein glückliches Lächeln machte das Kindergesicht unendlich
liebreizend. Um die Mittagszeit stand sie schon lange,
bevor er kam, am Fenster und wartete auf ihn. Sah sie
ihn kommen, so lief sie ihm entgegen und hing an seinem
Halse. Über sein ernstes Gesicht flog es dann wie Sonnenschein,
er küßte und liebkoste die Kleine.
</p>

<p>
„Du verwöhnst Käthe einfach grenzenlos,“ warf ihm
Flora einmal vor, „sie ist bereits furchtbar verzogen, ein
schrecklich unartiges Kind, man hat seine liebe Not damit.“
</p>

<p>
„Flora, du vergißt, wie lange das Kind mutterlos gewesen
ist,“ sagte er, und man sah ihm an, wie weh ihm
ihr hartes Urteil über seinen Liebling tat, „ich konnte mich
neben meiner Praxis wenig um dasselbe bekümmern, es war
fremden Händen überlassen. Ist es da wunderbar, daß
seine Erziehung vernachlässigt ist? Habe doch Geduld mit
ihm.“
</p>

<p>
Er wollte noch hinzusetzen: und bekümmere dich mehr
darum, aber er sagte nichts, denn er kannte Floras Empfindlichkeit.
Im Anfang ihrer Ehe, als er seine Frau
immer am Schreibtische sitzend vorfand, wenn er nach Hause
kam, hatte er sie sanft aber inständig gebeten, sich mehr um
<pb n='143'/><anchor id='Pgp0143'/>den Haushalt zu bekümmern, denn nie war das Essen zur
rechten Zeit fertig, und wenn es auf den Tisch kam, war
es nur zu oft ungenießbar. Da kam er aber schön an, sie
warf ihm vor, er sei doch gar zu materiell und das Essen
spiele bei ihm die Hauptrolle.
</p>

<p>
Er war mit Scherz über diese unangenehme Bemerkung
hinweggegangen und hatte freundlich zu ihr gesagt: „In
den Mußestunden, liebes Kind, kannst du so viel schreiben
als du willst, aber nie darfst du darüber die Pflichten der
Hausfrau und Mutter versäumen.“
</p>

<p>
Das nahm Flora sehr übel und tagelang sprach sie
kein Wort mit ihm. Aber ihre Lebensweise änderte sie in
keiner Beziehung, ja seine Vorwürfe regte sie nur zu neuen
Taten an, in langen Gedichten klagte sie ihr Leid, daß sie
eine mißverstandene Frau sei. Sie dachte nur an sich; was
lag auch daran, daß ihr Mann, wenn er hungrig und
müde nach Hause kam, keine Behaglichkeit vorfand, und sich
dann in sein Zimmer zurückzog? Wie konnte man überhaupt
so prosaisch sein und sich durch solche Dinge die
Laune verderben lassen! Sein liebevolles Zureden, seine
eindringlichen Vorwürfe, nichts half, um Flora zu ändern.
Da riß dem sonst so gutmütigen Manne die Geduld, er bat
nicht mehr, er verlangte, und es kam zu heftigen Szenen
zwischen den beiden Eheleuten. Flora spielte dann die schwer
Beleidigte.
</p>

<p>
Doktor Gerber hatte nicht geahnt, als er noch verlobt
war und Flora ihn mit überschwenglichen Gedichten überschüttete,
die er nur flüchtig las, daß er einst unter dieser
poetischen Ader zu leiden haben würde. Er sah es für eine
Spielerei an, die ein Ende nehmen würde, wenn erst ernste
Pflichten an die junge Frau heranträten. Wie bitter wurde
er enttäuscht! Aus der sanften, hingebenden Braut, die
ihn schwärmerisch anzubeten schien, in der er eine treue
Lebensgefährtin, eine sorgende Mutter für sein Kind zu
<pb n='144'/><anchor id='Pgp0144'/>finden hoffte, wurde eine unfügsame, selbstsüchtige Frau,
welche Mann und Kind vernachlässigte und sich obenein noch
gekränkt fühlte, daß er ihrer dichterischen Beanlagung so
wenig Interesse schenkte und so geringes Verständnis entgegenbrachte.
„Sie mit ihrer idealen Natur passe nun einmal
nicht in diese profane Welt,“ so tröstete sie sich schließlich.
Ihr Mann ertrug jetzt alles mit ruhiger Ergebung,
nachdem seine Liebe und Güte, dann seine Strenge, ja selbst
sein Zorn nichts gefruchtet hatten. Er ging seinem anstrengenden
Berufe nach und sagte nichts mehr; Flora war
froh, daß sie keine Vorwürfe mehr hören mußte und Ruhe
hatte. Einen Verehrer ihrer Muse hatte sie in dem Referendar
gefunden, dem sie unter vielen Seufzern ihr Schicksal
klagte und wie hart es sei, von dem eigenen Manne
verkannt zu werden.
</p>

<p>
„Ich habe mir meine besondere Welt geschaffen, in der
ich lebe,“ sagte sie zu Lüders, „denn wer versteht mich?
Außer Ihnen niemand,“ fügte sie mit einem gefühlvollen
Augenaufschlag hinzu. Auf Nellie blickte sie mit einer gewissen
Geringschätzung herab, sie ging ja, nach ihrer Meinung
wenigstens, vollständig in ihrem Mann und den Haushaltungssorgen
auf.
</p>

<p>
Als sie ihr das einmal sagte, hatte Nellie erwidert:
„Tut nix, von schöne Gedichte und Romans kann mein
Mann nicht satt werden, ich bin nun mal ein prosaisches
Frau, liebe Dichterin.“
</p>

<p>
„Orla wird mit ihren geistigen Interessen wenig Anklang
bei Nellie finden,“ dachte Flora im stillen und meinte,
es wäre eigentlich besser, Orla wohne bei ihr. Sie beneidete
Althoffs grenzenlos um ihren interessanten Besuch
und nahm sich vor, mit Orla sehr viel zu verkehren. Ihrem
Freunde, dem Referendar Lüders und ihren Bekannten erzählte
sie mit großer Wichtigkeit und Ausführlichkeit von
der bevorstehenden Ankunft der jungen Russin, die eine
<pb n='145'/><anchor id='Pgp0145'/>intime Freundin von ihr sei, da sie beide sozusagen ‚geistesverwandt‘
wären, daß sie zusammen in der Pension gewesen
seien, und wie sich Orla schon damals durch ihre hervorragende
Begabung ausgezeichnet hätte. Sie umgab deren
Persönlichkeit mit einem Nimbus, der darauf berechnet war,
seinen glänzenden Schein vorteilhaft auf sie selbst zurückzuwerfen.
Da war es denn bald stadtkundig geworden,
welchen Besuch Althoffs erwarteten, und man sah demselben
mit Spannung und Neugierde entgegen, ja sogar die Männer
waren begierig, die junge Dame kennen zu lernen!
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<p>
Nun war Orla schon einige Tage bei den Freunden,
und da sie sich müde und abgespannt von der Reise fühlte,
ging sie nicht aus dem Hause, ahnungslos, wie sehnsüchtig
man im Städtchen auf ihr Erscheinen wartete und wie sehr
sie die Geduld der Neugierigen auf die Folter spannte.
Flora kam fast jeden Tag; sie war natürlich auch auf dem
Bahnhof gewesen, als Orla ankam, hatte diese überschwenglich
umarmt und ihr den Strauß mit dem bewußten Gedicht
in die Hand gedrückt. Orla nahm diese Begrüßung
etwas kühl und verwundert auf, war sie doch gerade mit
Flora nie vertraut gewesen, deren Natur ihr vollkommen
unverständlich und unsympathisch war. Dagegen freute sie
sich aufrichtig, Ilse wiederzusehen.
</p>

<p>
„Nellie,“ hatte Ilse vor Orlas Ankunft gesagt, „bitte,
erzähle Orla nur gleich alles –, du weißt schon, die Geschichte
mit der Flucht. Wenn sie mich nach Leo fragte,
das wäre mir schrecklich, denn gerade ihr gegenüber schäme
ich mich doppelt, sie kann gewiß nicht begreifen, daß ich
eines lumpigen Streites wegen fortlaufen konnte, sie denkt
so erhaben über alles Kleinliche.“
</p>

<p>
Nellie hörte mit heimlicher Genugtuung und Freude
die Freundin an und sagte zu ihrem Manne: „Du Fred,
<pb n='146'/><anchor id='Pgp0146'/>Ilschen ist auf die Besserung, sie nennt den Streit mit
ihre Schatz schon ‚lumpig‘ und meint eine solche ‚Kleinigkeit‘
könne Orla nicht begreifen.“
</p>

<p>
Die drei Freundinnen hatten sich viel zu erzählen, und
manche Stunde wurde mit alten Erinnerungen verplaudert.
Waren diese im Grunde doch noch so frisch und neu; nur
zwei Jahre lagen dazwischen und die hatten keine davon
verwischen können. Die kurze Spanne Zeit hatte aber
manche Veränderungen hervorgebracht, namentlich wollten
Orla die drei würdigen Hausfrauen unter den Pensionsschwestern
nicht recht in den Sinn.
</p>

<p>
„Ich komme mir gegen euch ehrbare Frauen – Ilse
rechne ich mit – wie ein Wickelkind vor,“ sagte sie scherzend.
</p>

<p>
„Na Orla,“ neckte Ilse, „wie lange wird es dauern,
und du bist auch verlobt und verheiratet, du bist so hübsch
und klug –“
</p>

<p>
„Um Gottes willen, Ilse,“ fiel ihr Orla in die Rede,
„du willst mir doch nicht etwa Schmeicheleien sagen, Kind!
Du weißt doch, daß ich sie hasse.“
</p>

<p>
Aber Ilse lag es fern, der Freundin schmeicheln zu
wollen. Aus ihren Worten sprach die aufrichtigste Bewunderung
und sie war viel zu offen, jemand etwas Angenehmes
zu sagen, wenn es nicht ihre wirkliche Meinung
war. Die ganzen Tage her hatte sie Orla verstohlen angeblickt,
denn sie fand sie jetzt noch viel hübscher, als in
der Pension. Sie war größer und voller geworden, dabei
schlank und biegsam wie eine Tanne. Besonders gut gefiel
Ilse Orlas ‚interessante Blässe‘, und in der Tat bot der
matte, aber warme Teint im Verein mit den dunklen geistvollen
Augen, dem kurzen, leichtgelockten Haar ein unendlich
anziehendes und reizvolles Bild. Ihr Profil war scharf
geschnitten, ein keckes Stumpfnäschen verlieh ihrem Gesicht
etwas Pikantes, und den kleinen vollen Mund mit den
stolz geschwungenen Lippen hatte Flora schon in der Pension
<pb n='147'/><anchor id='Pgp0147'/>als ‚vollendet klassisch‘ besungen. Trotz einer gewissen
Schroffheit in Orlas Wesen konnte sie hinreißend liebenswürdig
sein und jedermann bezaubern.
</p>

<p>
Am Tage nach ihrer Ankunft hatte sie den Freunden
alles erzählt, was sie Trauriges betroffen hatte, und mit
ihnen ihre Zukunftspläne beraten. Doktor Althoff machte
sie schonungslos auf alle Schwierigkeiten ihres Entschlusses
aufmerksam, und Orla war ihm für seine Aufrichtigkeit sehr
dankbar, aber – so sagte sie ihm nach einer langen Auseinandersetzung
unter vier Augen, so wenig Lichtseiten er
ihr auch an ihrem zukünftigen Beruf gezeigt hätte, sie wäre
trotzdem fest entschlossen, nicht wankend zu werden.
</p>

<p>
„Ich bin, wenn auch keine Pessimistin, doch weit entfernt
davon, eine Optimistin zu sein,“ sprach sie, „ich weiß
ganz genau und habe mir das auch reiflich überlegt, daß
ich einen langen, beschwerlichen Weg vor mir habe, bis ich
mein Ziel erreiche, und dennoch schrecke ich nicht zurück.“
</p>

<p>
Nun, an Energie und Begabung fehlte es ihr nicht,
das wußte er, denn schon in der Schule hatte er seine
Freude an ihr gehabt und war oft überrascht gewesen, wie
sie bei einem schnellen Fassungsvermögen für eine Frau auffallend
klar und logisch dachte. Nie betrieb sie das Lernen
oberflächlich, sie nahm alles sehr genau und erforschte die
Dinge bis auf den Grund. Daß es ihr aber heiliger Ernst
mit dem Studium war, daß kein Gedanke der Eitelkeit, noch
die Sucht nach Außergewöhnlichem sie dazu bestimmt hatten,
das konnte man alsbald merken, denn sie entwarf mit Althoff
sofort einen genauen Stundenplan und er hatte sich in der
Folge über seine eifrige und fleißige Schülerin nicht zu beklagen.
Mit dem Unterricht wurde gleich am übernächsten
Tage ihres Eintreffens begonnen.
</p>

<p>
„Willst du dir nicht erst ein wenig ruhen?“ hatte
Nellie gefragt, „du bist von die vielen Aufregungen in der
letzte Zeit doch gewiß sehr angespannt?“
</p>

<pb n='148'/><anchor id='Pgp0148'/>

<p>
„Nein, nein, Nellie,“ gab sie zur Antwort, „ich darf
keine Minute Zeit verlieren, außerdem ist gegen elegische
Gedanken, wie sie jetzt manchmal in mir auftauchen wollen,
Arbeit das beste Mittel.“
</p>

<p>
Sie hatte sich entschieden gesträubt, bei Althoffs zu
wohnen, indem sie behauptete, das ginge nicht, es wäre ihr
peinlich. Sie würde sich daher in den nächsten Tagen selbst
nach einer passenden Wohnung umsehen; sie schalt Nellie,
daß sie es nicht vorher schon getan hätte. Vorläufig bewohnte
sie mit Ilse das Fremdenstübchen, und wenn diese
abends schon längst im Bette lag, saß Orla noch auf und
arbeitete bis tief in die Nacht hinein.
</p>

<p>
„Aber Orla,“ sagte Ilse oft, „du darfst nicht so
lange aufbleiben, du wirst sonst krank; komm und lege
dich schlafen.“
</p>

<p>
„Laß mich nur Kind,“ antwortete Orla, „schlafe ruhig
weiter und habe keine Angst, ich werde nicht krank.“
</p>

<p>
„Kind, sagt sie immer zu mir,“ dachte Ilse, „gerade
als wenn sie viel älter wäre als ich, und sie ist doch erst
neunzehn Jahre alt.“ Aber daß Orla, trotz des geringen
Altersunterschiedes viel reifer und verständiger war als sie,
das empfand sie nur zu oft und sie kam sich dann ihr
gegenüber noch recht kindisch und albern vor.
</p>

<p>
„Gegen Orla bin ich doch furchtbar dumm,“ sagte sie
einmal zu Nellie.
</p>

<p>
„O Ilschen,“ lachte die junge Frau, „du nicht allein,
ich auch. Aber wir wollen ja doch keine Studentens werden
und für die tägliche Gebrauch sind wir klug genug.“
</p>

<p>
„Weißt du, Nellie, wenn Orla mich mit ihren großen
Augen so prüfend und scharf ansieht, dann denke ich immer,
daß sie mich in ihrem Innern gewiß recht verspottet und
verhöhnt, weil ich davongelaufen bin. Was sagte sie denn
eigentlich dazu?“
</p>

<p>
Nellie konnte sie darüber beruhigen, daß Orla sie weder
<pb n='149'/><anchor id='Pgp0149'/>verhöhnte noch verspottete. Sie hätte Ilse stets gerne
gehabt, weil sie ‚Temperament‘ besäße, und es täte ihr nur
leid, daß sich der kleine Brausekopf selbst bittere Stunden
bereitete.
</p>

<p>
„Selbst bittere Stunden bereitete,“ wiederholte Ilse
Orlas Wort, „als ob ich daran schuld wäre.“
</p>

<p>
Noch glaubte sie nicht an ihr Unrecht, noch war sie im
Gegenteil überzeugt, daß sie in der Sache selbst im vollsten
Recht sei. Allerdings hatte, wenn sie sich die Szene an
jenem verhängnisvollen Mittag ins Gedächtnis zurückrief,
wohl schon manchmal eine Stimme in ihrem Innern geflüstert:
du hättest nachgeben müssen, du warst zu <anchor id="corr149"/><corr sic="wiederspenstig">widerspenstig</corr>;
aber dann hörte sie im Geiste wieder deutlich Leos
beschämende Worte, und ihre besseren Regungen hielten
davor nicht stand. –
</p>

<p>
Als Orla zum ersten Male mit den Freundinnen ausging,
flog ihr mancher bewundernde Blick zu, einige Vorübergehende
blieben sogar stehen und sahen der neuen Erscheinung
musternd nach. Auch Doktor Andres begegnete ihnen,
der durch Flora von der ‚interessanten russischen Freundin‘
schon viel gehört hatte und diese nun mit kritischen Blicken
betrachtete. Er hatte sich ein anderes Bild von ihr gemacht,
denn von Floras überschwenglichen Beschreibungen glaubte
er immer nur die Hälfte, weil er sie längst durchschaut hatte.
Er hatte sich unter der künftigen Berufsgenossin eine starkknochige,
keineswegs anziehende Erscheinung vorgestellt und
war nun angenehm überrascht, eine schöne junge Dame,
deren Weiblichkeit schon aus ihrer anmutigen Erscheinung
sprach, zu erblicken. Mit unverhohlenem Wohlgefallen sah
er Orla an.
</p>

<p>
„Wer war der große stattliche Mann, der uns eben
grüßte?“ fragte sie, nachdem er vorüber war.
</p>

<p>
Nellie nannte seinen Namen.
</p>

<p>
„Eine sympathische Erscheinung,“ bemerkte Orla noch.
<pb n='150'/><anchor id='Pgp0150'/>„Übrigens, Nellie, werden alle Leute, die neu hierherkommen,
so angestarrt wie ich? Sie staunen mich ja an wie ein
Wundertier. Sieh nur da drüben die Dame, wie sie dir
zuwinkt und durch Zeichen zu verstehen gibt, daß du stehen
bleiben sollst; wahrhaftig, sie scheut den Schmutz nicht und
kommt über die Straße zu uns.“
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p150.png" rend="w80">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Es war die Frau Direktor, die ihre Neugierde nicht
bemeistern konnte und unbedingt den fremden Gast von
Althoffs kennen lernen wollte.
</p>

<p>
„Liebe Frau Doktor,“ redete sie Nellie an, „ich habe
Sie ja so lange nicht gesehen, es geht Ihnen doch gut,
<pb n='151'/><anchor id='Pgp0151'/>kleine Frau? Und Sie, liebes Bräutchen,“ wandte sie sich
an Ilse, „ist die Sehnsucht nach dem Schätzchen nicht zu
groß, halten Sie es so lange ohne ihn aus? Wie gefällt
es ihm denn in Paris? Gontrau ist doch sein Name, nicht
wahr? Ja? Dann habe ich mich nicht geirrt, als ich neulich
zufällig durch einen Bekannten meines Sohnes, einen
Referendar, erfuhr, daß Assessor Gontrau sich einen längeren
Urlaub zu einer Reise nach Paris genommen habe. Da
wird er Ihnen jetzt gewiß viel Interessantes erzählen.“
</p>

<p>
Nellie hat Ilse bei diesen Worten erbleichen sehen
und unterbrach die redsame Dame deshalb schnell.
</p>

<p>
„Frau Direktor,“ sagte sie, „darf ich Ihnen unsere
Freundin Fräulein Orla Sassuwitsch vorstellen?“
</p>

<p>
Und nun ergoß sich über diese ein gleicher Redestrom;
Orla verstand es jedoch geschickt, mit kühler, aber ausgesuchter
Höflichkeit ihren Fragen auszuweichen, so daß die aufgeregte
Fragerin wenig mehr erfuhr, als sie schon wußte. Die vornehme
Zurückhaltung der jungen Dame imponierte ihr gewaltig,
und sie bat sie dringend um ihren baldigen Besuch.
</p>

<p>
„Bitte, kommen Sie aber gleich des Nachmittags mit
einer Handarbeit zu einer Tasse Kaffee,“ sagte sie, Orla die
Hand schüttelnd, und verabschiedete sich.
</p>

<p>
„Ich kann diese Frau Direktor nicht ausstehen,“ meinte
Ilse offenherzig, „wie unverschämt sie jeden ausfragt! Ich
könnte ihr kein Wort erwidern, so furchtbar ärgere ich mich
über sie.“
</p>

<p>
„Aber, beste Ilse,“ lachte sie Orla aus, „wenn man
sich über solche Lappalien im Leben schon ‚furchtbar ärgern‘
will, dann könnte man ja nie froh sein. Die gute Dame
hat mich erheitert, das Fragen und Ausforschen scheint ihr
Lebensbedürfnis zu sein. Du lieber Gott, ‚jedes Tierchen
hat sein Pläsierchen‘, also: lassen wir ihr das Vergnügen.“
</p>

<p>
„Nein,“ sagte Ilse erregt, „ich könnte mit dieser Frau
nicht verkehren, und warum soll man denn auch jemand
<pb n='152'/><anchor id='Pgp0152'/>besuchen, den man nicht ausstehen kann? Nellie mag sie
auch nicht leiden und ist doch so freundlich zu ihr.“
</p>

<p>
„Du bist doch ein recht weltunkundiges kleines Mädchen,
Ilse, und hast noch sehr naive Ansichten, nimm mir das
nicht übel! Von der ‚konventionellen Lüge‘ hast du wohl
noch nie etwas gehört? Weißt nicht, daß man den Personen,
die man nicht leiden mag, nicht ins Gesicht sagen kann:
geh mir aus dem Wege, denn du bist mir unangenehm.
Man könnte leider beinahe sagen: je besser man lügen kann,
desto weiter kommt man in der Welt. Man nennt das
‚weltklug‘ sein.“
</p>

<p>
„Siehst du, Ilschen,“ warf Nellie ein, „Orla spricht
so, wie ich dich schon sagte. Ich mag ihr auch nicht, das
neugierige Direktorsfrau, aber sie darf mich das nicht anmerken.“
</p>

<p>
Ilse erwiderte nichts, nachdenklich ging sie neben den
Freundinnen her.
</p>

<p>
Am Abend, als die beiden jungen Mädchen sich zur
Ruhe begaben, fragte Ilse plötzlich:
</p>

<p>
„Orla, würdest du mit deinem Manne alle Besuche
machen, die er wünscht?“
</p>

<p>
„Närrchen, warum nicht? Natürlich! Man braucht ja
deshalb noch nicht mit denen, die einem mißfallen, zu verkehren.
Wie kommst du überhaupt zu dieser Frage?“
</p>

<p>
„Ach, ich dachte eben nur so zufällig daran,“ antwortete
Ilse ausweichend und schwieg dann.
</p>

<p>
Orla schlief schon längst, als Ilse noch wachend in
ihrem Bette lag. Leo in Paris, daran mußte sie immer
denken. Was wollte er dort, warum reiste er dahin?
Um sich zu amüsieren, natürlich nur deshalb. Sie hatte
Nellie gefragt, ob es wahr sei, was die Frau Direktor ihr
mitgeteilt hatte, und ob sie auch wüßte, daß Leo in Paris
sei. Nellie bestätigte es; sie wußte es ja schon länger, hatte
ihr aber diese Nachricht bisher absichtlich verschwiegen. Ilse
<pb n='153'/><anchor id='Pgp0153'/>fragte nichts weiter, sondern hatte das Gespräch schnell abgebrochen
und von etwas andrem gesprochen, denn Nellie
sollte nicht etwa denken, daß sie sich ärgerte oder grämte.
Aber ihre Gedanken beschäftigten sich fortwährend mit dieser
Reise und raubten ihr selbst den Schlaf. Sie warf sich unruhig
von einer Seite zur andern. War es denn nicht der
beste Beweis, daß er sie nicht mehr liebte, daß er keinen
Kummer empfand, wenn er Lust hatte, zu seinem Vergnügen
nach Paris zu reisen? Paris – er hatte ihr schon so oft
davon vorgeschwärmt und dabei gesagt, wenn wir erst verheiratet
sind, dann reisen wir nach Paris. Und nun reiste
er ohne sie, dachte wahrscheinlich garnicht mehr an sein damaliges
Versprechen und unterhielt sich gewiß herrlich. Ihr
Interesse für diese Stadt wurde plötzlich wach, sie hätte gar
zu gern etwas näheres über Paris gewußt. Ob Orla wohl
schon dort gewesen war? Sie hatte mit ihrem Großvater
weite Reisen gemacht und schon so viel von der Welt
gesehen; gewiß war sie auch in dieser Weltstadt gewesen
und konnte ihr davon erzählen. Die Neugierde ließ
ihr keine Ruhe, und halb in Gedanken rief sie Orlas
Namen.
</p>

<p>
„Ja, was denn, was ist denn, hast du mich gerufen,
Ilse?“ fragte diese noch halb im Schlafe.
</p>

<p>
Ilse war es nun doch peinlich, Orla zu fragen, denn
was würde diese dazu sagen, wenn sie jetzt mitten in der
Nacht eine Beschreibung von Paris haben wollte.
</p>

<p>
„Was willst du denn?“ fragte Orla und richtete sich
im Bett auf, da sie keine Antwort erhalten hatte. „Warum
hast du mich denn geweckt?“
</p>

<p>
Endlich faßte sich Ilse ein Herz und erkundigte sich zaghaft,
ob Orla wohl schon in Paris gewesen sei und wie es
dort wäre, sie möchte ihr doch davon erzählen. Sie war
froh, daß es Nacht war und Orla sie nicht sehen konnte,
denn sie fühlte, wie rot sie bei dieser Frage wurde.
</p>

<pb n='154'/><anchor id='Pgp0154'/>

<p>
„Mein Gott, Ilse, du phantasierst doch nicht, oder hast
du etwa geträumt?“ rief Orla erstaunt.
</p>

<p>
„Ach nein, ich habe überhaupt noch nicht geschlafen,“
gab Ilse kleinlaut zur Antwort, „und da dachte ich so zufällig
an Paris.“
</p>

<p>
„Ach ja,“ sagte Orla, „nun begreife ich, du beschäftigst
dich natürlich deshalb in Gedanken lebhaft mit Paris, weil
dein Bräutigam dort ist?“
</p>

<p>
Ilse erschrak; sie hatte geglaubt, Orla habe es nicht
gehört, als die Frau Direktor ihr die Neuigkeit von Leos
Reise mitteilte, da sie gerade in dem Schaufenster eines
Kunstladens, vor welchem sie standen, die Bilder einiger
Professoren betrachtete. Sie hatte dabei nicht gedacht, daß
die neugierige Dame eine sehr helle und durchdringende
Stimme besaß, so daß Orla recht wohl hören konnte, was
sie sagte. Übrigens war dieser erst jetzt bei Ilses Frage
die Angelegenheit wieder eingefallen, der sie zuerst keine
weitere Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
</p>

<p>
Ilse wußte nicht, was sie auf Orlas Frage antworten
sollte, und schwieg deshalb still. Es wäre ihr jetzt sogar
lieb gewesen, wenn Orla das Gespräch abgebrochen hätte,
aber diese fuhr nach einer kleinen Pause fort:
</p>

<p>
„Paris ist sehr schön, Ilse, und ich bin überzeugt, daß
es deinem Bräutigam dort vorzüglich gefallen wird.“
</p>

<p>
„Ja, das glaube ich auch,“ fiel ihr Ilse mit spöttischem
Auflachen ins Wort, „er wird gewiß furchtbar
vergnügt und ausgelassen sein, natürlich, warum sollte er
denn auch nicht?“
</p>

<p>
„Aber Ilse,“ sagte Orla, die jetzt erst merkte, wie ihre
Freundin über diese Reise dachte und empfand, „ich bitte
dich, warum soll sich denn dein Verlobter nicht amüsieren?“
</p>

<p>
Die Gefragte schwieg, aber ein mühsam unterdrücktes
Schluchzen klang zu Orla herüber.
</p>

<p>
„Du kleines leidenschaftliches Mädchen,“ sprach Orla
<pb n='155'/><anchor id='Pgp0155'/>liebevoll und sanft zu ihr, „vor allen Dingen werde etwas
ruhiger. Ich muß jetzt mal in einem weisen Tantenton mit
dir reden. Sieh, liebe Ilse, das Leben bringt ohnedies
Schweres genug, warum da noch unnütz Grillen fangen und
es sich durch Nichtigkeiten verbittern? Nellie hat mir auf
deinen Wunsch alles erzählt, und ich sage dir aufrichtig, ich
bedaure dich und deinen Bräutigam, daß es soweit zwischen
euch gekommen ist. Ich weiß ja nicht, was vorgefallen ist,
aber etwas Schlimmes kann es nicht sein, denn in deinen
Augen habe ich gelesen, daß du ihn noch liebst, daß du mit
allen Fasern deines Herzens noch an ihm hängst, mit allen
deinen Gedanken noch bei ihm bist. Nicht wahr, du bist
böse auf ihn, weil er fortgereist ist und nicht als echter
Ritter Toggenburg hintrauert? Das würdest du lieber sehen,
das würde dir besser gefallen, gestehe es, Ilse! Aber sei gerecht,
nicht kleinlich, und denke mal ruhig nach. Die Sehnsucht
nach dir, der Schmerz, daß du ihn verlassen hast, sie
machen, daß er es nicht mehr daheim aushält, eine unbezwingliche
Unruhe treibt ihn fort, weit fort; er muß andre
Menschen, andre Dinge sehen und je größer der Strudel der
Vergnügungen, die ihn sein Leid vergessen machen sollen,
desto besser. Kannst du nicht mit ihm empfinden, siehst du
nicht darin nur einen Beweis, wie tief und innig er dich
liebt? Handelt nicht so ein rechter Mann voll Kraft und
Stolz, welcher der Welt nicht zeigen mag, wie es in ihm
aussieht? Glaubst du, daß er wirklich genießt, was er sieht
und hört, daß ihn nicht überall sein Kummer, der Gedanke
an dich begleitet? Ilse, du bist mit Blindheit geschlagen,
glaube es mir. Sei nicht böse, daß ich offen spreche, aber
ich meine es wahrhaftig nur gut mit dir.“
</p>

<p>
Ilse hatte bebend zugehört. Orlas Worte machten einen
tiefen Eindruck auf sie. War es nicht richtig, was sie sagte,
verstand sie Leo nicht besser, als seine eigene Braut es tat?
Ja, Orla hatte recht! Und nun kam sie sich auf einmal so
<pb n='156'/><anchor id='Pgp0156'/>kleinlich, so ungerecht vor, es ging ihr plötzlich wie ein Licht
auf. Ja, Leo war nur fortgereist, um seinen Schmerz durch
neue Eindrücke zu betäuben. Kannte sie ihn so wenig, vermochte
sie so wenig in seiner Seele zu lesen? Keine Silbe
von dem, was ihr Orla gesagt hatte, hätte sie bestreiten
mögen. So eindringlich und schonungslos hatte Nellie noch
nie mit ihr gesprochen; die viel zu gutmütige junge Frau
konnte nicht sehen, wenn Ilse so traurig war, und hatte dann
gleich tausend zärtliche Trostesworte für sie, aber um keinen
Preis hätte sie ihr das Herz durch Vorwürfe noch schwerer
gemacht. Orla sagte ihr erbarmungslos die Wahrheit, so
war es recht! Es tat ihr wohl zu wissen, wie das kluge
Mädchen über sie urteilte, und sie war ihr dankbar, daß sie
so offen mit ihr gesprochen hatte.
</p>

<p>
„Gute Nacht, liebe Orla!“ rief Ilse innig.
</p>

<p>
Keine Antwort.
</p>

<p>
Schlief sie schon wieder, oder stellte sie sich schlafend?
</p>

<p>
Ilse erhob sich leise und ging an Orlas Bett. Die
gleichmäßigen Züge verrieten, daß sie fest schlief. Ilse
betrachtete mit Entzücken das schöne Gesicht der Freundin,
welches von den hereindringenden Mondesstrahlen matt beleuchtet
wurde. Die dunklen Augenwimpern warfen ihren
Schatten auf die blassen, im Mondeslicht fast marmorweißen
Wangen. Ilse drückte einen leisen Kuß auf die
Stirn der Schläferin und schlich sich dann auf den Zehen
zurück nach ihrem Lager.
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<pb n='157'/><anchor id='Pgp0157'/>
<p>
<figure url="images/illu_p157.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Nach den herbstlich rauhen Tagen stellte sich jetzt der
Winter ein, der mit Schnee und Eis sein Recht behauptete.
Seit einigen Tagen schneite es unaufhörlich, leise und sacht
fielen die weißen Flocken zur Erde nieder. Baum und
Strauch mußten sich unter der Schneelast beugen. Flora,
deren Poesie mit den Jahreszeiten Schritt hielt, besang jetzt
den „gestrengen Winter“, und das tanzende, wirbelnde Schneegestöber
wurde für sie ein unerschöpfliches Thema mit den
verschiedensten Abwechslungen. Sie ward nicht müde, an
ihrem Schreibtisch zu sitzen und in das flimmernde Flockengewirr
zu sehen. Eines Tages aber lachte ihr der klare
blaue Himmel entgegen und die freundliche Wintersonne
schien ins Fenster herein.
</p>

<p>
Gegen Mittag kam der Referendar, um zu fragen, ob
man nicht das herrliche Winterwetter benutzen und mit
mehreren Bekannten eine Schlittenpartie unternehmen wolle,
es wäre die schönste Bahn. Voller Begeisterung begrüßte
Flora diesen Gedanken, sie fand ihn himmlisch und war sofort
bereit, nach Althoffs zu gehen, um sie zu diesem Partie
aufzufordern.
</p>

<p>
„Ihrer reizenden kleinen Freundin, Fräulein Ilse wird
<pb n='158'/><anchor id='Pgp0158'/>gewiß eine Schlittenfahrt auch Spaß machen. Ich werde
mir erlauben, das Fräulein selbst zu fahren.“
</p>

<p>
Ärger und Enttäuschung kamen bei diesen Worten in
Floras Gesicht zum Ausdruck.
</p>

<p>
„Finden Sie Ilse wirklich reizend? Ich begreife das
nicht? Sie hat ein frisches, glattes Gesicht, aber Sie müssen
doch gestehen, daß demselben jede Vergeistigung fehlt, die
ein Antlitz doch erst anziehend und interessant macht. Ohne
diesen Ausdruck kann ich kein Gesicht schön finden und deshalb
läßt mich auch das von Ilse kalt, es ist mir langweilig.“
</p>

<p>
Wie hart und schroff sie urteilte, wenn sie sich in ihrer
Eitelkeit verletzt fühlte! In Gedanken hatte sie an sich gedacht,
als sie Lüders auseinandersetzte, wodurch ein Gesicht
erst seine wahre Schönheit bekäme, und sie erwartete, daß
auch er so denken und ihr das jetzt sagen werde. Aber
er blieb stumm und ein ironisches Lächeln zuckte um seinen
Mund.
</p>

<p>
Erregt stand Flora auf.
</p>

<p>
„Gehen Sie mit?“ fragte sie. „Ich will zu Althoffs.
Übrigens – Sie wissen doch, Ilse ist Braut! Kühlt das
Ihre Begeisterung nicht etwas ab?“
</p>

<p>
Auch er hatte sich erhoben und gab auf Floras spöttische
Frage keine Antwort; er dachte nur daran, um jeden Preis
mit dem jungen Mädchen zusammenzukommen. Er verabschiedete
sich von Flora, indem er ihr sagte, daß er gegen
Abend wiederkommen würde, um das nähere über die Partie
zu erfahren.
</p>

<p>
„Adieu,“ sagte Flora schnippisch und drehte ihm den
Rücken, ohne seine ausgestreckte Rechte zu berühren.
</p>

<p>
„Nun, bekomme ich keine Patschhand?“ fragte er.
</p>

<p>
„Nein, Sie sind zu unartig gewesen,“ sagte sie und
sah ihn über die Schulter mit kokett schmollender Miene an.
</p>

<p>
„Aber wenn ich verspreche, jetzt wieder artig zu sein,
Frau Flora, auch dann nicht?“
</p>

<pb n='159'/><anchor id='Pgp0159'/>

<p>
„Eigentlich haben Sie keine verdient, aber ich will
gnädig sein. Hier!“
</p>

<p>
Sie reichte ihm ihre Hand. Er führte sie mit einem
scheinbar demütig um Verzeihung flehenden Gesicht an seine
Lippen und ging dann fort.
</p>

<p>
Ein triumphierendes Lächeln umspielte ihren Mund;
voller Selbstbewußtsein sah sie ihm nach. Sie hielt alles
bei ihm für bare Münze, die arme, blinde Flora, und keine
noch so leise Ahnung sagte ihr, daß er in seinem Innern
ganz anders über sie dachte, als er äußerlich zeigte. –
</p>

<p>
Pünktlich um zwei Uhr sollten sich die Teilnehmer an
der verabredeten Schlittenpartie vor dem Althoff’schen Hause
am andern Tage versammeln. Außer Flora mit ihrem
Manne, Referendar Lüders und Althoffs mit den beiden
jungen Mädchen, hatte man noch den Assistenzarzt von
Doktor Gerber zu der Partie aufgefordert. Es wurde beschlossen,
nach dem Dorfe zu fahren, in welchem Rosis
Mann Pastor war, weil dorthin die beste Bahn sei und
man erwarten konnte, daselbst, was Essen und Trinken betraf,
gut aufgehoben zu sein. Der Pastor und seine Frau
waren natürlich benachrichtigt und gebeten worden, zur angegebenen
Zeit pünktlich in dem Gasthaus zu sein und dort
für ein warmes Zimmer und guten Kaffee zu sorgen.
</p>

<p>
„Orla, du wirst dir staunen, unsre artige Rosi wiederzusehen,
nicht wahr, Ilschen?“ sagte Nellie lustig, während
sie zur Schlittenpartie gerüstet vor dem Spiegel stand und
noch einen langen weißen Schleier um ihre Pelzmütze legte,
den sie unter dem Kinn zu einer großen Schleife zusammenband,
welche ihrem rosigen Gesicht reizend stand.
</p>

<p>
Ilse lachte.
</p>

<p>
„Ja wahrhaftig, Orla, du wirst dich wundern, wie die
ihren Mann unter dem Pantoffel hat. Ich sage es ja
immer, die Sanften haben es faustdick hinter den Ohren.
Sieht Rosi nicht aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben?
<pb n='160'/><anchor id='Pgp0160'/>Sie hat ein Gesicht wie eine Madonna mit dem Heiligenschein
und dabei ist sie mindestens ebenso widerspenstig, wie
meine Wenigkeit.“
</p>

<p>
„Selbstbekenntnis einer edlen Seele,“ deklamierte Orla
feierlich, worauf alle drei in ein Gelächter ausbrachen.
</p>

<p>
„Still, Kinder,“ mahnte Nellie und lief ans Fenster,
„die Schlittens kommen, ich höre ihnen klingeln.“
</p>

<p>
Durch die Türe rief sie:
</p>

<p>
„Fred, bist du fertig?“
</p>

<p>
„Ja, Kind,“ antwortete er und kam herein.
</p>

<p>
„Hier bin ich.“
</p>

<p>
Vergnügt eilten die jungen Menschen die Treppe
hinunter. Vor der Türe hielten vier mäßig elegante, aber
mit guten Pferden bespannte Schlitten. In dem ersten
saßen Gerbers, in dem zweiten der Referendar und Andres.
Flora, die mit verdrossener Miene neben ihrem Manne saß,
hatte verweinte Augen und begrüßte in kläglichem Tone die
Freundinnen. Erst als Nellie sie fragte, ob ihr etwas fehle,
erwiderte sie mit weinerlicher Stimme:
</p>

<p>
„Denkt nur, beinahe wäre mir das ganze Vergnügen
verdorben worden. Mein Mann wollte nicht mit, er behauptete,
sich nicht wohl zu fühlen, er hätte Kopfschmerzen,
Fieber und wer weiß was alles noch. Aber man muß nur
die Männer kennen. Wenn ihnen der kleine Finger weh
tut, stellen sie sich gleich furchtbar an. Nein, die Schlittenpartie,
auf die ich mich so riesig gefreut habe, wollte ich
mir deshalb nicht vereiteln lassen. Wahrhaftig, Männchen,
ich wäre ohne dich mitgefahren.“
</p>

<p>
Sie sah ihren Mann mit trotziger Herausforderung an
und zog die Oberlippe in die Höhe, wie ein ungezogenes Kind.
</p>

<p>
„Ich machte dir ja selbst diesen Vorschlag, Flora,“
entgegnete ihr Mann ruhig, „aber du sagtest, dann müßte
eine Person allein fahren, weil nur zweisitzige Schlitten bestellt
wären. Das sah ich ein, und um dir das Vergnügen
<pb n='161'/><anchor id='Pgp0161'/>nicht zu verderben, fahre ich mit. Nun ist die Sache wohl
abgetan, ich bitte darum.“
</p>

<p>
Es war ihm offenbar unangenehm, daß Flora erzählte,
was zwischen ihnen vorgefallen war, aber er bezwang seinen
Unmut und nur die tiefe Falte zwischen seinen starken
Brauen und der bestimmte Ton, mit welchem er sprach,
verrieten, daß er sich ärgerte.
</p>

<p>
Flora bemerkte und empfand es nicht, sie hatte nur
den einen Gedanken und der war – die Schlittenpartie!
Sie stürzte auf Orla zu und umarmte sie auf offener Straße,
denn sie wollte immer zeigen, wie ‚intim‘ sie mit ihr war.
„Die geistige Verwandtschaft zwischen meiner Freundin und
mir,“ hatte sie zu Lüders gesagt, „schlingt ein festes unauflösliches
Band um uns.“
</p>

<p>
Orla, welche überhaupt keine Zärtlichkeiten liebte, wehrte
unwillig ab und sagte mit Entschiedenheit: „Ich bitte dich,
Flora, laß doch diese Liebesbeweise auf offener Straße, du
bereitest vielen Zuschauern nur ein Schauspiel. Sieh doch
die Köpfe an den Fenstern.“
</p>

<p>
In diesem Augenblick trat Althoff mit dem jungen
Arzt heran.
</p>

<p>
„Fräulein Orla, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn
Doktor Andres vorzustellen. Und hier, Doktor: Fräulein
Orla Sassuwitsch, eine liebenswürdige Kollegin <hi rend='antiqua'>in spe</hi>.“
Über Orlas Gesicht flog bei diesen Worten eine leichte Röte,
und ihre Augen senkten sich zu Boden. Sie ahnte nicht,
wie schön sie gerade in diesem Augenblick war, und daß die
Blicke des jungen Mannes bewundernd auf ihr ruhten.
Eigenartig und vornehm sah die Russin aus. Sie trug
ein dunkelgrünes, eng anliegendes Tuchkleid, dessen Saum
mit Otterpelz besetzt war. Von gleichem Pelz waren auch
der kostbare Schulterkragen, der Muff und das Mützchen,
das tief in die Stirn gedrückt war.
</p>

<p>
„Um Gottes willen. Orla, willst du denn in diesem
<pb n='162'/><anchor id='Pgp0162'/>luftigen Aufzuge fahren?“ fragte Flora, „du hast ja nicht
einmal eine Jacke an, du erfrierst ja. Hu!“
</p>

<p>
Zusammenschauernd wandte sie sich ab.
</p>

<p>
„O nein, Flora, ängstige dich nicht, ich bin abgehärtet
und zog mich in Rußland bei viel strengerer Kälte niemals
wärmer an.“
</p>

<p>
„Na,“ erwiderte Flora, „da bin ich doch zarter besaitet,
als du, ich muß mich ordentlich einhüllen, sonst friert mich.“
</p>

<p>
Ordentlich eingehüllt, ganz vermummt vielmehr sah
die junge Frau allerdings aus in ihren Mänteln, Tüchern
und Schleiern.
</p>

<p>
„Ich meine, wir fahren nun los. <hi rend='antiqua'>Messieurs, engagez
les dames</hi>,“ rief Althoff scherzend.
</p>

<p>
Ilse, welche sah, daß der Referendar auf sie zukam,
trat schnell auf Nellies Mann zu.
</p>

<p>
„Bitte, bitte, Herr Doktor,“ flüsterte sie hastig, „darf
ich mit Ihnen fahren?“
</p>

<p>
„Das wird mir nicht nur eine hohe Ehre, sondern
auch ein großes Vergnügen sein,“ antwortete er mit einer
drollig feierlichen Verbeugung.
</p>

<p>
Lüders wurde von Ilse ziemlich ungnädig und von
oben herab abgewiesen und zog mit langem Gesicht ab.
Was blieb ihm nun anders übrig, als mit Flora zu fahren,
denn Nellie saß mit Gerber im Schlitten und Orla mit
Doktor Andres. Floras Augen waren ihm gefolgt, als er
zu Ilse trat. Sie war voller Freude darüber, daß ihm
diese einen Korb gab, und mit siegesgewisser Miene sah
sie ihn jetzt auf sich zukommen. Seine Verdrossenheit über
Ilses Abweisung malte sich deutlich in seinen Zügen, aber
Flora schien das nicht zu bemerken. Mit ihrem liebenswürdigsten
Lächeln nickte sie ihm zu und kletterte dann ungeschickt
und steif in den Schlitten, wo sie fast ganz in ihren
Umhüllungen verschwand, so daß nur die von der Kälte
bläulich angehauchte Nase hervorschimmerte.
</p>

<pb n='163'/><anchor id='Pgp0163'/>

<p>
„<hi rend='antiqua'>All right?</hi>“ rief Althoff jetzt.
</p>

<p>
„Ja, ja, <hi rend='antiqua'>yes</hi>, <hi rend="antiqua">oui</hi>,“ antworteten die lachenden Stimmen
durcheinander, die Pferde zogen an, und mit lustigem
Schellengeläut flogen die Schlitten über die glatte Bahn
dahin. Bald hatte man die letzten Häuser der Stadt im
Rücken, und große Schneeflächen, von der Sonne beschienen
und wie mit Diamanten übersät, breiteten sich zu beiden
Seiten des Weges aus.
</p>

<p>
„Ein weißes, großes Leichentuch ist über die tote Natur
ausgebreitet,“ trug Flora mit tragischem Augenaufschlag vor.
Aber sie machte heute keinen Eindruck auf ihren Nachbar, der
einsilbig neben ihr saß und ihr nur zerstreute Antworten gab.
</p>

<p>
„Lüders, Sie sind heute langweilig,“ sagte sie schließlich,
„nun, ich brauche glücklicherweise die Unterhaltung andrer
nicht, um mich zu amüsieren. Meine Gedanken sind mir
die liebsten Gesellschafter,“ fügte sie spitz hinzu und wandte
sich von ihm ab zur Seite. In demselben Augenblick traf
ein Schneeball empfindlich ihre Nase und Nellies helles
Lachen über den gut gelungenen Wurf verriet die Anstifterin.
Flora verstand keinen Scherz, sie drehte sich deshalb
entrüstet um und schoß Nellie einen bitterbösen Blick zu, indem
sie ärgerlich den Schnee von ihrem Mantel abschüttelte.
</p>

<p>
„Ich glaube, Ihre Frau zürnt mich über die kleine
Spaß,“ sagte Nellie zu Doktor Gerber.
</p>

<p>
Er schüttelte mit mattem Lächeln den Kopf, denn er
wollte der jungen Frau nicht recht geben, trotzdem er überzeugt
war, daß Flora den harmlosen Scherz ernstlich übel
genommen hatte. Seine müden Bewegungen fielen Nellie
auf, er hatte sonst etwas Energisches und Kraftvolles in
seinem Wesen.
</p>

<p>
„Fühlen Sie sich sehr unwohl?“ fragte sie ihn teilnahmsvoll.
</p>

<p>
„Ja,“ erwiderte er, „es geht mir heute nicht gut, ich
weiß, daß ich Fieber habe, und fühle heftige Stiche in der
<pb n='164'/><anchor id='Pgp0164'/>Brust beim Atemholen. Aber wir wollen nicht mehr davon
sprechen, es wird schon wieder besser werden. Ein Arzt
darf ja überhaupt nicht krank sein, er überläßt das lieber
seinen Patienten, selbst hat er keine Zeit dazu.“
</p>

<p>
Er sprach scherzend, aber die feinfühlende Nellie
empfand, daß er sich heute zu einem heiteren Ton zwingen
und sich sehr elend fühlen mußte.
</p>

<p>
„O wenn Ihnen nur der kalte Zugluft nicht schadet,“
sagte sie besorgt, „hier, bitte nehmen Sie dieser Tuch um
Ihren Hals, bitte erlauben Sie mich.“
</p>

<p>
Er wollte ihr abwehren, aber sie hatte schon ein seidenes
Tuch aus ihrer Tasche hervorgeholt und band es ihm
eigenhändig um.
</p>

<p>
Fast gerührt blickte er sie an.
</p>

<p>
„Sie sind eine fürsorgliche kleine Frau, tausend Dank!“
</p>

<p>
Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen.
Nellie wurde rot und entzog ihm schnell ihre Hand.
</p>

<p>
„O,“ sagte sie, „Sie müssen mir nicht für eine Kleinigkeit
ein so großer Dank geben. Ich bin es von mein Mann
so gewohnt, ich muß für ihn an alles denken und sorgen.
O, er ist so leichtsinnig, er sieht nie nach die Thermometer,
ob es kalt oder warm draußen ist.“
</p>

<p>
Doktor Gerber dachte unwillkürlich an den Unterschied
zwischen seiner Frau und Nellie. Er schätzte letztere hoch,
ihr echt weiblicher Sinn, ihre häuslichen Gaben hatten ihn
oft entzückt. Im stillen hatte er gehofft, Flora würde von
ihr lernen, aber bald mußte er einsehen, daß auch das beste
Beispiel sie nicht ändern konnte. Sein Beruf ließ ihm zum
Glück nicht viel Zeit zum Grübeln übrig, aber in den
wenigen Erholungsstunden litt er schwer unter dem Druck
der Ungemütlichkeit in seinem Heim, und nur wenn er in
die unschuldigen Augen seines Kindes sah, fiel es wie ein
Lichtstrahl in die öde Leere seiner Brust. Nellie betrachtete
voller Mitleid ihren stummen Nachbar, dessen Gedanken sich
<pb n='165'/><anchor id='Pgp0165'/>deutlich in seinen Zügen verrieten. Sie hatte schon oft
traurig empfunden, daß dieser Ehe die Weihe des wahren,
echten Glückes fehle, und fragte sich dann: liebt ihn Flora
nicht und ist sie blind dagegen, daß er leidet? Nein, die
wahre Liebe kannte sie nicht, – würde sie sonst stets nur
an sich denken und über ihre elende Stümperei Mann und
Kind vergessen? Wußte sie nicht, wie schön es ist, den
Beruf des liebenden Weibes mit heiliger Pflichttreue zu erfüllen?
Nellie war sich desselben tief bewußt, für sie gab
es keinen andern Wunsch, als ihren Mann zu beglücken,
seine Liebe war ihr das Höchste, Herrlichste auf dieser Welt!
Der einzige Fred! In dem liebe- und glückerfüllten Gedanken
an ihn wandte sie sich nach ihm um, sie mußte ihn
in diesem Augenblick sehen, einen Blick von ihm erhaschen.
</p>

<p>
„Fred!“ rief sie und nickte ihm innig zu. Er war im
lebhaften Gespräch mit Ilse, die ihrer heiteren Laune die
Zügel schießen ließ, weil sie froh war, dem Schicksal entronnen
zu sein, mit dem ihr so verhaßten Referendar fahren
zu müssen. Sie erzählte sich mit ihrem früheren Lehrer
lauter Witze und Scherze, und immer von neuem ertönte
ihr fröhliches Lachen.
</p>

<p>
Plötzlich jagte der letzte Schlitten, in welchem Orla
mit ihrem Begleiter saß, in sturmesähnlicher Geschwindigkeit
an ihnen und den andern vorüber. Orla hatte die Zügel
in der Hand, sie saß kerzengerade aufgerichtet. Die scharfe
Luft hatte ihre Wangen gerötet, Feuer und Lebenslust blitzten
aus ihren Augen. Als ihr Schlitten an Flora vorbeisauste,
fuhr diese mit einem Aufschrei zusammen und schloß wie
ohnmächtig die Augen. Lüders aber schien die Schwäche
seiner Nachbarin nicht zu bemerken, er war nicht im mindesten
besorgt um sie, im Gegenteil, mit einem kalten höhnischen
Lächeln blickte er sie von der Seite an. Als Flora die
Augen wieder aufschlug, sah sie, wie sich Orla umdrehte
und ihr mit dem heitersten Gesicht zurief, ob sie sich von
<pb n='166'/><anchor id='Pgp0166'/>ihrem Schrecken erholt habe. Sie hatte die Zügel straff angezogen
und ließ die Pferde in langsamem Tempo gehen.
</p>

<p>
„Hoffentlich habe ich nicht auch Sie erschreckt,“ wandte
sie sich an ihren Nachbar, „ich vermute es fast, weil Sie
mir die Zügel entreißen wollten. Sie dachten gewiß, die
Pferde gingen durch?“
</p>

<p>
„Natürlich glaubte ich es, und ist mir das zu verdenken,
da ich doch keine Ahnung haben konnte, welche kühne
Rosselenkerin Sie sind? Wie harmlos sagten Sie zu mir:
bitte lassen Sie mich doch einmal die Zügel nehmen, ich
möchte auch mal versuchen zu fahren. Offen gesagt, das
war recht hinterlistig von Ihnen.“
</p>

<p>
„Nein,“ lachte sie, „es war nicht hinterlistig von mir,
denn ich wußte in der Tat nicht, ob ich das Fahren nicht
verlernt hatte; ich habe so lange keinen Zügel in der Hand
gehabt. In dem Augenblick aber, als Sie mir dieselben
gaben, da kam das Bewußtsein der Sicherheit wieder über
mich, die alte Leidenschaft erwachte in mir, ich war wieder
daheim in Petersburg, ich saß in unserm Schlitten, es
waren unsre Ponys, die ihn zogen, kurz und gut, es war
meine lebhafte Einbildungskraft, die mich fortriß und Ihnen
diesen Streich spielte. Verzeihen Sie?“
</p>

<p>
„O, von Verzeihen kann hier keine Rede sein, Sie haben
mir ja einen riesigen Spaß bereitet, gnädiges Fräulein. Ich
bleibe jetzt bequem in meiner Ecke sitzen und lasse mich von
schönen Händen spazieren fahren, denn Sie verstehen es ja
weit besser als ich. Sie reiten wohl auch?“
</p>

<p>
„Und wie gern,“ versetzte sie mit blitzenden Augen.
</p>

<p>
„An Unerschrockenheit fehlt es Ihnen nicht, dafür habe
ich Beweise. Für ihren künftigen Beruf ist das übrigens
viel wert, denn es gibt da vieles zu überwinden, selbst für
einen Mann.“
</p>

<p>
„Ja, ja, ich weiß,“ gab sie kurz und halb verlegen
zur Antwort.
</p>

<pb n='167'/><anchor id='Pgp0167'/>

<p>
Wie merkwürdig, es war ihr peinlich, wenn er davon
anfing. Es kam ihr vor, als läge ein gewisser Spott in
seinen Worten, als umspiele ein mitleidiges Lächeln seine
Lippen, wie wenn er dächte, du eine schwache Frau willst
dich an eine solche Aufgabe wagen? Schon verschiedene
Male hatte er sie heute über ihre Zukunftspläne befragt,
die natürlich ihn interessierten, da er selbst Arzt war, sie
hatte ihm aber immer ausweichend geantwortet. Mit Althoff
und Gerber besprach sie doch eingehend denselben Gegenstand
und holte ausführlich ihren Rat ein; warum hatte
sie eigentümliche Scheu, mit Andres darüber zu sprechen?
Sie wußte sich das selbst nicht zu erklären.
</p>

<p>
Das für mitleidig gehaltene Lächeln um seinen Mund
deutete sie aber falsch. Er lächelte, weil er sich über das
junge schöne Menschenkind freute, sowie über ihre klugen
durchdachten Antworten, die sie ihm gab, und die so ganz
anders lauteten, wie bei den hiesigen Damen seiner Bekanntschaft.
Er war überzeugt, daß sie keine oberflächliche Jüngerin
der Wissenschaft werden, daß sie leicht und gründlich erfassen
und lernen würde. Und dennoch, – er bedauerte sie, denn
der jungfräuliche Hauch, der sie trotz ihres männlichen Geistes
umgab, würde abgestreift werden. Voll Bewunderung
folgte er ihren kraftvollen anmutigen Bewegungen und verglich
sie auch hierin wieder im stillen mit den zimperlichen
Kleinstädterinnen, welche vor der Zeit schlaff und alt wurden,
weil sie ohne Mark und Kraft waren, was ihre schlechte
Haltung und der schleppende, aller Spannkraft entbehrende
Gang auf den ersten Schritt bewiesen. In Orla vereinten
sich jugendliche Kraft mit Anmut, und wie sie so dasaß,
wurde er nicht müde sie anzuschauen.
</p>

<p>
Sie fuhren jetzt dicht am Walde hin, manchmal streiften
sie mit dem Kopf einen unter der Schneelast tief gebeugten
Zweig, und der kalte, prickelnde Schnee stäubte ihnen ins
Gesicht. Die Dämmerung brach schon frühzeitig herein,
<pb n='168'/><anchor id='Pgp0168'/>während der Himmel noch von der untergehenden Sonne
in ein zartrosa Violet getaucht war, und matt glänzend
stand der Mond am Himmel. Der zauberhafte Anblick
der entzückenden Winterlandschaft, das tiefe Schweigen ringsum,
nur unterbrochen durch das Schellengeklingel, das aus
der Ferne von den andern weit zurückgebliebenen Schlitten
wie ein Echo herübertönte, hielt die beiden jungen Menschen
wie in einem magischen Bann umfangen. Sie saßen schweigend
nebeneinander, als fürchteten sie den Zauber durch
Worte zu zerstören. Erst als sie von weitem rote Ziegeldächer
schimmern sahen und fernes Hundegebell schon die
Ankömmlinge begrüßte, erwachten beide wie aus einem Traum,
und Orla wandte sich zu ihrem Nachbar mit den Worten:
</p>

<p>
„Ich glaube, wir sind am Ziel. Wissen Sie Bescheid,
wo sich das bewußte Gasthaus befindet, das uns aufnehmen
soll?“
</p>

<p>
Er bejahte, und schon nach wenigen Minuten hatten
sie dasselbe erreicht. Mit einem festen Ruck zog Orla die
Zügel an, schnaubend und dampfend standen die Pferde
still. Der Wirt eilte dienstfertig herbei, und auch seine
wohlbeleibte Ehehälfte begrüßte die jungen Leute unter
vielen unterwürfigen Knixen.
</p>

<p>
„Herr und Frau Pastor würden Herrn und Frau
Doktor im Zimmer empfangen,“ sagte sie zu den beiden,
die eben ins Haus treten wollten.
</p>

<p>
„Nein, das ist zu komisch,“ rief Orla laut lachend,
war aber rot geworden und konnte eine gewisse Verlegenheit
nicht verbergen.
</p>

<p>
„Wir sind nicht Herr und Frau Doktor, liebe Frau,“
erklärte Andres ebenfalls lachend der Wirtin. „Sie verwechseln
uns mit den Herrschaften, die auch gleich kommen
werden.“
</p>

<p>
Die Frau entschuldigte sich vielmals und sagte dann
mit einem vielsagenden Blick auf das junge Mädchen:
</p>

<pb n='169'/><anchor id='Pgp0169'/>

<p>
„Na, was nicht ist, kann noch werden,“ denn sie war
nun einmal der Meinung, daß das schöne Paar zusammengehören
müßte. Orla wurden die Reden der geschwätzigen
Alten ungemütlich, sie wollte deshalb ins Haus gehen, um
ihre Freundin zu begrüßen.
</p>

<p>
Andres ging mit ihr hinein.
</p>

<p>
Rosi und ihr Mann kamen ihnen schon auf dem Flur
entgegen. Rosi umarmte Orla mit steifer Würde und gab
ihr einen Kuß auf die Wange.
</p>

<p>
„Ich war ganz überrascht, wie ich von Nellie erfuhr,
daß du hier bist,“ sagte sie, als sie im Zimmer waren,
„aber ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Kamst du
nur nach Deutschland, um Althoffs zu besuchen, liebe Orla
oder führt dich noch ein andrer Zweck hierher?“
</p>

<p>
„Du erlaubst wohl,“ unterbrach sie Orla, „daß ich dir
Herrn Doktor Andres vorstelle und dich bitte, mich mit
deinem Manne bekannt zu machen.“
</p>

<p>
Rosi war innerlich empört über die Zurechtweisung,
wie sie Orlas Bitte nannte. Mit einer kaum merklichen
Neigung ihres Kopfes erwiderte sie die Verbeugung des
jungen Arztes und stellte dann ihren Mann vor, dessen
Augen unablässig auf Orlas Gestalt geruht hatten. Rosi
hat mir ja niemals erzählt, wie schön diese Freundin von
ihr ist, dachte er, und es wäre doch wahrhaftig der Mühe
wert gewesen.
</p>

<p>
Lautes Sprechen und Lachen draußen kündigte jetzt
die Ankunft der Zurückgebliebenen an. Orla lief ans Fenster
und die andern folgten ihr dahin nach. Sie klopfte
an die Scheiben und nickte den Freunden grüßend zu.
Leicht, wie ein Vogel vom Zweig, war Ilse aus dem
Schlitten gehüpft, und Flora, welche das mit neidischen
Blicken beobachtet hatte, nahm jetzt einen Anlauf, ebenso
graziös, wie Ilse, herunterzuspringen. Aber, verwickelte
sie sich in ihre vielen Hüllen und Tücher, oder war ihre
<pb n='170'/><anchor id='Pgp0170'/>Ungelenkigkeit daran schuld, kurz und gut, sie stolperte
und fiel, so lang sie war, in den Schnee. Man lachte über
diesen kleinen Unfall und kam ihr unter Scherzen diensteifrig
zu Hilfe. Flora machte denn auch gute Miene zum
bösen Spiel.
</p>

<p>
„Ich begreife nicht, wie man über solches Mißgeschick
auch noch lachen kann,“ sagte Rosi kopfschüttelnd und ging
Althoffs und Gerbers entgegen, welche soeben eintraten.
Ilse eilte auf Orla zu.
</p>

<p>
„Himmlisch, kannst du aber fahren,“ rief sie voller
Begeisterung, „so gut wie du kann ich es allerdings nicht.“
</p>

<p>
„Auch ich mache Ihnen mein Kompliment, Fräulein
Orla,“ sagte Althoff hinzutretend.
</p>

<p>
„Jetzt laßt eure schönen Komplimente bis nachher,“
unterbrach ihn Nellie, „und kommt zum Kaffeetrinken.“
</p>

<p>
„Du bist wohl eifersüchtig, Nellie, daß dein Mann zu
tief in Orlas schöne Augen sieht?“ neckte sie Flora.
</p>

<p>
„O nein,“ lachte Nellie, leicht errötend, aber sie fühlte
sich doch etwas getroffen, denn sie besaß wirklich eine kleine
Anlage zur Eifersucht.
</p>

<p>
Lebhaft plaudernd setzte man sich an den Kaffeetisch,
und Nellie übernahm die Rolle der Wirtin. Die mächtige
weiße Kaffeekanne, welche mitten auf dem Tische prangte,
erregte allgemeine Heiterkeit. Althoff meinte, sie sähe nicht
vertrauenerweckend aus, und als ihr der erste Strahl so
durchsichtig und hell entströmte, sank er mit einem komisch
geseufzten „Ach, du lieber Gott“ in seinen Stuhl zurück.
</p>

<p>
„O, du leckres Mann,“ verwies ihn Nellie, die sich
innerlich selbst über diesen Trank entsetzte, „du darfst nicht
unbescheiden sein, der Kaffee ist ganz schön.“
</p>

<p>
„Ich glaube auch, daß der Kaffee gut ist,“ ergriff der
Pastor ernsthaft das Wort, „wir trinken ihn nie stärker.
Meine Frau meint, starker Kaffee wäre ungesund, nicht
wahr Rosi?“
</p>

<pb n='171'/><anchor id='Pgp0171'/>

<p>
Sie schien seine Frage zu überhören.
</p>

<p>
„Ich hätte euch so gern gebeten, in unserem bescheidenen
Hause fürlieb zu nehmen,“ wandte sie sich an Nellie,
„aber die Räume sind so eng, wir wohnen so beschränkt,
da dachte ich, das würde nicht gemütlich für euch sein.“
</p>

<p>
Den wahren Grund, weshalb sie keine Gäste haben
wollte, verriet sie natürlich nicht. Als die Nachricht von
Nellie eintraf, daß sie kommen würden, hatte Adolf ihr gesagt,
daß sie Althoffs und die andern doch eigentlich einladen
müßten, da sie von ihnen schon so oft und so freundlich
aufgenommen worden waren. Er dachte dabei an den
vergnügten Sonntag bei Althoffs, den er nicht vergessen
konnte, denn er war wie ein Lichtstrahl in sein einförmiges
Leben gefallen. Mit diesem Vorschlag war er aber bei
Rosi schlecht angekommen. Sie hatte soeben eine gründliche
Hausreinigung glücklich vollendet, tagelang gescheuert; und
nun sollten ihr die Fußböden wieder schmutzig getreten, alles
wieder in Unordnung gebracht werden! Nein, auf keinen
Fall! Der Pastor wurde durch ihre Entschiedenheit so eingeschüchtert,
daß er keine weiteren Einwendungen wagte,
trotzdem er die Freunde sehr gern bei sich gesehen hätte.
Um ihr möglichstes zu tun, hatte sie einen großen Kuchen
gebacken. Derselbe prangte jetzt, in dicke Streifen geschnitten,
die quer übereinandergelegt und hoch aufgeschichtet waren,
auf dem Kaffeetisch.
</p>

<p>
„O, dieses furchtbare Bauernkuchen,“ flüsterte Nellie
Ilse heimlich ins Ohr und nahm aus einem Körbchen feines
Gebäck heraus, das sie mitgebracht hatte.
</p>

<p>
„Er sieht so trocken aus,“ erwiderte <anchor id="corr171"/><corr sic="Ilse">Ilse,</corr> „wir müssen
aber davon essen, sonst wird Röschen böse.“
</p>

<p>
Nach der langen Fahrt in der Kälte schmeckte es allen
herrlich, selbst Rosis Kuchenberg verschwand, und die große
Kaffeekanne wanderte schon zum zweiten Male hinaus, um
frisch gefüllt zu werden. Sogar Althoff ließ sich zu einer
<pb n='172'/><anchor id='Pgp0172'/>zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer
drolligen Grimasse.
</p>

<p>
Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abräumte,
verschwand Flora mit geheimnisvoller Miene. Die
Herren blieben sitzen und zündeten sich eine Zigarre an,
die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im
Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige
Jahrhunderte alt, das Gebäude gehörte früher zu einem
Kloster, und erst die Großeltern der alten Wirtsleute hatten
eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig verändert,
und gerade das Altertümliche gab dem Ganzen etwas
ungemein Gemütliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft
sich befand, mochte einst das Refektorium gewesen
sein; es war ein großer Raum, ringsum mit Eichenholz
getäfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefärbt hatte. Ebenso
dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der
Decke; ein alter Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen
heute brennende Kerzen schmückten, hing am mittelsten Balken.
Die dicken Mauern bildeten an den Fenstern tiefe Nischen,
mit molligen Plätzchen, zu welchen man eine Stufe hinaufsteigen
mußte. Die niedrigen Fenster gingen nach dem
Garten hinaus und lagen nicht hoch über der Erde, so daß
man draußen bequem mit der Hand hineinreichen konnte.
In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in niedrige,
lange Kasten gepflanzt. Die grünen Ranken hatten
sich fest an die alten Mauern angeklammert und waren so
üppig gewachsen, daß sie die ganzen Wände bedeckten und
eine reizende Laube bildeten. Hohe korbgeflochtene Wände zu
beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen, ließen nur
einen schmalen Eingang frei. Dahinter saß man auf dem
alten geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug
vollständig verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres
Versteck denken.
</p>

<p>
Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen
<pb n='173'/><anchor id='Pgp0173'/>und waren entzückt über diese grünende Laube mitten im
Winter. Sie malten sich aus, wie schön es sein müßte,
hier so abgeschlossen und ungestört über einem Buche zu
sitzen.
</p>

<p>
Da wurden sie plötzlich durch erstaunte ‚Ah’s‘ und ‚Oh’s‘
der Herren aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten
Flora im weißen Kleide, das überall mit gläsernen Eiszapfen
behängt war; einen weißen Schleier, mit kleinen
Watteflöckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen,
und das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut.
Man konnte keinen Augenblick im Zweifel sein, daß sie ein
Sinnbild des Winters vorstellen wollte.
</p>

<p>
In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte
mit vielem Pathos ein langes Gedicht, das natürlich
ihrer Feder entstammte. Es war darin viel vom kalten
Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet
hatte, blickte sie siegesgewiß umher und sah in lauter vergnügt
lachende Gesichter. Sie glaubte natürlich, die Freude
über ihr schönes Gedicht wäre es, welche die Zuhörer so
heiter gestimmt hätte, und als man sogar in die Hände
klatschte und ihr ‚bravo‘ zurief, strahlte sie, und ein triumphierender
Blick flog zu ihrem früheren Lehrer hinüber; er
sollte ihn daran erinnern, wie er damals in der Pension
ihre Dichtung zu der Vorsteherin Geburtstag so schnöde
abgewiesen hatte. Jetzt mußte er doch einsehen, wie er ihr
großes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr zugefügt
hatte.
</p>

<p>
Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen
Eindruck ausgeübt, und das war die alte Wirtin. Sie hatte
Tränen der aufrichtigsten Rührung in den Augen, über die
sie öfter verstohlen mit dem Schürzenzipfel fuhr. Flora weinte
beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das
Gedicht zu schicken.
</p>

<p>
„Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre
<pb n='174'/><anchor id='Pgp0174'/>Sinn für Poesie; der Geist, noch ungekünstelt und natürlich,
begreift leichter das Edle, Schöne.“
</p>

<p>
„Unbescheiden bist du gar nicht, Flora,“ lachte <anchor id="corr174"/><corr sic="Orla.">Orla,</corr>
„das muß ich gestehen.“
</p>

<p>
„Orla,“ versetzte Flora ernst, fast feierlich, „du, der
die enge Welt des Weibes zu klein wurde, wie mir, du
welche die Schranken durchbrachst, wie ich es tat, du, welche
eine Jüngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft werden
willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige
Dinge handelt.“
</p>

<p>
„Was meint denn Flora mit der Jüngerin der Wissenschaft?“
fragte Rosi neugierig.
</p>

<p>
„Nun, ganz einfach,“ versetzte Orla kurz, „ich will
Medizin studieren.“
</p>

<p>
„Du willst“ – Rosi prallte förmlich zurück. „Du willst
unter die Studenten gehen?“
</p>

<p>
„Wie, Sie wollen studieren?“ fragte jetzt auch der
Pastor. „Das ist ja famos!“
</p>

<p>
Ein verweisender Blick seiner Frau traf ihn als Strafe
für seinen begeisterten Ausruf; er bemerkte ihn aber nicht,
da er Orla anstaunte. Wahrscheinlich beneidete er im stillen
die Studenten, die nächstens neben so viel Schönheit und
Geist sitzen durften. So etwas war ihm während seiner
Studienzeit leider niemals vorgekommen. Rosi konnte sich
von ihrem Entsetzen über Orlas Entschluß noch nicht erholen,
sie fragte Nellie, ob Orla nicht Spaß gemacht hätte,
und wollte es nicht glauben, als diese ihr fest versicherte,
daß Orla wirklich im Ernst gesprochen habe.
</p>

<p>
„Unbegreiflich,“ murmelte Rosi vor sich hin, und laut
sagte sie zu Orla:
</p>

<p>
„Nun, Orla, dann wünsche ich dir viel Glück bei den
Studenten. Da mußt du natürlich auch das Kneipen und
Raufen lernen, was doch wohl die Hauptsache im Studentenleben
ist. Ich an deiner Stelle würde am liebsten gleich
<pb n='175'/><anchor id='Pgp0175'/>Männerkleidung anlegen, denn als Frau unter den Studenten
wirst du dir gewiß manches gefallen lassen, manches aushalten
müssen.“
</p>

<p>
Man hätte der sanftblickenden Rosi eine so spöttische
Bemerkung kaum zugetraut. Orla hatte ihre beleidigenden
Worte ruhig mit angehört und wollte ihr eben darauf antworten,
als ihr Andres zuvorkam.
</p>

<p>
„Frau Pastorin,“ sagte er sehr bestimmt, „Sie trauen
Ihrer Freundin“ – er betonte das Wort – „ja ungeheuer
wenig Taktgefühl zu und scheinen das Studieren so aufzufassen,
als ob es nur aus Kneipen und Raufen bestände.
Gewiß, der Student führt ein lustiges Leben, wenn er
nicht ein geborener Philister ist, er kneipt und rauft mitunter.
Ihr Herr Gemahl, der gewiß auch eine fröhliche
Studienzeit verlebt hat, wird Ihnen davon am besten erzählen
können.“
</p>

<p>
Hier räusperte sich der Pastor vernehmlich. Mein Gott,
woher wußte denn dieser Mensch etwas von seiner Studentenzeit?
Sollte Althoff geplaudert haben? Er würde sich wohl
hüten, seiner Rosi etwas davon zu erzählen.
</p>

<p>
„Ich versichere Sie, Frau Pastorin,“ fuhr der junge
Mann fort, „es sind nicht die schlechtesten Menschen, welche
Sie als Raufbolde verachten, und ebensowenig sind diejenigen
die besten, welche tun, als könnten sie kein Wässerchen
trüben. Die Jugend muß austoben und kann auch mal
über den Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter
besitzt, dem wird die ernste Pflicht zu arbeiten schon
zur rechten Zeit einfallen, der wird trotzdem ein brauchbares
Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor
allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student
mag raufen, oder auf den Bänken der Hörsäle sitzen, niemals
wird er die Ritterlichkeit gegen eine Dame vergessen.
Und deshalb braucht Ihre Freundin keine Männerkleidung
anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen,
<pb n='176'/><anchor id='Pgp0176'/>wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verläßt.
In dieser Beziehung wird Fräulein Sassuwitsch nichts zu
befürchten haben, denn keiner ihrer künftigen Studiengenossen
wird ihr jemals zu nahe treten. Wehe dem, der das wagte!“
</p>

<p>
Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend
gefunkelt und alle waren erstaunt über diese warme Verteidigung.
Flora aber eilte stürmisch auf ihn zu und drückte
ihm unter überschwenglichen Dankesworten die Hand, weil
er so lebhaft für das Weib eingetreten sei, welches sich aus
den alltäglichen Verhältnissen befreit habe, um einem höheren
Triebe zu folgen.
</p>

<p>
Sie geriet förmlich in Verzückung und klagte ihm immer
wieder vor, wie bitter und schwer sie oft darunter zu leiden
hätte, daß sie sich noch mit andern Dingen beschäftige, als
mit Kochen und Strümpfestopfen. Es hätte ihr so wohl
getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hören. Sie
sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, daß die Eiszapfen
an ihrem Kleid beständig aneinander klirrten. Er hörte
aber nur halb auf die schwatzende unruhige Gestalt vor ihm
und nickte nur mechanisch einige Male mit dem Kopfe, indem
er sich willenlos von ihr die Hand drücken ließ. Seine
Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten
war und die Blätter und Ranken spielend durch die Finger
gleiten ließ. Warum ertappte sie sich gerade diesem Mann
gegenüber auf einer Befangenheit, die ihr sonst fremd war,
warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu begegnen?
Es war ihr unbehaglich, dieses Gefühl, und doch,
wie ein Echo tönten seine Worte in ihrem Herzen fort.
</p>

<p>
„Orla, du bist ja so in Gedanken versunken,“ sagte
da Ilse neben ihr. „Komm, ich glaube Rosi ist ärgerlich
auf den Doktor, sieh nur, was sie für ein böses Gesicht
macht!“
</p>

<p>
Sie hing sich an Orlas Arm und führte sie mit sich
fort. Sie selbst war voller Begeisterung über Andres, weil
<pb n='177'/><anchor id='Pgp0177'/>er die Freundin so warm verteidigt hatte, und wunderte
sich nur, daß diese so wenig darauf einging, ja nicht einmal
damit einverstanden zu sein schien, daß der junge Mann so
lebhaft ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im
stillen mit Leo; ganz so würde auch er gesprochen und gleich
offenmütig eine gute Sache verteidigt haben. Sie gönnte
Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich über deren schroffes
Urteil sehr geärgert.
</p>

<p>
Die Frau Pastorin saß neben ihrem Mann und machte
in der Tat ein sehr böses Gesicht. Leise und aufgeregt
sprach sie auf ihn ein, und versuchte in ihrer Empörung,
daß ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen
mit ihr zu bereden.
</p>

<p>
„Aber Kind, es war doch nicht so böse gemeint,“ suchte
er sie zu beruhigen, „was sollen sie denken, wenn wir jetzt
fortgehen!“
</p>

<p>
„Du hättest für mich eintreten müssen,“ sagte sie erregt,
„aber natürlich, deine Frau kann beleidigen wer will, dir
ist es gleichgültig.“
</p>

<p>
„Aber Rosi,“ verteidigte er sich, „wie kannst du nur
so etwas sagen! Ich fand, der Doktor hatte ganz recht.“
</p>

<p>
„Natürlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hört
doch alles auf.“
</p>

<p>
Wütend drehte sie ihm den Rücken zu.
</p>

<p>
Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall
in der Gesellschaft nicht wieder aufkommen. Nun wurde
auch noch Floras Mann, dessen Anwesenheit im Dorfe bekannt
geworden war, zu einem schwer Kranken geholt. Er
zögerte selbstverständlich keinen Augenblick und sah sich suchend
nach Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal
mit dem Referendar. Er bat daher Nellie, sie möchte Flora
mitteilen, daß er in kurzer Zeit wieder zurück sein würde.
Kaum war er fortgegangen, als sich die Türe öffnete, und
aus einem Nebengemach die Klänge eines Strauß’schen
<pb n='178'/><anchor id='Pgp0178'/>Walzers ertönten. Flora erschien auf der Schwelle, während
man Lüders vor einem alten Klavier sitzen sah.
</p>

<p>
„O, das ist schön!“ rief Nellie vergnügt über diesen
Einfall. „Florchen, du bist eine Engel mit deine Überraschungen
heute. O, das herrliche Walzer!“
</p>

<p>
Sie wippte mit dem Fuße den Takt und summte halblaut
die Melodie dazu.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p178.png" rend="w60">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Mit den Klängen der ‚schönen blauen Donau‘ war
wieder Leben in den kleinen Kreis gekommen. Die Herren
sprangen auf und holten sich die Damen zum Tanze. Eben
wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten
Andres mit Orla, und
als sich die beiden Mädchen
endlich mit heißen
Wangen niederließen,
tanzte Nellie mit ihrem
Mann und der junge
Arzt forderte Rosi zum
Tanze auf. Sie nahm
bei seiner Bitte eine
unnahbare und beleidigte
Miene an und
lehnte dankend ab, aber
er bat so liebenswürdig,
daß sie sich schließlich
von dem Zauber seiner
Persönlichkeit hinreißen
ließ und einwilligte, mit
ihm zu tanzen. Ganz
versöhnt und sogar heiter
lächelnd kehrte sie auf ihren Platz zurück. Welche Frau
bliebe auch unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte
Huldigung eines schönen Mannes!
</p>

<p>
Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt,
<pb n='179'/><anchor id='Pgp0179'/>als ihm seine Frau entführt wurde, er tanzte aber so ungeschickt,
daß Ilse seinen kühnen Sprüngen kaum folgen
konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als er
sich ganz bestürzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze
ja sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergnügen nicht verderben.
Dem flotten Walzer folgte eine Polka, dann ein
Galopp und so weiter; man wurde nicht müde, alles
plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder
eingekehrt. Nellie löste jetzt den Referendar ab, der sofort
zu Ilse eilte, um sie zum nächsten Tanz aufzufordern.
Sie schützte aber Müdigkeit vor, und wieder mußte er
mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Röte stieg
ihm ins Gesicht und er biß sich wütend auf seine schmalen
Lippen.
</p>

<p>
„Nun ist’s genug,“ entschied Althoff, als eben ein neuer
Tanz beginnen sollte. „Wir müssen an das Abendessen
denken. Herr Pastor, wollen wir zusammen den Punsch
brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand Delikatessen
mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verständigen!“
</p>

<p>
„<hi rend='antiqua'>O yes, darling</hi>, ich werd schon machen. Die Herren
brauen den Punsch, wir Damens decken den Tisch, – o,
es wird fein. Kommt Kinder!“
</p>

<p>
Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch
zu decken, als Nellie sie aufsuchte. Die jungen Damen
halfen der alten Frau unter Lachen und Scherzen, so daß
diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange nicht bei
ihnen eingekehrt.
</p>

<p>
Nur Rosi bewahrte ihre steife Würde, ihr pedantischer
Sinn verstand keine harmlose Heiterkeit.
</p>

<p>
Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen,
daß man mit dem Abendessen nicht auf ihn warten solle,
da er noch längere Zeit fortbleiben müsse.
</p>

<p>
„Habe ich nun nicht recht?“ seufzte Flora. „Wird
mir nicht jedes Vergnügen vergällt? Wahrhaftig, wer die
<pb n='180'/><anchor id='Pgp0180'/>Frau eines Arztes wird, übernimmt damit die Rolle einer
Entsagenden.“
</p>

<p>
Heute abend jedoch fiel Florchen gänzlich aus dieser
Rolle, sie vergaß die Abwesenheit ihres Gatten sehr bald
und stimmte in die Ausgelassenheit der andern mit ein.
Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und
Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weißen
Gewande heut abend die Hebe zu spielen. Sie ließ sich
das nicht zweimal sagen, stellte sich aber bei diesem Amt so
ungeschickt an, daß sie jedesmal vorbeigoß und der Punsch
am Glase herunterlief, bis schließlich Nellie sagte: „Laß
mir nur machen, Flora,“ wobei sie ihr den Löffel aus der
Hand nahm.
</p>

<p>
Vergnügt lächelnd saß der Pastor hinter seinem Glase.
Rosi hat ihn zu Anfang beiseite gezogen und sich fest von
ihm versprechen lassen, daß er nicht, wie damals bei Althoffs,
zu viel trinken würde. Sie selbst nippte kaum am Glase,
indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu können, da
er ihr zu Kopf stiege.
</p>

<p>
Ilse war merkwürdig still geworden. Sie wußte selbst
nicht, wie es kam, daß ihre Gedanken diesen Abend immer
in die Ferne schweiften und an einem Wesen haften blieben,
welches Leos Züge trug. Erinnerten sie die leuchtenden
Augen des jungen Arztes, der neben Orla saß und in eifriger
Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die
Augen ihres Leo, die mit so viel Glück und Innigkeit auf
ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das silberne Mondeslicht,
das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch
beide im Mondenschein zu schwärmen. Oft war sie mit ihm
Hand in Hand weit hinaus über die Felder und Wiesen
gegangen und sie hatte sich ganz dem Zauber eines Mondscheinabends
hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am
Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch
das Blätterwerk im Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch
<pb n='181'/><anchor id='Pgp0181'/>an sie dachte, ob er, wie sie, solche Bilder an seinem Geiste
vorüberziehen ließ?
</p>

<p>
Das Lachen und Stimmengewirr rief sie in die Wirklichkeit
zurück, und doch hätte sie gern so noch weiter geträumt.
Sie blickte durch die offene Tür in den Saal, wo
die Kerzen erloschen waren und statt dessen das Mondlicht
voll hereinflutete. Wie magnetisch davon angezogen, stand
sie auf und ging hinein. Sie hatte den dringendsten Wunsch,
jetzt allein zu sein, um sich ungestört in die Vergangenheit
senken zu können. In dem efeubewachsenen Erker auf dem
alten Stuhl ließ sie sich nieder und schmiegte den Kopf an
die hohe Lehne. Hier übergoß der Mond alles mit einem
bläulichen Lichte, welches auf den dunklen Blättern glänzte.
Nun war es fast wie daheim, wenn sie und Leo auf der
von wildem Wein umlaubten Veranda saßen und er ihr
unter dem grünen Blättergewirr tausend süße Liebesworte
zuflüsterte. Es kam ihr vor, als wäre sie plötzlich alt und
diese Zeit läge weit, weit hinter ihr. Würde sie denn noch
einmal wiederkehren, oder war Liebe und Glück für immer
vorbei? Dann allein durch ihre Schuld, raunte ihr eine
innere Stimme zu. Sie mußte sich die Hand auf das unruhig
klopfende Herz pressen.
</p>

<p>
Flora hatte dem Verschwinden Ilses mit den hochtrabendsten
Worten eine Erklärung gegeben. „Die Sehnsucht
nach dem Ferngeliebten,“ sprach sie theatralisch, „zaubert ihr
sein Bild hierher. Sie ist nun mit ihm vereint, und wir
dürfen das glückliche Paar nicht stören.“
</p>

<p>
Sie erhob die Arme und streckte sie aus, wie wenn sie
als Schutzengel über die beiden zu wachen hätte.
</p>

<p>
„Hu, hu, du siehst ja wie ein Geist aus, ich fürchte
mir,“ rief Nellie und brachte damit Flora, die wie geistesabwesend
vor sich hinstarrte, in die Wirklichkeit zurück.
</p>

<p>
Der Referendar, welcher sich Ilse beim Abendessen nicht
mehr genähert hatte, nachdem er heute wiederholt von ihr
<pb n='182'/><anchor id='Pgp0182'/>abgewiesen worden, war ihr mit seinen stechenden Augen in
den Saal gefolgt, und so sah er auch, wie sie in dem Erker
verschwand. Sofort nahm er sich vor, ihr dahin nachzugehen,
und als nach einer Weile Althoff nach der Uhr sah
und zum Aufbruch mahnte, ergriff er schnell die Gelegenheit
und erbot sich, das Anspannen besorgen zu lassen. Beim
Hinausgehen lehnte er wie zufällig die offene Türe, die zum
Saal führte, an. Als er dann zurückkehrte, <anchor id="corr182"/><corr sic="klingte">klinkte</corr> er
leise die andre Tür auf, die vom Hausflur in den Saal
führte, und schlich sich auf den Zehen nach dem Platze, wo
Ilse saß.
</p>

<p>
Sie hatte ihn nicht kommen hören und erschrak nun
um so mehr, als sie plötzlich seine Stimme vernahm und ihn
zwischen den Efeuwänden stehen sah. Sie sprang auf und
wollte forteilen, aber er ließ sie nicht vorbei und drückte sie
mit sanfter Gewalt auf ihren Platz zurück.
</p>

<p>
„Was wollen Sie hier?“ fragte sie in einem nicht mißzuverstehenden
Tone, der deutlich bewies, wie fatal ihr seine
Gegenwart war.
</p>

<p>
„Wie Sie, mein teures Fräulein, möchte ich den herrlichen
Mondenschein genießen und dabei in Ihre schönen
Augen sehen.“
</p>

<p>
„Was fällt Ihnen ein!“ rief sie empört und schnellte
wieder empor.
</p>

<p>
„So bleiben Sie doch, ich tue Ihnen ja nichts,“ sagte
er mit einschmeichelnder Stimme, indem er ihr den Ausgang
versperrte. „Gestatten Sie mir nur eine Frage: Sind Sie
glücklich?“
</p>

<p>
Sie gab keine Antwort, weil ihr eine namenlose Angst
die Kehle zuschnürte, und sie nur den einen Gedanken hatte,
wie sie ihm entfliehen könnte. Er aber deutete ihr Schweigen
anders. War es nicht auch eine Antwort auf seine Frage?
</p>

<p>
„Ich wußte es ja,“ hub er wieder an, „ich las es in
Ihren Augen, daß Sie nicht glücklich sind. Sie finden in
<pb n='183'/><anchor id='Pgp0183'/>mir eine mitfühlende Seele, welche Sie leider nur zu gut
begreift. Auch ich bin an ein Wesen gekettet, das mich zu
dem Unglücklichsten der Unglücklichen macht. Meine Braut,
– o Himmel, daß ich ihr diesen süßen Namen geben muß –,
nun, sie ist reich und sie wissen ja, ‚nach Golde drängt, am
Golde hängt doch alles.‘ Auch meine Existenz hängt von
dem leidigen Mammon ab, denn ich bin ehrgeizig und strebe
nach hohen Zielen, aber ich bin arm und habe mich deshalb
mit dem reichen Mädchen verlobt. Das arme Ding, sie ist
so in mich verschossen!“
</p>

<p>
Ilse hatte schon einige Male versucht, ihn zu unterbrechen
und sich durchzudrängen, – vergebens! Ekel und Abscheu
erfaßte sie.
</p>

<p>
„Lassen Sie mich fort,“ sagte sie bebend vor Zorn.
</p>

<p>
„Wenn Sie mich angehört haben und den Kummer
meines Herzens kennen, dann sollen Sie den Weg frei haben,
aber erst müssen Sie mich hören und vielleicht gönnen mir
Ihre Lippen ein Wort des Trostes.“
</p>

<p>
„Ich will Sie nicht hören,“ stieß Ilse in höchster Aufregung
hervor; „lassen Sie mich gehen, oder ich rufe laut
um Hilfe.“
</p>

<p>
„Sie werden doch keine Szene machen, den andern kein
Schauspiel gönnen,“ sagte er höhnisch lachend.
</p>

<p>
„O mein Gott!“ stammelte Ilse und fiel in den Stuhl
zurück, indem sie ihre Augen mit beiden Händen bedeckte.
</p>

<p>
„So, nun bleiben Sie ruhig sitzen, bis ich Ihnen zu
Ende erzählt habe. Wie gesagt, meine Verlobte ist närrisch
in mich verliebt, mir ist sie aber gleichgültig. Ich ertrug
diese Fessel mit Geduld und Fassung, bis ich Sie sah, Ihre
süße Stimme hörte, in Ihre himmlischen Augen schaute, die
mir verrieten, daß auch Sie ein Band umschlingt, das Sie
zerreißen möchten. Sah ich es nicht oft und deutlich aus
Ihrem Erröten, aus ihrem gesenkten Blick bei der Nennung
desjenigen, dem Sie ohne Liebe ihre Hand reichen wollen?
<pb n='184'/><anchor id='Pgp0184'/>Wie fühlte ich mich schon in dem Gedanken gehoben, in
Ihnen eine gleichgestimmte Seele gefunden zu haben. Ilse,
sagen Sie mir ein Wort des Trostes, der Hoffnung!“
</p>

<p>
Er näherte sich ihr. Sie hatte sich ganz in die Ecke
gedrückt, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Ihre Augen
hatten einen starren Blick, ihr Atem stockte und ihr Puls
flog wie im Fieber. Nun ergriff er ihre Hand, die sie, wie
von einer Viper gestochen, zurückschleuderte.
</p>

<p>
„Sie kleine Spröde!“ sagte er mit äußerster Ruhe und
beugte sich zu ihr herab, daß sein Atem sie streifte. In
qualvoller Angst sprang sie auf und stieß ihn mit kräftiger
Hand zurück, daß er taumelte. Dann schob sie die Efeuwand
zur Seite. In dem Augenblick aber, als sie an ihm
vorüber wollte, versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu
legen.
</p>

<p>
„Unverschämter!“ keuchte Ilse mit blitzenden Augen.
In ihrer Todesangst wußte Ilse nicht, was sie tun sollte,
sah nur sein Gesicht, das ihr wie das eines Teufels erschien,
sie fühlte seine Berührung. Schon wollte sie um Hilfe
schreien, da fiel ihr Blick auf das Fenster. Sie riß es auf,
und ehe er es hindern konnte, war sie auf den Stuhl gesprungen,
von da auf das Fensterbrett, und im nächsten
Moment war sie draußen. Bis über die Knie versank sie
in dem weichen Schnee. Sie raffte sich aber auf und lief,
als folge er ihr auf den Fersen, so schnell als möglich weiter.
Fort, nur fort aus seiner Nähe! Furcht und Scham trieben
sie unaufhaltsam vorwärts. Sie kletterte über die niedrige
Gartenhecke und rannte noch eine Strecke auf der Straße
weiter, die ins Dorf führte. Endlich blieb sie erschöpft
stehen, die Hand auf das pochende Herz gedrückt.
</p>

<p>
„O mein Gott,“ rief sie laut, „es ist zu schrecklich! O
Leo,“ schluchzte sie in den stillen Winterabend hinein, „warum
bist du so fern? Ach, wärst du doch jetzt hier, könnte
ich bei dir sein!“
</p>

<pb n='185'/><anchor id='Pgp0185'/>

<p>
Und sie dachte, wie er doch so gut und edel sei. So
hätte er nie gehandelt, wie der Erbärmliche, nie, niemals!
Und würde er sie jetzt noch lieben, nachdem sie ihm so tiefes
Leid zugefügt hatte, würde er vergessen können, was sie ihm
getan? Und wenn er sich von ihr wandte, wenn sie für
immer seine Liebe verloren hatte, mit der sie ein frevles
Spiel getrieben, wie sie sich jetzt selbst in qualvoller Pein
gestand! Sie bedeckte ihr brennendes Antlitz mit den kalten
Händen. So trostlos mußte es einer Verstoßenen und Verlassenen
zu Mute sein, wie ihr in diesem Augenblick.
</p>

<p>
Plötzlich hörte sie Schritte in ihrer Nähe, und in ihrer
Angst, es könnte ihr der Schreckliche gefolgt sein, wagte sie
kaum aufzublicken. Gott sei Dank, er war es nicht, es war
Doktor Gerber, der von seinem Krankenbesuch zurückkam.
Sie schlüpfte hinter den nächsten Baum, denn sie wollte
in dieser Verfassung nicht entdeckt werden. Der Stamm
des Obstbaumes konnte sie aber nicht ganz verdecken, auch
hatte Gerber bemerkt, daß bei seinem Nahen eine Gestalt
sich scheu zu verbergen gesucht hatte, er blieb stehen und
sah forschend hinüber.
</p>

<p>
Ilse rührte sich nicht.
</p>

<p>
„Wer ist da?“ fragte er.
</p>

<p>
Keine Antwort.
</p>

<p>
Da stapfte er durch den hohen Schnee, als er aber
dicht vor ihr stand und sie erkannte, prallte er förmlich zurück.
</p>

<p>
„Fräulein Ilse, wie kommen Sie hierher, was wollen
Sie hier?“ fragte er erstaunt.
</p>

<p>
Und als er ihr bleiches, entstelltes Gesicht sah, fragte
er nochmals.
</p>

<p>
„Was ist Ihnen denn, ist Ihnen etwas begegnet? Und
ohne Mantel, ohne Hut! Sie werden sich erkälten.“
</p>

<p>
Sie blickte ihn flehend an, als wollte sie sagen: o,
dringen sie nicht weiter in mich. Er verstand ihre stumme
Bitte.
</p>

<pb n='186'/><anchor id='Pgp0186'/>

<p>
„Kommen Sie,“ sagte er und ergriff ihre zitternde
Hand.
</p>

<p>
Schweigend gingen sie die mondhelle Dorfstraße hinunter.
Kaum konnte Ilse ihre Aufregung bemeistern, so tobte und
kämpfte es in ihrem Innern; ihre Gedanken konnten sich
von dem schrecklichen Erlebnis nicht losreißen. Einige Male
versuchte sie mit ihrem Begleiter ein gleichgültiges Gespräch
anzufangen, aber die Worte wollten nicht über ihre Lippen.
Sie beherrschte sich krampfhaft, denn bevor sie das Gasthaus
erreichten, wollte sie ganz ruhig sein, damit die andern nichts
merken sollen. Sie durften um Gottes willen nicht erfahren,
was sie Beschämendes erlebt hatte. Zu welchen Auseinandersetzungen
würde es sonst zwischen Doktor Althoff und dem
Verhaßten kommen? Nein, nur das nicht, schon der Gedanke
allein regte sie auf.
</p>

<p>
Ilses kühner Sprung aus dem Fenster hatte dem
Referendar keinen geringen Schrecken eingejagt.
</p>

<p>
„Donnerwetter, das tolle Ding!“ hatte er bestürzt und
ärgerlich zwischen den Zähnen gemurmelt. Aber seine Geistesgegenwart
verließ ihn darum nicht. Schaden konnte Ilse
nicht genommen haben, beruhigte er sich, das Fenster war
ja nur wenige Fuß über der Erde, und außerdem lag tiefer
Schnee. Er beugte sich hinaus und sah sie in großen
Sprüngen über die weiße Fläche hineilen. Leise schloß er
hierauf das Fenster wieder.
</p>

<p>
„Temperament hat die Kleine,“ sagte er halblaut vor
sich hin mit einem unangenehmen Lächeln. Unbedingt mußte
er jetzt in die Gesellschaft zurückkehren, wenn sein Ausbleiben
nicht auffallen sollte. Trotz der Ruhe, die er nach diesem
amüsanten Abenteuer, wie er es innerlich nannte, empfand,
konnte er doch ein gewisses unbehagliches Gefühl nicht unterdrücken,
denn sicher würde Ilse plaudern, – wie fatal!
Da galt es vorher überlegen, wie er ihre Anschuldigungen
geschickt parieren sollte. Nun, an jesuitischer Spitzfindigkeit
<pb n='187'/><anchor id='Pgp0187'/>fehlte es ihm nicht, er wollte sich schon aus der Angelegenheit
ziehen.
</p>

<p>
Ebenso leise, wie er den Saal betreten, schlich er sich
jetzt wieder hinaus und erschien dann vergnügt lächelnd in
der Türe, durch welche er vorhin die Gesellschaft verlassen
hatte. Er setzte sich zu den andern und nahm dankend das
dampfende Glas Punsch entgegen, welches ihm Flora mit
verführerischem Lächeln reichte. Er berichtete, daß er alles
gut besorgt habe, und daß die Kutscher, die er sehr gemütlich
bei Bier und Grog angetroffen habe, jetzt dabei wären
anzuspannen.
</p>

<p>
„Nun müssen wir auch Ilse in ihrer Einsamkeit stören,“
sagte Nellie und war im Begriff, in den Saal zu gehen,
als sich die Türe, die nach dem Flur führte, öffnete und
Ilse leichenblaß eintrat, gefolgt von Floras Mann, der
sich ebenfalls blaß und erschöpft niederließ.
</p>

<p>
Erschrocken eilte Nellie ihr entgegen.
</p>

<p>
„Was hast du, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, ist dich nicht wohl?“ fragte
sie leise und blickte verwundert in das starre Gesicht des
jungen Mädchens.
</p>

<p>
„Mir fehlt gar nichts, Nellie, ich bin ganz wohl,“
erwiderte Ilse ruhig und setzte sich neben Orla.
</p>

<p>
Aus Lüders’ Antlitz war bei Ilses Eintreten doch die
Farbe gewichen. Er lächelte krampfhaft und stand wie ein
Fuchs auf der Lauer, indem er gespannt auf jedes ihrer
Worte horchte. Gott sei Dank, dachte er nach einer Weile
erleichtert, sie scheint vernünftig zu sein und schweigt.
</p>

<p>
Nellie fühlte sich durch die Antwort der Freundin
nichts weniger als beruhigt, sondern sah dieselbe besorgt
an. Jetzt fiel ihr Blick auf Ilses durchnäßte Kleider,
und als sie nach ihrer Hand faßte, bemerkte sie, wie kalt
diese war.
</p>

<p>
„Ilse, du bist ja ganz feucht und kalt, wo bist du
gewesen?“ fragte sie ängstlich.
</p>

<pb n='188'/><anchor id='Pgp0188'/>

<p>
„Gewiß hast du draußen im Mondenschein vom Herzallerliebsten
geschwärmt,“ sagte Flora neckend, „gestehe es
nur, Ilse.“
</p>

<p>
„Du hast ganz recht, Flora,“ gab sie zur Antwort,
„ich sehnte mich nach frischer Luft und bin eine Strecke in
das Dorf gegangen, wo ich deinen Mann traf.“
</p>

<p>
Sie wunderte sich selbst über die Ruhe, mit welcher sie
diese Worte sprechen und auch die Fragen und Neckereien
der andern ertragen konnte. Als aber der Referendar versuchte,
mit ihr zu scherzen, traf ihn ein so verächtlicher,
drohender Blick aus ihren Augen, daß er verlegen fortsah
und schwieg.
</p>

<p>
Abgespannt und teilnahmlos saß Doktor Gerber da;
auf die Frage, ob ihm etwas fehle, gab er zur Antwort,
daß er sich ganz wohl fühle und nur etwas müde wäre.
Sogar seiner Frau, welche sich umgezogen hatte und jetzt
zurückkam, fiel seine Blässe und Mattigkeit auf; sie fragte
ihn besorgt, ob es mit seinem Befinden schlimmer geworden
sei. Seine verneinende Antwort beruhigte sie indessen schon
wieder, und sie meinte, sein schlechtes Aussehen rühre gewiß
nur von dem Aufenthalt in der dumpfen Krankenstube her.
Man war allgemein froh, als die Schlitten angespannt
vor der Tür standen, denn wie ein Alp lag es auf der
vorher so lustigen Gesellschaft, seitdem Ilse und Gerber so
bleich und still unter ihnen saßen und sichtbar ungeduldig
auf den Aufbruch warteten. Ilse war die erste, welche
aufsprang, als gemeldet wurde, daß alles zu der Abfahrt
bereit sei.
</p>

<p>
Während die andern sich von Pastors verabschiedeten
und die wärmenden Hüllen umlegten, war Ilse zu Nellie
getreten und fragte sie leise, ob sie mit ihr zusammen fahren
dürfe.
</p>

<p>
„Ich muß dich sprechen,“ flüsterte sie hastig, „dringend
muß ich dich sprechen.“
</p>

<pb n='189'/><anchor id='Pgp0189'/>

<p>
„<hi rend='antiqua'>Darling</hi>, wie kommst du mich vor diesen Abend, so
zerstört, was hast du?“
</p>

<p>
„Nachher erzähle ich dir alles, jetzt frage mich nicht,“
gab Ilse zur Antwort.
</p>

<p>
Mit Entsetzen vernahm Nellie unterwegs, was der
Freundin begegnet war. Glücklicherweise war der Kutscher,
der die beiden fuhr, etwas schwerhörig und hatte sich obenein
den Pelzkragen ganz über die Ohren gezogen, so daß
er nicht verstehen konnte, was die Damen sprachen. Er
hätte sonst eine spannende Geschichte zu hören bekommen,
denn Ilse sprach in ihrer Aufregung so laut, daß Nellie
sie öfter ermahnte, vorsichtiger zu sein. Das Blut stockte
ihr fast in den Adern bei Ilses Erzählung, und sie unterbrach
diese oft mit dem ihr eigenen Ausruf ‚o, o‘!
</p>

<p>
„Du armes, armes Kind,“ sagte sie, als Ilse zu Ende
war, „was hast du durchgemacht, schrecklich! Das infame
Mann, – was wird Fred sagen, wenn ich ihm
das erzähle? Es bleibt ihm weiter nichts übrig, als ihm
ein Ohrfeig zu geben auf der Straße, wenn alle Leute es
sehen.“
</p>

<p>
„Um Gottes willen,“ fuhr Ilse auf, „so etwas darf
dein Mann nicht tun, es würde einen öffentlichen Skandal
geben, die Stadt würde davon sprechen, – bitte, bitte
nicht Nellie! Aber Flora werde ich sagen, daß ich ihr
Haus nicht wieder betrete, wenn ich diesen Menschen noch
einmal bei ihr treffe. Oder – nein, es ist besser, auch sie
erfährt nichts von dieser Geschichte. Sie setzt sich sonst womöglich
hin, dichtet eine Schauer-Ballade und liest sie dem
Menschen noch obenein vor. Aber warnen will ich sie,
warnen vor diesem Teufel!“
</p>

<p>
Die dunklen Augen in dem bleichen Gesicht funkelten
und spiegelten einen leidenschaftlichen Haß wieder, der dem
jungen Antlitz etwas Düsteres verlieh. Schweigend blickte
sie in die sternenklare Winternacht, ohne zu bemerken, daß
<pb n='190'/><anchor id='Pgp0190'/>Nellie sich noch warmer einhüllte und ihre Füße fester in
die Decke wickelte.
</p>

<p>
Die beiden sprachen wenig während der übrigen Fahrt,
und auch aus den andern Schlitten tönte kein fröhliches
Lachen, wie bei der Hinfahrt. Lüders, der wieder neben
Flora saß, meinte, es wäre zu kalt zum Sprechen und zog
seinen Rockkragen in die Höhe, so daß sein Gesicht fast ganz
verschwand. Flora vergaß seine Schweigsamkeit, denn der
Mondesglanz, die Sterne, die klare Winternacht gaben ihr
unzählige poetische Gedanken ein, die sie am andern Tage
auf das Papier bringen wollte.
</p>

<p>
Althoff bekam von seinem Nachbar, Doktor Gerber,
auch nur kurze Antworten, man merkte, daß ihm das
Sprechen schwer wurde. Nur in dem Schlitten, in welchem
Andres und Orla saßen, schien die schönste Harmonie zu
walten. Orla hielt wieder die Zügel in ihren Händen,
denn der Kutscher hatte zu tief in das Glas gesehen und
war in eine Art Halbschlummer verfallen, aus welchem ihn
Andres von Zeit zu Zeit aufschreckte, damit der müde hin
und her Taumelnde nicht unversehens vom Sitze fiele und
ihnen verloren ginge.
</p>

<p>
Scherzend hatte er zu dem jungen Mädchen gesagt,
daß es eigentlich nicht in der Ordnung wäre, sich von einer
Dame nach Hause fahren zu lassen, worauf sie lachend erwiderte,
daß sie nach der Meinung ihrer Freundin Rosi
gar nicht mehr unter die Frauen gehöre und er sich deshalb
getrost ihre Leitung gefallen lassen möge. Den beiden verging
unter lebhaftem Geplauder die Zeit so schnell, daß
sie ganz erstaunt waren, schon in die heimatlichen Straßen
einzufahren und bald darauf vor der Althoffschen Wohnung
zu halten. –
</p>

<p>
Als sich die beiden jungen Mädchen zur Ruhe begaben,
fielen Ilse die seltsam glänzenden Augen der Freundin auf
und ein heimliches Lächeln um ihren Mund, das ihr
<pb n='191'/><anchor id='Pgp0191'/>Antlitz wunderbar verklärte. Sie gab auch einige Male
zerstreute Antworten auf Ilses Fragen, ganz gegen ihre
sonstige Art.
</p>

<p>
„Gute Nacht, Ilse,“ sagte sie schon im Bette liegend
und bemerkte erst jetzt, daß diese noch nicht angefangen
hatte sich auszuziehen.
</p>

<p>
„Willst du noch nicht zu Bette gehen?“ fragte sie.
</p>

<p>
„Nein, Orla, ich bleibe noch etwas auf, ich bin noch
nicht müde.“
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p191.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Sie wartete noch eine Weile bis Orla fest eingeschlafen
war, und holte dann ihre Schreibmappe hervor.
Hierauf stellte sie die Lampe auf den Tisch am Fenster,
an welchem Orla oft bis tief in die Nacht arbeitete, nahm
einen Briefbogen, tauchte die Feder langsam in das Tintenfaß
und schrieb nach langem Besinnen die Worte: ‚Lieber
Leo!‘ auf das Papier, dann stützte sie wieder den Kopf in
die Hand und starrte gedankenvoll auf das weiße Blatt
vor ihr. Wie schwer wurde ihr der Anfang, und doch war
<pb n='192'/><anchor id='Pgp0192'/>das Herz ihr zum Zerspringen voll. Es lastete wie ein
Verbrechen auf ihr, sie kam sich erniedrigt und nach dem
heutigen Erlebnis wie treulos gegen ihren Bräutigam vor,
weil sie das schändliche Bekenntnis des ihr fremden Mannes
mit angehört hatte. Welche Worte hat er zu ihr gesprochen,
– noch tönten sie in ihren Ohren fort –, wie konnte er
das wagen, wie durfte er ihr so etwas bieten und sie unglücklich
nennen! –
</p>

<p>
Und doch, konnte sie das alles so wunderbar finden,
hatte sie den Leuten nicht genügend Veranlassung gegeben,
sie für eine unglückliche Braut zu halten? Ihr ‚gesenkter
Blick‘, ihr ‚Erröten‘, wie der Abscheuliche gesagt, und dann
die Szene mit Andres, die er, – jetzt wußte sie es, – belauscht
hatte, alles dieses waren für ihn Beweise gewesen,
daß sie nicht glücklich sei. Und hatte er denn unrecht?
Hatte sie sich nicht selbst für unglücklich gehalten, für tief
unglücklich? Warum empörte sich denn ihr Inneres darüber,
daß ein anderer ihre geheimsten Gedanken erraten hatte,
war sie denn vielleicht nicht mehr unglücklich?
</p>

<p>
Nein, tausendmal nein, rief es in ihr! Seit sie draußen
in der kalten Winternacht die brennendste Sehnsucht nach ihm,
nach seinem Schutz empfunden, fühlte sie, daß sie allein an
diesem Unglück die Schuld trug, daß es in ihrer Hand lag,
ihn und sich wieder glücklich zu machen. Und sie hatte sich
vorgenommen, ihn noch heute abend zu bitten: vergiß, was
ich dir getan, – und ihm alles erzählen, was sie hatte erleben
müssen, dann würde ihr leichter, sie würde dann ruhiger
werden. Unterwegs hatte sie sich den Inhalt des Briefes
im Geiste überlegt und immer wiederholt, aber jetzt, da sie
ihre Gedanken in Worte kleiden und diese niederschreiben
sollte, konnte sie nicht damit fertig werden.
</p>

<p>
Endlich nach langem Zaudern überwand sie den schwierigen
Anfang und schrieb fließend weiter, ohne nur einmal
innezuhalten. Sie hörte nicht auf, bis sie einen heftigen
<pb n='193'/><anchor id='Pgp0193'/>Schüttelfrost bekam und nun erst daran dachte, daß sie die
feuchten Kleider und Schuhe noch nicht ausgezogen hatte.
Sie verschloß nun die Mappe mit dem Briefe in ihrem
Koffer und begab sich zur Ruhe. Aber auch im warmen
Bett noch überlief sie ein Frösteln, Hände und Füße waren
eiskalt, und nur ihr Kopf brannte wie Feuer; sie legte ihre
Hand auf Stirn und Wangen, was ihr wohl tat. Den
brennenden Durst, der sie quälte, konnte sie kaum löschen,
immer von neuem schenkte sie sich Wasser ein und trank
das Glas auf einen Zug leer. Endlich, nachdem sie lange
wachend gelegen, nahm sie der erlösende Schlaf in seine
Arme, und sie wachte erst auf, als Orla bereits fertig angezogen
vor ihrem Bette stand.
</p>

<p>
„Guten Morgen, du Langschläferin!“ rief sie ihr entgegen.
„Endlich ausgeschlafen? Aber Kind, was hast du
in dieser Nacht für einen Spektakel gemacht, du hast fortwährend
geredet, bald fuhrst du in die Höhe, und warfst
dich dann wieder hin, nicht fünf Minuten lang hast du
ruhig gelegen. Ich war einige Male an deinem Bett und
wollte dich wecken, aber du schliefst so fest. Übrigens hattest
du entschieden Fieber, dein Puls ging schnell und die Haut
war heiß und trocken. Gib mir mal deine Hand, wie sie
sich heute morgen anfühlt? – Immer noch fiebrig, dein
Puls schlägt nicht normal.“
</p>

<p>
„Die künftige Doktorin,“ neckte Ilse.
</p>

<p>
„Na, um das zu erkennen, braucht man kein Arzt zu
sein. Ich an deiner Stelle bliebe im Bett liegen, du
siehst so elend und angegriffen aus, – hast du auch
Schmerzen?“
</p>

<p>
„Ich habe Kopfweh, Orla. Aber bitte, gehe du nur
zum Kaffeetrinken und entschuldige mich, wenn ich heute erst
spät erscheine.“
</p>

<p>
Daß sie auch heftige Schmerzen im Hals hatte, verschwieg
sie.
</p>

<pb n='194'/><anchor id='Pgp0194'/>

<p>
„Also du willst wirklich aufstehen?“ fragte Orla.
</p>

<p>
„Natürlich, so schlimm ist es ja gar nicht.“
</p>

<p>
Aber sie war doch matter, als sie dachte, das empfand
sie erst, als sie das Bett verlassen wollte. Erschöpft sank
sie einige Male wieder zurück, sie fühlte Schwindel, der Kopf
war ihr schwer und die Schmerzen im Halse quälten sie.
Sie zog sich nur ihren Morgenrock über und ging dann in
das Eßzimmer. Doktor Althoff war schon fortgegangen,
Nellie und Orla saßen noch am Kaffeetisch. Die junge Frau
erschrak über Ilses Aussehen.
</p>

<p>
„O <hi rend='antiqua'>darling</hi>, wie schaust du aus, so weiß wie diese
Tischtuch und ganz blau unter der Auge, du mußt dir sehr
krank fühlen.“
</p>

<p>
Lächelnd versuchte Ilse die Besorgnis der Freundin
abzuwehren, aber sie konnte dieselbe nicht täuschen. Nellie
wollte durchaus, daß sie sich wieder zu Bette legen solle,
wozu sie sich indessen nicht bewegen ließ. Als aber Nellie
den bequemen Diwan aus ihres Mannes Zimmer in das
ihrige bringen ließ, da bedurfte es keines langen Nötigens,
daß sich Ilse darauf legte, da sie sich immer schlechter fühlte.
Sie ließ es auch geschehen, daß Nellie eine wollene Decke
über ihre Füße breitete, und fügte sich bald ganz ihren Anordnungen,
trank kühle Limonade und legte ihren Kopf auf
das weiche Kissen, das ihr Orla brachte. Es war ihr jetzt
ganz recht, daß sie still liegen konnte, denn sie hatte nur
das eine Bedürfnis nach unbedingter Ruhe. Ja, sie sträubte
sich sogar nicht dagegen, als Nellie ihr Mädchen nach Doktor
Gerber schickte, weil sie selbst fürchtete, ernstlich krank
zu werden.
</p>

<p>
Müde schloß sie die Augen, und der gestrige Tag zog
noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Was
hatte sie gelitten, welche Qualen ausgestanden, als sie die
leidenschaftlichen Augen des Referendars dicht vor den
ihrigen sah, seinen heißen Atem fühlte und festgebannt wie
<pb n='195'/><anchor id='Pgp0195'/>eine Gefangene ihm nicht entrinnen konnte. Sie dachte sich
in der Braut des Verhaßten ein stilles, sanftes Mädchen,
das mit zuversichtlicher Liebe und in vollem Vertrauen zu ihm
aufblickte. Wenn sie wüßte, wie sie hintergangen, auf die
erbärmlichste, niedrigste Weise getäuscht wurde! Sie hätte
nicht gedacht, daß ein Mensch so schlecht sein könnte, denn
das Leben hatte ihr bis jetzt nur seine lichten Seiten gezeigt;
die dunklen hatte sie noch nicht kennen gelernt, sie
wußte noch so viel wie nichts von Schlechtigkeit und gemeiner
Gesinnung. Treu sorgende Eltern hatten von ihr
alles fernzuhalten gewußt, was ihr kindlich reines Gemüt
hätte trüben können.
</p>

<p>
Wie umstrahlt von hellem Licht erschien ihr jetzt Leo,
zum ersten Male kamen ihr seine guten und edlen Eigenschaften
so recht zum Bewußtsein. Ob er wohl je so von
ihr sprechen würde, wie dieser Lüders über seine Braut
sprach? Nein, nie, das wußte sie. Kein bitteres Wort
über sie würde aus seinem Munde kommen, trotzdem sie im
Zorn und Groll von ihm geschieden war. Wann sehe ich
ihn wohl wieder? dachte sie, und die bange Sorge um ihn
erweckte ihr die Vorstellung, daß er krank sein könnte, ja
vielleicht sterben müßte, ohne daß sie ihn jemals wiedergesehen
und erfahren hätte, ob er ihr noch gezürnt habe.
Ihre krankhafte Phantasie malte dieses Ereignis in den
grellsten Farben aus, es entlockte ihr heiße Tränen, Tropfen
auf Tropfen stahl sich durch ihre geschlossenen Augenlider
und fiel auf ihre Wangen herab. –
</p>

<p>
Im Nebenzimmer wurden jetzt Schritte hörbar und sie
hörte Nellie sagen:
</p>

<p>
„Bitte, Herr Doktor, treten Sie hier herein.“
</p>

<p>
Schnell fuhr Ilse in die Höhe und wischte sich mit
dem Tuch über ihre Augen. Orla, die am Fenster saß,
sah von ihrem Buche auf, als sich jetzt die Tür öffnete.
Als aber statt des erwarteten Doktor Gerber sein junger
<pb n='196'/><anchor id='Pgp0196'/>Assistenzarzt erschien, entglitt das Buch ihren Händen und
sie bückte sich schnell, um es aufzuheben. Wieder konnte sie
eine Verlegenheit nicht verbergen, als er jetzt vor ihr stand
und ihr die Hand reichte. Sie war ärgerlich auf sich selbst,
und als er sie freundlich fragte, wie ihr die Schlittenpartie
bekommen sei, gab sie ihm nur eine kurze Antwort und
lenkte dann schnell die Aufmerksamkeit von sich auf Ilse ab.
</p>

<p>
„Hier sehen Sie nur, Herr Doktor, unsre arme Ilse,
welche Folgen die Schlittenpartie für sie gehabt hat; da
liegt sie nun, ein Bild des Jammers und der Leiden.
Übrigens,“ sie hatte jetzt ihre volle Fassung wiedergewonnen,
„wie kommt es, daß Sie uns besuchen, da doch nach
Doktor Gerber geschickt worden war?“
</p>

<p>
„O ja, Orla, höre nur,“ fiel Nellie ein, „lauter Patienten!
Das arme Mann liegt krank im Bette und hat
der ganze Nacht phantasiert. Als unsre Botschaft kam,
war gerade Herr Doktor Andres bei ihm und kam gleich
hierher, arm Ilschen zu kurieren.“
</p>

<p>
„Er ist doch nicht gefährlich erkrankt?“ fragte Orla,
als sie bemerkte, daß sein Gesicht bei Nellies Bericht merkwürdig
ernst geworden war.
</p>

<p>
„Ich fürchte fast; noch läßt sich keine bestimmte Diagnose
stellen, aber alle Anzeichen sind vorhanden, daß eine Lungenentzündung
im Anzuge ist.“
</p>

<p>
Er hatte Ilses Handgelenk umfaßt, zog die Uhr heraus
und zählte die Pulsschläge. Dann untersuchte er ihren
Hals und erklärte, daß eine leichte Halsentzündung vorhanden
wäre. Sie sollte sich einige Tage schonen und würde
dann bald wieder gesund sein. Er traf noch einige Anordnungen,
verschrieb ihr was zum Gurgeln und sagte
scherzend zu Orla, daß sie jetzt sein Assistent sein und ihm
morgen genauen Bericht über seine Patientin erstatten möge.
</p>

<p>
Jeden Tag erschien Andres pünktlich zu derselben
Stunde, und stets fand sich auch Orla ein, wenn er <anchor id="corr196"/><corr sic="kam">kam.</corr>
<pb n='197'/><anchor id='Pgp0197'/>Ilse mußte noch immer auf dem Sofa liegen, obgleich sie
behauptete, sich wieder ganz wohl zu fühlen. Aber da es
der Doktor so anordnete, wagte sie nicht, sich zu widersetzen,
und ließ es sich schließlich ganz gern gefallen, daß sie auf
das liebevollste gepflegt und verhätschelt wurde. Einige Male
hatte sie Orla dabei ertappt, daß sie zu der Zeit, wenn
Andres zu kommen pflegte, erwartungsvoll durchs Fenster
blickte. Sie teilte ihre Beobachtungen Nellie mit und auch
diese hatte schon bemerkt, daß der junge Mann Orla nicht
gleichgültig geblieben war, und daß auch seine Augen
strahlten, wenn er mit der Russin sprach. Und als Ilse
wieder gesund war und seine ärztlichen Besuche aufhörten,
da war er ein Freund des Hauses geworden, ein häufiger,
gern gesehener Gast bei Althoffs.
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<p>
Leider ging es Floras Mann nicht so gut, wie Ilse,
sein Zustand hatte sich von Tag zu Tag verschlimmert, er
war schwer an einer Lungenentzündung erkrankt. Andres
hatte noch einen zweiten Arzt hinzugezogen und beide blickten
mit großer Besorgnis in die nächste Zukunft. Die Freundinnen
standen Flora in dieser schweren Zeit treu zur Seite, täglich
kam eine, um zu helfen und zu raten; denn Flora war in
der Krankenpflege ganz unerfahren und ungeschickt. Sie
hatte im Anfang die Krankheit ihres Mannes mit großer
Sorglosigkeit angesehen; als aber das hohe Fieber nicht
weichen wollte, die Kräfte ersichtlich abnahmen und sie die
besorgten Gesichter der beiden Ärzte sah, da fiel es ihr
plötzlich wie Schuppen von den Augen, und eines Tages
war sie Nellie weinend um den Hals gefallen und hatte
ihrem geängstigten Herzen Luft gemacht. Nellie hatte sie
auf das liebevollste getröstet und ihr Mut eingesprochen.
Als sie dann aber den einst so kräftigen Mann abgemagert
und teilnahmlos in den Kissen liegen sah, da vermochte sie
<pb n='198'/><anchor id='Pgp0198'/>selbst die Tränen nicht zurückzuhalten, und auch nachher
konnte ihr Gatte sie kaum beruhigen, als sie nach Hause
kam und ihm erzählte, wie Gerber verändert und kaum wieder
zu erkennen sei.
</p>

<p>
Wieder vergingen Tage, ohne die so heiß ersehnte
Besserung zu bringen, und Flora, welche jeden Halt verloren
hatte, weinte nur und klagte, selbst im Krankenzimmer
konnte sie sich nicht beherrschen. Nellie hatte sich erboten,
Käthchen mitzunehmen, da sie es nicht mehr mit anzusehen
vermochte, wie das Kind am Bett seines Vaters kauerte, die
großen Augen angstvoll auf sein eingefallenes Gesicht gerichtet,
und leise seine Hände streichelte.
</p>

<p>
„Laß das Kind mit mich gehen,“ hatte Nellie gebeten,
„es ist hier keine Ort für ihr.“ Und auch Andres, der zugegen
war, meinte, es wäre besser für die Kleine, wenn sie
in andre Umgebung käme, der fortwährende Aufenthalt in
der Krankenstube könne ihr nur schaden.
</p>

<p>
Flora nahm Nellies Anerbieten gern an, und die junge
Frau war sofort daran gegangen, Käthchens Sachen zusammenzupacken
und alles Nötige zu besorgen. Aber so
leicht, wie sie dachte, ließ sich das Kind nicht mitnehmen;
es sträubte sich und wollte durchaus bei seinem lieben Papa
bleiben. Nach unendlicher Mühe und vielen Liebkosungen
Nellies gelang es ihr schließlich, Käthchen gegen das Versprechen,
daß sie ihren Papa bald wiedersehen würde, und
auf die Versicherung hin, daß dieser selbst wünschte, sie
möge ein artiges Kind sein, zum Mitgehen zu bewegen.
Alles war zum Empfang der Kleinen auf das reizendste
vorgerichtet. Nellie hatte hübsche Spielsachen eingekauft,
und die beiden jungen Mädchen versuchten, mit ihr zu
spielen und zu scherzen. Es glückte ihnen aber nicht, ein
Lächeln auf dem ernsten Kindergesicht hervorzurufen. Die
Spielsachen blieben unberührt, und Käthchen fragte nur
immer, ob ihr lieber Papa bald wieder gesund würde. Die
<pb n='199'/><anchor id='Pgp0199'/>weichherzige Ilse mußte sich abwenden, um ihre Rührung
zu verbergen, sie konnte den traurig fragenden Blick in
Käthchens Augen nicht ertragen. Als Nellie sie am Abend
in das Bettchen brachte, das sie dicht neben das ihrige gestellt
hatte, und die Kleine mit gefalteten Händen ihr Abendgebet
hersagte, das mit der rührenden Bitte schloß: „Lieber
Gott, mache meinen Papa recht bald wieder gesund,“ da
ahnte das unschuldige Kindergemüt nicht, daß bereits der
Todesengel unheilschwer über dem Haupte des Vaters
schwebte.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p199.png" rend="w80">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
„Nicht wahr, liebe Tante, der liebe Gott hat mich gehört?“
fragte sie Nellie, und als diese unter Tränen lächelnd
nickte, legte sie das Köpfchen voll Vertrauen in die Kissen.
Nellie blieb so lange am Bettchen sitzen, bis Käthchen fest
eingeschlafen war. Die blassen Bäckchen hatten sich zart
<pb n='200'/><anchor id='Pgp0200'/>gerötet, und der kleine Mund lächelte im Schlafe. Fast
andächtig blickte die junge Frau auf das schlummernde
Kind, – konnte es etwas Süßeres, etwas Lieblicheres
geben? Sie streichelte die kleinen Hände und lauschte den
ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie eine Mutter strich
sie mit der Hand über die Kissen, daß auch kein Fältchen
den Schlummer des kleinen Geschöpfchens stören sollte.
Dann erhob sie sich, drückte einen leisen Kuß auf die reine
Kinderstirn und schlich sich aus dem Zimmer.
</p>

<p>
„O, es liegt wie eine Engel, das kleine Mädchen,“
sagte sie zu Orla und Ilse.
</p>

<p>
Spät am Abend kam Doktor Andres, bleich, mit verstörter
Miene. Es hatte ihn gedrängt, den Freunden noch
mitzuteilen, daß man sich auf das Schlimmste gefaßt machen
müßte. Das Fieber blieb trotz aller angewandten Mittel
auf gleicher Höhe und die Kräfte verfielen zusehends. Alle
waren über diese Botschaft tötlich erschrocken, und Nellie
zeigte sich sofort bereit, zu Flora zu eilen.
</p>

<p>
„O nein, ich darf ihr nicht verlassen!“ rief sie, als
man sie zurückhalten wollte. „O, Fred, laß mich! Ich rege
mir viel mehr auf, wenn ich hier bleibe, während meine
Gedanken doch bei ihr sind.“
</p>

<p>
„Dann gehe ich mit dir,“ entschied Althoff, der es
schließlich auch ganz natürlich fand, daß seine Frau Flora
in den schweren Stunden, vielleicht den schwersten ihres
Lebens, nicht verlassen wollte. Der junge Arzt verabschiedete
sich, er mußte wieder zu dem Kranken eilen. Orlas Hand
behielt er länger als gewöhnlich in der seinen, und sein
tiefer, ernster Blick ruhte mit Innigkeit auf ihrem Antlitz.
</p>

<p>
„Auf Wiedersehen!“ sagte er leise und ging fort.
</p>

<p>
Ilse hatte Nellies Sachen hereingeholt und half der
Freundin mit zitternden Händen beim Anziehen. Wie ein
Alp lastete es auf allen, und nur das Nötigste wurde gesprochen.
</p>

<pb n='201'/><anchor id='Pgp0201'/>

<p>
Das junge Ehepaar war fortgegangen, und es herrschte
jetzt eine fast unheimliche Stille in dem Zimmer, in welchem
sonst heiteres Lachen und Plaudern ertönte. Orla saß am
Tisch, tief über ein Buch gebeugt. Ilse lehnte in der Sofaecke,
die gefalteten Hände lagen in ihrem Schoß. Sie
fürchtete sich grenzenlos, aber sie wagte nicht, Orla dies
einzugestehen. Die kleine niedrige Lampe mit dem breiten
Schirm beleuchtete hell den runden Tisch. Aber die übrigen
Gegenstände im Zimmer außerhalb dieses Lichtkreises verschwanden
in einem matten Halbdunkel. Nichts störte die
nächtliche Ruhe, als das gleichmäßige Ticken der Uhr.
Orla saß unbeweglich, scheinbar in ihre Lektüre vertieft,
kaum daß sie mit der Wimper zuckte. Aber ihre Gedanken
weilten heute nicht bei dem Inhalt des Buches, den sie
mechanisch ablas. Sie hafteten an einer hohen, schönen
Gestalt, von der sie sich nicht losreißen konnte, deren Bild
sie im Wachen nicht verließ und bis in ihre Träume verfolgte.
Mit doppeltem Eifer, als wollte sie es gewaltsam
zurückdrängen, hatte sie gelesen und studiert. Sie war fast
unzugänglich und sehr schweigsam gewesen, hatte immer
hinter ihren Büchern gesessen, so daß ihr Lehrer, so sehr
er sich über ihre Fortschritte freute, sie doch ernstlich ermahnte,
ihre Kräfte zu schonen.
</p>

<p>
Nur wenn Andres kam, dann sprudelte sie über von
Geist und Witz. Er erkundigte sich nach ihren Studien,
sie fragte nach den Erlebnissen in seiner Praxis. Beide
schienen dann nur für einander da zu sein, sie vergaßen
völlig ihre Umgebung, und die sonst so kluge, überlegene
Orla dachte nicht daran, daß die Freunde merken mußten,
was sie als tiefstes Geheimnis in ihrem Herzen verschlossen
zu halten glaubte.
</p>

<p>
Kleine harmlose Neckereien ließ sie sich lächelnd gefallen,
aber jede ernste Anspielung wies sie entschieden zurück. Sie
meinte, wenn zwei Menschen zusammen übereinstimmten und
<pb n='202'/><anchor id='Pgp0202'/>gemeinsame Interessen hatten, müßten sie nach der Ansicht
der anderen natürlich gleich ineinander verliebt sein. Sie
wäre überhaupt keine Natur zum Lieben geschaffen.
</p>

<p>
Nellie und Ilse als Erfahrenere in dieser Beziehung
lächelten sich bei diesen Worten überlegen an und schwiegen.
</p>

<p>
Orla glaubte sich wirklich gefeit gegen die Liebe. Die
kleinen Tändeleien und Liebschaften, welche andern so viel
Freude und auch wohl kindliche Schmerzen bereiten, waren
ihr fremd geblieben. Außer Doktor Althoff, für den in der
Pension alle Mädchen schwärmten, hatte sie nie eine sogenannte
„Flamme“, wie es die andern nannten, gehabt.
„Kalt wie eine Hundeschnauze“, diesen sehr drastischen
Vergleich hatte Annemie einmal gebraucht, worüber die
ästhetische Flora ganz entsetzt gewesen war.
</p>

<p>
An die Ärmste dachte Orla jetzt voller Mitleid! Die
Lust zum Dichten würde ihr wohl jetzt, da ihr das Leben
zum ersten Male seine ernsten Seiten zeigte, vergehen. Wie
es wohl um diese Zeit bei Gerbers aussah? Orla sah Andres
im Geist neben dem Bette des Kranken sitzen, ruhig und
sicher seine Anordnungen treffend. Diese Ruhe und Sicherheit,
sein rücksichtsvolles Wesen, wo es galt, Rücksicht zu
nehmen, – stempelten ihn diese Eigenschaften nicht zum
echten, menschlich fühlenden und denkenden Arzte, zu welchem
die Kranken mit unbedingtem Vertrauen aufblicken konnten?
Vielleicht waren jetzt gerade Floras um Hoffnung flehende
Augen auf ihn gerichtet, und, – o Gott, wie schwer mußte
das sein, – vielleicht konnte er ihr keine mehr geben, vielleicht
war schon alles vorbei!
</p>

<p>
Wenn sie nur wüßte, wie es ging, die Stunden schlichen
so langsam dahin, eben schlug es draußen von den Türmen
in langsamen Schlägen zwölf Uhr. Die Geisterstunde, wie
Ilse schaudernd dachte. Ihre lebhafte Phantasie war von
den schaurigen Bildern erfüllt. Bald starrte ihr aus einer
Ecke das totenblasse, verzerrte Gesicht des Doktor Gerber
<pb n='203'/><anchor id='Pgp0203'/>entgegen, oder Leo erschien ihr, und seine Augen schauten
sie traurig und vorwurfsvoll an. Aus allen Winkeln grinsten
sie Fratzen und Gestalten an; die weißen Gardinen erschienen
ihr wie wallende Gewänder von Gespenstern, wo sie hinblickte,
sah sie etwas Gräßliches. Nein, so hielt sie es nicht
länger aus! sie erhob sich aus ihrer dunklen Ecke und trat
an den Tisch.
</p>

<p>
Orla blickte auf.
</p>

<p>
„Es ist spät geworden, wollen wir zu Bett gehen,
Ilse?“
</p>

<p>
„Ach Orla, ich kann doch nicht schlafen, ich bin zu
aufgeregt.“
</p>

<p>
„Ich bleibe gern mit dir auf,“ erwiderte Orla und erhob
sich. „Komm, wir wollen nach der Kleinen sehen, ob sie
ruhig schläft.“
</p>

<p>
Ilse schmiegte sich dicht an die Freundin, als sie über
den Vorplatz gingen, und sah sich fortwährend furchtsam
um. Als Orla beim Vorbeigehen den Schirmständer streifte,
schreckte Ilse bei dem Geräusch jäh zusammen und umklammerte
die Russin mit beiden Händen.
</p>

<p>
„Kind, ich glaube wahrhaftig, du fürchtest dich,“ sagte
Orla erstaunt, da ihr Furcht etwas ganz unbekanntes war.
</p>

<p>
„Ach nein, nur heute abend,“ stotterte Ilse verlegen,
die sich gerade von Orla nicht gern dabei ertappen ließ,
daß sie ein Hasenfuß war.
</p>

<p>
Das Zimmer, in welchem Käthchen schlief, war nur
schwach durch eine Nachtlampe erleuchtet, deren matter Schein
auf dem weißen Bettchen lag. Die jungen Mädchen beugten
sich darüber und betrachteten das sanft schlummernde Kind.
</p>

<p>
„Wie entzückend!“ flüsterte Ilse.
</p>

<p>
„Armes, kleines Ding!“ sagte Orla und küßte es auf
das weiche Bäckchen.
</p>

<p>
„Wie es nur bei Gerbers aussehen mag,“ meinte Ilse
und ließ sich auf einen Schemel zu Füßen Orlas, die sich
<pb n='204'/><anchor id='Pgp0204'/>neben das Bettchen gesetzt hatte, nieder. Die Freundin
konnte nur mit einem Achselzucken antworten; auch sie beschäftigte
sich innerlich fortwährend mit dieser Frage.
</p>

<p>
„Ich kann mir gar nicht denken, daß er nicht wieder
gesund wird,“ fuhr Ilse fort. „Es wäre doch schrecklich, so
jung sterben zu müssen.“
</p>

<p>
„Danach fragt der Tod nicht,“ sprach Orla leise wie
in Gedanken versunken vor sich hin. „Meine Eltern waren
auch noch jung, als sie starben und mich als Waise zurückließen.“
</p>

<p>
Ilse blickte zu der Freundin empor und sah es feucht
in deren Augen schimmern, die heute einen seltsam weichen
Ausdruck hatten. Schmeichelnd legte sie ihren Kopf in
Orlas Schoß.
</p>

<p>
„Liebe, liebe Orla,“ flüsterte sie leidenschaftlich und
hätte sich ihr in der Stimmung, in welcher sie sich befand,
am liebsten um den Hals geworfen, um sich dort auszuweinen.
Aber sie wußte, daß Orla eine Feindin solcher
Szenen war, und deshalb begnügte sie sich damit, ihr die
Hände zu streicheln und ihre Wange darauf zu legen. So
saß sie ganz still mit geschlossenen Augen und als Orla ihr
liebkosend über das braune, lockige Haar fuhr, da war es
ihr, als ruhte sie an Leos Brust und dieser ließe ihre
Locken durch seine Finger gleiten, was er so gerne tat. Die
zärtlichen, rosigen Stunden ihrer Brautzeit drängten sich in
ihre Erinnerung, und sie empfand im Geiste wieder das
wohlige Gefühl, von den Armen eines geliebten Mannes umschlossen
zu sein. Hatte ihr Herz in solchen Momenten nicht
höher geschlagen vor Freude und Seligkeit? Und warum war
es denn anders geworden, warum sollten diese glücklichen Zeiten
vorbei sein? Wie ein Nebel zerfloß vor ihren Augen die
kleinliche Ursache ihres Streites, und sie wollte es sich gar
nicht mehr eingestehen, daß sie deshalb ihr Glück auf das
Spiel gesetzt hatte. Wie viele Stunden und Tage hatte sie
<pb n='205'/><anchor id='Pgp0205'/>sich und ihm verbittert, welch lange Trennung herbeigeführt!
Wann wird diese ein Ende nehmen?
</p>

<p>
Auf einmal empfand sie, wie bitter unrecht das alles
war, da doch das Leben nur kurze Dauer hat und die
schweren Zeiten ohnedies nicht ausbleiben. Konnte sie nicht
ein gleiches Schicksal treffen wie Flora, welche auch achtlos
in den Tag hinein lebte und nun vielleicht zu spät erkannte,
welche Pflichten sie hätte erfüllen müssen? Wenn jetzt deren
Mann stürbe, würde dann nicht die Reue sie ewig peinigen
und ihr mitleidlos zurufen: du hast deinen Mann vernachlässigt,
du hast sein Dasein nicht erhellt. Mit diesem schrecklichen
Vorwurf im Herzen leben zu müssen, dachte Ilse,
nein, das könnte sie nicht, da würde sie eher vergehen.
</p>

<p>
Aber hatte sie nicht auch Liebe und Glück besessen und
beides mit leichtsinniger Hand beiseite geworfen? Würde sie
wohl wieder aufrichten können, was sie zerstört hatte, oder
war es schon zu spät dazu? Nein, das durfte, das konnte
nicht sein! Es packte sie mit wahnsinniger Angst, und der
Gedanke, daß Leo jetzt sterben könnte, stand drohend vor
ihrer Seele und verfolgte sie wie eine fixe Idee. Um Gottes
willen, nur das nicht, nur das nicht, dachte sie bebend,
und sie gelobte sich in diesem Augenblick feierlich, anders
werden, ihm nie wieder solches Leid zufügen zu wollen.
</p>

<p>
Und nun dachte sie auch daran, wie sie ihre Eltern
gekränkt hatte, wie die darunter leiden und mit welcher
Sorge sie wohl in ihre Zukunft blicken mochten. Dennoch
aber hatte sie nie ein Tadel oder Vorwurf getroffen, ihre
Briefe waren stets liebevoll und zärtlich gewesen, aus zarter
Rücksicht hatten sie niemals ihr Zerwürfnis mit Leo berührt.
Und wie vergalt sie solche Liebe und Güte, war sie dankbar
dafür?
</p>

<p>
Beschämt hielt sie Einkehr in ihrem Innern, sie fühlte,
wie unrecht sie gehandelt hatte und noch handelte; immer
klarer wurde es in ihr, ihre bessere Natur gewann wieder
<pb n='206'/><anchor id='Pgp0206'/>die Oberhand in ihrem Herzen, von welchem sich Trotz und
Eigensinn wie rauhe Schalen von einem guten Kern lösten.
</p>

<p>
Vor ihren Augen zogen Bilder aus der Vergangenheit
vorüber, die Rückkehr aus der Pension in das Elternhaus,
ihre Verlobung. Sie sah die Eltern, das kleine Brüderchen,
sie hörte dieses jauchzen, war mit Leo zusammen und fühlte
sich glückselig und froh, wie sie es lange nicht gewesen. Die
lieblichsten Erinnerungen wiegten sie endlich sanft in Schlummer
und begleiteten sie in ihren Träumen, aus denen sie erst
erwachte, als sie plötzlich ihren Namen rufen hörte.
</p>

<p>
Schlaftrunken fuhr sie empor und sah Doktor Althoff,
der eifrig mit Orla sprach. Sie wurde sich bewußt, daß sie
sehr lange geschlafen haben mußte, denn die Morgendämmerung
stahl sich schon durch die Fenster herein und überzog
alles mit einem grauen, fahlen Schein.
</p>

<p>
„Komm Ilse, steh auf,“ sagte Orla und half ihr sich
erheben. Mit einem traurigen Blick auf das schlafende Kind
neigte sie sich dicht zu ihrem Ohr und sagte mit leiser
Stimme: „Der arme Doktor Gerber ist tot.“
</p>

<p>
„O, mein Gott!“ rief Ilse so laut, daß Orla sie aus
dem Zimmer zog, weil das Kind nicht aufwachen sollte.
</p>

<p>
„Ist es denn wahr?“ fragte sie Althoff mit tränenerstickter
Stimme; „das ist ja fürchterlich.“ Er nickte und ließ
sich in einen Stuhl fallen, indem er den Kopf müde in die
Hand stützte.
</p>

<p>
„Die arme, arme Flora, das süße kleine Käthchen,“
jammerte Ilse, während sie aufgeregt hin und her ging.
</p>

<p>
Orla war inzwischen hinausgegangen und hatte dafür
gesorgt, daß Althoff Kaffee bekäme. Sie brachte ihm jetzt
selbst eine Tasse herein und setzte sie vor ihn hin.
</p>

<p>
„Bitte, trinken Sie, Herr Doktor, ich habe den Kaffee
recht stark gemacht, er wird Sie erfrischen.“
</p>

<p>
Er dankte ihr herzlich und trank. Dann zog er seine
Uhr heraus.
</p>

<pb n='207'/><anchor id='Pgp0207'/>

<p>
„Schon bald acht Uhr, da ist es Zeit, daß ich gehe.“
Er erhob sich.
</p>

<p>
„Die arme Nellie, sie ist so erregt, es ergreift sie tief,“
sagte er.
</p>

<p>
„Sie muß entschieden jetzt Ruhe haben,“ versetzte Orla,
„ich werde zu Flora gehen und sie ablösen.“
</p>

<p>
„Ich gehe mit,“ rief Ilse und hing sich an Orlas Arm.
</p>

<p>
Die beiden gingen mit Althoff zusammen fort. Dieser
war froh, daß Nellie nun nach Hause gehen konnte, denn
er fürchtete, daß die entbehrte Nachtruhe und die Aufregung
ihr schaden könnten.
</p>

<p>
Als die Freundinnen das Trauerhaus betraten, zögerte
Ilses Fuß auf der Schwelle; sie mußte die Hand auf das
klopfende Herz legen. Schon hier beschlich sie das unheimliche
Gefühl, welches der Ort, an dem ein Toter liegt, hervorruft,
und sie wäre am liebsten wieder umgekehrt, wenn
nicht Orla, welche die Treppe schon hinaufgegangen war,
sie leise gerufen hätte. Oben an der Tür kam ihnen Nellie
mit verweinten Augen entgegen und die drei jungen Wesen
umarmten sich stumm, keine vermochte zu sprechen. Sie
traten in Floras Zimmer ein. Heute lagen keine bunt verstreuten
Blätter auf dem Schreibtisch herum, wie bei Ilses
erstem Besuche, auch glich die schweigsame Nellie am
Fenster nicht im geringsten der Nellie von damals, deren
übermütiger Spott so belustigend gewesen war. Der düstere
Wintermorgen paßte so recht zu der Stimmung in dem
stillen Gemach. Fröstelnd, kalt und unbehaglich war es
heute, der einförmig graue Himmel sah nicht aus, als ob
er auch im klarsten Blau strahlen und heiter lächelnde
Sonnenblicke schicken könnte.
</p>

<p>
„Wo liegt er?“ fragte Orla endlich nach langem
Schweigen.
</p>

<p>
Nellie bezeichnete ihr das Zimmer.
</p>

<p>
„Ist Flora dort?“
</p>

<pb n='208'/><anchor id='Pgp0208'/>

<p>
„Sie ruht sich ein wenig,“ gab Nellie zur Antwort.
</p>

<p>
Orla ging hinaus. Sachte klinkte sie die Türe zum
Sterbegemach auf und trat ein. Durch die weit geöffneten
Fensterflügel strömte ihr die kalte Luft erfrischend entgegen,
und sie atmete tief auf, denn die dumpfe Luft in Floras
Zimmer war beängstigend gewesen und hatte sie beklommen
gemacht.
</p>

<p>
Noch erinnerte in dem Raum nichts daran, daß hier
ein Toter lag, noch hatte keine ordnende Hand den Eindruck
des Krankenzimmers verwischt. Auf dem Tischchen vor
dem Bett stand noch das halbgeleerte Glas, aus welchem
er zuletzt getrunken, daneben lag das Thermometer, das mit
grausamer Genauigkeit die hohe Temperatur des Kranken
gezeigt hatte. Alles war noch unberührt geblieben, und
man konnte glauben, daß der stille Mann dort im Bett
ein Schlafender wäre.
</p>

<p>
Orla war näher getreten und sah mit wehmütigen
Blicken auf ihn nieder. Ruhig und friedlich war der Ausdruck
seines Gesichtes, das wachsbleiche Profil hob sich scharf
von dem dunklen Grund der Wand ab, die Hände lagen
über der Brust zusammengefaltet. Sie ließ sich auf einem
Stuhle nieder, der dicht am Bett stand, und betrachtete lange
das Antlitz des Verblichenen. So im besten Mannesalter
zu sterben, das mußte schrecklich sein, – und doch, konnte
man ihn beklagen, der das Leben verließ, dem Unglück und
Leid nun nichts mehr anzuhaben vermochten? Nein, zu
beklagen waren die, die ihn beweinten, die trauernde Witwe,
das verwaiste Kind. Ihnen hatte der erbarmungslose Tod
den Gatten, den Vater geraubt.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p209.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Ein leiser Schritt hinter Orla ließ sie aufblicken; es
war Andres, der ihr ernst die Hand entgegenstreckte und
dessen Blässe verriet, daß er am Totenbette seines Freundes
und Vorgesetzten viel gelitten hatte. Schweigend sah er auf
den Toten, indem er Orlas Hand in der seinen behielt. Dann
<pb n='209'/><anchor id='Pgp0209'/>wandte er sich ihr zu, und seine Augen versenkten sich in
die ihrigen.
</p>

<p>
„Ihr künftiger Beruf wird Sie an manches Totenbett
führen und oft werden Sie bitter empfinden, wie schwach
die Hilfe des Arztes ist, wenn er verzweifelt nach Mitteln
sucht, und wie armselig ihm seine Wissenschaft vorkommt,
wenn er in brechende Augen sieht, ohne Rettung bringen zu
können. Werden Sie das ertragen, Orla, wird das nicht
zu viel sein für ein zartes Weib?“
</p>

<p>
Es war zum ersten Male, daß er sie beim Vornamen
nannte. Flüsternd und schnell hatte er gesprochen und fast
flehend hatte seine letzte Frage geklungen. Sie antwortete
ihm nicht darauf, – hatte er nicht recht und war es nicht
gewagt für ein Weib, von Natur die Schwächere, von
ihrem Körper abhängig, daß sie glaubte, sich an die Seite
ernster Männer zu stellen, wie sie ringen und kämpfen zu
können, um der leidenden Menschheit zu helfen? Zum
<pb n='210'/><anchor id='Pgp0210'/>ersten Male am Bett dieses Toten war ihr der Gedanke gekommen,
daß es schwer sein müßte und daß das Gemüt einer
Frau sich wohl nie daran gewöhnen würde, dem unerbittlichen
Tod so oft ins starre Antlitz zu blicken. Es waren
also ihre eigenen Gedanken gewesen, welchen der junge Arzt
Worte verliehen hatte. Wie deutlich verstand er in ihrer
Seele zu lesen!
</p>

<p>
Die Türe wurde jetzt geräuschlos geöffnet, und ein Luftzug
drang durch das Fenster, der die Gardinen bewegt,
und das junge Paar streifte. Flora mit Ilse und Nellie
traten ein, letztere im Hut und Mantel, da sie im Begriff
war fortzugehen. Die junge Witwe schien um Jahre gealtert,
ihre Augen waren tief eingesunken und ihr Gesicht
aschgrau. Unheimlich starren Blickes sah sie auf ihren
Mann, wie gebrochen sank sie auf dem Stuhl am Bette
nieder und legte den Kopf auf ihre Arme, welche krampfhaft
die Stuhllehne umklammerten. Ilse unterdrückte mit Mühe
ein lautes Schluchzen, sie hatte noch nie eine Leiche gesehen
und mußte ihre zitternde Gestalt fest auf Nellies Arm stützen,
als sie nun ängstlich in das regungslose Antlitz schaute, das
vor ihr in den weißen Kissen lag. In heiliger Scheu und
Andacht umstanden sie alle das Lager des Geschiedenen,
nichts unterbrach die feierliche Stille des Sterbezimmers.
Plötzlich ertönte draußen eine weinende Kinderstimme, man
hörte trippelnde Füßchen über den Vorplatz eilen; im nächsten
Moment schnellte die Türklinke auf, und die kleine Käthe
kam ins Zimmer gelaufen. Einen Augenblick staunte sie die
tiefernsten Gesichter an und sah verwundert von einem zum
andern, dann erblickte sie ihren Papa in seinem Bett, und
durch die hellen Tränen schimmerte in ihren Augen ein
glückseliges Lächeln.
</p>

<p>
„Lieber, lieber Papa, nun bin ich wieder bei dir und
gehe nicht mehr fort,“ sagte sie zärtlich.
</p>

<p>
Orla trat zu der Kleinen und wollte sie fortführen,
<pb n='211'/><anchor id='Pgp0211'/>sie klammerte sich aber an das Bett und fing jämmerlich an
zu weinen.
</p>

<p>
„Nein, ich will hier bleiben,“ rief sie und fragte dann:
</p>

<p>
„Schläfst du denn noch, lieber Papa? Bitte, bitte,
wache doch auf, ich will dir ja guten Morgen sagen. Aber
Papa, so höre mich doch!“ drängte sie endlich ungeduldig,
und als sie keine Antwort erhielt, stellte sie sich auf die
Fußspitzen und sah ihm ins Gesicht. Und wieder rief sie
ihn schmeichelnd, und ihre kleinen Finger strichen liebkosend
über seine erstarrten Hände. Aber schaudernd fuhr sie
zurück, und wie eine unbewußte Ahnung überflog es ihre
kindlichen Züge.
</p>

<p>
„Papa, Papa!“ schrie sie laut, „warum bist du denn
so kalt, lieber Papa, warum wachst du nicht auf?“ Furchtsam
wich sie von ihm zurück, ihre großen angstvollen Augen
fortwährend auf das bleiche Antlitz gerichtet.
</p>

<p>
Nun trat Andres zu dem Kind und wollte es fortbringen;
in demselben Augenblick sah Flora wie aus einem
Traum erwachend um sich, und als sie das kleine, hilflose
Geschöpf jammernd und klagend am Bette seines Vaters
erblickte, da sprang sie auf und fiel mit einem lauten Schrei
vor ihm nieder, drückte es heftig an sich, und ein heißer
Tränenstrom erleichterte die Qualen ihres Herzens. Mit
einem Male schien die Liebe für die kleine Waise in ihr
erwacht zu sein und sie bedeckte ihr Gesicht mit leidenschaftlichen
Küssen. Aber für Käthchen waren Zärtlichkeiten ihrer
Mutter etwas ganz Fremdes und sie entwand sich deshalb
schnell ihrer Umarmung.
</p>

<p>
„Laß mich, ich will zu meinem Papa!“ rief sie und
blickte Flora feindselig an. „Ich mag dich nicht, ich habe
nur meinen Papa lieb,“ setzte sie noch hinzu, ohne das geringste
Mitleid für die schluchzende Gestalt, die auf dem
Boden kniete und die Hände rang. Erbarmungslos sprach
der Kindermund sein Urteil aus.
</p>

<pb n='212'/><anchor id='Pgp0212'/>

<p>
Die traurige Szene erschütterte alle aufs tiefste, und
um derselben ein Ende zu machen, nahm Andres jetzt das
Kind auf den Arm und trug es aus dem Zimmer. Vertrauensvoll
umschlang Käthchen seinen Hals und legte das
Köpfchen an seine Schulter, denn diesen Onkel hatte sie
gern, er gab ihr stets so freundlich die Hand, wenn er ihr
auf der Straße begegnete, und hatte ihr oft Spielsachen
mitgebracht, wenn er zum Papa gekommen war.
</p>

<p>
Nellie war zu Flora getreten, die laut weinte.
</p>

<p>
„Komm, liebe Flora, wir wollen in das andre Zimmer
gehen.“
</p>

<p>
Willenlos ließ sie sich fortführen, Orla und Ilse, deren
weiches Gemüt unter diesen Vorgängen entsetzlich litt, folgten
ihnen.
</p>

<p>
Nellie hatte Hut und Mantel wieder abgelegt, trotz
Orlas inständiger Bitte, nach Hause zu gehen. Sie konnte
sich nicht entschließen, Flora in ihrem Schmerz zu verlassen,
besonders da diese sie flehentlich bat, bei ihr zu bleiben.
Mitleidsvoll umstanden die Freundinnen die Ärmste, die sich
nicht fassen konnte und verzweifelt schluchzte. Sie hätten ihr so
gern ein Wort des Trostes gesagt, aber keine vermochte es
über die Lippen zu bringen. Gab es denn auch Trost für sie?
</p>

<p>
„Liebe Flora, du darfst dir nicht aufregen,“ brachte
Nellie endlich hervor, „denke an deine süße Baby, das nur
dich noch hat auf die große Welt.“
</p>

<p>
„Nellie,“ schrie die Unglückliche auf, „ach es ist nicht
zum ertragen! Das Kind wendet sich jäh von mir, und hat
es nicht recht? Bin ich ihm eine treue Mutter gewesen,
dem Vater eine pflichttreue Frau? Jetzt erst fühle ich,
daß ich ihn geliebt habe, daß ich mich nur im Trotz von
ihm wandte, weil ich glaubte, er wolle mich nicht verstehen.
Ich bin schuld an seinem Tode, hätte ich ihn nie zu dieser
unglückseligen Schlittenpartie gezwungen! Dort, dort hat er
sich den Tod geholt. Liebe, einzige Nellie, nie kann ich wieder
<pb n='213'/><anchor id='Pgp0213'/>froh werden, mit dieser Qual, dieser Reue im Herzen,
immer sehe ich sein brechendes Auge vorwurfsvoll auf mich
gerichtet! Wenn er noch lebte, wollte ich anders werden,
aber nun ist alles vorbei, er ist von mir gegangen, ohne
mir verziehen zu haben!“
</p>

<p>
„O nein, so darfst du nicht sprechen, so nicht,“ sagte
Nellie mit tränenerstickter Stimme und versuchte die Weinende
mit liebevollem Worten zu beruhigen.
</p>

<p>
Ilse hatte bei Floras Selbstanklage ihr Herz in
hämmernden Schlägen gefühlt, ihr Inneres bebte bei jedem
ihrer Worte. Wie furchtbar war es doch, wenn die Reue
zu spät kam und Tag und Nacht keine Ruhe ließ! Mußte
es nicht zum Verzweifeln sein? Mit einem Schlage war
Flora zum Bewußtsein gekommen, jetzt jammerte und klagte
sie, da es nichts mehr half, da der Mund ihres Mannes
für immer geschlossen war und ihr kein verzeihendes Wort
mehr sagen konnte. Ein Angstgefühl schnürte Ilses Brust
zusammen, daß ihr der Atem stockte. Dort in dem Zimmer,
am Bette des Toten war es ihr wie Schuppen von den
Augen gefallen, mit einem Male konnte sie klar sehen, und
nun kam sie sich erbärmlich und klein vor und zitterte bei
dem Gedanken, daß das Schicksal auch sie mit unbarmherziger
Hand berühren könnte, wie es hier getan. War
es denn so schwer, vergab sie sich etwas, wenn sie dem
Manne, den sie liebte, den sie durch ihren Widerstand doch
erst zum Äußersten gebracht hatte, zuerst die Hand zur Versöhnung
reichte? Ja, war es nicht ihre Pflicht und Schuldigkeit,
ihn um Verzeihung zu bitten, nach dem, was geschehen
war? Mußte er nicht an ihrer Liebe zweifeln, als sie ihm
durch ihre Flucht solche Kränkung zufügte? Orla hatte recht,
sie war mit Blindheit geschlagen gewesen, von der sie nun
endlich sich befreit fühlte.
</p>

<p>
Die Erfahrungen, welche sie durch den Einblick in das
eheliche Leben ihrer Freundinnen gesammelt, hatte sie
auf<pb n='214'/><anchor id='Pgp0214'/>geklärt, sie war eine andre geworden. Erschien ihr nicht
Nellie als das Muster einer Gattin, war sie etwa widerspenstig,
quälte sie ihren Mann mit kleinlichen Launen?
Nein, sie war fügsam und nachgiebig. Gerade diese Eigenschaften
waren es aber, die ihr den Reiz der echten Weiblichkeit
verliehen.
</p>

<p>
Wie erschien ihr dagegen das Benehmen Rosis? Stieß
nicht ihre Herrschsucht auf das unangenehmste ab? Sah
Rosi denn nicht ein, daß sie ihren Gatten in den Augen
andrer lächerlich machte, wenn sie den ihr gegenüber viel
zu gutmütigen Mann dazu zwang, sich ihrem Willen zu
fügen? Ilse verabscheute solches Wesen bei einer Frau, aber
– so mußte sie sich eingestehen – war sie nicht auf dem
besten Wege gewesen, wie jene zu werden?
</p>

<p>
Und wie unwürdig erst war ihr Floras Ehe vorgekommen!
Sie hatte stets Mitleid für den armen Mann
und das kleine Mädchen empfunden und war über Flora
empört gewesen, die über ihre verschrobenen Ideen das
Wichtigste vergaß. Ja, Ilse vermochte gut zu unterscheiden,
ob eine Frau ihren Mann glücklich machte, sie hätte auch
Rosi und Flora sagen können: so und so dürft ihr nicht
handeln, wenn ihr eure Männer zufrieden sehen wollt.
Warum gab sie diese guten Lehren nicht sich selbst, warum
hatte sie sich nicht längst eingestanden, daß auch sie ihren
Bräutigam durch ihren Eigensinn und Trotz betrüben mußte?
Und verdiente er nicht volles ungestörtes Glück, da er ihr
doch die beste, reinste Liebe gab? Und mußte er nicht in
ihrer Achtung dadurch steigen, daß er sich einer kindlichen
Laune von ihr nicht beugen wollte?
</p>

<p>
Diese Gedanken, welche auf Ilse nach dem traurigen
Ereignis einstürmten, verfolgten sie wie böse Geister mit
den bittersten Vorwürfen, den selbstquälerischsten Anklagen,
sie fand keine Ruhe mehr und ging wie im Traume umher.
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<pb n='215'/><anchor id='Pgp0215'/>

<p>
Doktor Gerber war in die Erde gesenkt worden, und
der jungen Witwe wurde die lebhafteste Teilnahme entgegengebracht.
Der Tod des allgemein geachteten und beliebten
Mannes hatte überall großen Anteil erweckt, man
beklagte Flora, bedauerte das vaterlose Kind. So jung
und schon Witwe, das war ein harter Schlag für die arme
Frau! Flora machte auch in den schwarzen Trauerkleidern,
die das farblose Gesicht noch blasser erscheinen ließen, einen
bedauernswerten Eindruck; müde und matt war ihre Haltung,
die umränderten Augen blickten trübe und glanzlos. Sofort
nach Empfang der Unglücksbotschaft waren ihre Eltern
eingetroffen, und nun sollte sie mit dem Kinde wieder ins
Elternhaus zurückkehren. Sie ließ alles über sich ergehen,
fügte sich allem, was bestimmt wurde, und war vollständig
haltlos geworden. Käthchen verlangte immer noch weinend
nach ihrem Papa und fragte, ob er nicht bald wiederkäme,
ob sie nicht zu ihm dürfe. Als man ihr sagte, daß der
Papa im Himmel bei den lieben Engeln sei und sie ihn
nicht sehen könne, beruhigte sich das gläubige Kindergemüt
dabei. Aber die traurigen Gesichter um sie her machten sie
niedergeschlagen, ihre großen Augen blickten sehnsüchtig und
trübe, und um den kleinen Mund lagerte ein fast strenger
Ernst. Flora wich sie noch immer ängstlich aus, nur der
Großmutter war es gelungen, sie zutraulicher zu machen.
</p>

<p>
Unter heißen Tränen hatte die junge Frau von den
Freundinnen Abschied genommen, ihr Schmerz brach dabei
in seiner ganzen Heftigkeit wieder hervor. Die Unglückliche
war nicht wiederzuerkennen; es schien, als hätte sie der
furchtbare Schlag ganz umgewandelt. Ilse konnte das
schmerzvolle Antlitz der Freundin nicht aus ihrem Gedächtnis
verscheuchen, es stand ihr wie eine drohende Mahnung vor
Augen und schien ihr zuzurufen: „Kehre um, ehe es zu
spät ist!“
</p>

<p>
Den Freunden fiel ihr seltsam nachdenkliches Wesen
<pb n='216'/><anchor id='Pgp0216'/>wohl auf, und Nellie erriet, was in ihr vorging, aber sie
fragte nicht, sie wollte, daß Ilse von selbst sagen sollte, was
ihr Herz bewegte. –
</p>

<p>
Es war nur noch kurze Zeit bis zum Weihnachtsfest,
als Ilse eines Abends in ihrem Stübchen saß und in ihrer
Schreibmappe blätterte. Sie suchte den Brief, den sie in
jener Nacht nach der Schlittenpartie an Leo geschrieben
hatte. Er war nicht abgeschickt worden. Sie hatte ihn oft
in den Händen gehabt und ihn immer wieder beiseite gelegt,
ohne zu einem Entschluß zu kommen. Heute las sie ihn
nochmals durch und zerriß ihn dann in kleine Stückchen,
die sie im Ofen verbrannte. Nein, was sie dem Geliebten
sagen wollte, sagen mußte, das konnte sie dem Papier nicht
anvertrauen. Steif und gezwungen kamen ihr die Worte
vor, die sie damals geschrieben hatte, ganz anders standen
sie heute in ihrem Herzen geschrieben, das ihr Tag und
Nacht keine Ruhe ließ vor heißer Sehnsucht nach Leo.
</p>

<p>
Er hatte sich – das wußte sie – bis Weihnachten
Urlaub genommen, und Nellie erwähnte heute wie zufällig,
daß er bereits zurückgekehrt sei. Da hatten ihre Augen
aufgeleuchtet, und sie hatte geheimnisvoll gelächelt, als würde
sie von etwas Freudigem bewegt. Und so war es auch!
Als sie hörte, er sei wieder daheim, stand es in ihr fest,
daß sie Weihnachten nicht ohne ihn verleben wollte. Sie
konnte es kaum erwarten, bis sie sich zurückziehen durfte,
denn heute abend wollte sie ihren Entschluß den Eltern
mitteilen. Ein frohes Lächeln überflog ihre Züge bei dem
Gedanken, daß sie die Lieben nun bald wiedersehen sollte,
und sie schrieb einen langen, ausführlichen Brief an die
Eltern.
</p>

<p>
„In wenigen Tagen bin ich wieder bei euch,“ hieß
es zum Schluß, „aber verratet niemand meine Rückkehr,
am wenigsten Leo.“ Die letzten Worte unterstrich sie
zweimal.
</p>

<pb n='217'/><anchor id='Pgp0217'/>

<p>
Am andern Morgen teilte sie Nellie mit, daß sie den
Eltern geschrieben und ihre Heimkunft zum Weihnachtsfest
angemeldet habe. Es kam zögernd und zaghaft heraus,
denn sie konnte ihre große Verlegenheit nicht bemeistern.
Aber Nellies Gesicht strahlte förmlich bei dieser Botschaft
und innig schloß sie die Freundin in ihre Arme.
</p>

<p>
<anchor id="corr217"/><corr sic="(Anführungszeichen fehlt)">„O</corr> <hi rend='antiqua'>darling</hi>,“ sagte sie gerührt, „ich wußte es ja, du
würdest wieder zu dich kommen; o, nun ist alles wieder gut!“
</p>

<p>
„Nellie,“ fragte Ilse darauf leise, indem sie das erglühende
Antlitz an der Freundin Schulter barg, „glaubst
du daß er mir verzeihen wird?“
</p>

<p>
„O wie kannst du nur fragen? Er hat sein kleines
Braut so lieb, wie glücklich wird er sein, wenn er dich
wieder hat!“
</p>

<p>
Die beiden Freundinnen saßen noch lange Hand in
Hand beisammen. Ilse hatte so viele Fragen auf dem
Herzen, und die junge Frau mußte noch manchen Zweifel
verscheuchen, noch manchen innern Streit schlichten, bis ihr
schließlich helles, ungetrübtes Glück aus Ilses Augen entgegenlachte
und diese ihre Freude auf das Wiedersehen
mit Leo ganz <anchor id="corr217a"/><corr sic="unverholen">unverhohlen</corr> zeigte.
</p>

<p>
Die Eltern schrieben umgehend wieder, und Ilse standen
die hellen Tränen in den Augen, als sie las, wie groß die
Freude zu Hause über ihre baldige Heimkehr war.
</p>

<p>
Es erfaßte sie nun eine Unruhe, eine Ungeduld, daß
sie, so schwer ihr auch der Abschied von den Freunden wurde,
doch kaum den Tag ihrer Abreise erwarten konnte.
</p>

<p>
So war der letzte Nachmittag, den sie bei den Freunden
verbrachte, herangekommen. Sie war mit Nellie und
Orla in die Stadt gegangen, um noch einige Einkäufe zu
besorgen und Abschiedsbesuche zu machen. Als die ersteren
erledigt waren, trennte sich Orla von ihnen, da sie nach
Hause gehen wollte, um für den folgenden Tag noch zu
arbeiten.
</p>

<pb n='218'/><anchor id='Pgp0218'/>

<p>
Sie wählte aber diesmal nicht den Weg durch die
Stadt, sondern zog es vor, über den alten Festungswall
zurückzukehren, der um diese Zeit meist menschenleer war.
Die hohen, alten Linden, welche sich im Sommer zu einem
grünen, schattigen Dach wölbten, trugen jetzt schwere Schneemassen,
und in ihren Wipfeln saßen Scharen von Krähen.
Durch den tiefen Schnee, der sich dicht an die mächtigen
Stämme schmiegte, war nun ein schmaler Pfad gebahnt,
auf dem Orla einherschritt. Links sah man in verschneite,
zu Villen gehörige Gärten, rechts konnte das Auge weiter
schweifen über die weißen Dächer der Stadt, über Felder
und Wiesen bis zu den Umrissen einer fernen Hügelkette.
Heute war nicht viel davon zu sehen, da die Ferne in einem
grauen Nebel verschwand; auch das wirbelnde Schneegestöber
ließ schwer etwas erkennen. Orla stand einen Augenblick
still und sah in den lustigen Flockentanz vor ihren Augen.
Sie bemerkte deshalb nicht, daß eine Gestalt ihr entgegenkam.
Erst als diese neben ihr stehen blieb, erkannte sie
Andres in derselben.
</p>

<p>
„Das ist ein glücklicher Zufall, daß ich Sie hier treffe,“
sagte er, indem er sie begrüßte. „Eben war ich bei Althoffs,
fand aber das Nest leer.“
</p>

<p>
„Ja,“ erwiderte Orla, „meine Freundinnen und ich
gingen in die Stadt, und ich habe mich von ihnen getrennt,
da sie vorhaben, Abschiedsbesuche zu machen, während ich
nach Hause gehen will, um noch zu arbeiten.“
</p>

<p>
„Darf ich sie begleiten?“ fragte er, da sie langsam
weiter ging.
</p>

<p>
„Gerne, Herr Doktor,“ versetzte sie freundlich, und sie
schritten auf dem engen Wege nebeneinander weiter.
</p>

<p>
„Es tat mir leid,“ fing er wieder an, „daß ich gerade
heute niemand bei Althoffs traf; ich wollte erzählen, welches
Glück mich betroffen hat.“
</p>

<p>
„So?“ fragte sie und sah ihn neugierig dabei an,
<pb n='219'/><anchor id='Pgp0219'/>„bitte, erzählen Sie mir doch, was Ihnen so Schönes begegnet
ist?“
</p>

<p>
„Denken Sie nur, mir ist heute die Stelle des verstorbenen
Doktor Gerber angeboten worden. Was sagen Sie
dazu, bin ich nicht ein Glückspilz? Vom einfachen Assistenzarzt
rücke ich so schnell vor und bin nun, sozusagen, ein
gemachter Mann.“
</p>

<p>
Die helle Freude über das frohe Ereignis lachte aus
seinen Augen, die erwartungsvoll auf Orla ruhten.
</p>

<p>
Sie reichte ihm aufrichtig die Hand.
</p>

<p>
„Ich gratuliere Ihnen von Herzen, das ist wirklich
eine gute Botschaft, die Sie uns bringen wollten, Herr
Doktor.“
</p>

<p>
Er hatte ihre Hand festgehalten, die sie ihm jetzt
entzog.
</p>

<p>
„Wie werden sich Althoffs freuen,“ fuhr sie fort, „wenn
ich ihnen die interessante Neuigkeit überbringe.“
</p>

<p>
„Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gnädiges
Fräulein; ich kann nicht beschreiben, wie froh ich darüber
bin, wie dieses Glück erst jetzt den rechten Wert für mich
bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen lese,
daß Sie sich mit mir darüber freuen. Fräulein Orla, soll
ich Ihnen sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch
viel mehr beglückt, als es das zu andern Zeiten getan hätte?
Darf ich sprechen, wie mir um das Herz ist?“
</p>

<p>
Er hatte eindringlich mit steigender Wärme geredet.
Orla beschleunigte bei seinen Worten ihre Schritte, sie
wagte nicht ihn anzublicken. Ihre angeborene Ruhe,
ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verließen sie, und sie
sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle.
Er hatte in einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die
sie noch nicht kannte, seine Stimme ging ihr in einer
Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch niemals vorgekommen
war.
</p>

<pb n='220'/><anchor id='Pgp0220'/>

<p>
Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter
in sie. Aber seine Augen blickten feurig und leidenschaftlich
in ihr blasses Antlitz. Ihre feinen Nasenflügel bebten,
zwischen den kühngeschwungenen, tiefschwarzen Augenbrauen
lag eine Falte, und die schnellen Atemzüge verrieten ihre
innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwärts, in beiden
wogten die Gedanken und keines vermochte zu sprechen.
</p>

<p>
„Habe ich Sie beleidigt?“ fragte er endlich, da Orla
den Blick noch immer geradeaus richtete und ihm der Ausdruck
ihrer Züge jetzt fast streng erschien.
</p>

<p>
„Nein, nein,“ gab sie schnell zur Antwort, „womit
sollten Sie mich beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam
eben, – weil ich an etwas Wichtiges dachte –.“ Sie
wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber bei dieser
Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.
</p>

<p>
„Wissen Sie schon,“ fuhr sie fort, indem sie schnell
das Thema abbrach, „daß Ilse morgen abreist? Sie wollte
erst nächste Woche fort, aber ihr Vater wünscht dringend,
daß sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen.“
</p>

<p>
Er fühlte sich von dieser Wendung des Gesprächs nicht
angenehm berührt. Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte
sagen wollen, und suchte nun leicht darüber hinwegzugehen;
begriff sie denn nicht, daß dies die schmerzlichsten Zweifel
in ihm wachrufen mußte? Und doch mußte er sich wieder
sagen, daß die Scheu vor seiner Frage echt mädchenhaft
und nur zu begreiflich war, und daß sie vielleicht deshalb
so handelte, um Zeit zu gewinnen und sich zu sammeln. Er
wußte ja genau, daß sie keine Kokette war, die nur mit
ihm spielen wollte, und daß ihr auch in diesem Augenblick
nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er
ihr sagen wollte, zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen
ging er auf ihr Gespräch ein.
</p>

<p>
„Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?“
fragte Orla wieder.
</p>

<pb n='221'/><anchor id='Pgp0221'/>

<p>
„Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr
die Ferien zubringen.“
</p>

<p>
„Wollen Sie die ganze Ferienzeit fort bleiben?“ entgegnete
sie wider Willen betroffen.
</p>

<p>
„Die ganze Ferienzeit!“ wiederholte er mit einem freudigen
Aufblitzen in seinen Augen.
</p>

<p>
„Wie schade,“ gestand sie offen, „dann sehe ich Sie
also erst im neuen Jahre wieder. Das Fest wird gewiß
für uns ein recht stilles sein, da Ilse fort ist und Sie auch
fehlen. Ich werde die Ferienzeit benutzen, um fleißig mit
Doktor Althoff zu arbeiten.“
</p>

<p>
Sie seufzte leise, wohl unbewußt.
</p>

<p>
„Werden Sie zaghaft, wenn Sie an ihren künftigen
Beruf denken, Fräulein Orla?“
</p>

<p>
„Nein,“ erwiderte sie rasch, „ich habe mir meinen Beruf
ja selbst gewählt, wie könnte ich da zaghaft sein? Halten
Sie mich für so wankelmütig, Herr Doktor?“
</p>

<p>
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß, Sie sind
anders wie die meisten ihres Geschlechts, und ich komme
nur zu dieser Frage, weil Sie seufzten und ich annahm,
dieser Seufzer gelte Ihrer Zukunft.“
</p>

<p>
„Ja, meiner Zukunft galt er allerdings, da haben Sie
recht. Wenn ich auch nicht zittere und zage, so bin ich
mir doch klar bewußt, daß ich keiner leichten Zeit entgegengehe.
Was muß noch alles in meinen armen Kopf hinein!
Und dann die Examina, – wenn ich daran denke, wird
mir doch etwas bänglich zu Mute. Nicht wahr, die sind
sehr schwer? Wenn meine Examinatoren nur nicht zu streng
sind und etwas gnädig mit mir verfahren.“
</p>

<p>
„Ich wüßte einen Ort,“ warf er fast schüchtern ein,
„wo Sie ein leichtes Examen bestehen könnten. Ich kenne
den einen Examinator, wie mich selbst, und weiß, daß er
Ihnen keine Frage stellen würde, die Sie nicht beantworten
könnten.“
</p>

<pb n='222'/><anchor id='Pgp0222'/>

<p>
„Wie heißt dieser Ort?“ fragte sie ahnungslos und
sah ihn voller Erwartung an.
</p>

<p>
Das geheimnisvolle, schelmische Lächeln in seinem Gesicht,
als er jetzt weiter sprach, ohne ihre Frage zu beantworten,
bemerkte sie nicht.
</p>

<p>
„Ja, ich weiß sogar, daß der bewußte Examinator,
wenn Sie ihm seine erste – allerdings schwerwiegende –
Frage richtig und zur vollsten Zufriedenheit beantwortet
haben, überhaupt keine weiteren Fragen an Sie richten
wird.“
</p>

<p>
Sie sah ihn mit ihren großen Augen erstaunt an.
</p>

<p>
„Sie sprechen in Rätseln, Herr Doktor, oder wollen
Sie sich über mich lustig machen? Nicht wahr, Sie finden
es so unerhört, wenn eine Frau sich auf männliches Gebiet
wagt, daß Sie mich verhöhnen wollen? Aber warten Sie
nur, wenn ich erst Doktorin bin, und Ihnen mein Diplom
schicke, dann müssen Sie klein beigeben. Übrigens – Ihre
Zweifel sind ganz heilsam für mich, sie feuern mich an,
Ihnen zu beweisen, daß auch das weibliche Geschlecht etwas
zu leisten vermag.“
</p>

<p>
Sie hatte ohne die geringste Empfindlichkeit gesprochen,
aber mit großem Eifer, so daß ihre Wangen zart gerötet
waren, und sie unbeschreiblich liebreizend in diesem Augenblick
aussah.
</p>

<p>
„Ich kann Ihnen auch behilflich sein, Doktorin zu
werden,“ sagte er wieder mit derselben geheimnisvollen
Miene, „oder vielmehr der Examinator, von welchem ich
eben sprach, kann Sie zur Doktorin machen, wenn Sie nur
wollen.“
</p>

<p>
Seine Stimme klang erregt, er atmete tief und schnell,
und sein seltsames Wesen fiel Orla jetzt auf. Sie erwiderte
nichts und hielt die Augen auf ihren kleinen Muff gesenkt,
von welchem sie mechanisch die immer wiederkehrenden
Schneeflocken fortstrich.
</p>

<pb n='223'/><anchor id='Pgp0223'/>

<p>
„Orla,“ sagte er bittend, indem er stillstand und ihre
Hand ergriff, „verstehen Sie mich nicht, oder wollen Sie
mich nicht verstehen? Meine Worte sind ernst gemeint, ich
scherze nicht. Der Examinator, von welchem wir sprachen,
– darf ich es sein? Wollen Sie mir die einzige Frage
beantworten? Nur mit einem kleinen Wort, das genügen
würde, mich zum glücklichsten Menschen zu machen.“
</p>

<p>
Ihr Herz klopfte in raschen Schlägen, und sie holte
tief Atem. Aber sie konnte nicht sprechen, sie fühlte wie
seine Hand zitterte, wie qualvoll diese Ungewißheit für ihn
sein mußte, und doch vermochte sie es nicht, ihm eine Antwort
zu geben.
</p>

<p>
„Orla!“
</p>

<p>
Er beugte sich ganz nahe zu ihr hin, und sagte in
zärtlichem Ton: „Wollen Sie meine Doktorin werden?“
</p>

<p>
Jetzt blickte sie zu ihm auf, und in ihren Augen las
er ein stummes Ja.
</p>

<p>
Im überschwänglichen Glücksgefühl umfaßte er ihre
schlanke Gestalt und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.
</p>

<p>
„Geliebte,“ flüsterte er innig, „bist du ebenso glücklich
wie ich? Sage es mir.“
</p>

<p>
„Ich kann nicht glücklicher sein,“ gab sie leise zur Antwort,
und ihr schönes Antlitz strahlte in bräutlicher Seligkeit.
</p>

<p>
Er hatte ihren Arm in den seinigen gelegt und hielt
ihre Hand fest umschlossen. So gingen sie weiter auf dem
schmalen Wege zwischen den beiden Schneewänden. Wer
könnte die ersten Stunden beschreiben, die auf das beseligende
Geständnis der Liebe folgen? die scheue Zurückhaltung
der Braut schildern, die noch so schüchterne Leidenschaft
des Bräutigams, die ernsten und doch so heiteren
Gedanken, welche die Brust der Glücklichen wie Frühlingswehen
durchziehen und sie still und schweigsam machen?
Ein inniger Händedruck, ein Blick in die geliebten Augen,
sie sind beredter als tausend Worte. –
</p>

<pb n='224'/><anchor id='Pgp0224'/>

<p>
Und so schritt auch unser Paar in stummer Glückseligkeit
dahin. Über ihnen heulte der Wind in den Bäumen,
die alten ehrwürdigen Wipfel mußten es sich gefallen lassen,
daß er mit ihnen sein Spiel trieb, laut ächzend beugten sie
sich seiner Macht und schüttelten unwillig den Schnee von
ihren Häuptern, den beiden gerade ins Gesicht. Aber sie
achteten der winterlichen Schauer nicht, in ihren Herzen war
es licht und sonnig, und das Blut wallte ungestüm durch
die Adern, so daß Orla oft tief aufatmen mußte und
schließlich ihr Jäckchen öffnete, weil es so erdrückend heiß
wäre, wie sie sagte. –
</p>

<p>
Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie in die erleuchteten
Straßen einbogen. Orla drängte es nach Hause
zu kommen. Sie ging durch eine kleine Seitengasse, welche
den Weg bedeutend abkürzte. Andres hätte gern noch den
weitesten Umweg durch die Stadt gemacht, aber sie meinte,
Nellie und Ilse, die gewiß längst zu Hause wären, würden
sich sehr wundern, daß sie noch nicht daheim sei. Er brachte
sie bis vor Althoffs Haus. An der Gartenpforte blieb
Orla stehen und streckte ihm die Hand entgegen.
</p>

<p>
„Soll ich nicht mit hinaufgehen?“ fragte er erstaunt,
„wollen wir den Freunden nicht unser Glück mitteilen?“
</p>

<p>
„Jetzt nicht, noch nicht, Liebster, ich muß erst mit mir
allein sein, und mich zu fassen suchen. Morgen, dann
wollen wir es den Freunden sagen.“
</p>

<p>
Wie ein Schatten flog es über seine Züge. Er sollte
sich jetzt von ihr trennen, sie heute nicht mehr wiedersehen?
Wie konnte er bis morgen Ruhe finden, Ungeduld und
Sehnsucht würden ihn verzehren. Das war zu viel verlangt!
</p>

<p>
„Du bist grausam,“ sagte er leise.
</p>

<p>
Sie lächelte und legte ihre Hand auf seinen Arm.
Ja, es kam ihr jetzt selbst grausam vor, daß sie sich bis
morgen nicht wiedersehen sollten.
</p>

<pb n='225'/><anchor id='Pgp0225'/>

<p>
„Willst du heute abend nach dem Essen kommen? Du
findest uns dann alle zusammen, und wir überraschen die
Freunde mit der Nachricht, daß wir Brautleute sind. Ist
es dir recht so?“ Statt jeder Antwort preßte er seine
Lippen auf ihre Hand und schlang seinen Arm um ihre
Taille. Sie entwand sich ihm aber schnell.
</p>

<p>
„Wenn man uns sähe,“ sagte sie und blickte sich
ängstlich um. „Ich will lieber gehen. Leb wohl, auf
Wiedersehen bis nachher, komm nicht zu spät.“
</p>

<p>
Sie eilte ins Haus. Wie ein Träumender stand er
vor der beschneiten Pforte und blickte ihr noch nach, obwohl
sie schon längst verschwunden war. Endlich ging er
fort, aber er schlug nicht den Weg nach seiner Wohnung
ein. Er würde es jetzt nicht in den engen vier Wänden
aushalten, eine innere Unruhe trieb ihn immer weiter.
Das Stürmen und Wogen in seiner Brust beflügelte seine
Schritte, so daß er die Straßen in Sturmeseile durchlief
und die Leute ihn verwundert ansahen. Seine Bekannten,
die ihm begegneten und die er zerstreut grüßte, blieben
stehen und schauten kopfschüttelnd hinter ihm her.
</p>

<p>
Orla war unbemerkt in ihr Zimmer gelangt. Sie
konnte jetzt niemand sehen und sprechen, den Freundinnen
hätte ja ihre Erregung auffallen müssen, auch wollte sie erst
allein die Ruhe zu gewinnen suchen, mit welcher sie dieselben
jetzt noch täuschen mußte.
</p>

<p>
Sie hatte Hut und Jacke abgelegt und wusch ihr heißes
Gesicht mit frischem Wasser. Was die Freunde wohl sagten,
ob sie geahnt hatten, daß es so kommen würde? Sie
lächelte vor sich hin und malte sich im Geiste die Überraschung
auf den verschiedenen Gesichtern aus. Erregt
schritt sie auf und ab und öffnete schließlich das Fenster,
weil ihr die Luft in dem kleinen Stübchen schwül und
drückend erschien. Vorwitzig kamen die Schneeflocken hereingeflogen,
sie wirbelten ihr ins Antlitz und setzten sich in
<pb n='226'/><anchor id='Pgp0226'/>ihren dunklen Haaren fest. In Gedanken verloren blickte
sie hinaus in das Gestöber draußen. Sie kam sich so anders,
so fremd vor; dieses heftig klopfende Herz war es
das ihre, diese unbeschreiblich schönen Empfindungen, welche
es durchströmten, – war das alles Wirklichkeit, was sie
empfand und dachte, oder träumte sie nur?
</p>

<p>
Sie zuckte zusammen, als sich jetzt die Türe öffnete und
Ilse hereintrat.
</p>

<p>
„Herrgott, Orla, bei diesem Wetter am offenen Fenster?“
rief sie erstaunt.
</p>

<p>
„Es war hier so heiß, Kind,“ gab Orla ausweichend
zur Antwort und schloß das Fenster.
</p>

<p>
„Heiß?“ wiederholte Ilse, „aber das Feuer im Ofen
ist ja schon lange aus.“
</p>

<p>
Orla überhörte diese Einrede.
</p>

<p>
„Bist du schon mit Packen fertig?“ fragte sie und
zeigte auf die Koffer. „Also morgen willst du wirklich
reisen? Du wolltest mich wohl zum Abendessen holen?“
</p>

<p>
Ilse sah sie verwundert an. Warum fragte Orla so
zerstreut und vermied so auffällig sie anzusehen, während
sie sonst jedem, mit dem sie sprach, scharf in die Augen sah?
</p>

<p>
„Wir dachten, du wärst schon lange zu Hause, Orla,
da du gesagt hattest, du wollest arbeiten.“
</p>

<p>
„Ja, ja, das wollte ich auch, aber – es war so
himmlisch draußen, und da bin ich auf eigene Faust noch
etwas spazieren gegangen. Komm Kind.“
</p>

<p>
Sie ging zur Türe und Ilse folgte ihr.
</p>

<p>
„Himmlisch draußen!“ wiederholte sie lachend. „Aber
Orla, es ist ja ein schreckliches Wetter, der eisige Wind
und dazu das Schneegestöber, – hast du denn das nicht
bemerkt?“
</p>

<p>
„O ja,“ antwortete die Russin, „aber ich liebe das
gerade und nenne solches Wetter schön.“
</p>

<p>
Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und
<pb n='227'/><anchor id='Pgp0227'/>konnte mit unbefangenem Gesicht bei dem jungen Ehepaar
eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft und viel; sie war
lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre Augen
leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse saß ihr
gegenüber und betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung;
sie glaubte, die Freundin nie so schön gesehen zu haben.
Die leicht geröteten Wangen standen ihr zum Entzücken.
Sie erzählte lebendig und spannend von ihrer Heimat und
wußte dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung,
welche namentlich Nellie und Ilse naheging, abzulenken.
Dann und wann flogen ihre Blicke verstohlen nach der
Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte sie
schnell den Kopf nach der Türe. Als Nellie erwähnte, daß
Andres während ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lächelte
sie geheimnisvoll, so daß Ilse sie fragte, was denn ihre
Heiterkeit erregt habe.
</p>

<p>
Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft
wie gewöhnlich in Nellies gemütliches Zimmer, wo es heute
besonders behaglich aussah. Ein helles Feuer knisterte in
dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem Schirm
von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen
Schimmer. Ein zarter Maiblumenduft, den die junge Frau
besonders liebte, durchwehte den traulichen Raum.
</p>

<p>
Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus.
Jetzt konnte er jeden Augenblick kommen, denn es war die
Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie spähte die Straße
entlang, das Gestöber hatte aufgehört, blendend weiß leuchtete
ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit
fieberhafter Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der
ihr den Geliebten bringen sollte, und es dünkte ihr eine
Ewigkeit, die er sie warten ließ. Endlich sah sie eine hohe
Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig zu
haben schien, denn mit großen Schritten näherte sie sich dem
Hause. Das war er! Die Gartenpforte klirrte, <anchor id="corr227"/><corr sic="überflüssiger Trennstrich entfernt">gleich</corr>
<pb n='228'/><anchor id='Pgp0228'/>darauf fiel die Haustüre ins Schloß und nun wurde kräftig
an der Klingel gezogen. Das Mädchen kam herein und
meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fuße
folgte. Orla beugte sich tief über die Maiblumen im Fenster,
um ihr Antlitz zu verbergen.
</p>

<p>
„Sie strahlen ja förmlich, Doktor, was ist denn mit
Ihnen geschehen, haben sie etwa das große Los gewonnen?“
rief ihm Althoff scherzend entgegen.
</p>

<p>
„Ja,“ gab er lachend zur Antwort, und dabei überflog
es seine Züge wie ein verklärender Schimmer. Er
schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte Hand in die
seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis
der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig
überhauchte.
</p>

<p>
„Ja,“ wiederholte er noch einmal, und seine Stimme
zitterte leise. „Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe das
große Los gewonnen, – hier, hier ist meine Braut.“
</p>

<p>
Stürmisch zog er Orla an seine Brust.
</p>

<p>
Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos
gestanden, dann aber brach ein wahrer Jubel los.
</p>

<p>
Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit
Fragen überschüttet, während sich die beiden Männer herzlich
die Hände schüttelten. Orla lächelte selig, und in ihren
Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die weichherzige
Nellie in eine solche Rührung, daß ihr nun auch die Tränen
über die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung
festhielt. Ilse, welche ihr unter vielen zärtlichen Küssen die
innigsten Wünsche zugeflüstert hatte, bemerkte kaum die
Tränen in den Augen der beiden festumschlungenen Freundinnen,
als auch sie sich der Rührung nicht erwehren konnte
und ihren Zähren freien Lauf ließ.
</p>

<p>
Jetzt wurde es aber den beiden Männern zu viel.
„Das ist mir eine schöne Geschichte,“ rief Althoff, „da weint
ihr alle drei statt zu jauchzen und fröhlich zu sein! Lieber
<pb n='229'/><anchor id='Pgp0229'/>Freund,“ wandte er sich zu Andres, „an Ihrer Stelle ließe
ich es mir nicht gefallen, daß eine solche Freudenbotschaft
mit Tränen begossen wird. Laßt uns dieselbe mit etwas
andrem begießen, und auf das Wohl des jungen Paares
anstoßen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie, Weib, wo
sind die Weinkellerschlüssel? Daran werden Sie sich auch
noch gewöhnen müssen, lieber Doktor, daß die Frauen alles
unter Verschluß halten, sogar den Weinkellerschlüssel, am
sichersten aber den – Hausschlüssel!“
</p>

<p>
Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick
auf seine Frau.
</p>

<p>
„O du verleumderisches Mann,“ rief diese und nahm
den Schlüssel aus einem zierlichen Körbchen. Er hob ihr
Kinn in die Höhe und sah ihr in die Augen.
</p>

<p>
„Bist du mir böse, Schatz?“ fragte er zärtlich.
</p>

<p>
„Natürlich, du schreckliches Mann,“ antwortete sie und
gab ihm scherzend einen Schlag.
</p>

<p>
„Au,“ rief er, „so wird man nun von seiner eigenen
Frau behandelt! Erst sagt sie ‚schreckliches Mann‘ und
dann haut sie einen sogar. Doktor, heiraten Sie lieber
nicht, ich rate es Ihnen!“
</p>

<p>
Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener
Laune, denn es machte ihm großen Spaß, seine Frau zu
necken. Mit geheimnisvoller Miene verschwand er jetzt mit
Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich höchst überflüssig bei
dem Brautpaar fühlte.
</p>

<p>
Im Eßzimmer hörte man bald darauf ein geschäftiges
Hinundherlaufen. Türen klappten, Gläser klangen, dazwischen
tönte fröhliches Lachen und Sprechen. Nach einer
Weile wurden die Flügeltüren geöffnet und das Brautpaar
feierlich hereingeführt. Trotz der Kürze der Zeit hatten es
die Freunde verstanden, alles festlich herzurichten. Die große
bronzene Hängelampe strahlte in hellem Glanze. In den
Wandleuchtern brannten Kerzen, deren Licht sich in den
<pb n='230'/><anchor id='Pgp0230'/>Gläsern und Krügen spiegelte, die ringsherum auf dem
Wandgesims aufgestellt waren. Über den einladend besetzten
Tisch war eine altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der
Mitte hatte Nellie ihre Blumen und Blattpflanzen malerisch
aufgebaut. Daneben standen alte Meißner Schalen, mit
Kuchen und Früchten gefüllt, während aus einem Champagner-Kühler
einige Silberhälse hervorschauten. In dem
Spitzglas, das auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein
Sträußchen aus Myrten und Maiblumen entgegen. Die
sinnige Nellie hatte es aus den Blüten gebunden, in deren
Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.
</p>

<p>
„Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken
für soviel Liebe und Freundschaft!“ rief Orla bewegt und
auch Andres war voller Dankbarkeit für diese Überraschung.
In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft Platz.
Helle Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen
knallten, und als die Gläser gefüllt waren, ergriff
Doktor Althoff das seinige und ließ mit herzlichen Worten
das neuverlobte Paar leben. Unter Scherzen, Lachen und
Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte nicht aus
vollem Herzen mit in den Jubel der übrigen ein, das war
unsre Ilse. Dem glücklichen verlobten Paare gegenüber kam
sie sich wie eine verlassene Braut vor. Eine unerklärliche
Bangigkeit rief immer neue Zweifel bei ihr hervor und machte
sie beklommen. Fortwährend beängstigten sie quälende Fragen.
Liebte er sie noch? Würde er ihr verzeihen? Ihr bangte vor
den kommenden Tagen. O, könnte sie doch die Zeit verwischen,
die ihm und ihr so viel Trübsal bereitet hatte, den
Mißton fortzaubern, der die Eintracht ihrer Seelen störte.
Ja, was half nun alle Reue? Die verflossenen Wochen und
Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden für
immer verloren. Um wieviel frohe, glückliche Stunden hatte
sie sich betrogen! –
</p>

<p>
Spät in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter
<pb n='231'/><anchor id='Pgp0231'/>erloschen, und die junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen
an der Brust, ging mit Ilse in das gemeinsame
Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glöckchen, die traurig
die Köpfe hängen ließen, und legte sie zwischen die Blätter
eines Buches.
</p>

<p>
„Zur Erinnerung an diesen Tag,“ sagte sie zu Ilse,
welche auf ihrem Koffer saß und der Freundin mit schwermütigen
Augen zusah.
</p>

<p>
„Wie ich dich beneide, Orla,“ sagte sie leise, „du wirst
deinem Rudolf niemals Gram bereiten, du wirst ihn glücklich
machen, denn du bist keine kleinliche Natur, wie ich
es bin.“
</p>

<p>
„Aber Kind, was fällt dir ein, wie kannst du so mutlos
sprechen? Du bist ein kleiner Tollkopf, dessen Trotz in
der Pension gebändigt wurde und nun durch die zu große
Nachgiebigkeit deiner Eltern, deines Verlobten wieder zum
Vorschein kam. Aber jetzt wirst du, wie ich bestimmt glaube,
für immer geheilt sein. Nur nicht zaghaft, Ilse! Ich kann
mir gar nicht denken, daß es so schwer fällt, dem liebsten
Menschen auf der Welt ein gutes Wort zu geben, wenn man
ihn gekränkt hat.“
</p>

<p>
„Wirklich, Orla?“ fragte Ilse, der eine solche Ansicht
aus diesem Munde maßgebend war, „würdest du deinen
Bräutigam in einem ähnlichen Fall um Verzeihung bitten
können? Und das würde dir nicht schwer werden?“
</p>

<p>
„Gewiß nicht,“ antwortete die Freundin, „für den
Mann, den ich liebe, würde ich alles tun.“
</p>

<p>
Ilse schwieg. Sie hatte geglaubt, die stolze Orla könnte
sich nie soweit demütigen. Aber nun diese erklärte, daß sie
ohne Scheu ihren Bräutigam um Verzeihung bitten würde,
wenn sie ihn gekränkt hätte, schien es ihr, als ob sie durch
dieses Geständnis von ihrem Stolz nichts einbüßte und deshalb
noch lange keine unterwürfige Natur zeigte. Orla war
herangetreten und legte die Hand auf Ilses lockiges Haar.
</p>

<pb n='232'/><anchor id='Pgp0232'/>

<p>
„Geh nur zu ihm, Kind, du vergibst dir dadurch nichts,
sondern machst nur die Fehler wieder gut, zu denen dich dein
leidenschaftlicher Sinn hingerissen hat.“
</p>

<p>
„Glaubst du das wirklich, Orla? Ach, ich kann dir
nicht sagen, wie ich den Tag herbeisehne, der uns unser Glück
zurückgibt. Ich war töricht, ich weiß es, ich habe unrecht
gehandelt und bereue –“
</p>

<p>
„Halt,“ unterbrach sie Orla, „ich darf deine Beichte
nicht anhören, nur deinem Leo darfst und mußt du dies
alles sagen. – Aber nun wollen wir schlafen, sonst sind wir
morgen früh nicht zur rechten Zeit wach, und du versäumst
den Zug.“
</p>

<p>
„Orla, ich habe noch eine Bitte an dich.“
</p>

<p>
„Nun?“
</p>

<p>
„Erzähle deinem Bräutigam, was zwischen Leo und mir
vorgefallen ist. Ich habe mich ihm gegenüber einmal recht
kindisch benommen und ihm keine Aufklärung gegeben. Ich
wollte es immer tun und konnte mich doch nicht entschließen,
die Sache nochmals zu berühren. Jetzt aber, da du mit ihm
verlobt bist und er mir dadurch viel näher gerückt ist, soll
er alles wissen.“
</p>

<p>
Orla drohte lachend mit dem Finger.
</p>

<p>
„Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hören bekomme.
Ihr beide habt Geheimnisse miteinander, da bin
ich doch begierig, das nähere zu erfahren. Doch nun ernstlich,
gute Nacht, ich bin so müde, daß mir die Augen zufallen.“
</p>

<p>
Ilse merkte wohl, daß Orla nur Müdigkeit vorschützte,
um nicht mehr sprechen zu müssen, sondern ungestört träumen
und denken zu können. Schweigend begaben sie sich zur
Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da, aber noch lange
wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kämpften mit
dem stürmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch
von dem Nachhall des seligen Glücks, das ihr der heutige
<pb n='233'/><anchor id='Pgp0233'/>Tag gebracht hatte, und Ilse ließ die Sehnsucht nach dem
Geliebten spät erst Ruhe finden.
</p>

<p>
Der dämmerige Wintermorgen war schon längst angebrochen,
als ein kräftiges Klopfen an der Türe die beiden
Schläferinnen aus ihren Träumen erweckte. Die Fräulein
müßten schnell aufstehen, rief das Mädchen, denn es sei
schon sehr spät. –
</p>

<p>
Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen,
zur Abfahrt bereit stand Ilse auf dem Bahnhof.
Die Freunde hatten sie natürlich begleitet. Während Althoff
das Billet besorgte, schritt das Brautpaar selig plaudernd
auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen
Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden
sehr schwer, das sah man an ihren verweinten Augen; auf
Ilses Wangen perlten noch immer die Tränen in hellen
Tropfen.
</p>

<p>
„Ach, Nellie, wäre doch erst alles wieder gut, ich kann
dir nicht beschreiben, wie es mir ums Herz ist.“
</p>

<p>
„O, du mußt nicht so bänglich sein, liebe Ilse, du hast
so gute Eltern, eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geöffneten
Armen aufnehmen. Du brauchst wirklich keine Angst
zu haben, du mußt nur standhaft sein, willst du mir das
versprechen?“
</p>

<p>
Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch
einen sorgenvollen Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer
Brust entrang, bewies, daß die tröstenden Worte der Freundin
sie nicht vollständig zu beruhigen vermochten.
</p>

<p>
Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg
ihr Gesicht in den duftenden Blumen, welche ihr die Freunde
zum Abschied geschenkt hatten, damit Orlas forschende Augen
nicht entdecken sollten, daß sie abermals von Zweifeln gequält
wurde, – vor ihr wollte sie sich stark zeigen.
</p>

<p>
Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepäckschein,
und nach wenigen Minuten brauste der Schnellzug
<pb n='234'/><anchor id='Pgp0234'/>herein, der Ilse in die Heimat entführen sollte. Noch ein
letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig umschlossen,
unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin für alle
Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann küßte
sie Orla und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand
sie am offenen Coupéfenster, und langsam setzte sich der Zug
in Bewegung.
</p>

<p>
„Grüße mich deine lieben Eltern recht schön und das
süße Baby!“ rief Nellie.
</p>

<p>
„Und schreibe bald,“ mahnte Orla.
</p>

<p>
„O ja, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, du mußt uns dein glückliches Ankunft
sofort auf eine Postkarte mitteilen, vergiß nicht.“
</p>

<p>
„Nein, nein, ich schreibe euch sofort,“ beteuerte Ilse.
</p>

<p>
Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den
Zug begleitet, dann blieben sie stehen und sahen der scheidenden
Ilse grüßend und winkend nach, bis der letzte Zipfel
von ihrem Schleier verschwunden war.
</p>

<p>
Auch sie schloß das Fenster erst, als nichts mehr von
den Zurückbleibenden zu erblicken war. Dann nahm sie
ihren Platz ein und schaute wehmütig durch die Scheiben.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p234.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die
<pb n='235'/><anchor id='Pgp0235'/>ihr während ihres Aufenthaltes lieb und vertraut geworden
war, ihren Blicken entschwunden. Über weite, öde Schneeflächen
schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine Gruppe
von kahlen Bäumen, auf denen sich Scharen von Krähen
niedergelassen hatten, die bei dem Geräusch des herannahenden
Zuges mit lautem Gekreisch von den dürren Zweigen aufflatterten
und davonflogen.
</p>

<p>
Ilse lehnte sich zurück und schloß in Gedanken verloren
die Augen. Als sie die Heimat verließ, war es Herbst gewesen,
welke Blätter wirbelten durch die Luft, Sturm und
Regen waren ihre Reisebegleiter. So stürmisch wie draußen
sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefühle
wogten in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls
durcheinander, wie die dürren Blätter. Heute begriff
sie nicht und konnte nicht fassen, wie sie zu der abenteuerlichen
Reise gekommen war. Sie verwünschte ihr unbändiges
Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrübt, so manchen
heißen Kampf gekostet.
</p>

<p>
Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu
sein, war sie nicht ein verzogenes Kind des Glücks, vor
tausenden bevorzugt? War man nicht immer bemüht, sie zu
erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese Liebe vergolten?
Um viele Erfahrungen reicher und durch Prüfungen gereifter,
kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel
gezeigt, daß Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und
daß der ein Tor ist, der die schönen Stunden, welche es
bietet, nicht dankbar genießt, sondern in kindischem Übermut
zerstört. Vernünftig und fügsam war sie wohl in der Pension
geworden, aber auf wie lange? Durch die stete Nachgiebigkeit
ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr
alter Trotz bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte
sie für immer geheilt zurück, hatte sie doch das bestimmte
Gefühl, daß sie nicht wieder in ihren alten Fehler zurückfallen
würde.
</p>

<pb n='236'/><anchor id='Pgp0236'/>

<p>
Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick
vor ihr auf, und sie beneidete die Freundin fast um ihr
Glück, welches sie sich gewiß nie durch kleinliche Zweifel
trüben würde. Der Mann, dem Orla ihr Herz geschenkt
hatte, durfte sicher sein, daß sie ihm kein unverdientes Leid
zufügen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel
Orlas folgen und ebenso werden, wie diese? Lag das
nicht einzig und allein in ihrer Hand?
</p>

<p>
Die Stunden vergingen in schnellem Fluge, so lebhaft
beschäftigten sie ihre Gedanken, und je näher sie der Heimat
kam, desto ruhiger schlug ihr Herz, desto leichter wurde ihr
Sinn. Die Freude, ihre Eltern und das Brüderchen
nach so langer Trennung wiederzusehen, drängte alle
andern Gefühle, welche ihr die Heimkehr erschwerten,
zurück. Sie wurde jetzt ungeduldig, zählte die Stationen
und hauchte an die Scheiben, welche mit glitzernden Eisblumen
bedeckt waren, um einen Blick in die Gegend
werfen zu können, die nun immer bekannter und heimatlicher
wurde.
</p>

<p>
Lebhaft drängte sich ihr die Erinnerung auf an ihre
Ankunft im Vaterhause, als sie aus der Pension zurückkehrte.
Wessen Bild trug sie damals im Herzen, rein und klar mit
den schüchternen Empfindungen der ersten, erwachenden Liebe?
Und heute – welcher Unterschied! – dasselbe Bild stand
auch jetzt deutlich vor ihrer Seele, aber nicht mit den schönen
strahlenden Augen, welche sich bei jenem ersten Abschied so
tief in die ihren gesenkt hatten, sondern mit schmerzlichem
und vorwurfsvollem Blick. Noch war es indessen nicht zu
spät. Sie bereute aufrichtig und war fest entschlossen, alles
wieder gut zu machen, was sie verschuldet hatte. Lucies
Bild, welches ihr oft mit drohendem und beängstigendem
Ausdruck erschienen war, sah sie jetzt mit einem versöhnenden
Blick an, und schien ihr sagen zu wollen: nur Mut und
Vertrauen! Du kannst doch noch glücklich werden, auch mir
<pb n='237'/><anchor id='Pgp0237'/>ist ja nach langer Prüfungszeit noch Verzeihung und höchstes
Erdenglück zu teil geworden.
</p>

<p>
Die letzte Station war vorüber, Ilses Herz bebte, denn
noch wenige Minuten und sie war daheim. Sie suchte ihr
Reisegepäck zusammen, legte die Blumen darauf, strich sich
das Haar zurecht und stand dann erwartungsvoll am Fenster.
Der schrille Pfiff der Lokomotive erschien ihr jetzt wie eine
Erlösung aus ihrer Ungeduld und Sehnsucht. Sie beugte
sich weit zum Fenster hinaus, als der Zug in den Bahnhof
einfuhr. Da standen die geliebten Eltern, und jetzt wurde
auch sie von ihnen bemerkt. Die Freude, welche bei ihrem
Anblick auf deren Gesicht zu lesen war, rührte sie fast zu
Tränen, und als sie dann in ihren Armen lag, stieg ein
heißes Gefühl der Dankbarkeit für solche Liebe, solches Glück
in ihr auf, so daß sie Vater und Mutter immer wieder und
wieder küssen mußte.
</p>

<p>
Die Eltern waren mit dem Schlitten gekommen; Herr
Macket fuhr selbst, und mit Windeseile trugen sie die geliebten
Braunen dem heimatlichen Dorfe zu. Jeder Weg
und Steg, jeder Baum und Strauch kam ihr wie ein lieber
Bekannter vor. Als sie durch die Dorfstraße fuhren und
das Schellengeläute viele Neugierige ans Fenster lockte,
lauter bekannte Gesichter, konnte sie sich der beschämenden
Erinnerung nicht erwehren, wie sie an jenem unglückseligen
Tage dieselbe Straße in wilder Hast hinuntergeeilt und wie
eine Sünderin den ihr begegnenden Dorfleuten ausgewichen
war. Zum Glück hatten die Eltern so viel zu fragen, daß
diese peinlichen Gedanken bald wieder verdrängt wurden.
</p>

<p>
Endlich hielt der Schlitten vor dem Tore. Wie eine
Feder schnellte Ilse empor und sprang hinaus. Erst begrüßte
sie die Dienstboten freundlich und streichelte die Hunde,
welche vor Freude laut bellend an ihr emporsprangen und
ihr die Hände leckten. Dann aber lief sie eilend ins Haus,
denn es drängte sie unwiderstehlich, das Brüderchen zu
um<pb n='238'/><anchor id='Pgp0238'/>armen, welches am Fenster stand und mit seinen beiden dicken
Fäusten an die Scheiben trommelte. Wie groß war es geworden,
zu Ilses lebhaftem Erstaunen! Aber augenscheinlich
wollte es nichts mehr von ihr wissen, denn es versteckte
sich hinter die Wärterin, als sie es aufnehmen und herzen
wollte.
</p>

<p>
„Ich bin ihm ganz fremd geworden,“ klagte sie nachher
den Eltern; aber die Mama tröstete sie mit der Versicherung,
daß der Kleine sich bald wieder an sie gewöhnen
würde.
</p>

<p>
„Nun komm, Kind,“ sagte Herr Macket zärtlich zu
Ilse und nahm ihr Hut und Pelzjäckchen ab, „nun komm,
du sollst vor allem Essen und trinken, denn gewiß bist du
ganz ausgehungert.“
</p>

<p>
Den Arm um ihre Schulter legend, führte er sie fort;
man las in seinen Augen die Seligkeit, daß er seinen Liebling
wieder hatte. In dem erleuchteten Eßzimmer, das Ilse
jetzt mit den Eltern betrat, brannte ein lustiges Feuer in
dem großen Kachelofen, dessen hellen Schein der blanke
Fußboden wiederspiegelte.
</p>

<p>
Sie blickte sich um! Es war hier noch alles so, wie sie
es verlassen hatte. Dort vor dem Diwan lag das große
Bärenfell, das ein Freund ihres Vaters diesem einst geschenkt
hatte. Daneben stand der Schaukelstuhl, genau auf derselben
Stelle wie sonst, nichts fehlte an dem gemütlichen Plätzchen,
und doch kam es ihr anders, verödet und verlassen vor.
Sie mußte an die Zeit denken, da sie so oft mit Leo hier
gesessen hatte. Der Schaukelstuhl war sein Lieblingssitz.
Sie sah im Geiste, wie er sich leise hin und her wiegte,
was er mit Vorliebe zu tun pflegte. So deutlich stand eben
jetzt dieses Bild vor ihren Augen, daß sie seine Stimme zu
hören und die blauen Dampfringel von seiner Zigarette zu
sehen glaubte.
</p>

<p>
Gewaltsam mußte sie ihre Gedanken von diesem Platze
<pb n='239'/><anchor id='Pgp0239'/>losreißen, als sie sich jetzt mit den Eltern zu Tische setzte,
aber immer wieder kehrten unwillkürlich ihre Blicke verstohlen
nach dem leeren Schaukelstuhl und dem Diwan mit dem
Bärenfell davor zurück.
</p>

<p>
Weder der Papa, noch Frau Anne erwähnten Leo, und
Ilse, so sehr sie sich in ihren Gedanken mit ihm beschäftigte,
konnte sich gleichfalls nicht entschließen, von ihm zu sprechen.
Aber dennoch war es ihr schrecklich, daß sein Name nicht
genannt wurde, und sie hatte schon einigemal einen Ansatz
genommen, die Eltern um Verzeihung zu bitten und ihnen
ihr Schuldgefühl einzugehen. Das war aber doch schwerer,
als sie es sich gedacht hatte; es wollte sich auch keine rechte
Gelegenheit finden, davon anzufangen, immer wieder kamen
sie auf andere Dinge zu sprechen, immer wieder wurde ihr
Entschluß zurückgedrängt. So vergingen die Stunden, und
als sie sich am Abend von den Eltern trennte, da war ihr
Geständnis noch nicht vom Herzen herunter. Darüber niedergeschlagen
und verstimmt, suchte sie ihr Zimmer auf.
</p>

<p>
Auch hier war alles unverändert. Eine behagliche
Wärme strömte ihr entgegen, auf dem Schreibtisch stand ihre
Lampe mit dem Schirm darüber, der ein Geschenk von Nellie
war. Die gepreßten Blumen und Blätter leuchteten hinter
dem durchsichtigen Papier in fein gestimmten Farben und
reizenden Formen. Einen Augenblick betrachtete Ilse sinnend
das kleine Kunstwerk, dann schweifte ein Blick zu einem Bilde
hin, das von dem hellen Licht scharf beleuchtet wurde. Fast
betroffen fuhr sie zurück, als stände nicht Leos Bild, sondern
er selbst dort. Sie nahm es in beide Hände, und die Tränen
schossen ihr in die Augen. Keck und übermütig schaute
das schöne männliche Gesicht sie an, dessen kräftig vorspringende
Nase und das feste Kinn auf einen ernsten,
edlen Charakter wiesen.
</p>

<p>
Lange stand Ilse in den Anblick des Bildes versunken;
es war ihr, als fühle sie nun erst die Tiefe ihrer Liebe zu
<pb n='240'/><anchor id='Pgp0240'/>Leo, heiße Sehnsucht ergriff sie, ihm zu sagen, wie sie jetzt
dachte und fühlte. Die Trennung von ihm, die sie so lange
ertragen hatte, wurde ihr mit einem Male unerträglich. Ob
er wohl zu ihr eilen würde, wenn er ahnte, daß sie zurückgekehrt
sei! Sie nahm sich fest vor, am andern Morgen
mit den Eltern zu sprechen und ihm dann zu schreiben und
ihn um Verzeihung zu bitten. Bebend dachte sie, ob er
dann wohl zu ihr kommen würde?
</p>

<p>
Ihre Aufregung ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und
sie dachte deshalb auch nicht daran zu Bett zu gehen. Gedankenvoll
ließ sie ihre Blicke durch das Zimmer schweifen.
Wie viel Freude hatte ihr die reizende Einrichtung bereitet,
mit der die lieben Eltern sie überraschten, als sie aus der
Pension zurückkehrte. Wie glücklich hatte sie das traute
Heiligtum gemacht, welches sie stets bestrebt war, immer
noch mehr auszuschmücken. Den Blumentisch am Fenster,
ein wahres Kunstwerk aus Schmiedeisen, hatte ihr Leo geschenkt.
Mit herrlichen Blumen und Pflanzen gefüllt, stand
er eines Morgens in ihrem Zimmer.
</p>

<p>
Auch der Bücherschrank war ein Geschenk von ihm. Die
goldglänzenden Bücherrücken erinnerten sie lebhaft an vergangene
Zeiten. Wie manches Werk ihrer Lieblingsdichter
hatten sie zusammen gelesen, im Sommer unter der schattigen
Linde, im Winter in Frau Annes molligem Boudoir. Sie
hörte im Geiste den Wohlklang seines Organs, sie sah sein
lebhaftes Mienenspiel beim Vorlesen. Und wenn sie ihn
mit einer Frage unterbrach, wie klar und scharf war seine
Antwort.
</p>

<p>
Die schönen Zeiten, sie sind vorbei und tauchen nun in
Ilses Erinnerung auf, als gehörten sie einer fernen, fernen
Vergangenheit an. Hier auf diesem Platze, an dem zierlichen
Schreibtisch, welcher nach Mädchenart mit allen möglichen
Nippsachen überfüllt war, die zum Teil noch den kindlichen
Geschmack des Backfischalters verrieten, hatte sie manchen
<pb n='241'/><anchor id='Pgp0241'/>Brief an Leo geschrieben, und in der Schublade rechts –
den Schlüssel dazu trug sie stets bei sich – lagen seine
Briefe.
</p>

<p>
Mechanisch griff sie jetzt nach dem Schlüssel, zögernd
steckte sie ihn ins Schloß und zog den Kasten auf. Da
lagen die Briefe, wohlgeordnet, wie sie dieselben erhalten
hatte. Sie nahm den obersten heraus, eine trockene Rose
fiel ihr entgegen, – es war sein letzter Brief gewesen. Sie
entfaltete ihn, und der Anblick der geliebten, so lange entbehrten
Handschrift stimmte sie unendlich weich. Sie begann
zu lesen, Seite für Seite, und als sie damit fertig war,
nahm sie einen zweiten Brief heraus, dann wieder einen,
immer mehr, immer tiefer versenkte sie sich in die teuren
Schriftzüge.
</p>

<p>
Einmal mußte sie laut lachen über eine witzige Schilderung,
und dann wieder erglänzte ein seliger Ausdruck in
ihren Augen. Die zärtlichen Liebesworte, welche sie jetzt
las, war sie derselben auch wert? Hatte sie nicht um einer
Nichtigkeit willen an der Liebe eines edlen, treuen Mannes
gezweifelt und das Vertrauen zu ihm verloren? O, es war
entsetzlich, sich nun mit solchen Vorwürfen quälen zu müssen,
die ihr keine Ruhe ließen. Warum hatte sie ihr Unrecht
nicht gleich empfunden, warum ihm erst noch solchen Schmerz
bereiten müssen? Geschah ihr nicht recht, wenn er sie jetzt
nicht mehr liebte, wenn er ihr nicht verzieh?
</p>

<p>
Erregt sprang Ilse auf. Die nächtliche Stille wurde
ihr auf einmal unheimlich, so allein, so verlassen zu sein
mit dem mahnenden Gewissen, das ihr ihre Schuld immer
wieder unbarmherzig vorhielt, war unerträglich. Wenn sie
Leo jetzt schriebe? Sie ergriff diese Idee wie eine Rettung
und gab sich sofort daran. Aber sie konnte keinen klaren
Gedanken fassen, und die Feder zitterte in ihrer Hand.
Schließlich zerriß sie den angefangenen Brief.
</p>

<p>
Wenn nur erst die Nacht vorbei wäre! Was sollte sie
<pb n='242'/><anchor id='Pgp0242'/>nur beginnen bis zum Morgen? Jetzt war es erst wenig
über zwölf Uhr, sie mußte also noch lange warten, bis der
heiß ersehnte Tag erschien. Sie nahm ein Buch und fing
an zu lesen, aber die Buchstaben flimmerten ihr vor den
Augen, und sie hatte im nächsten Augenblick das Gelesene
schon wieder vergessen. Gab es denn kein Mittel, ihren
unruhigen Geist zu beschwichtigen, ihren Gedankenlauf zu
hemmen? Nochmals nahm sie zur Feder ihre Zuflucht und
schrieb an Nellie, der sie alles erzählte, was sie in diesen
stillen Stunden dachte und empfand. Das erleichterte ihr
stürmisch pochendes Herz, und als sie mit Schreiben aufhörte,
war sie ruhig geworden, eine wohltuende Müdigkeit
Überkam sie endlich. Sie begab sich zur Ruhe und bald
umgaukelten sie rosige Träume.
</p>

<p>
Erquickt wachte sie am andern Morgen auf, und die
Ungeduld ließ sie keine Minute länger im Bett. Draußen
lag noch graue Dämmerung, als Ilse, nachdem sie sich angekleidet
hatte, die Gardinen zurückzog und in den beschneiten
Garten hinunterschaute, der sich bis zu dem unmittelbar
daran stoßenden Walde hinzog und nur durch eine eiserne
Pforte von diesem getrennt war. So still und friedlich lag
die Natur in ihrem Winterschlaf da, so verzaubert und
schweigsam, nichts erinnerte mehr an die Zeit, als sie üppiges
Leben war, die grünen Wipfel geheimnisvoll rauschten,
Blumen und Blüten ihre Düfte aushauchten und melodische
Vogelstimmen diese Herrlichkeit jubelnd besangen. Da war
es schön im Walde gewesen, und ein junges, glückliches
Menschenpaar war oft mit Büchern und Hängematte nach
dem verborgensten, lauschigsten Fleckchen hinausgewandert,
wo sich unter ihren Füßen ein samtweicher Moosteppich
ausbreitete und die leise schaukelnden Zweige der alten Buchen
ihnen Kühlung zufächelten. Dort befestigte der junge Mann
die Hängematte, und wenn seine Begleiterin es sich darin
bequem gemacht hatte, dann legte er sich in das schwellende
<pb n='243'/><anchor id='Pgp0243'/>Moos, und den beiden verflogen unter Plaudern und Lesen
die Stunden wie Minuten. Niemand störte sie in der Einsamkeit,
die breiten Äste über ihnen spendeten herrlichen
Schatten, und das Auge erlabte sich an dem köstlichen Grün.
</p>

<p>
Versunken in diese Erinnerung starrte Ilse hinaus, bis
der Anblick des hohen Schnees, der jetzt auf den Zweigen
lastete, sie in die Wirklichkeit zurückführte. Es kam ihr vor,
als wäre es eine andre gewesen, welche dort mit Leo
so glücklich war, als hätte sie selbst dies nie erlebt. Ob
solche Erinnerungen wohl auch an seinem Geist vorüberzogen,
oder ob er die Vergangenheit aus seinem Gedächtnis verbannt
hatte? Jeder Platz, jeder Baum hier mahnte sie an die
frohen Stunden, die sie mit ihm verlebt hatte. Bei dem
Gedanken, daß eine solche Zeit vielleicht niemals wiederkäme,
daß sie fortan nur von diesen Erinnerungen zehren müßte,
fühlte sie ihr Blut in den Adern erstarren.
</p>

<p>
Sie trat vom Fenster zurück und ging rastlos im Zimmer
auf und ab. Diese Angst, diese Zweifel konnte sie nicht
länger ertragen und sie beschloß deshalb, heute morgen sofort
mit den Eltern zu sprechen. War das nicht ihre Pflicht
und würden sie, welche ihr nur Liebe und Güte entgegenbrachten,
ihr nicht ratend und helfend zur Seite stehen?
</p>

<p>
Klopfenden Herzens verließ sie ihr Zimmer. Als sie
an der Kinderstube vorbeikam, hörte sie das Brüderchen laut
jauchzen. Der Kleine lag noch im Bettchen, als sie hereinkam,
und strampelte mit den dicken Beinchen in der Luft.
Sie küßte und liebkoste das Kind; wie lange hatte sie mit
dem lieben Schelm nicht mehr gespielt! Jetzt verstand er es
schon, wenn sie mit ihm scherzte, und sein herzliches Lachen
versetzte sie in Entzücken. Als Frau Anne hereintrat, war
sie nicht wenig erstaunt, Ilse schon vollständig angekleidet
zu finden.
</p>

<p>
„Du bist schon auf, Ilse?“ fragte sie verwundert, mit
einem herzlichen Kuß. „Eben schlich ich auf den Fußspitzen
<pb n='244'/><anchor id='Pgp0244'/>nach deinem Schlafzimmer, um zu horchen, und da alles
mäuschenstill war, dachte ich, du lägst noch im tiefsten
Schlummer und wollte dich nicht stören.“
</p>

<p>
Ilse umarmte sie stürmisch.
</p>

<p>
„Wie reizend und drollig ist das Kind geworden,“ rief
sie begeistert und einer plötzlichen Eingebung folgend fügte
sie hinzu: „Ach, liebste Mama, wie glücklich macht es mich,
daß ich wieder bei euch bin!“
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p244.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Frau Anne strich ihr zärtlich über das Haar, und in
ihren Augen funkelte es froh und siegesgewiß. Sie zog
Ilses Arm durch den ihrigen.
</p>

<p>
„Nun komm! Papa wird sich freuen, daß du schon
auf bist, er wartet mit großer Ungeduld auf dich.“
</p>

<p>
Bald saßen die drei am gemütlichen Kaffeetisch. Herr
Macket verwandte kein Auge von seinem Liebling, der nun
wieder leibhaftig vor ihm saß, den er so sehr entbehrt und
oft herbeigesehnt hatte. Ihn erfüllte ganz der eine Gedanke:
sie ist wieder da! Deshalb machte er sich auch keine
Sorgen, was nun weiter werden und wie das Verhältnis
zu Leo sich gestalten würde. In seiner unbefangenen Freude
<pb n='245'/><anchor id='Pgp0245'/>merkte er denn auch nicht, daß sich in Ilses ganzem Wesen
eine gewisse Aufgeregtheit zeigte, und daß ihre Augen einen
ängstlich fragenden Ausdruck hatten.
</p>

<p>
Frau Anne aber beobachtete desto schärfer, ihr entging
von alledem nichts, und sie bemerkte auch, daß ihr Töchterchen
jetzt einen harten Kampf in seinem Innern zu bestehen
hatte. Sie war deshalb so zuvorkommend und liebevoll
wie nur möglich, um ihr den so schweren Anfang zu erleichtern.
</p>

<p>
Ilse aß und trank mit großer Hast zur lebhaften Freude
des arglosen Vaters, dem ihr anscheinend so gesunder
Appetit sehr gefiel. Eigenhändig belegte er die Brötchen,
und lächelnd sah ihm Frau Anne zu, – sie wußte genau,
warum das Kind so eifrig dem Essen zusprach.
</p>

<p>
Schon einige Male hatte Ilse die Lippen zum Reden
geöffnet, und doch konnte sie sich immer noch nicht dazu
entschließen. Krampfhaft drehte sie kleine Brotkügelchen
zwischen ihren Fingern, – mein Gott, war es denn so
schwer, das auszusprechen, was ihr doch wie Feuer auf der
Seele brannte? Herr Macket war inzwischen aufgestanden
und hatte sich in aller Gemütlichkeit eine Zigarre angesteckt,
nun trat er zu ihr und legte zärtlich den Arm um ihren
Nacken.
</p>

<p>
„Kind,“ sagte er so recht aus tiefstem Herzensgrunde
froh, „es ist gut, daß du wieder da bist.“ Und als sie
aufblickend in die teuren Vateraugen sah, da sprang sie
empor und fiel ihm um den Hals.
</p>

<p>
„Liebe, einzige Eltern,“ dabei reichte sie Frau Anne
die Hand, „verzeiht mir, seid nicht mehr böse, ich will ja
alles wieder gut machen. Ich habe kindisch gehandelt, als
ich davonlief, ich weiß es wohl, er hatte ja recht, ich bin
im Unrecht, ach wüßte ich doch, ob er mich noch liebt, ob
er mir verzeiht!“
</p>

<p>
Sie hatte in fliegender Hast gesprochen, nun hielt sie
<pb n='246'/><anchor id='Pgp0246'/>mit einem riefen Atemzug inne, und es war, als wäre eine
Zentnerlast von ihrem Herzen genommen. Herr Macket
war bei den Selbstanklagen seines Lieblings ganz ängstlich
geworden; er hatte sie einigemale unterbrechen wollen mit
dem Ausruf: „Aber Kind, liebes Kind, wir sind dir doch
nicht böse, sage doch so etwas nicht.“ Fast erschrocken blickte
er sie an. Frau Anne aber zog sie gerührt an ihre Brust
und streichelte ihre heißen Wangen. Tränenfeucht glänzten
ihre Augen, und mit einem triumphierenden Ausdruck sah
sie ihren Mann an, denn dieser hatte es immer bestritten,
wenn sie behauptete, daß Ilse eines Tages zum Bewußtsein
kommen und zu ihrem Bräutigam zurückkehren würde.
</p>

<p>
„Nein, das wird sie nicht tun, ich kenne das Mädchen,“
hatte er dann geantwortet, „sie ist viel zu stolz dazu.“
</p>

<p>
Frau Anne schwieg dann lächelnd, sie wußte ja viel
besser, daß die Liebe über den Stolz siegen würde. Und
sie hatte recht gehabt, sie hatte die Seele der jungen,
trotzigen Braut besser durchschaut, als der in blinder Liebe
befangene Vater. Jetzt, als sie Ilse fest in ihren Armen
hielt und das heftig pochende Herz fühlte, war sie sicher,
daß sie diesmal für immer geheilt und bekehrt zurückgekommen
war, daß der Kampf, den Ilse in den letzten
Monaten überstanden, in ihr die ernste Liebe des Weibes
gereift hatte.
</p>

<p>
Nun war das Eis gebrochen, mit einem Male wurde
es Ilse so leicht, von Leo, von ihrer Flucht zu reden, traf
sie doch nicht der geringste Tadel von seiten der Eltern;
im Gegenteil, wenn sie sich ausschalt und Vorwürfe machte,
dann beruhigte die Mama, tröstete mit den zärtlichsten
Worten der Papa. Alles, alles beichtete sie, nur den Streit
mit Leo ließ sie unberührt und beteuerte nur immer wieder,
daß sie im Unrecht sei, und daß sie ganz wie ein unvernünftiges
Kind gehandelt habe.
</p>

<p>
Frau Anne hörte ihr voller Befriedigung zu, und in
<pb n='247'/><anchor id='Pgp0247'/>ihrem Innern dankte sie Nellie inbrünstig, indem sie deren
gutem Einfluß den größten Teil dieser Umwandlung zuschrieb.
Noch an demselben Tage gab sie diesen Gefühlen
in einem langen Dankesbriefe an die junge Frau Ausdruck.
</p>

<p>
Herr Mackets Groll gegen Leo, den er bis jetzt nicht
hatte überwinden können, schwand immer mehr, und er
mußte nun doch einsehen, daß nur die Widerspenstigkeit
seines Töchterchens an diesem Zerwürfnis schuld war.
</p>

<p>
„Und nun will ich gleich an Leo schreiben,“ sagte Ilse,
sich erhebend, „und ihn bitten, daß er morgen kommt,
daß wir ein vergnügtes Weihnachtsfest zusammen feiern
können.“
</p>

<p>
Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie unverrichteter
Sache zurück.
</p>

<p>
„Ich kann nicht schreiben, Mama,“ klagte sie, „es ist
mir nicht möglich. Was ich ihm zu sagen habe, das muß
mündlich geschehen. Was soll ich denn nur tun, ich weiß
es ja nicht; ach Gott, so rate mir doch, liebste Mama.“
</p>

<p>
Frau Anne schwieg und tat, als überhörte sie die
Frage; das Kind sollte von selbst den richtigen Weg einschlagen.
</p>

<p>
Sinnend und etwas ungeduldig blickte Ilse vor sich hin.
</p>

<p>
„Mama,“ begann sie wieder, „wissen denn Leos Eltern,
was zwischen uns vorgefallen ist?“ Sie seufzte bei dieser
Frage, denn der Gedanke, daß sie auch ihnen eine Aufklärung
geben müßte, war ihr höchst peinlich.
</p>

<p>
„Beruhige dich, Ilse,“ tröstete sie Frau Anne, „Gontraus
wissen nichts. Leo hat ihnen keinesfalls etwas verraten,
und ich habe – oft allerdings durch recht diplomatische
Künste – mich bemüht, alles zu verheimlichen. Da sie
ganz ahnungslos sind, so werden sie auch nichts bemerkt
haben. Wegen deiner angeblichen Schreibfaulheit mußt du
dich aber gründlich bei ihnen entschuldigen, denn sie klagten
öfters darüber, daß sie noch gar keinen Brief von dir
<pb n='248'/><anchor id='Pgp0248'/>hätten. Ich habe dein Schweigen, so gut es ging, beschönigt.“
</p>

<p>
„Du liebe, einzig gute Mama!“ unterbrach sie hier
Ilse, der bei diesen Worten ein Stein vom Herzen fiel,
indem sie Frau Anne mit beiden Armen umschlang, „ich
verdiene deine Güte ja gar nicht. Warum muß denn auch
gerade ich einen so unglückseligen Charakter besitzen? Wie
schwer habe ich schon darunter leiden müssen, wie viele
bittere Stunden habe ich andern dadurch bereitet! Siehst
du ich bin wütend auf mich, ich weiß genau, was für ein
stöckisches Wesen ich bin, und darum wird mich Leo auch
nicht mehr lieb haben, ganz gewiß nicht.“
</p>

<p>
Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch stürzten ihr die
hellen Tränen aus den Augen.
</p>

<p>
„Ilse,“ sagte Frau Anne sanft aber bestimmt, „ich
dachte, du wärest ein vernünftiges Kind geworden, und
nun kommt doch wieder das tolle Köpfchen zum Vorschein.“
</p>

<p>
„Ach, Mama, kein Mensch weiß, welche Vorwürfe
mich gequält haben, und wie ich bereue, was ich getan.
Leo glaubt das gewiß nicht, und wenn ich es ihm auch sage,
wird er sich nicht überzeugen lassen.“
</p>

<p>
„Ilse, Ilse,“ erwiderte Frau Anne kopfschüttelnd, „so
darfst du nicht sprechen. Ich weiß, wie tief Leo unter den
jetzigen Verhältnissen leidet. Wenn er dich nicht wahrhaft
liebte, würde er gleichgültiger sein.“
</p>

<p>
„Hat er mit dir über mich gesprochen, hat er dir alles
erzählt?“ fragte Ilse dringlich. „Hat er sich über mich
beklagt?“
</p>

<p>
„Er hat mir nicht mehr gesagt, als unumgänglich notwendig
war, und nicht das kleinste Wort des Tadels oder
der Klage ist über seine Lippen gekommen. Ilse, kennst
du ihn denn so wenig, daß du so etwas von ihm zu glauben
vermagst?“
</p>

<p>
Das junge Mädchen senkte beschämt das Haupt. Nein,
<pb n='249'/><anchor id='Pgp0249'/>sie hatte eine bessere Meinung von ihm und wußte selbst
nicht, warum sie so sprach.
</p>

<p>
„Ich habe den guten Gontraus auf ihren letzten Brief
noch nicht geantwortet,“ fuhr Frau Macket fort, „sie fragten
darin an, ob du zu Weihnachten bestimmt zurückkämst, dann
würden wir doch das Fest natürlich zusammen feiern. Ich
war etwas in Verlegenheit, was ich darauf erwidern sollte,
und habe deshalb bis jetzt geschwiegen, heute muß ich ihnen
aber schreiben, Ilse, – was soll ich ihnen für eine Antwort
geben?“
</p>

<p>
„Mama,“ sagte Ilse plötzlich, nachdem sie eine Weile
gedankenvoll vor sich hingeblickt hatte, „ich habe eine Idee;
ja, so geht es – so muß es gehen. Ich schreibe an Leos
Eltern, daß ich morgen früh mit euch käme, aber sie sollten
ihm davon nichts sagen, weil ich ihn überraschen wollte.“
</p>

<p>
Gott sei Dank, nun war ein Ausweg gefunden! Ihre
Augen leuchteten vor Freude über den glücklichen Einfall,
und sie war Feuer und Flamme.
</p>

<p>
„Herzensmama, so wird es gemacht, nicht wahr?“
schmeichelte sie, „und dann fahren wir morgen gleich nach
Tisch alle hierher zurück, und es wird hier beschert. Ich
will sofort schreiben.“
</p>

<p>
Dem Papa brauchte sie ihren Plan gar nicht erst mitzuteilen,
er war doch mit allem einverstanden, was sein
Liebling tat. Der Brief wurde denn auch sofort geschrieben
und unverzüglich nach dem Bahnhof gebracht, damit er
noch heute an seine Adresse gelangte.
</p>

<p>
Ilse war wie umgewandelt, die Ungeduld jagte sie
rastlos von einem Ort zum andern. Es gab ja auch noch
so viel zu tun für den folgenden Tag, und mit einem
wahren Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit.
</p>

<p>
Im großen Gartensaale stand die mächtige Tanne,
welche sie schmücken sollte. Die breiten Äste waren schon
dicht mit Watte belegt, auch Gold- und Silberfäden waren
<pb n='250'/><anchor id='Pgp0250'/>darüber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick von
Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen.
Wie heller Freudenschein lag es über seinem Gesicht, als er
sie so froh und geschäftig sah, und verstohlen blickte er sie
immer an. Das war wieder seine alte Ilse, sein lieber,
ausgelassener Wildfang, welchem Übermut und Frohsinn
aus den Augen blitzten.
</p>

<p>
Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grün des
Tannenbaumes, den ganzen Saal wollte sie mit Tannenzweigen
und Blattpflanzen geschmückt haben; die letzteren
mußte ihr der Gärtner aus dem Gewächshaus bringen.
Die Ecken sollten Lauben bilden, während an den Wänden
Guirlanden aus Tannenzweigen befestigt wurden.
</p>

<p>
Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit
prüfenden Augen und ordnete noch hier und da etwas an;
es war ihr immer noch nicht schön genug, schmückte sie doch
den Raum so festlich für ihn! Das beseligte sie, und ihr
Herz klopfte stürmisch bei dem Gedanken, daß sie morgen
mit ihm an dieser Stelle stehen würde, und daß dann alle
Zweifel und Qualen ein Ende haben sollten. Wie sehnte
sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie lange, lange hatte
sie diese entbehren müssen!
</p>

<p>
Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet
und das ganze Haus erfüllt von dem feinen, harzigen Geruch
der Tannennadeln, hatte doch Herr Macket in seiner
Herzensfreude noch mehrere Bäume bringen und in dem
Treppenhaus aufstellen lassen. „Es soll recht weihnachtlich
sein,“ sagte er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn
seine Frau lange nicht gesehen hatte.
</p>

<p>
Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt
dazu. Pünktlich um acht Uhr stand am andern Morgen
der Schlitten vor der Türe, und ungeduldig stampften die
Braunen den Boden. Frau Anne erklärte, zu Hause bleiben
zu wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und
an<pb n='251'/><anchor id='Pgp0251'/>zuordnen gab. Ilse hätte freilich sehr gern gehabt, wenn
sie mitgefahren wäre, denn an dem ruhigen, sicheren Wesen
der Mama würde ihr erregtes Herz einen festen Rückhalt
gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder
zaghaft würde! Aber – war denn das nötig, mußte sie
zu dem Schritt erst ermutigt werden, den sie doch mit
freudigem Herzen tat? Nein, nein!
</p>

<p>
Energisch drängte sie jeden solchen Gedanken zurück,
und mit klaren, strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu,
welche in der Pforte stehen geblieben war, um dem Schlitten
nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie Ilse zum Abschied
in die Arme geschlossen! Die zärtlichen Worte: „Nun sei
mein verständiges Mädchen und zage nicht,“ welche sie ihr
dabei zuflüsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren
nach. Frisch und rosig saß sie an der Seite ihres Vaters,
der alle Augenblicke fragte, ob sie es auch nicht fröre, und
immer wieder die Decke, welche er über sie gebreitet hatte,
fester und höher hinaufzog.
</p>

<p>
Sie wehrte ihm lachend. „Aber Papachen, mir ist ja
so warm, mich friert gar nicht; bald kann ich mich nicht
mehr rühren, so fest hast du mich eingewickelt.“
</p>

<p>
Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte
Gefährt mit Windeseile über die glatte Bahn, daß der
Schnee links und rechts zur Seite stob. Dazu klang das
lustige Schellengeläute so hell und silberrein, daß es sich
wie liebliche Musik anhörte.
</p>

<p>
Ilse lehnte sich weit zurück und schloß die Augen.
Klingling, klingling, schallte es immerfort in ihren Ohren,
und nun schien der helle Glockenklang auf einmal eine
dunklere Färbung anzunehmen, langsam und gemessen in
gleichmäßigen Schwingungen zu ertönen. Was war denn
das? Klang nicht so die Glocke von dem heimatlichen
Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste vor sich, das winterliche
Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn lichtes
<pb n='252'/><anchor id='Pgp0252'/>Frühlingsgrün. In den Wipfeln der alten Linden, welche
vor der Kirche standen, sangen die Vögel, und Blumenduft
strömte durch die geöffneten Fenster hinein. Drinnen tönte
die Orgel und begleitete die hellen Stimmen der Dorfkinder.
Alles war so feierlich, und da sah sie sich selbst im
langen weißen Gewande an der Seite ihres Leo zur Türe
hereinkommen. Um den festlich geschmückten Altar standen
die Eltern, Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer
harrte ihrer. –
</p>

<p>
Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre
Phantasie da vor ihren Augen aus? Und doch kehrten
ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem rosigen Zukunftsbilde.
</p>

<p>
„Bist wohl müde, Kind,“ fragte Herr Macket, weil sie
so lang stumm und mit geschlossenen Augen neben ihm gesessen
hatte. „Ja, die Fahrt ist lang und angreifend, sie
wird dir doch nicht zu viel werden, Mädel?“
</p>

<p>
Sorgsam prüfend schaute er ihr ins Gesicht.
</p>

<p>
„O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar
nicht müde, sondern überlegte mir nur etwas und schloß
deshalb die Augen.“ Sie mochte ihm nicht eingestehen,
daß sie wachend geträumt hatte.
</p>

<p>
Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine
Weile gerastet hatten, ging die Fahrt weiter.
</p>

<p>
„In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind
flott gelaufen,“ sagte Herr Macket und blickte mit Stolz
auf seine beiden Braunen.
</p>

<p>
Ilse klopfte das Herz hörbar, und ihre von der kalten
Winterluft geröteten Wangen färbten sich noch tiefer. Und
mochte ihr auch vor dem Augenblick des Wiedersehens
bangen, so erfaßte sie dennoch eine unsagbare Ungeduld bei
dem Gedanken, daß sie nur noch eine kurze Spanne Zeit,
nur noch Minuten von ihm trennten.
</p>

<p>
Die weiten Schneeflächen kamen ihr endlos vor, und
<pb n='253'/><anchor id='Pgp0253'/>sie hätte sich Flügel wünschen mögen, um schneller in seine
Arme zu eilen. Während sie bis jetzt ihren Träumen nachgehangen
hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und gesprächig,
scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, daß oft sein herzliches
Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine
blauen Augen unter den buschigen Brauen vor Freude
und Lust strahlten.
</p>

<p>
So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die
innere Unruhe besser bemeistern. Endlich sah sie ganz in
der Ferne, noch undeutlich und kaum zu erkennen, die
Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr
es ihre Glieder.
</p>

<p>
„Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!“ rief sie,
indem sie ihn am Arm faßte und mit dem Finger auf den
fernen Kirchturm zeigte.
</p>

<p>
Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der
angegebenen Richtung, dann legte er die Hand über die
Augen und beugte den Kopf nach vorn.
</p>

<p>
„Ich sehe noch nichts,“ sagte er schließlich.
</p>

<p>
„Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?“ Sie war
aufgestanden und starrte entzückt in die Ferne, als hätte
sich ein Wunder vor ihren Blicken aufgetan.
</p>

<p>
Er schüttelte den Kopf.
</p>

<p>
„Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen.
Krischan,“ wandte er sich an den hinter ihnen sitzenden
Kutscher, „siehst du den Turm von L. schon?“
</p>

<p>
„Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl
mit die Ogen der Liebe.“
</p>

<p>
Über diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten
Gesicht, während die beiden im Schlitten in ein helles Gelächter
ausbrachen.
</p>

<p>
Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben
noch in der Ferne verschwommenen Gegenstände tauchten
immer klarer auf. Jetzt war auch der Kirchturm deutlich
<pb n='254'/><anchor id='Pgp0254'/>sichtbar, und die beschneiten Dächer zeichneten sich scharf
vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das
Dorf ein, aber bei einem der ersten Häuser machten sie
Halt. Eine dicke goldene Traube, an einem weit vorragenden
eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als Gasthaus.
Ilse hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen, und
Herr Macket mußte den breiten Pelzkragen hinaufschlagen,
damit sie von den neugierigen Blicken, welche dem Schlitten
folgten, nicht erkannt würden. Hier sollte ausgespannt
werden, so war es mit den Schwiegereltern verabredet
worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie möchten Leo im
Hause festhalten.
</p>

<p>
Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwärmen
und eine Kleinigkeit zu genießen, lehnte Ilse entschieden
ab, denn so nahe dem ersehnten Ziel erschien es
ihr unmöglich, noch irgendwelche Verzögerung zu ertragen.
So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem
Gute, welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen
Tannenwald grenzte.
</p>

<p>
„Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen,“ sagte
Herr Macket. „Darf ich denn den verflixten Kragen noch
immer nicht herunterschlagen? Mir wird nämlich verteufelt
heiß in diesem Futteral.“
</p>

<p>
„Ach bitte, bitte, noch nicht,“ bat Ilse, die unter ihrem
Schleier fortwährend ängstliche Blicke nach rechts und links
warf, „siehst du, Herzensväterchen, es könnte uns doch
jemand begegnen, und wir sind ja gleich da.“
</p>

<p>
Herr Macket als ein gehorsamer Vater fügte sich und
stöhnte nur einige Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen
kleinen Seitenweg ein, der zwischen zwei Hecken durchführte
und nicht gebahnt war, so daß sie bis über die Knöchel in
den weichen Schnee einsanken.
</p>

<p>
„Hier können wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht.
Du bekommst ja ganz nasse Füße und wirst dich auf den
<pb n='255'/><anchor id='Pgp0255'/>Tod erkälten. Komm, wir wollen umkehren.“ Damit blieb
er stehen.
</p>

<p>
Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen
und hüpfte leicht und flink wie ein Reh davon. Sie sah
ja am Ausgang des Heckenweges ein großes, herrschaftliches
Haus, das Gontrau’sche, und sollte nun wieder umkehren?
Das war zu viel verlangt. Wohl oder übel mußte Herr
Macket ihr folgen, und wenn er auch etwas unwillig in
den Bart brummte, so brachte er es doch nicht über sich,
auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen großen Stiefeln
trat er in Ilses zierliche Fußstapfen; diese war ihm längst
vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen
Tür, welche den parkartigen Garten hinter dem Hause
abschloß.
</p>

<p>
„Bist mir doch nicht böse, Papachen?“ fragte sie ihn
mit schelmischer Zärtlichkeit, und da konnte er natürlich nicht
widerstehen.
</p>

<p>
Der fürsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen,
und auf besserem Wege als vorher schritten sie nun den
Garten entlang und schlichen zu einer Hintertüre in das
Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefaßt und
eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte
Angst ausgestanden, sie könnte von Leo gesehen werden, daß
sie jetzt, nachdem diese Gefahr vorüber war, erst einen
Augenblick stehen bleiben mußte, um Atem zu schöpfen.
</p>

<p>
Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau’sche Ehepaar
mit offenen Armen entgegen. Ilse war tief beschämt
über all die Liebe und Herzlichkeit, mit welcher die Schwiegereltern
sie empfingen; dieselben waren vollständig unbefangen
und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt
zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie führten ihren
Besuch in ein behaglich erwärmtes Zimmer, und während
Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und Hut abnahm, half
seine Frau dem Schwiegertöchterchen beim Ablegen und
<pb n='256'/><anchor id='Pgp0256'/>blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften
braunen Augen. Zärtlich strich sie ihr die wirren
Haare aus der Stirn und streichelte ihr die Wangen. Auch
Herr Gontrau betrachtete sich die Braut seines Sohnes mit
großem Wohlgefallen.
</p>

<p>
„Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen,“ sagte er,
indem er sie an sich zog, „und wie wohl du aussiehst, du
blühst ja wie eine Rose. Na, der Leo wird sich freuen,
er hat keine Ahnung von der Überraschung, die ihm bevorsteht.“
</p>

<p>
„Ach ja,“ meinte Frau Gontrau, „ich freue mich auch,
der arme Junge hat in der letzten Zeit so viel zu tun gehabt,
daß er ganz ernst und blaß geworden ist.“
</p>

<p>
Ilse errötete und wandte sich ab.
</p>

<p>
„Wo ist Leo?“ fragte sie leise. „Ich möchte ihn doch
gern gleich sehen.“
</p>

<p>
„Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind,“ sagte
Frau Gontrau. „Nun, du weißt ja Bescheid; ich war eben
noch bei ihm, um zu verhüten, daß er sich entfernte.“
</p>

<p>
„Ich gehe zu ihm,“ sagte Ilse und verließ das Zimmer.
</p>

<p>
Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor
seiner Türe stand, hielt sie inne und legte die Hand beschwichtigend
auf ihr Herz, das ihr zum Zerspringen klopfte.
Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur Versöhnung
zu reichen. Ein Gefühl der Demütigung wollte
noch einmal in ihr aufwallen, aber sie unterdrückte es, denn
sie hatte sich vorgenommen, oft und fest vorgenommen, ihm
mit keinem andern Gedanken, als dem der aufrichtigsten
Reue entgegenzutreten.
</p>

<p>
Und als sie immer noch zögerte, erschien ihr Lucies
Bild vor den Augen und blickte sie flehend an. Sie legte
die Hand auf die Klinke, drückte sie sanft nieder und befand
sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur durch
eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den
<pb n='257'/><anchor id='Pgp0257'/>Fußspitzen schlich Ilse näher, schob den Vorhang auseinander
und konnte nun das ganze Zimmer übersehen.
</p>
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<figure url="images/illu_p257.png" rend="w100">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p>
Dort saß er an seinem Schreibtisch, tief über seine
Arbeit gebeugt und eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich
stehen, wie um sich zu sammeln, und sah unverwandt auf
die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wüßte, wer so dicht
hinter ihm stand! Sie meinte, er müßte ihre Nähe fühlen,
aber ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf
zur Seite wandte, um in einem Buche nachzuschlagen, konnte
sie sein Gesicht sehen, und – täuschte sie sich, oder war es
<pb n='258'/><anchor id='Pgp0258'/>wirklich so? – er schien ihr um Jahre gealtert. Seine
Wangen waren blaß, die Augen hatten tiefe Schatten, und
um seinen Mund lagerte ein müder, schmerzlicher Zug.
</p>

<p>
So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll
und frisch gekannt hatte. Die Tränen schossen ihr in die
Augen, und sie mußte an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen.
Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück, und sie
konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch
stand; ein grüner Tannenzweig schmückte dasselbe.
Leise, wie magnetisch angezogen, schlich sie näher. Jetzt
nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es mit
liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht
etwas verdeckte, schob er zurück, damit er ungehindert in
das geliebte Antlitz schauen konnte. Er dachte ihrer also
noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe. Ohne daß sie es
wollte, tönte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das
Bild entfiel seiner Hand, mit einem jähen Ruck stieß er
den Stuhl zurück und drehte sich um. Als sähe er einen
Geist vor sich, so starrten die dunklen Augen in dem
blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat näher und rief noch
einmal: „Leo.“
</p>

<p>
Da löste sich der Bann, der ihn befangen hatte.
</p>

<p>
„Ilse, du – du, bist du es wirklich?“ stieß er hervor,
und als sie die Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest
an sich und drückte ihren Kopf mit beiden Händen an
sein Herz.
</p>

<p>
„Vergib mir, Leo!“ flüsterte sie unter Tränen.
</p>

<p>
Statt aller Antwort schloß er ihr den Mund mit
leidenschaftlichen Küssen, gab ihr die zärtlichsten Schmeichelnamen.
Und diesem Manne hatte sie Mißtrauen entgegengebracht,
an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In törichtem
Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke,
daß er sich hätte von ihr wenden können, erfüllte
sie jetzt noch mit Schrecken.
</p>

<pb n='259'/><anchor id='Pgp0259'/>

<p>
Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren
beide nicht fähig, zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen
und besiegelten innerlich von neuem den geschlossenen
Bund. Sie hatten das Gefühl, daß sie jetzt für
immer zusammengehörten, daß nichts sie je wieder trennen
könnte. Es war Ilse, als träumte sie, und sie dürfte
sich nicht rühren, um den schönen Traum nicht zu verscheuchen.
</p>

<p>
Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in
Hand zusammensaßen, da konnten sie kein Ende finden, bis
schließlich Frau Gontrau kam und schüchtern fragte, ob das
liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen wolle.
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<p>
Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien
am heiligen Abend im Macketschen Hause lauter frohe, vergnügte
Gesichter. Es ging ein Knistern durch die Zweige
und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der
Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben
wollte.
</p>

<p>
Frau Anne hatte den Kleinen auf dem Arm, welcher
jauchzend seine beiden Händchen nach dem Lichterbaum ausstreckte.
Herr Macket stand daneben und neckte seinen
Jungen, denn er war ganz übermütig heute. Das Kind
mußte alle seine Kunststückchen zeigen, so daß Gontraus ganz
entzückt waren von dem reizenden kleinen Kerl.
</p>

<p>
„Jetzt muß aber mein Schatz zu Bett gehen,“ entschied
endlich Frau Anne, welche bemerkte, daß die Lebhaftigkeit
des Kindes durch den Beifall der Umstehenden sich immer
mehr steigerte. Der mütterliche Befehl schien aber dem
kleinen Mann durchaus nicht angenehm zu sein, denn er
zog ein Schüppchen und in seinen Mundwinkeln zuckte es
verdächtig. Aber die Mama machte kurzen Prozeß mit ihm.
</p>

<pb n='260'/><anchor id='Pgp0260'/>

<p>
„Nun gib dein Händchen und sage gute Nacht,“ gebot
sie energisch.
</p>

<p>
Er gehorchte und reichte allen die Hand.
</p>

<p>
„So nun mußt du noch Ilse und Onkel Leo gute
Nacht sagen.“ –
</p>

<p>
Die beiden hatten sich in eine der grünen Pflanzen-Nischen
zurückgezogen; aus ihren Augen glänzte Glück und
Seligkeit. Ilse hatte so viel zu erzählen, wie sie zuerst
seiner nur im Groll gedacht, wie sie aber nach und nach
einsehen gelernt hatte, daß wahre, echte Liebe sich auch zu
fügen weiß. Und wie reizend Frau Nellie sei, ein wie
furchtbares Schicksal die arme Flora betroffen habe, wie
klug und interessant Orla wäre, der gegenüber sie sich
immer klein und erbärmlich vorgekommen sei, – das alles,
und noch vieles andre, berichtete sie ihm auf das ausführlichste.
</p>

<p>
„Schatz, es ist, als hätten wir uns erst heute verlobt,
als hätten sich erst jetzt unsre Herzen für immer gefunden,“
sagte er.
</p>

<p>
„Für immer!“ wiederholte sie mit Betonung, und ihre
Augen sahen mit dem Ausdruck der innigsten Liebe zu ihm
empor. „Nicht wahr, Leo, du hast nun alles vergessen und
liebst mich noch wie früher?“
</p>

<p>
„Mehr als je,“ gab er ihr zärtlich zur Antwort.
</p>

<p>
Sie lehnte an seiner Brust, und beide schauten in den
flimmernden, duftenden Tannenbaum. Freundliche Bilder
der Zukunft stiegen vor ihnen auf, sie träumten sich in ihr
eigen Heim, und wie sie am nächsten Weihnachtsabend sich
ihren eigenen Baum anzünden würden!
</p>

<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>

<pb n='261'/><anchor id='Pgp0261'/>

<p>
Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut,
den Ilse jetzt im bräutlichen Gewande am Arm ihres
Leo dahinschritt. Wolkenlos wölbte sich der Junihimmel
über ihnen, und goldner Sonnenglanz lag über der strahlenden
Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen,
um sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie
standen zu beiden Seiten des Weges, und als das Brautpaar
in der Kirchentüre verschwunden war, da strömten sie
hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen gefüllt.
</p>

<p>
Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte
sie binnen wenigen Minuten am Altar des Herrn dem geliebten
Mann für ewig Liebe und Treue schwören.
</p>

<p>
Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle
Sonnenschein, das leise Rauschen der Bäume und der
fröhliche Vogelgesang drangen herein, gerade so, wie sie es
Weihnachten im Schlitten geträumt hatte. Und jetzt erscholl
die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.
</p>

<p>
Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten
Augen schritt sie neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen
und Blumen festlich geschmückt war. Da standen die Eltern,
die Freunde und Verwandten. Orlas schönes Antlitz lachte
ihr entgegen, Andres neigte grüßend das Haupt, und Nellie,
die liebe, einzige, blickte wie verklärt zu ihr herüber. Der
Papa streckte ihr gerührt seine Hand entgegen, und Frau
Anne lächelte ihr unter Tränen zu. So viel Liebe, so viel
Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten, daß sie in
überwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie
nun angehörte für alle Zeit.
</p>

<p>
Die Orgel und der Gesang verstummten. „Die Liebe
höret nimmer auf,“ so begann der alte würdige Pastor seine
Rede. Er hatte Ilse getauft und konfirmiert, nun stand
sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr seinen Segen
geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste Freundschaft,
gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein,
<pb n='262'/><anchor id='Pgp0262'/>seine Rede war poetisch durchflochten mit den anmutigsten
Wendungen.
</p>

<p>
Herr Macket mußte sich einige Male verstohlen über die
Augen fahren; Frau Anne hatte ihre Hand in die seine
gelegt, auch sie war tief bewegt. Die Sturm- und Drangperiode
des jungen Paares zog noch einmal an ihrem
Geiste vorüber, und erleichtert holte sie Atem, daß sie
glücklich überwunden war und die beiden zusammen dort
am Altar standen. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl
schräg durch das Fenster über die einfach weiß getünchte
Wand, gerade auf das frische Myrtengrün in Ilses lockigem
Haar und beleuchtete den weißen Schleier, der lang bis
auf die kostbare Atlasschleppe herabfiel, daß er wie aus
Duft gewoben erschien. Wie liebreizend sah die junge Braut
aus! Voll Stolz und Glück blickte Frau Anne auf das
schöne Paar, und der Gedanke, daß heute die geliebte Tochter
für immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige
Wermutstropfen in dem Kelch der Freude. –
</p>

<p>
In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saßen
die Hochzeitsgäste noch an der geschmückten Tafel, als Ilse
sich bereits fortgeschlichen hatte, um das Brautgewand mit
dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen
am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften über
den blühenden Garten, die grünen Felder und den noch
frühlingsfrischen Wald, bis zu den fernen Hügeln, welche
die scheidende Sonne vergoldete. Die abendliche Stille in
der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages tat ihr
so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen
Zügen die erquickende Luft ein.
</p>

<p>
Das unbeschreibliche Gefühl der Seligkeit, des höchsten
Glückes, welches ihr den heutigen Tag zu dem schönsten
ihres Lebens machte, mußte jetzt vor dem Gedanken an den
Abschied zurückweichen. Sie wußte ja, wie schwer dem
Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr
<pb n='263'/><anchor id='Pgp0263'/>sehnen würde. Mehrmals mußte sie das Tuch an die Augen
führen, um die hervorquellenden Tränen zu trocknen. Aber
Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja glücklich und folgte
ihm gern. Das ernste, heilige Gefühl, daß sie nun sein
Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, „nur
der Tod sie schiede“, durchschauerte sie, die edelsten, besten
Vorsätze und Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.
</p>

<p>
Zwei Arme umschlangen sie plötzlich, und sich umwendend
sah sie in das Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in
die Höhe, und als er Tränen in ihren Augen schimmern
sah, zog er sie fester an sich und strich ihr liebkosend über
Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, daß er nicht
sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein
junges Weib festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht
hätten.
</p>

<p>
„Wir müssen fort mein Lieb,“ brach Leo endlich das
Schweigen, denn der Wagen war vorgefahren und die
Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt drang auch
Gläserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die
Musik fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewiß feierte man
nochmals das junge Paar und trank auf sein Wohl.
</p>

<p>
Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut
und Staubmantel.
</p>

<p>
„Es ist alles fertig,“ sagte sie, „ihr müßt fort Kinder.
Ich will es dem Papa sagen, nicht wahr?“
</p>

<p>
Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern
in ihrer Stimme verriet doch ihre innere Erregung. Sie
wollte hinausgehen, doch Ilse, hielt sie zurück und umschlang
ihren Hals.
</p>

<p>
„Liebe, einzige Mama, habe für alles, alles Dank, und
wenn ich dich oft kränkte, verzeihe mir.“
</p>

<p>
„Aber liebes Kind,“ fiel Frau Anne ein, „alles ist vergessen,
wir haben dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter.
Nun darfst du dich aber nicht aufregen, du mußt verständig
<pb n='264'/><anchor id='Pgp0264'/>sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen, nicht wahr,
liebes Herz?“
</p>

<p>
„Komm Schatz, komm,“ drängte Leo, den ein verständnisvoller
Blick von Frau Anne dazu trieb, den Abschied möglichst
zu verkürzen. Sie ließ die beiden allein und ging
in den Saal zurück, wo sie ihrem Mann verstohlen zuflüsterte,
daß der Wagen vor der Türe stehe. Das
heitere Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er stand
sofort auf.
</p>

<p>
Das Köpfchen seiner Ilse mit dem grauen Reisehut
nickte ihm schon aus dem Wagenfenster zu, als er aus der
Haustüre trat. Er stieg zu ihr ein und hielt sein Kind
lange in den Armen. Dabei preßte er ihren Kopf fest an
sein Herz, denn sie sollte die Tränen nicht sehen, die ihm
über die Wangen rollten. Krischan, der in seiner neuen
Livree steif und gerade auf dem Bock saß, sah mit ungeduldigen
Blicken bald auf die Uhr, bald von seinem hohen
Sitz herab auf den Wagenschlag, und schließlich wandte er
sich an Frau Macket mit den Worten:
</p>

<p>
„Nu is es aber die höchste Zeit, sonst verfehlt das
Freilein und der junge Herr am Ende den Zug.“
</p>

<p>
Er konnte sich noch nicht entschließen, von der „Frau
Assessor“ zu sprechen, für ihn war Ilse noch das „Freilein“.
</p>

<p>
Frau Macket zupfte ihren Mann am Ärmel. „Sie
müssen fort, lieber Richard,“ sagte sie leise.
</p>

<p>
Er stieg aus, die Türe flog zu, die Pferde zogen an,
und der Wagen rollte auf der Dorfstraße dahin, eine Staubwolke
aufwirbelnd. Herr und Frau Macket waren aus der
Pforte getreten und sahen ihm nach. Jetzt flatterte Ilses
Taschentuch als Abschiedsgruß noch einmal aus dem Fenster,
dann bog der Wagen um die Ecke und war den Blicken
entschwunden.
</p>

<p>
„Komm, lieber Mann, wir wollen wieder hineingehen,“
sagte Frau Anne.
</p>

<pb n='265'/><anchor id='Pgp0265'/>

<p>
„Nun ist sie fort,“ sprach er halblaut, wie im Traume.
</p>

<p>
„Sie ist glücklich,“ gab Frau Anne zur Antwort.
</p>

<p>
„Ja, sie ist glücklich,“ wiederholte er leise und ein heller
Freudenschein überflog sein von der Trennung schmerzlich
bewegtes Antlitz. Arm in Arm gingen die beiden in das
Haus zu ihren Gästen zurück.
</p>
<p>
<figure url="images/illu_p265.png" rend="w80">
    <figDesc>Illustration</figDesc>
</figure>
</p>
<p rend="margin-top: 2; font-size: small">
Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen
haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses
Bandes unter dem Titel „Aus Trotzkopfs Ehe“ in gleichen Verlag
erschienen ist.
</p>
        </body>
        <back>
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                <index index="toc"/><index index="pdf"/>
                <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
                
                <pgIf output="txt">
                    <then>
                      <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
                          einzelne Wörter aus 
                          fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet.</p>  
                    </then>
                    <else>
                      <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
                          einzelne Wörter aus
                          fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben).</p>  
                    </else>
                </pgIf>
                <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p>
                <list>
                    <item><ref target="corr035">Seite 35</ref>: „gegegeben“ geändert in „gegeben“</item>
                    <item><ref target="corr063">Seite 63</ref>: Punkt ergänzt hinter „treuherzig“</item>
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                    <item><ref target="corr081">Seite 81</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „Noch“</item>
                    <item><ref target="corr082">Seite 82</ref>: „den e“ geändert in „denke“</item>
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                    <item><ref target="corr139">Seite 139</ref>: „Sassuwisch“ geändert in „Sassuwitsch“</item>
                    <item><ref target="corr149">Seite 149</ref>: „wiederspenstig“ geändert in „widerspenstig“</item>
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                    <item><ref target="corr182">Seite 182</ref>: „klingte“ geändert in „klinkte“</item>
                    <item><ref target="corr196">Seite 196</ref>: Punkt ergänzt hinter „kam“</item>
                    <item><ref target="corr217">Seite 217</ref>: Anführungszeichen ergänzt vor „O“;
                        „unverholen“ geändert in <ref target="corr217a">„unverhohlen“</ref></item>
                    <item><ref target="corr227">Seite 227</ref>: überflüssiger Trennstrich entfernt hinter „gleich“</item>
                </list>
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